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Lebendig und begraben

Inhaltsübersicht

TEIL EINS

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

TEIL ZWEI

27. KAPITEL

28. KAPITEL

29. KAPITEL

30. KAPITEL

31. KAPITEL

32. KAPITEL

33. KAPITEL

34. KAPITEL

35. KAPITEL

36. KAPITEL

37. KAPITEL

38. KAPITEL

39. KAPITEL

40. KAPITEL

41. KAPITEL

42. KAPITEL

43. KAPITEL

44. KAPITEL

45. KAPITEL

46. KAPITEL

47. KAPITEL

48. KAPITEL

49. KAPITEL

50. KAPITEL

51. KAPITEL

52. KAPITEL

53. KAPITEL

54. KAPITEL

55. KAPITEL

56. KAPITEL

57. KAPITEL

58. KAPITEL

59. KAPITEL

60. KAPITEL

61. KAPITEL

62. KAPITEL

63. KAPITEL

64. KAPITEL

65. KAPITEL

66. KAPITEL

67. KAPITEL

68. KAPITEL

69. KAPITEL

70. KAPITEL

71. KAPITEL

72. KAPITEL

73. KAPITEL

74. KAPITEL

75. KAPITEL

76. KAPITEL

77. KAPITEL

78. KAPITEL

79. KAPITEL

TEIL DREI

80. KAPITEL

81. KAPITEL

82. KAPITEL

83. KAPITEL

84. KAPITEL

85. KAPITEL

86. KAPITEL

87. KAPITEL

88. KAPITEL

89. KAPITEL

90. KAPITEL

91. KAPITEL

92. KAPITEL

93. KAPITEL

94. KAPITEL

95. KAPITEL

96. KAPITEL

97. KAPITEL

98. KAPITEL

99. KAPITEL

100. KAPITEL

101. KAPITEL

102. KAPITEL

103. KAPITEL

104. KAPITEL

105. KAPITEL

106. KAPITEL

107. KAPITEL

108. KAPITEL

109. KAPITEL

110. KAPITEL

111. KAPITEL

112. KAPITEL

DANKSAGUNG

Es gibt Geheimnisse, die nicht gestatten, dass man sie ausspricht. Menschen sterben nachts in Betten, pressen die Hände gespenstischer Beichtväter, blicken ihnen Erbarmen suchend ins Auge … sterben mit verzweifelndem Herzen und gekrampfter Kehle, denn die entsetzlichen Geheimnisse, die nicht dulden, dass man sie enthüllt, erdrücken sie. Ach, hie und da nimmt das Gewissen der Menschen eine Last auf, die so entsetzlich ist in ihrer Schwere, dass sie nicht früher abgeworfen werden kann als im Grabe. Und so wird das innerste Wesen des Verbrechens nicht offenbart.

 

Edgar Allen Poe

TEIL EINS

1. KAPITEL

Wenn Gefängnisse so aussehen, dachte Alexa Marcus, könnte ich in einem leben. Auf Dauer, meine ich.

Sie stand mit ihrer besten Freundin, Taylor Armstrong, in der langen Schlange, die auf Einlass in Bostons angesagteste Bar wartete. Ins Slammer. Das war die Bar des Luxushotels Graybar, ein ehemaliges Gefängnis. Man hatte sogar die Gitterstäbe vor den Fenstern gelassen und die große zentrale Rotunde behalten, die von den eisernen, vergitterten Galerien gesäumt wurde.

Alexa musterte unauffällig die Gruppe Jungs unmittelbar hinter ihr; sie sahen aus wie Verbindungsstudenten vom MIT, die sich viel zu auffällig bemühten, cool zu wirken: Hemd über der Hose, billige Blazer, dieses ganze Zeug in ihren Haaren und der beißende Gestank ihres Deos. Zweifellos würden sie morgens um zwei nach Hause wanken, von der Brücke nach Cambridge runterkotzen und sich darüber beschweren, dass alle Mädchen im Slammer Zicken wären.

»Ich mag dieses rauchige Augen-Make-up«, meinte Taylor, während sie Alexas Gesicht betrachtete. »Siehst du? Es sieht fantastisch an dir aus!«

»Es hat mich fast eine Stunde gekostet«, gab Alexa zurück. Die falschen Wimpern, der schwarze Gel-Eyeliner und der schwarze Lidschatten … Sie sah ganz bestimmt wie eine Nutte aus, die von ihrem Zuhälter zusammengeschlagen worden war.

»Mich kostet das so etwa dreißig Sekunden«, erwiderte Taylor. »Aber jetzt sieh dich an … Du bist eine echt heiße Nummer und nicht mehr so eine Vorstadtschnepfe.«

»So spießig bin ich gar nicht«, protestierte Alexa. Sie warf einen kurzen Blick auf zwei dünne, europäisch wirkende Jungs, die rauchten und unablässig in ihre Handys quasselten. Süß, aber vielleicht schwul? »Immerhin … wohnt Dad in Manchester.« Fast hätte sie gesagt: »Ich wohne in Manchester«; aber das große, geräumige Haus, in dem sie aufgewachsen war, war für sie kein Heim mehr, nicht, seit ihr Dad Belinda, diese geldgierige Flugbegleiterin, geheiratet hatte. Alexa war seit vier Jahren nicht mehr für längere Zeit zu Hause gewesen, nicht mehr, seit sie nach Exeter gegangen war.

»Ja, klar, geschenkt«, meinte Taylor. Alexa registrierte den Unterton ihrer Freundin. Taylor musste einem immer unter die Nase reiben, dass sie selbst ein Großstadtkind war. Ihr Dad war US-Senator, und sie war in einem Stadthaus auf dem Beacon Hill aufgewachsen, direkt am Louisburg Square. Deshalb betrachtete sie sich als urban und hielt sich für cooler und gerissener als alle anderen. Außerdem hatte sie die drei letzten Jahre in der Rehabilitation verbracht, auf der Marston-Lee-Academy, dem »therapeutischen Internat« in Colorado, auf das der Senator sie geschickt hatte und das seine Schützlinge mit liebevoller Strenge erzog, damit sie wieder clean wurden.

Träum weiter, Cowboy!

Jedes Mal, wenn Taylor in den Ferien nach Boston zurückkam, hatte sie einen anderen ausgeflippten Look drauf. Letztes Jahr hatte sie ihr Haar pechschwarz gefärbt und Perlen hineingeflochten. Heute Nacht waren es hautenge, schillernd schwarze Leggins, das übergroße graue Gaze-T-Shirt über dem schwarzen Spitzen-BH und die nietenbeschlagenen Halbstiefel. Alexa dagegen war weniger abenteuerlustig und trug ihre schwarzen, hautengen Jeans und die braune Tory-Burch-Lederjacke über einem Tanktop. Okay, sie war nicht so avantgardistisch wie Taylor, aber spießig war sie deshalb auf gar keinen Fall!

»O mein Gott«, murmelte Alexa, als sich die Schlange unaufhaltsam dem Türsteher näherte.

»Entspann dich einfach, okay, Lucia?«, sagte Taylor.

»Lucia …?«, begann Alexa, als ihr einfiel, dass »Lucia« der Name auf ihrem falschen Ausweis war. Das heißt, eigentlich war es ein echter Ausweis, es war nur nicht ihrer. Sie war siebzehn, und Taylor war gerade achtzehn geworden. Alkohol gab es erst ab einundzwanzig, was irgendwie uncool war. Taylor hatte Alexas Ausweis einem älteren Mädchen abgekauft.

»Sieh dem Türsteher einfach in die Augen und bleib cool«, riet ihr Taylor. »Es wird alles glattgehen, du wirst sehen.«

 

Natürlich behielt Taylor recht.

Der Türsteher wollte nicht mal ihre Ausweise sehen. Nachdem sie die Hotellobby betreten hatten, folgte Alexa Taylor zu den altmodischen Aufzügen, über deren Türen noch Zeiger signalisierten, in welchem Stockwerk sich der Fahrgastkorb befand. Die Aufzugtüren öffneten sich, und eine eiserne Gittertür glitt rasselnd auf. Taylor trat mit ein paar anderen Leuten ein. Alexa zögerte, quetschte sich dann ebenfalls in den Aufzug und schüttelte sich. Meine Güte, sie hasste Aufzüge! Unmittelbar bevor sich die Gittertür schloss, sprang sie wieder heraus. »Ich nehme die Treppe!«, rief sie.

Sie trafen sich in der Bar im vierten Stock und eroberten zwei große, gemütlich aussehende Sessel. Eine Kellnerin in einem rückenfreien Top, das so dünn war, dass man die Blumentätowierung unter ihrer Achselhöhle sehen konnte, nahm ihre Bestellung auf: zwei Ketel-One-Wodkas mit Soda.

»Sieh dir die Mädchen auf der Bar an!«, schrie Taylor über die Musik hinweg. Models mit schwarzen, super knappen Ledershorts und schwarzen Lederwesten schlenderten auf dem Tresen herum, als wäre es ein Laufsteg.

Einer der MIT-Typen versuchte sie anzugraben, aber Taylor fertigte den Kerl ab. »Klar ruf ich dich an … wenn ich das nächste Mal Hilfe bei Differenzialrechnung benötige.«

Alexa spürte Taylors Blick auf sich.

»He, was ist los, Kleine? Seit wir hier sind, benimmst du dich, als wärst du deprimiert.«

»Mir geht’s gut.«

»Meinst du, du solltest vielleicht mal eine andere Medizin einwerfen?«

Alexa schüttelte den Kopf. »Dad benimmt sich einfach nur … Ich weiß nicht, irgendwie seltsam.«

»Erzähl mir mal was Neues.«

»Okay, aber jetzt ist er plötzlich vollkommen paranoid geworden. Er hat um das ganze Haus herum Überwachungskameras montieren lassen.«

»Na ja, er ist ja der reichste Kerl in Boston. Oder jedenfalls einer der reichsten …«

»Ich weiß, schon klar«, unterbrach Alexa sie. Sie wollte nichts davon hören. Sie hatte schon ihr ganzes Leben damit fertig werden müssen, dass sie ein reiches Kind war: Sie hatte sogar ihren wahren Reichtum herunterspielen müssen, damit ihre Freunde nicht eifersüchtig wurden. »Aber er arbeitet nicht in seinem normalen Kontrollfreak-Modus. Es wirkt eher so, als hätte er tatsächlich Schiss, dass etwas passiert.«

»Dann versuch doch mal, mit einem Vater zu leben, der ein beknackter Senator ist.«

Taylor wirkte plötzlich unbehaglich. Sie verdrehte die Augen und schüttelte abweisend den Kopf, während sie die mittlerweile umlagerte Bar betrachtete. »Ich brauche noch einen Drink«, sagte sie. Sie winkte die Kellnerin zu sich heran und bestellte einen Dirty Martini. »Was ist mit dir?«, erkundigte sie sich bei Alexa.

»Ich habe noch genug.« Alexa hasste Schnaps, vor allem Wodka. Und Gin war besonders eklig. Wie konnte jemand freiwillig dieses Zeug herunterkippen? Es war, als würde man Mundwasser saufen.

Alexas iPhone vibrierte. Sie nahm es heraus und las die SMS. Ein Freund auf irgendeiner Fete in Allston schrieb ihr, es wäre einfach großartig und sie sollte unbedingt vorbeikommen. Alexa lehnte ab. »O mein Gott, mein Gott!«, stieß sie dann hervor. »Habe ich dir das schon gezeigt?« Sie blätterte ihre iPhone-Applikationen durch, bis sie zu der kam, die sie gerade runtergeladen hatte, und startete sie. Dann hielt sie das iPhone an ihren Mund. Als sie hineinsprach, drangen ihre Worte schrill und verzerrt aus dem Lautsprecher. Sie klang wie A-Hörnchen oder B-Hörnchen. »He, Baby, hast du Lust, mit in mein Schlafzimmer zu kommen, dich auszuziehen und ein bisschen Potenzrechnung zu machen?«

Taylor quietschte vor Vergnügen. »Das ist ja vielleicht geil!« Sie wollte sich das Handy schnappen, aber Alexa hielt es von ihr weg, löschte den Bildschirm und sprach dann in der unheimlichen Stimme von Gollum aus Herr der Ringe: »Muss haben den Schatz!«

Taylor kreischte. Die beiden Mädchen lachten so sehr, dass ihnen die Tränen kamen. »Siehst du, jetzt fühlst du dich schon besser, richtig?«, erkundigte sich Taylor schließlich.

»Darf ich euch Gesellschaft leisten?«

Alexa blickte zu dem Mann hoch, der vor ihrem Tisch stand. Das war kein Verbindungsstudent. Im Gegenteil! Der Typ hier hatte dunkle Haare und braune Augen, Bartstoppeln und war absolut süß. Er trug ein schwarzes Hemd mit weißen Nadelstreifen, hatte eine schmale Taille und breite Schultern.

Alexa lächelte und errötete; sie konnte es nicht verhindern. Dann sah sie Taylor an.

»Kennen wir dich?«, wollte Taylor wissen.

»Noch nicht.« Der Bursche lächelte strahlend. Er war … schwer zu sagen, Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig. »Meine Freunde haben mich sitzen lassen. Sie sind zu einer Party im South End gegangen, auf die ich keine Lust hatte.« Er hatte einen leichten spanischen Akzent.

»Aber hier sind nur zwei Sessel«, erklärte Taylor.

Er drehte sich um, sagte etwas zu dem Pärchen neben sich und schob einen freien Sessel an ihren Tisch. Dann streckte er die Hand aus und begrüßte erst Taylor und danach Alexa mit Handschlag.

»Hi. Ich bin Lorenzo.«

2. KAPITEL

Die Damentoilette wartete mit Molton-Brown-Seife, Thai Vert und richtigen Handtüchern auf, die zu perfekten Quadraten gefaltet waren. Alexa frischte ihr Lipgloss auf, während Taylor ihr Augen-Make-up erneuerte.

»Er steht total auf dich«, erklärte Taylor.

»Wovon redest du?«

»Als wenn du das nicht wüsstest.« Taylor zog mit dem Kajalstift ihre Augen nach.

»Für wie alt hältst du ihn?«

»Keine Ahnung. Vielleicht in den Dreißigern?«

»In den Dreißigern? Der ist doch höchstens dreißig. Glaubst du, er weiß, dass wir erst …« In dem Moment betraten zwei andere Mädchen den Waschraum, und Alexa beendete ihre Frage nicht.

»Häng dich rein«, erklärte Taylor. »Das wird total cool. Ich verspreche es dir.«

 

Als es ihnen schließlich gelungen war, sich den Weg zu ihren Plätzen zurückzukämpfen, während die Musik der Black Eyed Peas so laut aus den Boxen dröhnte, dass Alexa die Ohren schmerzten, erwartete sie fast, dass Lorenzo verschwunden wäre.

Aber er lümmelte sich immer noch lässig auf seinem Sessel und nippte an seinem Wodka. Alexa griff nach ihrem Drink, einem Peartini, den sie auf Lorenzos Vorschlag hin bestellt hatte, und stellte überrascht fest, dass das Glas schon halb geleert war. Mann, dachte sie, ich hab echt einen in der Krone.

Lorenzo schenkte ihr wieder dieses wundervolle Lächeln. Seine Augen waren nicht einfach nur braun, wie ihr jetzt auffiel. Sie waren hellbraun. Tigeraugen, dachte sie. Sie besaß eine Tigeraugen-Halskette, die ihre Mutter ihr ein paar Monate vor ihrem Tod geschenkt hatte. Sie brachte es zwar nicht über sich, die Kette umzulegen, aber sie liebte es, die Steine zu betrachten.

»Wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet, Leute«, erklärte Taylor. »Ich muss wirklich los.«

»Taylor!«, protestierte Alexa.

»Was ist denn?«, erkundigte sich Lorenzo. »Bleib doch, bitte.«

»Das geht nicht«, erklärte Taylor. »Mein Dad wartet auf mich, bis ich nach Hause komme.« Mit einem verschwörerischen Funkeln in den Augen winkte Taylor den beiden zu und verschwand in der Menge.

Lorenzo setzte sich in ihren Sessel neben Alexa. »Ist schon okay. Erzähl mir etwas von dir, Lucia. Wieso habe ich dich hier noch nie vorher gesehen?«

Einen Moment kam sie nicht darauf, wer »Lucia« war.

 

Jetzt war sie wirklich betrunken.

Sie hatte das Gefühl, als würde sie über den Wolken schweben, mit Rihanna singen und wie ein Vollidiot grinsen, während Lorenzo etwas zu ihr sagte. Der Raum verschwamm ihr vor Augen. Es fiel ihr schwer, seine Stimme von denen der anderen zu unterscheiden, in dieser Kakophonie aus Hunderten geführter Gespräche; Wortfetzen, die wie Schichten aufeinanderlagen und von denen kein einziger Sinn ergab. Ihr Mund war trocken. Sie griff nach ihrem Glas Pellegrino und stieß es um. Sie lächelte verlegen und starrte den Wasserfleck mit offenem Mund an, verblüfft, dass das Glas nicht zerbrochen war. Dann grinste sie Lorenzo albern an, und er schenkte ihr wieder dieses spektakuläre Lächeln. Seine hellbraunen Augen waren weich und sexy. Er streckte die Hand aus und legte seine Serviette auf die Wasserpfütze, um sie aufzutupfen.

»Ich glaube, ich muss jetzt wirklich nach Hause«, sagte sie.

»Ich fahre dich«, bot er an.

Er warf zwei Zwanzig-Dollar-Noten auf den Tisch, stand auf und griff nach ihrer Hand. Sie wollte aufstehen, aber sie hatte das Gefühl, als wären Scharniere an ihren Knien, und diese Scharniere würden nicht funktionieren. Er nahm erneut ihre Hand und schlang seinen anderen Arm um ihre Taille, während er sie aus dem Sessel hob.

»Mein Wagen …«

»Du solltest nicht mehr fahren«, sagte er. »Ich fahre dich. Deinen Wagen kannst du morgen holen.«

»Aber …«

»He, das ist kein Problem. Komm schon, Lucia.« Er führte sie durch die Menschenmenge; seine Arme waren kräftig. Die Leute starrten sie höhnisch an, ihr Gelächter hallte laut, die Lichter waren gestreift wie ein Regenbogen und funkelten, als wäre sie unter Wasser und würde in den Himmel blicken. Alles war so weit weg.

 

Dann fühlte sie die angenehme, kühle Nachtluft auf ihrem Gesicht.

Sie hörte Verkehrslärm, Autos, Geräusche, die an ihr vorbeirauschten.

Sie lag auf dem Rücksitz eines fremden Wagens, die Wange auf das kalte, harte und rissige Leder gepresst. Der Wagen roch nach abgestandenem Zigarettenrauch und schalem Bier. Ein paar leere Flaschen rollten auf dem Wagenboden umher. Es war ein Porsche, dessen war sie sich ziemlich sicher, aber er war alt, ungepflegt und schmuddelig. Jedenfalls war es kein Auto, das ihrer Meinung nach zu Lorenzo passte.

»Weißt du, wie du dorthin kommst?« Sie versuchte diese Frage zu stellen, aber ihre Worte kamen kaum verständlich aus ihrem Mund.

Sie fühlte sich wie seekrank und hoffte, dass sie nicht auf den Rücksitz von Lorenzos Porsche kotzte. Das wäre wirklich eklig.

Aber, fragte sie sich, woher weiß er, wohin er fahren muss?

 

Auf einmal hörte sie, wie sich eine Wagentür öffnete und schloss. Der Motor war abgestellt worden. Warum hielt er schon so bald an?

Als sie die Augen öffnete, merkte sie, dass es dunkel war. Keine Straßenlaternen. Und auch kein Straßenlärm. In ihrem benebelten Hirn schrillten irgendwo, schwach und weit entfernt, die Alarmglocken. Wollte er sie etwa hier lassen? Wo waren sie überhaupt? Was hatte er vor?

Jemand näherte sich dem Porsche. Es war zu dunkel, als dass Alexa das Gesicht der Person hätte erkennen können. Sie sah nur die Umrisse einer großen und muskulösen Gestalt.

Die Tür wurde geöffnet, die Innenraumbeleuchtung flammte auf und erhellte das Gesicht des Mannes. Sein Kopf war vollkommen kahl rasiert; er hatte stechende blaue Augen und ein kantiges, stoppeliges Kinn. Er sah gut aus. Bis er lächelte und bräunliche, kleine Rattenzähne zeigte.

»Kommen Sie bitte mit«, sagte das Muskelpaket.

 

Alexa wachte auf dem Rücksitz eines großen, brandneuen SUV auf. Ein Escalade oder ein Navigator.

Es war warm im Wagen, fast heiß. Und es stank nach billigem Raumspray.

Sie warf einen Blick auf den Hinterkopf des Fahrers. Er hatte kurz geschorenes, schwarzes Haar. Aus dem Kragen seines Sweatshirts kroch ein seltsames Tattoo über seinen Nacken. Erst dachte sie: wütende Augen. Vielleicht ein Vogel?

»Was ist mit Lorenzo passiert?«, wollte sie fragen. Aber sie selbst konnte nicht erkennen, welche Laute da eigentlich über ihre Lippen kamen.

»Legen Sie sich hin und ruhen Sie sich aus, Alexa«, riet ihr der Mann. Er hatte einen Akzent, aber einen härteren, gutturaleren als Lorenzo.

Ausruhen war irgendwie eine gute Idee. Sie spürte, wie sie eindöste, doch im nächsten Moment begann ihr Herz rasend schnell zu schlagen, als hätte ihr Körper es bereits begriffen, lange bevor es zu ihrem Verstand durchgedrungen war.

Er kannte ihren Namen. Ihren richtigen Namen.

3. KAPITEL

»Folgendes«, erklärte der kleinwüchsige Kerl. »Ich weiß immer gern, mit wem ich Geschäfte mache.«

Ich nickte und lächelte.

Blödmann!

Würde Kleinwüchsigkeit von der modernen Medizin als das ernste psychische Problem anerkannt, das es zweifellos darstellte, würde in sämtlichen medizinischen Nachschlagewerken Philip Curtis’ Foto neben denen von Mussolini, Stalin, Attila dem Hunnenkönig und dem Schutzpatron aller kleinwüchsigen Tyrannen, Napoleon Bonaparte, stehen. Zugegeben, ich bin eins achtzig, aber ich kenne auch eine Menge großer Kerle mit der Kleinwüchsigen-Krankheit.

Philip Curtis war so klein und gedrungen, dass ich ihn vermutlich mit einer Hand hätte packen und durch das Fenster meines Büros hätte schleudern können. Mittlerweile war ich auch stark versucht, genau das zu tun. Er maß vielleicht zwei Fingerbreit über eins fünfzig, war vollkommen kahl und trug eine riesige Brille mit einem schwarzen Rahmen, von der er vermutlich annahm, sie würde ihm ein beeindruckendes Aussehen verleihen. Dabei wirkte er damit nur wie eine Schildkröte, die ihren Panzer verloren hatte und ziemlich genervt deswegen war.

Die Vintage Patek Philippe an seinem Handgelenk musste etwa sechzig Jahre alt sein. Was mir eine Menge über ihn verriet. Sie war das einzige wirklich Elegante an ihm und verkündete: »Altes Geld«. Diese Patek Philippe war ihm vermacht worden, vermutlich von seinem Vater.

»Ich habe Sie überprüft.« Er hob vielsagend die Brauen. »Ich habe meine verdammten Hausaufgaben gemacht. Ich muss schon sagen, Sie hinterlassen nicht viele Spuren.«

»Habe ich schon öfter gehört, ja.«

»Sie haben keine Website.«

»Ich brauche keine.«

»Sie sind nicht auf Facebook.«

»Mein Neffe ist auf Facebook. Genügt das?«

»Selbst bei Google taucht so gut wie nichts über Sie auf. Also habe ich mich umgehört, habe herumgefragt. Offenbar haben Sie eine ziemlich ungewöhnliche Geschichte. Waren in Yale, haben aber nie ein Examen gemacht. Und Sie haben ein paar Sommerpraktika bei McKinsey absolviert, hab ich recht?«

»Ich war jung. Ich wusste es nicht besser.«

Er lächelte wie ein Reptil. Ein kleines Reptil, okay. Ein Gecko? »Ich habe dort ebenfalls gearbeitet.«

»Ach. Und ich hatte gerade angefangen, Sie zu respektieren«, erwiderte ich.

»Eins kapiere ich nicht. Sie haben Yale verlassen und sind zur Army gegangen. Was sollte das? Jungs wie wir tun so was nicht.«

»Nach Yale gehen?«

Er schüttelte gereizt den Kopf. »Wissen Sie, ich dachte, der Name ›Heller‹ käme mir irgendwie bekannt vor. Ihr Dad ist Victor Heller, richtig?«

Ich zuckte mit den Schultern, als wollte ich sagen: »Bingo, erwischt.«

»Ihr Vater war eine echte Legende.«

»Ist.«

»Wie bitte?«

»Ist«, wiederholte ich. »Er lebt noch. Und sitzt seine zwanzig Jahre plus X im Knast ab.«

»Richtig, klar. Jedenfalls ist er am Ende leer ausgegangen, stimmt’s?«

»Behauptet er jedenfalls.« Mein Vater, Victor Heller, der sogenannte Dunkle Prinz der Wall Street, saß zurzeit eine achtundzwanzigjährige Gefängnisstrafe wegen Wertpapierbetruges ab. Ihn als »Legende« zu bezeichnen war die nette Variante.

»Ich habe Ihren Vater immer sehr bewundert. Er war ein echter Pionier. Allerdings vermute ich, dass etliche potenzielle Klienten es sich sehr genau überlegen, ob sie Sie engagieren, wenn sie hören, dass Sie Victor Hellers Sohn sind.«

»Vermuten Sie, hm?«

»Sie wissen, was ich meine, diese ganze …« Er stockte und kam dann vermutlich zu dem Schluss, dass er sich nicht weiter zu erklären brauchte. Er hatte bereits klargemacht, was er hatte sagen wollen.

Aber so leicht wollte ich ihn nicht vom Haken lassen. »Sie meinen, diese Geschichte mit ›Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm‹, ja? Oder: ›Wie der Vater, so der Sohn‹?«

»Ja, so ähnlich. Das würde sicher einige Leute stören, aber mich nicht. Tja, also … So wie ich das sehe, bedeutet das nämlich wahrscheinlich, dass Sie nicht allzu empfindlich sind, was gewisse … Grauzonen angeht.«

»Gewisse Grauzonen.«

»All dieses nervige Gesetzeszeug, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Ah, klar, kapiere.« Eine Weile beschäftigte ich mich damit, aus dem Fenster zu blicken. Was ich in letzter Zeit recht häufig tue. Ich mochte den Ausblick. Man konnte die ganze High Street hinab bis zum Ozean sehen. Die Promenade an der Rowes Wharf wurde von einem großen, italienischen Marmorbogen eingerahmt.

Ich war vor ein paar Monaten von Washington nach Boston gezogen und hatte mit viel Glück ein Büro in einem alten Backsteingebäude im Finanzviertel gefunden, einer umgebauten Bleirohrfabrik aus dem neunzehnten Jahrhundert. Von außen wirkte das Gebäude wie ein viktorianisches Armenhaus aus einem Roman von Charles Dickens. Das Innere jedoch mit seinen unverputzten Ziegelwänden, den hohen Bogenfenstern, den freiliegenden Rohren und den offenen Räumen ließ einen nicht vergessen, dass an diesem Ort tatsächlich einmal etwas hergestellt worden war. Und das gefiel mir. Es hatte so eine Steampunk-Aura. Die anderen Mieter waren Beratungsfirmen, ein Steuerberater und etliche kleine Immobilienmakler. Im Erdgeschoss befand sich ein »Exotisches Sushi-und-Tapas«-Restaurant, das in Konkurs gegangen war, und der Showroom von »Derderian – Edle Orientteppiche«.

Mein Büro hatte irgendeiner hochtrabenden Dot-Com-Firma gehört, die nichts produziert hatte, nicht einmal Geld. Sie hatte plötzlich pleite gemacht und musste deshalb früher aus ihrem Mietvertrag aussteigen, so dass ich einen netten Nachlass auf den Mietpreis bekam. Die Leute waren so überstürzt ausgezogen, dass sie sogar ihre schicken Glas- und Metallmöbel und einige sündhaft teure Bürostühle zurückgelassen hatten.

»Sie behaupten also, jemand aus Ihrem Vorstand lässt geschäftsschädigende Informationen über Ihre Firma durchsickern«, sagte ich, während ich mich langsam herumdrehte. »Und Sie wollen, dass wir – wie haben Sie es noch ausgedrückt? – ›das Leck stopfen‹. Richtig?«

»Ganz genau.«

Ich schenkte ihm mein bestes, verschwörerisches Grinsen. »Das bedeutet, Sie wollen, dass wir Telefone anzapfen und E-Mails überwachen.«

»He, Sie sind der Profi«, erwiderte er mit einem kurzen, schmierigen Zwinkern. »Ich würde Ihnen niemals vorschreiben, wie Sie Ihren Job zu erledigen haben.«

»Verstehe. Besser, Sie wissen nichts von den Einzelheiten, richtig? Wie wir unseren Hokuspokus veranstalten, hm?«

Er nickte. Ein kurzes, abgehacktes Rucken mit dem Kopf. »Glaubwürdige Dementis und dergleichen; Sie haben es kapiert.«

»Selbstverständlich. Und ganz offensichtlich wissen Sie auch, dass Sie mich da um etwas bitten, das im Grunde illegal ist.«

»Wir sind ja beide große Jungs«, erwiderte er.

Ich biss mir auf die Lippe. Einer von uns war erwachsen, allerdings.

In diesem Moment summte mein Telefon; es war die interne Leitung. Ich nahm den Hörer ab. »Ja?«

»Okay, Sie hatten recht.« Es war die rauchige Stimme meiner Assistentin und Computerspezialistin, Dorothy Duval. »Sein Name ist nicht Philip Curtis.«

»Selbstverständlich nicht.«

»Kein Grund, gleich überheblich zu werden.«

»Keineswegs«, erwiderte ich. »Es ist ein sehr lehrreicher Moment. Sie sollten mittlerweile wissen, dass es besser ist, mein Urteil nicht anzuzweifeln.«

»Ja, ja. Also gut, ich komme nicht weiter. Wenn Sie zufällig eine Idee haben, schenken Sie mir Erleuchtung, dann überprüfe ich sie.«

»Danke«, sagte ich und legte auf.

Der Mann, der nicht Philip Curtis war, hatte einen starken Chicago-Akzent. Wo auch immer er jetzt lebte, er war in Chicago erzogen worden. Und er hatte einen reichen Dad, was die vererbte Patek Philippe verkündete.

Dann war da noch der schwarze Gepäckaufkleber auf seinem Louis-Vuitton-Aktenkoffer. Es war der Rest einer abgerissenen Jet-Karte. Also leaste er einen Privatjet für ein paar Stunden im Jahr. Was bedeutete, er wollte unbedingt einen Privatjet haben, konnte sich aber keinen leisten.

In meinem Hinterkopf regte sich die schwache Erinnerung an etwas, das ich auf BizWire über Schwierigkeiten in einem Familienkonzern in Chicago gesehen hatte. »Wenn Sie mich bitte noch eine Minute entschuldigen?«, sagte ich. »Ich muss einen Brand löschen.« Ich tippte eine Nachricht an Dorothy ins Intranet und schickte sie ab.

Die Antwort kam kaum eine Minute später. Ein Artikel aus dem Wall Street Journal, den sie auf ProQuest gefunden hatte. Ich überflog ihn. Ich hatte wieder einmal richtig spekuliert. Diese ganze miese Geschichte hatte ich vor noch gar nicht allzu langer Zeit gehört.

Ich lehnte mich in meinem Schreibtischstuhl zurück. »Also, wir haben folgendes Problem«, sagte ich.

»Problem?«

»Ich bin an Ihrem Auftrag nicht interessiert.«

Verblüfft fuhr er herum und starrte mich an. »Was haben Sie gerade gesagt?«

»Wenn Sie Ihre Hausaufgaben wirklich gemacht hätten, wüssten Sie, dass ich nur Ermittlungen und Nachforschungen für private Klienten anstelle. Ich bin kein Privatdetektiv, ich zapfe keine Telefone an, und ich übernehme keine Scheidungsangelegenheiten. Und ich bin ganz bestimmt kein Familientherapeut.«

»Familien …?«

»Und das hier ist eindeutig eine Familienfehde, Sam.«

Kleine, runde, rote Flecken zeichneten sich auf seinen Wangen ab. »Ich habe Ihnen doch gesagt, ich heiße …«

»Ersparen Sie mir und sich die Mühe«, unterbrach ich ihn misslaunig. »Hier geht es nicht darum, ein Leck zu stopfen. Ihr Familienzwist ist nicht gerade ein Staatsgeheimnis. Sie sollten Daddys Firma übernehmen, bis er spitzgekriegt hat, dass Sie mit ein paar Kerlen von den privaten Beteiligungsgesellschaften geredet und geplant haben, Richter von der Börse zu nehmen und sich auszahlen zu lassen.«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie reden.«

Sein Vater, Jacob Richter, hatte sich von einem Parkplatzbesitzer in Chicago zum Gründer der weltweit größten Luxushotelkette hochgearbeitet. Über einhundert Fünf-Sterne-Hotels in vierzig Ländern, dazu zwei Kreuzfahrtlinien, Einkaufszentren, Bürogebäude und ein Haufen Immobilien. Ein Konzern mit einem geschätzten Wert von etwa zehn Milliarden Dollar.

»Also war Daddy verärgert«, fuhr ich fort, »hat Sie abserviert und die große Schwester an Ihrer Stelle zur Hauptgeschäftsführerin und rechtmäßigen Erbin ernannt. Das haben Sie nicht erwartet, oder? Sie haben sich immer für den sicheren Sieger gehalten. Aber das wollten Sie sich nicht gefallen lassen, stimmt’s? Da Sie Daddys gesamte dreckige Wäsche kennen, dachten Sie, Sie könnten einen seiner miesen Immobiliendeals mitschneiden, wie er irgendwem Schmier- und Bestechungsgelder anbietet, und sich so den Weg zurück an die Spitze des Konzerns erpressen. Ich nehme an, das nennt man ›schmutzig spielen und gewinnen‹, richtig?«

Sam Richters Gesicht war dunkelrot angelaufen, fast schon violett. Ein paar Venen auf seinem kahlen Schädel pulsierten so heftig, dass ich fürchtete, in Kürze einen Leichenbeschauer in mein Büro holen zu müssen. »Mit wem haben Sie geredet?«, wollte er wissen.

»Mit niemandem. Nur habe ich meine Hausaufgaben wirklich gemacht. Ich weiß nämlich auch ganz gern, mit wem ich Geschäfte mache. Und ich mag es überhaupt nicht, wenn man mich verarscht.«

Als Richter aufsprang, stieß er den Stuhl zurück, einen dieser teuren Humanscale-Bürostühle, die die Dot-Com-Leute dagelassen hatten. Er krachte auf den Boden und schlug eine sichtbare Delle in das alte Parkett. An der Tür blieb Richter noch einmal stehen. »Wissen Sie, für einen Kerl, dessen Vater wegen Aktienschwindels im Knast sitzt, benehmen Sie sich ganz schön arrogant.«

»Da haben Sie nicht ganz unrecht«, räumte ich ein. »Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe. Sie finden hoffentlich allein hinaus?« Hinter ihm stand Dorothy mit verschränkten Armen.

»Victor Heller war … der größte Abschaum der Erde!«, stieß er hervor.

»Ist«, korrigierte ich ihn.

4. KAPITEL

»Sie zapfen also keine Telefone an«, erklärte Dorothy, die mit nach wie vor verschränkten Armen in mein Büro stapfte.

Ich lächelte und zuckte die Achseln. »Ich vergesse immer wieder, dass Sie mithören. Irgendwann bringt mich das noch in Schwierigkeiten.« Unsere Vereinbarung beinhaltete, dass sie alle meine Klientengespräche mittels der IP-Videokamera, die in dem riesigen Bildschirm auf meinem Schreibtisch eingebaut war, verfolgte.

»Sie zapfen also keine Telefone an«, wiederholte sie und verzog die Lippen zu einem beinahe höhnischen Grinsen. »Soso.«

»Jedenfalls im Allgemeinen nicht«, erklärte ich.

»Also bitte!«, erwiderte sie. »Sie engagieren sogar Leute, die das machen!«

»Eben.«

»Was zum Teufel sollte das da eben eigentlich?«, fuhr sie mit einem giftigen Blick fort.

Dorothy und ich hatten bei Stoddard Associates in D. C. zusammengearbeitet, bevor ich nach Boston gezogen und sie einfach mitgenommen hatte. Sie war eigentlich kein Computergenie. Es gab ganz bestimmt fähigere Leute auf diesem Gebiet, aber Dorothy kannte das Feld der digitalen Spurensicherung in- und auswendig. Sie hatte neun Jahre lang bei der National Security Agency gearbeitet, und die heuern nicht gerade jeden X-Beliebigen an. Und so sehr sie ihre Arbeit dort auch verabscheut hatte, man hatte sie ausgezeichnet ausgebildet. Wichtiger war jedoch, dass niemand so hartnäckig war wie Dorothy. Sie gab einfach nicht auf. Und außerdem war niemand so loyal wie sie.

Obendrein war sie reizbar, geradeheraus und kein sonderlich guter Teamspieler, weshalb NSA und Dorothy Duval eine lausige Paarung abgaben. Noch eins der Dinge, die ich an ihr mochte: Sie hielt nie mit etwas hinter dem Berg. Sie liebte es, mich zu tadeln, mich vorzuführen und mich zu widerlegen, und ich genoss das selbst auch. Mit ihr war wirklich nicht gut Kirschen essen.

»Sie haben ja gehört, was ich gesagt habe. Ich mag keine Lügner.«

»Sie sollten darüber wegkommen! Wir brauchen Aufträge, und Sie haben in der Zeit hier mehr Jobs ausgeschlagen, als Sie angenommen haben.«

»Ich weiß Ihre Sorge zu schätzen«, gab ich zurück, »aber Sie brauchen sich über die Einkünfte der Firma nicht den Kopf zu zerbrechen. Ihr Gehalt ist garantiert.«

»Solange, bis Heller Associates bankrott gehen und Ihnen die laufenden Kosten über den Kopf wachsen, weil Sie kein Einkommen haben. Ich werde nicht kleinlaut vor Jay Stoddard zu Kreuze kriechen, und nach Washington ziehe ich auch nicht zurück.«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen.«

Ich hatte eng mit Dorothy zusammengearbeitet, fast schon intim eng, und doch wusste ich so gut wie nichts über ihr Privatleben. Sie sprach nie darüber, und ich stellte keine Fragen. Ich wusste nicht mal, ob sie Männer oder Frauen bevorzugte. Jeder hat das Recht auf seine Privatsphäre.

Sie war eine attraktive, hinreißende Frau mit kaffeefarbener Haut, schimmernden braunen Augen und einem anziehenden Lächeln. Sie kleidete sich stets elegant, obwohl sie das nicht hätte tun müssen, weil sie nur selten mit Klienten zusammenkam. Heute trug sie eine changierende, lilafarbene Seidenbluse, einen engen schwarzen Rock und hochhackige Schuhe. Ihr Haar war extrem kurz geschnitten, so kurz, dass ihr Kopf fast schon kahl wirkte. Bei den meisten Frauen hätte das etwas bizarr gewirkt, aber an ihr sah es irgendwie gut aus. An ihren Ohrläppchen baumelten türkisfarbene, emaillierte und frisbeegroße Kupferscheiben.

Dorothy war eine Ansammlung von Widersprüchen … noch etwas an ihr, das ich mochte. Zum Beispiel ging sie regelmäßig in die Kirche; sie war sogar in die AME Zions Church im South End eingetreten, noch bevor sie eine Wohnung gefunden hatte. Trotzdem war sie keine Kirchen-Lady. Eigentlich sogar das Gegenteil. Sie betrachtete ihren Glauben mit einem fast schon profanen Sinn für Humor. Sie hatte ein Schild an der Abtrennung ihres Büros befestigt, auf dem stand: JESUS LIEBT DICH – ALLE ANDEREN HALTEN DICH FÜR EIN ARSCHLOCH. Es hing direkt neben einem anderen Schild, auf dem stand: ICH LIEBE MARIAS KINDSVATER.

»Ich glaube, wir müssen regelmäßige Status-Update-Meetings abhalten, wie wir es bei Stoddard getan haben«, sagte sie. »Ich will den Entronics- und den Garrison-Fall noch einmal durchsprechen.«

»Ich brauche erst mal einen Kaffee«, erwiderte ich. »Und damit meine ich nicht diese Brühe, die Jillian zubereitet.«

Jillian Alperin war unsere neue Empfangsdame, Büromanagerin und zudem eine strikte Veganerin. Veganismus ist offenbar der paramilitärische Flügel des Vegetarismus. Sie hatte jede Menge Piercings, einschließlich einem an ihrer Lippe, und etliche Tattoos. Eines, das auf ihrer rechten Schulter, zeigte einen Schmetterling. Irgendwann einmal erhaschte ich einen Blick auf einen anderen Schmetterling, direkt über ihrem Steißbein.

Außerdem war sie eine fanatische Grüne, die sämtliche Plastik- und Styroporbecher aus dem Büro verbannt hatte. Alles musste organisch, ethisch, Freiland, aus fairem Handel und ohne Grausamkeit irgendwem gegenüber produziert sein. Der Kaffee, den sie für unsere Kaffeemaschine bestellte, war aus organischen, fair gehandelten, im Schatten angebauten, ethischen Bohnen, die mit umweltverträglichen Kultivierungsmethoden von einer kleinen Kooperative einheimischer Kaffeepflanzer in Chiapas, Mexico geerntet worden waren. Er kostete etwa so viel wie bolivianisches Kokain und wäre vermutlich selbst von dem Insassen einer Todeszelle ausgespuckt worden.

»Na, Sie sind ja wirklich wählerisch«, meinte Dorothy. »Gegenüber gibt es ein Starbucks.«

»Und ein Stück weiter die Straße runter gibt’s ein Dunkin’ Donuts«, erklärte ich.

»Das soll ja wohl kein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Ich bin nicht für den Kaffee zuständig.«

»Ich würde mich auch hüten, Sie darum zu bitten«, antwortete ich und stand auf.

Das Telefon bimmelte. Es war das gedämpfte Läuten der internen Leitung. Jillians Stimme ertönte aus der Gegensprechanlage. »Ein Marshall Marcus für Sie.«

»Der Marshall Marcus?«, warf Dorothy ein. »Der reichste Mann von Boston?«

Ich nickte.

»Lehnen Sie diesen Auftrag ab, Nick, und ich versohle Ihnen den Hintern.«

»Ich bezweifle, dass es sich um einen Job handelt«, erwiderte ich. »Wahrscheinlich ist es etwas Persönliches.« Ich nahm den Hörer ab. »Marshall. Lange her.«

»Nick«, antwortete er. »Ich brauche deine Hilfe. Alexa ist verschwunden.«

5. KAPITEL

Marshall Marcus lebte am North Shore, etwa vierzig Minuten von Boston entfernt, in der unglaublich pittoresken Stadt Manchester-by-the-Sea, einer Sommerfrische für die reichen Einwohner Bostons. Sein Haus war riesig und hübsch, eine großzügige Residenz aus Schindeln und Stein, die auf einem Hügel über der zerklüfteten Küste lag. Um das ganze Haus herum führte eine Veranda, und es gab so viele Zimmer, dass man sie nicht zählen konnte. Wahrscheinlich gab es sogar Räume, die nur die Zimmermädchen sahen. Marcus lebte dort mit seiner vierten Frau Belinda. Sein einziges Kind war seine Tochter Alexa. Sie besuchte ein Internat und würde schon bald auf ein College gehen, und nach dem, was sie mir einmal von ihrem häuslichen Leben erzählt hatte, würde sie sich anschließend auch nicht sonderlich oft zu Hause blicken lassen.

Selbst wenn man von der Straße abgebogen war und Marcus’ Haus in der Ferne bereits sehen konnte, brauchte man noch weitere zehn Minuten, bis man es erreichte. Man fuhr eine schmale, gewundene Küstenstraße entlang, an gewaltigen Cottages und bescheideneren Vorstadthäusern vorbei, die, in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auf kleinen Grundstücken errichtet, von Ostküsten-Bonzen aus altem Geldadel verkauft worden waren, weil deren Vermögen allmählich schwanden. Ein paar der großartigen alten Residenzen blieben zwar noch in den Händen des heruntergewirtschafteten Landadels, den Nachfahren der echten Bostoner; aber diese waren zum größten Teil verfallen. Die meisten der großen Anwesen hatten sich Hedgefond-Bosse und die Neo-Tycoons der Hightech-Branche unter den Nagel gerissen.

Marshall Marcus war der reichste dieser Neureichen, aber längst nicht der Neueste. Er war als armer Junge auf der Blue Hill Avenue in Mattapan aufgewachsen, in der alten jüdischen Arbeitersiedlung. Offenbar hatte seinem Onkel ein Spielcasino im Westen gehört, und Marshall hatte schon als Kind gelernt, wie man Black Jack spielte. Ebenso hatte er sehr früh begriffen, dass der Vorteil immer auf Seiten der Bank lag, also hatte er sich alle möglichen Arten von Kartenzähltricks ausgedacht. Er bekam ein volles Stipendium am MIT, wo er sich die Computersprache Fortran auf einem der alten, riesigen IBM-704-Rechner beibrachte, die so groß waren wie ein Bauernhof. Er ersann einen ausgesprochen clevereren Weg, Black Iron, wie sie diese ersten Computer nannten, dazu zu benutzen, seine Chancen beim Black Jack zu erhöhen.

Der Legende nach gewann er an einem einzigen Wochenende zehntausend Dollar in Reno. Er brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass er dieses Geld am besten waschen konnte, indem er es auf den Finanzmärkten einsetzte. Also eröffnete er mit seinem ersten verdienten Geld ein Börsenmaklerkonto und war bereits Millionär, als er seinen Abschluss machte. Er hatte zu der Zeit eine computergesteuerte Investmentmethode entwickelt, die auf komplizierten Rechenformeln basierte; dabei ging es um Optionsgeschäfte und Derivatehandel. Schließlich hatte er diesen gut gehüteten Algorithmus perfektioniert und damit einen Hedgefond gegründet, der ihn zu einem mehrfachen Milliardär machte.

Meine Mutter hatte jahrelang für ihn gearbeitet und einmal versucht, mir den Algorithmus zu erklären, aber ich hatte ihn nicht verstanden. Ich war nie gut in Mathematik. Mich interessierte an Marshall Marcus nur, dass er gut zu meiner Mutter war, als es uns wirklich dreckig ging.

Soll heißen, als wir nach Boston zogen, nachdem mein Vater verschwunden war – er hatte einen Tipp gekriegt, dass er verhaftet werden sollte, und hatte es vorgezogen, sich aus dem Staub zu machen –, besaßen wir weder Geld noch ein Dach über dem Kopf; wir hatten gar nichts. Wir mussten uns zu meiner Großmutter durchschlagen, Moms Mutter, die in Malden wohnte, außerhalb von Boston. Mom versuchte verzweifelt, Geld zu verdienen, und nahm einen Job als Büroleiterin bei Marshall Marcus an, einem Freund meines Vaters. Sie schuftete etliche Jahre für ihn und wurde schließlich seine persönliche Assistentin. Sie arbeitete gern für Marcus, und er behandelte sie immer gut. Außerdem bezahlte er ihr sehr viel Geld. Selbst nachdem sie in Rente gegangen war, schickte er ihr außerordentlich großzügige Weihnachtsgeschenke.

Obwohl er ein Freund meines Vaters gewesen war, mochte ich ihn sehr. Man konnte einfach nicht anders. Er war ausgesprochen umgänglich, freundlich und komisch, dazu ein Mann mit einem gesunden Appetit. Marcus liebte gutes Essen, guten Wein, gute Zigarren und Frauen und all das bis zum Exzess. Irgendetwas an diesem Kerl war einfach ungeheuer anziehend.

Fast alles an Marcus’ Haus sah aus wie bei meinem letzten Besuch: der Tennisplatz, der Swimmingpool in Olympia-Größe, von dem aus man auf den Ozean blicken konnte, und die Garage weiter unten am Hügel. Das einzig Neue war ein Wachhäuschen, das wirklich brandneu wirkte. Ein Schlagbaum versperrte die schmale Straße. Ein Wachmann trat aus dem Häuschen, ließ sich meinen Namen nennen und wollte sogar meinen Führerschein sehen.

Das überraschte mich. Marcus hatte trotz seines enormen Reichtums nie wie ein Gefangener gelebt, wie viele sehr reiche Leute das tun, in abgeschirmten Gemeinschaften, hinter hohen Zäunen und umringt von Leibwächtern. Ganz offensichtlich hatte sich etwas Entscheidendes verändert.

Nachdem der Wachmann mich durchgelassen hatte, fuhr ich die Zufahrt hinauf und parkte direkt vor dem Haus. Als ich ausstieg, sah ich mich um und bemerkte etliche Überwachungskameras, die unauffällig am Haus und überall im Gelände montiert waren.

Ich überquerte die breite Veranda und läutete. Nach einer Minute öffnete sich die Haustür, und Marshall Marcus kam heraus. Er streckte seine kurzen Arme aus, sein Gesicht leuchtete.

»Nickeleh!«, sagte er. Das war sein üblicher Kosename für mich. Er stieß die Fliegengittertür auf und umarmte mich. Marcus war noch fetter geworden und trug sein Haar anders. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er fast kahl gewesen, und hatte sein graues Resthaar bis auf den Kragen herabhängen lassen. Jetzt war sein Haar braun gefärbt, mit einer leicht orangefarbenen Nuance, und auf den ehemals kahlen Stellen auf wundersame Weise wieder nachgewachsen. Ich wusste nicht, ob er ein Toupet trug oder sehr gute Implantate hatte.

Er trug einen blauen Bademantel über einer Pyjamahose und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Er wirkte erschöpft.

Marcus ließ mich los, drückte mir kurz die Faust auf meine Brust und trat dann zurück, um mir ins Gesicht zu blicken. »Nun sieh dir das an … Jedes Mal, wenn ich dich treffe, siehst du besser aus. Dabei warst du schon attraktiv genug! Du wirst einfach nicht älter. Hast du einen Deal mit dem Teufel geschlossen, Nicky? Hängt irgendwo auf deinem Dachboden ein Porträt mit deinem hässlichen Alter Ego?«

»Ich lebe in der Stadt«, erwiderte ich. »Da gibt es keine Dachböden.«

Er lachte. »Du bist nicht verheiratet, hab ich recht?«

»Bis jetzt konnte ich das vermeiden.«

Er legte eine Handfläche auf meine Wange und gab mir eine liebevolle Ohrfeige. »Mit so einer Visage musst du dir wahrscheinlich die Mädchen mit einem Stock vom Leib halten.« Er versuchte vergeblich, gute Laune zu verbreiten, aber ich ließ mich davon nicht täuschen. Er legte mir seinen pummeligen Arm um die Taille, weil er nicht bis zu meinen Schultern kam. »Ich danke dir, dass du gekommen bist, Nickeleh, mein Freund. Ich danke dir.«

»Das ist doch selbstverständlich«, erwiderte ich.

»Neu?« Er deutete mit einem Nicken auf meinen Wagen.

»Ich habe ihn schon eine Weile.«

Ich fahre einen Landrover Defender 110, ein kastenförmiges Auto, das praktisch unzerstörbar ist. Die Fenster muss man von Hand hoch- und runterkurbeln, die Sitze sind steinhart. Der Wagen ist nicht sonderlich gemütlich, und es ist drinnen ziemlich laut, wenn man schneller fährt als dreißig Meilen pro Stunde. Aber es ist der beste Wagen, den ich je besessen habe.

»Ich liebe den Wagen. Ich habe während einer Safari in der Serengeti einen dieser Wagen gefahren. Zehn Tage lang. Annelise, Alexa und ich. Die Mädchen hassten Afrika natürlich. Haben sich die ganze Zeit über die Insekten beschwert, über den Gestank der Tiere und …« Marcus’ Lächeln erlosch unvermittelt, und seine Gesichtszüge schienen ihm zu entgleiten, als hätte es ihn ausgelaugt, die ganze Zeit die Fassade aufrechterhalten zu müssen. »Ach, Nick«, flüsterte er, während sich seine Miene vor Schmerz verzerrte. »Ich bin fast wahnsinnig vor Angst.«

6. KAPITEL

»Wann hast du das letzte Mal etwas von Alexa gehört?«, wollte ich wissen.

Wir saßen in dem einzigen Raum im Erdgeschoss, der den Eindruck machte, als würde er benutzt; der großen, L-förmigen Essküche, in der gemütliche Stühle standen, die mit weichen, cremefarbenen Schonbezügen bedeckt waren. Der Ausblick aus den Fenstern war spektakulär. Die stahlblauen Wogen von Cape Ann schlugen gegen die felsige Küste.

»Gestern Nacht ist sie nach Boston gefahren. Belinda hat sie erzählt, sie käme später zurück. Belinda nahm an, damit meinte sie gegen Mitternacht. Vielleicht ein Uhr, zwei Uhr morgens, falls sie sich gut amüsierte.«

»Wann war das? Wann hat sie das Haus verlassen?«

»Am frühen Abend, glaube ich. Ich war gerade auf dem Rückweg von der Arbeit.« Marcus’ Capital Management erstreckte sich über ein ganzes Stockwerk in einem der neuen Gebäude auf Rowes Wharf, das ich von einer Ecke meines eigenen Büros aus sehen konnte. Schon als Mom seine Assistentin war, hatte er lange gearbeitet, was er vermutlich immer noch tat. Er ließ sich jeden Morgen von einem Chauffeur nach Boston bringen, der ihn auch jeden Abend zurück nach Manchester chauffierte. »Als ich nach Hause gekommen bin, war Alexa bereits weg.«

»Was hat sie in Boston gemacht?«

Er seufzte, was fast mehr wie ein Stöhnen klang. »Ach, sie hat immer Party gemacht, die Kleine. Ist immer ausgegangen, in Discos oder wohin auch immer.«

Disco. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann ich dieses Wort das letzte Mal gehört hatte. »Ist sie selbst gefahren? Oder hat eine Freundin sie mitgenommen?«

»Sie ist selbst gefahren. Sie fährt sehr gern Auto. Sie hat an ihrem sechzehnten Geburtstag ihren Führerschein bekommen. Damals war sie gerade in Exeter, so dass ich an ihrer Stelle das Formular unterschreiben musste.«

»Hat sie eine Freundin getroffen? Oder einen Freund? Oder sonst jemand?«

»Ich glaube, sie hat eine Freundin getroffen. Bis jetzt geht Alexa nicht mit Jungs aus. Gott sei Dank. Noch nicht, meine ich. Jedenfalls, soweit ich weiß.«

Ich fragte mich, wie viel Alexa ihrem Vater wohl über ihr Privatleben verriet. Vermutlich nicht sonderlich viel. »Hat sie gesagt, wohin sie wollte?«

»Sie hat Belinda nur gesagt, dass sie sich mit jemandem treffen wollte.«

»Aber nicht mit einem Kerl.«

»Nein, kein Mann.« Er klang verärgert. »Freunde. Oder eine Freundin. Sie hat Belinda …« Marcus schüttelte den Kopf, und seine Wangen zitterten. Dann legte er eine Hand auf seine Augen, drückte sie fest und seufzte erneut tief auf.

»Wo ist Belinda?«, fragte ich nach ein paar Sekunden leise.

»Oben. Sie hat sich hingelegt«, erwiderte Marcus, der immer noch mit seiner fleischigen Hand seine Augen bedeckte. »Es geht ihr nicht gut. Sie nimmt sich das wirklich sehr zu Herzen, Nick. Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Sie ist am Boden zerstört und gibt sich selbst die Schuld.«

»Woran?«

»Weil sie Alexa erlaubt hat auszugehen oder weil sie nicht genug Fragen gestellt hat, keine Ahnung. Aber es ist nicht Belindas Schuld. Es ist nicht leicht, Stiefmutter zu sein. Jedes Mal, wenn sie es versucht, du weißt schon, wenn sie Regeln aufstellen will, beißt Alexa ihr fast den Kopf ab. Sie nennt sie das ›Stiefmonster‹. Es ist einfach nicht fair. Belinda kümmert sich um Alexa, als wäre es ihre eigene Tochter, wirklich. Sie liebt das Mädchen.«

Ich nickte und wartete eine halbe Minute. »Sehr wahrscheinlich hast du sie schon auf ihrem Handy angerufen«, meinte ich dann.

»Mindestens eine Million Mal. Ich habe sogar deine Mom angerufen. Ich dachte, es wäre vielleicht spät geworden und Alexa hätte nicht mehr fahren und uns auch nicht anrufen wollen. Und sich deshalb entschlossen, die Nacht bei Frankie zu verbringen. Sie liebt Francine.« Das Apartment meiner Mutter war in Newton, was erheblich näher an Boston lag als Manchester-by-the-Sea.

»Hast du einen triftigen Grund, anzunehmen, dass ihr irgendetwas zugestoßen sein könnte?«, erkundigte ich mich.

»Selbstverständlich ist ihr irgendetwas zugestoßen. Sie würde nicht einfach weglaufen, ohne es irgendjemandem zu erzählen!«

»Marshall«, sagte ich, »ich mache dir keine Vorwürfe, dass du Angst hast, weil du nicht weißt, was mit ihr los ist. Aber vergiss nicht, dass sie nicht zum ersten Mal so eine Szene abliefern würde.«

»Das liegt alles hinter ihr«, antwortete er. »Alexa ist jetzt ein gutes Kind. Das andere ist längst Vergangenheit.«

»Vielleicht«, räumte ich ein. »Vielleicht aber auch nicht.«

7. KAPITEL

Vor einigen Jahren war Alexa auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums Chestnut Hill entführt worden, direkt vor den Augen ihrer Mutter, Annelise, Marcus’ dritter Frau.

Man hatte ihr jedoch nichts angetan. Sie war herumgefahren worden, kreuz und quer, und ein paar Stunden später auf einem anderen Platz am gegenüberliegenden Ende der Stadt freigelassen worden. Sie behauptete steif und fest, man hätte sie nicht sexuell missbraucht, was eine Untersuchung durch einen Arzt dann auch bestätigte. Bedroht worden wäre sie ebenfalls nicht, hatte sie angegeben und erklärt, die Entführer hätten nicht einmal mit ihr gesprochen.

Also blieb die ganze Angelegenheit ein Mysterium. Hatten ihre Entführer Angst bekommen? Hatten sie ihre Meinung geändert? So etwas kam vor. Es war allgemein bekannt, dass Marcus sehr reich war; vielleicht war es ein missglückter Entführungsversuch gewesen, um Lösegeld zu erpressen. Das war jedenfalls meine Vermutung. Dann jedoch verließ Alexas Mutter Annelise ihren Mann. Sie sagte Marshall, dass sie es nicht ertragen könnte, weiter mit ihm zu leben. Möglicherweise hatte die Entführung ihrer Tochter diese Erkenntnis ausgelöst, nämlich wie angreifbar sie als Ehefrau eines so reichen Mannes wie Marcus war.

Aber wer weiß schon, was der wirkliche Grund gewesen ist. Jedenfalls ist sie letztes Jahr an Brustkrebs gestorben, also konnte man sie nicht mehr fragen. Alexa war danach jedoch wie ausgewechselt, und sie war schon vorher kein besonders einfaches, ausgeglichenes Kind gewesen. Jetzt wurde sie noch rebellischer, rauchte in der Schule, kam zu spät nach Hause und tat alles, was sie nur konnte, um in Schwierigkeiten zu geraten.

Eines Tages also, einige Monate nach diesem Vorfall, rief meine Mutter mich an; damals arbeitete ich noch in Washington, im Verteidigungsministerium. Sie bat mich, nach New Hampshire zu fahren und mich mit Alexa in Exeter zu unterhalten.

Ich spürte Alexa schließlich auf dem Spielfeld des Stadions auf und sah ihr eine Weile zu, wie sie Feldhockey spielte. Obwohl sie sich selbst nicht gerade für eine Sportskanone hielt, bewegte sie sich mit einer drahtigen Anmut. Und sie spielte mit ungeheurer Konzentration. Sie besaß die seltene Fähigkeit, vollkommen im Fluss des Spiels aufzugehen.

Nur reden konnte man nicht so einfach mit ihr, aber da ich Frankie Hellers Sohn war und sie meine Mutter abgöttisch liebte und ich nicht ihr Dad war, gelang es mir schließlich, zu ihr durchzudringen. Sie hatte den Schock über diese Entführung immer noch nicht verarbeitet. Ich sagte ihr, das wäre normal, und ich würde mir Sorgen um sie machen, wenn sie nicht so schreckliche Angst wegen dieser Sache hätte. Ich erklärte ihr auch, wie großartig ich es fände, dass sie so trotzig war.

Sie sah mich erst ungläubig, dann misstrauisch an. Was für eine Nummer zog ich da wohl mit ihr ab?

Ich versicherte ihr, es wäre mir ernst. Trotz war etwas Großartiges. Dadurch lernte man, sich zur Wehr zu setzen. Ich erklärte ihr, dass Furcht ein ungeheuer nützlicher Instinkt ist, weil er ein Warnsignal darstellt. Furcht sagt uns, dass wir uns in Gefahr befinden. Wir müssen auf sie hören, sie nützen. Ich schenkte ihr sogar ein Buch mit dem Titel »Die Gabe der Furcht«, obwohl ich bezweifle, dass sie es jemals gelesen hat.

Ich sagte ihr, sie wäre nicht nur ein Mädchen, sondern ein schönes und reiches Mädchen, was bedeutete, es gäbe drei Faktoren, die gegen sie sprächen. Ich brachte ihr bei, auf Gefahrensignale zu achten, und dann zeigte ich ihr einige grundlegende Selbstverteidigungstechniken, ein paar Griffe aus dem Kampfsport. Nichts Aufwendiges, aber für den Anfang genügte es. Nur gefiel es mir überhaupt nicht, den betrunkenen Exeter-Studenten spielen zu müssen, der versuchte, sie in die Enge zu treiben.

Also brachte ich sie zu einem Dojo außerhalb von Boston und gab ihr eine Einführung in die Bujinkan-Selbstverteidigungstechnik. Mir war klar, dass diese Disziplin ihr bestimmt sehr gut liegen würde, weil sie ihr Selbstbewusstsein stärkte und außerdem ein gesundes Ventil für die Aggressionen bot, die sich in ihr aufgestaut hatten. Immer wenn ich in Boston war und sie vom College nach Hause kam, trafen wir uns und übten. Nach einer Weile begannen wir sogar, uns zu unterhalten.

Allerdings war es nicht die Lösung, die ich mir erhofft hatte. Alexa machte weiter Dinge, von denen sie wusste, dass sie sie in Schwierigkeiten bringen würden; sie rauchte, sie trank, sie probierte fast alles aus. Marcus musste sie ein Jahr lang auf eine Art Besserungsanstalt schicken. Wer weiß schon, warum sie eine so schwierige Periode durchmachte? Vielleicht lag es tatsächlich an dem Trauma der Entführung. Genauso gut jedoch konnte es auch eine Reaktion darauf sein, dass ihre Mutter weggelaufen war.

Oder aber es lag einfach nur daran, dass sie ein Teenager war.

 

»Was sollen all diese Sicherheitsmaßnahmen?«, erkundigte ich mich. »Bei meinem letzten Besuch war das alles noch nicht installiert.«

Marcus zögerte ein paar Sekunden. »Die Zeiten haben sich geändert. Da draußen laufen immer mehr Verrückte herum. Und ich habe noch mehr Geld. Newsweek hat eine Geschichte über mich gebracht, ebenso wie Forbes, Fortune, das Kabelfernsehen … Ich meine, ich bin schließlich kein Mauerblümchen.«

»Hast du irgendwelche Drohungen bekommen?«

»Drohungen? Du meinst, ob jemand mir auf der Straße eine Knarre vor die Nase gehalten und gedroht hat, mir das Hirn wegzublasen? Nein. Aber ich habe auch nicht vor, darauf zu warten.«

»Also ist es nur eine Vorsichtsmaßnahme.«

»Und wenn schon! Hältst du es für falsch, wenn ich Vorsichtsmaßnahmen ergreife?«

»Natürlich nicht. Ich wollte nur wissen, ob du vielleicht eine spezielle Warnung bekommen hast, oder ob jemand bei dir eingebrochen ist. Ob irgendetwas passiert ist, das dich dazu gebracht hat, deine Sicherheitsmaßnahmen zu verschärfen.«

»Ich habe ihn dazu gebracht«, mischte sich eine weibliche Stimme ein.

Belinda Marcus hatte die Küche betreten. Sie war eine große, schlanke Blondine und unglaublich schön. Und dabei eiskalt. Sie war schätzungsweise um die vierzig, eine sehr gut erhaltene Vierzigerin. Eine Vierzigjährige, die regelmäßig Botox spritzte, Collagenfüllungen bekam und sich gelegentlich und im genau richtigen Moment diskret das Gesicht liften ließ. Eine Frau, die glaubte, »Arbeit« wäre etwas, was man beim Schönheitschirurgen macht.

Sie trug Weiß: eine hauchdünne, weiße Hose mit Schlitzen an den Knöcheln, ein weißes Leinentop mit weißen, an ein Origami erinnernden Schulterriemchen, einem weit ausgeschnittenem Dekolletee und abgenähten Körbchen, die unwillkürlich den Blick auf ihre kleinen, aber festen Brüste lenkten. Sie war barfuß, ihre Fußnägel waren korallenrot lackiert.

»Ich fand es absolut verrückt, dass Marshall keine Leibwächter engagiert hat. Ein Mann, der so reich ist wie Marshall Marcus? Und so prominent? Wir hocken hier draußen wie Enten auf dem Teich. Und vor allem nach dem, was damals mit Alexa passiert ist.«

»Sie waren einkaufen, Belinda. Im Kino, was auch immer. Das hätte auch passieren können, wenn wir ein bis an die Zähne bewaffnetes Bataillon um das Haus postiert hätten. Sie waren im Einkaufszentrum von Chestnut Hill, um Himmels willen!«

»Du hast mich Mr. Heller noch nicht vorgestellt«, erklärte Belinda. Sie trat auf mich zu und reichte mir ihre Hand. Sie war knochig und kühl. Ihre Fingernägel waren ebenfalls korallenrot lackiert. Sie besaß die hohle Schönheit der klassischen Vorzeigegattin; sie war ein echtes Sahneschnittchen und redete mit dem süßlichen Georgia-Akzent, der an Mint-Juleps oder gezuckerten Eistee erinnerte.

Ich stand auf. »Nick«, stellte ich mich vor. Alles, was ich über sie wusste, hatte ich von meiner Mutter gehört. Belinda Jackson-Marcus war Flugbegleiterin bei Delta Airlines gewesen und hatte Marcus in der Bar des Ritz-Carlton Buckhead in Atlanta kennengelernt.

»Entschuldige meine schlechten Manieren«, sagte Marcus, blieb jedoch auf seinem Stuhl sitzen. »Nick, Belinda. Belinda, Nick«, setzte er überflüssigerweise hinzu. »Ist dieses Mädchen nicht ein hinreißendes Geschöpf?« Er lächelte strahlend und fröhlich. Seine Zähne hatte er offenbar ebenfalls erneuert. Neue Zähne und neue Haare; Marcus war nie eitel gewesen; also vermutete ich, dass er diese Renovierungen hatte machen lassen, weil es ihn verunsicherte, eine Ehefrau zu haben, die so viel jünger war als er und so wunderschön. Vielleicht hatte sie ihn auch dazu überredet, sich etwas aufzupeppen.

Belinda legte den Kopf schief und verdrehte die Augen; eine schüchterne, fast unterwürfige Geste. »Hast du Mr. Heller schon etwas zu essen angeboten?«

»Ich möchte nichts, danke«, erwiderte ich.

»Also wirklich, was ist nur mit dir los, Sugar?«, fuhr Belinda fort.

»Ja, was bin ich nur für ein lausiger Gastgeber«, antwortete Marcus. »Siehst du? Was sollte ich ohne Belinda nur anfangen? Ich bin ein Tier. Eine unzivilisierte Bestie. Wie wäre es mit einem Sandwich, Nickeleh?«

»Ich möchte nichts, danke.«

»Soll ich einen Kaffee machen?«, schlug Belinda vor.

»Gerne.«

Sie glitt zu der Kochinsel mit der langen Arbeitsplatte aus schwarzem Speckstein hinüber und schaltete einen Wasserkocher an. Ihre enge weiße Hose betonte die Kurven ihres festen Hinterns. Ganz offensichtlich verbrachte sie den größten Teil ihrer Zeit mit Gymnastik, wahrscheinlich mit einem Trainer, der vor allem die Gesäßmuskeln im Auge behielt. »Ich bin nicht sonderlich talentiert, was Kaffeekochen angeht«, erklärte sie. »Aber wir haben Instant-Kaffee. Er schmeckt sogar ziemlich gut.« Sie hielt ein kleines, versiegeltes Päckchen hoch.

»Schon okay, ich habe meine Meinung geändert«, erwiderte ich rasch. »Ich hatte heute Morgen ohnehin schon zu viel Kaffee.«

Belinda drehte sich abrupt herum. »Nick«, sagte sie. »Sie müssen Alexa finden.« Sie kam langsam auf mich zu. »Bitte.«

Mir fiel auf, dass sie frisch geschminkt war. Jedenfalls sah sie nicht so aus, als hätte sie die ganze Nacht wach gelegen. Im Gegensatz zu ihrem Ehemann wirkte sie so frisch, als wäre sie eben erst aus einem langen, erholsamen Schlaf erwacht. Ihr pinkfarbener Lipgloss war perfekt aufgetragen. Ich wusste einiges über Frauen und ihr Make-up, und mir war klar, dass man nicht so aussah wie Belinda, wenn man gerade aus dem Bett gefallen war.

»Hat Alexa Ihnen gesagt, mit wem sie sich treffen wollte?«, erkundigte ich mich.

»Ich habe nicht … Man kann nicht gerade behaupten, dass sie mir alles erzählt. Schließlich bin ich die böse Stiefmutter …«

»Sie liebt dich«, behauptete Marcus. »Es ist ihr nur noch nicht bewusst.«

»Aber Sie haben sie gefragt, stimmt’s?«, hakte ich nach.

Belindas glänzende, pinkfarbene Lippen öffneten sich einen Zentimeter. »Natürlich habe ich sie gefragt!« Sie klang fast beleidigt.

»Und sie hat Ihnen nicht gesagt, wann sie zurückkommen wollte?«

»Ich habe angenommen um Mitternacht, vielleicht ein bisschen später. Sie müssen wissen, dass sie es nicht sonderlich gut aufnimmt, wenn ich sie nach so etwas frage. Meistens sagt sie, sie wolle nicht wie ein Kind behandelt werden.«

»Trotzdem, Mitternacht ist ganz schön spät.«

»Für diese Mädchen? Da fängt die Nacht doch erst richtig an.«

»Das meine ich nicht«, gab ich zurück. »Ich dachte, Kinder unter achtzehn Jahren dürfen nicht nach Mitternacht Auto fahren, höchstens bis null Uhr dreißig, es sei denn, ein Elternteil oder ein Aufpasser sitzt bei ihnen im Wagen. Wenn sie dabei erwischt werden, kann ihnen die Fahrerlaubnis für sechzig Tage entzogen werden.«

»Stimmt das?«, erkundigte sich Belinda. »Davon hat sie mir jedenfalls nichts erzählt.«

Das kam mir merkwürdig vor. Alexa hätte niemals etwas getan, das ihre Fahrerlaubnis und damit die Freiheit gefährdet hätte, die sie bedeutete. Außerdem passte es irgendwie nicht zu Belinda, über solche Vorschriften nicht informiert zu sein. Es passte nicht zu einer solchen Frau, die auf alles und jedes achtete, die sich sogar die Lippen schminkte, bevor sie mich empfing, und das in einem Moment, in dem sie eigentlich wegen des Verschwindens ihrer Stieftochter ein nervliches Wrack hätte sein sollen.

»Was, glauben Sie, könnte ihr zugestoßen sein?«, fragte ich sie.

Belinda hob ratlos die Hände. »Ich weiß es nicht.« Sie sah Marcus verstört an. »Wir wissen es nicht. Wir wollen einfach nur, dass Sie sie finden!«

»Haben Sie die Polizei angerufen?«, wollte ich wissen.

»Selbstverständlich nicht«, antwortete Marcus.

»Selbstverständlich nicht?«, gab ich zurück.

Diesmal antwortete Belinda. »Die Polizei wird nichts unternehmen. Sie kommen her, nehmen alles auf und sagen uns dann, wir sollen vierundzwanzig Stunden warten. Dann ist Alexa nur noch ein aussichtsloser Fall, den man einfach in den Akten begraben kann.«

»Sie ist unter achtzehn«, widersprach ich. »Fälle von verschwundenen Teenagern nehmen die Behörden ziemlich ernst. Ich schlage dringend vor, dass Sie sofort dort anrufen.«

»Nick«, meinte Marcus. »Ich will, dass du nach ihr suchst, nicht die Cops. Habe ich dich bisher jemals um Hilfe gebeten?«

»Bitte«, flehte Belinda. »Ich liebe das Mädchen so sehr. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn ihr etwas zustößt.«

Marcus wedelte beschwichtigend mit der Hand und murmelte etwas wie »Aber, aber, aber«. Damit wollte er wohl das Böse von seinem Haus abwenden. »Sag so was nicht, Baby«, erklärte er.

»Habt ihr schon die Krankenhäuser angerufen?«

Die beiden wechselten einen schnellen, besorgten Blick, bevor Belinda antwortete. Sie schüttelte den Kopf. »Wenn ihr etwas passiert wäre, wären wir doch mittlerweile schon benachrichtigt worden, stimmt’s?«

»Nicht unbedingt«, widersprach ich. »Jedenfalls sollte man mit den Krankenhäusern anfangen; am besten gleich.«

»Ich denke, es ist etwas anderes«, meinte Marcus. »Ich glaube nicht, dass mein kleines Mädchen einen Unfall gehabt hat. Ich glaube …«

»Wir wissen nicht, was passiert ist«, unterbrach Belinda ihn.

»Es ist irgendetwas Schlimmes geschehen«, meinte Marcus. »Ach du lieber Gott.«

»Also gut, fangen wir mit den Anrufen bei den Krankenhäusern an«, schlug ich vor. »Nur, um das auszuschließen. Ich brauche ihre Handynummer. Vielleicht kann mein Technikfreak sie auf diese Weise aufspüren.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Marcus.

»Außerdem möchte ich, dass die Polizei verständigt wird. Einverstanden?«

Belinda nickte, und Marcus zuckte mit den Schultern. »Sie werden keinen Finger rühren«, erwiderte er. »Aber wenn du darauf bestehst.«

Keines der Krankenhäuser zwischen Manchester und Boston hatte jedoch jemanden aufgenommen, auf den Alexas Beschreibung gepasst hätte. Eigenartigerweise schien das Marcus und seine Frau nicht so zu erleichtern, wie man hätte erwarten können.

Stattdessen wirkten die beiden, als hegten sie eine tief sitzende Furcht, deren Quelle sie mir nicht verraten wollten; so als würden sie mir etwas vorenthalten, etwas Wichtiges, Schlimmes. Ich glaube, dieser Instinkt war der Grund, weswegen ich Marcus’ Ersuchen ernst nahm. Hier stimmte irgendetwas überhaupt nicht. Mich beschlich ein mieses Gefühl, das mit jeder Sekunde zunahm.

Man könnte es die Gabe der Furcht nennen.

8. KAPITEL

Alexa wälzte sich unruhig auf ihrem Bett hin und her.

Ein heftiges Pochen hinter ihrer Stirn hatte sie geweckt. Ein rhythmisches Pulsieren, das ständig stärker und stärker geworden war und sie schließlich aus der Bewusstlosigkeit gerissen hatte.

Hinter ihren Augäpfeln tobte ein stechender Schmerz, wie von Messern.

Es fühlte sich an, als hämmerte jemand mit einem Eispickel auf ihren Schädel ein; und nachdem er die zerbrechliche Knochenhülle zertrümmert hätte, wäre er jetzt dabei, die Gehirnwindungen direkt hinter ihrer Stirn zu zerfetzen.

Ihr Mund war schrecklich trocken. Ihre Zunge klebte an ihrem Gaumen. Sie versuchte zu schlucken.

Wo war sie?

Sie konnte nichts sehen!

Es herrschte vollkommene Finsternis. Unwillkürlich fragte sie sich, ob sie erblindet war.

Vielleicht träumte sie ja auch nur.

Nur fühlte es sich nicht wie ein Traum an. Sie erinnerte sich … Sie hatte im Slammer mit Taylor Armstrong getrunken. Dann war irgendetwas mit ihrem iPhone gewesen. Sie hatten über etwas gelacht. Alles, was danach passiert war, war undeutlich und verschwommen.

Sie wusste nicht, wie sie nach Hause gekommen war, in das Haus ihres Vaters, und wie sie in ihrem Bett gelandet war; und auch nicht, dass sie die Jalousien heruntergezogen hatte. Als sie einatmete, nahm sie einen fremden, muffigen Geruch war. Einen fremdartigen Geruch. Lag sie wirklich zu Hause im Bett? Es roch nicht wie ihr Zimmer in dem Haus in Manchester. Und die Laken dufteten auch nicht nach diesem Weichspüler, den sie so mochte.

War sie bei jemand anderem gelandet? Wenn ja, dann jedenfalls nicht bei Taylor. Deren Haus roch nach Zitronen-Möbelpolitur, und ihre Laken waren immer viel zu steif. Aber wo sollte sie sonst sein? Sie konnte sich nicht erinnern, wie …

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