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Leben zwischen Hölle und Freiheit

Mani Pourbaghai

Leben zwischen Hölle und Freiheit

Roman

Romane & Erzählungen

Die in diesem Buch erzählte Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: Sie handelt vom Leben einer Person aus dem Iran-Teheran. Er wird in dieser Geschichte Mani genannt. Als er drei Jahre alt war, wollte sein depressiver Vater ihn mit seiner geladenen Dienstpistole töten. Zuvor wollte er Manis Mutter totschießen, doch die Kugel verfehlte ihr Ziel. Später trennten sich seine Eltern. Durch die Scheidung erlebte das kleine Kind Mani eine traurige, grausame Kindheit. Seine Schulzeit verbrachte er in einer streng religiösen Schariaschule mit religiösen Regeln, wo jeder Verstoß gegen sie mit Stockschlägen auf die Handflächen geahndet wurde.

Mani lief oft vom Haus seines Vaters in Teheran weg. Später heiratete sein Vater eine andere Frau. Diese Frau war eine strenge Stiefmutter. Sie misshandelte Mani permanent. Er war ein schwaches Kind und konnte sich nicht wehren, doch später, als er größer und kräftiger wurde, setzte er sich gegen die Unterdrückung zur Wehr. Auf dem Gymnasium behandelten ihn alle respektvoll; er nahm sogar seine junge Schwester Heide unter seine Obhut. Schließlich absolvierte er ein mathematischnaturwissenschaftliches Abitur am Marvi-Gymnasium in Teheran.

Nach dem Abitur ging Mani nach Deutschland, um dort zu studieren. In dem fremden Land erwarteten ihn viele Überraschungen und Herausforderungen, doch mit Hilfe seines Ehrgeizes und seiner Tüchtigkeit gelang es ihm, allen Widrigkeiten zu widerstehen. Ausdauernd verfolgte er seine Ziele, verlor sie nie aus den Augen und gab nie auf. Auf diese Weise wurde Manis Ausbildung in Deutschland für ihn der Beginn einer noch wichtigeren Aufgabe: seine berufliche Laufbahn, seine Karriere. Heute kämpft er weiter für sein unterdrücktes Land im Iran, das unter der Herrschaft der Ayatollahs steht. Er wird oft bedroht. Aus diesem Grund versucht er permanent, sich vorsichtig zu verstecken.

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1: Aufbruch und Dunkel

Kapitel 2: Die Schießerei

Kapitel 3: Unterwegs mit dem Vater

Kapitel 4: Eine geladene Pistole an der Schläf

Kapitel 5: Die Versöhnung

Kapitel 6: Fluchtversuch

Kapitel 7: Erneuter Fluchtversuch

Kapitel 8: Erholung

Kapitel 9: Kritische Phase

Kapitel 10: Die Trennung

Kapitel 11: Schulanfang

Kapitel 12: Jazdan

Kapitel 13: Meshad

Kapitel 14: Wieder in Teheran

Kapitel 15: Im Marvi-Gymnasium

Kapitel 16: Im Ausland

Kapitel 17: Deutschland

Kapitel 18: Clausthal-Zellerfeld

Kapitel 19: In Arolsen beim Goetheinstitut

Kapitel 20: Hannover

Kapitel 21: Frauenrechte im Iran

Kapitel 22: Casanova

Kapitel 23: Ein Selbstmordversuch

Kapitel 24: Eine Trennung

Kapitel 25: Verschiebung der Diplomvorprüfung und USA

Kapitel 26: Tanzende Angelika

Kapitel 27: Wilde, fröhliche Kristine

Kapitel 28: Marina und Dani

Kapitel 29: Christel

Kapitel 30: Wissenschaftliche Exkursionen

Kapitel 31: Neid und Missgunst

Kapitel 32: Die Videotechnik

Kapitel 33: Recherchen

Kapitel 34: Als Unternehmer

Kapitel 35: Neue Systemorganisation und neues Konzept

Kapitel 36: Unterhaltungsautomaten

Kapitel 37: Großunternehmer Firma O.

Kapitel 38: Die dritte Videothek in der Troplowitzstraße

Kapitel 39: Erfahrungen und Erlebnisse

Kapitel 40: Die Videothek in der Fruchtallee

Kapitel 41: Einbrüche

Kapitel 42: Der Billardclub

Kapitel 43: Eindringlinge

Kapitel 44: Beschwerden und Wohnungseinbruch

Epilog: Wichtige Mitteilung an die Leserinnen und Leser

Impressum

Vorwort

Ich bin Diplom-Geologe und Geophysiker, Absolvent der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Nach meinen persönlichen Erfahrungen komme ich zu folgender Meinung: Das Leben besteht aus mehreren Teilen oder Episoden. Was meine ich damit? Der erste Teil: das Leben als Fötus oder Fetus. Dieses Leben beginnt während der Schwangerschaft nach Ausbildung der inneren Organe; vorher spricht man von einem Embryo. Die sogenannte Fetalperiode setzt beim Menschen in der neunten Schwangerschaftswoche ein und endet mit der Geburt. Der Mensch bewahrt in seinem Gedächtnis keine Erinnerung an diesen ersten dunklen Teil seines Lebens.

Der zweite Teil betrifft den Beginn unseres Lebens nach der Geburt. In dieser Periode fängt das eigentliche Leben des Menschen an, und nicht umsonst beginnen wir mit der Geburt die Lebensjahre zu zählen. Unser Alter rechnet nun nach Jahren, setzt sich sozusagen mathematisch fort. Gleichzeitig erhält jedes Neugeborene bei seiner Geburt einen Namen, seinen Vornamen, und außerdem einen Familiennamen, normalerweise den des Vaters.

Im Rahmen unserer persönlichen Entwicklung erleben wir unterschiedliche Lebensabschnitte und Reifeperioden, doch sie haben mit unserem mathematischen Alter wenig zu tun: Die abstrakte mathematische Zahl hat keine Auswirkungen auf unser alltägliches Leben. Seine Entwicklung hängt von anderen Faktoren ab – Begabungen wie Ehrgeiz, Fleiß oder Intelligenz, aber auch Faktoren, auf die wir keinen Einfluss haben: Glück und Missgeschick oder das, was man Schicksal nennt. Hinzukommt unsere allgemeine Vitalität, also unser körperliches, geistiges und psychisches Wohlbefinden. Viele Menschen fühlen sich wohler, wenn sie glücklich sind. Deshalb ist der glückliche Mensch fitter und gesünder als der unglückliche, und deshalb hat er meist auch ein jüngeres, attraktiveres Aussehen. Viele Menschen empfinden ihr inneres Alter als deutlich jünger als ihr mathematisches, und bei einigen scheint diese Empfindung sogar der Wahrheit zu entsprechen.

Meine Erfahrungen in Deutschland in Bezug auf das mathematische und innere Alter sind eigenartig. Arbeitet man hier in einer Firma, wird man schnell nach seinem Alter gefragt, meist durch Kolleginnen und Kollegen. Ich habe mich inzwischen an diese Frage gewöhnt. Immer sollte ich jedem in der Firma, in der ich gerade beschäftigt war, mein Alter bekanntgeben. Später dann war ich über dreißig Jahre selbständig und hatte mit Hunderten von Menschen zu tun – erstaunlicherweise hat mich niemand von ihnen je nach meinem Alter gefragt.

Abgesehen von Situationen, in denen man sich ausweisen muss, etwa auf Behörden, wird man außerhalb Deutschlands kaum je nach seinem Alter gefragt, denn die Frage gilt als unhöflich, als untunlich. So weiß ich zum Beispiel nicht einmal, wie alt meine Eltern oder Großeltern und viele meiner Familienangehörigen oder Freunde sind. Doch dieses fehlende Wissen stört mich nicht. Ich selbst frage niemand nach seinen Jahren, denn ich habe mehr Interesse am Charakter eines Menschen als an seinem biologischen Alter.

Doch zur eigentlichen Geschichte dieses Buches: Die folgenden Seiten schildern das wahre Leben des Akademikers Mani Pourbaghai. Er ist geschieden und hat zwei eheliche Kinder mit seiner Ehefrau Christel. Sein erstes eheliches Kind war sein Sohn Marcel, das zweite Kind seine jüngste Tochter Maria. Zusätzlich hat er ein weiteres uneheliches Kind von seiner Jugendverlobten Elisabeth, Claudia.

Mani Pourbaghai wurde in Teheran im Iran geboren. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in Hamburg, erklärtermaßen seine Lieblingsstadt. Dort wurde ihm im Rahmen einer prachtvollen Feier im Rathaus durch den Bürgermeister der Hansestadt die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen. Das amtliche Dokument wurde ihm persönlich durch ihn ausgehändigt.

Nach einigen Jahren in Deutschland absolvierte Mani Pourbaghai ein Studium am Fachbereich Geologie und Geophysik der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel. Die Schwerpunkte waren Meeresgeologie und Sedimentologie. Nach seinem eigenen Wunsch und persönlichen Interessen folgend, beantragte er beim zuständigen Amt an der Kieler Universität, zwei Diplomarbeiten schreiben zu dürfen. Seinem Antrag wurde stattgegeben, und die erste Arbeit behandelte die geologische Kartierung eines Gebiets im Harzvorland, während die zweite in Geophysik sich mit Erdbebenparametern im Peloponnes und in Mitteleuropa beschäftigte.

Nach erfolgreicher Beendigung seines Studiums begann Mani Pourbaghai mit Hilfe seiner damaligen Ehefrau Christel1 eine unternehmerische Tätigkeit in Hamburg, indem sie eine GmbH gründeten. Das Unternehmen war erfolgreich und wuchs schnell. Bald konnte das Paar Filialen in Hamburg, Wedel und Sievershütten eröffnen. Während dieser Zeit beschäftigte Mani über hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und dabei stand seine Ehefrau Christel ihm stets zur Seite.

1 Mit Blick auf den persönlichen Datenschutz wurden einige Namen geändert.

Kapitel 1: Aufbruch und Dunkel

Mani verbrachte seine Kindheit in Teheran, eine der größten Metropolen des Nahen Ostens. Er wurde dort geboren und lebte hier mit seinen Eltern und Großeltern sowie deren Kindern in einem großen Haus im Zentrum der Stadt.

Manis Vater hieß Amir. Als Mani drei war, war er achtundzwanzig Jahre alt, 185 cm groß und athletisch gebaut, mit einem sportlichen, muskulösen Körper. Der Vater war Offizier bei der Armee und bildete Rekruten für Spezialeinheiten aus. Er liebte seinen Beruf über alles, war korrekt und tat seine Arbeit sorgfältig und voller Begeisterung. Neben seiner Tätigkeit als Offizier arbeitete er in einer Gießerei und fertigte dort Ersatzteile für Waffen an, denn auf diesem Gebiet war er ein beschlagener Experte.

Durch seine Tüchtigkeit, seine offene Art und seine Stellung in der Armee war Amir sehr populär. Bei seinen Kollegen und Vorgesetzten war er beliebt, und überall kam er gut an. Doch durch seine stattliche Erscheinung imponierte er auch vielen Frauen, und so kann man sagen, dass er ein Frauenschwarm war.

Amirs Frau hieß Nuri. Sie war damals zweiundzwanzig, schlank und hübsch mit braunen, strahlenden Augen. Nuri hatte schwarzes langes Haar und trug es in einer modernen Frisur, nach oben gesteckt und gebündelt. Auf ihrer linken Wange prangte ein schwarzes Muttermal – ein kleiner Makel, der sie fast noch reizender und anziehender wirken ließ.

Amir und Nuri hatten einen kleinen Sohn: Mani. Er hatte schulterlange schwarze Haare und schöne braune Augen. Ihr Glanz imponierte jedem, der ihn traf. Mani war ein hübsches, ruhiges, freundliches Kind. Er war sehr kontaktfreudig. Viele Kinder freundeten sich mit ihm an und trafen ihn jeden Tag, um mit ihm zu spielen. So zählte Mani, als er drei Jahre alt war, weit und breit zu den glücklichsten Kindern. Er wurde von seinen Freunden und Verwandten geliebt und von der Nachbarschaft gelobt.

Die Ausstrahlung der schönen Mutter und ihres hübschen Sohns erregten überall Bewunderung. Schlenderten sie zusammen durch die Straßen Teherans, sahen Nuri und Mani fast aus wie zwei Puppen aus dem Schaufenster. Sie waren auf die Bewunderung, die sie erregten, stolz und ließen sich von bekannten Fotografen für Sammelwerke fotografieren. Amir, der Vater, liebte seine Familie abgöttisch. Er war stolz, eine so glückliche Familie zu besitzen, und am Anfang war er immer bei ihr zu Hause.

Doch er bekam oft Liebesbriefe von fremden Verehrerinnen, die ein Rendezvous mit ihm wollten. Nach und nach wurde er den fremden Frauen gegenüber schwach, traf sich mit ihnen und vergaß die Treue, die er Nuri versprochen hatte. Die Gefühle, welche die fremden Frauen in ihm weckten, ließen seine Liebe zu Nuri allmählich erkalten, und schließlich begann er, sie nicht nur zu betrügen, sondern auch zu vernachlässigen.

Am Anfang traf er sich nur ab und zu mit einer Frau, doch später, nicht zuletzt durch den Alkohol, dem er nur allzu gern zusprach, wuchs seine Sehnsucht nach fremden Reizen, und nun ging zu ständig zu neuen Treffen. Nuri wurde durch den ständigen Betrug eifersüchtig. Sie liebte ihren Mann, doch seine andauernde Untreue konnte sie nicht ertragen. Anfänglich kam Amir nach seinen Rendezvous, zu denen es ihn ein- bis zweimal in der Woche zog, zwischen zwei und vier Uhr morgens nach Hause, doch später war er fast jeden Tag unterwegs, und schließlich blieb er sogar bis fünf Uhr morgens fort.

Nuri war in den Nächten, in denen Amir fortging, einsam. Der Gedanke, dass ihr geliebter Mann sich in diesem Moment mit einer anderen, fremden Frau vergnügte, lastete auf ihrer Seele wie ein Stein. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken, sie litt unter Schüttelfrost, und schließlich bekam sie sogar nervöses Fieber.

Wegen der starken Hitze übernachtete die Familie, wie in Teheran im Sommer üblich, im Garten. Die Stille der Nacht und der prachtvolle Himmel über den Dächern hätten eigentlich beruhigend wirken müssen, doch Nuri tröstete das Sternenzelt nicht. Sie blickte empor zum Himmel, zum kalten Glanz der Sterne und zu ihrem Begleiter, dem fahlen Mond, doch dabei fühlte sie nichts als Leere und Angst. Vor Aufregung konnte sie kaum schlafen, denn bei jedem Knacken eines Zweigs, jedem Wispern des Windes in den Winkeln des Gartens dachte sie, Amir sei zurückgekehrt. Die kalten Tränen in ihren Augen wollten nicht mehr trocknen, und mit jeder Sekunde schien die Zeit langsamer zu verrinnen.

Nuri fühlte sich von Amir betrogen. Alle seine Versprechungen, ihr treu zu sein und zu bleiben, hatte er gebrochen. Jede Minute wartete sie erschöpft auf seine Rückkehr, und Nacht für Nacht wurde sie unruhiger. Oft umarmte sie vor Verzweiflung und Angst ihren kleinen Sohn mit zitternden Händen und Tränen in den Augen und dachte dabei an ihren Mann. Sie wälzte sich neben Mani hin und her, und es dauerte Stunden, bis sie endlich erschöpft einschlief.

Mani litt unter dem, was er sah und hörte. Am Anfang waren es nur leichte Beunruhigungen, doch allmählich wuchsen das Leid und die Angst auch in ihm.

Mani hatte seinen Vater und seine Mutter lieb. Amir fehlte ihm ebenso, wie er Nuri fehlte. Der Streit zwischen den Eltern wurde immer häufiger und heftiger. Mani bekam dann immer Angst und zitterte am ganzen Leib. Wenn er die lauten Stimmen hörte, flüchtete er aus dem Elternzimmer und schlich sich mit zitternden Händen und Knien in sein Zimmer. Dort hockte er traurig in einer Ecke. Manchmal war der Streit so laut, dass er sich vor Angst Augen und Ohren zuhielt; nur ab und zu nahm er die Hände von den Ohren, um zu lauschen, ob es vorbei war.

Doch schien der Streit beendet, setzte er gleich darauf wieder ein. Für ein kleines Kind war dies alles eine große seelische und körperliche Belastung. Mani wurde immer trauriger und unruhiger. Er lebte in ständiger Furcht, wagte es aber nicht, mit anderen über seine Sorgen zu sprechen. Schon lange konnte er nicht mehr stolz auf seine Eltern sein oder aus vollem Herzen lachen. Das, was er als fröhliches Kind jeden Tag, jede Stunde getan hatte, wollte ihm nicht mehr gelingen, denn sein Inneres war zerrissen von Schmerz. Immer wieder versuchte er, sich von dem Alp zu befreien, aber da er ein kleines Kind war, gelang es ihm nicht – eigentlich wusste er nicht einmal, warum in ihm eine so große Dunkelheit war.

Alle Freunde und Verwandten wussten über die Ehekrise der Eltern natürlich Bescheid, aber niemand konnte etwas dagegen zu tun. Amir war nicht mehr zu bremsen mit seinen Affären. Ständig wurde er von fremden Frauen verlockt, und so waren die Eltern nicht in der Lage, ihren ewigen Streit zu beenden. Gelegentlich versuchten sie, Mani mit Süßigkeiten und Geschenken zu beruhigen, aber Schokolade und Bonbons halfen ihm nicht.

Kinder im Alter zwischen drei und vier bekommen sehr viel von ihrer Umgebung mit. In diesem Alter sind sie hochempfindlich und vor allem sehr stolz. Jedes Elternteil, Mutter und Vater, hat für das Kind eine große Bedeutung. Kinder projizieren jedes Problem auf das eigene Herz. Jedes Kind braucht eine liebende Mutter und einen liebenden Vater, die gut miteinander umgehen. Eigene Wünsche wiegen sie mit der Goldwaage, und daher leidet in diesem Alter jedes Kind tief unter Problemen in der Familie. Mani litt jeden Tag und jede Stunde. Doch er war so stolz, dass er mit niemanden darüber zu reden wagte.

Natürlich trug Manis Vater durch seine Leichtfertigkeit die Verantwortung für die dramatische Krise. Er versuchte, sich ihr mit Ausreden zu entziehen, doch sie wurden nur Anlass für neuen Zwist. Mani hatte nur einen Wunsch: Er wollte, dass seine Eltern endlich aufhörten mit ihrem Streit und wieder wie früher fröhlich und glücklich waren. Sie sollten wieder Spaß am Leben haben, sollten es genießen und mit ihm zum Spielplatz gehen. Sie sollten sich endlich wieder verstehen und ihr Leben in Frieden leben. Selten, ab und zu, gab es einmal eine Ruhepause, aber es dauerte nie lange, bis der Streit wieder aufflammte. Gelegentlich versuchte Mani, die Eltern zu beruhigen, aber da er zu klein war und ihre Probleme nicht einmal verstand, gelang es ihm nicht.

Kapitel 2: Die Schießerei

Nach und nach eskalierte der Streit zwischen den Eltern immer mehr. Nuri war wegen der ewigen Untreue ihres Mannes unglücklich und wurde immer nervöser. Immer häufiger zitterten ihre Hände. Nach jeder Auseinandersetzung schwoll der Streit weiter an wie eine Lawine, deren Lauf durch nichts gestoppt werden kann, und schließlich kam es zu einem tragischen Höhepunkt, den keiner der Beteiligten je vergessen sollte.

Während einer Auseinandersetzung kochte Amir vor Wut und Ärger. Er konnte sich einfach nicht mehr beherrschen, war außer Rand und Band. Er verlor völlig die Nerven, war nicht mehr in der Lage, sich zu kontrollieren. Er zitterte am ganzen Leib. In diesem Moment fing Nuri an, hysterisch zu schreien. Sie war nicht mehr zu bremsen, denn sie hatte Angst.

Amir konnte das Geschrei seiner Frau nicht ertragen. Er musste sie mit allen Mitteln zur Ruhe bringen. Weit und breit war kein Mensch zu sehen oder zu hören; die ganze Familie und Mani waren unterwegs. Keiner konnte den beiden zur Hilfe kommen oder zwischen ihnen vermitteln.

Nuri stand im Abstand von vier Metern vor ihrem Mann. Plötzlich holte er seine Dienstwaffe hervor, um sie zu einzuschüchtern, ein amerikanischer Colt. Sie war geladen. Amirs Hände zitterten wie bei einem Erdbeben. Dann schoss er ohne zu überlegen in Richtung seiner Frau.

Glücklicherweise verfehlte der Schuss Nuri und ging zwischen ihren Füßen vorbei. Die Kugel traf eine Schere auf dem Boden, spaltete sie in zwei Teile und hinterließ ein Loch im Boden.

Nuri flüchtete in panischer Angst. Blitzartig war es still geworden, denn ihre Ohren waren von dem Knall wie betäubt. Gott sei Dank, dass Mani, ihr kleiner Sohn, nicht zu Hause war und die dramatische Szene nicht miterlebt hatte!

Auch Amir verließ nach der Schussattacke verwirrt das Haus. Er wollte zu seinem Auto in der Hauptstraße. Unterwegs, kurz vor seinem Wagen, traf er Mani mit seiner Großmutter. Er begrüßte die beiden freundlich, als wäre nichts geschehen, denn er wollte verhindern, dass Mani zu seiner Mutter ging und von der Attacke hörte. Liebevoll umarmte er seinen Sohn und fragte ihn, ob er Lust habe, mit ihm spazieren und vielleicht ins Puppentheater zu gehen. Mani war von der Idee begeistert und wollte unbedingt mit seinem Vater gehen.

Gleichzeitig sagte die Schwiegermutter zu Amir, zu Hause warte Arbeit auf sie, sie habe nur wenig Zeit. Amir sagte ihr kein Wort über den Streit mit Nuri. Die Schwiegermutter verabschiedete sich und ging allein zu ihrer Tochter, und Amir setzte seinen Weg mit Mani in Richtung Auto fort.

Die Schwiegermutter hatte keine Ahnung, was mit ihrer Tochter passiert war. Kaum zu Hause angekommen, traf sie auf die weinende Nuri, die ihr von den dramatischen Geschehnissen berichtete. Als sie von der Attacke mit der Pistole hörte, war sie entsetzt. Sie umarmte und tröstete ihre Tochter wie ein kleines Kind.

Kurze Zeit danach kamen Verwandte und Freunde sowie Nachbarn, denn der Schuss hatte alle aufgeschreckt, und die Nachricht, dass ein Unglück geschehen sei, hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer. Alle waren entsetzt und bemühten sich um die erschöpfte Nuri. Jeder versuchte, sie zu trösten und zu beruhigen, und alle waren froh, dass kein Blut vergossen worden war. Hin und wieder, wenn die Erinnerung an das Erlebte sie überwältigte, schluchzte Nuri auf, weinte und zitterte. Schießereien hatte sie bisher nur im Kino gesehen. Manchmal erschien ihr alles wie ein Albtraum, doch die zerspaltene Schere und das Loch im Wohnzimmerboden waren der unzweifelhafte Beweis, dass das, woran sie sich schmerzvoll erinnerte, real geschehen war.

Die Nachbarn und Verwandten versuchten, Nuri zu besänftigen. Nicht zuletzt hatte sie Furcht um Mani. Sie wollte ihr Kind finden, zu sich holen und unter ihre Obhut nehmen, denn an der Seite seines unberechenbaren Vaters war es auf keinen Fall sicher. Doch Vater und Sohn waren spurlos verschwunden.

Nuri war wegen ihres Sohnes sehr besorgt. Dauernd betete sie zu Gott um Schutz für ihn, und schließlich machten sich Freunde, Nachbarn und Familie auf den Weg, um die Verschwundenen aufzuspüren. Sie verteilten sich auf den Straßen, fragten Passanten und Bekannte und baten sie um Unterstützung. Doch keiner von ihnen rief die Polizei, denn alle wussten, dass der Vater seinen Sohn abgöttisch liebte; daher würde er ihm nie etwas Böses antun. Unabhängig von dieser Vermutung machten sie sich Sorgen um Mani, denn Amir war nach dem, was er getan hatte, vermutlich nicht zurechnungsfähig, stand unter Schock. Überall wurde angerufen, um Mithilfe gebeten, und so verbreitete die Nachricht von dem Unglück sich explosionsartig.

Schließlich, als alles erfolglos blieb, wurde die Polizei eingeschaltet, und die kollektive Suchaktion konnte mit Eifer fortgesetzt werden. Nuri machte sich große Sorgen um ihren kleinen Sohn. Sie dachte, dass der Vater die Absicht hatte, ihn wie seine Mutter umzubringen. Dauernd betete sie weinend bei Gott um Schutz für ihn.

Inzwischen machten sich alle Freunde, Nachbarn und Familienangehörige tüchtig auf den Weg, um den Vater und Mani zu finden. Niemand versuchte, eine Strafanzeige gegen den Vater bei der Polizei zu erstatten, denn schließlich gab es keine Spur von einer Verletzung. Außerdem war kein Blut vergossen worden. Nicht zuletzt wagte es keiner, gegen einen einflussreichen, mächtigen Mann wie Amir eine Strafanzeige ohne Beweise in Gang zu setzen. Die Polizei musste zunächst Amir finden und anschließend seine Interpretation zu Protokoll nehmen.

Amir war nach dem Streit und der Schussattacke gegen Nuri erschöpft und verwirrt. In seiner Aufregung hatte er gar nicht gemerkt, dass seinen Schuss nicht seine Frau, sondern nur die Schere getroffen hatte. Weiter dachte er, er habe sie mit dem Schuss getroffen und verletzt oder sogar getötet. Nuri hatte nach dem Schuss vor Angst geschrien, weil sie sich erschrocken hatte, und nach dem Schuss war sie weggelaufen, um sich vor weiteren Attacken zu retten. Amir konnte sich nur lückenhaft an diesen Moment erinnern. Er war nicht in der Lage, sich zu konzentrieren oder zu orientieren. Er selbst hatte sich maßlos über seinen Schuss erschrocken. Amir war in seiner Ehe auf Nuri und seinen Sohn immer sehr stolz gewesen. Überall wurde die Musterfamilie von Angehörigen und Bekannten hoch geschätzt und gelobt. Doch Amir hatte durch seine Liebesbeziehungen zu anderen Frauen diese Harmonie gestört. Er hatte durch seine Leichtfertigkeit seine glückliche Familie zerstört.

Kapitel 3: Unterwegs mit dem Vater

Nach der Schussattacke verließ Amir sofort das Haus und ging in Richtung seines Autos. Unterwegs begegnete er, wie bereits erzählt, zufällig seiner Schwiegermutter und seinem Sohn Mani. Er begrüßte sie wie üblich nett und freundlich und erzählte nichts von dem tragischen Streit mit der Schussattacke gegen Nuri.

Doch die Schwiegermutter spürte, dass Amir durcheinander war. Sie fragte ihn, wie es ihm ging und was mit ihm los sei.

Amir antwortete: „Ach, es geht mir nicht so gut, weil ich unter starken Kopfschmerzen leide. Ich brauche dringend frische Luft oder ein Aspirin.“

Dabei nahm er Mani liebevoll auf den Arm. Er versprach ihm, mit ihm das Puppentheater zu besuchen. Gleichzeitig erklärte er seiner Schwiegermutter: „Ich nehme Mani mit zum Puppentheater, und dann besuchen wir meine Mutter in meinem Elternhaus.“ Damit verabschiedete er sich von seiner Schwiegermutter.

Als er zu seinem Auto kam, setzte er Mani auf den Kindersitz. Zuerst führ er ziellos hin und her mit hoher Geschwindigkeit. Durch die Raserei versetzte er Mani in Angst. Mani fragte instinktiv nach seiner Mutter.

Der Vater versuchte ihn zu beruhigten; er sagte: „Deine Mama musste zum Arzt. Es kann lange Zeit dauern, bis sie zurück nach Hause kommt.“ Er fügte hinzu: „Inzwischen gehen wir ins Puppentheater, und danach essen wir und ich besorge dir eine hübsche Puppe. Danach holen wir deine Mama vom Arzt ab. Zwischendurch versuchen wir meine Mutter zu besuchen. Denn sie will uns unbedingt sehen, weil sie uns lange Zeit vermisst hat und nicht gesehen.“

Mani wartete ungeduldig auf den Besuch des Puppentheaters. Er liebte das Puppentheater und schwärmte immer davon. Er freute sich maßlos auf das Puppenspiel. Der Vater war froh, dass er Mani durch das Puppentheater ablenken und beruhigen konnte. Voller Begeisterung begann Mani von der letzten Vorstellung des Puppentheaters zu plaudern. Die Hauptfigur des Stücks hieß Mobarak, der bekannte Hauptdarsteller des Puppentheaters. Für Mani war er eine wichtige Figur in seiner persönlichen Entwicklung. Er war für ihn ein Idol, verkörperte seinen eigenen Lebenstraum. Mobarak war die Projektion seines persönlichen Unbewussten. Für Mani war Puppentheater nicht nur Hinsehen und Zuschauen, sondern auch Annehmen und Heilen und Erfahrungen für das Leben sammeln.

Der Vater war froh, dass er Mani durch die Vorstellung im Puppentheater ablenken konnte. Nach einer Weile kamen sie in das Theater, und Amir besorgte zwei Tickets. Dann gingen sie gemeinsam hinein.

Der Zuschauerraum war recht groß und hatte fast fünfzig Plätze. Viele Kinder besuchten mit ihren Eltern die Vorstellung, und so war das Theater fast überfüllt. Mani und sein Vater nahmen in der vorderen Reihe nebeneinander Platz und sahen sich um. Die Wände des Zuschauerraums waren mit Bildern von verschiedenen Vorstellungen dekoriert. Dann öffnete sich der Vorhang, und das Stück begann. Während der Vorstellung schaute der Vater dem Spiel neben Mani zu, aber er war mit seinen Gedanken in einer anderen Welt. Mani war durch das Spiel von Mobarak gefesselt und abgelenkt. Das Idol sang mit hinzukommenden Freunden märchenhafte Lieder mit Musikbegleitung, und jede Puppe erzählte von ihren Erfahrungen und Begegnungen mit ihrer Familie und ihren Freunden bei Feiern und Geburtstagen. Alle berichteten, wie sie sich passende Kleider und Schmuck gekauft oder besorgt hatten. Das Spiel dauerte etwa anderthalb Stunden.

Nach dem Ende der Vorstellung war Mani noch lange in seiner Fantasie und hing dem Stück nach. Zum Abendessen besorgte Amir von einem Schnellrestaurant ein Sandwich und ein Getränk. Er hatte keinen Appetit, daher aß er nichts. Da er sehr aufgeregt war, musste er dauernd Wasser trinken. Er ging mit Mani in Richtung Hauptstraße. Dort stand ein Puppenladen und sie gingen hinein. Der Vater kaufte eine weiße, niedliche Puppe für Mani. Durch die Aufregung hatten sich die Augen Amirs mit dunklen Rändern gefärbt. Das, was in seinem Leben geschah, spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Seine Augen sahen erschöpft und ermüdet aus. Ab und zu hatte er Tränen in den Auge. Um sie zu vertuschen, setzte er eine dunkle Brille auf. Dabei wurden seine Gedanken zurück zu dem gerissen, was er getan hatte. Er blickte in die Vergangenheit und machte sich Vorwürfe. Er dachte: Mein Gott, was habe ich getan? Was ist in meinem Leben geschehen?

Sein Herz war verletzt und tief getroffen. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Seine Seele war durcheinander. Er dachte: Was wird mit meinem Sohn passieren? Was wird er später über mich denken? Werden meine Familie und meine Verwandten mich verfluchen, mich hassen und verachten? Am meisten aber machte er sich Sorgen um seinen kleinen Sohn. Würde Mani ihn für seine Taten verachten und hassen und nie wieder lieben? Intuitiv improvisierte er das, was in Zukunft geschehen würde, in seinen Gedanken. Endlich begriff er, dass alles, was geschehen war, seine eigene Schuld war. Nur er trug die Verantwortung für seine schreckliche Tat. Er fühlte sich als Versager. Er dachte: Warum muss das Schicksal meiner Familie ein so elendes und schreckliches Ende nehmen? Durch seinen Ehrgeiz und seine Tüchtigkeit war Amir in seinem Leben erfolgreich geworden und hatte eine Traumfamilie gegründet. Warum nur musste alles so traurig enden? Jetzt bereute er seine nächtlichen Vergnügungen mit den Freunden in Bars und Diskotheken. Er sah: Er war durch sie dauernd überredet und verführt worden. Auch der fatale Alkohol hatte ihn negativ beeinflusst und verführt. Er dachte immer wieder: Was wird jetzt mit meiner Familie geschehen? Wie soll mein Leben nur weitergehen?

Mit diesen dunklen Gedanken blickte er zu seinem kleinen Kind und dachte an seine unglückliche Zukunft, ohne Mutter und Vater. Alle seine Gedanken konzentrierten sich auf das Schicksal und auf die Zukunft Manis. Er war für ihn der wichtigste Mensch in seinem Leben. Um sich zu beruhigen, versuchte er, sich mit seinem Sohn zu unterhalten. Er fragte Mani nach dem größten Wunsch in seinem Leben.

Mani antwortete: „Ich wünsche, dass du und Mama gesund bleiben und miteinander ein glückliches Leben führen.“

Plötzlich zeigte er seinem Vater, dass es auf der anderen Seite der Straße einen Eisladen gab.

„Papa, kaufst du einen Becher Eis für Mama?“

Selbstverständlich antwortete der Vater mit sanfter Stimme: „Mein liebes Kind, alles werde ich für dich und deine Mama gerne besorgen und tun. Aber wir können für deine Mama leider kein Eis kaufen.“

„Warum nicht, Papa? Ich weiß, meine Mama liebt das Eis so wie ich und isst es so gern!“

Der Vater antwortete: „Das Wetter heute ist sehr heiß, und bei dieser Hitze schmilzt das Eis, und dann schmeckt es nicht mehr.“

„Schade“, meinte Mani.

Der Vater nahm Mani auf den Arm und ging mit ihm über die Straße zum Eisladen. Es war Sommer und die Sonne schien noch strahlend heiß; die Temperatur betrug über dreißig Grad. Mani liebte Schokoladeneis, und daher bestellte der Vater für ihn zwei Kugeln Schokoladeneis mit Sahne.

Dort in der Nähe gab es auch einen kleinen Jungen und schaute sehr begehrlich auf Mani und das Eis, das er in der Hand hatte. Mani wollte sein Eis mit ihm teilen, aber der Vater sagte: „Wir kaufen für ihn auch ein Eis.“

Der kleine Junge freute sich sehr und bedankte sich für die Einladung.

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