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Leben auf Exoplaneten gefunden!

Für meine Frau, unsere Kinder,
meinen Vater und meine Mutter

Hinweis des Autors

Dieser Roman basiert auf echten Begebenheiten, welche mit möglichen und unmöglichen erfundenen Namen, Produkten, Unternehmen und Lokationen kombiniert wurden. Es wurde auf wissenschaftliche Genauigkeit bei bereits erwiesenen Tatsachen geachtet sowie mögliche zukünftige wissenschaftliche Entdeckungen vorweggenommen. Jede Ähnlichkeit mit Personen, Produkten oder Firmen ist rein zufällig. Erklärungen, Quellen- und Stichwortverzeichnisse sowie eine Liste der Charaktere befinden sich im letzten Teil des Buches. Tiere mussten bei der Erstellung dieses Romans nicht leiden, jedoch konnte nicht vermieden werden, dass des Autors Katzen möglicherweise weniger häufig gekrault wurden.

Kapitel 1

»Verdammt!«

»Verdammt, verdammt!«

»Ich hätte einfach schweigen sollen!«

Es ist ein milder Frühsommerabend im April 2017. Kaum eine Wolke verdeckt die Abenddämmerung und nur eine schwache Windböe zieht von Westen her über diesen Teil San Franciscos.

Daniel Renkers und seine Frau Deborah stehen mit nachdenklicher und besorgter Miene vor dem Fenster, verstecken sich, so gut sie können, hinter dem erst kürzlich gekauften dunklen Leinenvorhang und schauen auf die Strassen vor ihrem Haus.

Ein Aufmarsch tausender Regierungskritiker und Verschwörungstheoretiker marschiert zur City. Mit dabei sind wie immer auch Personen, die nur auf Tumult aus sind. Auch Autonome sieht man vereinzelt. Die an Holzpfählen befestigten Plakate untermauern die Absichten. Daneben eine Horde Fotojournalisten mit Teleskopobjektiven sowie unzählige Fernsehreporter. Es müssen Hunderte sein, aus unzähligen Staaten. Überall daneben sieht man auf die Demonstranten gerichtete Handys, die das Geschehen per Livestream in Millionen Haushalte weltweit verbreiten.

Helikopter kreisen in 150 Metern Höhe. Darin sitzen Scharfschützen an geöffneten Schiebetüren und sind bereit, jederzeit einzugreifen. Private Drohnen, mit Kameras bestückt, ferngesteuert aus Kinderzimmern in der näheren Umgebung und die Bilder ebenfalls live übertragend an die Millionen Internetzuschauer weltweit, trauen sich in den gleichen Luftraum, trotz bekanntem Verbot.

Am Strassenrand gaffen Tausende Zuschauer. Hier und da hört man Buhrufe und Sprechchöre. Einige applaudieren und jubeln dem Umzug zu.

In der Ferne vernimmt man wage die Gegendemonstration. Scharen von Polizisten und Militärs versuchen mit harten Mitteln, die Menschengruppen der beiden Paraden in einer Art Sperrzone voneinander fernzuhalten. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die Gruppen aufeinandertreffen würden.

Mit karger, nun fast schluchzender Stimme wiederholt Daniel seine Aussage: »Hätte ich bloss diese E-Mail nicht geschickt, dann hätte die Welt einfach ihren gewohnten Lauf genommen.«

Seine Frau steht neben ihm mit Tränen in den Augen. Noch immer starrt sie auf die Strasse hinunter. Sie nickt, kann ihn jedoch nicht wirklich trösten, denn nur zu gut kennt sie die Geschichte, die vor zwei Jahren begonnen hat und sich schnell vom grössten Ereignis der Menschheit zum riesigen Albtraum entwickelte.

Und … es hätte sogar noch schlimmer kommen können!

Alles begann im Frühjahr 2015.

Kapitel 2

Samstag, 12. Mai 2015 / San Francisco

20:33 Uhr

Daniel geniesst die freien Tage des Wochenendes mit seiner Familie. Er und Deborah waren mit den Kindern heute im Zoo und konnten so die ersten richtig warmen Stunden des Jahres draussen geniessen. Erschöpft von vielen Eindrücken und zu viel frischer Luft vom Spazieren im Zoo lassen sich beide abends ins Sofa fallen.

Die Kinder sind bereits seit geraumer Zeit im Bett. Sie haben sich in die wohlig warme Bettdecke eingekuschelt und folgen ihren Gedanken. Einschlafen können sie einstweilen noch nicht. Aber sie haben gelernt, alleine im Bett zu warten, bis sie einschlafen, wenn auch nur mit einem offenen Türspalt, sodass noch ein wenig Licht ins Zimmer fällt und sie von weitem leise die Stimmen der Eltern hören. Vor ein paar Jahren, als die Kinder noch klein waren, mussten Daniel und Deborah jeden Abend bei ihnen liegen, bis sie eingeschlafen waren. Dies ist zum Glück nicht mehr der Fall, sodass Daniel und Deborah nun mehr Zeit bleibt für Lesen, Hobbys, Fernsehen oder sonst was.

Deborah und Daniel machen es sich mit einem Glas Wein im Wohnzimmer gemütlich. Auf dem Glastisch in der Mitte des Raumes steht eine verzierte Schale mit frischen Trauben, wovon sie von Zeit zu Zeit eine in den Mund befördern. Zeitungen, Zeitschriften und jede Menge Bücher liegen ebenfalls auf dem Glastisch und auf den Sofas herum und zeugen davon, dass die Renkers weltoffen und gerne informiert sind.

Deborah schlägt ihr Buch über Kunstgeschichte auf und sucht die Stelle, über die sie letztes Mal eingeschlafen ist. Das Buch ist spannend und sie interessiert sich auch sehr für dieses Thema, aber in den letzten Monaten fallen ihr die Augen abends schneller zu als früher. Vielleicht, weil sie bereits über vierzig ist. Vielleicht ist auch einfach nur das Sofa viel bequemer als früher.

Daniel sitzt neben ihr, beginnt zuerst die englische Ausgabe der »Neueste Frankfurter Tageszeitung« zu lesen, schaltet jedoch nach ein paar Minuten, Punkt 21:15 Uhr, den Fernseher an. Er hofft auf eine neue Folge von »The Big Bang Theory«, aber es wird wieder einmal nur eine alte gezeigt, in der Sheldon einen Roboter mit Fernsteuerung baut, um sich als »virtuelle Präsenz« zu bewegen, damit er nicht selber aus dem Bett heraussteigen und in die gefährliche Welt draussen vor seinem Zimmer gehen muss. Dies ist gewiss eine der besten Episoden von TBBT, aber Daniel hat diese Folge bestimmt bereits zwei bis drei Mal gesehen, oder noch häufiger.

Gelangweilt zappt Daniel durch die Kanäle. Krimi auf dem einen Kanal, Spital-Soaps auf dem nächsten. Quizshows mit Millionengewinnen auf dem dritten. Dann wieder Krimi. Und so weiter und so weiter. Er gähnt und sieht zu seiner Frau hinüber. Sie zeigt ihm schulterzuckend und kopfschüttelnd an, wie gross ihr Interesse an Krimis ist. Er zappt weiter. Schliesslich bleibt er bei einem Wissenschaftssender hängen und sieht sich eine Dokumentation über Exoplaneten an. Seine müden Augen beginnen sich wieder ganz zu öffnen.

Augenblicklich ist seine Langeweile verschwunden.

Es ist eine dieser wunderbar informativ aufgemachten Zusammenstellungen der BBC, diesmal zur Historie der Suche nach Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems; dies aus Anlass des zwanzigsten Jubiläums des ersten Nachweises eines solchen exoterrestrischen Planeten im Jahre 1995.

Exoplaneten und Astrophysik sind bei weitem keine Fremdwörter für ihn. Nicht nur, aber auch, da er vor langer Zeit mal einen Doktortitel in Astrophysik erwarb. Kein Wunder, steht der achthundert Seiten starke, zwei Kilogramm schwere Wälzer »The Cosmic Perspective« seit Jahren bei Daniel auf dem Nachttisch. Es ist sein Lieblingsbuch, und könnte man darin baden oder es essen, er würde es tun.

Während in der BBC-Reportage der emeritierte Professor Frederic Gloor im Interview erzählt, wie er damals nach vielen Jahren Forschung zur bahnbrechenden Idee kam, die minimale Bewegungsänderung der Sterne aufgrund der gravitativen Anziehungskraft der sie umdrehenden Planeten zu messen, sucht Daniel parallel auf seinem Tablet nach weiteren Informationen im Internet dazu. Nichtlineares Fernsehen nennen dies heutige Journalisten, wenn beim Fernsehen auch ein Zweitgerät mit Internet mitbenutzt wird – für die Renkers seit ein paar Jahren alltäglich.

Auf seine charmante Art nennt Professor Gloor die detektierte Sternenauslenkung eine »Wackelbewegung des Sterns«, was zwar keine wirklich wissenschaftliche Deskription ist, aber die regelmässige Auslenkung der Sterne auf eindrückliche Art und für jedermann einleuchtend beschreibt.

Gespannt folgt Daniel dem Interview, und Herr Gloor fährt darin mit seiner Erklärung wie folgt fort: »Die Bewegung des Zentralgestirns aufgrund der Anziehung seiner umlaufenden Planeten ist oft nur ein paar Meter pro Sekunde. Erstaunlich, dass man dies über eine Distanz von Billionen von Kilometern von der Erde aus messen kann, nicht wahr?« Dabei schmunzelt Herr Gloor verschmitzt, wohl wissend, dass es eine Meisterleistung ist, solche Messungen durchzuführen.

»In der Tat«, hört man den jungen Reporter antworten. »Wie bestimmt man denn solch kleine Bewegungen? Auch die besten Teleskope auf der Erde oder das Hubble-Teleskop in der Erdumlaufbahn können eine solch kleine Auslenkung nicht auflösen.«

»Sie haben recht! Simples Hindurchsehen durch ein Fernrohr reicht nicht aus. Wir können stattdessen mit Hilfe des Hubble-Teleskops eine Methode anwenden, die Dopplerverschiebung genannt wird und vergleichbar ist mit der Änderung der Tonhöhe des Lärms, wenn ein Auto zuerst auf Sie zu- und sich dann wieder von Ihnen wegbewegt.«

Daniel stoppt den Bericht auf seinem Smart-TV, um seiner Frau und sich einen Latte Macchiato zu holen. Als er das Programm wieder weiterlaufen lässt, verdreht seine Frau die Augen und kann nicht nachvollziehen, dass er allen Ernstes diese Reportage weiter ansehen möchte. Aber sie lässt ihn natürlich gewähren, ohne ein Wort zu sagen. Sie hat ja ihr Lieblingsbuch in der Hand.

Der Bericht fährt fort mit weiteren Erläuterungen seitens Professor Gloor: »Sterne, die derart in unsere Richtung bewegt werden oder von uns weg, auch wenn es nur ein paar Meter pro Sekunde sind, zeigen veränderte Spektren. Oder einfach gesagt«, und dabei zeigt er auf eine vorbereitete Darstellung, »das messbare Licht und andere elektromagnetische Strahlung eines Sterns wie zum Beispiel Radiowellenstrahlung, Infrarotstrahlung und Mikrowellenstrahlung werden ein wenig roter oder blauer sein, je nachdem ob der Stern in unsere Richtung beschleunigt wird oder in die andere Richtung. Da die Planeten diese Sterne mit schöner Regelmässigkeit umkreisen, sieht man folglich abwechselnd rot-verschobenes und blauverschobenes Sternenlicht.«

Deborah schaut von ihrem Buch auf. Sie hatte den letzten Abschnitt darin nun bereits dreimal gelesen und kann sich noch immer nicht darauf konzentrieren. Zu sehr ist sie vom TV-Geschehen unbewusst abgelenkt.

Die Dokumentation kommentierend, murmelt sie: »Dieses Kauderwelsch kann ja kein Mensch verstehen. Würde mich nicht wundern, wenn bald darin gesagt wird, dass unter uns bereits Ausserirdische auf der Erde leben.«

Ihr Mann schaut kurz zu ihr hinüber, lächelt, bestätigt, dass dieses Interview wohl nur mit viel Vorwissen interessant ist, und verfolgt die Sendung dann weiter.

Der BBC-Reporter fügt hinzu: »Hört sich zwar einfach an, aber diese Rot- und Blauverschiebungen sind sicher auch nur minimal. Bewundernswert, dass man diese kleinen Farbänderungen messen kann.«

»Oui, n’est-ce pas? Aber es geht, dank der hervorragenden Arbeit vieler talentierter Ingenieure und Wissenschaftler der letzten 150 Jahre. Weltweit wurden mit dieser Methode sogar bereits mehrere hundert Planeten in anderen Sonnensystemen innerhalb und ausserhalb unserer Galaxie, der Milchstrasse, gefunden.«

Professor Gloor hält theatralisch einige Sekunden inne und fährt dann mit spitzbübischer Mimik fort: »Das Einzige, was uns noch nicht gelang, ist, eine zweite Erde zu finden, das heisst einen Planeten in der habitablen Zone seiner Sonne, der genauso lebensfreundliche Bedingungen bietet wie die Erde. Und vielleicht sogar auch Lebewesen beherbergt. Eine sogenannte ERDE 2.0.«

Daniel sieht nun, wie im Fernsehbericht mithilfe eines Animationsfilms über das weithin bekannte »Hubble«-Teleskop berichtet wird und ebenfalls über das 2009 von der NASA gestartete, jedoch weniger bekannte Teleskop »Kepler«.

Als Beispiel für die Leistung der Teleskope erwähnt Herr Gloor, wie 2001 ein natriumreicher Planet im Spektrum seiner Sonne detektiert werden konnte, da er eine dunkle Stelle, eine Absorptionslinie bei der Frequenz von Natrium im Spektrum des Sterns hinterliess.

Daniel erinnert sich an einen ähnlichen Artikel, in dem er las, dass »Hubble« seit dem letzten Upgrade derart gute Optiken hat, dass es einen Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems sogar durch einfaches Fotografieren bestimmen kann.

In der BBC-Doku wird nun erklärt, dass »Kepler« meist eine andere, nämlich die Transit-Methode benutzt, die die Licht-Intensitätsänderung von Sternen misst, wenn ein Planet vor seinem Stern vorbeizieht. Dies gilt als Beweis für einen Exoplaneten um diesen Stern, und man kann damit sogar die Umlaufzeit und damit die Entfernung des Planeten zum Stern bestimmen.

Von »Kepler« und »Hubble« und deren Methoden hat Daniel in den letzten Jahren immer mal wieder gehört und gelesen. Genau verfolgen konnte Daniel das Thema »Exoplanet« jedoch selbstverständlich nicht. Zu viel Ablenkung im Leben: Arbeit, Kinder, Steuererklärung, Handytarifvergleiche, TV-Serien, Schlafen, Games, Skifahren, Elternabende in der Schule etc. – wie bei vielen.

Der TV-Bericht schliesst das Thema mit der Aussage ab, dass mit »Kepler« in der Zwischenzeit hunderte, ja tausende Planeten detektiert wurden. Erst kürzlich, Anfang 2015, fand man damit einen zweiten Planeten in der habitablen Zone eines Sterns.

Den letzten Teil der Sendung hat Daniel jedoch kaum mitbekommen. Denn obwohl er noch dagegen ankämpft, fallen ihm die Augen seit ein paar Minuten ständig wieder zu. Der Tag war einfach zu lang. Und zwanzig ist er ja auch nicht mehr. Er schielt mit halboffenen Augen zu Deborah rüber, um ihr vorzuschlagen, ins Bett zu gehen. Seine Frau ist allerdings bereits längst unter ihrem Buch eingenickt.

Kapitel 3

Sonntag, 13. Mai 2015 / Zürich

04:43 Uhr

Die gleiche BBC-Doku flimmert auf einem Fernseher an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich in einem kleinen, dunklen Labor einer Zweigstelle der Europäischen Südsternwarte ESO.

June Northwind, eine 24-jährige Studentin im siebten Semester sitzt forschend vor ihrer Aufgabe, die neu aufgenommenen Kepler-Transit-Aufnahmen von Exoplaneten per Auge vorzuselektieren.

Leise säuselt die Fernsehreportage von irgendwoher im Raum. Auch eine 80er-Jahre-Filmmusik-CD läuft leise im Hintergrund. Auf Junes Schreibtisch liegen neben unzähligen wissenschaftlichen Artikeln und Fachbüchern auch der aktuelle Roman-Bestseller von Jojo Moyes sowie leere und volle Erdnuss-Verpackungen und eine Tasse, die bereits derart viele Tees gesehen hat, dass man mit den grossflächigen Ablagerungen sicherlich einen Instant-Tee aufbrühen könnte. Ausserdem duftet es sanft nach Räucherstäbchen – wohl ein Überbleibsel des Wissenschaftlers, der vor ein paar Stunden in diesem Labor arbeitete.

04:50 Uhr

Ein »Piep« ertönt aus ihrem PC. Sofort beginnt sie, die neu eintreffenden Daten zu analysieren. Sie arbeitet konzentriert und flink wie ein Wiesel. Jedermann würde begeistert erkennen, wie erfahren sie dies durchführt – wäre ausser ihr überhaupt jemand im Raum.

Es liegt an ihrem geübten Blick zu entscheiden, ob die Daten als wertvoll betrachtet werden können und weiterverarbeitet werden oder nicht. Wie im Märchen: Die Guten ins Töpfchen die Schlechten ins Tröpfchen…

Ursprünglich stammte June aus einer New Yorker Politikerfamilie und sitzt nur des Nebenjobgeldes wegen als Analystin im Labor. Na ja, fasst nur des Geldes wegen; ein wenig auch um mit ihrem Lieblings-Professor Herrn Gloor zu arbeiten. Trotzdem könnte sie sich besseres vorstellen, das sie machen könnte. Um 04:53 Uhr. An einem Sonntag.

Als einzige Aufmunterung geniesst sie jeweils auf dem Weg zu den Getränke- und Snackautomaten die wunderbar ruhige Aussicht vom Forschungsgebäude auf Zürichs "Hönggerberg" hinunter auf die schlafende Stadt.

Neben ihrer Arbeit findet June ab und zu Zeit um auf den Fernseher zu schauen auf dem sie wie immer den Britischen Sender BBC eingestellt hat. Aktuell wird im TV über die Anfänge der Exoplaneten-Suche berichtet. Sie kennt dies natürlich alles längst bis in alle Details; immerhin hegt sie jahrelanges Interesse daran und suchte sich genau den Prof aus, der 1995 als erster einen Exoplaneten nachweisen konnte.

Ihr PC-Bildschirm zeigt jeweils eine »Kepler«-Transit-Aufnahme alle zehn Minuten und kündigt sich mit einem kurzen Piep an. Die Aufnahmen werden mit der 95 Megapixel Kamera des Kepler-Teleskops detektiert und innerhalb von 1.3 Sekunden über das Forschungs-Internet vom NASA Ames Research Center zum ESO-Hauptsitz in Garching und danach gleich nach Zürich transmittiert. Die Auflösung ist hervorragend, aber die Deutung dieser sogenannten Transit-Lichtkurven ist nicht trivial. June musste sich eineinhalb Monate einarbeiten, um die feinen Unterschiede der Lichtintensitätsänderungen aufgrund von Transitdurchgängen zu erkennen und sich nicht fehlleiten zu lassen von Fluktuationen des Lichts auf dem Weg vom Stern zur Erde. Aktuelle Software, Algorithmen und Super-Rechner sind gewiss fähig diese Unterscheidung bei vielen Aufnahmen selbständig durchführen, aber bei ca. drei Prozent der Aufnahmen ist weiterhin die menschliche Fähigkeit der Mustererkennung unabkömmlich. Immerhin muss June, nach der ersten manuellen Selektion, die Daten nicht selber weiter sortieren, denn dies machen glücklicherweise tausende Amateure im Zooniverse.org Projekt.

June übernahm vor fünf Monaten die erste der vier Zürcher Schichten. Zwischen 01:00 und 07:00 Uhr. Sechs Stunden Arbeiten im 10-Minutentakt. Nicht sonderlich hilfreich für ausgeschlafene Vorlesungsbesuche. Aber sie lernt schnell und selbstständig aus Büchern und verzichtet deshalb meist auf einige Vorlesungen am Vormittag.

Parallele Analyse-Schichten wie ihre gibt es ausser in Zürich noch in Wien, Berlin, Reykjavik und Madrid. Viel Kommunikation zwischen den fünf Orten oder zwischen den vier Schichten an jedem Orten benötigen die Analysten nicht. Dennoch ist Marianne Winterbergl, eine gleichaltrige Studentin der Wiener Parallelschicht, zu einer wahren Brieffreundin geworden, wenn man dies bei E-Mail-, Video- und Internet-Chat-Verkehr so überhaupt noch altmodisch bezeichnen kann.

June und Marianne chatten zwischendurch über dies und jenes. Eben über alles was sie bewegt. Sie diskutieren zum Beispiel über kürzlich gefundene Planetkandidaten, die sie in den Aufnahmen detektiert haben und die jetzt nur noch der Bestätigung benötigen damit aus ihnen bewiesene Planeten werden. Sie chatten aber manchmal auch darüber wie sie sich fühlen oder woran sie zurzeit denken. Es hilft beiden die Einsamkeit im Labor besser zu ertragen.

Da sie beide zur gleichen Zeit als Analystinnen begonnen haben, unterhielten sie sich zu Beginn ihrer Tätigkeit auch über die Job-Bedingungen und die Art der Auswertung. Sie konnten und wollten damals nicht verstehen warum sie einem zehnminütigen Takt ausgesetzt sind, wenn doch die Aufnahmen am Teleskop im dreissig Minuten Takt erfolgen, dafür an vielen Sternen gleichzeitig und nicht nur an einem. Vor ein paar Monaten, an einem "Welcome Day", erklärte ihnen Prof. Gloor den Grund dafür unter sechs Augen und seither meiden sie dieses Tabu-Thema in ihrer Kommunikation. Damals erzählte er ihnen von dem einen Berater der vor zwei Jahren das Projekt für viel Geld noch effizienter machen wollte indem er sein neu erlerntes Lean-Management und SixSigmaWissen einbrachte. Es war für ihn damals glasklar, dass ein getakteter Prozess nicht nur in der herstellenden Industrie bei der Fabrikation von Schrauben und ähnlichem, sondern auch in der Wissenschaft erfolgreich sein muss.

Nicht alle Forscher teilten diese Meinung und hätten das viele Geld lieber in die Forschung gesteckt. Ein Tabu-Thema seither.

June und Marianne erfuhren damals in ihrer Einführungsphase auch, dass an den fünf Orten mit je vier Schichten Tag für Tag total ca. 720 Transit-Durchgänge verarbeitet werden. Zusammen mit den 97% die per Software ausgewertet werden, sind dies ca. 8.5 Millionen Aufnahmen von möglichen Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems pro Jahr. Und jedes dieser Aufnahmen könnte eine ERDE 2.0 zeigen. Deshalb, so lernten und verstanden sie, lohnt sich auch der Aufwand die 3% von Hand zu analysieren.

05:00 Uhr

Zehn Minuten nach dem letzten "Piep" ertönt der nächste, und wieder erscheint eine neue Planeten-Transit-Aufnahme auf Junes 27-Zoll Bildschirm. Ein weiteres Mal: die Guten ins Töpfchen die Schlechten ins Tröpfchen…

Dazu läuft gleichzeitig im Hintergrund "Mr Sandman" ab ihrem CD-Player; einer ihrer Lieblings-Soundtracks aus "Back To The Future". Selbstverständlich folgt "The Power of Love" gleich anschliessend.

Es gab in ihrem Leben nur zwei andere Soundtracks, die sie noch mehr liebt; die Titelmusik zu "Captain Future", und natürlich die Filmmusik zu "Das Boot".

05:10 Uhr

Weitere zehn Minuten später beginnt die nächste Analyse. Die Guten ins Töpfchen die Schlechten ins Tröpfchen…

So geht es jeweils stundenlang. Ein Traumjob! Was man nicht alles macht fürs Geld und die Wissenschaft!?

Bis zum nächsten »Piep« verfolgt sie weiterhin die Reportage im Fernsehen. Im Liveticker am unteren Bildschirmrand werden laufend Sportresultate vom Amerikanischen Football sowie Wochenrückblicke Japanischer Wirtschaftsdaten aktualisiert. Beides lässt June kalt und lenkt sie kaum von der Doku ab, welcher sie im TV folgt.

Der dunkle, wohltemperierte Raum, das Flimmern des alten Röhrenfernsehers, die fortgeschrittene Zeit, die leise, sanfte Hintergrundmusik sowie die Berichterstattung im Fernseher lässt sie zunehmend schläfrig werden. Lange hielt sie es heute schon aus, aber nach und nach kann sie nicht mehr dagegen ankämpfen und versinkt unfreiwillig in einen wohligen Minutenschlaf. Sie träumt von ihrem Nebenjob, vom Weltall, von erdähnlichen Planeten und von Sternen. Fast so wie eine Art virtuellem Science-Fiction-Movie in Eigenregie und Kurzformat.

05:20 Uhr

Jäh wird sie nach einigen Minuten wieder durch das kurze, jedoch schrille »Piep« aus dem Traum herausgerissen, welches die nächste Teleskopaufnahme am Bildschirm ankündigt. Wieder muss sie diese durchsehen, analysieren, einschätzen, den Kontrast erhöhen, die Sterne kennzeichnen, entsprechend in der Datenbank taggen und zur weiteren Verwendung digital signieren.

Von Zeit zu Zeit, zwischen zweier Transit-Aufnahmen, denkt sie darüber nach, ob sie sich nicht besser einen anderen Nebenjob suchen soll. Sie übt diesen nun bereits das ganze siebte Semester aus, immerhin fünf Monate. Vielleicht sollte sie eher einen Job als Serviererin in der Kantine suchen? Wäre etwa ebenso schlecht bezahlt, aber immerhin hätte sie mit Menschen zu tun und der Job wäre sicher abwechslungsreicher.

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