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Leben am Parnass VI

Ein jeder erwächst aus den Vorleistungen derer, die wiederum aus gleichem Willen der Schöpfung ihre Wurzeln in das Denken und Handeln ihrer Vorfahren getrieben haben. Es verbietet sich daher, das eigene Jetzt und Ich zu proklamieren, sondern es steht einem jeden ein Maß an Dankbarkeit an, das uns die eigenen Leistungen wie auch unsere Fehlentscheidungen als Bedingtheiten vor Augen führt, denen wir zu folgen gezwungen waren oder uns entschieden hatten.

In allem, was uns leben hieß und darin zum Guten förderte, haben wir Dank zu sagen. Und greifen wir auf jene zurück, die uns früh begleiteten und den Weg bereiteten, so dürfen wir auch nicht jener vergessen, die uns zukünftig so viel zu sagen haben werden, dass wir auf sie nicht verzichten sollten.

Gewiss bleibt es eine karge Auswahl der Namen und Schicksale, die uns formten oder uns zukünftig noch verändern werden. Aber es würde den Rahmen dieser Ausgabe sprengen. So ist es mir recht, den Kern einer Einflussnahme aufzuzeigen und damit anzudeuten, wie weit sich der Rahmen wohl spannen ließe.

Vergessen sind nicht die Menschen der Kinderjahre, der Schulzeit, der Weichenstellungen für Beruf und Weiterbildung! Ihrer sei gedacht, ohne dass man sie namentlich nennen muss – und den Mitautoren dieses Buches geht es ebenso. Ich darf sicher sein, dass sie sich meinen Ausführungen gern anschließen.

Mit den Augen der anderen den Spuren nachgehen, die man zu hinterlassen gebunden ist, eröffnet die notwendigen Perspektiven für ein dauerhaftes vertiefendes Verstehen.

Hinweis: In diesen autobiografischen Texten gibt es rückblikkende Charakterisierungen und deren kritisch zu betrachtende Aktivitäten. Da diese Form der Darstellung die Persönlichkeitsrechte zu verletzen scheint, werden wir die ursprüngliche Textfassung gegen ein Textpräparat austauschen, das einer juristischen Analyse standhalten und keine negativen Bemerkungen enthalten wird. Wir hoffen, damit der literarischen correctness entsprochen zu haben. Solche Personen werden mit dem Buchstaben P. (Polyphem = der Geblendete) gekennzeichnet. Wir Autoren haben uns bemüht, alle Spuren zur Namensnennung solchen Personen zu verwischen.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltesverzeichnis

Joachim Hessenius:
Die Kinderjahre in Steenfelderfeld

Nachtrag mit Bilddokumenten

Hans Joachim Jeche:
Als alle schliefen

Joachim Hessenius:
Das alte Märchenbuch

Lenold Schoolmann:

Eine Schule der Zukunft 20XX

C.C. Grabbe:
Betrachtungen zur Zeit

Die Sprache der Fotografie

T.C. Grabbe:
Zurückgeblickt

Gedanken zur Wehrpflicht

Minderheiten in der Autonomen Republik Xinjiang

Der Süden von Paris

G.F. Grabbe:
Die Grunzner-Pyramide

Wiedergeburt

Boje 22 – Zum Tode meines Bruders P. W. Grabbe

Sita Grabbe
Peter Grabbe – mein Opa

Schule – kein Spaziergang

G.F.Grabbe
Geschichten in plattdeutscher Sprache

Der Lehrer Friedrich Grabbe

Der Jüngling um Mitternacht

Das Antlitz des Zukünftigen – Hertha Catharina Grabbe mit Helmuth

Grußwort

Joachim Hessenius

Joachim Hessenius

Die Kinderjahre

(1947 bis 1958 in Steenfelderfeld)

gewidmet
meinem Sohn Dirk
und
meinem Enkel Florian

- Die Kinderjahre in Steenfelderfeld -

Ich wurde am 19. Dezember 1947, an einem Freitag, um 2.45 Uhr in einem erbärmlich kalten Winter in Steenfelderfeld geboren - in einem Nebengebäude eines Wohnhauses, welches Embert Korfe mit Frau und Kindern bewohnte. Im Nachbarhaus wohnte eine Familie Steinbach.

Die Gebäude standen in einem Gehölz an einem schmalen Sandweg. Heute heißt diese Zuwegung „Schmaler Weg“. Damals gab es in keinem Dorf Namen für die Feldwege, die vereinzelt stehenden Häuser hatten Hausnummern, und das war’s!

Meine Eltern heirateten am 01. Juni 1947. Meine Mutter war Vertriebene aus Schlesien – ein „Flüchtling“. Ihre Familie wurde durch die Kriegs- und Nachkriegswirren zerrissen. Ihr Vater starb bereits vor Jahren in der Heimat. Bruder Günther, geb. 1924, überlebte den Kessel von Stalingrad und Hans, geb. 1928, wurde noch kurz vor Weihnachten 1944 in das Marine-Wehrertüchtigungslager Schlesiersee einberufen - sie hatten das Unheil überstanden und konnten sich inzwischen bei der Schwester und ihrer Mutter (meiner Oma) melden, die natürlich überglücklich waren und danach die monatelange Suche durch das Rote Kreuz beenden konnte.

Ihren ersten Mann, einen Bäcker und Konditor, heiratete Mutter in Schlesien. Es war ein kurzes Glück – ein verlustreicher Einsatz auf der Krim machte sie zu einer jungen Witwe. Mit ihrer, immer an Herzasthma kränkelnden Mutter, landete sie nun in Ostfriesland. Es war wie ein Sprung durch eine Wand in graue Vorzeit.

Mein Vater, ein Ostfriese, hatte den Krieg als einfacher Landser, als Obergefreiter einer Infanteriedivision und im Pionierbataillon in den höllischen Einsätzen bei Leningrad und am Ladogasee überlebt. Dreimal verwundet. Armdurchschuss, Halsdurchschuss, schwere Hüftverletzung durch Steckschuss und Granatsplitter – aber überlebt. Sturmabzeichen, Verwundetenabzeichen in SCHWARZ, SILBER und für GOLD vorgeschlagen, durch das Kriegsende aber nicht mehr erhalten, Eisernes Kreuz II. Klasse, und ich kann mich an eine Kriegsrente von damals dreißig Mark erinnern. Das war der Dank des Vaterlandes.

Die beiden hatten sich nun gefunden, liebten sich, wollten zusammenbleiben, es anpacken und endlich eine Zukunft haben.

Mutter – 24 Jahre alt Weihnachten 1946

Vater – hier 18 oder 19 Jahre alt

Die Wohnung – wenn man es so nennen kann – in der ich geboren wurde, kann man sich heute sicher kaum vorstellen. Ich hörte von meinen Eltern, daß es kein Wasser gab, um mich zu waschen. Es gab im Freien einen Brunnen, eine sogenannte „Pütte“ Dort wurde das Wasser eimerweise an einem langen Stangenhaken aus der Tiefe hochgezogen. Im strengen Winter 1947 mußte mein Vater erst Eisbrocken zerschlagen, die sich unter dem Schnee der Pütte gebildet hatten. Nun bekam man Wasser, und ich konnte gereinigt werden.

Mein Vater schaffte es zu Fuß durch den hohen Schnee bis zur Hebamme – als er dann mit ihr zurückkam, war ich bereits geboren.

Lange war es dort nicht möglich zu wohnen. Durch Bemühungen meines Vaters und Hilfe der Gemeinde bekamen meine Eltern eine kleine Wohnung oben in der Dorfschule in Steenfelderfeld – als Mieter bei der Lehrerfamilie Grabbe.

Ankunft in der neuen Wohnung Schule Steenfelderfeld September

Unmittelbar an das Wohnhaus grenzte das Schulgebäude mit den (seit 1950) üblichen zwei Klassenräumen. In jedem Raum wurden vier Jahrgänge unterrichtet. Um das Schulgebäude herum der große Schulhof – jedoch durch Pforten und Zäune alles schön getrennt vom Privathaus.

Für uns ein Glücksfall! Man kam durch das Portal, einem kleinen Vorbau, zur Haustür der Familie Grabbe. Gleich rechts führte eine steile Holztreppe hinauf zu unserer Wohnung. Oben angekommen, öffnete man eine weitere Tür und stand sofort in einem winzigen Raum – dies sollte die Küche sein. Ein Schritt, und man befand sich vor einem Stangenherd. Hier war auch der Platz, an dem die Nachttöpfe von uns Kindern standen, auf die wir mehrmals täglich gesetzt wurden, um uns „stubenrein“ zu machen. Lustig war es außerdem, darauf zu hocken, denn man konnte sich auch die Zeit vertreiben: mit Gesang oder sich mit den nackten Füßen auf dem glatten Holzfußboden abstoßen und sich so mit dem kompletten Topf wie ein Kreisel drehen! Nach einiger Zeit erinnerte uns zwar die Oma daran, weshalb wir wirklich dort saßen, doch unseren Spaß hatten wir schon.

Auch die kleine Zinkbadewanne hatte da ihren Standort, wenn zum Wochenende „Badezeit“ war! Jeder Eimer mit Wasser mußte von unten die Treppe hochgeschleppt und zuvor von Hand eingepumpt werden. Auf dem Herd stand ein großer Kessel – hier wurde ein Teil des Wassers erhitzt und dann zusammen mit kaltem Wasser in die Wanne gefüllt. Eine Woche war ich zuerst im Wasser, dann folgte meine Schwester, die andere Woche kam meine Schwester zuerst und ich war dann nach ihr an der Reihe!

Zwei Schritte nach links, und man mußte sich bücken, um unter die Dachschräge gehen zu können, wo längsseits das Bett meiner Oma stand, und man mag es glauben, oder auch nicht – ich weiß noch, wie es sich auf einem Strohsack schläft! So was hatten wir nämlich zuerst.

Über Oma’s Bett gab es ein kleines Dachfenster. Wenn man sich nicht nach links in Richtung des Bettes bewegte, sondern ein oder zwei Schritte weiter geradeaus ging, dann gelangte man an eine Tür, die auf den „Boden“ führte. Ein großer, freier Raum mit alten, ausgeblichenen Holzdielen und morschen Balken. Unter den Dachschrägen lagerten die Vorräte für den Winterbrand, also Torf oder Briketts. Außerdem war es ein Trockenboden und ein idealer Platz zum Spielen, und man konnte dort auch Besucher unterbringen - aber dazu komme ich noch!

Nun zur anderen Seite – also von der Eingangstür zu unserer Wohnung, oberhalb der Treppe war hier die wichtigste Tür! Die Tür, hinter der sich unser aller Leben abspielte. Der Raum war vielleicht 2,50 Meter breit und 4,00 Meter lang – wenn überhaupt! Darin links ein Schrank. Hinter dem Schrank stand später noch ein schmales Bett, in dem Oma schlief, solange Onkel Hans bei uns wohnte. Mein Onkel schlief dann auf dem Feldbett unter der Schräge am Küchenraum. Rechts stand ein Tisch mit Stühlen. Vorn, an der Tür, hatte noch ein kleiner Ofen Platz. Vaters Stuhl und somit sein „Stammplatz“ war hinten in der Fensterecke am Tisch.

Von wegen Toilette und fließendes Wasser! Gab es alles nicht! Den winzigen Schlafraum, in dem ein kleiner Kleiderschrank stehen konnte, betrat man durch eine Tür vom Wohnraum aus. Rechts an der Wand ein Ehebett und quer davor ein Kinderbett. Unter jedem Bett ein Nachttopf. Und es war mühsam, sich dort noch zu bewegen. Zu eng. Aber es ging und es war besser als in der Herberge am Schmalen Weg. Wo das Bett der Eltern stand, gab es ein kleines Fenster mit Blick auf einen Feldweg, auf einen Wall und auf dahinter liegende Kornfelder.

So – das war nun unser Zuhause! Aus heutiger Sicht, bestimmt ein Albtraum! Zehn Jahre wohnten wir dort – bis die Eltern Anfang 1958 in Steenfelde an der Königstraße mit Unterstützung des damaligen Heimstättenverbandes ein kleines Einfamilienhaus bauen konnten. Ich erinnere mich an eine Summe von ca. 28.000 Mark! Ein Haufen Geld damals und bestimmt für die Eltern mit ein Grund für so manche schlaflose Nacht.

Diese kleine Wohnung bei der Lehrerfamilie sollte für mich und meine Schwester Rosa-Maria, die am 23. Februar 1950 dort geboren wurde, der sicherste Ort der Kindheit werden – ein „Nest“ aus dem wir Erinnerungen, Empfindungen, Erlebnisse und Eindrücke aufnahmen, die uns das ganze bisherige Leben begleitet und auch mit geprägt haben.

Diese, unsere schönen Kinderjahre in Steenfelderfeld werden wir niemals vergessen! Es war für uns ein Paradies!

Unsere Mutter – wohl der Mittelpunkt in diesem „Paradies“, also in unserem Leben sowieso! Es gab einfach keinen Tag, an dem sie nicht da war. In meinen frühesten Erinnerungen sehe ich mich auf ihren Knien sitzen und höre, wie sie mir die alten Kinderlieder vorsingt, Geschichten erzählt, Geschichten aus ihrer Heimat, und wie sie aus einem großen Märchenbuch mit herrlichen Bildern vorliest. Geschichten aus Schlesien wiederholten sich im Laufe der Jahre, und ich verstand sie immer besser – Mutter erzählte von der Schwanen-Marie, von der Kutsche-Berta, vom Schwanenteich, der Dominsel in Breslau, vom Gut, auf dem ihre Familie wohnte und arbeitete, vom Grafen Henkel von Donnersberg, von der Glansbach, der Oder, von Rübezahl und dem Riesengebirge und natürlich von Opa Hermann, ihrem Vater, dem Melkermeister, und in dem Zusammenhang blieben auch die Geschichten ihrer Kinderzeit nicht aus. Später begriff ich, daß sie versuchte, uns das wiederzugeben, was sie selbst in ihren Kinderjahren bekommen hatte. Mutter verstand es, ihrer Tochter und ihrem Sohn eine Kindheit zu gestalten, ohne finanzielle Mittel zur Verfügung zu haben. Mir ist es heute noch ein Rätsel, wie sie es geschafft hat.

Wenn Vater arbeitslos war, muß es doch kaum Geld gegeben haben, und wie schlecht wurde dann die Tätigkeit bezahlt, die er ausübte in Aschendorfermoor – mit dem Rad bei Wind und Wetter jeden Morgen fast zwanzig Kilometer hin und die gleiche Strecke am Abend wieder zurück! Oder danach beim Straßenbau, als er die heutige Lindenstraße, an der wir wohnen, mit baute. Ohne Rücksicht auf seine kaputten Knochen. Mutter schaffte es, daß wir satt wurden, wir immer ordentlich angezogen waren, und sie verstand es, uns beizubringen ohne Neid zu akzeptieren, daß andere Menschen mehr besitzen können und daß sie sich auch damit hervortun können. Dieses Verhalten wurde uns keineswegs „eingetrichtert“ – nein – sie brachte es uns bei, ohne es uns zu sagen. Ich glaube, sie lebte es uns vor.

Niemals hätte ich es gewagt, z.B. später, in der Schule, ein nicht gegessenes Pausenbrot in den Sand zu werfen! Nicht einmal die Kruste!

Auch damals gab es schon Kinder, die ein Stück Brot fortwarfen. Kinder, die in eine ganze Tafel Schokolade bissen, als für mich Schokolade mit Weihnachten und Ostern oder Geburtstag in Zusammenhang gebracht wurde. Ich konnte da zusehen. Verstand es zwar nicht, und für mich waren es eben „ungezogene Kinder“ Bescheidenheit war es natürlich auch, was uns da beigebracht wurde, doch ohne Neid.

Ich erwähnte, daß es keinen Tag gab, an dem Mutter nicht da war – so ganz stimmt das nicht: Es gab damals ein „Müttergenesungswerk“ und dank dieser Einrichtung wurde es unserer Mutter ermöglicht, sich für einige Zeit, fern der Familie, zu erholen. Sie fuhr nach Bad Rehburg ins Schaumburger Land. Heute würde man es als Kuraufenthalt bezeichnen. Vater, Oma und Mutter sowieso versuchten, die Vorbereitung zur Abreise vor uns Kindern zu verheimlichen – ich merkte aber, daß etwas nicht stimmte, doch konnte ich mit den seltsamen Machenschaften der Erwachsenen nichts anfangen. Unruhig war ich schon. Rosi bekam, glaube ich, nichts davon mit – sie war ja noch kleiner.

Ich möchte nicht wissen, wie unsere Mutter das verarbeitet hat, für längere Zeit von ihrer Familie und vor allen Dingen von ihren Kindern getrennt zu sein – doch allein schon aus Rücksicht auf ihre Gesundheit, war diese Maßnahme wohl erforderlich.

Meine Schwester und ich wachten also eines Morgens auf, und Mutter war fort. Rosi verstand das überhaupt nicht – sie weinte diesmal nicht laut, nein, eher still und innerlich, aber erbärmlich lange. Ihre Tränen nahmen kein Ende.

Ich war ja der „große“ Bruder, und so richtig begriffen habe ich das auch nicht, doch ich glaube, Rosi tat es gut, daß ich in ihrer Nähe war, und ich entwickelte ein gewisses Gefühl der Verantwortung für meine kleinere Schwester und war froh, daß wir beide zusammen waren.

Außerdem war unsere Oma ja da und unser Vater – wir wurden also einwandfrei versorgt und bestimmt von Oma noch mehr verhätschelt als sonst. Eine große Tüte mit Süßigkeiten bekamen Rosi und ich – das war zwar eine Herrlichkeit, doch der Verlust der Mutter konnte dadurch nicht gemildert werden. Rosi verzog sich mit ihrer Leckerei auf den großen Boden, hockte sich auf ihr Schaukelpferd und hoppelte heulend vor sich hin – ich konnte nichts dagegen tun, war selbst verzweifelt und grämte mich mit meinen eigenen Gedanken. Von meiner Schwester weiß ich, daß sie abends im Bett immer geweint hat, nicht einschlafen konnte und in den Nächten auch öfter wach wurde.

Natürlich kam Post von Mutter – ein Telefon hatte niemand und die Ansichtskarten und Briefe ließen uns immer wieder hoffen, daß endlich die Zeit in Bad Rehburg vorübergeht.

Alle zusammen marschierten wir an einem Tag zum Bahnhof nach Steenfelde, und ich glaube, wir wären auch bis nach Leer gelaufen, um unsere Mutter wieder abzuholen – die war überglücklich, daß sie ihre Kinder wieder in die Arme nehmen konnte, und auch zutiefst entrüstet, als sie auf die Füße meiner Schwester blickte: Der rechte Fuß war mit dem linken Schuh und der linke Fuß war mit dem rechten Schuh die Strecke von Steenfelderfeld zum Bahnhof gelaufen! Vater wird’s verwechselt haben – sicher war auch er aufgeregt und freute sich, daß seine Frau endlich wiederkam. Oma werden wir die Schuld nicht geben – sie hätte die Verkrümmung der Füße bei meiner Schwester bemerkt!

Unser Vater – seine Jugend hatte ihm der Krieg geraubt. Wortkarg kannten wir ihn nur, doch das empfanden meine Schwester und ich nicht negativ – er war eben so, und es war für uns unvorstellbar, ohne ihn zu sein. Respekt, ja – Respekt hatten wir vor ihm! Keine Angst! Hatten wir, oder speziell ich, etwas „ausgefressen“, strafte er durch eine barsche Frage und eine Anordnung, die nur einmal gegeben wurde, und manchmal genügte ein Blick, und ich wußte, was zu tun war. Nein – er machte bestimmt keine Angst. Ich würde eher sagen, er gab Sicherheit, und seine Zuneigung erfuhren wir durch seine andere Art: Er konnte prima zeichnen, Tiere malen, kunstvoll eine Apfelsine schälen, Sachen reparieren oder herstellen, Schneemänner und Schneerampen bauen und uns seine großen, rauhen Hände geben. Was konnte uns schon passieren, wenn Vater dabei war? Nichts!

Trotz seiner schweren Kriegsverwundungen suchte er verzweifelt nach einer Arbeit – egal welcher Art! Gelernt hatte er ja nichts. Gleich nach der Schule, fort vom Elternhaus auf einen Bauernhof nach Driever – harte Arbeit in der Landwirtschaft!

Das war damals so. Einmal im Monat fragte der Lehrer, wer von den Kindern – egal ob Mädel oder Junge – vierzehn Jahre alt wurde. Die sich meldeten, konnten sofort nach Hause gehen. Dort war der nächste Schritt der Auszug aus dem Elternhaus als Magd oder Knecht auf einen Hof. Die Leute waren arm, und - jedes Kind kostete Geld.

Ich konnte die Anspannung auch als Kind manchmal spüren – verstand es natürlich damals nicht – wenn Vater am Fenster saß, hinaus starrte und kaum mit der Mutter redete. Wenn er hinunter ging, auf den Hof oder mit dem Rad fortfuhr, nach Arbeit fragte und erfolglos wiederkam. Das Geld fehlte. Wovon lebten die Eltern? Wir Kinder merkten von alledem nichts. Die Verzweiflung muß manchmal groß gewesen sein. Besser wurde es, als Vater nach einigen verschiedenen Arbeiten im Moor, dann beim Ausbau der heutigen Lindenstraße dabei war. Niemand fragte da nach seinen zerschossenen Knochen – der zerkleinerte Bunkerbeton mußte als Unterbau für die nachfolgende Betondecke aufgebracht werden, alles mit Schaufel und Karre in Handarbeit!

Am Abend freute ich mich, wenn mein Vater nach Hause kam und in der Dose aus Blech noch ein Stück Brot lag – hart geworden, verbogen und mit krummer Kruste. Vielleicht ein Stück Wurst oder Käse drauf oder Schweineschmalz – aber unsagbar lecker!

An Vaters Fahrrad war vorn, hinter dem Lenker, ein Kindersitz befestigt. Wenn wir mit dem Rad eine Fahrt machten, fuhr ich beim Vater mit – Rosi wollte nicht – sie kam zu Mutter auf’s Rad.

Anmerkung von Rosi:

„Auch für mich war Papa ganz wichtig. Er reparierte einfach alles – hatte meine Puppe einen Arm oder ein Bein verloren oder war etwas von meinem Puppenservice zerbrochen – er machte alles heil. Wenn Achim meine „Kluttenpuppe“ (eine kleine Puppe aus Stoffresten) auf den Spitzboden geworfen hatte, nahm er die Leiter und holte sie wieder, und mein Bruder bekam eine Standpauke. Ich erinnere mich, daß die Puppe dort mehrmals landete – aber ich kriegte sie immer zurück.

Auch Papa war damals einige Wochen nicht zu Hause. Er bekam die Möglichkeit für eine Umschulung zum Maschinenschlosser in Boekholzberg bei Delmenhorst, und Mutter las mir aus einem seiner Briefe vor: „ … Rosi hat bestimmt wieder etwas zu reparieren?“

Nach einigen Jahren, als meine blonde Lockenpracht fallen sollte, schnitt Vater mir die Haare. Auf dem Boden. Ein alter Holzstuhl, ich mit dem Gesicht zur Rückenlehne, und Vater zwickte mit einem Handapparat die Haare ab. Ich hatte das Gefühl, als ob sie mir ausgerissen würden, und danach war ich, bis auf einen „Irokesenstreifen“ auf der Mitte des Kopfes, kahlgeschoren.

Unsere Oma – war eben unsere Oma, die so zu uns gehörte, wie die Eltern! Die andere Oma, die Mutter meines Vaters, das war „Oma Flachsmeer“ und sie hatte mit unserer Oma eigentlich nichts gemeinsam. Wir Kinder sahen das so. Oma war, wie unsere Mutter, immer da. Still. Niemals – ich schwöre – niemals gab es ein lautes Wort von Oma! Ich habe sie manchmal sehr geärgert und kann nur hoffen, daß sie es mir verziehen hat. Ich weiß nicht, warum, aber manchmal war ich ziemlich ungezogen zu ihr, und auch, wenn sie dann zu mir sagte: „Du verknuchtes Luder, du!“, Oma sagte es nie laut!

Sie konnte Märchen vorlesen, so konnte es nur Oma – unsere Mutter konnte es auch, aber auf ihre Art anders. Oma schaute immer ein wenig traurig – so hatte ich den Eindruck.

Sie hatte ein gutes Gesicht und manchmal lächelte sie etwas – nie zuviel – das hatte sie sicher verlernt, und sie hat uns auch damit viel gegeben.

Vierzig Jahre war sie gerade jung, als ihr Mann 1932 starb.

Die Verantwortung und das Ansehen ihres Mannes auf dem herrschaftlichen Gut bescherten der Familie auch einen gewissen Wohlstand.

Der Melkermeister beschäftigte eigene Bedienstete innerhalb des Anwesens. Die Wohnungseinrichtung war edel, ja, es gab einen gewissen Luxus, den Kindern fehlte es an nichts, es ging der Familie gut. Das änderte sich nach dem Tod von meinem Opa, als der Verdienst nicht mehr da war. Der Graf gewährte der Witwe mit den drei Kindern zwar weiterhin das Wohnrecht, und Oma konnte (und mußte) auch Feldarbeiten verrichten, um den Lebensunterhalt zu sichern. Oft halfen die Kinder, da Oma’s Asthmaerkrankung ihrem unbändigen Arbeitswillen immer wieder die Grenzen aufzeigte.

Unsere Oma hat ihre Trauerkleidung nie abgelegt, sie trug schwarz – immer. Geärgert habe ich sie – geschimpft hat sie mit mir nicht, und auch das „verknuchte Luder“ kam bei mir an wie eine Warnung – so wie etwa „Junge, benimm‘ dich doch“, und wenn sie sehr verzweifelt war und sagte: „Ach, wenn mich doch der liebe Herrgott erst zu sich holen würde!“ – dann verzog ich mich und gab Ruhe und schämte mich. Oma gab mir oft einen Groschen (damals zehn Pfennig), später auch mal fünfzig Pfennig oder mehr – meist mit dem Hinweis: „Aber sag’s der Mutter nicht!“

Oma kümmerte sich um uns, wenn’s die Mutter nicht gerade tun konnte, von der Geburt an, bis wir zur Schule gingen und darüber hinaus, bis sie starb.

Als wir klein waren, setzte sie uns alle paar Stunden auf den Nachttopf, damit wir nicht in’s Bett pinkelten. Sie wusch uns, half uns beim Anziehen, band die Schuhe zu – Oma war da und Oma nahm jede Frechheit von uns Kindern – besonders von mir – hin.

Oma ging möglichst an jedem Sonntag in die Kirche. Es waren einige Kilometer durch die Feldwege zur katholischen St. Bernhard Kirche in Flachsmeer. Manchmal traf sie sich unterwegs mit Frau Kessler, einer Frau in ihrem Alter – auch Flüchtling aus Schlesien. Sie gingen dann den Kirchweg gemeinsam.

Mutter rief mich dann, wenn die Glocken läuteten und der Gottesdienst beendet war. Ich nahm Rosi an der Hand, und wir gingen Oma entgegen.

Wahrscheinlich ist es normal, wenn Kinder dann in ihrer Dreistigkeit immer weiter gehen – auch ich versuchte dies und tastete mich vorsichtig immer weiter vor, um dann natürlich auch eine wichtige Erfahrung zu machen: Grenzen kennenlernen! Die Warnschilder zu diesen Grenzen hatte unsere Mutter eigentlich, schon für mich deutlich sichtbar, aufgestellt, und mein Fehler war, diese manchmal zu mißachten. Oma’s Geduld und Gutmütigkeit war nicht ganz schuldlos daran und dennoch…………..denke ich heute darüber nach, war ihr Verhalten vielleicht doch genau richtig!?

Ein Beispiel: Ich spielte mit meiner Schwester unten im Hof des Wohngebäudes unter den schattigen Sommerlinden. Wir rannten um die großen Grasflächen herum und versuchten, uns gegenseitig zu fangen – dann um die dicken Baumstämme herum! Oma rief vergeblich nach mir von oben, aus dem kleinen Dachfenster – ich ignorierte es einfach, doch Oma rief weiter nach mir! Ich mußte es einfach hören und ich hörte es auch – blieb kurz stehen, sah zur Oma hinauf und streckte ihr meine Zunge heraus, sicher noch mit einem kindlich-verächtlichen Laut versehen: „Bääh!“ Natürlich habe ich nicht bemerkt, daß meine Mutter diese Ungezogenheit mitbekommen hatte! Ich habe dies ein einziges Mal getan – nie wieder! Und ich sauste auch niemals schneller um einen Lindenbaum herum, als damals, als meine Mutter hinter mir her war und mir den Hintern versohlte – immer um den Baum herum, und immer wieder bekam ich mit einem Gürtel oder etwas ähnlichem die hochverdiente Dresche. Ist es nicht eigenartig, daß man nicht einfach vom Baum fortlief? Nein! Immer schön um den Stamm herum – der freche Kerl vorneweg und die wütende Mutter hinterher!

Klarstellen möchte ich noch, daß wir äußerst selten einmal eine Ohrfeige bekamen – ich selbst kann mich nur an diese kleine Episode erinnern und daran, daß Vater einmal zulangen mußte. In jedem Fall hatte ich es mit Sicherheit, verdient“ und soviel ich weiß, war so was bei meiner Schwester nie erforderlich!

Onkel Hans – ich erwähnte ihn bereits am Anfang – er war der jüngste Bruder meiner Mutter und ebenfalls für uns Kinder ein Bestandteil der Familie, obwohl er uns relativ früh und schnell verlassen hat.

Mutter Jeche mit ihren drei Kindern – links Onkel Hans

Als junger Mann in den zwanziger Jahren steckte er sicher voller Tatendrang und dem unbändigen Willen, seine Zukunft zu gestalten und etwas aus dem vor ihm liegenden Leben zu machen. Onkel Hans hat einen großen Einfluß auf mich gehabt, und im Stillen habe ich ihn immer in einer mir eigenen Art und Weise bewundert. Im Gegensatz zu meinem Vater, der handwerklich sein Geld verdiente und durch eine Umschulung noch den Beruf des Maschinenschlossers erlernte, war mein Onkel ein Mensch, der sich mit Büchern beschäftigte, viel las, sehr viel lernte, eine Tätigkeit bei einem bekannten Steuerberater in Leer begann und nebenher, in seiner Freizeit, bei einer Privatschule noch einen Kurs für Maschinenschreiben absolvierte.

Bücher faszinierten mich schon immer. Die Malbücher zum Geburtstag oder auf dem Gabentisch waren der Anfang – nichts haßte ich mehr als meine eigene Unachtsamkeit, wenn die ausgemalten Felder über den Rand hinaus mit Farbe versehen wurden! Eine Riesenschlamperei!

Doch es war wohl noch früher das Vorlesen von Märchen und Geschichten durch meine Oma und meine Mutter – ich wollte einfach selber diese Sachen aus den Büchern herausholen! Ich wollte sie lesen lernen! Auch Onkel Hans unterstützte diese Interessen – selber kaum Geld zur Verfügung, trug auch er sein Scherflein dazu bei, den Unterhalt der Familie zu sichern. Auch die Rente unserer Oma half sicher mit. Zuerst ein Malbüchlein, später bebilderte, kleine Schriften und dann ab und zu ein Heft oder ein Buch während der Schulzeit – Onkel Hans wußte, worüber ich mich freute.

Schon damals gab es in Leer den Galli-Markt. Wir hätten es überhaupt nicht erfahren, daß Onkel Hans mit seinem Freund Fokko de Weerdt oder mit anderen Bekannten einen Bummel über den Festplatz machte. Ich glaube kaum, daß sie dort Geld für sich selbst ausgegeben haben. Erstmal hatten sie es nicht, und wenn etwas übrig war, gab es Wichtigeres.

Waren wir so wichtig? Er brachte etwas mit – meiner Schwester und mir! Ich vergesse es nicht und sehe sie deutlich vor mir – die grüne Kinderflöte aus Plastik. Eine schräge Form, etwa wie eine Panflöte! Ich habe mich nicht nur gefreut, ich war glücklich. Oft erwähne ich dies auch im Gespräch mit meiner Schwester – sie erinnert sich ebenfalls daran.

Der Onkel kam im Jahre 1949 zur Familie nach Steenfelderfeld – ich war also noch keine zwei Jahre alt – und er blieb bis kurz vor meinem siebten Geburtstag. Also fast mein ganzes „Kinderleben“ lang. Er muß meine Einschulung 1954 miterlebt haben.

Onkel Hans ging dann – er mußte weg, weg aus Ostfriesland. Er wollte ja beruflich weiterkommen. Am 30. September 1954 verließ er uns, denn er hatte endlich zum 01. Oktober 1954 eine Anstellung gefunden.

Aus ihm wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann – Führungskraft in der freien Wirtschaft. In Warendorf in Westfalen lebt er heute noch im wohlverdienten Ruhestand.

Immer hielt er die Verbindung zu seiner Mutter, zur Schwester, zur Familie in Ostfriesland. Er trennte sich nie von seinen Wurzeln. Seine Autos gehörten mit zu den ersten Automobilen, an die ich mich erinnere. Wenn Onkel Hans seinen Besuch ankündigte, wurde es aufregend – die ersten Jahre kam er mit der Bahn. Natürlich brachte er etwas mit – nur das stand nie an erster Stelle für mich. Niemals lauerten wir Kinder auf ein Geschenk, eine Süßigkeit. Ich möchte behaupten, das war uns fremd. Bekamen wir etwas, war die Überraschung groß und die Freude ungemein. Der Onkel kam, und die Familie war wieder in der alten Form – im „Urzustand“- und alles war in Ordnung!

War die Besuchszeit vorüber, kam regelmäßig Post – Karte oder Brief! Meistens Brief. Häufig, fast immer las unsere Oma oder Mutter uns vor, was der Onkel geschrieben hatte, und manchmal durfte ich es später, als ich zur Schule ging, selber lesen. Etwas beschäftigte mich immer und hat sich bei mir eingeprägt: Jeder Brief von Onkel Hans an seine Mutter endete mit dem Satz: „Dein dankbarer Sohn Hans“! Wenn Oma die Post ihres Sohnes gelesen hatte und weglegte, sah ich manchmal, wie sie sich die dicke Brille abnahm und die Augen wischte.

Aus mir ist kein erfolgreicher Geschäftsmann geworden – sicher scheute ich das Risiko. Nach Büchern war ich jedoch schon als Kind verrückt, ich habe sie fast verschlungen und konnte mich stundenlang nur mit Lesen beschäftigen. Auf saubere, ordentliche Leistungen in Schrift und Form und Ausdruck legte ich auch immer großen Wert. Doch etwas abgekriegt vom Onkel?

Meine Schwester – „Püppi weg!“, soll ich entrüstet gefordert haben, als meine Schwester Rosa-Maria die Familie vergrößerte!

Nun ja – ich war gerade erst zwei Jahre alt geworden, mein Sprachschatz noch begrenzt, dafür aber kurz und deutlich und……..was sollte ich mit einer Schwester?

Rosi, am 23. Februar 1950, einem Donnerstag, gegen 4.50 Uhr geboren, wurde jedoch im Laufe der Zeit für mich sehr wichtig. Wir waren ja Geschwister, gehörten zusammen, machten alles gemeinsam, gingen überall zu zweit hin, und es hieß nur: „Achim und Rosi kommen auch“, „laß‘ uns mal zu Achim und Rosi gehen!“, oder: „Achim und Rosi können nicht mit!“, usw.

Doch erstmal war meine Schwester klein, und man konnte überhaupt nichts mit ihr anfangen. Sie lag nur rum, hatte Hunger und brüllte manchmal – sonst war sie ein stilles Kind. Sie brüllte auch, wenn sie sonntags bei Vater, vorne auf dem Rad im Kindersattel, mit zu Oma und Opa nach Flachsmeer fahren sollte. Sie wollte nicht mit Vater fahren – sie brüllte! Also kam sie auf’s Fahrrad der Mutter – ich fuhr bei Vater mit.

Es muß im Sommer 1951 gewesen sein, ich war dreieinhalb Jahre alt, Rosi gut ein Jahr und vier Monate. Laufen konnte sie schon – einigermaßen – aber sie saß lieber. Ein stilles Kind. Mutter hatte sie auf’s Gras gesetzt, vorne am Haus, wo der große Rotdornbaum stand. Ich spielte in unmittelbarer Nähe meiner Schwester an einem Steinhaufen.

Noch konnte man kaum etwas mit ihr anfangen. Sie saß nur da, den Kopf etwas zur Seite geneigt (macht sie heute noch ab und zu), zupfte mal im Gras herum, zappelte mit den Armen oder brabbelte etwas – eben ein stilles Kind. Ich sortierte die Steine.

Rosi saß fünf oder sechs Meter entfernt und man konnte nichts mit ihr anfangen.

Ich war einen Stein nach ihr – nur so – aus Spaß! Vorbei! Um Gottes Willen wollte ich sie nicht treffen, sondern nur vorbeiwerfen und sehen, ob sie’s merkt! Nichts merkte das stille Kind.

Der dritte oder vierte Stein traf den Kopf meiner Schwester und mich traf fast der Schlag! Sie saß nur da – jetzt blutete es, und auf einmal brüllte sie und ich rannte! Ich rannte zur Mutter! Frau Grabbe kam hinzu und lief wieder in’s Haus zurück und holte eine Flasche mit Johannisöl. Ich sehe es noch wie heute, wie sie das rote Öl auf die Wunde kippte und wie es an Rosi’s Kopf herunterlief. Ein Arzt wurde nicht geholt. Mit einem Verband und dem Johannisöl von Frau Grabbe kam der Kopf meiner Schwester wieder in Ordnung.

Nun dauerte es nicht mehr lange, bis ich mit Rosi doch „etwas anfangen“ konnte. Sie begann, mir zu gehorchen – doch das nur am Anfang. Aber ich konnte nun mit ihr spielen. Da ich zwei Jahre älter war, hatte ich es nur ungleich schwerer – Rosi konnte noch die angenehmere Position der „kleinen Schwester“ genießen.

Zum Beispiel im Bollerwagen.

Wir hatten einen hölzernen Handwagen, Holzräder, Holzdeichsel mit Griff und hinterer Bordwand zum Herausziehen. Um die großen, runden Grasflächen zwischen Haus und Garten führten Sandwege rundherum. Rosi war klein, sie wurde in den Handwagen gesetzt, und ich war ja größer und konnte meine Schwester ziehen. Machte ich auch – immer um die Grünflächen herum und immer schneller, und Rosi gefiel das, sie quiekte vor Freude!

Nun kam die etwas schärfere Kurve wieder – die vor der Tannengrotte! Ich zerrte den Wagen mächtig herum, die Räder scharrten seitlich über den Sand und gerieten an die erhöhte Kante der Grasfläche. Der Wagen schlug um und Rosi kugelte hinaus!

Zuerst sagte sie wieder nichts.

Ein Arm sah anders aus als sonst. Dann brüllte sie – Schlüsselbeinbruch! Da konnte man mit Johannisöl nichts machen – Rosi wurde in den Kindersitz an Mutters Fahrrad gesetzt, und unser Hausarzt, Dr. Arnold Christophers in Ihrhove, erledigte das – ein Krankenhaus wurde damals auch für solche Verletzungen nicht unbedingt benötigt.

Als Mutter mit ihr zurückkam, brüllte ich! Ich sah nur den großen, weißen Verband und keinen Arm. Ich dachte, der Arm wäre ab!

Weitere Anschläge auf Rosi habe ich nicht verübt!

Unsere Kinderbetten standen rechts im Elternschlafzimmer, quer zueinander und man konnte kaum zur Tür durchgehen.

Bevor wir einschliefen, erzählten wir uns ausgedachte Geschichten mit Figuren und Gestalten, die es nur in unserer Fantasie gab, wir sangen zusammen und planten für den kommenden Tag. Die Eltern saßen mit Oma und manchmal mit Onkel Hans zusammen, nur zwei, drei Meter von uns entfernt in der Wohnküche. Wir hörten sie reden und lachen und verstanden meistens nicht, worüber sie sich unterhielten. Oft kam etwas Musik aus dem Radio, oder am Samstag bekamen wir etwas mit von den plattdeutschen Hörspielen, die gesendet wurden.

Meine Schwester und ich spielten und erlebten die Jahreszeiten hindurch zusammen. Schön war es, im Herbst den Handwagen mit Laub zu füllen. Wir konnten den ganzen Tag Blätter fahren. Eicheln sammelten wir und Brennholz, und wir verbrachten den Tag mit den Eltern auf dem Kartoffelfeld, das ihnen ein Nachbar für geringes Geld vermietet hatte.

Meine Mutter nahm auch die große Hacke, den „Kraul“, wie wir ihn nannten, in die Hand, um die Kartoffeln aus der Erde zu holen. Man mußte ordentlich ausholen, die vier Eisenzinken schlugen in den Boden und der Knollenstamm wurde dann hochgezogen. Gerade als Mutter ausholte, rannte ich an die Stelle, wo der Kraul einschlagen sollte. Sie konnte den Schlag wohl noch abbremsen, doch ein Zinken drang durch die Hose in mein rechtes Hinterteil. Zum Arzt? Quatsch – sicher half wieder Johannisöl. Jedenfalls haben Mutter und Oma es auch so hinbekommen – nur die Narbe ist heute noch da!

Im Winter waren wir im Schnee, bauten Schneemänner, oder Vater richtete für uns aus Schnee eine Rutschbahn her, auf der wir dann mit unserem Schlitten tagelang Spaß hatten.

Machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung, spielten wir im Haus

Und dann oft auf dem Boden. Langweilig war es nie. Unsere Toilette befand sich außerhalb der Wohnung. Tagsüber waren die Nachttöpfe natürlich tabu, und bevor man zu Bett ging, war noch der Gang auf’s „Klo“ Pflicht.

Zu meinen Aufgaben gehörte, meine Schwester dorthin zu begleiten – egal, bei welchem Wetter und besonders an Herbst- und Winterabenden, weil es ja dann bereits dunkel war. Die Petroleumlampe, eine Stallaterne, wurde angezündet, und ich tapste mit Rosi die Treppe hinunter, nahm draußen ihre Hand, und wir gingen die zwei, drei Stufen aus dem Portal hinaus, links um das ganze Gebäude herum, durch eine Pforte an dem Gehege der Hühner und Puten vorbei, auf den Schulhof und links in der Ecke, nahe am Geflügelstall, befand sich unser „Häuschen“. Erstmal aufschließen, dann stellte ich die Laterne auf die Seite des „Donnerbalkens“ - ein Holzklo mit Deckel. Seitlich, an der Wand, hing zerschnittenes Zeitungspapier.

Zuerst blieb ich noch bei meiner Schwester stehen, bis sie alles erledigt hatte, später stellte ich mich draußen vor die Tür und wartete. Weg durfte ich nicht – Rosi hatte Angst, und ich hätte mich sowieso nicht weggetraut. Zum Schluß schnappte ich mir wieder die Lampe, schloß die Tür zu, und wir spazierten den Weg zurück in’s Haus.

Das Lehrerwohnhaus – oben die Fenster gehörten zum Bodenraum; am rechten Fenster stand ich und beweinte den Tod eines Vogels.

Zur Vorderfront: Das Bogenfenster gehörte zur Veranda, die folgenden beiden Fenster zur Wohnküche, dahinter, zurückgesetzt, die Waschküche und, rechts vor der Pforte, die Stalltür. Dahinter schimmert durch das Laub des Rotdornbaumes die Fensterreihe des zuerst errichteten Schulklassenzimmers. Davor der Schulhof mit Pumpe; auf diesem Platz tanzten und sangen die Mädchen ihre Reigenlieder. Der deutlich sichtbare Schulturm besaß vier Zifferblätter mit Zeigern; leider haben die Dorfbewohner selten Nutzen daraus ziehen können.

Die Rückseite der Lehrerdienstwohnung: Oben das Fenster links gehörte zum Schlafzimmer für Eltern und zwei Kinder; das Fenster rechts gehörte zum Wohn- und Essbereich – hier spielte sich das tägliche Leben ab.