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LEBE!

Über die Autorin

Laura Maaskant, geboren 1994 in Emmeloord/Niederlande, studiert Kunstgeschichte in Amsterdam. Im August 2009, als sie fünfzehn Jahre alt war, wurde ein Tumor zwischen ihren Rippen gefunden, und 2013 entdeckten die Ärzte Metastasen in ihrer Lunge. Sie weiß, dass es keine Hoffnung auf Heilung gibt, und hat sich gegen eine Behandlung und für die Lebensqualität ihrer letzten Zeit entschieden. Laura lebt in Amsterdam, arbeitet bei einem Lieferservice und bloggt über ihr Leben auf www.lauramaaskant.nl

LAURA MAASKANT

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Ich weiß, der Krebs wird siegen,

aber bis dahin gehört jeder Tag mir

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Aus dem Niederländischen von

Elvira Bittner und Gaby van Dam

Ithaka

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Brichst du auf gen Ithaka,

so wünsch dir eine lange Fahrt,

voller Abenteuer und Erkenntnisse.

Die Lästrygonen und Zyklopen,

den zornigen Poseidon fürchte nicht,

solcherlei wirst du auf deiner Fahrt nie finden,

wenn hochgesinnt dein Denken, wenn edle Regung

deinen Geist und Körper anrührt.

Den Lästrygonen und Zyklopen,

dem wütenden Poseidon wirst du nicht begegnen,

falls du sie nicht in deiner Seele mit dir trägst,

falls deine Seele sie nicht vor dir aufbaut.

So wünsch dir eine lange Fahrt.

Der Sommer Morgen mögen viele sein,

da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit

in nie zuvor erblickte Häfen einfährst;

halt ein bei Handelsplätzen der Phönizier

die schönen Waren zu erwerben,

Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz,

erregende Essenzen aller Art,

so reichlich du vermagst, erregende Essenzen;

besuche viele Städte in Ägypten,

damit du von den Eingeweihten lernst und wieder lernst.

Stets halte Ithaka im Sinn.

Dort anzukommen ist dir vorbestimmt.

Jedoch beeile deine Reise nicht.

Besser ist, sie dauere viele Jahre;

und alt geworden lege auf der Insel an,

nun reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,

und ohne zu erwarten, dass Ithaka dir Reichtum gäbe.

Ithaka gab dir die schöne Reise.

Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen.

Nun hat es dir nicht mehr zu geben.

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka betrog dich nicht.

So weise, wie du wurdest, und in solchem Maß erfahren,

wirst du ohnedies verstanden haben, was die Ithakas bedeuten.

Konstantinos Kavafis

Tickende Zeit

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Zeit

Zeit tickt

Zeit tickt tickend

Die Zeiger der Uhr,

tragen den Menschen Welten zu,

ihr Leben besteht aus

den zuckenden Bewegungen

auf einem tickenden Untergrund

Sie rennen hin und her,

doch der einzige Fortschritt

besteht darin, weiterzueilen

zum nächsten Zeiger

auf ihrem tickenden Untergrund

Sie alle folgen dem Zeiger,

außer denen, die weiser sind,

und den Zeiger von sich weisen

es ist ein tiefer Sprung vom Zeiger

doch der Fall wird gedämpft,

denn die bindenden Bande

der Bombe der Zeit werden so gebrochen,

aufgefangen und geküsst durch den Raum.

Die Freiheit zu küssen, ist süß,

Das Kissen der Freiheit ist weich.

Die tickende Uhr wurde von der Wand genommen.

LEBE

steht geschrieben

im Raum der Leere

Und das ist es, was sie tut,

leben im Rhythmus der Liebe,

ohne ein Ticken der Zeit.

Eline Millenaar

Geschrieben von meiner Freundin Eline zu meinem achtzehnten Geburtstag.

Inhalt

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Was ich vorab sagen möchte

Teil eins

Teil zwei

Was ich noch sagen möchte

Dank

Musik hören

Quellennachweis

»You’ve got the words to change a nation.«

Emeli Sandé (Read all about it)

Es ist ein sonniger Tag. Ein Tag, an dem es einen ans Meer zieht, um dort die Sonne in vollen Zügen zu genießen. Und so fahren Tirza und ich ans Meer. Wir können das schließlich nur heute tun, da das Heute alles ist, was zählt. Ich steige mit Tirza ins Auto, das vor unserer Wohnung im Amsterdamer Stadtviertel De Baarsjes steht. Tirza springt in den Wagen, und dann fahren wir über die Amsterdamer Grachten in Richtung Meer.

»Hier werden wir einmal wohnen, Tirza, wenn wir groß sind«, flüstere ich ihr zu, als wir an einem prächtigen alten Bürgerhaus vorbeifahren. Ich schalte einen Gang höher, und wir lassen die Grachten hinter uns, fahren am Museumsplein entlang und sehen links das Rijksmuseum. Hier hängen die wunderbarsten Kunstwerke der Niederlande, ja, der ganzen Welt, wie ich finde. Ich bewundere die Kunst des Goldenen Zeitalters in den Niederlanden, diese naturalistische Darstellungsweise, die die Meister jener Zeit so perfekt beherrschten. Es ist, als hätten sie die Welt in einer Weise gemalt, wie sie jeder sehen sollte: mit Sinn für das Detail und mit sichtbarer wie verborgener Symbolik. Wir lassen das Van Gogh Museum hinter uns und danach auch das Stedelijk Museum. Kurz darauf fahren wir auf den Ring. Ich bekomme eine SMS von meinem Bruder Daan. »Hallo, Schwesterherz, ich hab dich lieb! Wünsch dir einen schönen Tag!« Ich lache mit der Sonne um die Wette. »Da wünscht uns jemand einen schönen Tag, Tirza!«, rufe ich meinem Hund zu. Das Fenster steht offen, und ich höre nur das Geräusch des Autos und des hereinwehenden Windes.

Am Strand lasse ich Tirza von der Leine. Sie springt ungeduldig um mich herum und wartet, dass ich ihr den Ball werfe, den sie im Auto gefunden hat. Wir spielen ein bisschen, dann lege ich mein buntes Badetuch auf den Sand. Es ist ruhig – wie könnte es auch anders sein, schließlich ist es ein ganz normaler Dienstagnachmittag. Mein geblümtes Kleid lasse ich an, es ist noch ein klein wenig zu kalt, um es auszuziehen. Tirza drückt die Nase an meine Wange, und sobald sie sieht, dass ich die Augen geschlossen habe, legt sie sich neben mich. Sie seufzt und schmiegt den Rücken an mein linkes Bein. So liegen wir und genießen die Sonne. Im Hintergrund höre ich das Wogen des Meeres im Wind.

Obwohl in der letzten Zeit in meinem Leben so viel geschehen ist, hat mir das nie den Schlaf geraubt: Ich döse sofort ein. Ich bin entspannt. Das Wetter und das Leben selbst bringen mich in Hochstimmung. Als ich kurze Zeit später wieder die Augen öffne, denke ich darüber nach, was mir alles widerfahren ist. Vor ungefähr fünf Jahren hat alles begonnen. Ich hatte damals keine Ahnung, was alles passieren sollte und wie es einmal enden würde. Inzwischen weiß ich, wie es endet und dass es endet. Es wird auf dem Höhepunkt sein, mitten im Leben. Und genau so wünsche ich es mir auch.

Heute überblicke ich alles, sehe alles klar und deutlich vor mir. Sämtliche Gespräche, Geschehnisse, Gerüche, Geschmäcke und Gefühle tauchen wieder vor mir auf. Jetzt weiß ich, wofür die letzten Jahre gut waren. Ich atme einmal ganz tief ein und spüre die frische Meeresluft in meinen Lungen. Ich denke an die Zeit, die ungefähr fünf Jahre zurückliegt und in der sich mein Leben ein für alle Mal geändert hat, um nie mehr so zu werden, wie es einmal war.

Das Leben ist wie ein Fluss, immer in Bewegung und im Wandel. Manchmal geht alles sehr schnell, dann wieder eher gemächlich. Im August 2009, dem Jahr, in dem ich krank wurde, wurde mein Leben in einem rasenden Tempo ein anderes. In Höchstgeschwindigkeit wurde ich in einen Prozess gedrängt, aus dem es kein Entrinnen mehr gab, und dem ich vor allen Dingen auch nicht mehr entrinnen wollte. Seit dieser Zeit hat mir das Leben viele Erkenntnisse geschenkt. Ich wollte etwas lernen und griff mit beiden Händen nach der Möglichkeit, die sich mir dazu bot. In den darauffolgenden Jahren ist mir vieles klar geworden, über das Leben an sich und wie ich es gestalten wollte. Doch vor allem wurde mir bewusst, dass es den Tod gibt. Dieses Bewusstsein hat in meinem Leben zu einem großen Umbruch geführt – und vielleicht auch zur größtmöglichen Lebensfreude. Jetzt muss ich noch einmal abtauchen in meine Erinnerungen, und der Wind nimmt mich mit. Nach fünf Jahren Leben, Lernen und Handeln ist jetzt die Zeit der Ruhe gekommen. Ruhe, um alles noch einmal zu durchleben.

Noch einmal. Dann ist es genug. Dann lasse ich alles los, um noch ein wenig zu LEBEN.

Was ich vorab sagen möchte

»I want so much to open your eyes.
’Cause I need you to look into mine.
Tell me that you’ll open your eyes.«

Snow Patrol (Open your Eyes)

Hier beginnt mein Buch. Es ist das Ende einer langen Suche nach dem Glück und dem Sinn des Lebens. Am Ende habe ich verstanden, dass man das Hier und Jetzt nicht suchen kann, denn wer sucht, läuft an der Gegenwart vorbei. Anfangs habe ich versucht, mein Leben krampfhaft mit dem gleichen Glück und dem gleichen Sinn zu füllen wie vor meiner Erkrankung. Das ist mir nicht gelungen. Doch brachte mich dieses Streben dorthin, wo ich heute bin, und machte aus mir den Menschen, der ich heute sein darf.

Ich habe lange gezögert, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen – es war ein großer Schritt. Immerhin lege ich damit mein Leben und das meiner Nächsten offen. Doch dann wurde mir bewusst, dass es hier nicht nur um meine persönliche Suche geht, da sich doch alle Menschen irgendwie auf der Suche nach dem Wesentlichen, nach dem Sinn des Lebens befinden. Auch ich war lange Zeit auf der Suche. Doch seitdem ich krank bin, erlebe ich, dass es möglich ist, das Wesen des Lebens in seiner reinsten Form zu erfahren. Jeder Mensch kann das, weil es in jedem von uns jederzeit anwesend ist. Und so können aus meinen Erfahrungen mit dem Leben, dem Tod, mit Gesundheit und Krankheit auch andere, ungeachtet ihrer Lebensumstände, wertvolle Erkenntnisse ziehen.

Bevor ich krank wurde, hatte mir das Leben alles gegeben, was ich brauchte. Ich war fünfzehn und hatte noch alles vor mir. Ich träumte von der Zukunft. Und gerade, als alles richtig gut zu laufen schien, stellte sich heraus, dass mein Leben nur eine Vorbereitung gewesen war auf das, was kommen sollte. Als ich dachte, dass ich gar nicht glücklicher sein könnte, und glaubte, schon ein wenig vom Leben verstanden zu haben, geschah etwas vollkommen Unvorhersehbares, und niemals hätte ich geahnt, dass mir eben dieses Ereignis so viel mehr geben würde. Aus heiterem Himmel wurde ich mit fünfzehn schwer krank. Ein Tumor, so groß wie eine Männerfaust, war aus meiner vierten Rippe in Richtung Luftröhre gewachsen. Das mesenchymale Chondrosarkom, so der Name des bösartigen Tumors, erwies sich als schwer therapierbar, und doch schien nach einer langwierigen Behandlung alles gut zu werden. Die Erfahrungen in jener Zeit haben mich gelehrt, den Moment zu genießen. Ja, die Vergangenheit, die Monate, in denen ich so krank war, waren sehr wichtig für mich, weil ich in dieser Zeit vieles gelernt habe, das mir heute hilft.

Ich möchte den Leser mitnehmen auf eine Reise in die Vergangenheit, in der ich meinen persönlichen Wachstumsprozess bis zum heutigen Tag beschreibe. Lange Zeit konnte ich nicht spüren, dass das Leben gut ist, so wie es ist. Heute weiß ich das und spüre es. Das Leben, wie schwierig es auch manchmal sein mag, ist immer gut, so wie es ist.

In Lebe! schildere ich die Ereignisse der letzten fünf Jahre, die Zeit zwischen meinem fünfzehnten und zwanzigsten Lebensjahr. Seit April 2013 weiß ich, dass meine beiden Lungenflügel von Metastasen befallen sind, sodass ich nicht mehr gesund werden kann. Die Prognose bleibt schwierig, die Tumoren scheinen nicht sehr schnell zu wachsen, und niemand weiß, wann ich sterben werde. Seit dem Tag, an dem ich von den Metastasen erfahren habe, ist alles anders geworden. Es gibt keine Zukunft mehr. Doch ist das jetzt nicht mehr schlimm, da mein Leben zu etwas Besonderem geworden ist. Es ist so intensiv, inspiriert und wertvoll wie nie zuvor. Und weil dieses Leben so wertvoll ist, pumpt mein Herz nicht mehr nur Blut durch meinen Körper. Nein, es ist pure Lebendigkeit, die mich durchströmt, eine ganz bestimmte Energie, die ich täglich spüren kann. Jeder Tag ist ein ganz besonderer Tag: Es gibt nur einen einzigen Tag, diesen Tag, in diesem Moment. So wertvoll ist dieses Leben. Und so nehme ich Sie gerne mit in meine Welt. In diese Welt, in der ich bei allem, was ich durchgemacht habe, so viele wichtige Dinge gelernt habe.

Dieses Buch ist ein Bericht über mein Leben, so wie es in der vergangenen Zeit gewesen ist. Meine Erkenntnisse sind ebenso persönlich wie universell, genau wie meine Gedanken über inneres Wachstum, das Leben im Hier und Jetzt, und die darüber, dass man aus allen Erfahrungen Positives ziehen kann. Ich glaube, dass sich jeder Mensch nach der reinsten Form von Liebe und Licht sehnt. Jeder verspürt irgendwann einmal den Wunsch, sich zu Hause zu fühlen, nach Hause kommen zu wollen. Ich habe in diesem Buch versucht, all das Positive, das der Krebs mir gibt, zu benennen. Gegen das Schicksal anzukämpfen und unglücklich zu sein, waren wichtige Elemente in diesem Prozess, doch viel wichtiger ist das, was bleibt: ein Licht am Horizont. Ich habe meine Lektionen gelernt, ebenso wie jeder andere in seinem Leben. Manche Erkenntnis musste ich teuer bezahlen, andere wiederum sind mir einfach zugeflogen. Doch man sollte nicht darauf achten, wie viel etwas gekostet hat, sondern darauf, was es gebracht hat, was übrig geblieben ist. Denn das, was übrig bleibt, ist eine wunderbare Erfahrung, aus der man jeden Tag aufs Neue Inspiration schöpfen kann.

Ich finde es schön, dass dieses Buch bleibt, wenn ich einmal nicht mehr bin. Es ist eine Art Nachlass, auch wenn es nicht nur für später, sondern auch für jetzt gedacht ist. Das Schreiben hat es mir ermöglicht, aus sicherem Abstand auf mein Leben zurückzublicken. So konnte ich Zusammenhänge besser erkennen und mich von all den wunderbaren Menschen inspirieren lassen, die um mich sind. Zu meinem großen Glück habe ich ausreichend Zeit bekommen, um dieses Lebenswerk zu Ende zu bringen.

Meine Geschichte wird vielleicht nicht immer verständlich oder nachvollziehbar sein, aber das ist in Ordnung. Mag der Leser damit machen, was er kann und möchte. Es ist alles gut. Alles im Hier und Jetzt ist gut. Seit ich Krebs habe, ist mein Leben nie mehr gewesen, was es war. Und es wird nie mehr so sein. Ich leuchte jetzt. Zu verstehen, dass dieses eine Leben endlich ist, das Leben an sich aber unendlich, lässt mich hell leuchten. Es macht mich frei.

Das Einzige, was mir noch bleibt, ist zu leuchten und in vollen Zügen zu leben und zu genießen. Daher lautet mein Rat: LEBE!

März 2014

Teil eins

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1

»And I’m calling you, dreamer.
Don’t you ever wake up.«

Dinand Woesthoff (Dreamer)

Im Juni 2009 habe ich einen Traum, an den ich mich noch gut erinnere, als ich morgens aufwache. In diesem Traum laufe ich mit meiner Freundin Dorien die Treppe zum besten Friseur am Ort hinauf. Es fällt mir schwer zu gehen, und so halte ich mich am Treppengeländer fest, um nicht zu fallen. Dorien ist an meiner Seite und stützt mich. Wir sind fröhlich in meinem Traum und plaudern angeregt über Frisuren, Haare und Haarefärben. Dann sind wir im Friseursalon, wo mir meine langen blonden Locken abgeschnitten werden. Stattdessen habe ich nun eine Kurzhaarfrisur. Ich schaue in den Spiegel und sehe meine kurzen Haare. Es sieht sexy aus, und ich bin schön. Und doch läuft mir eine Träne über die Wange. Auch Dorien weint. Uns ist beiden klar, dass dies keine Verwandlung nur so zum Vergnügen ist. In meinem Traum reden wir nicht darüber, aber ich weiß, dass Dorien und ich beim Friseur sind, weil mir wegen einer Chemotherapie die Haare in rasendem Tempo ausfallen. Wir hatten ausgemacht, gemeinsam zum Friseur zu gehen und mir die Haare schneiden zu lassen, bevor ich völlig kahl wäre. Nachdem unsere Tränen getrocknet sind und mir bewusst wird, dass ich schwer krank bin, wache ich auf.

In den Sommerferien desselben Jahres genieße ich die Sonne, die Zeit mit meinen Freundinnen und die Freiheit, nicht in die Schule zu müssen. Tagsüber habe ich einen Ferienjob in der Schulbibliothek meines Gymnasiums. Eigentlich sind es völlig normale Sommerferien, wie sie eben sein sollen für ein Mädchen meines Alters. Ich hatte gerade die Mittelstufe abgeschlossen und mir für die Oberstufe einiges vorgenommen: Spanisch und Wirtschaft, dazu kultur- und sozialkundliche Fächer. Ich freute mich auf die zusätzliche Herausforderung, denn die Mittelstufe war mir leichtgefallen. Ich war eine gesunde, strahlende junge Frau, die der Zukunft voll Vertrauen entgegensah.

Es muss an einem frühen Morgen im Juli gewesen sein, kurz bevor ich mich auf den Weg zu meinem Ferienjob machte. Ich stand nackt vor dem Badezimmerspiegel und wollte gerade unter die Dusche gehen, als mir eine kleine Schwellung auf der Höhe meiner linken Brust auffiel. Ich schaute genauer hin und tastete die Haut unter meinen beiden Achseln ab. Tatsächlich, die linke Seite war ein wenig dicker, aber ansonsten konnte ich nichts Besonderes wahrnehmen. Ich ging unter die Dusche, vergaß die Beule und erlebte so noch drei unbekümmerte Ferienwochen. Als die Schwellung mir drei Wochen später erneut auffiel, tastete ich genauer. Diesmal spürte ich tatsächlich etwas Seltsames, einen steinharten Knoten unter meiner Achsel. Ich zeigte ihn Mama und ging zur Sicherheit zu unserer Hausärztin. Die meinte zwar, dass es wahrscheinlich nichts zu bedeuten habe, aber um etwas Ernstes auszuschließen, wollte sie doch einige weitere Untersuchungen veranlassen. Ich wurde geröntgt und sollte mich ein paar Wochen später bei dem Chirurgen Doktor Ten Berge vorstellen. In der Zwischenzeit genoss ich weiter meine Ferien. Wer denkt schon an Krebs, wenn er fünfzehn ist?

Als wir an einem Freitag Ende August endlich einen Termin bei dem Chirurgen haben, ist der Knoten schon deutlicher spürbar. Gemeinsam gehen Mama und ich ins Krankenhaus. Dort ist es ruhig, ganz so, als wären in den Sommerferien weniger Menschen krank. Erst sitzen wir im Wartezimmer, später im Sprechzimmer, bis Doktor Ten Berge kommt. Ich kenne den Arzt, wir haben uns schon öfter gesehen. Als ich acht Jahre alt war, hatte ich mir den Arm gebrochen, und nach einigen Komplikationen hatte er mich schließlich wegen eines eingeklemmten Nervs operiert. Ich fand ihn damals ziemlich unheimlich. Er kam meist völlig unerwartet herein, wenn Mama und ich im Sprechzimmer auf ihn warteten. Er klopfte einmal an die Tür und öffnete dann, ohne auf eine Antwort zu warten.

Genau wie damals klopft er nur kurz und öffnet dann sofort die Tür. Er hat sich nicht verändert, ist höchstens ein bisschen älter geworden. Aber er erkennt mich nicht wieder. Es muss etwa sechs Jahre her gewesen sein, als wir uns das letzte Mal sahen. Ich erzähle ihm, dass da ein Knoten unter meiner linken Achsel ist, dass ich nicht weiß, seit wann genau, und dass es keinen Grund gibt, davon auszugehen, dass es sich um eine Verletzung oder so etwas handelt.

»Lass mal sehen«, sagt Doktor Ten Berge.

»Muss ich meinen BH ausziehen?«, frage ich mit einem Blick zu Mama.

»Ja, natürlich, sonst kann ich doch nichts sehen«, sagt er gereizt. Ich weiß plötzlich wieder, warum er mich als Kind immer so eingeschüchtert hatte. Er tastet den Knoten unter meiner Achsel ab, folgt dann mit seinen Händen dem Verlauf meiner Rippen von der Wirbelsäule bis zu den Brüsten. Mir ist das ziemlich peinlich. Nachdem er die linke Seite abgetastet hat, vergleicht er sie mit der rechten. Die Untersuchung dauert etwa zehn Minuten, zehn lange, schweigsame Minuten. Meine Verlegenheit würde ich in den Monaten, die folgten, vollständig verlieren. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich in dieser Zeit vor Ärzten meinen BH ausziehen musste.

»Auf den Röntgenaufnahmen kann ich nicht genau erkennen, was das für ein Knoten ist. Wir machen einen Ultraschall und schauen dann weiter.«

»Wann soll das gemacht werden?«, fragt Mama.

»So schnell wie möglich, ich möchte wissen, womit wir es zu tun haben. Nächste Woche kommst du wieder, und dann machen wir einen Ultraschall.«

Nach dem Wochenende fahre ich wieder mit Mama ins Krankenhaus. Es ist auch diesmal wieder ruhig dort. Ich gehe allein in den Raum, in dem der Ultraschall gemacht werden soll, und ziehe – auch diesmal mit Unbehagen – meinen BH aus. Die Arzthelferin zeigt mir, wo ich mich hinlegen soll, und sagt, dass der Arzt, der den Ultraschall macht, gleich kommen wird. Sie holt ein Handtuch und legt es mir auf den Busen. Da liege ich also, denke ich. Schließlich kommt der Arzt herein und beginnt mit der Untersuchung. Er verteilt Gel auf der Schwellung unter meiner Achsel und fährt mit einem kleinen Gerät darüber, das Bilder macht. Nach fünf Minuten Schweigen und vielen Aufnahmen habe ich endlich den Mut, etwas zu sagen.

»Und, alles okay?«, frage ich. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll. Ich möchte auch nicht fragen, ob etwas nicht in Ordnung sei, weil ich Angst vor seiner Antwort habe.

»Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Könntest du bitte im Wartezimmer Platz nehmen?«, sagt er ohne jede Gefühlsregung, nachdem er seine Sachen weggeräumt hat. Er gibt mir ein Handtuch, mit dem ich mir das Gel von der Brust wischen kann, und geht. Als ich zu Mama ins Wartezimmer komme und ihr sage, dass wir noch ein wenig warten müssen, merke ich, wie sie erschrickt. Ein paar Minuten später werden wir von einer netten Schwester hereingerufen. Sie teilt uns mit, dass ich auch noch einmal geröntgt werden solle, weil sich die Radiologen meinen Brustkorb noch einmal genauer ansehen wollten und die Untersuchungen, die bereits gemacht wurden, nicht mehr aktuell genug seien. Kurz danach kommt sie nochmal herein.

»Wir möchten auch noch eine Computertomografie und ein MRT machen. Wir haben gleich morgen noch einen Termin für dich freigemacht. Wir sehen uns also morgen.«

Mama versucht, mehr darüber zu erfahren, warum all diese Untersuchungen nötig sind. Aber die Schwester meint nur, sie könne darüber noch nichts sagen, weil es noch keine endgültigen Ergebnisse gebe. Mir ist ziemlich unheimlich zumute. Warum müssen denn morgen nochmal Aufnahmen gemacht werden? Wir vereinbaren einen Termin bei der Sprechstundenhilfe, und dann habe ich keine Worte mehr. Mama und ich laufen Arm in Arm zum Auto, jede in ihre eigenen Gedanken versunken. Ich habe ein ganz komisches Gefühl. Etwas ist nicht in Ordnung.

Da meine Eltern geschieden sind, bringt Mama mich an dem Abend noch zu Papa, der am nächsten Tag mit mir ins Krankenhaus fahren soll. Dort wird sowohl eine CT als auch eine MRT gemacht. Und bei der Sekretärin am Empfang der Radiologie wartet eine Nachricht von Doktor Ten Berge auf uns. Ob wir am nächsten Tag Zeit für ein Gespräch über das Ergebnis hätten.

Verdammt, es scheint wirklich alles darauf hinzudeuten, dass es sich um etwas Ernstes handelt. Aber was genau ist los? Und wie soll es weitergehen? Auf all diese Fragen haben wir noch keine Antwort, ja wagen sie nicht einmal zu stellen. Nach all den Untersuchungen ist auch Papa ganz still geworden, als er mit mir zurück durch die Abteilung läuft.

Am Mittwoch gehen Mama und ich wieder ins Krankenhaus. Wir melden uns am Empfang, und die Sekretärin ruft Doktor Ten Berge an, der gerade Dienst in der Notaufnahme hat. Er hat sich extra Zeit für mich genommen, eigentlich hat er erst in einigen Tagen wieder Sprechstunde. Als er kommt, sitzen Mama und ich schon im Sprechzimmer. Das kurze Klopfen an der Tür klingt heute anders, menschlicher. Ruhig kommt er herein und fragt, ob wir etwas trinken wollen. Wir schütteln den Kopf, wir brauchen nichts zu trinken. Es ist, als hätte ich einen Kloß in Mund und Kehle. Er setzt sich nicht, wie sonst üblich, hinter seinen Schreibtisch, sondern nimmt auf dem Behandlungstisch Platz, ganz nah bei uns.

»Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen«, beginnt Doktor Ten Berge, »auf den Aufnahmen, die wir gemacht haben, ist ein großer Schatten an deiner vierten Rippe zu sehen. Das ist höchstwahrscheinlich ein Tumor. Ich habe für morgen einen Termin in der Kinderonkologie im Krankenhaus in Groningen für dich vereinbart. Du kannst gleich dorthin.«

»Onkologie? Ja, natürlich, dann gehen wir da gleich morgen hin. Können Sie schon ein bisschen mehr sagen?« Mama weint.

»Der Tumor wächst von deiner vierten Rippe nach innen, in deine Lunge hinein. Ich weiß nicht, ob die Geschwulst gut- oder bösartig ist. Dafür sind weitere Untersuchungen notwendig, und das ist der Grund, warum ich dich an die Onkologie überweise.« Er nennt den Namen irgendeines Sarkoms, den ich schnell wieder vergesse. »Ich habe mich schon mit meinen Kollegen in Groningen beraten, und wir schlagen in jedem Fall vor, gleich am Freitag eine Knochenszintigrafie von deinem Körper zu machen, um auszuschließen, dass der Tumor in andere Teile deines Skeletts gestreut hat.«

Beim Abschied wünscht er uns viel Kraft.

»Ihr werdet sie brauchen, ihr habt eine schwere Zeit vor euch.« Weder er noch wir wussten damals schon, ob ich wirklich Krebs hatte, aber er hatte sehr wohl gesehen, dass der Tumor schrecklich groß war. Als wir am nächsten Tag in der Kinderonkologie in Groningen sind und zum ersten Mal mit eigenen Augen die Bilder sehen, verstehe ich, was Doktor Ten Berge gemeint hat. Egal ob der Tumor nun gut- oder bösartig ist, jedenfalls ist er riesig: so groß wie eine kräftige Männerfaust. Im Bereich der Lunge beginnt er bereits, in Richtung Luftröhre zu wachsen. Die Geschwulst ist an meiner vierten Rippe entstanden, inzwischen aber auch schon an meiner dritten und fünften Rippe festgewachsen.

Als ich ein Jahr alt war, haben sich meine Eltern getrennt. Und doch war meine Kindheit von großer Verbundenheit geprägt, da mein Vater und meine Mutter immer Kontakt gehalten haben. Seit meinem vierten Lebensjahr hatten sie beide neue Lebenspartner, mit denen auch ich gut zurechtkam. Mein Vater ist heute immer noch mit seiner Freundin zusammen, Mamas Freund ist vor etwa acht Jahren gestorben, und seitdem ist sie Single. Ich habe immer bei Mama gewohnt, am Wochenende war ich meistens bei Papa.

Meine drei Brüder und ich sind das verbindende Element zwischen meinen Eltern. Immer wenn mit mir oder meinen Brüdern etwas ist, fällt die Vergangenheit von uns ab, und dann zeigt sich, wie sehr wir zusammengehören: Immerhin haben wir vier ja nur einen Vater und eine Mutter – und ich bin das Nesthäkchen. Daan ist der Älteste, danach kommt Jim, der ein Jahr jünger ist. Zwischen Jim und Joep, meinem jüngsten Bruder, liegen zwei Jahre, und zwischen Daan und mir sogar zehn. Für mich war es immer ein tolles Gefühl, das Nesthäkchen und das einzige Mädchen zu sein. Die Männer in meinem Leben geben mir Kraft.

Daan ist derjenige, zu dem ich immer kommen kann, wenn ich mich mal wieder in einem Gefühlschaos befinde. Er ist sehr friedliebend und arbeitete früher bei einer Bank. Noch bevor ich krank wurde, hat er dort gekündigt, weil er keine Befriedigung darin gefunden hat, sich mit abstrakten Zahlen und Finanzthemen beschäftigen zu müssen. Stattdessen ist er nach Indien gegangen, um dort ehrenamtliche Arbeit zu leisten. Er hat in seinem Projekt so eng mit den indischen Kollegen zusammengearbeitet, dass er sie heute als Familie bezeichnet. Daan war eigentlich schon wieder auf dem Sprung nach Indien, als ich in die Mühlen der Medizin geriet und er seinen Flug stornierte. Solange sich dies alles hinzieht, wohnt er wieder bei mir und Mama, jedenfalls bis sich die Dinge klären und er eine eigene Wohnung gefunden hat.

Jim ist mein attraktivster Bruder. Er ist ein Frauentyp und zieht überall die Aufmerksamkeit auf sich. Ich merke, wie die Leute uns beobachten, wenn ich ihn zur Begrüßung küsse, bei seinen Besuchen im Krankenhaus oder wo auch immer. Jim ist groß, schlank und sehr muskulös. Er hat ein hübsches, markantes Gesicht, und seine tolle Figur wirkt besonders gut, wenn er Jeans und eins seiner vielen T-Shirts trägt. Ich tue gern so, als würde ich gar nicht merken, wie die Leute uns anstarren – diesen großen gutaussehenden Mann mit seiner jüngeren Frau –, und ich gebe ihm dann immer nochmal einen Extrakuss und winke ihm zärtlich hinterher. Jim ist Soldat.

Auch Joep ist Berufssoldat, und nachdem er das erste Mal von einem Einsatz in Afghanistan zurückkam, zog er mit seiner Freundin zusammen. Das ist inzwischen schon wieder ein Weilchen her, und sie wohnen immer noch glücklich zusammen. Das ist typisch Joep: bloß nichts verkomplizieren, Liebe ist Liebe – nicht mehr und nicht weniger. So sieht Joep die Dinge. Joep ist unglaublich stark, körperlich wie seelisch. Bald wird er wieder aufbrechen, auf UN-Friedensmission nach Afghanistan. Normalerweise haben wir alle täglich Kontakt miteinander und erzählen uns kurz, wie der Tag war, ob die Sonne schien und was wir gemacht haben. Ich fühle mich reich beschenkt mit dieser Familie und dem Wissen, dass wir immer füreinander da sein werden und uns jederzeit kontaktieren können, dass aber gleichzeitig jeder sein eigenes Leben führt.

Ich weiß, dass es eine ernste Sache ist mit diesem Tumor, weil ich innerhalb einer Woche alle Untersuchungen durchlaufen musste, die man machen kann. Und doch habe ich Hoffnung, weil die riesige Geschwulst nicht an sich bösartig sein muss. Am Freitag bin ich nach der Knochenszintografie von all den Eindrücken und Emotionen ganz erschöpft. Ich bin froh, dass auch Ärzte ein Wochenende haben, und dass die Untersuchungen für mich erst am Dienstag weitergehen. Da es noch nicht sicher ist, ob der Tumor gut- oder bösartig ist, schlägt Doktor Veenstra – der Arzt, der vielleicht mein Onkologe werden wird – vor, eine Gewebeprobe zu entnehmen.

Die Punktion, die eine Woche später stattfindet und bei der diese Probe entnommen wird, ist meine erste »echte« medizinische Erfahrung. Und diese Erfahrung bringt eine Erkenntnis mit sich, die mir während meines weiteren Krankheitsverlaufs, ja im Grunde sogar während meines weiteren Lebens von großem Nutzen sein sollte. Mama, Daan und ich machten uns wie vereinbart auf den Weg nach Groningen, um die Punktion vornehmen zu lassen. Hierzu wurde mir ein Beruhigungsmittel verabreicht. Ich weiß nicht, was genau ich mir vorher unter einer Punktion vorgestellt hatte, aber der Moment, als ich mich ohne Mama und Daan auf den Operationstisch legen musste, war ein Schock für mich. Wo waren sie, als ich die Infusion bekam? Wo, als ich das Bewusstsein verlor? Hinterher hält man das für selbstverständlich, aber als ich dort ganz allein auf dem OP-Tisch lag, spürte ich plötzlich, dass ich meinen Weg zum großen Teil allein würde gehen müssen. In meinem Unterbewusstsein war mir dies bereits vorher klar gewesen, aber erst in diesem Moment reifte es zu einer grundlegenden Erkenntnis.

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