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Lea und die Pferde - Sommer im Sattel

Über die Autorin

Dr. Christiane Gohl wurde 1958 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Psychologie und Pädagogik arbeitete sie zunächst als Werbetexterin und Reiseleiterin, dann als freie Autorin und Fachjournalistin. Seit ihrem zehnten Lebensjahr beschäftigt sie sich mit Pferden und reitet in verschiedenen Disziplinen. Pferdefreundliches Reiten und artgerechte Haltung sind ihr dabei besonders wichtig. Mit ihren fundierten Sachbüchern und Romanen avancierte sie in kurzer Zeit zu einer Bestsellerautorin der Pferdebuchszene. Christiane Gohl lebt heute in Spanien.

Inhalt

  1. Mütter unerwünscht!
  2. Zunächst mal nach Hawaii …
  3. Monster und Co.
  4. Alles pink
  5. Weltuntergangsstimmung
  6. Abenteuerurlaub
  7. Eine Schleife für jeden!
  8. Gewinnen leicht gemacht
  9. Ein ganz besonderes Pferd

Mütter unerwünscht!

Es war sechs Uhr früh und irgendwie war ich stolz auf mich. Hatten es mein Freund Thorsten und ich doch tatsächlich geschafft, trotz Ferien vor Tau und Tag aufzustehen und unsere Pferde von der Weide zu holen. Wir wollten sozusagen in den Sonnenaufgang reiten – und auf jeden Fall zurück sein, bevor es heiß wurde. Dann war ein gemütliches gemeinsames Frühstück geplant und nachmittags vielleicht Abhängen im Freibad. So jedenfalls stellte ich mir den idealen Ferientag vor und Thorsten war da ganz meiner Meinung. Vor allen Dingen wollten wir zusammen sein. Thorsten hatte die letzten drei Monate vor den Ferien in den USA verbracht und wir hatten einander ziemlich vermisst.

Zu unserer Überraschung tauchte dann aber auch Simon, der Freund meiner Freundin Svenja, schon im Morgengrauen in unserem Stall auf.

»Ich dachte, ich wecke Svenja und wir machen einen romantischen Ausritt«, bemerkte er und parkte seinen Andalusier Orrie am Anbinder vor dem Stall. »Aber mit der Idee war ich wohl nicht allein.«

Simon hatte fast noch mehr Sinn für romantische Ausritte als Thorsten und ich. Als Svenja sich noch bemühte, ihn auf sich aufmerksam zu machen, und ich zugegebenermaßen auch ein bisschen mit ihm flirtete, hatten wir ihn »unseren Märchenprinzen« genannt. Er war groß und schlank, hatte weiches braunes Haar und graue, verträumte Augen. Außerdem ritt er einen wirklich vorzeigbaren Schimmel. Orgulloso, ein stolzer Spanier, gehörte zwar eigentlich seiner Mutter, aber der machte es nichts aus, wenn ihr Sohn mit ihm unterwegs war.

»Der Wald sollte für zwei Paare groß genug sein«, meinte ich. »Wir kümmern uns getrennt um die Romantik. Und hinterher picknicken wir alle zusammen bei den Pferden auf der Weide.«

Thorsten, Svenja und ich liebten es, die Pferde auf den weitläufigen Koppeln zu beobachten, die zu Svenjas Stallungen gehörten. Mein Joker und Thorstens Mano hatten so lange in winzigen Boxen gestanden, dass wir uns nun an ihrem Anblick in Freiheit nicht sattsehen konnten.

Thorsten nickte. »Wer zuerst wieder da ist, holt frische Brötchen«, bestimmte er. »Jetzt musst du nur noch Svenja wachkriegen, Simon. Wie macht man das doch gleich im Land der Troubadoure? Singst du vor ihrem Fenster?«

Simon verdankte seinen Charme unter anderem einem Jahr Schüleraustausch in Südfrankreich, und Thorsten, der von unserer »Prinzengeschichte« wusste, ließ keine Chance aus, ihn zu necken.

Simon grinste. »Das würde sie jedenfalls zuverlässig aus dem Bett schmeißen, ich kann keinen Ton halten.«

Er machte Anstalten, das zu beweisen, aber bevor er sich für ein Lied entscheiden konnte, stieß Svenja die Stalltür auf.

»Hab ich verschlafen?«, fragte sie. »Ihr seid ja alle schon da!«

Eigentlich hatte sie den kürzesten Weg – schließlich wohnte sie hier. Svenjas Eltern hatten den Hof vor einigen Monaten gekauft, und sie genoss es jetzt, ihr eigenes Pferd und einige weitere Pensionspferde ganz nah bei sich zu haben.

»Dann werd ich Hrifla auch mal holen«, bemerkte sie jetzt, griff nach ihrem Halfter und tänzelte aus dem Stall in Richtung Weide.

Ich musterte sie verstohlen. Trotz der frühen Stunde wirkte sie nicht verschlafen, sondern ziemlich aufgekratzt. Natürlich mochte sie sich den Wecker gestellt haben, um sich ordentlich für Simon aufzubrezeln. Aber erstens hatte der sie überraschen wollen und zweitens war sie kaum geschminkt und ihr blondes Haar war nur rasch im Nacken zusammengebunden. Allerdings zeigten ihre Augen das bekannte eifrige Funkeln, das Svenja von innen strahlen ließ, wenn sie etwas ausheckte. Was das um sechs Uhr früh allerdings sein sollte, entzog sich meiner Vorstellungskraft.

»Reitet nicht weg, ich muss euch was erzählen!«, rief sie uns im Herausgehen zu. Das sprach für meine Annahme. Svenja brütete irgendetwas aus. Thorsten, der Mano schon gesattelt hatte und gerade aufzäumen wollte, hängte die Trense noch einmal weg.

»Was gibt’s denn bloß für Neuigkeiten mitten in der Nacht?«, fragte er unwillig.

Auch ich war mit Putzen fertig und begann, Joker zu satteln – bei einem Pferd von fast einem Meter achtzig ein schwindelerregendes Unternehmen. Immerhin machte Joker es mir leicht. Er stand ganz ruhig, während ich den Sattel über meinem Kopf auf seinen Rücken wuchtete, und inspizierte nur beim Angurten kurz die Taschen meiner Reithose. Nicht nur seine Nase war beweglich, auch sein Hals war so biegsam, dass ich manchmal an ein Kamel denken musste. Womit ich Joker natürlich nicht beleidigen wollte. Er war ein ausgesprochen schönes Pferd mit harmonischen Proportionen, dessen Anblick besonders die Herzen von Dressurreitern höherschlagen ließ.

Als der Sattel saß, gab ich Joker einen Leckerbissen, den er sofort zerkaute und dann in verflüssigtem Zustand zur Hälfte an mich zurückgab. Joker hatte ein Sabberproblem: Saubere T-Shirts gehörten für mich der Vergangenheit an. Ich trug das jedoch mit Fassung, schließlich war es ein Liebesbeweis – Joker beschlabberte nur Leute, die er wirklich mochte, und auf der Liste seiner Lieblingsmenschen stand ich unangefochten auf Platz eins. Wobei ich eigentlich gar nicht wusste, womit ich diese Ehre verdient hatte. Ganz sicher war ich nicht die beste Reiterin, die er jemals gehabt hatte – bevor wir uns kennenlernten und auch noch, als wir uns bereits ineinander verliebt hatten, ging Joker Dressurturniere bis hin zur Klasse M, und das war schon sehr, sehr schwer. Ich dagegen hatte erst vor gut einem Jahr mit dem Reiten begonnen, wobei ich am Anfang gar keine Lust dazu hatte. Aber meine Mutter entdeckte damals – wohl in einem Anfall von Midlife-Crisis –, dass sie ohne Pferde nicht mehr leben konnte. Sie schleppte mich in einen Mutter-Tochter-Reitkurs – tja, und dabei schlich sich Joker dann geradewegs in mein Herz. Bis er aber tatsächlich mein Pferd wurde, hatten wir noch einige Abenteuer zu bestehen – das Gefährlichste brachte Joker bis in den Lieferwagen des Schlachters! Er hatte sich bei einem Unfall das Bein verletzt, und erst im allerletzten Moment entschloss sich seine damalige Besitzerin, Frau Müller-Westhoff, ihn nicht schlachten zu lassen, sondern lieber mir zu schenken. Meine Mom und ich pflegten ihn dann gesund – und taumelten gleich in das nächste Drama. Anfänglich kamen wir reiterlich kaum mit ihm zurecht, und Mom war schon drauf und dran, ihn wieder zu verkaufen. Aber letztendlich durfte er doch bei mir bleiben, und Mom leistete sich ein eigenes Pferd, in das sie genauso verliebt war wie ich in mein Riesenross. Die Dunkelfalbstute Millie wieherte eben traurig von der Weide aus zu uns hinüber. Sie war mit Svenjas Hrifla gut befreundet und ärgerte sich, dass Svenja ihr Pferd jetzt abholte.

Immerhin würden wir gleich erfahren, was Svenja im Kopf herumging.

Meine Freundin kam, immer noch voller Tatendrang, mit ihrem Pony in den Stall. Hrifla, ihre hübsche Islandstute, wirkte nicht ganz so begeistert. Sie war zwar sehr brav, aber etwas phlegmatisch, und hätte diesen Sommermorgen bestimmt lieber auf der Weide verbracht. Svenja band sie neben Joker an.

»Ihr habt doch auch alle nichts weiter vor in diesen Ferien, oder?«, fragte Svenja und begann, Hriflas rotbraunes Fell zu striegeln.

»Nichts außer Reiten und Faulenzen!«, meinte Thorsten zufrieden. Mein Freund war nicht der sportlichste Typ, was seinen Vater immer wieder zur Weißglut reizte. Um ihn wenigstens ein bisschen auf Trab zu bringen, hatte er ihn vor einem Jahr in besagten Mutter-Tochter-Reitkurs geschleppt – für Thorsten natürlich der Gipfel der Peinlichkeit. Zumal sich seine Vorstellung, beim Reiten brauchte man sich nicht anzustrengen, weil hier ja das Pferd die ganze Arbeit machte, sehr schnell als irrig herausstellte. Und zu allem Überfluss hatte seinen Daddy auch noch der Ehrgeiz gepackt, den damals noch mit etwas Babyspeck behafteten Thorsten in einen schneidigen Springreiter zu verwandeln. Zu diesem Zweck kaufte er Mariano, damals ein erfolgreiches Springpferd, und hoffte auf Schleifen. Thorsten war der Verzweiflung nahe. Aber dann kam ihm zum Glück die Idee mit der Umstellung aufs Westernreiten – was Mano ruhiger und umgänglicher werden ließ und Thorstens Vorstellungen vom stressfreien Reiten ebenso entgegenkam wie den Wildwestfantasien seines Vaters.

Ich schaute zu, wie mein Freund geschickt den speziellen Knoten nachzog, mit dem der Sattelgurt am Westernsattel befestigt wurde, und bewunderte dabei auch gleich die Veränderungen, die in den letzten Monaten mit Thorsten vorgegangen waren. Er war etliche Zentimeter gewachsen und ähnelte nicht mehr, wie früher, einem pausbäckigen Barockengelchen. Stattdessen erinnerte er mich jetzt an Orlando Bloom in »Fluch der Karibik«. Er brauchte den Vergleich mit Svenjas »Märchenprinz« wirklich nicht zu scheuen und obendrein war er klug und witzig.

Ich lächelte ihm zu, als unsere Blicke sich trafen. Derweil blies Joker mir eifersüchtig seinen warmen Atem in den Nacken.

»Also nach all den Ausgaben für Jokers Behandlung und dann noch dem Kauf von Millie … bei uns ist garantiert kein Urlaub mehr drin«, bemerkte ich ohne größeres Bedauern. »Kann allerdings sein, dass wir ein paar Tage zelten fahren. Mein Daddy hat so eine Bemerkung gemacht und Jonas ist natürlich hell begeistert.« Jonas war mein kleiner Bruder. »Ich hoffe bloß, es war nicht ernst gemeint. Schließlich können wir Joker nicht in den Kofferraum packen.«

Was Camping anging, konnte ich auch auf die Unterstützung meiner Mutter bauen. Mom hasste es, im Zelt zu übernachten und auf primitiven Kochern Eintopf aus Dosen zu erwärmen.

»Meine Mutter will zu einem Reitkurs«, meinte Simon. »Aber erst in der letzten Ferienwoche. Und dann leiht mir Wiebke bestimmt ein Pferd.« Wiebke war Thorstens Tante und hielt ihre Pferde in der gleichen Haltergemeinschaft, in der Simons Orrie stand. »Wir können die ganzen Ferien zusammen reiten.« Für Simon war es nie schwierig, an ein Pferd zu kommen. Er war ein hervorragender Reiter, dem jeder seinen Liebling gern anvertraute.

Svenja wedelte vergnügt mit der Bürste, mit der sie gerade Hriflas langen hellen Schopf entwirrte.

»Die Sache, um die’s mir geht, ist schon übernächste Woche«, verriet sie dann. »Bis deine Mom wegwill, sind wir längst zurück!«

Svenja strahlte. »Und nun kommt’s, Leute, ich habe eine Einladung! Wir machen bei einem Sternritt mit. Wir reiten nach Warendorf!«

Thorsten, der Einzige von uns, der in Geografie meistens aufpasste, runzelte die Stirn. »Warendorf? Spinnst du? Das ist im Münsterland. Wir müssten das halbe Ruhrgebiet durchqueren. Willst du über die Autobahn galoppieren?«

Svenja verdrehte die Augen. »Wir reiten ja nicht von hier aus. Aber meine Freundin, bei der ich früher geritten bin, bevor wir hierher zogen, die wohnt bei Bielefeld …« Svenja war erst vor knapp einem Jahr, kurz nach Thorstens und meinem Anfängerreitkurs, nach Duisburg gekommen. Vorher hatte sie neben einem Welshpony-Gestüt gewohnt und war mit der Tochter der Besitzer befreundet gewesen. Dort hatte sie auch reiten gelernt. »Und von da aus ist es erreichbar.«

»Aber auch nicht in einem Tag«, meinte Thorsten.

Svenja schüttelte den Kopf. »Nein. Es wird ja auch ein Wanderritt. Caro meint, wir würden so vier Tage unterwegs sein. Und es ist eine tolle Strecke, ganz viel Wald, kaum Straßen.«

»Und was machen wir in Warendorf?«, fragte ich. »Also vorausgesetzt dass unsere Eltern das erlauben?«

»In Warendorf ist Anfang August so eine Art Open-Air-Pferdemesse. Oder Freizeitreiter-Festival oder so was. Sie wissen wohl selbst nicht genau, wie sie es nennen sollen, aber es ist auf dem Gelände vom Landgestüt. Wir können uns die ganzen hübschen Hengste angucken!«

Sie stieß Hrifla, an und es sah fast aus, als ob die daraufhin ein bisschen interessierter guckte. Für hübsche Jungs war die kleine Stute kaum weniger zu haben als ihr Frauchen.

»Auf jeden Fall gibt’s Schaureiten mit verschiedenen Pferderassen, Reiterspiele, ein paar Turnierprüfungen … und einen Sternritt für Wanderreiter! Wer den weitesten Anritt hat, bekommt einen Preis. Und alle machen einen Umzug durch die Stadt mit Fackeln und so, es wird bestimmt cool! Caro und ihre Mutter machen beim Schaubild Welshponys mit und da kam Caro auf die Idee, wir könnten auch hinreiten.«

»Und es macht ihr nichts aus, wenn wir da gleich zu viert auftauchen?«, fragte Simon – wie immer rücksichtsvoll. »Ich meine … ich könnte Orrie ja auch vorreiten …«

Orgulloso konnte schwierige Dressurlektionen wie Piaffe und Passage und Simon saß dabei perfekt im Sattel.

Svenja runzelte allerdings die Stirn. »Bring deine Mom nicht auf Ideen! Du weißt doch, wie gern sie ihren Orrie vorführt. Am Ende will sie noch selbst reiten! Und dann fährt sie mit dem Hänger hin und du kannst das ›Wandern‹ vergessen.«

»Da wir gerade beim Thema Reiten sind …«, bemerkte Thorsten. »Sollen wir nicht langsam los? Ich glaube, die Romantik hat sich erledigt, aber über Warendorf können wir doch auch im Wald reden, oder?«

Svenja sattelte rasch auf, woraufhin wir zu viert in Richtung Wäldchen zogen. Joker setzte sich gleich wieder an die Spitze. Er machte von all unseren Pferden die längsten Schritte. Es war ein wunderbar schaukelndes Gefühl, von ihm getragen zu werden. Die anderen blieben aber dran, wobei Thorsten seinen Mano ein bisschen treiben musste. Während sein Herrchen in den letzten Monaten schlank geworden war, hatte Mano an Gewicht zugelegt. Seine Reitbeteiligung hatte mehr Zeit damit verbracht, mit Simon zu flirten, als das Pferd zu bewegen. Ein mehrtägiger Wanderritt würde ihm sicher guttun.

»Du meinst also, es wird ein Wanderritt ohne Mütter«, nahm ich den Faden wieder auf, als wir auf den ersten Feldweg abbogen. Beim Hufgetrappel von vier Pferden auf Asphalt war kein Wort zu verstehen. »Das erschwert die Angelegenheit.«

Mir war klar, dass Mom die Idee sofort begeistert aufgreifen würde. Sie brannte auf Abenteuer im Sattel, wobei sie damit argumentierte, dass sie schließlich zwanzig pferdelose Jahre nachzuholen hätte. Aber tagelang mit Mom durch die Landschaft zuckeln … meine Mutter und ich hatten wirklich ein gutes Verhältnis, aber was zu viel war, war zu viel. Andererseits konnte ich mir gut vorstellen, was sie sagen würde, wenn ich allein mit Svenja und obendrein zwei Jungs losziehen wollte!

»Ohne Mütter!«, bekräftigte Svenja. »Das war Caros Bedingung, sie hat ihre auch schon entsprechend bearbeitet. Die wollte nämlich mitreiten, aber Caro hat das abgebogen. Alle unter achtzehn sind willkommen, sagt sie. Aus ihrem Stall kommen wohl noch zwei Mädchen mit – und ein Junge.«

»Und wo sollen wir schlafen?«, fragte Simon. »Im Zelt? Mädchen und Jungs zusammen? Das erlauben unsere Eltern nie!«

Thorsten und ich konnten dem nur beipflichten. Wir würden kaum die Erlaubnis erhalten, gemeinsam zu campen. Obwohl der Gedanke daran natürlich cool war – hatte ich Zelturlaub wirklich noch bis vor drei Minuten öde gefunden?

»Wir übernachten auf Bauernhöfen«, beruhigte uns Svenja. »Hat Caros Mutter schon alles geplant. Womit ihr sicher sein könnt, dass wir Mädels allnächtlich im Kuhstall weggeschlossen werden.«

Wir lachten und trabten erst mal eine Strecke. Es war nett im morgendlichen Wald, aber der Gedanke, in völlig unbekanntem Gelände den ganzen Tag durch die Gegend zu streifen, war noch verlockender.

»Und wie finden wir den Weg?«, fragte ich, als ich Joker am Ende der Trabstecke glücklich zum Stehen gebracht hatte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir den Rest des Weges auch im Galopp zurücklegen können. Unzweifelhaft würde der Wanderritt ihm Spaß machen. »Wenn es doch die ganze Zeit durch den Wald geht? Brauchen wir Karten? Kompass? Hat das einer von euch schon mal gemacht?«

Thorsten und Simon schüttelten den Kopf. Thorsten war kein Pfadfinder. Und Simon ging zwar schon länger mit Pferden um, aber sein ausgeprägtes Interesse an der Klassischen Dressur hatte ihn eher Reitplätze als Wälder erkunden lassen.

Svenja hatte aber auch dafür schon eine Lösung. »Das ist halb so schlimm«, eröffnete sie uns. »Zwischen Werther – das ist ein Dorf hinter Bielefeld – und Warendorf gibt es einen ganz bekannten Distanzritt, einen Hundertmeiler!«

»160 Kilometer?«, fragte Thorsten. »Am Stück?«

Joker spitzte schon wieder die Ohren in Richtung der nächsten Galoppstrecke. Ihm hätte Distanzreiten, also wettkampfmäßiges Streckenreiten, sicher Spaß gemacht.

Svenja zuckte die Achseln. »Manche Leute machen das. Aber so was wird natürlich schwierig, wenn man dabei auch noch Kompass und Karte braucht. Die Wettkampfstrecke wird deshalb vorher markiert. Meistens mit Farbe an den Bäumen, das wäscht sich nicht so schnell ab. Wir müssen also nur nach Werther kommen – was laut Caro kein Problem darstellt, das ist von ihnen aus ein Tagesritt. Und dann: Bingo! Von Werther aus geht’s nur noch den Pfeilen nach.«

»Klingt traumhaft. Aber wir müssen es noch unseren Eltern verklickern«, meinte ich. »Und ich sag’s euch gleich: Meine Mom wird mitwollen.«

»Meine auch«, meinte Simon.

»Und Wiebke«, bemerkte Thorsten.

Seine Eltern ritten nicht, ebenso wenig Svenjas. Letztere hatten ihre Teilnahme am Sternritt im Übrigen schon erlaubt, schließlich waren Caros Eltern ihre früheren Nachbarn. Die Mädchen waren seit dem Kindergarten befreundet. Und was die Sache mit den Jungs anging: wie ich Svenja kannte, hatte sie das Thema »sonstige Mitreiter« vorsichtshalber gar nicht angeschnitten.

»Aber wenn Isolde mitreitet, hättest du doch gar kein Pferd«, wandte ich mich an Simon. »Das muss sie einsehen!«

Simon lächelte säuerlich. »Wetten, dass Wiebke mir Hotte leiht?«

Hotte war ein ausgesprochen braver, aber äußerst bewegungsunlustiger Norwegerwallach. Ideal für Anfänger und ängstliche Reiter, aber nicht gerade der passende reitbare Untersatz für einen Märchenprinzen. »Zumal wenn sie selbst auch mit von der Partie ist.«

Wiebke hätte uns alle noch am wenigsten gestört. Sie war eigentlich ganz nett und witzig. Aber auch sie war erwachsen …

»Ohne Mütter oder gar nicht!«, bestimmte Svenja. »Und auch ohne Tanten!«

Hufeisen

»Wir könnten die Sache mit der Erlaubnis gleich jetzt hinter uns bringen«, erklärte Simon mehr als eine Stunde später und warf einen Blick auf die Uhr.

Wir waren viel länger geritten als geplant und hatten uns unseren romantischen Wanderritt dabei in leuchtenden Farben ausgemalt. Einschließlich Lagerfeuer und Schlafen auf dem Heuboden. Svenja und Caro hatten das schon früher mal gemacht, und nach Svenjas Erzählungen musste es einfach nur cool sein, seinen Schlafsack im Heu auszurollen.

Inzwischen ging es auf neun Uhr zu und wir würden Mom, Wiebke und Simons Mutter Isolde alle zusammen auf dem Reitplatz in ihrer Haltergemeinschaft am Höhnweg antreffen. Mom hatte heute Vormittag frei und die drei hatten mit unserer Reitlehrerin Frau Tomms – Tommie genannt – eine Stunde Gruppenunterricht vereinbart. Simon musste dort sowieso vorbei, um Orrie bei seiner Mutter abzuliefern. Warum also kein Sprung ins kalte Wasser?

Hufeisen

Isolde wartete schon und war erst mal sauer, weil Simon viel später eintrudelte, als vereinbart. Nun bekam ihr Pferd keine Pause vor der Dressurstunde, bestimmt war es müde und würde gleich unter ihr einschlafen, statt über den Platz zu tanzen.

»Das trainiert aber schon mal für den Wanderritt«, erklärte Simon und brachte damit den Stein ins Rollen.

Wie erwartet war meine Mom Feuer und Flamme und steckte Wiebke umgehend damit an. »Ein Sternritt! Das wird fantastisch! Drei oder vier Tage reiten, ganz entspannt … Erholung pur!«

»Meistens tut einem am Abend ganz schön der Hintern weh«, bemerkte Svenja, um die Begeisterung gleich abzuschwächen.

»Und wir schlafen auf dem Heuboden«, fügte ich hinzu. »Da gibt es Flöhe …«

»Wir können ja ein Zelt mitnehmen«, schlug Wiebke vor. Sie war eine lebhafte, kompakte Frau, die Thorsten mit ihrem kurzen blonden Haar und dem eher runden Gesicht sehr ähnlich sah. »Hotte kann als Handpferd mit und es tragen.«

»Aber es gibt keine Duschen und so …«, gab Thorsten zu bedenken. »Das ist kein Wellnessritt …«

Wiebke und Isolde hatten sich im letzten Jahr einen organisierten »Wellness-Wanderritt« geleistet. Man ritt dabei von einem Schlosshotel ins nächste und abends gab es Massagen und Vier-Gänge-Menüs.

Wiebke runzelte die Stirn. »Merkst du was, Lotte?«, wandte sie sich an meine Mom. »Die wollen uns nicht dabeihaben!«

Mom guckte ungläubig und rückte ihre Reitkappe zurecht. Sie war ziemlich schlank, trug ihr kurzes rötlich braunes Haar als pfiffigen Kurzhaarschnitt und sah im Reitzeug ausgesprochen gut aus. »Aber … aber die Kinder können doch nicht alleine …«

In dem Moment fuhr Frau Tomms’ Auto auf den Hof. Wie immer in rasantem Tempo. Tommie hatte keine Zeit zu verlieren. Jetzt stieg sie aus, ohne sich die Mühe zu machen, den Zündschlüssel abzuziehen, und auch ihre Tochter Tina hüpfte aus dem Wagen. Ich fragte mich, ob Tina von selbst auf die Idee gekommen war, ihre Mom zum Reitunterricht zu begleiten, oder ob Tommie sie dazu verdonnert hatte.

Frau Tomms war im Grunde nett, aber eine Turniermama, wie sie im Buche stand. Svenja nannte das »schleifengeil«. Für Tommie konnte Tina einfach nicht genug Siege scheffeln. Das Mädchen hatte fast jeden Tag Reitstunde, war auch gerade wieder zu einem Reitkurs in Münster gewesen und verbrachte die Wochenenden auf dem Turnier. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Tina war erst zehn, aber sie hatte schon L-Dressuren gewonnen! Nun sauste sie als Erstes auf den Hofhund Bluff zu – der seinen Namen seinem gefährlichen Aussehen bei gleichzeitig schäfchenfriedlichem Naturell verdankte. Bluff begrüßte Tina mit herzlichem Schwanzwedeln und holte begeistert die Stöckchen, die sie ihm warf.

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