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Lea und die Pferde - Reitfieber

Über die Autorin

Dr. Christiane Gohl wurde 1958 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Psychologie und Pädagogik arbeitete sie zunächst als Werbetexterin und Reiseleiterin, dann als freie Autorin und Fachjournalistin. Seit ihrem zehnten Lebensjahr beschäftigt sie sich mit Pferden und reitet in verschiedenen Disziplinen. Pferdefreundliches Reiten und artgerechte Haltung sind ihr dabei besonders wichtig. Mit ihren fundierten Sachbüchern und Romanen avancierte sie in kurzer Zeit zu einer Bestseller-Autorin der Pferdebuchszene. Christiane Gohl lebt heute in Spanien.

Inhalt

  1. Romantischer Ausritt
  2. Der Neue
  3. Barbiepferdchen und Marmorritter
  4. Liebe auf den ersten Blick?
  5. Nele steigt auf
  6. Liebesbeweise?
  7. Mensch ärgere dich nicht
  8. Turniertrottel
  9. Kleine Freundin eins bis drei
  10. Rodeopferde

Romantischer Ausritt

Pst, sei leise, du weckst Baumanns auf!«
Thorsten, mein Freund, war manchmal ein bisschen ungeschickt, und als wir uns jetzt zu noch fast nachtschlafender Zeit durch den Stall tasteten, fiel er prompt über einen herumstehenden Wassereimer. Haltsuchend griff er nach einem Stapel Halfter und Kopfstücke, die dabei mit Getöse zu Boden gingen. Und auch die Pferde taten das ihrige dazu, auf uns aufmerksam zu machen. Mein Joker war ein Riesenross mit großen Füßen und seine Hufe auf der Stallgasse machten entsprechenden Lärm. Mano, Thorstens Schimmel, war ebenfalls kein Leisetreter.

»Wenn wir herumschleichen, erschrecken die noch viel mehr«, behauptete Thorsten. »Dann denken sie, wir wären Pferdediebe. Aber Mensch, warum ist es bloß so dunkel?«

»Es wird gleich Licht!«, prophezeite ich und betätigte den Schalter. »Und außerdem wollen wir in den Sonnenaufgang reiten. Vorher ist es zwangsläufig duster!«

»Vor ein paar Wochen war es um halb sechs schon hell …«, moserte Thorsten weiter und tatsächlich war unser Vorhaben eigentlich eine Hochsommer-Idee. Wir hatten die ganzen Ferien über geplant, irgendwann vor Tau und Tag auszureiten und damit der Sommerhitze und den Insekten zu entgehen. Leider war immer irgendetwas dazwischengekommen. Und nun war September, die Schule sollte heute wieder anfangen und dies war die allerletzte Gelegenheit für unseren romantischen Ausritt. Also hatten Thorsten und ich uns kurzfristig dazu entschlossen, als gestern nach zwei Wochen Regen endlich wieder die Sonne schien. Zwar entpuppte sich der heutige Morgen als eher neblig und gar nicht so einladend, aber jetzt ließ ich keine Widerrede mehr gelten.

Halbwegs leise – schließlich wohnten meine Freundin Svenja und ihre Eltern über den Ställen – holten wir Joker und Mano von der Weide und banden sie zum Putzen und Satteln auf der Stallgasse an. Beide Pferde schienen guter Laune, obwohl Mano noch ein bisschen ins Licht blinzelte. Er hatte eben noch gelegen und Thorsten hatte ihn aufscheuchen müssen. Dementsprechend feucht war sein Fell. Thorsten bürstete nur rasch darüber, richtig striegeln konnte man den nassen Schimmel nicht. Jokers Fell fühlte sich ebenfalls klamm an, aber er war immerhin schon auf den Beinen gewesen und hatte mich mit dem üblichen durchdringenden Wiehern begrüßt. Joker war stets begeistert davon, mich zu sehen, wobei ich hoffte, dass sein Jubel wirklich mir galt und nicht dem Begrüßungsleckerbissen. Jetzt streckte er seine Tapirnase genüsslich vor, während ich ihn striegelte. Er liebte die Massage und wirkte fast enttäuscht, als ich es heute kurz machte.

»Tut mir leid, Großer, aber nachher ist noch Schule«, beschied ich ihn. »Wenn wir vorher die große Runde schaffen wollen, müssen wir bald mal los.«

Thorsten und ich hatten uns darauf geeinigt, dass ein Ritt in den Sonnenaufgang ein bisschen ausführlicher ausfallen musste als der alltägliche Trip durchs Wäldchen. Es gab da eine Runde, die über ein paar Hügel führte und letztlich einen weiten Blick über den Wald und sehr viele Autobahnen erlaubte. Wir wohnten im Ballungszentrum und durften in Sachen romantische Landschaften nicht wählerisch sein.

Joker zog jedenfalls mit dem üblichen Sieben-Meilen-Stiefel-Schritt los, als wir nun starteten. Er war ein lebhaftes Pferd, und ich schaffte es nicht immer, seinen Vorwärtsdrang zu zügeln. Eigentlich, so meinte jedenfalls meine Reitlehrerin Frau Tomms, war Joker eine Nummer zu groß für mich. Ich ritt erst seit knapp zwei Jahren, während Joker schon eine halbwegs erfolgreiche Turnierkarriere und viele schlechte Erfahrungen mit ehrgeizigen Besitzern hinter sich hatte. Aber ich war eben nicht durch Vernunftskauf, sondern im Rahmen einer regelrechten Liebesgeschichte an Joker gekommen. Es begann mit einem vorsichtigen Anstupsen seiner Tapirnase und endete mit einem filmreifen Showdown, der Joker beinahe zum Schlachter, dann aber doch zu mir und in Svenjas Stall geführt hatte.

Jetzt konnte ich darüber allerdings nicht nachdenken. Joker und Mano hatten den ersten Feldweg erreicht und das Tageslicht brach sich auch langsam Bahn – obwohl es weniger ein spektakulärer Sonnenaufgang als ein langsames Auflösen des Nebels zu werden versprach. Thorsten und ich ließen die Pferde also antraben. Für Thorsten war das kein Problem. Er hatte am Anfang zwar auch seine Schwierigkeiten mit Mano gehabt, schließlich war der Schimmel ein ehemaliges Springpferd und auf Tempo getrimmt. Aber inzwischen hatten sich die beiden annähernd perfekt zusammengerauft, vor allem, seit Thorsten zum Westernreitstil gewechselt hatte. Er saß nun recht sicher und bequem im Westernsattel, während Joker mich immer noch ziemlich durchschüttelte. Mein Pferd hatte gewaltige Bewegungen, die schwer zu sitzen waren.

»Aber dafür ist er ein Weight-Watchers-Pferd«, pflegte Svenja mich zu trösten. »Wenn du solche Pferde reitest, hältst du automatisch dein Gewicht, du musst da gar nichts dafür tun. Man verbraucht unheimlich Kalorien, nur um das auszubalancieren. Mein Pony dagegen …«

Svenjas Islandstute Hrifla hatte butterweiche Bewegungen, ebenso wie Millie, das Pony meiner Mutter. Aber wir hatten ohnehin alle keine Gewichtssorgen. Svenja war klein und zierlich, Mom und ich waren groß, aber dünn.

Thorsten und ich ritten jetzt durch den Wald und bemühten uns nach Kräften, die Sache romantisch zu finden. Als es nun wirklich hell wurde, versuchten wir es auch mit Händchenhalten, aber Thorstens Finger waren nicht wärmer als meine und obendrein nass. Dabei regnete es nicht wirklich, aber der Nebel schien in alle Falten unserer Kleider zu kriechen und der Niederschlag bildete Tröpfchen in unserem Haar und in den Mähnen der Pferde. Es war weniger romantisch als schlichtweg kalt.

»Kleiner Galopp?«, fragte Thorsten, als wir eine Steigung erreichten. Ich bevorzugte Anhöhen, um mit Joker zu galoppieren, weil ich da bessere Chancen hatte, ihn hinterher wieder anzuhalten. Hier trabten wir sonst allerdings eher, der Hügel war nicht sehr hoch und insofern ungeeignet, Joker müde zu machen. Heute allerdings schien auch Thorsten nichts mehr zu wünschen, als den Ritt möglichst bald hinter sich zu haben. Er wirkte genauso verfroren wie ich. Sein etwas rundes Gesicht unter dem lockigen blonden Haar, das unter der Reitkappe hervorquoll, war vor Kälte gerötet. Dennoch fand ich, dass er umwerfend gut aussah. In den letzten Monaten hatte er deutlich »Babyspeck« verloren und sah jetzt ein bisschen so aus wie Leonardo DiCaprio in seinen ersten Filmen. Ich war ganz schön stolz, so einen Freund zu haben.

»Na gut!«, meinte ich jetzt ein wenig zögerlich. »Um die Zeit werden ja noch nicht allzu viele Rentner mit Dackeln im Wald sein …«

Einige Spaziergänger mussten ihre Hunde unbedingt auf den wenigen Reitwegen Gassi führen, und mit Joker bestand stets die Gefahr, sie zu überrennen.

Wie immer griff mein Pferd die Anregung zu einem Galopp begeistert auf. Der große Braune überholte Mano sofort und erklomm die kleine Steigung mit gewaltigen Sprüngen. Leider machte er keine Anstalten, oben zu stoppen, nur weil ich am Zügel zog. Natürlich versuchte ich es auch mit tiefem Einsitzen und Kreuzeinwirkung und zuletzt mit dem »Zauberwort« Haaalt!, auf das Thorsten seinen Mano erfolgreich trainiert hatte. Der Schimmel war noch verrückter nach Leckerbissen als Joker und rammte sofort die Hufe in den Boden, sobald das Wort ertönte. Thorsten belohnte ihn dann stets mit einem Stück Brot. Joker war sich jedoch oft nicht sicher, ob Rennen oder Fressen schöner war, und heute entschied er sich für eine Verlängerung des Galopps. Begeistert jagte er den Hügel wieder hinunter – und zu allem Überfluss landeten wir auch noch mitten in einer Nebelbank. Weiter oben war die Sicht schon sehr gut gewesen, aber jetzt tauchte Joker in einen milchigen Dunst, der einen kaum die Hand vor Augen erkennen ließ. Nass und kalt war es obendrein, die Lederzügel flutschten mir nur so durch die Finger.

»Nun steh endlich!«, rief ich meinem ausgelassenen Pferd zu und versuchte, den Ästen auszuweichen, die ein paar böswillige Bäume frech über den Weg hängen ließen. Und dann ging es wie ein Ruck durch den gewaltigen Pferdekörper unter mir! Joker stoppte so plötzlich, dass ich über den Sattel auf seinen Hals rutschte. Hätte ich nicht die Zügel losgelassen und ihn umklammert und hätte er den Kopf gesenkt, statt ihn alarmiert zu heben, so wäre ich sicher hinuntergefallen.

So aber konnte ich mich schnell wieder aufrichten und erkannte nun auch, was Joker überzeugt hatte anzuhalten: Quer über den Reitweg war rot-weißes Flatterband gespannt und gleich dahinter verschwand der Weg in einem Abgrund!

»Was ist das denn?«, fragte Thorsten entsetzt. Mano war eben hinter uns aufgetaucht. Auch im Galopp, aber zweifellos besser unter Kontrolle als mein Riesenross. »Die haben ja den halben Wald weggebaggert!«

»Die neue Schnellstraße!«, erinnerte ich mich aufseufzend. »Svenja hat davon erzählt. Aber … also so dramatisch hatte ich mir das nicht vorgestellt!«

»Irgendwann sind hier nur noch Straßen«, meinte Thorsten traurig. »Aber was machen wir jetzt? Zurückreiten? Dann schaffen wir es nicht rechtzeitig zur Schule.«

»Drum herum reiten«, schlug ich vor. »Den Hügel runter, immer an der Klippe lang. Unten kann man die Trasse bestimmt überqueren.«

»Aber es ist ganz schön rutschig …«, gab Thorsten zu bedenken. Wir würden querfeldein reiten müssen und teilweise wirkte der Abstieg ziemlich steil.

»Ach komm, die Pferde sind trittsicher«, behauptete ich und lenkte Joker entschlossen nach rechts in den Wald.

Thorsten zog die Augenbrauen hoch. »Ja, besonders deiner. Im Galopp den Weg runter, bei dem Nebel und der Nässe. Du wirst dich noch mal umbringen! Wann lernst du endlich, ihn zu kontrollieren?«

Die Nörgelei hatte ich nun gerade noch gebraucht! Jedenfalls würdigte ich Thorsten keiner Antwort, sondern hielt Joker streng am Zügel, damit er wenigstens jetzt keine Alleingänge startete. Dazu machte er allerdings keine Anstalten. Der knappe Stopp vor dem Abgrund musste ihn ernüchtert haben, er tastete sich nun sehr brav Schritt für Schritt den Abhang hinunter. Dafür ging es diesmal ausgerechnet mit dem braven Mano durch. Irgendwie geriet der Schimmel aus dem Gleichgewicht, machte ein paar Trabschritte, um das auszugleichen, und legte sich dabei glatt auf die Nase. Thorsten kam zum Glück schnell genug aus den Steigbügeln, um nicht unter ihm zu landen, aber schließlich krebsten beide im Schlamm herum und mussten kämpfen, auf die Beine zu kommen. Mano war anschließend auf einer Seite braun – und Thorsten glich mal wieder dem Monster aus dem Sumpf. Den Rest des Abhangs führte er – und warf mir giftige Blicke zu, als ich das Kichern nicht unterdrücken konnte.

Schließlich erreichten wir wirklich die durch die Landschaft gepflügte Schnellstraßentrasse und konnten sie überqueren. Der Boden war allerdings so matschig, dass die Pferde bis über die Fesselgelenke im Schlamm versanken.

»Hoffentlich halten die Hufeisen das aus«, seufzte ich. Meine Mom würde mir schön was erzählen, wenn Joker eins verlor. Schließlich war der Hufschmied gerade erst da gewesen und sein Besuch riss immer ein ziemliches Loch in ihre Kasse.

Thorsten schmollte weiterhin. Seine Laune besserte sich erst, als er endlich wieder im Sattel saß. Mano war zum Glück nichts passiert, schließlich war er langsam und weich gefallen. Und nun zeigte sich endlich die Sonne. Wir machten allerdings trotzdem lange Gesichter, als wir feststellten, wo wir gelandet waren.

»Im Grunde sind wir ja ganz nah an zu Hause …«, meinte ich unglücklich und warf einen Blick auf den Weg, der sich rechts und links vor uns auftat. Um die Runde auf übliche Weise zu beenden, hätten wir nach rechts reiten müssen. Der Weg endete in einem Tunnel, der unter der Autobahn durchführte. Aber unser Abstieg hatte uns weit von dieser Unterführung weggebracht. Wir waren in der ungünstigen Situation, dass luftlinienmäßig zwar nur zwei Kilometer zwischen uns und Svenjas Stall lagen, der einzig sichere Weg aber bestimmt eine Stunde länger in Anspruch nahm.

»Wir müssen über die Brücke reiten«, seufzte Thorsten und biss sich auf die Lippen. »Sonst schaffen wir es nicht.«

»Das war irgendwie eine blöde Idee mit dem Sonnenaufgang vor der Schule«, stellte ich fest. Thorsten widersprach mir nicht.

»Also was machen wir?«, fragte er schließlich.

Ich zuckte die Schultern. »Autobahnbrücke. Wir können unmöglich gleich am ersten Tag zu spät kommen.«

Wir wandten die Pferde also nach links und trabten an – der Weg führte zur Autobahn und dann daran entlang, aber das waren die Pferde gewöhnt. Wie sie allerdings reagieren würden, wenn sie über die Brücke gehen mussten …

»Sollen wir absteigen?«, fragte ich nervös.

Thorsten schüttelte entschlossen den Kopf. »Nein! Riders do it on Horseback! Und außerdem: Stell dir mal vor, die Pferde laufen uns weg und gehen allein nach Hause. Da kann sonst was passieren!«

Der letzte Kilometer dieser Runde führte über Straßen. Zwar keine wirklich großen, aber zwei frei laufende Pferde konnten dort trotzdem in ein Auto rennen.

Ich biss die Zähne zusammen und hielt Joker fest am Zügel, als die Brücke schließlich vor uns auftauchte. »Nicht ziehen, versammeln!« Im Geiste hörte ich die strenge Stimme meiner Reitlehrerin und versuchte, wirklich nicht nur die Zügel, sondern vor allem Kreuz und Schenkel einzusetzen, um Joker unter Kontrolle zu halten.

Thorsten hatte hier etwas bessere Karten. Sein Mano trug eine Westernzäumung, die deutlich schärfer wirkte als meine Trense. Im Notfall würde er den Schimmel daran eher halten können – auch wenn er ihm dabei etwas wehtat.

Joker setzte allerdings ganz tapfer seine Hufe auf die Brücke und tänzelte nur ein bisschen, als er das Dschuiiiiieeee der vorbeirasenden Autos diesmal unter sich und nicht über oder neben sich vernahm. Mano wirkte noch angespannter. Vielleicht erinnerte ihn das Brückengeländer ja an die Hindernisse, die er früher zu springen hatte. Sein Vorbesitzer Heiko Tünnermann hatte ihn zweifellos oft genug über scheinbar harmlose Sprünge gehetzt, hinter denen es dann zwei Meter in die Tiefe ging. Mano erwartete stets das Schlimmste. Im Gefolge meines tapferen Joker kam er aber dennoch recht gut über die Brücke, und ich wollte schon aufatmen, als wir das letzte Drittel erreichten.

Doch dann scherte jemand ausgerechnet unter der Brücke dicht vor einem Schwerlaster ein! Der Fahrer des Brummis trat schwungvoll auf die Bremse, um einen Unfall zu verhindern, wobei sein Gefährt ohrenbetäubend quietschte. Joker sprang erschrocken in die Luft, aber wahrscheinlich hätte ich ihn noch unter Kontrolle bekommen, hätte der Lasterfahrer anschließend nicht empört auf die Hupe gedrückt. Sie klang wie ein Nebelhorn – und Joker ergriff die Flucht. Kopflos rannte er los, gefolgt von dem ebenso entsetzten Mano.

Nun hatte ich eigentlich nie besondere Angst gehabt, wenn Joker schnell galoppierte. Schließlich hielt er immer wieder an, spätestens dann, wenn wir auf bekannte Strecken kamen, die gewöhnlich im Schritt absolviert wurden. Heute allerdings wurde mir doch ziemlich anders, als mein relativ frisch beschlagenes Pferd auf blanken Eisen die asphaltierte Brücke hinuntergaloppierte. Wenn Joker hier ausrutschte und fiel, würde das nicht so glimpflich abgehen wie eben bei Mano im Matsch!

Ich versuchte trotzdem, nicht in Panik zu geraten. Nicht abspringen, nicht aus dem Gleichgewicht bringen! Todesmutig blieb ich im leichten Sitz, hielt Zügelkontakt, ohne zu ziehen, und versuchte, Joker eher beim Ausbalancieren zu helfen, als ihn zu stören. Tatsächlich kamen wir ohne Rutscher am Fuß der Brücke an! Gleich dahinter führte ein naturbelassener Weg an der Autobahn entlang, aber um den zu erreichen, mussten wir links abbiegen, und die enge Wendung auf dem Asphalt war wieder gefährlich. Mir blieb fast das Herz stehen, als Joker dabei ins Schlittern geriet! Ein paar Sprünge lang kämpfte er um sein Gleichgewicht, aber dann fanden seine Hufe Halt auf dem naturbelassenen Weg! Das schien ihn zu beruhigen und beinahe hätte ich ihn sogar wieder zum Trab durchparieren können. Aber dann tauchte Mano hinter uns auf. Nach dem Schock mit der Hupe mussten sowohl Thorstens Zauberwort als auch die Westernzäumung versagt haben. Mano wollte einfach nur weg und jetzt startete auch Joker noch einmal durch. Die zwei Warmblüter stachelten sich gegenseitig zu immer höherer Fluchtgeschwindigkeit auf, und erst als sich rechts ein Weg anbot, der einen Berg hinaufführte, sah ich eine Chance, sie zu bremsen. Entschlossen lenkte ich Joker vom Heimweg weg und den Hügel hoch – wobei ich einen Herzschlag lang das Gefühl hatte, er könnte sich widersetzen und trotzdem nach Hause laufen. Zum Glück erwies er sich jedoch als gehorsam, Mano lief ihm nach und der Weg bergan ernüchterte nun beide Pferde. Thorsten konnte Mano auf halber Höhe anhalten und Joker beruhigte sich ebenfalls. Wir brauchten den Berg nur wieder hinunterzureiten und waren dann gleich auf den letzten Straßen vor dem Stall.

»Jetzt«, meinte Thorsten trocken, »liegen wir jedenfalls gut in der Zeit …«

Ich kicherte ein bisschen hysterisch. »Und«, fragte ich, »war es nicht wahnsinnig romantisch?«

Der Neue

Was macht ihr denn schon hier?«, gähnte Svenja. Sie schob sich eben verschlafen in den Stall, während Thorsten und ich die Pferde hereinführten. Wir waren nach unserem Abenteuer immerhin hellwach. »Sagt nicht, ihr habt es doch noch geschafft mit eurem Sonnenaufgangsritt!«

»Und ob!«, bemerkte Thorsten. »Besser spät als nie!«

Svenja betrachtete ihn argwöhnisch. »Und zwischendurch habt ihr euch leidenschaftlich im Schlamm gewälzt?«, fragte sie dann.

Ich musste lachen. Thorsten war nach dem Galopp noch nasser und dreckiger, und als er jetzt die Reitkappe abnahm, wirkte er obendrein wie ein begossener Mönch: Haupthaar tonsurartig an den Kopf geklatscht und darum herum ein Kranz von feuchten Kräusellöckchen. Absolut kein Märchenprinz. Aber ich sah wohl auch nicht gerade aus wie eine Fee. Um mein braunes Haar helmartig an den Kopf zu pappen, genügte an sich schon die Reitkappe, und der Nebel hatte der Frisur nun völlig den Rest gegeben. Dazu war das bisschen Make-up, das ich morgens aufgetragen hatte, dank Niederschlag und wilder Ritte völlig verschmiert. Ein Blick in den Spiegel – Svenja, ebenso praktisch wie eitel, hatte ihn im Stall aufgehängt, seit ihr Freund Simon hier ein und aus ging – genügte, um mir klarzumachen, dass wir doch nicht so gut in der Zeit lagen.

»Und so wollt ihr jetzt in die Schule?«, sprach Svenja aus, was ich dachte. »Ihr habt euch doch wohl hoffentlich Klamotten zum Wechseln mitgebracht?«

Ich hatte, Thorsten nicht. Aber um mich menschenähnlich herzurichten, brauchte man trotzdem mehr als ein frisches T-Shirt. Ich musste dringend in Svenjas Badezimmer.

»Nun geh dich schon stylen, Lea, ich bring Joker gerade mit raus!«, meinte Thorsten gutmütig und wuchtete auch schon den Sattel vom Rücken meines Riesenrosses.

»Und du?« Etwas unschlüssig wandte ich mich zum Gehen. Joker wieherte mir bedauernd nach. Von Thorsten erhoffte er sich wohl keine so große Ausbeute an Abschiedsleckerli.

Thorsten zuckte die Schultern. »Bei mir ist eh nichts zu retten. Ich werde behaupten, ich käme direkt aus Laramie. Viehtrieb, du weißt schon. Hat die ganzen Ferien gedauert.« Er grinste. »Mein Daddy würde entzückt sein!«

Thorstens Vater hegte ständig die Befürchtung, sein Sohn würde zu weibisch, weil Thorsten sich weder für Sport noch Computer-Ballerspiele interessierte. Das war auch der Grund, weshalb er Thorsten vor einem Jahr in den Reitkurs geschleppt hatte. Ein Mutter-Tochter-Reitkurs – es war wirklich der Gipfel der Peinlichkeit, als Herr Reiser da mit seinem rundlichen, unsportlichen Sohn auftauchte. Nun hatten die meisten Mädchen ohnehin nur einen Blick für die Pferde. Lediglich ich fühlte mich genauso fehl am Platze wie Thorsten. Schließlich hätte ich damals nie vermutet, dass ich mich jemals in ein Pferd verlieben könnte!

Im Gegenteil, ich musste mit einem Konzertbesuch bei meiner Lieblingsboygroup bestochen werden, um überhaupt einen Fuß in den Reitstall zu setzen. Das Ganze war eine Idee meiner Mutter, die plötzlich die Liebe zum Pferd in sich entdeckte, aber nicht den Mut aufbrachte, allein einen Reitkurs zu buchen. Sie wäre darin schließlich die einzige Erwachsene unter lauter kleinen Mädchen gewesen und das war ihr peinlich. Tja, und dann stupste mich eben eines Tages eine Joker-Tapirnase an und nichts war mehr wie vorher …

Ich rief mich energisch zur Ordnung. Jetzt war keine Zeit für irgendwelche Erinnerungen. Wenn ich halbwegs ansehnlich zur Schule kommen wollte, musste ich mich beeilen.

Ich zog also mit der Plastiktüte, in die ich Jeans und T-Shirt für die Schule gepackt hatte, in Svenjas Wohnung und verspürte dabei wieder mal leisen Neid auf meine Freundin. Es war schon cool, sozusagen über dem Stall zu wohnen, und es machte das Leben einfacher. Aber an sich konnte auch ich nicht klagen. Svenja teilte ihr Glück des eigenen Stalls mit Weiden und Reitplatz freigebig mit Thorsten, meiner Mutter und mir. Wir hatten unsere Pferde zu recht günstigen Konditionen hier eingestellt. Svenjas Eltern half das, die Anlage zu bezahlen.

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