Logo weiterlesen.de
Lea und die Pferde - Ein Joker für alle Fälle

Über die Autorin

Dr. Christiane Gohl wurde 1958 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Psychologie und Pädagogik arbeitete sie zunächst als Werbetexterin und Reiseleiterin, dann als freie Autorin und Fachjournalistin. Seit ihrem zehnten Lebensjahr beschäftigt sie sich mit Pferden und reitet in verschiedenen Disziplinen. Pferdefreundliches Reiten und artgerechte Haltung sind ihr dabei besonders wichtig. Mit ihren fundierten Sachbüchern und Romanen avancierte sie in kurzer Zeit zu einer Bestseller-Autorin der Pferdebuchszene. Christiane Gohl lebt heute in Spanien.

Inhalt

  1. Fata Morgana
  2. Schüleraustausch
  3. Cowboys und -girls
  4. Jessica
  5. Ein genialer Plan
  6. Wer mit wem?
  7. Prinz im Tiefflug
  8. Hoffnungslos verliebt
  9. Missverständnisse
  10. Ein Wecker für den Prinzen
  11. Fest verbandelt

Fata Morgana

Also warten wir jetzt noch auf Thorsten oder nicht?« Svenja wurde langsam ungeduldig und auch meine Mutter hatte den Sattelgurt ihrer Stute Millie nun schon zum dritten Mal kontrolliert. Es gab absolut nichts mehr zu tun vor dem Ausritt, aber mein Freund Thorsten kam und kam nicht. Dabei hatten wir auch sein Pferd schon hereingeholt und für ihn vorbereitet. Der Schimmel Mariano – Mano genannt – wartete fertig geputzt und aufgesattelt auf seinen Reiter.

Nun konnte Thorsten sich schon mal verspäten – er hatte an diesem Nachmittag Computer-AG und manchmal quatschte er sich da mit Freunden fest. Aber über eine halbe Stunde zu spät zum Ausritt zu erscheinen und die ganze Gruppe warten zu lassen, sah ihm nicht ähnlich.

»Ich versuche es jetzt noch mal auf seinem Handy, und wenn er wieder nicht rangeht, reiten wir los«, erklärte ich leicht genervt. Mit Thorsten gemeinsam zu reiten machte mehr Spaß – auch deshalb, weil mein Pferd Joker ein bisschen an seinem Mano klebte. Joker war ein riesiges, sehr starkes Pferd mit manchmal etwas überschüssiger Energie. Wenn er allein mit Millie und Svenjas Hrifla unterwegs war, verlief der Ritt oft ein wenig schneller, als mir lieb war. Manos dicker Hintern wirkte dagegen zuverlässig bremsend und überholen ließ sich der Schimmel ohnehin nicht gern. Er lief dann mit ärgerlich angelegten Ohren Schlangenlinien vor Joker, um ihm den Weg abzuschneiden. Das sah witzig aus, auch wenn es Thorsten manchmal ein bisschen in Raumnot brachte. Thorstens Gleichgewichtssinn war nicht der beste – mein Freund war eher Computerfreak als Sportler. Früher fiel er mitunter schon im Schritt vom Pferd, wenn Mano nicht aufpasste, aber inzwischen hatten sich die zwei hervorragend zusammengerauft.

Bei Joker und mir fehlte da noch einiges – obwohl wir im Stall immer sehr das »Traumpaar« herauskehrten. Joker pflegte mich mit jubelndem Wiehern zu begrüßen, raste auf der Weide im Galopp auf mich zu und trug mich auch bereitwillig spazieren, obwohl ich nicht gerade olympiaverdächtig ritt. Aber wenn er es wirklich eilig hatte, musste ich mit – das lehrbuchgerechte Anhalten mit Kreuzanspannen, Zügelannehmen und was Reitlehrer dazu noch alles empfahlen, klappte bislang allenfalls in der Reitbahn.

Schon jetzt zeigte mein gewaltiger Brauner erste Zeichen der Ungeduld. Während Mano die Wartezeit für ein Schläfchen nutzte, spielte Joker an seinem Anbindestrick herum, versuchte, in meinen Taschen nach Leckerli zu wühlen oder sich wenigstens mein Handy zum Zerkauen zu angeln, während ich Thorstens Nummer wählte. Joker hatte eine unglaublich bewegliche Nase, es hätte mich nicht gewundert, wenn er die Nummer gleich selbst eingetippt hätte.

Svenjas Islandstute Hrifla, eine hübsche Füchsin mit langer, fast schneeweißer Mähne, langweilte sich ebenfalls, war aber zielstrebiger als Joker Riesenross. Sie nutzte ihre Oberlippe bevorzugt zum Lösen von Knoten. Svenja musste sie nun schon zum dritten Mal anbinden und schimpfte mit ihr. Ich hörte dagegen frustriert auf die Meldung von Thorstens Mailbox. Sein Handy war nach wie vor ausgeschaltet. Nun sprach ich ihm rasch eine Nachricht auf und konnte nur noch hoffen, dass er vielleicht eintraf, während wir Mano wieder absattelten und auf die Weide ließen. Das schafften Svenja und Mom allerdings in Rekordzeit, und gleich danach wieherte der Schimmel uns traurig hinterher, als wir die Pferde durch das Tor führten, das den Pferdebereich vom Vorgarten trennte. Letzterer war ziemlich klein und beschränkte sich auf etwas Grünzeug rund um die Garagenauffahrt. Svenjas Eltern waren beide berufstätig und hatten wenig Lust zur Gartenpflege. Auch in ihrem früheren Haus hatten sie den großen Garten deshalb in eine Haltungsanlage für Svenjas Pony umfunktioniert. Da hatte es deshalb allerdings immer wieder Ärger mit den Nachbarn gegeben. Baumanns waren schon völlig zermürbt, als sie hörten, dass ein Haus mit Pferdestall und Weiden am Stadtrand zu verkaufen war. Sie waren sich mit den Vorbesitzern schnell einig geworden und nun besaß Svenja eine Art Paradies: Innenställe für sechs Pferde, große Offenställe mit Auslauf, ein Reitplatz und drei Hektar Weiden! Sie teilte das alles bereitwillig mit meiner Mutter, Thorsten und mir – Svenja war ein geselliger Typ und auch ihre Hrifla mochte nicht allein sein. Außerdem brauchten Svenjas Eltern das Pensionsgeld. Das Haus wollte schließlich abbezahlt werden.

Raffgierig waren sie allerdings nicht – zum Glück, sonst hätte meine Mom sich den Unterhalt für zwei Pferde nicht leisten können. Ursprünglich hatten wir natürlich nur eins gewollt, aber dann fiel mir Joker in den Schoß, und Mom verliebte sich in die viel kleinere, leichtrittige Millie. Thorstens Tante Wiebke, die für so ziemlich jede reiterliche Lebenssituation einen Spruch draufhat, bemerkte dazu nur: »Pferde vermehren sich nun mal … auf natürliche und unnatürliche Weise.«

Ich warf einen letzten hoffnungsvollen Blick auf die Zufahrtsstraße. Vielleicht tauchte Thorstens Fahrrad ja doch noch auf. Aber da war nichts – ich würde mich mit Svenjas und Moms Gesellschaft begnügen müssen.

Wobei Letztere die Situation verkomplizierte, da sie die möglichen Gesprächsthemen beim Ausritt drastisch einschränkte. Mit Mom im Nacken konnten wir kaum die letzten Ausfälle unserer Französischlehrerin durchhecheln oder überlegen, welchen Sänger wir gerade süß fanden. Jungs waren erst recht tabu – Svenja und ich waren praktisch zum Schweigen verurteilt!

Heute war es also genau wie bei meinem Reitkurs vor einem guten Jahr. Damals kam meine Mom von einem Moment zum anderen auf die Idee, sie müsste unbedingt Reiten lernen. Bei Mädchen soll so was ja die Pubertät einleiten, während ich bei Mom eher Midlife-Crisis vermutete. Jedenfalls war sie felsenfest davon überzeugt, ohne Pferde nicht mehr leben zu können. Leider traute sie sich nicht allein in die Reitschule. Also wurde ich mit einem Konzert meiner Lieblingsboygroup geködert und fand mich plötzlich in einem »Mutter-Tochter-Reitkurs« wieder. Thorsten wurde von seinem ähnlich übereifrigen Daddy in den gleichen Kurs geschleppt – allein unter Mädchen. Am Anfang wusste er vor Peinlichkeit nicht wohin, bis wir schließlich Freunde wurden. Mein Einstieg in den Reitsport verlief ohnehin ziemlich turbulent – im Grunde verliebte ich mich gleich dreimal: Erst in Sonnyboy Heiko, einen ziemlich brutalen Springreiter, den man wirklich nur bewundern konnte, wenn man von Pferden gar nichts verstand. Dann in Joker Riesenross, der damals noch Heikos Schwester gehörte, und schließlich in Thorsten. Dessen Märchenprinz-Qualitäten zeigten sich zwar erst auf den zweiten Blick, aber im Laufe der Zeit entpuppte er sich als echter Hauptgewinn – jedenfalls, wenn er sein Handy nicht gerade ausgeschaltet hatte.

Ich gab die Hoffnung schließlich auf und erkletterte Jokers Westwand. Svenja und meine Mom waren bereits aufgestiegen, aber die hatten natürlich auch den kürzeren Weg. Millie war etwa genauso groß wie Hrifla, beide noch gut im Ponymaß. Die zwei waren auch rassemäßig verwandt: Millie war ein sogenannter Weideunfall, also ein »Kind der Liebe« zwischen einem Haflingerhengst und einer Islandstute. Sie war wohlerzogen und sehr hübsch, eine dunkle Falbe mit langer Mähne und großen, sanften Augen. Bevor Mom sie kaufte, gehörte sie unserer Reitlehrerin Frau Tomms.

Zum Glück stand Joker ruhig wie ein Denkmal, während ich mich an seinem Sattel hochzog. Ich war ziemlich groß – wie alle in meiner Familie –, aber ein Pferd von einem Meter achtzig hätte ich mir normalerweise nicht ausgesucht. Nun war ich allerdings nicht gefragt worden, Joker hatte es einfach geschafft, sich in mein Herz zu schmuggeln. Das fing ganz harmlos an: dezentes Anstupsen mit seiner Tapirnase, wenn ich an seiner Box vorbeiging, ein trauriger Blick, wenn seine Besitzerin wieder mal böse auf ihn war, ein »Badefest« am Abspritzplatz, nachdem seine Leute ihn viel zu scharf geritten hatten … Und dann erklärte mich seine letzte Besitzerin, Frau Müller-Westhoff, plötzlich zur Pferdeflüsterin, weil Joker sich jedes Mal vor Freude nicht mehr einkriegte, wenn ich in den Stall kam. Er wurde schließlich mein Pflegepferd, und als er nach einer Verletzung als unreitbar galt, bekam ich ihn geschenkt! Das mit der »dauernden Unbrauchbarkeit« hatte sich zum Glück nicht bewahrheitet, Joker war inzwischen wieder fit wie ein Turnschuh. Aber für mich im Prinzip ein paar Nummern zu groß – sowohl was die Höhe, als auch was die Ausbildung anging. Ich hatte gerade mal ein Jahr Reiterfahrung, Joker dagegen war M-Dressur gegangen. Das M stand für mittelschwer, aber das gehörte zu den typischen Untertreibungen in der Reiterei: Ein M-Pferd war fast schon olympiareif.

Nun fand Joker allerdings nichts dabei, sich in die Niederungen meiner Reiterei herunterzubegeben – Dressur hatte ihm nie wirklich Spaß gemacht. Lange Spaziergänge in der freien Natur machte er viel lieber.

Auch jetzt stellte er sofort die Ohren auf und setzte sich vergnügt an die Spitze unserer kleinen Gruppe. Millie und Hrifla mussten sich anstrengen, bei seinem Schritt mitzukommen. Svenja und ich fingen trotzdem schon mal an, miteinander zu plaudern; sie trieb ihr manchmal etwas phlegmatisches Pony energisch neben Joker. Mom dagegen blieb vorerst stumm. Das sah ihr zwar eigentlich nicht ähnlich, aber der erste Teil des Ausritts machte sie immer noch ein bisschen nervös, schließlich führte er am Rand einer Autostraße entlang.

»Hab ich euch eigentlich gesagt, dass Frau Engel wegen eines Stallplatzes gefragt hat?«, erkundigte sich Svenja, als wir endlich von der Straße abbogen. Hier ging es auf einen Feldweg, der zunächst an der Haltungsanlage von Thorstens Tante Wiebke vorbeiführte und dann bald in verschiedene Waldwege mündete. Mom entspannte sich und schloss auf.

Ich lachte. »Womit du wieder mal deine Fähigkeiten als Wahrsagerin unter Beweis gestellt hättest!«, sagte ich anerkennend. Svenja hatte schon vor ein paar Wochen prophezeit, dass mit einer Anfrage von Frau Engel zu rechnen sei. Wir kannten sie aus unserem früheren Stall.

Svenja schüttelte jedoch den Kopf. »Nur ansatzweise«, bemerkte sie. »Das Wichtigste hat sich mir nicht offenbart. Es geht nämlich um zwei Pferde! Frau Engel hat Annabell gekauft …«

»Was will sie denn mit der?«, quietschte ich, und meine Mom fügte ein verwundertes »Die kann man doch gar nicht reiten!« hinzu.

Annabell war eine sehr sympathische, nicht zu große Warmblutstute, die ein riesiges Problem hatte: Sie bockte, sobald sie einen Reiter im Rücken spürte. Das klappte so zuverlässig, dass sie schließlich an einen Rodeoreiter verkauft worden war.

Svenja, Thorsten und mir hatte die kleine Stute mit den traurigen Augen immer leidgetan und Frau Engel hatte sich regelrecht in sie verliebt. Allerdings war die zierliche, schon etwas ältere Frau Engel nicht gerade eine Reiterin, der man die Korrektur von Problempferden zutraute. Sie ritt überhaupt eher selten, belegte dafür aber ständig Kurse in seltsamen Künsten wie »Tierkommunikation«, »Geistheilung«, »Auralesen« oder »Persönlichkeitsentwicklung mit dem Pferd«. Ihre rundliche Stute Aimée ließ das an sich ablaufen wie Wasser am Friesennerz. Aber die überängstliche Annabell?

»Sie will sie ihrer Nichte schenken«, verriet Svenja. »Die soll angeblich ganz toll reiten oder jedenfalls flüstern. Sie war Ostern auf einem Jugendferiencamp bei Brad Dillinger.«

Brad Dillinger galt als Pferdeflüsterer. Wie kannten ihn von einem Kurs in unserem früheren Pensionsstall, der dort allerdings keine Wunder zur Folge gehabt hatte.

»Und das soll sie jetzt an Annabell ausprobieren?«, fragte ich skeptisch. »Hoffentlich ist sie nicht genau so plemplem wie ihre Tante!«

»Ich fand Frau Engel immer ganz nett«, bemerkte meine Mom. »Aber wollt ihr sie überhaupt aufnehmen, Svenja?«

Svenja zuckte die Schultern. »Meine Eltern brauchen das Pensionsgeld«, meinte sie dann. »Und was mich angeht … Es gibt zweifellos Schlimmeres.«

Da hatte sie recht. Frau Engel störte nicht weiter, wenn man sich erst an ihr ständiges Gerede über Aimées verfärbte Aura und die dagegen zu verabreichenden Bachblüten gewöhnt hatte. Und wenn ihre Nichte sich aufs Flüstern beschränkte, sollte sie auch erträglich sein. Eher als Leute wie unser früherer Stallvermieter Peter Hill, der dauernd herumschrie.

Inzwischen hatten wir das Wäldchen erreicht und Joker zog an. Die Bummelei im Schritt langweilte ihn jetzt endgültig, er verlangte einen flotten Trab. Svenja nahm die Anregung gern auf, obwohl Hrifla nicht ganz so begeistert guckte. In lebhaftem Trab zogen wir über die ausnahmsweise mal nicht matschigen Waldwege. Tatsächlich war es seit ein paar Tagen trocken, der Mai hatte eben begonnen und verwöhnte uns mit sommerlicher Wärme.

Joker fühlte sich offensichtlich wohl und sprühte vor Übermut. Schon in den ersten Trab baute er ein paar kleine Hopser ein, die mich ein bisschen aus dem Takt brachten. Jokers Bewegungen waren riesig und schüttelten mich ziemlich durch, wenn ich den Rhythmus des Aufstehens und Hinsetzens beim Leichttraben nicht fand. Manchmal konnte ich verstehen, dass Mom Millie vorzog. Die war in allen Gangarten weich wie ein Sofa.

»Galopp?«, fragte ich, ein bisschen außer Atem, als wir auf einen breiten Weg bergauf stießen. Ich hatte Joker anhalten müssen, um auf die anderen zu warten, und er tänzelte unwillig auf der Stelle.

»Wenn er dir da mal nicht durchgeht!«, unkte meine Mom.

Svenja zuckte die Achseln. »Was soll’s, dann ist sie einfach etwas eher zu Hause!«

Das war natürlich Quatsch, es konnte ganz schön gefährlich werden, wenn Joker wirklich mit mir bis zum Stall rannte. Bisher hatte er das aber noch nie gemacht. Er wurde zwar manchmal etwas schneller, als ich wollte, und sein Bremsweg konnte auch mal dreihundert Meter lang sein. Aber unter Durchgehen fiel das nicht – jedenfalls nicht in der Definition von Svenja und Frau Tomms. Die erklärten kaltblütig, ein Pferd sei erst dann unkontrollierbar, wenn es sich auch nicht mehr lenken lasse. Letzteres war bei Joker nie ein Problem. Er wollte ja nicht nach Hause, er wollte nur rennen, und er ließ mich immer gern bestimmen, wo es langgehen sollte.

Zu Beginn der Steigung konnte ich ihn auch tempomäßig noch gut kontrollieren. Wobei ich seinen Galopp einfach nur cool fand. Joker machte gewaltige Sprünge, sowohl hoch als auch weit. Man hatte fast das Gefühl, fliegen zu können. Und seit ich gelernt hatte, mich dabei wie ein Jockey in die Bügel zu stellen, fiel es mir auch leicht, das Gleichgewicht zu halten. Ich schwebte sozusagen über meinem Pferd – ein irres Gefühl!

Natürlich ließ Joker die kleinen Stuten bald hinter sich, aber vorerst wurde er nicht schneller. Das änderte sich allerdings, als der steile Berg erklommen war und der Weg wieder eben wurde. Joker hielt es für eine gute Idee, hier einen kleinen Renngalopp einzulegen. Ich machte den vorsichtigen Versuch, ihn daran zu hindern, aber er wurde nur unwesentlich langsamer. Ein besserer Reiter hätte die Bremse sicher gefunden, Joker war nicht böse, sondern nach wie vor blendend gelaunt. Aber ich kam mit den Hilfen nicht durch und ergab mich schließlich in mein Schicksal. Der Weg führte noch ein paar Hundert Meter geradeaus, dann mündete er in eine Art T-Kreuzung. Wenn man dort nach rechts ritt, ging es wieder ziemlich steil nach oben. Es würde kein Problem sein, Joker am Berg zu stoppen.

Das Einzige, was die Sache mulmig machte, waren die vielen Querwege, die in den inzwischen relativ schmalen Pfad mündeten. Wenn dort ein Fußgänger mit Dackel herauskam, sah es schlecht aus – sowohl für mich als auch für den Dackel.

Nun war das bisher erst einmal vorgekommen und der Hund war zum Glück ein ziemlich flotter Collie-Mix gewesen. Er wich Jokers Hufen geschickt aus und so war dann auch nichts passiert. Abgesehen davon, dass Joker rasant stoppte, woraufhin ich mich im Sand wiederfand und mir Herrchens wütende Standpauke anhören musste.

Heute waren zum Glück nur wenige Leute unterwegs. Wir hatten auf dem Weg zum Wäldchen nur ein spazieren gehendes Paar getroffen und natürlich brav im Schritt passiert. Bis hierhin konnten die noch nicht gekommen sein. Ich versuchte trotz des hohen Tempos, Zügelkontakt mit Joker zu halten, um mir wenigstens die Illusion zu bewahren, ihn irgendwie unter Kontrolle zu haben. Schließlich war nur noch eine einzige Kreuzung zu passieren, bevor es wieder steil wurde, und ich wollte schon aufatmen. Ich linste nach rechts, als Joker darübergaloppierte – und erschrak so, dass es mich fast aus dem Sattel warf!

Aus dem Wald trat eine Erscheinung! Eine Fata Morgana … eine Lichtgestalt … Ich weiß nicht, wie ich es sonst ausdrücken sollte. Auf jeden Fall näherte sich ein Grauschimmel mit langer, wallender Mähne und riesigen, sanften Augen, und darauf saß ein leibhaftiger Prinz. Im Ernst, der Reiter wirkte wie der Held aus »Drei Nüsse für Aschenbrödel«: lockiges hellbraunes Haar – keine Reitkappe natürlich, eine Erscheinung mit Helm hätte mich auch enttäuscht! –, ein sanftes Gesicht wie aus dem Märchen, ein weißes Hemd mit weiten Ärmeln … und ein Sitz, als wäre er mit dem Pferd verschmolzen. Das konnte nicht wahr sein, ich musste träumen!

Trotz des gelinden Schocks besaß ich genug Geistesgegenwart, um Joker nach rechts zu lenken, als der Weg sich nun endlich gabelte. Er zögerte schon, als wir die T-Kreuzung erreichten, wahrscheinlich hätte er sich auch auf dem ebenen Weg bald anhalten lassen. Am Berg ging es ganz leicht. Ich setzte mich tief in den Sattel, nahm die Zügel an und gab obendrein ein Stimmkommando. Damit hatte Thorsten seinen Mano anfänglich »gezähmt« und Joker und ich arbeiteten daran.

Jetzt belohnte ich ihn fürs Anhalten, klopfte ihn und wendete im Schritt. Ich musste unbedingt herausfinden, wen oder was ich auf der Kreuzung gesehen hatte! Es gab keine Prinzen in diesem Wald. Wahrscheinlich hatte ich mir den Typen nur eingebildet.

Trotzdem schlug mein Herz ein bisschen schneller, als ich gleich hinter mir Hufschläge hörte. Es waren allerdings nur Svenja und Mom. Letztere war außer sich, Erstere wirkte eher verklärt.

»Lea, wie konntest du nur so über den Reitweg schießen? Du weißt doch, dass da ständig Leute zu Fuß unterwegs sind! Ist er dir durchgegangen? Kind, du bist auch ganz blass. Was hat er bloß gemacht?«

Mom neigte ein bisschen dazu, Joker zu misstrauen.

»Wer?«, fragte ich, immer noch etwas weggetreten, und sah Svenja an. Die erwiderte den Blick genauso ratlos.

»Du … hast ihn auch gesehen?«, fragte ich.

Svenja nickte. »Wenn du den Typen auf dem Schimmel meinst, der ungefähr so aussah wie Brad Pitt … aber ich dachte, ich hätte ihn mir nur eingebildet …«

»Wir sind einfach ziemlich schnell dran vorbeigeritten«, stimmte ich zu. »Ich dachte … Also vielleicht eine Luftspiegelung …«

Svenja kicherte. »Zwei Leute die gleiche Erscheinung? So was hat man doch höchstens mit der Muttergottes oder so …«

Die Muttergottes hatte ich eindeutig nicht gesehen.

»Los komm, wir drehen um«, entschied ich. »Ganz zwanglos. Wir bummeln so über den Weg und sehen, ob er uns entgegenkommt.«

»Ihr wollt was?«, fragte Mom. Typisch, in ihrer Sorge um mich hatte sie das Phantom gar nicht wahrgenommen. Oder zeigte es sich einfach nur ausgewählten Personen?

Frau Engel konnte uns sicher mehr darüber sagen …

»Aber er wird uns für verrückt halten, wenn wir den gleichen Weg zurückreiten«, gab Svenja zu bedenken. »Hier sind doch überall Rundwege, kein Mensch reitet hin und zurück die gleiche Strecke.«

»Ich sage, ich hätte meine Gerte verloren.«

»Wir könnten die Pferde auch einfach ein bisschen grasen lassen und gucken, ob er hinter uns herkommt«, meinte Svenja.

»Und wenn er in die andere Richtung reitet?«, warf ich ein.

Mom schaute nur verständnislos von einer zur anderen.

Aber dann nahm uns der Märchenprinz die Sache aus der Hand. Wieder erklang Hufschlag hinter uns und der Schimmel galoppierte mit großen majestätischen Bewegungen den Hügel hinauf. Irgendwie kam er mir bekannt vor. Aber dann vergaß ich das Pferd und konzentrierte mich ganz auf den Typen im Sattel. Eindeutig ein Geist. So was gab es nicht in Wirklichkeit: ein braun gelockter Traumboy mit grauen Augen wie Nebel, einem gebräunten Gesicht, Muskelspiel unter diesem absolut irren Hemd … Ein Wesen wie aus einem anderen Jahrhundert.

»Bonjour«, sagte der Geist. »Äh, Tschuldigung, Hallo! Wisst ihr zufällig, wie ich aus diesem Wald wieder rauskomme?«

Da hatten wir es, er stand unter einem geheimnisvollen Bann. Wir waren in einer Realfassung von »Die Schöne und das Biest«. Oder nein, dann hätte er mehr monsterhaft aussehen müssen. Wahrscheinlich eher ein Frosch, der versehentlich verwandelt worden war und den wir nun irgendwie in seinen Tümpel zurückzaubern mussten.

»Wo willst du denn hin?«, fragte Svenja sachlich. Allerdings strahlten ihre Augen wie Leuchtfeuer und machten ihr cooles Gehabe zunichte.

Ich checkte kurz ihr Outfit, das wenig prinzentauglich war. Zwar war Svenja zierlich, hellhäutig und blond. Wenn sie ihr halblanges Haar bürstete, konnte es glänzen wie Gold, aber jetzt schaute es nur ziemlich strähnig unter ihrer Reitkappe hervor. Ihr T-Shirt zeigte Spuren von der Pferdeputzaktion vor dem Ausritt. Es war voller Haare. Und zu allem Überfluss zeigte es auch noch ein Porträt von Nico Chico, dem Leadsänger unserer Lieblingsband »Tierpension«. Auf einen Prinzen musste es garantiert abturnend wirken, wenn die Prinzessin andere Männer auf der Brust trug.

Ich selbst kam auch nicht viel besser weg. Zwar hatte ich mich vor dem Reiten wenigstens ein bisschen geschminkt – schließlich erwartete ich Thorsten. Aber bei dem wilden Ritt eben waren mir die Tränen in die Augen getreten und die Mascara war garantiert verschmiert. Mein braunes, gern in Büscheln abstehendes Haar wurde noch gnädig von der Reitkappe verdeckt – wenn ich sie abnahm, würde es helmartig ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lea und die Pferde - Ein Joker für alle Fälle" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen