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Lazarus

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. 36
  43. 37
  44. 38
  45. 39
  46. 40
  47. 41
  48. 42
  49. 43
  50. 44
  51. 45
  52. 46
  53. 47
  54. 48
  55. 49
  56. 50
  57. 51
  58. 52
  59. 53
  60. 54
  61. 55
  62. 56
  63. 57
  64. 58
  65. 59
  66. 60
  67. 61
  68. 62
  69. 63
  70. 64
  71. 65
  72. 66
  73. 67
  74. 68
  75. 69
  76. 70
  77. 71
  78. 72
  79. 73
  80. 74
  81. 75
  82. 76
  83. 77
  84. 78
  85. 79
  86. 80
  87. 81
  88. 82
  89. 83
  90. 84
  91. 85
  92. 86
  93. 87
  94. 88
  95. 89
  96. 90
  97. 91
  98. 92
  99. 93
  100. 94
  101. 95
  102. 96
  103. 97
  104. Epilog

Über das Buch

Hat Jurek Walter überlebt? Der gefährlichste Serienmörder Schwedens wurde vor Jahren für tot erklärt. Er war bei einem dramatischen Polizeieinsatz von mehreren Kugeln getroffen in den Fluss gestürzt. Seine Leiche wurde jedoch niemals gefunden. Als nun der Schädel von Joonna Linnas toter Ehefrau in der Wohnung eines Grabschänders entdeckt und eine perfide Mordserie aus ganz Europa gemeldet wird, ahnt Joona Linna das Unvorstellbare: Der Albtraum ist nicht zu Ende, und der grausame Serienmörder droht, alle lebendig zu begraben, die Joona lieb sind. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

Über den Autor

Lars Kepler ist das Pseudonym der Eheleute Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril. Jeder für sich hat bereits erfolgreich eigene Romane veröffentlicht, bis sie sich entschieden haben ihre ganze Energie und Kreativität in ein gemeinsames Schreibprojekt zu stecken. Der Hypnotiseur, ihr Krimidebüt, war sensationell erfolgreich und wurde in über 40 Sprachen übersetzt. Die folgenden Kriminalromane mit dem Ermittler Joona Linna (Paganinis Fluch, Flammenkinder, Der Sandmann und Ich jage Dich) setzten die Erfolgsgeschichte fort und standen allesamt auf Platz 1 der schwedischen Bestsellerliste. Allein in Schweden sind inzwischen über zwei Millionen Bücher des Autorenpaars verkauft. 2012 wurde Der Hypnotiseur von Lasse Hallström für das internationale Kino verfilmt.

Das Pseudonym Lars Kepler ist eine Hommage an zwei bekannte Persönlichkeiten. Der Vorname Lars wurde zu Ehren des Bestseller-Autors Stieg Larsson gewählt, während der Nachname Bezug auf den deutschen Wissenschaftler Johannes Kepler nimmt.

Als ihr erster gemeinsamer Kriminalroman im Jahr 2009 veröffentlicht wurde, war die Identität der beiden Schriftsteller hinter dem Pseudonym unbekannt, was eigentlich auch so bleiben sollte. Damit waren einige hartnäckige Journalisten allerdings nicht einverstanden. Nachdem eine Reihe Autoren jegliche Beteiligung an dem Pseudonym abgestritten hatte, gelang es der schwedischen Zeitung Aftonbladet, ausreichend Beweise in diesem Fall zu recherchieren und das Ehepaar Ahndoril als Lars Kepler zu entlarven.

Alexandra Coelho Ahndoril hat portugiesische Wurzeln und wurde 1966 in Schweden geboren. Sie wuchs in Helsingborg an der Südküste Schwedens auf und zog in den frühen 1990er Jahren nach Stockholm um Schauspielerin zu werden, was sie für das Schreiben aber aufgab. Neben den Lars -Kepler-Kriminalromanen schreibt Alexandra Coelho Ahndoril Bücher über historisch bedeutende Persönlichkeiten und ist Literaturkritikerin für die schwedischen Zeitungen Göteborgs-Posten und Dagens Nyheter.

Alexander Ahndroril wurde 1967 in Upplands Väsby, Stockholm geboren. Dort studierte er auch Philosophie, Religion und Film. Bereits in den 80er Jahren bewies er sein Können als Romanschriftsteller. Neben Romanen schreibt er Drehbücher, Radio-Skripte sowie Theaterstücke und gehört zu Schwedens originellsten Schriftstellern der jüngeren Generation.

Lars Kepler

Lazarus

Schweden-Krimi

Übersetzung aus dem Schwedischen von
Thorsten Alms und Susanne Dahmann

Prolog

Das weiße Licht des Himmels offenbart die ganze, unverhüllte Grausamkeit der Welt, wie sie schon Lazarus vor seiner Höhle erschienen sein muss.

Das Deck aus geriffeltem Stahl vibriert unter den Füßen des Pfarrers. Mit einer Hand umfasst er die Reling und stützt sich zusätzlich auf seinen Gehstock, um im Seegang Halt zu finden.

Das graue Meer bewegt sich schläfrig wie eine wogende Zeltplane.

Die Fähre wird an zwei Stahlseilen entlanggezogen, die zwischen den Inseln gespannt sind. Sie werden tropfend aus dem Wasser gezogen und verschwinden hinter dem Schiff wieder unter der Oberfläche.

Der Fährmann verlangsamt die Fahrt, die Kielwellen spritzen schäumend auf, und die Landeklappe senkt sich rasselnd auf den Betonanleger.

Der Pfarrer schwankt, als der Bug an die Fender stößt. Ein dumpfes Dröhnen hallt durch den Rumpf.

Er ist gekommen, um den pensionierten Küster Erland Lind zu besuchen, weil dieser sich am Telefon nicht meldet und entgegen seiner Gewohnheit auch den Adventsgottesdienst in der Kirche von Länna nicht besucht hat.

Erland wohnt immer noch im Küsterhaus hinter der Kapelle der Insel Högmarsö, die zur Gemeinde gehört. Er leidet inzwischen an Demenz, wird aber immer noch dafür bezahlt, dass er den Rasen mäht und Sand streut, wenn es glatt ist.

Der Pfarrer folgt der kurvigen Schotterstraße und spürt, wie sein Gesicht im kalten Wind taub wird. Es sind keine Menschen zu sehen, aber kurz vor der Kapelle hört er das kreischende Geräusch einer Schleifmaschine im Trockendock der Werft.

Er erinnert sich nicht mehr daran, welche Bibelverse er heute Morgen getwittert hat, eigentlich wollte er mit Erland darüber sprechen.

Vor den düsteren Ackerflächen und dem Waldrand sieht die weiße Kapelle beinahe aus, als wäre sie aus Schnee gebaut.

Weil die Kapelle im Winterhalbjahr geschlossen ist, geht der Pfarrer direkt zu dem niedrigen Küsterhaus hinauf und klopft mit dem gekrümmten Griff des Gehstocks an die Tür, wartet eine Weile und tritt dann ein.

»Erland?«

Niemand ist zu Hause. Er tritt sich die Schuhe ab und schaut sich um. Der Pfarrer holt die Tüte mit den Zimtwecken heraus und stellt sie auf den Tisch, neben eine Aluminiumform mit Resten von altem Kartoffelbrei, getrockneter Soße und zwei ergrauten Frikadellen.

Die Schleifmaschine unten am Wasser verstummt.

Der Pfarrer geht wieder nach draußen, überprüft, ob die Tür der Kapelle abgeschlossen ist, und schaut schließlich in die offene Garage.

Ein Spaten, an dem noch Reste von Erde kleben, liegt auf dem Boden. Rostige Rattenfallen füllen einen schwarzen Plastikeimer.

Mit dem Gehstock hebt er die Kunststoffplane über der Schneefräse an, hält aber inne, als er ein fernes Brüllen hört.

Er geht wieder nach draußen, nähert sich der Ruine des alten Krematoriums. Zwischen hohem Unkraut steht noch der alte Ofen mit dem rußigen Schornsteinsockel.

Der Pfarrer geht um einen Stapel Europaletten herum und kann sich nicht beherrschen, einen Blick zurück über die Schulter zu werfen.

Schon seit er die Seilfähre betreten hat, hat er ein unheilschwangeres Gefühl.

Dem Licht fehlt an diesem Tag jede Freundlichkeit.

Erneut hört er das seltsame Geräusch, es ist jetzt näher, klingt wie ein Kalb, das in einen Stahlkasten gesperrt ist.

Er bleibt stehen und lauscht.

Alles ist still, der Atem dampft aus seinem Mund.

Hinter dem Kompost ist der Boden kahl und festgetreten. Ein Sack mit Blumenerde lehnt an einem Baum.

Der Pfarrer geht zum Kompost, und bleibt vor einem Metallrohr in der Erde stehen. Es ragt einen halben Meter aus dem Boden heraus.

Er stützt sich auf seinen Gehstock, schaut in den Wald hinein und entdeckt einen Pfad, der von heruntergewehten Nadeln und Zapfen bedeckt ist.

Der Wind fegt durch die Tannenspitzen, in der Ferne hört man eine Krähe.

Der Pfarrer kehrt zurück, hört hinter sich das seltsame Brüllen und beschleunigt seine Schritte. Er kommt am Ofen des Krematoriums und am Küsterhaus vorbei, schaut erneut über die Schulter zurück und denkt, dass er nur noch ins Pfarrhaus zurückkehren und sich mit einem Krimi und einem Glas Whisky an den Kamin setzen möchte.

1

Ein schmutziger Streifenwagen verlässt die Osloer Innenstadt über die äußere Ringstraße. Das Unkraut unter der Leitplanke zittert im Windzug, und eine luftgefüllte Plastiktüte rollt schwebend in den Straßengraben.

Karen Stange und Mats Lystad haben den Einsatzbefehl von der Kommunikationszentrale entgegengenommen, obwohl ihre Schicht eigentlich schon vorbei war.

Sie sollten längst auf dem Heimweg sein, stattdessen fahren sie an diesem Abend in den Stadtteil Tveita.

Ein Dutzend Bewohner eines Hochhauses hätten sich über schrecklichen Gestank beklagt. Der Hausmeister sei bereits dort gewesen und habe die Abwasserleitungen überprüft, aber die seien sauber gewesen. Es habe sich herausgestellt, dass der Gestank aus einer Wohnung im elften Stock stamme, aber der Bewohner, ein Vidar Hovland, habe sich geweigert, die Tür zu öffnen.

Der Streifenwagen fährt an einem Gewerbegebiet vorbei. Hinter einem Stacheldrahtzaun befinden sich Müllcontainer, Lastwagen und Salzvorräte für den Winter.

Die Hochhäuser am Nåkkves vei sehen wie eine riesige Treppe aus Beton aus, die zur Seite gefallen und in drei Teile zerbrochen ist.

Neben einem Lieferwagen mit der Aufschrift »Mortens Schlüsselservice« steht ein Mann in einem grauen Overall und winkt ihnen zu. Ihre Scheinwerfer hüllen ihn in Licht, und der Schatten seiner erhobenen Hand wächst auf der Fassade in seinem Rücken über mehrere Stockwerke in die Höhe.

Karen fährt an den Bordstein und bleibt sanft stehen, zieht die Handbremse an, schaltet den Motor aus und verlässt zusammen mit Mats den Wagen.

Der Himmel zieht sich bereits sein Nachtgewand über. Es ist kalt. Schnee liegt in der Luft.

Die beiden Polizisten geben dem Schlosser die Hand. Er ist glattrasiert, hat aber einen grauen Schatten auf den Wangen. Seine Brust ist flach, und er bewegt sich ruckartig und nervös.

»Die schwedische Polizei hat einen Notruf vom Friedhof bekommen – man hat dreihundert vergrabene Leichen gefunden«, scherzt er beinahe lautlos und schaut mit einem Lächeln zu Boden.

Der kräftige Hausmeister sitzt in seinem Pick-up und raucht.

»Wahrscheinlich hat der Typ eine Mülltüte mit Fischresten in seinem Flur vergessen«, brummt er und schwingt die Autotür auf.

»Das hoffen wir jedenfalls«, sagt Karen.

»Ich habe an die Tür geklopft und durch den Briefschlitz gerufen, dass ich die Polizei holen werde«, sagt er und schnipst die Zigarette weg.

»Es war absolut die richtige Entscheidung, uns zu rufen«, antwortet Mats.

In den vergangenen vierzig Jahren hat man hier zwei tote Menschen gefunden, einen auf dem Parkplatz und einen in seiner Wohnung.

Die beiden Polizeibeamten und der Schlosser folgen dem Hausmeister durch die Eingangstür und werden sofort von dem widerlichen Geruch begrüßt.

Alle versuchen, möglichst nicht durch die Nase zu atmen, als sie in den Fahrstuhl steigen.

Die Türen schließen sich, und sie spüren den Druck unter den Füßen, als sie nach oben gezogen werden.

»Dieser elfte Stock scheint die Probleme anzuziehen«, brummt der Hausmeister. »Letztes Jahr hatten wir hier eine schwierige Zwangsräumung, und 2013 ist eine Wohnung von einem Brand vollständig zerstört worden.«

»Auf schwedischen Feuerlöschern steht, dass sie drei Tage vor dem Einsatz getestet werden müssen«, sagt der Schlosser leise.

Als sie aussteigen, schlägt ihnen ein derart schrecklicher Gestank entgegen, dass ihre Blicke etwas Verzweifeltes bekommen.

Der Schlosser zieht seinen Pulli über den Mund und die Nase.

Karen versucht, ihren zuckenden Magen unter Kontrolle zu halten. Es fühlt sich an wie eine Generalprobe, bevor das Zwerchfell endgültig in Panik verfällt und den Mageninhalt durch die Kehle nach oben drückt.

Der Hausmeister zeigt auf die Wohnung und hält die andere Hand vor den Mund und die Nase.

Karen geht voran, hält ein Ohr an die Tür und lauscht. In der Wohnung ist es still. Sie drückt auf die Klingel.

Plötzlich hört sie eine leise Stimme hinter der Tür. Es ist ein Mann, der etwas singt oder rezitiert.

Karen schlägt mit der Faust auf die Tür, und der Mann verstummt, bevor er später, ganz vorsichtig, wieder von vorne beginnt.

»Wir gehen rein«, sagt Mats.

Der Schlosser geht zur Tür, stellt seine schwere Tasche auf den Boden und öffnet deren Reißverschluss.

»Hören Sie das?«, fragt er.

»Ja«, antwortet Karen.

Die Tür zu einer anderen Wohnung wird von einem kleinen Mädchen mit zerzausten blonden Haaren und müden Ringen unter den Augen geöffnet.

»Geh bitte wieder rein«, sagt Karen.

»Ich will zugucken«, sagt das Mädchen und lächelt.

»Sind deine Mutter oder dein Vater zu Hause?«

»Ich weiß nicht«, antwortet sie und schließt schnell die Tür.

Statt den Elektro-Pick zu benutzen, bohrt der Schlosser das ganze Schloss auf. Glänzende Metallspäne winden sich heraus und fallen zu Boden. Er holt die erhitzten Teile des Zylinders heraus und legt sie in seine Tasche, entfernt den Riegel und tritt zurück.

»Warten Sie hier«, weist Mats den Schlosser und den Hausmeister an.

Karen zückt ihre Waffe, während Mats die Tür öffnet und in die Wohnung hineinruft.

»Hier ist die Polizei! Wir kommen jetzt rein!«

Karen schaut auf die Pistole in ihrer blassen Hand. Für ein paar Sekunden wird ihr das schwarze Metall vollkommen fremd, diese zusammengefügten Teile, der Lauf, das Schloss, der Griff.

»Karen?«

Sie begegnet Mats’ Blick, wendet sich wieder der Wohnung zu, hebt die Pistole und geht mit der Hand vor dem Mund hinein.

Sie sieht keine Mülltüten im Flur.

Der Gestank muss aus dem Badezimmer oder der Küche kommen.

Das Einzige, was sie hört, ist das Quietschen der Stiefelsohlen auf dem Kunststoffboden und ihr eigener Atem.

Sie geht an einem schmalen Flurspiegel vorbei und betritt das Wohnzimmer, sichert hastig die Ecken und betrachtet das Chaos. Der Fernseher ist auf den Boden gekippt worden, Blumentöpfe mit Farn sind zerbrochen, das Bettsofa mit den großen Decken steht schief, eines der Sitzkissen ist aufgeschnitten worden, und die Stehlampe liegt auf dem Boden.

Sie richtet die Waffe auf den Gang zum Badezimmer und zur Küche, lässt Mats vorbei und folgt ihm dann.

Unter ihren Stiefelsohlen knirschen Glasscherben.

Eine Wandlampe ist eingeschaltet, winzige Staubpartikel schweben im Licht.

Sie bleibt stehen und lauscht.

Mats öffnet die Tür zum Badezimmer und lässt nach einer Weile die Pistole sinken. Karen versucht hineinzusehen, aber die Tür verdeckt die Lampe. Das Einzige, was sie in dem dämmrigen Licht erkennen kann, ist ein schmutziger Duschvorhang. Sie geht ein Stück näher heran, beugt sich vor und stupst die Tür zur Seite, sodass ein Streifen Licht über die Feuchtraumtapete gleitet.

Das Waschbecken ist blutig.

Karen läuft ein Schauer über den Rücken, und eine Sekunde später hört sie eine Stimme hinter sich. Es ist ein alter Mann, der leise spricht. Sie bekommt solche Angst, dass sie wimmert, als sie sich umdreht und mit der Pistole in den Gang zielt.

Dort ist niemand.

Vollgepumpt mit Adrenalin kehrt sie ins Wohnzimmer zurück, hört ein Lachen und richtet ihre Waffe auf das Sofa.

Absolut möglich, sich dahinter zu verstecken.

Karen bekommt mit, dass Mats ihr etwas sagen will, aber sie kann seine Worte nicht verstehen.

Der Puls dröhnt in ihrem Kopf.

Sie geht langsam voran, legt den Finger auf den Abzug, merkt, dass sie zittert, und nimmt die andere Hand dazu.

In der nächsten Sekunde begreift sie, dass die Stimme aus der Musikanlage kommt. Der alte Mann hat begonnen zu singen.

Karen geht um das Sofa herum, senkt die Waffe und betrachtet die staubigen Kabel und eine leere Chipstüte.

»Okay«, flüstert sie sich selbst zu.

Auf dem Deckel der Stereoanlage liegt die Hülle einer CD des Instituts für Sprache und Folklore. Dieselbe Sequenz einer Aufnahme wird in einer Endlosschleife abgespielt. Ein alter Mann erzählt etwas in einem schwer verständlichen Dialekt, er lacht, und dann singt er – es ist Hochzeit auf unseren Höfen, mit leeren Tellern und zerbroch’nen Gläsern –, bevor er verstummt.

Mats steht in der Tür und winkt sie zu sich heran, er will weiter in die Küche.

Draußen ist es beinahe dunkel, die Gardinen zittern ein wenig in der Wärme des Heizkörpers.

Karen folgt ihrem Kollegen in den Flur, gerät ins Taumeln, stützt sich ab, indem sie die Hand mit der Pistole an die Wand drückt.

Die Luft ist geschwängert vom Geruch nach Latrine und Kadaver, sie ist so davon gesättigt, dass die Augen tränen.

Sie hört, dass Mats in kurzen, flachen Zügen atmet, und sie konzentriert sich darauf, der Übelkeit nicht das Kommando zu überlassen.

Sie folgt ihrem Kollegen in die Küche und bleibt stehen.

Auf dem Linoleumboden liegt ein nackter Mensch mit einem zu großen Kopf und einem aufgeblähten Bauch.

Eine schwangere Frau mit einem geschwollenen, blaugrauen Penis.

Der Boden unter ihr gerät ins Wanken, und ihr Gesichtsfeld zieht sich zusammen.

Mats wimmert laut und stützt sich auf die Gefriertruhe.

Karen sagt sich selbst immer wieder, dass es nur der Schock ist. Ihr ist klar, dass der Tote ein Mann ist, aber der dicke Bauch und die gespreizten Oberschenkel erinnern an eine Gebärende.

Sie merkt, wie ihre Hände zittern, als sie die Pistole ins Holster steckt.

Der Körper befindet sich im Zustand fortgeschrittener Verwesung, große Teile wirken weich und lose.

Mats geht weiter und erbricht sich so heftig in das Spülbecken, dass es bis zur Kaffeemaschine spritzt.

Der Kopf des Toten sieht aus wie ein schwarzer Kürbis, der direkt auf die Schultern gedrückt wurde, der Unterkiefer ist abgebrochen, und die Kehle mit dem Adamsapfel wurde von den Gasen, die sich im Körper gebildet haben, durch den abnormen Mund herausgedrückt.

Es hat eine Prügelei gegeben, denkt Karen. Er ist verletzt worden, hat sich den Kiefer gebrochen, ist mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen und gestorben.

Mats übergibt sich erneut und spuckt Schleim.

Im Wohnzimmer fängt das Lied wieder von vorne an.

Karens Blick wandert noch einmal zu dem Bauch, auf die gespreizten Schenkel und das männliche Geschlechtsorgan.

Mats’ Gesicht ist bleich und schweißnass. Sie denkt, dass sie zu ihm gehen und ihm helfen sollte, als jemand nach ihrem Bein greift. Sie schreit vor Angst und will nach der Pistole greifen, als sie sieht, dass es das Mädchen aus der Nachbarwohnung ist.

»Du darfst nicht hier sein, Kleine«, keucht sie.

»Es ist aber lustig«, sagt das Mädchen und schaut sie mit dunklen Augen an.

Karen spürt, wie ihre Beine zittern, als sie das Kind durch die Wohnung zurück ins Treppenhaus führt.

»Hier darf niemand hereinkommen«, sagt sie zu dem Hausmeister.

»Ich habe nur kurz ein Fenster geöffnet«, erwidert er.

Karen möchte eigentlich nicht in die Wohnung zurückkehren, sie weiß schon jetzt, dass sie davon träumen wird, dass sie nachts aufwachen und den Mann mit den gespreizten Beinen vor sich sehen wird.

Als sie wieder in die Küche kommt, dreht Mats den Wasserhahn über dem Spülbecken zu und schaut sie mit glasigen Augen an.

»Sind wir fertig?«, fragt sie.

»Ja, ich will nur noch in die Gefriertruhe gucken«, sagt er und zeigt auf die blutigen Handabdrücke am Griff.

Er wischt sich den Mund ab, hebt den Deckel und beugt sich vor.

Karen sieht, wie sein Kopf nach oben schnellt und sein Mund sich lautlos öffnet.

Er taumelt nach hinten, und der Deckel knallt so heftig zu, dass eine Kaffeetasse auf dem Küchentisch klirrt.

»Was ist da drin?«, fragt sie und nähert sich der Kühltruhe.

Mats hält sich an der Kante der Spüle fest, stößt einen Blumensprüher aus Plastik um und schaut sie an. Seine Pupillen haben sich zu kleinen Punkten aus Tusche zusammengezogen, und sein Gesicht ist seltsam weiß.

»Schau nicht rein«, flüstert er.

»Ich muss wissen, was in der Truhe ist«, sagt sie und hört dabei die Angst in ihrer Stimme.

»Großer Gott, schau bloß nicht …«

2

Valerias Gärtnerei in Nacka bei Stockholm

Die Dämmerung schleicht langsam heran, und die Dunkelheit wird erst greifbar, als die drei Gewächshäuser wie Laternen aus Reispapier zu leuchten beginnen.

Erst jetzt merkt man wirklich, dass es Abend geworden ist.

Valeria de Castro hat ihr lockiges Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Erde klebt an ihren Stiefeln, die rote Steppjacke ist schmutzig und spannt an den Schultern.

Ihr Atem dampft, und ein knisternder Geruch nach Frost hängt in der Luft.

Sie hat ihr Tagwerk beendet und zieht sich die Arbeitshandschuhe aus, während sie zum Haus geht.

Im Obergeschoss lässt sie ein Bad ein und legt die schmutzige Wäsche in den Wäschekorb.

Als sie sich zum Spiegel umdreht, sieht sie, dass sie einen großen Schmutzfleck auf der Stirn hat und eine Schramme von den Brombeerbüschen auf der Wange.

Sie denkt, dass sie irgendetwas mit den Haaren machen sollte, und muss lächeln, weil sie so fröhlich aussieht.

Sie schiebt den Duschvorhang so weit wie möglich zur Seite, stützt sich mit der Hand an der gekachelten Wand ab und steigt in die Badewanne. Das Wasser ist so heiß, dass sie eine Weile wartet, bevor sie sich ganz ins Wasser sinken lässt.

Sie lehnt den Hinterkopf an die Kante, schließt die Augen und hört den Tropfen zu, die aus dem Wasserhahn fallen.

Joona wird heute Abend kommen.

Sie haben sich gestritten. Es war eine dumme Geschichte, sie war verletzt, aber es war nur ein Missverständnis, und sie haben es wie erwachsene Menschen geklärt.

Sie öffnet die Augen und betrachtet die Lichtreflexe, die die Wasseroberfläche an die Decke wirft. Die Wellen, die von den Tropfen erzeugt werden, breiten sich in schnellen Kreisen aus.

Der Duschvorhang ist wieder ein wenig zurückgerutscht, sodass sie die Badezimmertür nicht mehr sehen kann.

Es plätschert leise, als sie einen Fuß auf die Badewannenkante legt.

Sie schließt die Augen und denkt weiter an Joona. Als sie merkt, dass sie gleich einzuschlafen droht, setzt sie sich auf.

Valerias Körper ist so aufgeheizt, dass sie das Bad verlassen muss. Sie stellt sich hin und lässt das Wasser vom Körper rinnen, versucht, die Badezimmertür im Spiegel zu sehen, aber das Glas ist beschlagen.

Vorsichtig steigt sie aus der Badewanne und stellt den Fuß auf den glatten Fliesenboden, nimmt ein Badelaken und trocknet sich ab.

Sie stößt die Badezimmertür auf und schaut eine Weile in den Gang.

Die Schatten auf den Tapeten bewegen sich nicht.

Es ist vollkommen still.

Sie ist kein ängstlicher Mensch, aber seit sie im Gefängnis war, ist sie in bestimmten Situationen einfach wachsam.

Sie verlässt das Badezimmer und geht mit dampfendem Körper durch den kühlen Gang ins Schlafzimmer. Es ist immer noch nicht ganz dunkel, dünne Wolkenreihen leuchten nach wie vor am Himmel.

Valeria holt eine saubere Unterhose aus der Kommode und zieht sie an, dann öffnet sie den Kleiderschrank, holt ihr gelbes Kleid heraus und legt es aufs Bett.

Im Erdgeschoss klappert irgendetwas.

Valeria erstarrt mitten in der Bewegung.

Sie atmet nicht, hält einfach nur inne und lauscht.

Was könnte das gewesen sein?

Joona kommt in etwa einer Stunde zu Besuch, und sie hat einen würzigen Lammtopf mit frischem Koriander vorbereitet.

Valeria geht zum Fenster und zieht das Rollo herunter, als sie einen Menschen neben dem Gewächshaus bemerkt.

Sie weicht zurück und lässt die Schnur los, sodass das Rollo mit einem Knall wieder nach oben schießt.

Es rasselt, als die Schnur sich verheddert.

Hastig schaltet sie die Nachttischlampe aus und nähert sich noch einmal dem Fenster.

Draußen ist niemand mehr.

Sie ist sich fast sicher, dass sie einen Mann gesehen hat, der reglos am dunklen Waldrand stand.

Er war schlank, sah aus wie ein Skelett und schaute zu ihr hinauf.

Das Kondenswasser glänzt an den Scheiben der Gewächshäuser. Dort ist niemand. Sie kann sich nicht erlauben, Angst vor der Dunkelheit zu haben, das geht einfach nicht.

Valeria sagt sich, dass es eigentlich nur ein Kunde oder ein Lieferant gewesen sein kann, der wieder gegangen ist, weil er gesehen hat, wie sie nackt am Fenster stand.

Es kommt öfter vor, dass auch noch nach Geschäftsschluss Leute hierherkommen.

Sie greift nach dem Handy, sieht aber, dass der Akku leer ist.

Hastig hüllt sie sich in den langen, roten Morgenrock und geht die Treppe hinunter. Schon nach wenigen Stufen bemerkt sie, dass ein kalter Luftzug um ihre Fesseln weht. Sie geht nach unten und sieht, dass die Haustür weit offen steht.

»Hallo?«, ruft sie leise.

Altes Herbstlaub liegt auf dem Teppich im Flur, es ist bis auf den Dielenboden geweht worden. Valeria steckt ihre nackten Füße in die Gummistiefel, nimmt die große Taschenlampe von der Hutablage und geht nach draußen.

Sie folgt dem Pfad zu den Gewächshäusern, kontrolliert die Türen und leuchtet mit der Taschenlampe zwischen die Pflanzenreihen.

Die dunklen Blätter erscheinen im Lichtstrahl hellgrün. Schatten und Lichtreflexe gleiten über die Glaswände.

Valeria geht um das Gewächshaus herum, das am weitesten entfernt liegt. Der Waldrand ist schwarz. Das kalte Gras knistert unter ihren Sohlen.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, sagt sie laut und richtet die Taschenlampe auf die Bäume.

Im Licht wirken die Stämme blass und grau. Weiter hinten versinkt alles in Dunkelheit. Valeria geht an ihrer alten Schubkarre vorbei und nimmt den Geruch von Rost wahr. Vorsichtig bewegt sie den Lichtkegel der Taschenlampe von Stamm zu Stamm.

Das halbhohe Gras wirkt unberührt. Weiter hinten zwischen den Stämmen sieht sie etwas auf der Erde liegen. Es sieht aus wie eine graue Decke auf einem Stock.

Das Licht der Taschenlampe wird schwächer, sie schüttelt sie, bekommt wieder mehr Licht und geht näher heran.

Sie drückt einen Zweig zur Seite, spürt ihr Herz schneller schlagen. Die Taschenlampe in ihrer Hand beginnt zu zittern.

Es sieht beinahe so aus, als würde ein Körper unter der Decke liegen, ein zusammengekrümmter Mensch, der einen oder vielleicht auch beide Arme verloren hat.

Sie muss die Decke zur Seite ziehen und nachsehen.

Im Wald ist es vollkommen still.

Ein trockener Zweig bricht unter ihrem Stiefel, und plötzlich wird der gesamte Waldrand in weißes Licht getaucht. Es strahlt von hinten und bewegt sich zur Seite, sodass die schmalen Schatten der Bäume auf dem Boden mit ihrem eigenen Schatten verschmelzen.

3

Joona Linna lässt den Wagen langsam an das hinterste Gewächshaus heranrollen. Die schmale, rissige Asphaltzufahrt ist von hohem Gras und dichtem Gebüsch gesäumt.

Eine Hand ruht auf dem Lenkrad.

Er hat ein nachdenkliches Gesicht und einen einsamen Blick, grau wie Meereis.

Joona trägt die Haare kurz geschnitten, weil sein blondes Haar in alle Richtungen steht, sobald er es zu lang werden lässt.

Er ist großgewachsen und auf eine Weise muskulös, wie man es nur durch ein jahrzehntelanges Training werden kann, bei dem alle Muskelgruppen, Sehnen und Bänder zusammenwirken.

Er trägt ein dunkelgraues Jackett. Die oberen Knöpfe seines weißen Hemds sind geöffnet.

Ein Strauß roter Rosen liegt in Folie gewickelt auf dem Beifahrersitz.

Bevor Joona Linna auf die Polizeischule ging, war er Soldat gewesen, hatte der Sondereinsatztruppe angehört und in den Niederlanden eine Spezialausbildung für unkonventionelle Nahkampftechniken, innovative Waffen und Guerillakriegführung absolviert.

Seit Joona Kommissar bei der Landeskriminalpolizei ist, hat er mehr komplizierte Mordfälle gelöst als jeder andere Polizist in Skandinavien.

Als er zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, gab es viele, die den Prozess im Stockholmer Landgericht für ungerecht hielten.

Joona hat keine Berufung eingelegt. Er hatte gewusst, welches Risiko er einging, als er versuchte, einen Freund zu retten.

Im vergangenen Herbst wurde Joonas restliche Haftstrafe in Sozialdienst als Polizist im Stockholmer Stadtteil Norrmalm verwandelt. Er hat eine der Dienstwohnungen der Behörde in der Rörstrandsgatan gemietet, direkt gegenüber der Filadelfiakirche. Und in wenigen Wochen wird er auf seine Stelle als Kriminalkommissar zurückkehren und erneut sein altes Büro im Hauptquartier der Polizei beziehen.

Joona fährt um die Kurve und hält, steigt aus dem Wagen und bleibt einen Augenblick in der Dunkelheit und der kühlen Luft stehen.

In Valerias kleinem Haus brennt Licht, und die Haustür ist weit geöffnet.

Das Licht, das aus dem Küchenfenster kommt, fällt auf die nackten Zweige der Hängebirken und den mit Raureif überzogenen Rasen.

Ein Knacken kommt aus dem Wald, und Joona dreht sich um. Ein schwaches Licht bewegt sich zwischen den Stämmen, und das Laub raschelt unter sich nähernden Schritten.

Joona öffnet mit einer Hand vorsichtig das Pistolenholster.

Er bewegt sich zur Seite, in die Dunkelheit hinein, als er Valeria mit einer Taschenlampe in der Hand aus dem Wald kommen sieht. Sie trägt einen roten Morgenrock und Gummistiefel. Ihre Wangen sind blass und die Haare nass.

»Was machst du im Wald?«, fragt er.

Sie sieht ihn auf eine seltsame Weise an, so als wären ihre Gedanken ganz woanders.

»Ich schaue nur nach den Gewächshäusern«, sagt sie.

»Im Morgenrock?«

»Du kommst zu früh«, entgegnet sie.

»Ich weiß, das ist unhöflich. Ich habe versucht, langsam zu fahren«, sagt er und holt den Blumenstrauß aus dem Wagen.

Sie bedankt sich, schaut ihn mit ihren großen, dunkelbraunen Augen an und bittet ihn, sie zum Haus zu begleiten.

In der Küche riecht es nach Kreuzkümmel und Lorbeerblättern, und Joona sagt, wie hungrig er sei, nimmt es dann aber zurück. Er wisse natürlich, dass er zu früh gekommen sei, das mit dem Essen habe keine Eile.

»Es ist in einer halben Stunde fertig«, erwidert sie mit einem Lächeln.

»Perfekt.«

Valeria legt die Blumen auf den Tisch und geht zum Herd. Sie hebt den Deckel vom Topf und rührt um, setzt die Lesebrille auf und schaut in das Kochbuch, bevor sie gehackte Petersilie und Koriander vom Holzbrett hineingibt.

»Du bleibst doch über Nacht?«, fragt sie.

»Wenn es keine Umstände macht.«

»Ich meine, damit du ein bisschen Wein dazu trinken kannst«, sagt sie errötend.

»So habe ich es auch verstanden.«

»Du hast es verstanden«, sagt sie und imitiert seinen finnischen Akzent mit einem schiefen Lächeln.

»Genau.«

Sie holt zwei Gläser aus dem Oberschrank, öffnet eine Flasche Wein und schenkt ein.

»Ich habe das Bett im Gästezimmer gemacht und dir ein Handtuch und eine Zahnbürste hingelegt.«

»Danke«, sagt Joona Linna und nimmt das Glas entgegen.

Sie stoßen schweigend an, trinken von dem Wein und schauen einander an.

»So etwas durfte man in der JVA Kumla nicht«, sagt er.

Valeria kontrolliert, ob die Rosen richtig angeschnitten sind, stellt sie in eine Vase auf dem Tisch und wird dann ernst.

»Ich sage es am besten gleich«, beginnt sie und zieht den Gürtel des alten Morgenrocks fest. »Entschuldige bitte, dass ich so reagiert habe.«

»Du hast dich schon entschuldigt«, antwortet Joona.

»Ich wollte es noch einmal von Angesicht zu Angesicht tun. Ich habe mich dumm und kindisch verhalten, als ich erfahren habe, dass du immer noch Polizist bist.«

»Du hast gedacht, ich hätte gelogen, aber ich …«

»Es ging nicht allein darum«, unterbricht sie ihn und errötet erneut.

»Aber Polizisten mag doch eigentlich jeder, oder?«

»Ja«, antwortet sie und muss ein Lächeln unterdrücken, wobei sich ihre Kinnspitze kräuselt.

Sie rührt erneut um, legt den Deckel wieder auf den Topf und dreht die Hitze ein wenig herunter.

»Sag Bescheid, wenn ich dir irgendwie behilflich sein kann.«

»Nein, es ist nur so … ich wollte eigentlich noch meine Haare machen und mich schminken, bevor du kommst, also nutze ich die Gelegenheit und mache es jetzt«, sagt sie.

»Okay.«

»Möchtest du hier warten, oder kommst du mit nach oben?«

»Ich begleite dich.«

Sie nehmen die Weingläser mit ins Obergeschoss und gehen ins Schlafzimmer. Ein gelbes Kleid liegt auf dem gemachten Bett.

»Du kannst dich in den Sessel setzen«, murmelt Valeria.

»Danke«, sagt er und nimmt Platz.

»Schau weg.«

Er wendet sein Gesicht ab, als sie den Morgenrock ablegt, das gelbe Kleid überzieht und die kleinen Knöpfe von der Taille nach oben zu schließen beginnt.

»Ich trage nur selten ein Kleid – an Sommertagen manchmal, wenn ich in die Stadt fahre«, sagt sie und betrachtet ihr Spiegelbild.

»Unglaublich hübsch.«

»Schau nicht so«, sagt sie mit einem Lächeln und schließt die letzten Knöpfe über der Brust.

»Ich kann nicht anders«, erwidert er.

Sie geht näher an den Spiegel heran und steckt das feuchte Haar im Nacken mit Haarnadeln zusammen.

Joona betrachtet ihren langen Hals, als sie sich vorbeugt und ein wenig Lippenstift aufträgt.

Sie setzt sich auf das Bett und steckt sich ein Paar Ohrringe an, die auf dem Nachttisch gelegen haben. Dann hält sie plötzlich inne und schaut ihm in die Augen.

»Im Grunde glaube ich, dass meine Reaktion mit diesem Vorfall in Mörby centrum zu tun hat … Ich schäme mich immer noch«, sagt sie leise. »Ich will mir gar nicht vorstellen, was du von mir gedacht hast.«

»Es war einer meiner ersten Einsätze für die Stockholmer Bereitschaftspolizei«, antwortet er und senkt den Blick.

»Ich war drogensüchtig, ein Junkie.«

»Jeder geht seinen eigenen Weg, so ist das eben«, erwidert er und schaut ihr in die Augen.

»Aber du warst traurig«, sagt sie. »Ich habe es dir angesehen, und ich erinnere mich, dass ich dem mit einer gewissen Verachtung begegnen wollte.«

»Ich hatte dich noch so in Erinnerung, wie du auf dem Gymnasium warst. Du hattest meine Briefe nicht beantwortet, ich war beim Militär und anschließend im Ausland.«

»Und ich war in Hinseberg gelandet.«

»Valeria …«

»Nein, es ist einfach nur so sinnlos, all diese dummen Entscheidungen, die man treffen kann … Und jetzt bin ich wieder dabei, alles kaputtzumachen.«

»Du warst einfach nicht darauf vorbereitet, dass ich weiter als Polizist arbeiten könnte«, sagt er leise.

»Weißt du überhaupt, warum ich im Gefängnis gesessen habe?«

»Ich habe das Urteil gelesen. Es waren auch keine schlimmeren Dinge als das, was ich getan habe.«

»Okay, jetzt weißt du immerhin, dass ich kein anständiges Mädchen bin.«

»Oh doch, das bist du«, entgegnet er.

Valeria lässt ihren Blick auf ihm verweilen, als gäbe es noch mehr zu entdecken, als wäre dort etwas versteckt, was bald zum Vorschein kommen würde.

»Joona«, sagt sie ernst. »Ich weiß, du bist davon überzeugt, dass es gefährlich ist, mit dir zusammen zu sein, dass du diejenigen, die du liebst, in Gefahr bringst.«

»Nein«, flüstert er.

»Du hast es lange sehr schwer gehabt, aber es ist nicht in Stein gemeißelt, dass es immer so bleiben muss.«

4

Joona isst eine letzte Portion, obwohl er schon längst satt ist, und Valeria wischt mit einem Stück Brot die Soße vom Teller. Sie sitzen am Küchentisch, die Vase mit den Rosen haben sie auf die Spüle gestellt, damit sie einander sehen können.

»Erinnerst du dich, wie wir zusammen einen Paddelkurs gemacht haben?«, fragt Valeria und schenkt den Rest aus der Weinflasche in Joonas Glas.

»An diesen Sommer denke ich ziemlich oft.«

Es war Hochsommer, und sie hatten beschlossen, auf einer kleinen Insel zu übernachten, die sie entdeckt hatten. Sie lag in einer kleinen Bucht und war kaum größer als ein Doppelbett, mit weichem Gras, einer Felsklippe und fünf Bäumen.

Valeria wischt den Lippenstift vom Rand ihres Glases.

»Wer weiß, ob unser Leben nicht ganz anders verlaufen wäre, wenn uns das Gewitter nicht überrascht hätte«, sagt sie, ohne ihn anzuschauen.

»Ich war unheimlich verliebt in dich auf dem Gymnasium«, sagt er und denkt, dass er auch jetzt schon fast wieder so weit ist.

»Für mich war es niemals vorbei«, sagt sie.

Er legt seine Hand auf ihre, und sie schaut ihn mit glitzernden Augen an, bevor sie ein weiteres Stück Brot nimmt.

Joona wischt sich den Mund mit der Serviette ab und lehnt sich zurück, bis die Rückenlehne knirscht.

»Und Lumi?«, fragt Valeria. »Geht es ihr gut in Paris?«

»Wir haben am Samstag telefoniert, sie war fröhlich, wollte auf ein Fest im Perrotin, was offensichtlich eine Galerie ist, die ich kennen sollte. Und ich habe sie gefragt, ob es spät werden würde und wie sie nach Hause käme.«

»Ganz der besorgte Vater«, stellt Valeria amüsiert fest.

»Sie sagte, dass sie wahrscheinlich ein Taxi nehmen würde, und dann wurde ich vielleicht ein bisschen anstrengend, als ich ihr erklärte, dass sie direkt hinter dem Fahrer sitzen und sich anschnallen soll.«

»Okay«, sagt Valeria und lächelt.

»Sie wollte das Gespräch beenden, aber ich musste ihr unbedingt noch sagen, dass sie den Taxiausweis des Fahrers fotografieren und mir die Aufnahme schicken soll.«

»Was sie nicht gemacht hat, richtig?«

»Nein«, lacht er.

»Jugendliche mögen Vertrauen, aber kein Misstrauen. Man darf nicht immer nur die Gefahren sehen.«

»Im Grunde weiß ich das alles, aber es überkommt mich einfach, es fällt mir schwer, nicht wie ein Polizist zu denken.«

Sie bleiben noch am Tisch sitzen, leeren ihre Gläser, unterhalten sich über die Gärtnerei und die beiden Söhne von Valeria.

Die Dunkelheit drückt schwer gegen das Küchenfenster, als Joona sich für das Essen bedankt und beginnt, den Tisch abzudecken.

»Soll ich dir das Gästezimmer zeigen?«, fragt sie schüchtern.

Sie stehen auf, und Joona stößt sich den Kopf an der Lampe, die metallisch nachklingt. Gemeinsam gehen sie die knarrende Treppe hinauf und weiter bis zu dem schmalen Zimmer mit der tiefen Fensternische.

»Gemütlich«, sagt er und bleibt direkt hinter ihr stehen.

Sie dreht sich um und bemerkt, dass sie unerwartet nah vor ihm steht. Sie tritt einen Schritt zurück und deutet mit einer ungelenken Handbewegung auf den Kleiderschrank.

»Dort gibt es zusätzliche Kissen … und Decken, falls dir kalt wird.«

»Danke.«

»Aber du kannst natürlich auch in meinem Bett schlafen, wenn du willst«, flüstert sie, greift nach seiner Hand und zieht ihn mit sich.

Auf der Schwelle zu ihrem Schlafzimmer dreht sie sich um, stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn. Er erwidert ihren Kuss, legt die Arme um sie und hebt sie fast hoch.

»Sollen wir ein Zelt aus der Decke bauen?«, flüstert er.

»Das haben wir immer gemacht«, antwortet sie mit einem Lächeln und spürt, wie ihr Herz schneller zu schlagen beginnt.

Sie knöpft sein Hemd auf und zieht es über seine Schultern herunter, legt ihre Hände um seine Oberarme und schaut ihn an.

»Komisch … ich kann mich an deinen Körper erinnern, aber damals warst du nur ein großer Schlaks, hattest nicht so viele Muskeln und Narben.«

Er knöpft ihr Kleid auf, küsst sie auf den Mund und auf den Hals unter dem Ohr. Dann schaut er sie erneut an.

Sie ist schlank, und ihre Brüste sind klein.

Er erinnert sich an ihre dunklen Brustwarzen.

Inzwischen sind beide Schultern tätowiert und die Arme muskulös und voller Schrammen von den dornigen Sträuchern.

»Valeria … wie kannst du nur so schön sein«, sagt er.

Sie schiebt ihre Unterhose herunter, lässt sie zu Boden fallen und steigt heraus. Ihr Schamhaar ist schwarz und lockig.

Mit zitternden Händen beginnt sie, seine Hose aufzuknöpfen, weiß aber nicht so recht, wie die Gürtelschnalle funktioniert, sodass sie ihn nur noch fester zieht.

»Entschuldige«, kichert Valeria.

Ihre Wangen laufen rot an, und sie zwingt sich, nicht zu genau hinzuschauen, als er sich selbst die Hose auszieht.

Gemeinsam heben sie die große Bettdecke hoch, setzen sich darunter auf das Bett, lachen ein bisschen, schauen einander in dem matten Licht an und küssen sich wieder.

Sie fallen auf die Seite, schieben die Decke weg und fühlen sich wie Teenager, und doch ganz anders. Sie sind einander fremd, aber gleichzeitig seltsam vertraut.

Sie seufzt, als er ihren Hals und ihren Mund küsst, sinkt auf den Rücken, begegnet seinen intensiven, grauen Augen und spürt, wie ihr Herz vor wildem Glück einen Sprung macht.

Er küsst ihre Brüste und saugt vorsichtig an einer Brustwarze. Sie drückt seinen Kopf an sich, und er hört ihren schnellen Herzschlag.

»Komm«, flüstert sie, zieht ihn nach oben und öffnet die Schenkel, als er sich auf sie legt.

Joona kann nicht aufhören, sie anzuschauen, die ernsten Augen, der halb geöffnete Mund, die Halsgrube, der Hals und das sich abzeichnende Schlüsselbein.

Valeria zieht ihn an sich und spürt, wie hart er ist, als er in sie eindringt.

Sie sinkt unter seinem Gewicht in die Matratze, die Leisten spannen sich, als ihre Beine auseinandergepresst werden.

Er spürt ihre enge, glatte Wärme und keucht, als er seine Bewegung wiederholt.

Sie öffnet die Augen und sieht die Zärtlichkeit in seinem Blick, sein Begehren.

Sie erwidert seine Bewegungen, und das schwache Licht rinnt über die Brüste, den Bauch, die Hüften.

Sie atmet schneller und hebt die Hüften, drückt den Kopf nach hinten und schließt die Augen.

Die Bettdecke fällt zu Boden.

Das Wasserglas auf dem Nachttisch schwankt und lässt einen Reflex in einer elliptischen Bahn über die Zimmerdecke kreisen.

5

Es ist Sonntag, und der frühe Wintertag ist so dunkel, dass man das Gefühl hat, die Sonne wäre schon längst wieder untergegangen. Joona ist zwei Nächte lang geblieben, beginnt aber am Montag wieder ganz normal zu arbeiten.

Valeria sitzt am Schreibtisch im Obergeschoss und geht ein paar Angebote auf ihrem Notebook durch, als sie das Motorengeräusch eines Autos hört.

Sie schaut aus dem Fenster und sieht, dass Joona den Spaten in die Schubkarre legt und einem weißen Jaguar zuwinkt, der sich auf dem Schotterweg nähert.

Joona versucht, Åhlén zu signalisieren, dass er stehenbleiben soll, doch dieser überfährt eine ganze Reihe von Plastiktöpfen mit Hyazinthen. Die Töpfe knacken unter den Reifen, und feuchte Erde spritzt zur Seite, dann hält der Wagen, ein Rad steht auf dem hohen Bordstein.

Valeria steht noch am Fenster und sieht, wie ein großgewachsener Mann mit Pilotenbrille aus dem schief geparkten Auto steigt. Er trägt einen weißen Arztkittel unter einem aufgeknöpften Dufflecoat.

Die schmale Nase hat einen deutlichen Haken, und sein Haar ist grau und kurz geschnitten.

Åhlén ist Professor für Rechtsmedizin am Karolinska-Institut und auf seinem Gebiet einer der führenden Experten in Europa.

Joona gibt seinem alten Freund die Hand und findet, dass er blasser aussieht als gewöhnlich.

»Du solltest ein Halstuch tragen«, sagt Joona und versucht, ihm den Kragen zuzuknöpfen.

»Ich habe diese Adresse von Anja bekommen«, sagt Åhlén, ohne sein Lächeln zu erwidern. »Ich muss …«

Er hält abrupt inne, als er Valeria die Treppe herunterkommen sieht.

»Was ist denn passiert?«, fragt Joona.

Åhléns schmale Lippen sind blutleer und sein Blick gehetzt.

»Ich muss dich unter vier Augen sprechen.«

Valeria kommt auf sie zu und streckt dem großgewachsenen Mann die Hand entgegen.

»Darf ich vorstellen? Das ist Valeria«, sagt Joona.

»Professor Nils Åhlén«, erwidert der Rechtsmediziner förmlich.

»Angenehm«, antwortet Valeria mit einem Lächeln.

»Ich muss mich ungestört mit Åhlén unterhalten«, erklärt Joona. »Können wir uns in die Küche setzen?«

»Natürlich«, sagt sie und begleitet die beiden zum Haus hinauf.

»Tut mir leid, dass ich an einem Sonntag stören muss«, sagt Åhlén.

»Kein Problem, ich habe oben ohnehin noch ein bisschen Arbeit zu erledigen«, erklärt Valeria und geht weiter zur Treppe.

»Komm nicht runter. Ich sage Bescheid, wenn wir fertig sind«, sagt Joona noch.

»Okay.«

Joona führt Åhlén in die Küche und bittet ihn Platz zu nehmen. Das Feuer knistert hinter den Klappen des Herds.

»Möchtest du einen Kaffee?«

»Nein, danke … Ich möchte nicht …«

Er verstummt und lässt sich auf einen Stuhl sinken.

»Nun sag schon, was passiert ist.«

Åhlén weicht seinem Blick aus und streicht mit der Handfläche über die Tischplatte.

»Ich habe ziemlich engen Kontakt zu meinen Kollegen in Norwegen«, beginnt er zögerlich. »Und ich habe gerade einen Anruf vom dortigen Landesgesundheitsamt bekommen. Die Abteilung für klinische Rechtsmedizin und Rechtspathologie ist ja mittlerweile dort angesiedelt.«

»Ich weiß.«

Åhlén muss kräftig schlucken, er nimmt die Brille ab, macht einen halbherzigen Versuch, sie zu putzen, und setzt sie wieder auf die Nase.

»Joona, ich sitze hier, aber ich weiß nicht, wie ich es erklären soll … ich meine, ohne dass du …«

»Sag schon, was passiert ist.«

Joona füllt ein Glas mit Wasser und stellt es vor Åhlén auf den Tisch.

»Soweit ich weiß, hat die norwegische Kriminalpolizei Kripos die Ermittlungen zu einem mutmaßlichen Mord von der Polizei in Oslo übernommen. Man hatte einen toten Mann in einer Wohnung gefunden. Alles hatte auf Totschlag unter Alkoholeinfluss hingedeutet, aber als man die Gefriertruhe des Opfers öffnete, fand man dort Körperteile von zahlreichen Menschen … eingefroren in ganz unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Sie gehen von der Theorie aus, dass es sich bei dem Toten um einen bis dahin unbekannten Grabschänder handelt, der möglicherweise nekrophil war und kannibalistische Neigungen hatte. Jedenfalls war er als Antiquitätenhändler überall auf Auktionen und Messen unterwegs und hat die Gelegenheit genutzt, dort Gräber zu öffnen und sich dort Souvenirs zu besorgen.«

Åhlén trinkt einen Schluck und wischt das Wasser mit zitternden Fingern von der Oberlippe.

»Und was hat das mit uns zu tun?«

»Ich möchte nicht, dass du dich jetzt aufregst«, sagt Åhlén und schaut Joona zum ersten Mal in die Augen. »In der Kühltruhe war auch der Schädel von Summa.«

»Von meiner Summa?«

Joona stützt sich an der Spüle ab und stößt die leere Weinflasche um, bemerkt aber gar nicht, wie sie in das Spülbecken fällt und gegen Glas und Porzellan scheppert. Es dröhnt in seinen Ohren, als ihm Bilder von seiner Frau durch den Kopf schießen.

»Bist du dir sicher?«, flüstert er und schaut durch das Fenster zu den Gewächshäusern hinüber.

Åhlén schiebt die Brille hoch und berichtet, dass die Polizei versucht habe, die DNA der Körperteile aus der Gefriertruhe mit den Datenbanken von Europol und allen Polizeiregistern der skandinavischen Länder abzugleichen.

»Sie haben Summas Zahnarztunterlagen gefunden … und weil ich den Totenschein ausgestellt hatte, haben sie mich angerufen.«

»Verstehe«, sagt Joona und setzt sich seinem Freund gegenüber auf den Stuhl.

»Sämtliche Reiseunterlagen wurden bei ihm zu Hause gefunden. Mitte November war er auf einer Hofauktion in Gällivare … das ist ja nicht weit von Summas Grab entfernt.«

»Bist du dir sicher, dass es wirklich stimmt?«, fragt Joona noch einmal.

»Ja.«

»Darf ich die Bilder sehen?«

»Nein«, flüstert Åhlén.

»Ich kann damit umgehen«, sagt Joona und schaut Åhlén in die Augen.

»Tu es nicht.«

Aber Joona hat schon Åhléns Tasche geöffnet und die Aktenmappe der Kripos herausgeholt. Er legt eine Fotografie nach der anderen auf den Küchentisch.

Das erste Bild ist eine Aufnahme der geöffneten Kühltruhe direkt von oben. Ein grauer Kinderfuß schaut aus einem frostigen Klumpen weißen Eis heraus. Neben einem bärtigen Gesicht und einer blutigen Zunge erahnt man ein skelettiertes Rückgrat.

Joona blättert durch die Fotos der aufgetauten Körperteile auf einem Stahltisch. Ein herausgeschnittenes Herz im Stadium fortgeschrittener Verwesung, ein Wadenbein, das unter dem Kniegelenk abgetrennt wurde, ein vollständiger Säugling, drei saubere Schädel, Zähne und ein ganzer Torso mit Brust und Armen.

Plötzlich kommt Valeria in die Küche und stellt zwei benutzte Kaffeetassen auf die Spüle.

»Verdammt noch mal«, brüllt Joona und versucht, die Bilder zu verstecken, obwohl ihm klar ist, dass sie sie bereits gesehen hat.

»Entschuldige«, murmelt sie und eilt nach draußen.

Er steht auf, stützt sich mit einer Hand an der Wand ab, schaut zu den Gewächshäusern hinaus und anschließend wieder auf die Bilder.

Summas Schädel.

Es ist nur ein Zufall, sagt er sich. Der Grabschänder wusste nicht, wer sie war. Es steht nicht auf dem Gedenkstein und auch in keinem Register.

»Was wissen wir über den Täter?«, fragt er und hört Valeria die Treppe hinaufgehen.

»Nichts, sie haben keine Spuren.«

»Und das Opfer?«

»Alles deutet auf einen Streit in der Wohnung hin, er hatte einen hohen Alkoholspiegel im Blut, als er starb.«

»Ist es nicht seltsam, dass die Polizei keine Spuren von der zweiten Person gefunden hat?«

»Was denkst du? Joona, was geht dir gerade durch den Kopf?«, fragt Åhlén mit angespannter Stimme.

6

Valeria sitzt vor dem Computer im Obergeschoss, als Joona hochkommt und an die Tür klopft.

Sie wendet sich ihm zu. Das bleiche Licht, das durch das Sprossenfenster hereinfällt, verleiht ihrem Haar einen kastanienroten Glanz.

»Åhlén ist gefahren«, sagt Joona leise. »Entschuldige, dass ich so zornig geworden bin, ich wollte nicht, dass du so etwas sehen musst.«

»Ich bin nicht empfindlich«, antwortet sie. »Du weißt, dass ich schon oft Tote gesehen habe.«

»Aber es ging um mehr als nur um die Leichenteile … es ist persönlich«, sagt Joona und verfällt in Schweigen.

Es gibt ein Familiengrab in Stockholm mit den Namen Summa Linna und Lumi Linna auf dem Grabstein, aber in den Urnen unter der Erde ist ihre Asche nicht zu finden. Der Tod von Joonas Frau und seiner Tochter war nur vorgetäuscht. In Wahrheit lebten sie viele Jahre versteckt mit einer neuen Identität.

»Lass uns in die Küche gehen und die Suppe wieder aufwärmen«, sagt Valeria nach einer Weile.

»Was?«

Sie umarmt ihn, und auch er legt seine Arme um sie und seine Wange an ihren Kopf.

»Lass uns essen«, wiederholt sie leise.

Als sie in die Küche kommen, holt sie die Suppe, die sie vorher schon zubereitet haben, aus dem Kühlschrank. Sie stellt den Topf auf den Herd und stellt die Platte an, aber als sie die Lampe in der Dunstabzugshaube anschaltet, kommt Joona und schaltet sie wieder aus.

»Was ist denn passiert?«, fragt Valeria.

»Summas Grab ist geplündert worden und …«

Joona verstummt, wendet sein Gesicht ab, und sie sieht, dass er sich ein paar Tränen von der Wange wischt.

»Du darfst ruhig weinen«, sagt sie vorsichtig.

»Ich weiß eigentlich nicht, warum es mich so mitnimmt. Ein Mann hat ihr Grab geöffnet und ihren Schädel mit nach Oslo genommen.«

»Großer Gott«, flüstert sie.

Er stellt sich seitlich neben das Fenster und schaut zu den Gewächshäusern und zum Wald hinaus. Valeria sieht, dass er die Gardinen im Wohnzimmer vorgezogen und ein Küchenmesser auf den alten Anrichtetisch gelegt hat.

»Du weißt, dass Jurek Walter tot ist«, sagt sie ernst.

»Ja«, flüstert Joona und zieht die Gardinen vor das Küchenfenster.

»Möchtest du über ihn sprechen?«

»Das kann ich nicht«, sagt er mit einer Stimme, aus der seine Verletzlichkeit spricht, und wendet sich ihr zu.

»Okay«, antwortet sie besonnen. »Aber du musst mich nicht schützen, ich bin stark genug, es mir anzuhören, versprochen … Ich weiß ja, was du getan hast, um Summa und Lumi zu retten, also weiß ich auch, wie schrecklich er gewesen sein muss.«

»Er war schlimmer als alles, was man sich vorstellen kann … er höhlt dein Inneres aus … und zurück bleibt ein leerer Mensch.«

»Aber das ist vorbei«, flüstert Valeria und versucht, ihn zu berühren. »Du bist jetzt sicher. Er ist tot.«

Joona nickt.

»Es war nur die Erinnerung. Ich hatte das Gefühl, seinen Atem zu spüren, als ich erfuhr, dass Summas Grab geschändet wurde.«

Joona kehrt zum Fenster zurück und schaut durch die Lücke zwischen den Gardinen nach draußen. Valeria betrachtet seinen Rücken in der Dunkelheit der Küche.

Als sie sich an den Küchentisch setzen, bittet sie ihn, mehr von Jurek Walter zu erzählen. Joona legt die Hände auf die Tischplatte, damit sie nicht mehr so zittern. Dann sagt er leise:

»Die Diagnose lautete allgemeine Schizophrenie, chaotisches Denken und akute psychotische Zustände mit unberechenbaren und extrem gewalttätigen Anteilen. Aber das alles ist völlig bedeutungslos. Er war niemals schizophren. Die Diagnose sagt nur etwas über den Psychiater, der das Gutachten erstellt hat. Sie sagt nur, wie viel Angst er hatte.«

»War er ein Grabschänder?«

»Nein«, sagt Joona.

»Na, siehst du«, sagt sie und versucht zu lächeln.

»Jurek Walter hat sich nie um Trophäen geschert«, sagt er mit schwerer Stimme. »Er war nicht pervers. Seine Leidenschaft war es, Menschen zu zerstören, nicht sie zu töten oder zu foltern. Er hätte davor nicht zurückgeschreckt, aber um ihn wirklich zu verstehen, muss man wissen, dass er das Innere seiner Opfer zerstören, ihren Lebensfunken auslöschen wollte.«

Joona versucht zu erklären, dass Jurek seinen Opfern alles nehmen und dann zuschauen wollte, wie sie weiterlebten – zur Arbeit gingen, ihre Mahlzeiten aßen, vor dem Fernseher saßen –, bis zu dem unseligen Augenblick, in dem ihnen klar wurde, dass sie schon längst tot waren.

Sie sitzen inzwischen in der Dunkelheit, während Joona weiter von Jurek Walter erzählt. Obwohl er der schlimmste Serienmörder war, den Nordeuropa je gekannt hat, weiß die Öffentlichkeit nichts über ihn, weil alle Akten über seine Person unter Verschluss gehalten werden.

Joona beschreibt, wie er Jurek Walter gemeinsam mit seinem Kollegen Samuel Mendel auf die Spur kam.

Sie hielten nachts abwechselnd Wache vor der Wohnung einer Frau, deren zwei Kinder verschwunden waren. Die Umstände ihres Verschwindens erinnerten an Zeugenaussagen in anderen Fällen.

Man sagte, dass sie wie vom Boden verschluckt waren.

Sie erkannten ein Muster darin, dass viele Personen, die in den vergangenen Jahren verschwunden waren, aus Familien stammten, in denen auch andere Personen vermisst wurden.

Joona verstummt, und Valeria sieht, dass er seine Hände zusammenlegt, um sie endlich zur Ruhe zu bringen. Sie hat Tee gekocht und zwei Becher gefüllt, die sie auf den Tisch stellt. Dann setzt sie sich, wartet darauf, dass er weitererzählt.

»Wir hatten schon ein paar Wochen Tauwetter«, sagt er. »Aber an dem Tag hat es noch einmal geschneit. Es lag eine neue Schneedecke über der alten …«

Joona hat noch nie mit jemandem über diese letzten Stunden gesprochen, als Samuel kam, um ihn abzulösen.

Ein schlanker Mann stand am dunklen Waldrand und starrte zu dem Fenster hinauf, hinter dem die Frau, deren Kinder verschwunden waren, im Bett lag und schlief.

Das ruhige Gesicht des Mannes war mager und von Falten durchzogen.

Joona dachte, dass allein schon der Anblick des Hauses den Mann in einer genussvollen Ruhe wiegte, als hätte er sein Opfer bereits in den Wald geschleppt.

Die schmale Gestalt tat nichts anderes, als zu beobachten, bevor sie sich wieder umdrehte und verschwand.

»Du denkst daran, wie du ihn das erste Mal gesehen hast«, sagt Valeria und legt ihre Hand auf seine.

Joona schaut auf, wird sich bewusst, dass er die ganze Zeit geschwiegen hat. Er nickt und erzählt, wie Samuel und er das Auto verließen und den frischen Fußspuren folgten.

»Wir liefen an einer alten Bahnstrecke entlang in den Lill-Jans-Wald hinein …«

Aber in der Dunkelheit zwischen den Fichten verloren sie die Spuren des Mannes, sie waren plötzlich nicht mehr da, und so gingen sie zurück.

Als sie den Gleisen folgten, sahen sie, dass der schlanke Mann den Bahndamm verlassen hatte und direkt in den Wald gegangen war.

Weil der Boden unter der neuen Schneedecke nass war, wirkten die Spuren, die seine Schuhe hinterlassen hatten, schwarz. Vor einer halben Stunde waren sie noch weiß und in dem schwachen Licht unmöglich zu entdecken gewesen. Aber dann waren sie plötzlich dunkel wie Granit.

Sie waren bereits tief in den Wald eingedrungen, als sie ein klagendes Wimmern hörten.

Es klang wie ein einsames Weinen in der Hölle.

Zwischen den Baumstämmen sahen sie den Mann, den sie verfolgt hatten. Um ein flaches Grab herum war der Boden von schwarzer, ausgehobener Erde bedeckt. Eine ausgemergelte, schmutzige Frau versuchte, sich aus einem Sarg zu befreien. Sie kämpfte weinend, aber jedes Mal, wenn sie nach oben kam, drückte der Mann sie wieder hinunter.

Sie zogen ihre Waffen und rückten vor, warfen den Mann auf den Bauch und fesselten seine Arme und Beine.

Samuel weinte, während er mit der Einsatzzentrale sprach.

Joona holte die Frau aus dem Sarg und hüllte sie in seine Jacke. Er hielt sie in seinen Armen und erklärte ihr, dass Hilfe unterwegs sei, als er plötzlich eine Bewegung zwischen den Bäumen sah. Fichtenzweige schaukelten und Schnee fiel stumm zu Boden.

»Jemand hatte dort gestanden und uns zugeschaut«, sagt er leise.

Die fünfzigjährige Frau lebte, obwohl sie beinahe zwei Jahre in diesem Sarg gelegen hatte. Jurek Walter war hin und wieder zu ihr gekommen, hatte das Grab geöffnet und ihr Wasser und Nahrung gegeben. Sie war erblindet, litt an schwerer Unterernährung, und ihre Zähne waren ausgefallen. Die Muskeln waren verkümmert, und sie war von Druckgeschwüren entstellt. An Händen und Füßen hatte sie Erfrierungen.

Erst glaubte man, dass sie lediglich traumatisiert wäre, aber dann stellte sich heraus, dass sie sich schwere Hirnschäden zugezogen hatte.

Große Teile des Waldes wurden schon während der Nacht abgesperrt. Am Morgen markierte ein Suchhund der Polizei einen Platz nur zweihundert Meter von dem Grab der Frau entfernt. Dort grub man die sterblichen Überreste eines Mannes und eines Jungen aus, die in eine blaue Plastiktonne hineingedrückt worden waren. Später stellte sich heraus, dass sie vier Jahre zuvor begraben worden waren, aber nur wenige Stunden überlebt hatten, obwohl sie über ein Rohr mit Atemluft versorgt waren.

Joona sieht, dass Valeria erschüttert ist, sämtliche Farbe ist aus ihrem Gesicht gewichen, und sie hält sich eine Hand vor den Mund.

Sie denkt daran, wie Joona Jurek Walter beschrieben hat, als er ihn das erste Mal gesehen hatte, als er dort im Schnee unter dem Fenster seines nächsten Opfers stand. Es erinnert sie an den Mann, den sie am Freitag am Waldrand neben dem Gewächshaus gesehen hat. Wahrscheinlich sollte sie Joona davon erzählen, aber sie möchte nicht, dass er glaubt, Jurek würde noch leben.

7

Ein Staatsanwalt leitete die Voruntersuchungen, nachdem Jurek verhaftet worden war, aber es waren Joona und Samuel gewesen, die die Vernehmungen durchführten – von der Erteilung des Haftbefehls bis zum Beginn der Hauptverhandlung.

»Es ist nur schwer zu erklären, aber Jurek Walter hat sich in den Köpfen all derjenigen eingenistet, die nah genug an ihn herankamen«, berichtet Joona und begegnet Valerias Blick. »Da war nichts Übernatürliches, er hat einfach die menschlichen Schwächen eiskalt ausgenutzt. Er brachte das Fundament dieser Leute ins Wanken, sodass sie sich nicht mehr schützen konnten.«

Jurek Walter hatte während der ganzen Untersuchungshaft nichts gestanden. Er hatte auch nicht behauptet, dass er unschuldig sei, sondern sich einer philosophischen Dekonstruktion der Begriffe Strafe und Verbrechen gewidmet.

»Erst am Ende der Hauptverhandlung habe ich wirklich begriffen, dass Jureks Plan darin bestand, mich oder Samuel zu der Aussage zu bewegen, er könnte möglicherweise unschuldig sein … dass er im Grunde die Gräber nur gefunden und versucht hätte, der Frau herauszuhelfen, als wir ihn verhafteten.«

Eines Abends, als Joona und Samuel gemeinsam joggten, stellte Samuel die hypothetische Frage, was passiert wäre, wenn sich jemand anderes als Jurek an dem Grab befunden hätte, als sie dort eintrafen.

»Ich muss einfach immer wieder darüber nachdenken«, sagte Samuel, »ob auch jeder andere, den wir dort angetroffen hätten, für diese Taten angeklagt worden wäre.«

Es stimmte, dass konkrete Beweise fehlten, dass die Anklage sich eher auf die Umstände bei der Verhaftung und das komplette Fehlen alternativer Erklärungen stützte. Joona wusste, dass Jurek ein gefährlicher Mann war, aber er hatte keine Ahnung, wie gefährlich er wirklich war. Samuel Mendel begann, sich zurückzuziehen, ihm wurde all das zu viel, und er konnte Jureks Nähe nicht mehr ertragen, behauptete, dass er sich danach schmutzig fühle, dass seine Seele langsam vergiftet werde.

»Obwohl ich es nicht will, sage ich Dinge, die andeuten, dass er möglicherweise unschuldig sein könnte«, meinte er eines Tages.

»Er ist schuldig, aber ich glaube, dass er einen Komplizen hat«, antwortete Joona.

»Alles deutet auf einen einsamen Verrückten hin, der …«

»Er war nicht allein am Grab, als wir kamen«, unterbrach ihn Joona.

»Doch, das war er, es ist nur eine seiner Manipulationen, damit es so aussieht, als hättest du gesehen, wie der wahre Täter in den Wald floh.«

Joona dachte oft über das letzte Gespräch nach, das er mit Jurek geführt hatte, bevor die Hauptverhandlung begann.

Jurek Walter saß auf einem Stuhl im schwer bewachten Vernehmungsraum und schaute zu Boden.

»Für mich hat es keine Bedeutung, wenn ich unschuldig verurteilt werde«, sagte er. »Ich habe keine Angst. Nicht vor dem Schmerz … nicht vor der Einsamkeit oder der Eintönigkeit. Das Gericht wird sich der Argumentation der Staatsanwaltschaft anschließen und verkünden, dass keine Zweifel mehr an meiner Schuld bestehen.«

»Du verzichtest auf eine Verteidigung«, sagte Joona.

»Ich verzichte darauf, mich an technischen Details aufzuhängen, weil es im Grunde dasselbe ist, ob man ein Grab schaufelt oder ein Grab wieder zuschaufelt.«

Joona war natürlich klar, dass Jurek Walter ihn zu beeinflussen versuchte, dass er ihn auf seine Seite ziehen musste, um freigesprochen zu werden. Also versuchte er Zweifel zu säen. Joona wusste, was Jurek tat, aber er konnte auch nicht ignorieren, dass die Anklage eine Schwachstelle hatte.

»Irgendwann glaubte er dann, dass er dich auf seine Seite gezogen hatte«, sagt Valeria mit Angst in der Stimme.

»Ich glaube, er hat es als Versprechen betrachtet.«

Während der Hauptverhandlung wurde Joona als Zeuge aufgerufen, um über die Festnahme auszusagen.

»Könnte es nicht auch sein, dass Jurek Walter versucht hat, die Frau aus dem Grab zu retten?«, fragte der Verteidiger.

Etwas in ihm wollte dem Verteidiger Recht geben. Und dieses Gefühl war so stark, dass Joona kaum mehr die Kraft hatte, ihm zu widerstehen. Also reagierte Joona zuerst mit einem Nicken. Aber dann riss er sich zusammen und rief sich alle Einzelheiten der widerwärtigen Szene im Wald vor Augen. Wie Jurek Walter die Frau ohne die geringste Aggression immer wieder ins Grab zurückgestoßen hatte, wenn sie herausklettern wollte.

»Nein … er hat sie in diesem Grab gefangen gehalten, er hat sie alle getötet«, antwortete Joona.

Nachdem das Gericht sich zurückgezogen hatte, verkündete der Vorsitzende Richter, dass Jurek Walter in die geschlossene Psychiatrie überführt werden solle und dass für eine eventuelle Entlassungsprüfung besonders strenge Regeln anzuwenden seien.

Das Urteil schien Jurek Walter nicht weiter zu berühren, obwohl es faktisch bedeutete, dass er den Rest seines Lebens in Isolation verbringen würde.

Bevor der Saal geräumt wurde, drehte sich Jurek allerdings noch einmal zu Joona um. Sein ganzes Gesicht war von schmalen Falten bedeckt, und die hellen Augen wirkten seltsam leer.

»Die beiden Söhne von Samuel Mendel werden verschwinden«, sagte Jurek leise. »Und auch Samuels Frau Rebecka wird verschwinden. Aber … Nein, hör mir zu, Joona Linna. Die Polizei wird nach ihnen suchen, und wenn die Polizei aufgibt, wird Samuel weitersuchen, und wenn er ganz am Ende einsieht, dass er seine Familie nicht wiedersehen wird, dann wird er sich das Leben nehmen …«

Das Licht fiel durch die Laubbäume draußen im Park und ließ kleine durchsichtige Schatten auf Jureks schlanker Gestalt tanzen.

»Und deine kleine Tochter«, fuhr Jurek Walter fort und schaute auf seine Fingernägel.

»Vorsicht«, sagte Joona.

»Lumi wird verschwinden«, flüsterte Jurek. »Und Summa wird auch verschwinden. Und wenn du eingesehen hast, dass du sie niemals finden wirst … dann hängst du dich auf.«

Er hob den Blick und schaute direkt in Joonas Augen. Plötzlich lag eine Ruhe in seinem zerfurchten Gesicht, als wäre seine Vorhersage bereits eingetreten.

Und er sagte leise: »Ich werde dich einfach zertreten.«

Joona geht zur Gardine und schaut in die Dunkelheit hinaus, wo die kahlen Zweige der Hängebirken im Wind zittern.

»Du hast sehr wenig von deinem Freund Samuel erzählt«, sagt Valeria.

»Ich habe es versucht, aber …«

»Es ist nicht deine Schuld, dass seine Familie verschwand.«

Joona setzt sich wieder und schaut sie mit feuchten Augen an.

»Ich saß mit Summa und Lumi zu Hause am Küchentisch. Wir hatten Spaghetti und Fleischklöße gekocht, als Samuel anrief. Er war so aufgeregt, dass ich erst nach einer Weile verstand, dass Rebecka und die Kinder sich nicht mehr in dem Haus auf Dalarö befanden, wohin sie erst ein paar Stunden zuvor aufgebrochen waren. Er hatte bereits in den Krankenhäusern und bei der Polizei nachgefragt. Er versuchte, sich zusammenzureißen, ruhiger zu atmen, aber seine Stimme versagte trotzdem, als er mich bat zu kontrollieren, ob Jurek Walter vielleicht ausgebrochen war.«

»Das war er aber nicht«, sagt Valeria atemlos.

»Nein, er saß immer noch in seiner Zelle.«

Alle Spuren von Rebecka und den Kindern endeten auf der Schotterstraße, fünf Meter entfernt von ihrem verlassenen Auto. Die Polizeihunde konnten keine Witterung aufnehmen. Man durchkämmte zwei Monate lang die Wälder, die Straßen, die Häuser und die Gewässer. Als die Polizei und die Freiwilligen aufgegeben hatten, suchten Samuel und Joona alleine weiter, ohne ein einziges Mal darüber zu sprechen, wovor sie Angst hatten.

»Jurek Walter hatte einen Komplizen, er hatte sie entführt«, sagt Valeria.

»Ja.«

»Und danach warst du an der Reihe.«

Während der ganzen Zeit bewachte Joona seine Familie, begleitete sie überallhin, aber ihm war natürlich klar, dass es auf Dauer so nicht funktionieren würde.

Samuel hörte auf zu suchen und kehrte ungefähr ein Jahr nach dem Verschwinden seiner Familie in den Dienst zurück. Er hielt es ungefähr drei Wochen aus, die Hoffnung aufgegeben zu haben, dann fuhr er zum Sommerhaus, ging zum Strand hinunter, an dem seine beiden Jungen immer gebadet hatten, und schoss sich mit der Dienstpistole in den Kopf.

Joona versuchte, mit Summa über eine mögliche Flucht zu sprechen, darüber, dass sie ein neues Leben beginnen könnten, aber sie konnte sich nicht vorstellen, wie gefährlich Jurek Walter war.

Zuerst versuchte er, eine Lösung für die ganze Familie zu finden. Sie hätten neue Identitäten annehmen und ein stilles Leben in einem abgelegenen Land führen können.

Er rief seinen alten Leutnant über eine verschlüsselte Verbindung an, aber im Grunde wusste er, dass es nicht reichen würde. Neue und geschützte Identitäten sind nicht sicher. Im besten Fall sorgen sie nur für einen Vorsprung.

»Warum seid ihr nicht gemeinsam geflohen?«, flüstert Valeria.

»Ich hätte alles dafür gegeben, aber …«

Als Joona schließlich klar wurde, was getan werden musste, wurde es zu einer Besessenheit. Er begann, einen Plan auszuarbeiten, der sie alle drei retten sollte.

Es gab etwas, das wichtiger war, als mit Summa und Lumi zusammenzubleiben.

Und das war ihr Leben.

Wenn er gemeinsam mit ihnen verschwand oder floh, wäre das eine direkte Aufforderung für Jureks Komplizen gewesen, nach ihnen zu suchen.

Und wenn man nach jemandem sucht, dann findet man jeden Menschen, der sich versteckt, das wusste Joona.

Es gab also nur eine Lösung: Jurek Walter und sein Schatten mussten glauben, dass Summa und Lumi tot waren. Er würde einen Autounfall arrangieren und alles so aussehen lassen, als wären sie dabei umgekommen.

»Aber ihr drei«, wirft Valeria ein. »Ihr drei hättet doch auch zusammen in dem Auto sterben können. So hätte ich es gemacht.«

»Das hätte Jurek niemals geglaubt. Es war meine Einsamkeit, die ihn an der Nase herumführte, dass ich Jahr für Jahr in Einsamkeit verbrachte. Kein Mensch konnte so etwas schaffen, nach spätestens zehn Jahren würde er sich in Sicherheit wiegen und der Versuchung nachgeben, seine Familie zu treffen.«

»Aber du bist davon ausgegangen, dass dieser Schatten dich die ganze Zeit über beobachten würde?«

»So war es«, antwortete Joona ausdruckslos.

»Aber du hast nie jemanden gesehen?«

»Nein.«

Jetzt, wo alles seit mehreren Jahren vorbei ist, weiß Joona, dass er recht gehabt hat. Sie haben alle einen hohen Preis bezahlt, aber dadurch wurde Summas und Lumis Leben gerettet.

»Jureks Zwillingsbruder Igor hat ihm die ganze Zeit geholfen«, sagt Joona. »Es war schrecklich. Er hatte kein eigenes Leben, sondern war ein psychisch traumatisierter Mensch, der nur lebte, um Jurek zu gehorchen.«

Joona verstummt und denkt daran, dass Igors magerer Rücken jahrelang mit einem Streichriemen misshandelt wurde, einem groben Lederstreifen, der für den Feinschliff eines Rasiermessers verwendet wird. Er war von Narben übersät.

Als Jurek nach vierzehn Jahren Isolationshaft floh, verfolgte er seinen Plan weiter, als wäre nichts passiert.

Viele verloren ihr Leben während der schrecklichen Tage, in denen Jurek Walter frei war.

»Aber sowohl Jurek als auch sein Bruder sind inzwischen tot«, erinnert ihn Valeria.

Joona denkt daran, wie er Jureks Bruder mit drei Schüssen aus nächster Nähe ins Herz traf. Die Kugeln durchschlugen den Körper, und Igor stürzte rückwärts in eine Kiesgrube. Und obwohl Joona wusste, dass der Zwillingsbruder tot war, rutschte er den steilen Abhang hinunter, um ganz sicherzugehen.

Und Saga Bauer erschoss Jurek Walter. Sie beobachtete, wie sein Körper vom einem Wasserlauf mitgenommen und hinaus ins Meer gespült wurde.

Als Joona endlich wieder mit seiner Frau Summa zusammenleben konnte, hatte sie Krebs im Endstadium. Er nahm sie und die Tochter mit zu einem Haus in Nattavaara, wo die kleine Familie noch ein halbes Jahr zusammen verbringen durfte. Als Summa starb, begruben sie sie auf dem Land ihrer Großmutter oben in Purnu.

Aber erst ein Jahr später, als Saga die Reste von Jureks Körper gefunden hatte und es eine hundertprozentige Übereinstimmung der Fingerabdrücke und der DNA gab, wagte Joona daran zu glauben, dass es wirklich vorbei war.

Jetzt konnte er endlich wieder anfangen zu atmen.

Die Trauer und die Wunden aber werden immer bleiben, und Saga Bauer ist nicht mehr dieselbe, seit sie Jurek Walter infiltriert hat. In ihrem Inneren ist ein dunkler Fleck entstanden, und manchmal denkt Joona, dass Saga versucht, ihrem eigenen Schicksal davonzulaufen.

8

Saga Bauer läuft in hohem Tempo über die Skansbrücke durch die feuchten Schatten der höher gelegenen Brücken.

Schwere Autos fahren donnernd an ihr vorbei.

Mit langen Schritten nähert sie sich dem Ende der Brücke.

Ihre Sportjacke ist auf der Brust dunkel vom Schweiß.

Beinahe jeden Tag läuft sie nach der Arbeit nach Gamla Enskede und holt ihre Halbschwester Pellerina von der Schule ab.

Saga hat den Kontakt zu ihrem Vater wieder aufgenommen, den sie als Teenager abgebrochen hatte. Auch wenn die großen Missverständnisse ausgeräumt sind, fällt es Saga schwer, so ganz ohne Weiteres wieder in die Rolle der Tochter zurückzuschlüpfen. Vielleicht werden sie nie wieder richtig zueinanderfinden.

Saga erhöht das Tempo, als sie durch die hallende Unterführung unter dem Nynäsvägen und der Eisenbahntrasse läuft.

Sie ist muskulös wie eine Balletttänzerin, und ihre Schönheit ist aufsehenerregend. In ihr langes, blondes Haar sind mit bunten Bändern geschmückte Zöpfe geflochten, und ihre Augen sind unwirklich blau.

Saga Bauer ist operative Kommissarin beim schwedischen Staatsschutz, der Säpo, aber im Herbst hat ihr Chef sie gezwungen, Berichte zu schreiben und an Verhandlungen zur Förderung des polizeilichen Austauschs zwischen Schweden und den USA teilzunehmen. Um einem offenen Konflikt und interner Kritik aus dem Weg zu gehen, war man übereingekommen, die Zusammenarbeit als außerordentlich gelungen zu bezeichnen und sowohl Saga Bauer als auch Special Agent López zu nötigen, auf Facebook Freunde zu werden.

Saga kommt an der düsteren Sporthalle vorbei, erreicht die alte Gartenstadt und sprintet das letzte Stück bis zur Schule von Enskede.

Vom Fußballplatz wirbelt Staub auf und schwebt durch den hohen Zaun.

Obwohl Pellerina schon zwölf Jahre alt ist, darf sie nach der Schule nicht allein nach Hause gehen. Sie muss in der Nachmittagsbetreuung warten, bis sie abgeholt wird.

Pellerina hat das Down-Syndrom und wurde mit einer Fallot-Tetralogie geboren, einer Kombination von vier verschiedenen Herzfehlern, die das Blut daran hindern, die Lungen zu erreichen. Man hat einen Shunt angelegt, als sie vier Wochen alt war, und kurz vor ihrem ersten Geburtstag eine umfassende Herzoperation durchgeführt.

Sie hat Lernschwierigkeiten, kann aber dank der Unterstützung durch Sonderpädagogen auf eine normale Schule gehen.

Ihr Puls sinkt und der Atem beruhigt sich, als Saga durch das Hauptgebäude geht und sich der Nachmittagsbetreuung Mellis nähert.

Sie sieht ihre kleine Schwester durch das Fenster im Erdgeschoss. Pellerina sieht fröhlich aus, hüpft herum und lacht mit zwei anderen Mädchen.

Saga öffnet die Eingangstür, geht durch einen Garderobenraum, zieht die Schuhe vor der Klebebandmarkierung aus, geht weiter zu den Betreuungsräumen, hört die Musik aus dem Tanz- und Yoga-Saal und bleibt in der Tür stehen.

Ein rosa Schal hängt auf einer Lampe. Ein aus Pappe gebasteltes Fenster mit Schneeflocken rasselt im Rhythmus der Tanzmusik.

Saga erkennt Anna und Fredrika aus der Klasse ihrer Schwester wieder, sie sind beide einen Kopf größer als Pellerina.

Alle laufen sie barfuß herum. Ihre zusammengeknüllten Strümpfe liegen unter einem Stuhl im Staub. Sie stehen in einer Reihe mitten im Zimmer, zählen mit, wackeln mit den Hüften, machen einen Schritt nach vorn, klatschen in die Hände und drehen sich.

Pellerina tanzt lächelnd und bemerkt den Schnodder nicht, der ihr aus der Nase hängt. Saga sieht, dass sie sich geschickt anstellt, sie hat alle Schritte gelernt, ist aber ein bisschen zu eifrig, wackelt heftiger mit den Hüften als die beiden anderen.

Anna schaltet die Musik aus. Sie ist außer Atem, schiebt sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und klatscht in die Hände.

Saga steht immer noch in der Türöffnung und sieht, wie sich die beiden Mädchen über Pellerina hinweg anschauen und Fredrika eine Idiotengrimasse zieht, sodass Anna zu lachen beginnt.

»Warum lacht ihr?«, fragt Pellerina keuchend und setzt ihre starke Brille auf.

»Wir lachen, weil du so tüchtig und so hübsch bist«, sagt Fredrika und unterdrückt ein Kichern.

»Ihr seid auch tüchtig und hübsch«, antwortet Pellerina mit einem Lächeln.

»Aber nicht so hübsch wie du«, sagt Anna.

»Doch«, lacht Pellerina.

»Du solltest auf eine Solokarriere setzen«, sagt Fredrika.

»Was ist das?«, fragt Pellerina und schiebt sich die Brille hoch.

»Dass es vielleicht besser ist, dich zu filmen, wenn du allein tanzt …«

Fredrika verstummt schlagartig, als Saga in den Tanzsaal kommt. Pellerina läuft auf sie zu und umarmt sie.

»Und, habt ihr Spaß?«, fragt Saga ruhig.

»Wir üben einen Tanz ein«, antwortet Pellerina.

»Klappt das gut?«

»Supergut!«

»Anna?«, meint Saga und richtet ihren Blick auf das Mädchen. »Klappt es gut?«

»Ja«, sagt sie und schielt zu Fredrika hinüber.

»Fredrika?«

»Ja.«

»Ich sehe, dass ihr nette Mädchen seid«, sagt sie. »Und so bleibt es hoffentlich auch.«

Saga wartet im Garderobenraum, während Pellerina ihre Sonderpädagogin mehrmals umarmt, bevor sie sich den Winteroverall überzieht und ihre Zeichnungen in eine Tüte steckt.

»Das sind die Coolsten in der Klasse«, erklärt Pellerina, als sie Hand in Hand über den Schulhof gehen.

»Aber wenn sie dir sagen, dass du komische Sachen machen sollst, dann musst du nein sagen«, erklärt Saga, während sie nach Hause gehen.

»Ich bin doch ein großes Mädchen.«

»Du weißt, dass ich mir immer Sorgen mache«, meint Saga und hat einen Kloß im Hals.

Sie hält Pellerinas Hand und denkt an die Mädchen, die über den Kopf ihrer Schwester hinweg Grimassen geschnitten haben. Vielleicht wollten sie Pellerina auf eine herabwürdigende Weise filmen und den Clip im Netz verbreiten.

Später heißt es dann immer, dass es nur ein unschuldiges Spiel war, das ein wenig zu weit gegangen ist. Aber jeder weiß, wann er gemein ist. Die dunkle Elektrizität füllt den Raum, und man macht trotzdem weiter.

9

Pellerina und ihr Vater wohnen in einem leuchtend rot gestrichenen und mit roten Ziegeln gedeckten Haus im Björkvägen in Gamla Enskede.

Die alten Apfelbäume und der Rasen sind von glitzernden Eiskristallen überzogen.

Während Saga das Gartentor schließt, läuft Pellerina vor und klingelt an der Tür.

Lars-Erik Bauer trägt Cordhosen und ein zerknittertes Hemd, das am Hals offen steht. Er hätte schon vor einem Monat zum Friseur gehen müssen, aber das struppige, grau melierte Haar lässt ihn wie einen sympathischen Exzentriker erscheinen. Jedes Mal, wenn Saga ihrem Vater begegnet, wundert sie sich darüber, wie alt er geworden ist.

»Kommt rein«, sagt er und hilft Pellerina aus dem Overall. »Saga, es wäre schön, wenn du zum Abendessen bleiben könntest.«

»Das schaffe ich nicht«, antwortet Saga automatisch.

Pellerinas dicke Brillengläser sind beschlagen. Sie setzt sie ab und stapft die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer.

»Ich mache einen Makkaroni-Auflauf. Ich weiß, dass du den magst.«

»Als ich klein war, ja.«

»Sag, was du haben willst – ich fahre noch schnell einkaufen«, sagt ihr Vater.

»Hör auf«, erwidert sie mit einem Lächeln. »Es spielt keine Rolle, ich esse alles, und Makkaroni-Auflauf ist absolut in Ordnung.«

Lars-Erik scheint sich aufrichtig darüber zu freuen, dass sie bleibt. Er nimmt ihre Jacke, hängt sie auf und bittet sie herein.

»Ich fürchte, zwei der Mädchen im Mellis sind nicht besonders nett«, sagt Saga.

»Inwiefern?«, fragt ihr Vater.

»Ich weiß nicht, ich habe nur so ein Gefühl. Sie haben Grimassen geschnitten.«

»Pellerina kann mit den meisten Sachen sehr gut alleine umgehen, aber ich werde mit ihr darüber reden«, sagt er, bevor sie die Treppe zum Zimmer ihrer Schwester hinaufgehen.

Lars-Erik ist Kardiologe und hat ein professionelles EKG-Gerät gekauft, um Pellerinas Herz kontinuierlich überwachen zu können, da es jederzeit wieder Probleme machen kann.

Saga betrachtet die neuen Zeichnungen ihrer Schwester, während ihr Vater die Elektroden an ihrem Oberkörper befestigt. Die blasse Operationsnarbe läuft vertikal über das Brustbein.

»Ich kümmere mich um das Essen«, sagt Lars-Erik und lässt Saga mit ihrer Schwester alleine.

»Ich habe ein schlimmes Herz«, seufzt Pellerina und setzt die Brille wieder auf.

»Du hast das beste Herz der Welt«, entgegnet Saga.

»Ich bin ein Herzenskind«, sagt sie und lächelt.

»Ja, das bist du, und du bist die beste kleine Schwester der Welt.«

»Du bist die Beste, und du siehst genauso aus wie Elsa«, flüstert Pellerina und berührt Sagas langes Haar.

Normalerweise reagiert Saga verärgert, wenn sie mit Disneyprinzessinnen verglichen wird, aber sie mag es, wenn Pellerina sagt, dass sie beide wie die Schwestern aus der Eiskönigin sind.

»Saga?«, ruft Lars-Erik von unten. »Kommst du mal kurz nach unten?«

»Ich bin gleich wieder zurück, Anna«, sagt sie und tätschelt ihrer Schwester die Wange.

»Okay, Elsa.«

Lars-Erik steht an der Arbeitsplatte und hackt Lauch, als Saga in die Küche kommt. Auf dem Tisch liegt ein Paket. Es ist in Alufolie gewickelt, und ein Papierherz mit dem Text »Für meine geliebte Tochter Saga« klebt darauf.

»Ich hatte kein Geschenkpapier mehr«, entschuldigt er sich.

»Ich möchte keine Geschenke haben, Papa.«

»Es ist nur eine Kleinigkeit.«

Saga reißt die Folie ab und knüllt sie zu einem glänzenden Ball zusammen, den sie neben den geblümten Pappkarton legt.

»Mach schon auf«, sagt Lars-Erik mit einem breiten Grinsen.

In dem Karton liegt ein in Holzwolle verpackter, altmodischer Gartenzwerg aus Keramik. Er trägt waldgrüne Kleider, hat einen ziemlich strengen Blick, rosige Wangen und einen zufriedenen, kleinen Mund.

Er hält einen großen Suppenkessel in den Armen.

Es ist ihr Gartenzwerg.

Jedes Jahr zu Weihnachten wurde er hervorgeholt und der Kessel mit rosa und gelben Bonbons gefüllt.

»Ich habe ewig danach gesucht«, erzählt Lars-Erik. »Und eines Tages gehe ich in einen Antiquitätenladen in Solna, und da steht er.«

Saga erinnert sich, wie ihre Mutter, als sie einmal wütend auf ihren Vater war, den Gartenzwerg genommen und zu Boden geschleudert hat, sodass er in tausend Stücke zersprang.

»Danke, Papa«, sagt sie und stellt den Karton auf den Tisch.

Als sie zu ihrer Schwester zurückkehrt, bemerkt sie, dass Pellerinas Puls schneller schlägt, so als wäre sie gerade gelaufen. Pellerina starrt mit offenem Mund und erschrockenem Blick auf ihr Handy, das sie in der Hand hält.

»Was ist passiert?«, fragt Saga mit besorgter Stimme.

»Niemand darf es sehen, niemand darf es sehen«, sagt ihre Schwester und drückt das Telefon an die Brust.

»Papa«, ruft Saga.

»Niemand!«

»Keine Angst, meine Kleine«, beruhigt sie Saga. »Sag mir einfach, was du dir angeschaut hast.«

»Nein.«

Lars-Erik eilt die Treppe hinauf und kommt ins Kinderzimmer.

»Erzähl es Papa«, sagt Saga.

»Nein«, schreit Pellerina.

»Was ist denn, Pellerina? Ich koche gerade das Essen«, sagt er ungeduldig.

»Es ist irgendetwas auf dem Handy«, erklärt Saga.

»Zeig es mir«, sagt Lars-Erik und streckt die Hand aus.

»Niemand darf es sehen«, heult Pellerina.

»Wer sagt das?«, fragt er.

»Das steht in der Mail.«

»Ich bin dein Vater, und ich darf es mir anschauen.«

Sie gibt ihm das Telefon, und er liest mit gerunzelter Stirn.

»Ach, Kleine«, sagt er mit einem Lächeln und lässt das Handy sinken. »Das ist nicht wirklich passiert, das verstehst du doch?«

»Ich muss es weiterschicken, sonst …«

»Nein, das musst du nicht, in dieser Familie schicken wir keine dummen Mails weiter«, erklärt Lars-Erik.

»Ist das ein Kettenbrief?«, fragt Saga.

»Ja, und ein ziemlich dummer«, antwortet er und wendet sich wieder Pellerina zu. »Ich mache ihn jetzt weg.«

»Nein, bitte«, fleht sie ihn an, aber Lars-Erik hat ihn schon gelöscht.

»Jetzt ist er weg«, sagt er und gibt ihr das Telefon zurück. »Jetzt vergessen wir ihn einfach.«

»Ich habe auch schon Kettenbriefe bekommen«, erzählt Saga.

»Sind sie auch zu dir gekommen?«

»Wer?«

»Die Clownsmädchen«, flüstert Pellerina und schiebt die Brille hoch.

»Die gibt es gar nicht, die sind erfunden«, sagt ihr Vater. »Da hat ein Kind einfach irgendetwas erfunden, um andere Leute zu erschrecken.«

Nachdem Lars-Erik die Elektroden abgenommen und das EKG ausgeschaltet hat, trägt Saga ihre kleine Schwester die Treppe hinunter und legt sie vor dem Fernseher auf das Sofa. Sie deckt sie zu und startet den Film Die Eiskönigin – so wie immer.

Draußen ist es dunkel geworden. Saga geht in die Küche, um ihrem Vater beim Kochen zu helfen. Er hat gerade Sahne, Eier und geriebenen Käse über die Makkaroni gestreut. Sie nimmt ein paar klebrige Topflappen und stellt den Auflauf in den Ofen.

»Was stand in diesem Kettenbrief?«, fragt sie leise.

»Um dem Fluch zu entgehen, muss man die Mail an drei andere Personen weiterschicken«, seufzt er. »Sonst kommen die Clownsmädchen, wenn man schläft, und stechen einem die Augen aus, so ungefähr.«

»Kein Wunder, dass sie Angst hatte«, meint Saga.

Sie geht raus und schaut nach Pellerina, die eingeschlafen ist. Saga nimmt ihr die Brille von der Nase und legt sie auf den Couchtisch.

»Sie schläft«, sagt Saga, als sie wieder in die Küche kommt.

»Ich wecke sie zum Essen. Es ist immer dasselbe, nach der Schule ist sie unheimlich müde.«

»Ich gehe jetzt«, meint Saga.

»Du hast keine Zeit mehr zu essen?«, fragt er.

»Nein.«

Er begleitet sie in den Flur und reicht ihr die Jacke.

»Vergiss den Gartenzwerg nicht«, erinnert er sie.

»Der darf hierbleiben«, erwidert Saga und öffnet die Tür.

Lars-Erik bleibt in der Türöffnung stehen. Licht fällt auf sein zerfurchtes Gesicht und das struppige Haar.

»Ich dachte, du würdest dich darüber freuen«, sagt er leise.

»So funktioniert das nicht«, sagt sie und geht.

10

Es ist drei Uhr, und der weiße Himmel beginnt bereits dunkler zu werden.

Joona hat nie etwas gegen Streifendienst gehabt, aber nach Åhléns Besuch kommt es ihm vor, als sei die Welt in eine gefährlichere Phase getreten.

Er geht am schmiedeeisernen Zaun der Adolf-Fredriks-Kirche entlang und sieht eine schwarz gekleidete Gesellschaft an einem offenen Grab. Viele Grabsteine in der Nähe sind geschändet und mit Hakenkreuzen übersät.

Als Joona die Olof Palmes gata passiert hat, bemerkt er, dass ihm jemand durch das Fenster eines thailändischen Restaurants zuwinkt.

Eine betrunkene Frau ist vom Tisch aufgestanden und starrt ihn an.

Als er sich ihr nähert, spuckt sie in seine Richtung gegen das Fenster.

Er geht weiter zum Hötorget, wo die Stände der Obst- und Gemüsehändler allmählich leerer werden. Seine Gedanken wandern die ganze Zeit zu dem Grabschänder in Oslo. Sobald er Summas Schädel aus Oslo bekommen hat, wird er in den Norden fahren und ihn dort beim Rest ihrer sterblichen Überreste begraben. Er weiß noch nicht, ob er Lumi davon erzählen soll. Sie würde sich furchtbar darüber aufregen.

Als Joona am Konzerthaus vorbeikommt, hört er einen Mann, der betrunken und aggressiv herumschreit. Eine Glasflasche wird zerschlagen. Joona dreht sich um und sieht, wie grüne Splitter zwischen den Autos hindurchschießen.

Eine Gruppe von Menschen hält Abstand zu einem Mann, der offensichtlich unter Drogeneinfluss steht. Der Mann ist unrasiert, und blonde Zotteln stehen von seinem Hinterkopf ab. Er trägt eine abgewetzte Lederjacke und Jeans, die im Schritt und an einem Bein dunkel von Urin sind.

Der Mann trägt weder Schuhe noch Socken, und Joona sieht, dass er sich an einem Fuß verletzt hat und Blutflecken auf dem Bürgersteig hinterlässt.

Der Mann beleidigt eine Frau, die eilig das Weite sucht. Dann bleibt er mit hochmütiger Miene stehen und zeigt mit dem Finger auf die Leute, die sich um ihn versammelt haben, als wäre dies von allergrößter Bedeutung.

»Eins, zwei, drei, vier … fünf, sechs, sieben …«

Joona geht näher heran und sieht, dass direkt hinter dem verwirrten Mann ein kleines Mädchen steht. Ihr schmutziges Gesicht sieht angespannt aus, und sie wirkt, als könnte sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Trotz der Kälte trägt sie nur einen rosa Trainingsanzug.

»Können wir jetzt nicht nach Hause fahren?«, fragt sie und zupft vorsichtig an der Jacke des Mannes.

»Eins … zwei … drei …«

Er verliert den Faden und greift nach einem Laternenmast, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sein Blick ist drogengesättigt, seine Pupillen winzig. Rotz läuft aus der schmalen Nase.

»Brauchen Sie Hilfe?«, fragt Joona.

»Ja, bitte«, murmelt der Mann.

»Was kann ich tun?«

»Erschießen Sie alle, auf die ich zeige.«

»Sind Sie bewaffnet?«

»Ich zeige einfach nur auf alle, die …«

»Hören Sie damit auf«, unterbricht ihn Joona ruhig.

»Okay, okay«, antwortet der Mann.

»Sind Sie bewaffnet?«

Der Mann zeigt auf einen Passanten, der stehengeblieben ist, und eine Frau, die einen Kinderwagen vorbeischiebt.

»Papa«, fleht ihn das Mädchen an.

»Du musst keine Angst haben«, sagt Joona zu dem Mädchen, »aber ich werde jetzt schauen, ob dein Vater eine Waffe hat.«

»Er muss sich nur ausruhen«, flüstert sie.

Joona sagt dem Mann, dass er die Hände in den Nacken legen soll, und er kommt der Aufforderung nach. Als er den Laternenmast loslässt, verliert er allerdings das Gleichgewicht und taumelt nach hinten, in den Schatten der blauen Fassade.

»Was für Drogen haben Sie genommen?«

»Nur ein bisschen Ketamin und Speed.«

Joona geht neben dem Mädchen in die Hocke. Ihr Vater richtet den Zeigefinger wieder unauffällig auf verschiedene Leute.

»Wie alt bist du?«

»Sechseinhalb.«

»Glaubst du, dass du dich um einen Teddy kümmern könntest?«

»Warum?«

Joona öffnet seine Tasche und holt ein Kuscheltier heraus. Vor den Weihnachtstagen ist die Polizei mit Teddybären ausgestattet worden, die sie allen Kindern geben kann, denen es nicht gut geht oder die Zeugen von Gewalttaten geworden sind. Oft bleibt es das einzige Weihnachtsgeschenk in Familien mit Suchtproblemen.

Das Mädchen starrt auf den kleinen Teddy mit dem gestreiften Pullover und dem großen, roten Herzen auf der Brust.

»Möchtest du dich um ihn kümmern?«, fragt Joona mit einem Lächeln.

»Nein«, flüstert sie und schaut ihn schüchtern an.

»Du darfst ihn behalten, wenn du willst«, erklärt Joona.

»Ich darf ihn behalten?«

»Aber er möchte einen Namen haben«, sagt Joona und gibt ihr den Teddy.

»Sonja«, sagt das Mädchen und drückt den Teddy an ihren Hals.

»Ein schöner Name.«

»So hieß meine Mama«, erklärt sie.

»Wir müssen deinen Vater ins Krankenhaus bringen – gibt es jemanden, bei dem du solange wohnen kannst?«

Das Kind nickt und flüstert dem Teddy etwas ins Ohr.

»Meine Oma.«

Joona ruft einen Rettungswagen und kontaktiert anschließend eine Bekannte vom Jugendamt und bittet sie, das Mädchen abzuholen und es zu der angegebenen Adresse zu fahren.

Er hat dem Mädchen gerade alles erklärt, als ein Streifenwagen vorfährt. Das Blaulicht blinkt über den Asphalt.

Zwei uniformierte Kollegen steigen aus dem Wagen und grüßen Joona mit einem Nicken.

»Joona Linna? Dein Chef hat mich über Funk angerufen«, sagt der eine.

»Carlos?«

»Er bittet dich, ihn anzurufen.«

Joona zieht das Handy aus der Tasche und sieht, dass Carlos Eliasson, der Chef der Nationalen Operativen Abteilung, NOA, anruft. Aber das Telefon ist auf lautlos geschaltet.

»Joona«, meldet er sich.

»Tut mir leid, dass ich dich während der Arbeit stören muss, aber das hier hat allerhöchste Priorität«, sagt Carlos.

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