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Lauren, vermisst

 

Über die Autorin

Sophie McKenzie wuchs in London auf, wo sie auch heute noch lebt. Sie hat jahrelang als Journalistin gearbeitet. An das Schreiben von Geschichten wagte sie sich erst, als sie arbeitslos wurde. Gleich ihr Debüt war in Großbritannien ein Bestseller-Erfolg, dem viele weitere Bücher folgten. Lauren, vermisst ist das erste Buch der Autorin, das ins Deutsche übersetzt wurde, und der erste Titel von Sophie McKenzie im Boje Verlag.

Sophie McKenzie

LAUREN, VERMISST

Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Klein

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Mutter,
die mir als Erste Geschichten vorgelesen hat.

Und für Joe,
der als Erster diese Geschichte gelesen hat.

TEIL 1

DIE SUCHE NACH MARTHA

1

WER BIN ICH?

Wer bin ich?

Ich saß am Computer in Mums Arbeitszimmer und starrte auf den Aufsatz vor mir. Neue Klassenlehrer geben einem am Anfang des Schuljahres immer so eine Hausaufgabe.

Wer bin ich?

Als ich jünger war, fiel mir die Antwort leicht. Ich schrieb einfach so offensichtliche Sachen wie: Ich bin Lauren Matthews. Ich habe braune Haare und blaue Augen.

Doch jetzt sollten wir darüber schreiben, was uns interessiert. Über unsere Vorlieben und Abneigungen. Wer wir »innen drin« sind.

Ich brauchte eine Pause.

Also schickte ich meinem Freund Jam eine SMS: Wie läuft es bei dir mit dem dämlichen »Wer bin ich«-Kram?

Eine Minute später schrieb er zurück: Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass James »Jam« Caldwell am frühen Abend vor Langeweile gestorben ist. Er saß gerade an seinen Hausaufgaben.

Ich lachte laut los. Jam schaffte es immer, mich aufzuheitern. Einige Mädchen in meiner Klasse ärgern mich wegen ihm und behaupten, wir wären ein Paar. Was wirklich die dämlichste aller Behauptungen ist. Jam und ich sind schon seit der Grundschule befreundet.

Wer bin ich?

Ich legte meinen Kopf auf die Hände.

Wie kann jemand herausfinden, wer er ist, ohne zu wissen, wo er herkommt?

Und ich habe keine Ahnung, wo ich herkomme.

Ich wurde adoptiert, als ich drei war.

Eine Minute später rief Mum von unten: »Lauren! Das Essen ist fertig.«

Ich sauste nach unten, froh, dem Aufsatz entkommen zu sein.

Doch nicht für lange.

»Wie läuft es mit den Hausaufgaben?«, fragte Mum und stocherte in der Pfanne herum.

»Mmmmmm«, murmelte ich.

»Meine Güte, Lauren«, seufzte Mum. »Warum kannst du nicht vernünftig reden?«

Ich schaute sie an. Die gute alte Mum. Klein. Knochig. Schmallippig.

Ich sehe überhaupt nicht aus wie sie.

Ich musste es wissen. Sehr deutlich und langsam fragte ich: »Wer ist meine richtige Mutter?«

Mum erstarrte. Einen Augenblick lang wirkte sie erschrocken. Dann wurde ihr Gesicht hart wie eine Maske, zeigte keinerlei Gefühle.

»Ich bin das«, sagte sie. »Was meinst du denn damit?«

»Nichts.« Ich blickte zur Seite und wünschte, ich hätte nichts gesagt.

Mum setzte sich hin, die Pfanne noch immer in der Hand.

»Ich dachte, du würdest dich nicht dafür interessieren«, sagte sie.

Ich verdrehte die Augen. »Stimmt nicht.«

Mum tat mir Rührei auf den Teller. »Wie dem auch sei, ich kann es dir nicht sagen. Es war eine anonyme Adoption. Was bedeutet, dass keine der beiden Seiten etwas über die andere erfährt.« Sie stand auf, stellte die Pfanne zurück auf den Herd und wandte sich wieder mir zu. Ihr Gesicht war nun voller Sorge. »Hat in der Schule irgendjemand was gesagt?«

»Nein.« Ich beugte mich über meine Eier. Typisch Mum, anzunehmen, dass irgendjemand anderer mir solche Ideen in den Kopf setzte. Es wäre zu viel für sie, sich vorzustellen, dass ich von ganz allein angefangen hatte, darüber nachzudenken.

»Was gibt’s zu essen?« Rory kam aus dem Garten hereingerannt, seine speckigen Wangen waren rot vom Spielen an der frischen Luft. Rory ist acht und meinem Dad wie aus dem Gesicht geschnitten. »Mein kleines Retortenwunder«, nennt ihn Mum. Dazu kann ich nur sagen, dass in Retorten eine Menge unerfreulicher Sachen wachsen.

Rory schlitterte bis zum Tisch, dann verzog er das Gesicht. »Das Rührei stinkt.«

»Nicht so sehr wie du«, sagte ich.

Rory nahm seine Gabel und stach mich damit.

»Au! Mum, er pikst mich.«

Mum funkelte uns beide wütend an. »Rory, setz dich.« Manchmal frage ich mich, ob sie ihn für einen Hund hält. Ich habe mal gehört, wie sie zu einer Freundin sagte: »Jungs sind wie Welpen. Alles was sie brauchen, ist Zuneigung und viel Auslauf. Mädchen machen deutlich mehr Arbeit.«

Aber warum haben sie sich dann überhaupt für mich entschieden? Ich dachte an die vielen Gelegenheiten, bei denen Mum mir von meiner Adoption erzählt hatte. Wie sie mich aus einer Art Katalog ausgewählt hatten. Ich hatte mich immer besonders gefühlt. Gewollt. Jetzt kam ich mir wie ein Kleid vor, das im Internet bestellt worden war. Ein Kleid, das nicht passte, und trotzdem war es irgendwie zu anstrengend, es wieder zurückzuschicken.

»Kann Jam später noch vorbeikommen?«, fragte ich.

»Wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast und wenn es nicht zu spät ist«, war Mums vorhersehbare Antwort.

»Diese Eier sehen aus wie deine Kotze«, sagte Rory.

Manchmal hasse ich ihn wirklich.

Sobald ich wieder oben war, schickte ich Jam eine Mail.

Sehen wir uns nachher?

Sekunden später kam seine Antwort: Bin um 7 da.

Ich sah auf die Uhr am Bildschirmrand. 18:15 Uhr. In 45 Minuten würde ich meinen Aufsatz niemals fertigkriegen.

Wer bin ich?

Adoptiert. Verschwunden. Ich tippte die beiden Wörter in das leere Feld der Suchmaschine.

In letzter Zeit hatte ich viel über die ganze Sache nachgedacht. Vergangene Woche hatte ich mir sogar ein paar Adoptionsseiten im Netz angeschaut. Ihr hättet gelacht, wenn ihr mich gesehen hättet: mit klopfendem Herzen, schwitzenden Handflächen und verkrampftem Magen.

Ich meine, es ist ja nicht so, als ob es im Netz eine Seite geben würde, auf der es heißt: Lauren Matthews – klicken Sie hier für die Details zu Ihrer Adoption.

Egal. Wisst ihr, was ich herausgefunden habe?

Dass ich Mums und Dads Erlaubnis brauche, wenn ich etwas über mein Leben vor meinem dritten Lebensjahr erfahren will.

Das ist doch nicht zu fassen!?

Mein Leben. Meine Identität. Meine Vergangenheit.

Aber ihre Entscheidung.

Selbst wenn ich sie frage, Mum würde auf keinen Fall Ja sagen. Ihr habt gesehen, wie sie sich zu dem Thema verhält. Sie kriegt ein Gesicht wie zerbrochenes Porzellan.

Es würde ihr recht geschehen, wenn ich es auf eigene Faust herausfinden würde.

Ich klickte auf den Suchbutton.

Adoptiert. Vermisst. Fast eine Million Treffer.

Mein Herz pochte. Ich fühlte, wie sich mein Magen wieder zusammenzog.

Ich lehnte mich im Schreibtischstuhl zurück. Schluss jetzt. Hiermit vergeudete ich nur Zeit und drückte mich vor den Hausaufgaben. In dem Moment, als ich die Hand ausstreckte, um die Seite zu schließen, sah ich es: Vermisste-Kinder.com. Eine international agierende Seite für verloren gegangene oder vermisste Kinder. Ich runzelte die Stirn. Wie kann man ein Kind verlieren und es taucht nicht wieder auf? Ich verstehe, wie man es für fünf Minuten verlieren kann. Oder sogar für eine Stunde. Und ich weiß, dass manchmal Kinder verschwinden, weil irgendein Psycho sie ermordet hat. Doch Mum sagt immer, dass das nur ein- oder zweimal im Jahr passiert.

Ich klickte mich durch die Homepage. Eine flimmernde Masse von Gesichtern. Jedes Gesicht in der Größe einer Briefmarke; jede Briefmarke verwandelte sich nach ein paar Sekunden in ein weiteres Gesicht.

Mir klappte die Kinnlade runter. Gehörten all diese Gesichter vermissten Kindern? Ich entdeckte eine Suchmaske. Zögerte kurz. Dann tippte ich meinen Namen ein. Lauren. Ich dachte nicht wirklich darüber nach, was ich da tat. Ich spielte einfach ein bisschen herum – um zu sehen, wie viele vermisste Laurens es da draußen gab.

Es stellte sich heraus, dass es 172 waren. Himmel. Der Computer blinkte mich an, damit ich meine Suche eingrenzte.

Ein Teil von mir wollte aufhören. Doch ich zwang mich, nicht überzureagieren. Die flimmernden Gesichter auf dem Bildschirm waren keine adoptierten Kinder wie ich – die keine Vergangenheit hatten. Es waren vermisste Kinder. Kinder, die nur eine Vergangenheit hatten.

Also wollte ich einfach mal gucken, wen es da so gab.

Ich ergänzte in der Suchmaske meinen Geburtsmonat, woraufhin drei Laurens auf dem Bildschirm erschienen. Eine war schwarz, sie wurde vermisst, seit sie zwei Wochen alt war.

Eine war weiß mit blonden Haaren – sie schien neun oder zehn Jahre alt zu sein. Sie war erst seit fünf Jahren verschwunden.

Ich starrte das dritte Kind an.

Martha Lauren Purditt

Art des Falles: vermisst

Geburtsdatum: 12. März 1999

aktuelles Alter: 14

Geburtsort: Evanport, Connecticut, USA

Haarfarbe: Braun            

Augenfarbe: Blau

Ich blickte auf das Gesicht über dem Text. Ein pummeliges, lächelndes Kleinmädchengesicht. Dann auf das Datum, seitdem sie vermisst wurde: 8. September 2002.

Weniger als zwei Monate, bevor meine Eltern mich adoptiert hatten.

Mein Herz schien nicht mehr zu schlagen.

Das Geburtsdatum wich ein paar Tage von meinem ab. Und ich stammte aus England, nicht aus Amerika wie das vermisste Mädchen.

Also konnte es nicht sein.

Oder doch?

Die Frage waberte wie eine Droge durch meinen Kopf, kehrte mein Oberstes zuunterst und mein Innerstes nach außen.

Konnte ich dieses Mädchen sein?

2

JAM ERFÄHRT ES

Ich starrte das kleine Mädchen auf dem Bildschirm an und suchte in ihrem Gesicht nach Ähnlichkeiten mit mir.

»Lauren, Jam ist da!« Mums Ausruf ließ mich zusammenzucken.

Mein Herz raste, als Jam die Treppe hochstapfte. Ich streckte die Hand aus, klickte die Seite weg und rannte zur Tür. Im gleichen Moment kam Jam herein.

»Hey, Laurenzo.« Er lächelte. Seine dunklen Haare waren nach hinten gegelt und er roch nach Seife. »Fertig mit den Hausaufgaben?«

»Ja. Äh … ehrlich gesagt, nein.« Ich hörte ihm kaum zu. »Ich brauche was von unten.«

Jam runzelte die Stirn, folgte mir aber runter ins Wohnzimmer. Mum saß auf dem Sofa und guckte die Nachrichten.

»Mum, wo sind unsere Fotoalben?«

Sie blickte mich an. »Da hinten im Schrank.« Sie zeigte auf zwei Holztüren in der Ecke des Zimmers. »Woher das plötzliche Interesse?«

Ich rannte rüber zum Schrank, zog die Alben heraus und blätterte sie durch. »Wo sind die ältesten Fotos von mir?«, fragte ich.

Schweigen.

Ich sah hoch. Mum und Jam schauten mich an, als ob ich verrückt geworden wäre.

»Worum geht es denn überhaupt, Liebes?« Mums Stimme klang angespannt.

»Es ist wegen diesem ›Wer bin ich?‹-Aufsatz«, sagte ich langsam. »Er ist fertig, aber ich dachte, es wäre eine schöne Idee, nicht nur ein aktuelles Bild von mir beizufügen, sondern auch eines, auf dem ich noch klein bin. Und ich habe es nur deshalb so eilig, weil Jam da ist.«

Mums Gesicht entspannte sich. »Das ist eine gute Idee«, sagte sie. »Obwohl ich dir gesagt hatte, dass du alles erledigen solltest, bevor er kommt. Versuch’s mal in dem grünen Album ganz am Ende.«

Ich zog es heraus und schlug die erste Seite auf. Da war ich. Mein ernstes kleines Gesicht. Mit einem Bubikopf aus feinen braunen Haaren. Ich zeigte es Mum. »Wann habt ihr das Foto gemacht?«, fragte ich und versuchte, ganz normal zu klingen.

»Direkt nachdem wir dich bekommen haben«, erwiderte sie. »Um Weihnachten herum.«

Es war das Beste, was ich kriegen konnte. »Kann ich das nehmen?«

»Natürlich«, antwortete Mum. »Aber sieh zu, dass du es wieder mitbringst.« Sie lächelte. »Solche Bilder sind kostbar.«

Ich stand auf. »Bin gleich wieder da.« Ich sah von Mum zu Jam. Er erwiderte meinen Blick mit misstrauischer Miene. »Ich will das nur kurz einscannen.«

Ich sauste hoch in Mums Arbeitszimmer, ging auf die Vermisste-Kinder.com-Seite und hielt mein Foto neben das Bildschirmfoto von Martha Lauren Purditt. Ich glaube, ich hatte erwartet, dass der direkte Vergleich die Sache eindeutig klären würde.

Tat er aber nicht.

Martha Lauren war pausbackig, hatte Grübchen und lachte.

Auf dem Foto aus Mums Album war mein Gesicht schmaler und ich lächelte nicht.

Trotzdem gab es Ähnlichkeiten: die Form der Augen, die Falte unter den Lippen. Ich konnte es sein. Es stimmte fast alles.

Ich fühlte mich, als säße ich in einem dieser Dinger auf dem Jahrmarkt, die einen in so viele verschiedene Richtungen wirbeln, dass man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

Wenn ich dieses Mädchen war, dann war ich nicht die, die ich gedacht hatte. Ich hatte einen anderen Namen. Eine andere Nationalität. Sogar einen anderen Geburtstag. Keiner der Fakten in meinem Leben stimmte.

»Was machst du da?« Jam starrte mich von der Tür her an, er sah verwirrt aus.

»Nichts.« Schnell klickte ich die Seite weg.

Es war lächerlich. Die ganze Sache war einfach zu weit hergeholt. Jam würde mich auslachen, wenn ich es ihm erzählte – er würde sagen, ich solle wieder von meinem Egotrip runterkommen oder so was. Trotzdem wollte ich es ihm zeigen. Ich wollte wissen, was er dachte.

»Das kauf ich dir nicht ab.« Jams Augen wurden schmal. »Seit ich hier bin, benimmst du dich total komisch. Dieser ganze Mist mit den Fotoalben. Du wolltest mich nur nicht in diesem Zimmer haben.«

»Nein, so ist es nicht, Jam.« Ich versuchte zu lächeln. »Da war nur diese verrückte … Sache …« Ich brach ab.

Jam ging rüber zum Computer. »Was für eine verrückte Sache?« Er lächelte, aber seine Augen blieben ernst. »Zum Beispiel, dass irgendein verrückter Kerl mit dir ausgehen will? Oder was hast du gemeint?«

»Was? Nein. Quatsch. Kommt gar nicht infrage.« Was redete Jam denn da? Er wusste doch, dass ich mich überhaupt nicht für Dates und Jungs und den ganzen Kram interessierte.

»Aber warum …?« Jams Augen fixierten das kleine Symbol unten auf dem Bildschirm. »Warum hast du dir eine Internetseite über vermisste Kinder angeschaut?«

»Versprichst du mir, dass du nicht lachst?«

Er nickte. Ich rief die Seite wieder auf und Martha Lauren Purditt erschien auf dem Bildschirm. Jam blickte von ihr zu dem Foto neben dem Computer.

Er zog die Augenbrauen zusammen und sah mich prüfend an. »Was? Du glaubst doch nicht etwa, dass du das bist, oder?«

Ich schaute zur Seite, meine Wangen brannten. »Ich weiß es nicht«, flüsterte ich.

Als ich aufsah, klickte Jam gerade auf den Link: Alterungsprozess simulieren.

»Warte!«, schrie ich.

Aber es war zu spät. Auf dem Bildschirm war ein neues Bild zu sehen. Es zeigte Martha Lauren Purditt, wie sie heute aussehen könnte. Ich wollte nicht hinschauen und musste es trotzdem tun.

Ich war es. Und war es wieder nicht. Das Gesicht war zu länglich und die Nase zu niedlich und himmelfahrtsmäßig.

»Hm«, sagte Jam. »Schwer zu sagen, oder? Ich meine, es sieht schon aus wie du. Aber …«

Mein Herz schlug schneller. Gut, er war sich also genauso unsicher wie ich. Aber wenigstens lachte er nicht über mich. Ich wusste nicht, ob ich erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

Ohne mich anzusehen, klickte Jam zurück auf das erste Foto und aktivierte das Druckersymbol.

Nachdem der Drucker die Seite ausgespuckt hatte, hielt Jam sie hoch, um sie mir zu zeigen. »Sieht aus wie eines dieser Vermisst-Plakate«, sagte er. »Guck mal, da unten steht eine Telefonnummer. Vielleicht solltest du da anrufen und …«

»Nein. Auf keinen Fall.« Ich sprang auf und riss ihm das Blatt aus der Hand. Das ging mir alles zu schnell. Jam war immer so pragmatisch. »Ich brauche Zeit zum Nachdenken«, sagte ich.

»Ganz ruhig, Superhirn.« Jam verdrehte die Augen – das tat er auch immer, wenn seine Mum und seine Schwestern sich anbrüllten. »Ich wollte dir einfach nur helfen. Willst du denn nicht herausfinden, ob du das wirklich bist?«

»Vielleicht.« Ich zuckte mit den Schultern. Die Wahrheit war, ich wusste es nicht. Ich wusste überhaupt nichts mehr.

»Ich nehme an, deine Mum und dein Dad könnten es dir sagen.« Jam legte den Kopf schräg und studierte das Bild.

»Ich werde ihnen das nicht zeigen«, schnappte ich.

»Tja. Vielleicht ist das wirklich keine so gute Idee.«

»Was meinst du damit?«

»Nun.« Jam zögerte. »Wenn du dieses Mädchen namens Martha Lauren bist, wie ist das dann wohl abgelaufen? Ich meine, damals, als du drei warst – wenn du im September noch in Amerika warst, wie bist du dann bis Weihnachten nach London gekommen?«

Ich schüttelte den Kopf. Man konnte sich darauf verlassen, dass Jam stets alle logischen Fragen bedachte. Ich schaffte es noch nicht mal, mich gedanklich damit anzufreunden, dass ich vielleicht eine völlig andere Identität hatte.

»Denk mal drüber nach, Superhirn.« Jam lächelte schwach. »Kinder verschwinden nicht einfach ohne Grund. Du musst vorsätzlich gestohlen worden sein.«

»Was hat das mit meiner Mum und meinem Dad zu tun?«, fragte ich.

Jam holte tief Luft. »Ich glaube, du musst die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass deine Eltern irgendwie darin verwickelt waren.«

3

DAS GEHEIMNIS

Ich war mir sicher, dass Jam falsch lag. Mum und Dad mischten sich in alles ein, waren nervig und alt. Aber auf keinen Fall hatten sie mit etwas so Illegalem und Schlimmem wie der Entführung eines kleinen Mädchens zu tun.

Trotzdem. Wenn dir jemand einen Gedanken in den Kopf setzt, dann nistet er sich dort ein. Und lässt sich nicht mehr vertreiben.

War ich Martha Lauren Purditt?

Meine Gedanken kreisten nur noch darum. Ich versteckte den Ausdruck der Vermisst-Seite unter meiner Matratze. Jeden Abend holte ich das Foto hervor und sah es mir wieder und wieder an, bis ich das Gesicht des kleinen Mädchens ganz genau kannte und alle Fakten und Details über sein Leben auswendig wusste. Auch wenn sich nicht viel damit anfangen ließ.

Mehrere Male hatte ich schon das Telefon in der Hand gehabt und wollte die Nummer wählen, die unten auf der Seite angegeben war. Aber ich brachte nicht genug Mut auf, um dort anzurufen. Was sollte ich denn sagen? Hallo, ich glaube, ich könnte eins der vermissten Mädchen auf Ihrer Website sein, nur dass ich ein anderes Geburtsdatum und einen anderen Rufnamen habe – oh, und aus einem anderen Land stamme ich außerdem.

Sie würden mich auslachen. Und auch die Polizei würde mir nicht glauben.

Eine Woche verging. Jam schwor, er würde es niemanden erzählen. Es war unser Geheimnis. Doch es brannte in mir wie eine dieser Trickkerzen, die man nicht ausblasen kann.

Und dann erfuhr ich durch Zufall etwas, das alles für immer veränderte …

Wenn Dad von der Arbeit nach Hause kommt, läuft immer alles nach dem gleichen Schema ab. Während er sich umzieht und sich einen Drink einschenkt, darf ihn keiner ansprechen. Dann essen er und Mum zu Abend und anschließend schläft er vor dem Fernseher ein.

Sie wollen immer, dass ich mit ihnen esse. Meistens habe ich dazu überhaupt keine Lust, doch wenigstens hört Mum dann auf zu nörgeln. Und es bringt Rory zur Weißglut, weil er vorher ins Bett muss.

An diesem Abend erschien Rory genau in dem Moment in der Tür, als Mum eine große Kasserolle auf den Tisch stellte.

»Mum, ich hab immer noch Hunger«, jammerte er.

Dad verdrehte die Augen. Es nervt ihn ganz schön, dass Rory ständig um Aufmerksamkeit buhlt. Ich merkte, wie er sich innerlich darauf vorbereitete, einzuschreiten. (Mein Dad reagiert nicht gerade mit Lichtgeschwindigkeit.)

Aber Mum – die in Bezug auf meine Schlafenszeiten immer total streng ist – hatte bereits für Rory Partei ergriffen.    

»Ich kann doch nicht zulassen, dass er hungrig zu Bett geht, Dave.«

Und bevor Dad irgendetwas sagen konnte, schnappte sich Mum die Obstschale und scheuchte Rory zur Tür hinaus.

Dad starrte auf die Kasserolle, als hoffte er, dass der Eintopf darin sich von selbst auf seinen Teller ergießen würde.

»Sie verwöhnt den Jungen«, murmelte er leise.

Ich grinste in mich hinein. Dad ist der ungekrönte König der absolut vorhersehbaren Bemerkungen. Er ist Buchhalter, kann also super bei Mathehausaufgaben helfen. Doch wenn es um Wörter geht, ist er ein bisschen langsam. Und genau das machte seinen nächsten Satz so unfassbar außergewöhnlich.

»Mum hat mir gesagt, dass du nach deiner … dass du Fragen über die Zeit gestellt hast, als du klein warst«, sagte er.

Ich erstickte fast an dem Stück Brot, das ich mir gerade in den Mund stopfte.

»Nun?« Dad machte sein ernstes Gesicht. Was ihm nicht ganz leichtfällt, weil er klein ist, eine Glatze hat und seine Wangen prall und rosig sind.

Ich spürte, wie mir die Röte am Hals hochstieg, blickte zur Seite und nickte.

Dad räusperte sich. »Ich finde …«, sagte er. Langes Schweigen folgte.

Mach schon, Dad. Bevor wir beide an Altersschwäche sterben. Bitte.

»Ich finde … dass, wenn du alt genug bist, um danach zu fragen …«

In diesem Augenblick kam Mum zurück. Ein Blick in mein rotes Gesicht genügte ihr und ich wusste, dass sie wusste, um was es ging.

»Alt genug, um nach was zu fragen?«, sagte sie.

Dad murmelte irgendetwas völlig Zusammenhangloses. Mum stützte die Hände in die Hüften.

»Ich dachte, wir wären uns einig, Dave?«, sagte sie in drohendem Ton.

Die Atmosphäre im Raum war zum Zerreißen gespannt. Ich schob meinen Stuhl zurück und stand auf, die Hände zu Fäusten geballt. Wenn sie versuchte, Dad davon abzuhalten, mit mir zu reden, dann würde ich ihren blöden Eintopf ganz bestimmt nicht essen.

»Setz dich, Lauren«, zischte Mum mich an.

Wut kochte in mir hoch. »Nein!«, brüllte ich. »Warum tanzt hier eigentlich immer alles nach deiner Pfeife? Warum glaubst du stets zu wissen, was das Beste für jeden von uns ist?«

Mums Miene wurde starr.

»Setz dich hin und iss. Sofort.«

Tränen der Wut und Enttäuschung traten mir in die Augen. Wie konnte sie es wagen, mich so herumzukommandieren – als ob ich ein kleines Kind wäre. »Ich setze mich nicht hin!«, schrie ich. »Du befiehlst mir nicht, was ich tun soll. Du bist ja nicht mal meine richtige Mutter.«

Ich rannte aus der Küche und knallte die Tür hinter mir zu. Die Tränen liefen mir übers Gesicht, während ich durch den Flur auf die Treppe zulief. Ich wollte jetzt nichts anderes als allein in meinem Zimmer sein.

Rory saß auf der obersten Treppenstufe und knabberte an einem Apfel.

»Warum brüllt ihr so?«, fragte er. Ich blieb direkt unter ihm stehen und holte tief Luft. Als ich mir übers Gesicht wischte, zitterten meine Hände. »Geh mir aus dem Weg«, murmelte ich.

»Willst du ein Zugunglück auf dem Mars sehen?« Rory öffnete den Mund und streckte seine Zunge heraus, die voll mit grünem Brei war.

Ich schloss die Augen. Was hatte ich nur verbrochen, um so eine schreckliche Familie zu verdienen? Die Familie von Martha Lauren Purditt war bestimmt nicht so. Ich konnte sie mir gut vorstellen: eine verständnisvolle, glamouröse Mutter; einen einfühlsamen, lebenslustigen Vater; und natürlich weder Bruder noch Schwester.

Der Lärm von Mums und Dads wütenden Stimmen wehte über den Flur zur Treppe.

Rory rutschte eine Stufe nach unten, auf mich zu. »Werden sie sich scheiden lassen?«

»Ja«, schnappte ich. »Sie streiten darüber, wer von ihnen dann mit dir zusammenleben muss.«

Wieder streckte mir Rory die Zunge heraus, doch er sagte nichts. Ein paar Sekunden später stapfte er in sein Zimmer.    

Das Gebrüll wurde lauter, Mums schrilles Geschrei stach aus Dads dröhnendem Gepolter hervor. Und dann hörte ich meinen Namen. Ich ging wieder runter in den Flur und versuchte herauszuhören, was sie sagten.

»Hör auf, hier rumzubrüllen!«, schrie Mum. »Das ist deine Schuld. Du hast mir versprochen …«

»Himmelherrgott noch mal!«, brüllte Dad zurück. »Ich sage doch nur, dass wir es nicht ignorieren können, wenn sie danach fragt.«

Ich hatte ihn noch nie so wütend erlebt. Sie zankten sich zwar andauernd, doch meistens über belanglose Sachen – zum Beispiel, dass Dad zu viel arbeitete. Diesmal war es anders.

Ich schauderte und schlich näher zur Küchentür.

Ein paar Augenblicke lang herrschte Schweigen. Dann fing Mum wieder an. Ihre Stimme klang nun ruhiger, fast bittend.

»Sie ist zu jung. Bei ihr dreht sich doch immer noch alles um die Hausaufgaben und … und … um Popsongs.«

Genau, Mum – du kennst mich ja so gut.

»Warum ist sie dann so wütend? Warum stellt sie diese Fragen?«, erwiderte Dad.

»Irgendein dämliches Projekt in der Schule hat sie drauf gebracht. Aber sie wird das Interesse schon wieder verlieren.«

Wieder schwiegen sie.

»Du meinst wohl, du hoffst, dass sie das Interesse verliert.«

Jetzt dauerte das Schweigen noch länger. Dann hörte ich, wie Mum schniefte. Ihre Stimme klang erstickt.

»Wenn wir ihr nur einen Teil erzählen, wird sie auch den ganzen Rest hören wollen.«

Dad murmelte etwas, das ich nicht verstehen konnte.

»Ich weiß, aber jetzt noch nicht«, antwortete Mum. »Wenn sie sechzehn wird, gebe ich ihr meine Tagebücher. Dann wird sie verstehen, wie alles zusammenhängt.«

Ich hörte Schritte, die auf die Tür zukamen, und stürmte davon, die Treppe hoch. Mein Herz klopfte wie verrückt. So viel also zum Thema »anonyme Adoption«. Sie wussten etwas über das Leben, das ich geführt hatte, bevor sie mich bekommen hatten.

Mein Magen zog sich zusammen. Was konnte so schrecklich sein, dass sie glaubten, ich könnte jetzt noch nicht damit fertig werden? Hatte es vielleicht was mit Martha Lauren Purditt zu tun?

Ich lag auf meinem Bett und nur eine Sache war mir völlig klar: Auf keinen Fall würde ich mit dem Lesen von Mums Tagebüchern warten, bis ich sechzehn war.

4

MARCHFIELD

Am nächsten Tag gingen Jam und ich in der Mittagspause bis zur nächsten Einkaufsstraße, um uns was zu essen zu holen. Das dürfen an unserer Schule erst die Neuntklässler. Ich war gerade mal drei Wochen in der Neunten und schon beschwerte sich Mum darüber, dass ich nur ungesunde Sachen aß – und zu viel Geld dafür ausgab.

Während wir darauf warteten, an der Theke unsere Pizzabestellung aufgeben zu können, erzählte ich Jam von den Tagebüchern.

»Warum liest du sie denn nicht einfach?«, fragte er.

»Weil Mum ihr ganzes altes Zeug oben auf unserem Dachboden in verschlossenen Schrankkoffern aufbewahrt.«

Ein Windstoß fuhr mir um die Beine, als eine Gruppe Mädchen aus einer anderen Schule in den Pizza-Imbiss marschierte. Sie stellten sich ans andere Ende der Theke und beugten sich kichernd über die Speisekarte.

Jam bestellte das Übliche – eine Ananas-Schinken-Pizza mit extra viel Peperoni für mich zum Runterpicken –, dann setzten wir uns auf die Metallbank in der Ecke.

»Na, dann besorg dir die Schlüssel und geh da hoch«, schlug er vor.

Ich starrte ihn an. Bei Jam klang das alles immer so einfach.

»Und was ist mit Mum?«, fragte ich. »Ich brauche jemanden, der sie ablenkt, und zwar mindestens für eine Stunde.«    

Jam runzelte die Stirn. »Geht sie manchmal aus?«

»Fast nie.« Es stimmte. Weil Dad oft nicht vor neun heimkommt, arbeitet Mum von zu Hause aus und verbringt auch die meisten Wochenenden und Abende in ihrem Arbeitszimmer.

Sie ist nicht gerade eine Partyqueen.

Nach ein paar Minuten schlenderte Jam rüber zur Theke, um zu gucken, wo unsere Pizza blieb. Während er wartete, kam eins der Mädchen aus der anderen Schule zu ihm. Sie sah ziemlich scharf aus, hatte stachelige blonde Haare und trug einen Schulrock, der ziemlich weit hochgerutscht war.

»Meine Freundin findet dich echt klasse«, sagte sie und deutete mit dem Daumen auf eine kleine Rothaarige am Rand des Mädchenpulks.

Jam lief rot an und ich grinste. Er wurde andauernd von Mädchen angemacht. Na ja, man kann wohl sagen, dass er ziemlich gut aussieht. Groß, mit ebenmäßigen Zügen und unglaublich glatter Haut in einem Goldton.

Die tough aussehende Blondine stützte eine Hand auf die Hüfte. »Also: Willst du mit ihr ausgehen? Morgen Abend hat sie Zeit.« Von der Gruppe am anderen Ende der Theke kam prustendes Gekicher.

Jam lächelte und bemühte sich freundlich zu sein, als er ablehnte. Er sah aus, als ob ihm das alles schrecklich peinlich wäre. Die Bedienung erschien mit unserer Pizza.

Ich stand auf und nahm die Schachtel entgegen. Dann wandte ich mich an das Mädchen.

»Tut mir leid«, sagte ich und berührte Jam am Arm. »Aber morgen Abend hat er keine Zeit.«

Ich ließ Jam wieder los und ging schwungvoll aus dem Laden. Hinter mir ertönte ein mehrstimmiges, bedauerndes »Oooooooooh«.

Es war schon seltsam, wie ähnlich Jam und ich uns waren. Wir hatten kein Interesse daran, mit jemandem auszugehen, wir wollten einfach nur Freunde sein. Ein Freund des jeweils anderen.

Jam holte mich ein, als ich die Hauptstraße hochlief.

»Was hast du gemeint?«, fragte er. »Von wegen morgen Abend?«

Ich grinste ihn an. »Ich habe gehofft, du würdest mir dabei helfen, Mum abzulenken, damit ich mir die Tagebücher anschauen kann.«

Mein Plan war ziemlich einfach. Jams Mum Carla sagte ständig, sie und Mum sollten sich mal treffen, weil Jam und ich doch so gute Freunde seien. Deshalb fragte ich sie abends nach der Schule, ob Mum sie nicht am nächsten Tag besuchen könne.

»Sie würde Sie wirklich gerne kennenlernen«, log ich.

Carla war wie immer begeistert, wenn auch nicht sehr verbindlich: »Wie schön, Liebes, aber sag ihr bitte, dass sie vor sieben hier sein soll, denn danach muss ich arbeiten.«

Natürlich wollte Mum nicht hingehen. Zum einen, weil sie es hasst, irgendwohin zu gehen. Und zum andern, weil sie Jams Mutter für total durchgeknallt hält. Da hat sie ehrlich gesagt recht, aber das ist eine andere Geschichte.

»Was heißt denn ›vor sieben da sein‹?«, fragte Mum. »Wahrscheinlich sitzen sie doch genau dann beim Essen, wenn ich dort ankomme?«

Ich seufzte. »Sie sitzen nicht beim Essen, wie du dir das vorstellst. Sie gehen einfach in die Küche und holen sich was, wenn sie Hunger haben. Komm schon, Mum. Bitte. Es ist total peinlich, wenn du nicht hingehst.«

Schließlich stimmte Mum zu.

Ich ging davon aus, dass Carla sich mindestens eine Stunde mit ihr unterhalten würde. Genug Zeit, um die Tagebücher auf dem Dachboden zu finden und sie mir genauer anzuschauen.

Am nächsten Tag verließ Mum um Viertel nach fünf das Haus, wobei sie immer noch vor sich hin meckerte und mir auftrug, dafür zu sorgen, dass Rory vor dem Abendessen keine Schokolade aß. Zehn Minuten später rief Jam von zu Hause an.

»Das Päckchen ist angekommen«, sagte er.

Ich kicherte. »Vergiss nicht, mich anzurufen, sobald sie euer Haus verlässt«, erwiderte ich.

In dem Moment, wo Jam aufgelegt hatte, rannte ich runter in die Küche und schnappte mir so viel Schokolade, wie ich tragen konnte. Ich raste die Treppe wieder hoch und dann in Rorys Zimmer. Er hing über seiner Playstation. Jam hatte ihm – in einer heldenhaften Geste wahrer Freundschaft – sein Spiel Legends of the Lost Empire geliehen.

»Da.« Ich warf ihm die Schokoriegel zu. »Und jetzt verhalt dich ruhig.«

Ich schnappte mein Handy und ging in Mums Arbeitszimmer. Ihre Schlüssel hingen ordentlich an einer Reihe von Haken hinter dem Schreibtisch. Ich stopfte mir das Bund mit dem Schildchen »Dachboden« in die Tasche, dann rannte ich in Mum und Dads Schlafzimmer, klappte die Dachbodenleiter aus und stieg nach oben.

Natürlich weiß ich es nicht genau, aber ich stelle mir vor, dass es bei den meisten Leuten auf dem Dachboden ganz schön unordentlich ist. Säcke voller Müll, alter Haushaltskram, Koffer und so Zeug.

Aber nicht bei uns.

Mum hat alles in Schrankkoffern verstaut. In beschrifteten Schrankkoffern. Kleider. Schule. Universität. Briefe. Und da waren sie. Tagebücher.

Mir zitterten die Hände, während ich am Schlüsselbund herumfingerte und einen Schlüssel nach dem anderen ins Schloss steckte. Endlich drehte sich einer der Schlüssel mit einem verheißungsvollen Klicken. Ich öffnete den Schrank und spähte hinein, wo ich die säuberlich einsortierten Reihen schwarzer Notizbücher sah. Sie waren in Vierteljahre unterteilt: Januar-März, April-Juni usw.

Alles war grauenvoll durchorganisiert.

Ich ging die Bücher durch und fand das Jahr, in dem ich adoptiert worden war. Ich zog September-Dezember heraus: die drei Monate, die Marthas Verschwinden und meine eigene Adoption abdeckten.

Mit klopfendem Herzen überflog ich die Seiten auf der Suche nach meinem Namen.

Ich wurde am 25. und am 30. September erwähnt. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr als eine Möglichkeit. Die Idee eines Kindes, das sie noch nicht kennengelernt hatten. Aber dann …

7. Oktober – Wir haben Lauren in Marchfield getroffen. Sie hat mich angelächelt. Wenigstens rede ich mir ein, dass es ein Lächeln war. Dave meint, es war mehr ein zufälliges Kräuseln der Lippen. Lauren lächelt nicht sehr viel. Was keine Überraschung ist. Seit Sonia Holtwood mit in die Sache verwickelt ist, sind alle wahnsinnig nervös, und ich bin sicher, dass Lauren darauf reagiert.

Ich ließ das Tagebuch sinken. Wieder überkamen mich Zweifel, ob ich noch mehr wissen wollte. Wer war Sonia Holtwood? Und in was genau waren sie alle verwickelt?

Ich saß eine Weile da, mit dem Tagebuch im Schoß.

Dann nahm ich es wieder hoch. Es war zu spät, um jetzt aufzuhören.

14. Oktober – Ich wage nicht zu hoffen. Ich will nicht wieder enttäuscht werden …

20. Oktober – Sonias Verhalten ist unmöglich. Aber wir werden es trotzdem durchziehen. Nichts hält uns davon ab, Lauren zu bekommen. Gar nichts.

30. Oktober – Lauren. Meine Lauren. Nach all der ganzen Zeit ist es nun so weit. In zwei Tagen verlassen wir Marchfield und nehmen sie mit nach Hause.

Mehr stand da nicht. Diese Sonia oder Marchfield wurden nicht mehr erwähnt. Nur seitenweise Berichte darüber, wie es war, nachdem sie mich nach Hause gebracht hatten.

Was und wo war Marchfield? Ich blätterte das Tagebuch ganz durch bis zu einer Klarsichthülle, die verschiedene Visitenkarten enthielt. Ich entdeckte sie sofort – eine vergilbte Karte mit dem Aufdruck Adoptionsagentur Marchfield.

Da läutete es an der Tür – ein lang anhaltendes Schrillen.

Ich sprang auf und rannte zur Dachbodenluke.

»Hey, Jam«, hörte ich Rorys Stimme.

»Lauren! Sie ist gleich da.« Jams Ausruf schallte von der Diele bis nach oben.

Ich stopfte die Visitenkarte der Adoptionsagentur in die Hosentasche, warf das Tagebuch zurück in den Schrank und hastete die Leiter runter. Jam kam ins Schlafzimmer gerannt und half mir gerade noch rechtzeitig, die Leiter einzuklappen und zurück auf den Dachboden zu schieben. Sie rastete genau in dem Moment ein, als die Haustür zufiel.

»Ich bin wieder da!«, rief Mum.

»Warum hast du mich nicht angerufen?«, fragte ich Jam, als ich die Schlüssel sorgfältig zurück an den Haken hängte.

»Hab ich doch. Da ist nur die Mailbox angesprungen. Ich musste die ganze Strecke bis hierher rennen – und dann auch noch einen Umweg machen.«

Ich sah auf mein Handy. Es war stumm geschaltet.

Rory stand in der Tür des Arbeitszimmers und grinste mich an. »Hab ich gemacht, als du mir die Schokolade geholt hast«, sagte er.

»Du kleiner …« Ich wollte mich auf ihn stürzen, doch er wich mir aus, sodass ich nicht an ihn rankam.

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