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Lauras Verschwinden im Schnee

Pasi Ilmari Jääskeläinen

Lauras Verschwinden im Schnee

Roman

Aus dem Finnischen
von Angela Plöger

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ERSTER TEIL

1

Zuerst war die Leserin erstaunt und dann gekränkt, weil der Verbrecher Raskolnikow mitten auf der Straße plötzlich vor ihren Augen ermordet wurde. Sonja, die gutherzige Prostituierte, schoss Raskolnikow mitten ins Herz. Das geschah auf halber Strecke eines Literaturaufsatzes über Dostojewskis Klassiker.

Die Leserin hieß Ella Amanda Milana. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, und sie bestand unter anderem aus schön geschwungenen Lippen und fehlerhaften Eierstöcken.

Das Urteil über die Lippen hatte an demselben Donnerstag, fünf Minuten vor Beginn der Mittagspause, der Biologielehrer abgegeben. Über die fehlerhaften Eierstöcke war sie vor vierzehn Monaten von ihrem Arzt informiert worden. Sie hatte das Sprechzimmer als eine Frau verlassen, in deren Innerem es ein kaltes, fehlerhaftes Teil gab. Trotzdem war es draußen immer noch warm und sonnig gewesen.

Drei Monate nach der Diagnose und zwei Tage nach der Auflösung von Ella Milanas Verlobung hatte sich alles zum Besseren gewendet.

Sie hatte bei sich eine Bestandsaufnahme gemacht.

Ihre Lippen zum Beispiel waren gut. Von ihren Fingern hieß es, sie seien zierlich und schön. Ihr Gesicht wiederum war nicht eigentlich schön, das war ihr irgendwann zu verstehen gegeben worden, aber es war sympathisch und zart, und auch hübsch. Das konnte sie im Spiegel selbst sehen.

Und ein Liebhaber hatte sogar festgestellt, ihre Brustwarzen seien wegen ihrer Farbe malerisch – der Mann hatte sogleich seine Ölfarben in den Winkeln der Wohnung zusammengesucht und sie drei Stunden lang gemischt, bis er den richtigen Farbton erzielt hatte.

Ella Amanda Milana starrte auf das karierte Papier.

Vor ihr saßen siebenunddreißig Gymnasiasten, deren Aufsätze sie korrigieren sollte, und sie dachte über die Farbe ihrer Brustwarzen nach. Der unerwartete literarische Mord hatte sie um die Konzentrationsfähigkeit gebracht. Sie würde nicht mehr imstande sein, sich selbst zur Leserin zu abstrahieren – nicht heute, nicht in dieser Klasse.

Sie hob den Blick von dem Aufsatz, als hätte sie gesehen, dass ein Insekt darauf herumkroch, und schaute die Klasse an, aber die Klasse schaute nicht zurück. Die Schüler schrieben und sahen auf ihre Blätter, die Stifte kritzelten über das Papier wie Nager mit geheimen Absichten.

Den Aufsatz hatte ein Junge geschrieben, der in der dritten Bank der Fensterreihe saß.

Ella war etwas gekränkt, konnte dem Jungen aber nicht böse sein. Sie überlegte, ob der Schüler von ihr als Vertretung erwartete, dass sie solche Betrugsversuche ernst nahm.

Sie war lange ein wenig böse gewesen und war es auch jetzt, aber nicht auf den Jungen, sondern auf ihre Eierstöcke. Der Junge mit seinem Literaturaufsatz war eine vorübergehende Nebensache. Die Eierstöcke dagegen waren auf Dauer fest mit ihr verbunden und sie mit ihnen. Sie hätte nicht gewollt, dass sie einen Bestandteil der Person namens Ella Amanda Milana bildeten, die da vor der Klasse saß und in der Hand einen erlogenen Literaturaufsatz hielt.

Sie hatte den Schülern die Klassikerliste aus dem Lehrbuch vorgestellt und behauptet, sie habe Schuld und Sühne zum ersten Mal in der zweiten Klasse des Gymnasiums und zum zweiten Mal während des Studiums gelesen.

Jetzt wurde ihr klar, dass sie an ein anderes Buch gedacht hatte.

Sie hatte Dostojewskis bekanntestes Werk niemals ganz gelesen. Im Gymnasium hatte sie die ersten zwanzig Seiten gelesen, und an der Universität war sie bis Seite 52 gekommen, aber dann hatte sie die Lektüre abgebrochen. Jemand hatte sich das Buch von ihr geliehen und es dann ins Antiquariat gebracht.

Trotzdem war Ella sich ziemlich sicher, dass Sonja, die gutmütige Prostituierte, am Ende des Romans Raskolnikow keineswegs ins Herz geschossen hatte. Sie war auch bereit zu wetten, dass Raskolnikow, anders als es der Schüler in dem Aufsatz behauptete, die Wucherin nicht mit einem Draht erdrosselt hatte. Ella hatte an der Universität Vorlesungen über Dostojewski gehört, sie hatte den Film und die Fernsehserie gesehen, und so wusste sie durchaus etwas über diesen Klassiker, obwohl jemand ihr Exemplar vor vier Jahren ins Antiquariat gebracht hatte.

Ella beendete den Unterricht und angelte sich den Jungen aus dem Strom der Schüler heraus. Sarkastisch sprach sie ihm eine Ermahnung aus und stellte seine Lesefähigkeit und seine Moral in Frage.

Der Junge holte aus seiner Schultasche das Buch hervor und reichte es Ella.

Die werte Vertretungslehrerin könne die Sache selbst überprüfen, schlug der Junge vor, die Romanhandlung gehe so, wie sie eben gehe.

Ella entließ den Jungen, er hatte offenbar keine Lust, mit ihr über die Sache zu reden. Sie beschloss, später darauf zurückzukommen.

Als Ella ein Weilchen in dem Roman geblättert hatte, begannen ihre Wangen zu glühen. Auf der vorletzten Seite des Buches schoss Sonja Raskolnikow zwei Kugeln ins Herz. Und am Anfang erdrosselte Raskolnikow die Wucherin tatsächlich mit einer Klaviersaite.

Ella kramte ihr Handy hervor und rief ihren Literaturprofessor an.

Sie hatte ihre Abschlussarbeit über die mythologischen Besonderheiten von Laura Hermelins Kinderbüchern geschrieben. Professor Eljas Waldberg hatte sie angeleitet, ohne seine Befriedigung zu verhehlen: »Eine gute Wahl. Wenn du das Thema später ausbauen willst, wende dich an mich, dann sehen wir weiter. Bei Hermelin gibt es noch vieles zu erforschen, und ich kann nicht über all ihre Bücher schreiben.«

»Hallo«, sagte der Professor, »hier Waldberg.«

Ella nannte ihren Namen und fragte ohne Pause und atemlos:

»Hat Sonja Raskolnikow am Ende erschossen?«

Der Professor lachte.

Ella begriff, wie merkwürdig ihre Frage geklungen hatte.

»Hältst du gerade eine Literaturstunde? Bist du in Joensuu?«

»Nein, der Job hat nur vier Monate gedauert«, sagte Ella in betont alltäglichem Tonfall. Sie konzentrierte sich darauf, einen vernünftigeren Eindruck zu machen als vorhin. »Ich bin jetzt in Hasenhausen. Am Gymnasium. Und ich möchte nur schnell dieses Detail kontrollieren, weil die Schüler so sind, wie sie halt sind, und ich nicht ... Weißt du, ich hab das Buch gerade nicht zur Hand und kann mich überhaupt nicht erinnern, was da genau passierte, aber diese Frage muss ich jetzt schnell klären.«

»Ich verstehe«, sagte der Professor. »Also, Raskolnikow wird nicht erschossen, schon gar nicht von Sonja.«

Ella sah das Buch ein Weilchen an und sagte schließlich: »Und wenn ich nun hartnäckig behaupten würde, ich hätte irgendwo eine Version von Schuld und Sühne gesehen, in der Raskolnikow erschossen wird? Das tut Sonja, weil sie glaubt, die Welt sei besser ohne Raskolnikow.«

Der Professor sagte nichts.

Ella erkannte, dass sie wieder unvernünftig gewirkt hatte. Wenn sie mit bestimmten Leuten sprach, entglitt ihr die Kontrolle über die Situation leichter als sonst, und der Professor hatte immer zu diesen Leuten gehört. Während des Studiums hatte Ella Milana zusammen mit einem Freund eine zweiteilige Theorie entwickelt, um das Phänomen zu erklären:

Nach dem ersten Teil der Theorie war sie in der Gesellschaft von solchen Leuten nervös, bei denen sie spürte, dass sie aufrichtig an ihr und ihren Gedanken interessiert waren.

Sie wurde jedoch selten nervös, obwohl sie täglich mit vielen Menschen zu tun hatte, von denen einige gern eine Beziehung zu ihr hätten. Dafür lieferte der zweite Teil der Theorie eine Erklärung: Danach hatten alle Menschen das angeborene Bedürfnis, der Welt ihre Persönlichkeit und ihre Gedanken kundzutun, aber in aller Regel interessierte sich niemand für das, was sich im Kopf der anderen abspielte.

Ganz nebenbei erklärte die Theorie Gott: Weil die Menschen einen interessierten Zuhörer brauchten und auch nach dem Ende der Kindheit danach dürsteten, jemandes ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen, hatten sie Gott erfunden, der sie ständig beobachtete und anhörte.

»Vielleicht war das eine postmoderne Recycling-Version?«, schlug der Professor schließlich vor. »War das Buch wirklich von Dostojewski? Ich glaube, du hast ein anderes Werk gesehen, das auf klassische Gestalten zurückgreift oder irgend so was. Hör zu, Ella, versuch mal, dich zu erinnern, was für ein Buch das war. Ich könnte es in meiner Dostojewski-Vorlesung verwenden, die Sache klingt ganz interessant. Könntest du übrigens etwas Kurzes zu dem Thema schreiben? Ich gebe eine Sammlung von Geschichten heraus, in der so ein Blickwinkel sehr gut funktionieren würde.«

Der Professor klang begeistert. Ella bereute, dass sie ihn angerufen hatte.

Auf dem Buchdeckel stand Dostojewskis vollständiger Name. Der Titel des Romans lautete offenbar ganz richtig Schuld und Sühne. Das Buch war 1986 im Verlag Karisto erschienen. M. Vuori hatte es aus dem Russischen übersetzt, und Lea Pyykkö hatte es redaktionell bearbeitet. Ella starrte den Buchdeckel an.

»Das könnte es tatsächlich sein, so eine neue Fassung«, sagte Ella.

Die Bibliothek von Hasenhausen war eine rote, zweistöckige Festung auf dem Schulberg. Den Haupteingang flankierten zwei weiße Marmorsäulen.

Sie waren ein Geschenk des verblichenen Besitzers der Steinmetzwerkstatt an das Kulturleben. Ella hatte in der Artikelsammlung ihrer Mutter einen Zeitungsbericht über die feierliche Übergabe der Säulen im Jahr 1975 gesehen. Dazu war ein schwarz-weißes Foto erschienen.

Auf dem Foto stand im Hintergrund ein Kranwagen, und im Vordergrund gruppierten sich Hasenhausener, Mitglieder des Gemeindevorstands, der Stein-Lindgren selbst sowie an seinem Arm die junge Laura Hermelin. Es wurde gemunkelt, Lindgren habe sich bemüht, auf die Schriftstellerin Eindruck zu machen. Hinter Laura Hermelin stand eine Schar Kinder, die Literarische Gesellschaft Hasenhausen – eine Gruppe von begabten Schreibern, die unter der Anleitung von Laura Hermelin zu Schriftstellern heranwuchsen.

Ellas Großmutter hatte zu Lebzeiten die Bibliothek als »so ein Mausoleum, das das ganze Dorfzentrum verschandelt« gescholten. Auch viele andere fanden das Gebäude düster, kalt und zu groß. Manche lernten schon früh, die Bibliothek zu verabscheuen. Die Kinder von Hasenhausen hetzten morgens verschwitzt und keuchend daran vorbei, weil das Bibliotheksgebäude an dem Weg über den langen und steilen Schulberg lag.

Ella fand, die Bibliothek strahlte Vornehmheit aus. Um das Bibliotheksgebäude herum wuchsen Eichen. Sie verliehen dem Ort etwas Feierliches, Malerisches, und im Sommer drang durch ihr Geäst das heftige Zwitschern der Vögel, das man bis in die Bibliothek hören konnte, wenn die Fenster offen standen.

Etwas entfernt von der Bibliothek begann ein kleiner Wald, in dem sich das Büchercafé Mutters zehn befand. Als Kind war Ella sonntags zu dem Café geradelt, um sich dort ein Eis zu holen. Jedes Mal hatte sie unterwegs angehalten, um probehalber an der verschlossenen Tür der Bibliothek zu rütteln und durch das Fenster hineinzuspähen.

Es war Ella schwergefallen, längere Zeit die von Papierstaub erfüllte Luft der Bibliothek zu meiden. Auch jetzt, da Ella sich ihr mit dem fehlerhaften Dostojewski in der Tasche näherte, wurde sie von derselben heiligen Ehrfurcht ergriffen wie damals als Kind. Sie war das kleine Mädchen gewesen, das taschenweise Bücher nach Hause schleppte und wie es das in jeder Bibliothek gibt. Als sie zwei Wochen mit einer Bronchitis krank im Bett lag, hatte die Bibliothekarin bei ihr zu Hause angerufen und gefragt, ob alles in Ordnung sei. Alle möglichen Tanten und Onkel hatten sie zwischen den Regalen gegrüßt und gefragt: Hallo Ella, was hast du heute gefunden?

Sie hatte mehr gelesen, als gesund war, alljährlich Hunderte von Büchern. Manche davon hatte sie zweimal oder sogar mehrmals gelesen, bevor sie sie wieder zurückbrachte. Manche lieh sie nochmals aus, nachdem sie sie eine Weile verdaut hatte. Sie fand schon damals, dass man am meisten von den Büchern hatte, wenn man sie zum zweiten oder dritten Mal las.

Ella passierte die massiven Säulen. An dieser Stelle schrumpfte sie immer ein bisschen zusammen. Ein auf den Stufen liegender kleiner Hund fuhr erschrocken hoch. Er sah Ella an, knurrte übellaunig und lief weg.

An der Tür war eine Bekanntmachung befestigt; Ella las sie, ohne stehen zu bleiben, öffnete die Tür und trat ein.

Die Bibliothek war geräumig und kühl. Während sie den Vorraum in Richtung Ausleihe durchquerte, spürte Ella den Papierstaub und den vertrauten Duft von Druckerschwärze.

»Ich hab eine Beschwerde«, sagte Ella zu den braunen Augen, die sie hinter einer Hornbrille ansahen.

An der Bluse der Bibliothekarin steckte ein Namensschild: Ingrid Katz.

»Entschuldigung, sind Sie die Schriftstellerin Ingrid Katz?«, fragte Ella freundlich.

»Nein, ich bin die Bibliothekarin Ingrid Katz«, antwortete die Frau ebenso freundlich.

Die Kleidung der Bibliothekarin Ingrid Katz verströmte einen leichten Rauchgeruch. »Sie wollen sich also beschweren?«

»Na, vielleicht eher etwas beanstanden«, sagte Ella. »Ich bin in eine etwas seltsame Situation mit einem meiner Schüler geraten. Er hat einen Aufsatz geschrieben, den ich, äh, fragwürdig fand.«

Die Bibliothekarin lächelte. »Gab es darin Unsachlichkeiten? So ist das in diesem Alter. Aber das geht vorüber. Das Alter und auch die Unsachlichkeiten. Das Gute an diesen Dingen ist: Es geht alles vorbei.«

Ella nahm das Buch aus ihrer Tasche. »Ich muss das etwas präzisieren. Zu beanstanden war nämlich letztlich nicht der Aufsatz, sondern das Buch, über das der Schüler den Aufsatz geschrieben hat. Hier: Dostojewskis Schuld und Sühne. Es wirkt ganz echt und ist doch merkwürdig verfälscht. Darin ist einiges verändert worden. Und es ist von hier ausgeliehen, hier sind Ihre Stempel.«

Ella legte das Buch auf die Ausleihtheke. Ingrid Katz wirkte nicht sonderlich interessiert, sondern lächelte, stand hinter ihrer Theke auf und kehrte Ella den Rücken zu, um das Regal mit den Bestellungen zu ordnen.

»Druckfehler kommen vor«, plauderte Ingrid Katz mit dem Rücken zu Ella. »Manchmal fehlen in einem Buch ganze Seiten. Manchmal geraten beim Druck sogar falsche Seiten in ein Buch. Es ist irgendein Mensch, der das macht, denken Sie daran, und wenn Menschen Dinge tun, unterlaufen ihnen immer auch Fehler. Irren ist nicht nur menschlich, sondern die gesamte Geschichte der Menschheit besteht hauptsächlich aus verschiedenen Irrtümern. Sie haben doch sicherlich von den Adventskalendern gehört?«

»Von welchen Adventskalendern?«

Ingrid Katz schüttelte den Kopf. Das Schwingen der Haare entblößte für einen Augenblick ihren schmalen, zarten Nacken.

»Tja, das ist schon etwas her, jedenfalls waren in die Fenster eines Bildkalenders für Kinder irgendwie weniger weihnachtliche Bilder geraten. Reiner Porno, im Grunde. Darüber wurde auch in den Zeitungen berichtet.«

»Oha«, sagte Ella. »Auf jeden Fall ist es so, dass Sonja in diesem Buch Raskolnikow erschießt. Und Raskolnikow erdrosselt die Wucherin mit einem Draht. So geht die Geschichte eigentlich nicht. Das wissen Sie bestimmt auch selbst. Ich dachte, dies sei eine irgendwann zensierte Fassung, aber es ist ja eine ganz gewöhnliche Ausgabe.«

Sie überlegte einen Moment, bewegte sich dann unruhig und lächelte.

»Etwas komisch ist das schon«, sagte sie, »sich wegen einer solchen Kleinigkeit zu beschweren, aber ich finde, die Sache sollte schon geklärt werden. Wo soll das hinführen, wenn in den Büchern aller möglicher Blödsinn steht?«

Ingrid Katz kehrte hinter den Tresen zurück und sah Ella an.

»Ich kann Ihnen versichern, dass ein fehlerhaftes Buch nicht wieder in die Ausleihe kommt. So etwas passiert hin und wieder. Darüber wird meistens nicht gesprochen, aber in den Buchdruckereien arbeiten manchmal ziemliche Scherzbolde. Vielen Dank, dass Sie mich auf die Sache aufmerksam gemacht haben.«

»Nicht der Rede wert. Eigentlich könnte ich das Buch noch mal mitnehmen«, sagte Ella und streckte die Hand danach aus. »Ein Bekannter von mir, ein Literaturprofessor, möchte eine Kopie von der fehlerhaften Stelle haben.«

Ingrid Katz’ Augen blitzten, und sie schnappte sich das Buch, noch ehe Ella es ergreifen konnte.

»Natürlich geht das im Prinzip«, sagte Ingrid Katz und schob das Buch rasch unter die Theke. »Selbstverständlich in den Grenzen der Urheberrechtsgesetzgebung. Aber jetzt ist das Buch ja zurückgegeben. Und ich kann es nicht mehr zur Ausleihe freigeben, das fehlerhafte Buch. Das ist ein Prinzip, und wir Bibliothekare sind an bestimmte Vorschriften gebunden. Es tut mir leid, und nochmals vielen Dank für den Hinweis.«

Ingrid Katz wandte sich wieder ihrer Arbeit an der Ausleihtheke zu. Ella betrachtete ihr Profil, den Nacken und den Schädel, überlegte kurz, nickte dann und entfernte sich in Richtung Lesesaal.

Der Lesesaal befand sich im zweiten Stock, ebenso wie die Gedichtbände und Dramen. Während Ella die Treppen hinaufstieg, überblickte sie alle Etagen gleichzeitig. In der Mitte der Bibliothek befand sich ein Gewölbe, um das die innere Treppe sich wie eine eckige Spirale herumwand. An der höchsten Stelle des Gewölbes befand sich ein Dachfenster mit neun Scheiben. An sonnigen Tagen erzeugte es einen kathedralenhaften Glanz über den Büchern, aber im Moment schauten nur Krähen und Dohlen herein.

In der untersten Etage waren die Kinderbücher und die Belletristik für Erwachsene untergebracht. Ella bemerkte, dass auf dem kleinen Platz zwischen den Abteilungen heute mehrere Skulpturen standen. Die Bekanntmachung an der Tür hatte darauf hingewiesen, dass es sich um die Jahresausstellung der Bildhauervereinigung von Hasenhausen mit dem Titel »Vom Nix bis zum Wassermann – Bildhauerkunst zum Thema Glaubensvorstellungen in Anlehnung an die Werke der Schriftstellerin Laura Hermelin« handelte.

Im ersten Stockwerk standen die Sachbücher. Ella registrierte, dass das der Treppe am nächsten stehende Regal mit Hundebüchern ein gelbes Schild trug, auf dem mit Großbuchstaben geschrieben stand: HUNDELITERATUR. In diesem Regal standen nur einige wenige Bücher.

In der zweiten Etage angekommen, nahm Ella aus dem Zeitungsregal die Hasenspur und wählte einen Tisch, von dem aus sie Ingrid Katz sehen konnte, die zwei Stockwerke tiefer an ihrer Ausleihtheke saß.

Dieser Ort hieß Lesesaal – zumindest auf dem Schild, das dazu aufforderte, sich im Lesesaal leise zu verhalten. Mit »Saal« waren sechs abgenutzte Tische gemeint, die neben dem Geländer angeordnet waren.

Ella blätterte in der Hasenspur und spähte ab und zu nach der Bibliothekarin. Dem Blatt zufolge kam die Ernte in Hasenhausen gut voran. Der junge Virmasalo, das vielversprechende Läufertalent des Ortes, hatte bei den Landesmeisterschaften Silber geholt. Es wurde verlangt, die Hunde stärker zu disziplinieren. Der Hundepsychologe A. Louniala gab in seiner regelmäßigen Kolumne Tipps für Erziehung und Pflege, diesmal unter der Überschrift »Der Hund ist der beste und älteste Freund des Menschen«. Der Gemeinderat erwog die Renovierung des Amtsgebäudes. In der Literaturbeilage wurden neue, vielversprechende Verfasser von literarischen Texten vorgestellt.

Ella wusste, dass ihre Novelle in der Zeitung noch nicht erschienen war. Vielleicht im Herbst, hatte der Redakteur der Beilage vermutet. Es schauderte sie, als wäre jemand über ihr Grab gegangen, und sie beschloss, den Redakteur anzurufen und ihre Novelle zurückzufordern. Sie war doch noch nicht bereit, sie veröffentlicht zu sehen. Der Gedanke war von Anfang an schlecht gewesen, das begriff sie jetzt.

Auf Seite vier stand eine Kurzmeldung, nach der sich auf dem Acker des Kleinbauern P. Lahtinen eine Kartoffel von der Form der Weißen Mutter gefunden hatte. Der Bauer versprach diese besondere Kartoffel der Schriftstellerin Laura Hermelin, falls sie sie für ihre Sammlungen haben wollte, und die Bäuerin Kati versprach, der Schriftstellerin Kaffee und Heißwecken zu kredenzen, falls sie die Kartoffel selbst holen käme.

Ella verlor das Interesse an der Zeitung. Das gelbe Schild saugte ihren Blick an. HUNDELITERATUR verkündete es mit schwarzen Versalien jedes Mal, wenn sie es ansah. Schließlich musste sie sich fragen, warum sie hiergeblieben war.

Sie hatte alle Unterrichtsstunden des Tages gehalten, aber am Abend musste sie einen großen Stapel Aufsätze korrigieren. Und die Mutter erwartete, dass Ella Lebensmittel und Medikamente mitbrachte, wer weiß, wie verwirrt der Vater heute wieder war. Auch von einem Nachmittagsschlaf hatte sie geträumt.

Trotzdem saß sie hier, im zweiten Stock der Bibliothek, blätterte in der Lokalzeitung und spionierte die Bibliothekarin aus.

Das, was sie tat, wirkte absurd, das war ihr klar. Andererseits hatte die Bibliothekarin Katz sich verdächtig verhalten. Sie hatte das Auftauchen des fehlerhaften Exemplars nicht so leicht genommen, wie sie es vorgespiegelt hatte. Sie hatte sich auch nicht überrascht gezeigt, dass es in dem Buch, das schon seit Jahren in der Bibliothek vorhanden gewesen war, eigentümliche Abweichungen gab.

Unterschiedliche Übersetzungen und ausgesprochene Übersetzungsfehler waren Ella durchaus schon untergekommen, sie hatte verkürzte Fassungen gelesen, und in manchen Büchern hatten Seiten gefehlt, in einem sogar der Schluss. Und manchmal erschienen ganz offiziell neue Versionen von Büchern, wenn die Zeiten sich änderten und es nicht mehr nötig war, das lesende Publikum mit anstößigen Repliken oder bedenklichen Szenen zu verschonen.

Sie hatte jedoch noch nie von einem Buch gehört, dessen Handlung aus Versehen oder absichtlich so stark verändert worden war wie in Schuld und Sühne. Für solch einen Jux hätte es eines sehr speziellen Druckereiangestellten und eines schwer vorstellbaren Motivs bedurft. Und wie hatte das Buch fast zwei Jahrzehnte lang ausleihbar sein können, ohne dass jemand etwas Ungewöhnliches bemerkte?

An jenem Nachmittag in der Bibliothek handelte Ella vielleicht entgegen ihren Gewohnheiten und dem gesunden Menschenverstand, aber die Existenz des fehlerhaften Dostojewski-Buches kränkte sie zutiefst, und wenn sie sich gekränkt fühlte, konnte es geschehen, dass sie unüberlegte, rein intuitive Dinge tat.

Die Aufsätze in ihrer Tasche warteten darauf, korrigiert zu werden, ihre Mutter wartete zu Hause auf die Lebensmittel und der Vater auf die Medikamente, Leute kamen und gingen.

Es vergingen zwei Stunden. Die Vertretungslehrerin für Muttersprache und Literatur Ella Amanda Milana saß in der Bibliothek und spionierte der Bibliothekarin Ingrid Katz nach. Sie fühlte sich schon unbehaglich, aber sie konnte nicht aufgeben, zumindest noch nicht.

Schließlich verließ Ingrid Katz ihren Platz und ging zwischen dem steinernen Nöck und dem Gnom aus Beton hindurch zu den Bücherregalen.

Auf der Galerie beugte Ella sich vor, um besser zu sehen. Ingrid Katz stand beim Regal D und packte Bücher auf Karren. Sie räumte das Regal auf der Länge von mindestens einem Meter aus und schob den Bücherkarren ins Hinterzimmer.

Im Hinterzimmer pflegten die Bibliothekare ihr Mitgebrachtes zu essen und sich umzuziehen. Dorthin gelangte man nur von der Rückseite der Theke her. An der Tür zum Hinterzimmer hing ein zerfleddertes Plakat in englischer Sprache, das für C. S. Lewis’ Buch The Lion, the Witch and the Wardrobe warb. Das Plakat zeigte einen magischen Kleiderschrank, dessen Tür einladend einen Spaltbreit offen stand.

Ingrid Katz kehrte zurück und saß lange an der Theke. Schließlich stieg sie in das erste Stockwerk hinauf, um den Wunsch eines Mannes mit Hut zu erfüllen, der in der Bibliothek erschienen war.

Schon verließ Ella ihre erste Position, eilte ins Erdgeschoss hinunter und näherte sich der Theke. Sie tat, als sähe sie das Ehrenregal durch, das den Werken von Laura Hermelin und deren Übersetzungen vorbehalten war.

Dann setzte sie sich in Bewegung.

Sie trat hinter den Tresen, ohne Eile und ungezwungen. Sie blickte sich um, berührte mit der Zunge die Schneidezähne und huschte dann ins Hinterzimmer.

In Gedanken legte sie sich eine Notlüge für den Fall zurecht, dass Ingrid Katz sie überraschen sollte. Sie nahm sich vor zu sagen, sie habe die Bibliothekarin gesucht, weil sie sie dringend etwas fragen wollte.

Was konnte ihr die Bibliothekarin schon anhaben, selbst wenn sie in flagranti ertappt wurde? Sie umbringen? Sie bewusstlos schlagen?

Das wohl nicht, dachte Ella, aber sie konnte sehr wohl die Polizei rufen und Anzeige erstatten.

Was würde es dann für einen Aufstand geben! »Vertretungslehrerin für Muttersprache beim Stehlen von Büchern erwischt« würde die Hasenspur titeln. Ihr guter Leumund wäre dahin und ebenso ihr Job. Und sie bekäme einen Eintrag ins Strafregister, der ihr überall hin folgen würde.

Ella bekam es mit der Angst zu tun. Ihr wurde klar, dass es jetzt das Beste war schnellstmöglich zu verschwinden. Sie war froh, dass sie noch rechtzeitig zur Besinnung gekommen war, bevor sie eine große Dummheit begehen konnte.

Da bemerkte sie die Bücher auf dem Tisch.

Es waren drei Stapel. Daneben sah sie eine Flasche Orangenlimonade, eine Mandarine und eine Tüte Lakritze – der Proviant der Bibliothekarin Ingrid Katz.

Dostojewskis Schuld und Sühne lag zuunterst in einem der Stapel. Ellas Herz schlug rascher, und sie nahm das Buch an sich. Sie griff sich auch fünf weitere Bücher, die ersten, die ihr in die Hände fielen und außerdem schmal genug waren, und schob sie in ihre Tasche.

Ihre Finger waren so kalt wie die Beine einer Elster.

In der Tasche befand sich ein Comicheft, das sie am Vormittag einem Schüler abgenommen hatte. Ella bedeckte damit die Bücher und schloss die Tasche.

Dann verließ sie die Bibliothek.

2

Paavo Emil Milana hatte seinen Namen nach zwei historischen Sportlern bekommen. Mit zwanzig Jahren war er als Läufer fast ebenso gut gewesen wie seine Namensvettern – so hatte sein verstorbener Vater es sich gewünscht –, wenn auch nicht ganz von den Ergebnissen her, so doch zumindest in Bezug auf sein Herz, das das Herz eines Läufers war, leicht und schnell wie eine Libelle.

Dreißig Jahre lang war er jeden Tag zig Kilometer gelaufen. Er war morgens eine Strecke gelaufen, bevor er ins Büro ging, und ebenso abends gleich nach der Arbeit, und das hatte er auch in jener stürmischen Nacht getan, in der seine Tochter geboren wurde. Jedes Jahr hatte er sechs Paar Turnschuhe verschlissen, und zu jedem Weihnachtsfest hatte er von der Familie einen neuen Trainingsanzug geschenkt bekommen. Seine Familie hatte ihn liebevoll »den fliegenden Hasenhausener« genannt; diesen Namen benutzten inzwischen alle Ortsansässigen.

Jetzt, als Fünfundfünfzigjähriger, saß Paavo Emil Milana alle Tage auf seinem Gartenstuhl inmitten von Johannisbeersträuchern, Gras, Gänseblümchen, Apfelbäumen, Brennnesseln, Igeln, Fröschen, Schmetterlingen und Insekten. Seine Gartensaison begann, sobald der Schnee geschmolzen war, und endete erst, wenn der Frost einsetzte.

So hatte sich die Lage innerhalb von sechs Jahren gewandelt.

Es hatte keinen Sinn, ihm Bücher zum Lesen zu geben. Es hatte keinen Sinn, ihn zu überreden, dass er mal schwimmen, Boot fahren oder einen Besuch machen ging. Er musste seinen Garten und das Leben darin beobachten – so erklärte er es seiner Frau Marjatta, die sich schon wie eine Witwe vorkam und deswegen zeitweilig unter heftigen Gewissensbissen litt. Greisenhaftigkeit hängt nicht immer vom Alter ab, pflegte Marjatta Milana ihrem Mann zu antworten.

Jeder neue Tag brach ein Stück aus Paavo Emil Milanas Persönlichkeit heraus, und Stück um Stück war er immer weniger der Paavo Emil Milana, den Marjatta vor vielen Jahren geheiratet hatte.

Paavo Emil Milana betrachtete seine Tochter durch die nassen Brillengläser. »Darf ich hier nicht mehr selbst entscheiden, wo ich sitze?«, sagte er zornig. »Sind wir hier zum Kommunismus übergegangen, oder was? Ja, ja, den wollten sie ja hier einführen. Den Kommunismus und dass ein freier Mann nicht da sitzen darf, wo er will. Willst du das auch? Zeig mal dein Parteibuch, Mädel, du hast es doch da irgendwo hinter deinem Rücken.«

Ella betrachtete die drahtige Gestalt ihres Vaters. Die grauen, zu langen Haare quollen unter der Hutkrempe hervor; in einer Woche würde die Mutter sicherlich mit der Haushaltsschere in der Hand in den Garten trippeln. Unter dem karierten Hemd hob und senkte sich der mit krausem Haar bewachsene Brustkorb.

»Jeder kann sitzen, wo er will«, sagte Ella. »Es geht nicht um das Sitzen. Aber es gießt hier in Strömen.«

Paavo Emil Milana blickte erstaunt zum Himmel auf.

»Und Mutter hat gesagt, du sollst ins Haus kommen«, fügte Ella hinzu.

Paavo Emil Milana schüttelte das Wasser von seinem Hut. »Wenn deine Mutter gesagt hat, dass du ins Haus kommen sollst, dann geh mal schnell hinein. Den Eltern muss man gehorchen, auch wenn die Roten etwas anderes behaupten. Wer ist eigentlich deine Mutter?«

»Nein, du sollst reinkommen.«

»Ach so. Bist du übrigens die Lehrerin, die hierher zurückgekommen ist? Meine Tochter?«

Ella bestätigte es, schon zum dritten Mal an diesem Tag.

Der Vater blickte über seine Brillengläser hinweg, in seinen Augen zeichnete sich Verwirrung ab. Dann lächelte er schlau. »Ich komm gleich. Geh du schon mal vor. Ich muss hier noch ein bisschen horchen.«

»Ich bin schon zwei Mal vorgegangen«, sagte Ella. »Und du sitzt immer noch hier. Du willst mich doch wohl nicht auf den Arm nehmen?«

»Ich hab hier noch zu tun«, erklärte der Vater mit undefinierbarem Gesichtsausdruck. »Ich komm, wenn ich Zeit hab. Geh du schon vor, meine Kleine.«

»Du wirst nass.«

Der Vater wirkte verärgert. »Ich werde nass? Stellen wir uns doch einmal den Regen vor. Vom Himmel fallen solche kleinen Wasserkügelchen auf uns herab, schau mal – die tun uns nichts. Gehört Wasser nur in die Seen, Weiher, Flüsse, Wasserleitungen und Badewannen? Was machen wir uns für ungeheure Mühe, wenn wir wasserdichte Dächer und Kleider und Regenschirme und alles Mögliche produzieren, nur um unseren Kontakt mit dem Wasser einzuschränken. Wir wollen uns so gerne vom Wasser distanzieren.«

Der Vater breitete die Arme aus, als wollte er den Regen umarmen.

»Aber wir bestehen doch aus Wasser. Du, und auch ich. Ständig strömt Wasser durch uns hindurch. Dasselbe Wasser, überall. Ist das Wasser Gott? Zumindest ist es Leben. Das Leben kommt aus dem Wasser. Denk daran.«

Ella stand noch einen Augenblick mit ihrem Vater im Regen, nachdem er in seine private Stille zurückgesunken war. Ein Weilchen schauten sie in dieselbe Richtung.

Hinter dem Gartenzaun begann eine Wiese. Dort stand ein Gartenhaus, ein pittoreskes, aber heruntergekommenes Gebäude, neben dem Brennnesseln und Disteln wucherten. Aus dem Gartenhaus schaute eine dunkle Gestalt heraus.

Vor Jahren hatte in diesem Haus ein Fest für die ganze Nachbarschaft stattgefunden. Es war von einer zugezogenen Familie veranstaltet worden, die einen guten Eindruck hatte machen wollen. Nach Hasenhausener Brauch hatte man der Familie mythologische Figuren geschenkt – Wichtel, Waldnymphen, Kobolde und einen Waldgeist von der Größe eines Mannes, in dem der Bildhauer seine düstersten Empfindungen ausgedrückt hatte. Die begeisterten Gastgeber hatten die Figuren im Haus und im Garten aufgestellt; die finstere Miene des Waldgeistes hatte allerdings die Kinder der Familie so verängstigt, dass die Eltern die Figur in aller Stille in das Gartenhaus gestellt hatten. Seither hatte diese Figur das Gartenhaus zu einem beliebten Ort für Mutproben von Kindern gemacht.

Jetzt hatte der Waldgeist anscheinend Gesellschaft. In dem Gartenhaus bibberten drei Hunde, die Schutz vor dem Regen suchten. Bald wurden sie jedoch unruhig und trollten sich.

Der Vater rieb sich die Nase. Ellas Blick schweifte im Regen umher und blieb an der bartstoppeligen Wange des Vaters und an der unter den Bartstoppeln sichtbaren Narbe hängen.

Der Garten war der einzige Ort, wo der Vater jetzt ruhig, ja, nahezu glücklich war. Bald würde der Winter ihn zwingen, viele Monate lang im Haus zu sitzen.

Ella holte einen Regenschirm, gab ihn dem Vater in die Hand und ging selbst ins Haus.

Zu Ellas altem Zimmer gelangte man über eine geschwungene Treppe. Die fünfte und die vierzehnte Stufe stöhnten auf, wenn man darauftrat. Ella war kein einziges Mal daraufgetreten, seit sie fünf Jahre alt geworden war.

Die meisten alten Sachen waren aus dem Zimmer entfernt worden. Die Mutter hatte es sich als Nähzimmer eingerichtet. Ella Milana konnte sich nicht entsinnen, dass ihre Mutter jemals etwas anderes genäht hätte als die geblümten Vorhänge, die regennass vor dem offenen Fenster des Zimmers hingen.

Bald würde Ellas Vertretungsjob enden und sie selbst an die nächste Schule im nächsten Ort gehen. Bis dahin würde sie an ihrem alten Schreibtisch sitzen und Aufsätze korrigieren. Ihre Beine passten nicht mehr ordentlich unter den Tisch.

Auf der einen Tischecke lag eine Tüte mit Bonbons. Nach jedem durchgesehenen Aufsatz belohnte Ella sich mit einem Bonbon. Nach jeweils fünf Aufsätzen ging sie ins Erdgeschoss, um sich zu erfrischen. Wenn sie die restlichen fünfundzwanzig Aufsätze korrigiert haben würde, wäre ihre Arbeit vollbracht.

Dann würde sie sich die Bücher genauer ansehen.

Während Ella die Aufsätze verbesserte, warf sie ab und zu einen Blick auf den Dostojewski, der auf dem Bett lag und auf sie wartete. Raskolnikows Tod hatte sie rekapituliert, sobald sie nach Hause gekommen war. Das Übrige hatte sie sich für später aufbewahrt.

Ella bemühte sich, Dostojewski und Konsorten zu vergessen und sich in die Aufsätze zu vertiefen.

Die Aufsätze mit ihren Erkenntnissen, Meinungen, Einstellungen, Irrtümern, Bekenntnissen und Begründungen brausten Ella durch das Bewusstsein. Witze, Plattheiten und Sprachbilder prallten mit Ellas Stilgefühl zusammen, und die Schleusen des Sprachgefühls knirschten, wenn zweifelhafte Satzkonstruktionen und falsch zusammengesetzte Wörter hindurchwollten.

Jeder unvollkommene Aufsatz hinterließ auf Ellas Psyche eine Delle. Manchmal klammerten sich fehlerhafte Sätze tagelang an sie und verursachten ihr in Gedanken Ohnmachten und Verstopfung.

Zwei Wochen zuvor hatte sie Berechnungen angestellt und herausgefunden, dass sie in ihrem Leben noch 74148 Aufsätze korrigieren würde. Und dann, wenn ihr Kopf von fremden Sätzen verbeult war, würde man sie in Rente schicken.

Als vom Pensum dieses Abends noch sieben Aufsätze übrig waren, hielt Ella inne, um einen Aufsatz über das umfangreiche Werk von Agatha Christie zu bewundern. Er wirkte besser als der Durchschnitt, sogar ausgezeichnet. Er war frisch, klar und gegliedert. Zwar war er kein Dostojewski und kein Kundera, aber für einen Gymnasiasten trug der Verfasser ausgesprochen reife Gedanken vor.

Ella bewertete den Text mit der besten Note und zeichnete neben die Zahl einen kleinen Papagei. Dann überlegte sie, ob der Aufsatz auf den für Laura Hermelin bestimmten Stapel gehörte.

Der Rektor hatte unmissverständlich klargemacht, dass alle Texte mit der Bestnote zu kopieren und auf den Stapel für Laura Hermelin zu packen seien. Andererseits hatte er dazu aufgerufen, mit der Vergabe der Bestnote zurückhaltend zu sein:

Beim Schreiben haben wir lange und ehrenvolle Traditionen, so dass niemandes literarisches Geschreibsel mit schwachen Begründungen für perfekt erklärt werden darf. Du, Ella, solltest als junge Lehrerin bedenken, dass ein Text durchaus gut sein kann, ohne sehr gut zu sein, und dass ein sehr guter Text noch nicht unbedingt ausgezeichnet ist. Die Schriftstellerin Hermelin ist sehr freundlich, wenn sie auf der Suche nach dem noch fehlenden neuen Mitglied unsere Schule berücksichtigt, und wir sollten sie auf keinen Fall mit Mittelmäßigkeit strapazieren.

Der berühmte Laura-Hermelin-Stapel war eine braune Aktentasche aus Leder, die hinter dem Tisch des Rektors aufbewahrt wurde. Ella hatte gehört, dass Laura Hermelin manchmal in der Schule erschien, im Büro des Rektors Kaffee trank und die Texte aus der Mappe mitnahm, um sie zu lesen. Die Schriftstellerin Hermelin wollte die neuen guten Schreiber beobachten für den Fall, dass sie einen davon in die Literaturgesellschaft Hasenhausen berufen könnte.

Allerdings war drei Jahrzehnte lang kein neues Mitglied in die Gesellschaft aufgenommen worden.

Ella las den Christie-Aufsatz noch einmal, sah darin einen Anflug von Mittelmäßigkeit und setzte ein Minus hinter die Note.

Später an diesem Abend schaute Ella aus dem Fenster ihres Zimmers und sah, wie ihre Mutter den sich widersetzenden Vater aus dem Garten holte. Der Wind wurde stärker, die Äste der Bäume und das Gras neigten sich der nass glänzenden Erde zu.

»Die Bibliothekspolizei, guten Abend«, ertönte eine Stimme hinter Ella.

Ella fuhr herum.

Die Bibliothekarin Ingrid Katz zeigte auf die Bücher, die auf dem Bett lagen, und lächelte.

»Ich wollte nur sagen, dass du bei diesen Büchern die offizielle Ausleihprozedur vergessen hast. Und leider sind das alles aus dem Verkehr gezogene Exemplare. Die kann man also gar nicht mehr ausleihen. Höchst seltsam, dass sie für die Leser überhaupt zugänglich waren. Ich hatte geglaubt, sie beiseitegelegt zu haben. Aber der Mensch kann sich ja irren, nicht wahr?«

Ingrid Katz stand auf Strümpfen im Zimmer und neigte fragend den Kopf. Ella schluckte ihre Erklärung hinunter, sie fühlte sich kampfeslustig.

Und sie schaffte es tatsächlich, beleidigt zu klingen, als sie fragte, wie sich in der Bibliothek von Hasenhausen eine solche Menge von fehlerhaften belletristischen Werken hatte ansammeln können.

Ella hatte etwa eine halbe Stunde in den gestohlenen Büchern geblättert. In dem Stapel gab es mehrere, die sie nicht kannte, und sie konnte nicht sagen, ob sie Fehler enthielten. Doch zwei der Bücher kannte sie gut. Darin hatte sie eklatante, merkwürdige, skandalöse Abweichungen gefunden, hinter denen eine Verschwörung der gesamten Buchdruckerbranche stecken musste.

In Albert Camus’ Der Fremde wurde die Hauptperson Meursault keineswegs zum Tode verurteilt, wie es in der offiziellen Fassung geschah, sondern Josef K. drang in das Gefängnis ein, verhalf Meursault zur Flucht und blieb selbst an dessen Stelle, um verurteilt zu werden.

Und während in C. S. Lewis’ ursprünglichem Kinderbuch Der König von Narnia der göttliche Löwe Aslan anstelle des Menschenkindes sich selbst opferte, kürzte er jetzt alle Umwege ab und zermalmte den Kopf der Weißen Hexe zwischen den Zähnen.

Ella fauchte Ingrid Katz an: »Das ist doch lächerlich. Wie kann man denn so etwas tun, und in der Zeitung wird nichts darüber geschrieben!«

Ingrid Katz zuckte mit den Schultern.

»So was kommt manchmal vor, was kann ich da anderes sagen. Das gibt keine besonderen Schlagzeilen her, das große Publikum interessiert sich nicht für Literatur. Das sind ja fast alles alte Bücher. Irgendein Drucker hat sich seinerzeit einfach auf Kosten der Leser einen Jux gemacht.«

Ingrid Katz schwieg einen Moment und beugte sich dann vor, um die Bücher von Ellas Bett an sich zu nehmen.

»Also, die nehm ich jetzt mit«, fuhr sie dann fort. »Ich verstehe ja, dass du daran interessiert bist, und bestimmt würden das interessante Sammlerstücke werden, wenn sie auf den freien Markt kämen, aber du siehst sicherlich ein, dass man die niemandem geben kann.«

»Warum nicht?«, fragte Ella.

»Weil die Vorschriften das verbieten. Eindeutig fehlerhafte Exemplare werden vernichtet.«

»Unter den Druckern sind mehrere Scherzbolde«, sagte Ella. »Diese Bücher sind alle an verschiedenen Orten gedruckt worden. Das hab ich geprüft. Falls nicht ein und dieselbe boshafte Person von einer Druckerei zur nächsten gezogen ist.«

Ingrid Katz überlegte einen Augenblick.

»Ja. Vielleicht handelt es sich um eine Verschwörung spaßender Buchdrucker, oder um einen Wandersaboteur. Auf jeden Fall ist es meine Aufgabe als Bibliothekarin, gefälschte Exemplare aus dem Verkehr zu ziehen. Und ich hoffe, dass du die Sache für dich behältst. Ich möchte wirklich nicht, dass die Sammler über die Bibliotheken herfallen, um fehlerhafte Bücher zu stehlen. Das leuchtet dir doch bestimmt ein.«

Ella sagte nichts.

»Ich meine nur«, fuhr Ingrid Katz geduldig fort, »wenn du den Mund hältst, werde ich dein eigenmächtiges Vorgehen bei der Buchausleihe nicht ausposaunen. Ich bin vielleicht nicht wirklich eine Bibliothekspolizistin, aber auch ein Buchdiebstahl ist ein Diebstahl, der die Behörden ebenso interessieren dürfte wie der Diebstahl von Außenbordmotoren.«

Ein Weilchen war es still im Zimmer. Die Drohung, die die Bibliothekarin ausgesprochen hatte, war ihnen beiden peinlich.

»Interessieren dürfte – eine schöne Potentialform«, bemerkte Ella leichthin.

»Nicht wahr«, sagte Ingrid Katz.

Etwas verdutzt lächelten sie sich zu. Dann ging die Bibliothekarin vor Ella her ins Erdgeschoss hinunter, zog sich die Schuhe an, trat auf die Außentreppe hinaus und öffnete den Regenschirm, den sie draußen abgestellt hatte.

Ella bemerkte, dass ihre Mutter gebückt im Garten herumging. Die Mutter sah zu ihr herüber und winkte.

»Er hat hier seine Brille verloren. Angeblich haben die Hofwichtel sie ihm weggenommen. Und ich muss jetzt hier im Wolkenbruch hocken und die unglückselige Brille suchen.«

»Ich würde dir ja helfen«, sagte Ingrid Katz, »aber ich muss die Bibliothek schließen. Um neunzehn Uhr machen wir zu, und jetzt ist die neue Praktikantin dort ganz allein.«

Damit ging die Bibliothekarin Ingrid Katz zu ihrem Fahrrad, klemmte die Büchertasche auf dem Gepäckträger fest und fuhr los, wobei sie mit einer Hand den Regenschirm hielt, den die Windstöße ihr entreißen wollten.

Im Lehrerzimmer fragte Ella nach Ingrid Katz: Die Bibliothekarin Ingrid Katz und die Schriftstellerin Ingrid Katz waren ein und dieselbe Person.

Darüber musste sie lächeln.

Ella begnügte sich mit Ingrid Katz’ Erklärung der fehlerhaften Bücher. Später bemerkte sie, dass sich unter der einen Wahrheit immer eine andere fand, und so weiter.

3

Ella beobachtete ihre Mutter, die sich alte Dias ansah.

Der Projektor erfüllte das Wohnzimmer mit seinem Brummen; es duftete nach alten Zeiten. Auf der weißen Wand leuchteten farbige Bilder, und die Familie darauf fühlte sich wohl miteinander.

Klack: Die Mutter ist jung und zierlich und lächelt schüchtern. Klack: Der Vater posiert als Läufer mit einem künstlichen französischen Schnurrbart unter der Nase, und ein kleines Mädchen klammert sich an seinem Bein fest. Klack: Der Vater hält die Mutter im Arm, und die Mutter wirkt klein und glücklich. Klack: Die Mutter steht nackt und jung im Garten, und der Vater bespritzt sie mit Wasser. Klack: Das kleine Mädchen sitzt mit einem Buch in der Hand auf der Gartenschaukel, klack, in der Hängematte, klack, im Boot. Der Hintergrund wechselt, aber das Buch bleibt. Die Rasenflächen waren sauber, darin tummelten sich keine Insekten, der Himmel war tiefblau, und obwohl eine Auswahl roter Sonnenuntergänge dabei war, kam niemals die Nacht.

Ella saß in der Ecke, das Kinn auf den Knien, und versuchte, sich die lebendigen, ursprünglichen Erinnerungsbilder der Dias ins Gedächtnis zu rufen, während sie den Geruch des Projektors einatmete:

Sie erinnerte sich daran, wie das Gras duftete, wenn sie auf dem Rasen lag und in einem Märchenbuch las. Sie rief sich in Erinnerung, wie der Schweiß ihres Vaters roch, wenn er sich nach einem langen Lauf neben sie auf das Sofa setzte. Sie fand auch den sonntäglichen Duft von Kaffee und frischem Weizengebäck und den der blauen Salbe, die die Mutter ihr auf die Brust rieb, wenn sie krank war.

Ella Milana erinnerte sich so intensiv, wie sie nur konnte. Sie bemühte sich, um die Düfte herum dreidimensionale Bilder aufzubauen und sie in Bewegung zu bringen. Sie hämmerte auf ihr Gedächtnis ein wie auf einen launischen Kaffeeautomaten, aber aus der Vergangenheit kehrten nur kleine Splitter zurück. Wenn sie all ihre Erinnerungsbilder aus der Zeit zwischen Geburt und Konfirmation aneinandergefügt hätte, dann hätte das einen Kurzfilm von höchstens zehn Minuten Dauer ergeben, grobkörnig und wirr und unscharf.

Ella erinnerte sich nicht an Erfahrungen, von denen sie wusste, dass sie sie besaß. Sie erinnerte sich an alte Bildeindrücke oder an etwas, das jemand ihr erzählt hatte.

Ellas schwindende Erinnerungsbilder waren Kopien ursprünglicher Erinnerungen, die sie regelmäßig zu neuen, noch unschärferen Kopien bearbeitete, während die vorherigen bis zur Unsichtbarkeit verblassten. Vielleicht war auch Ella selbst eine unscharfe, teilweise verzerrte Kopie der Ella Amanda Milana, die sie noch gestern gewesen war.

Ella hatte stets darauf vertraut, dass sie immer eine Vergangenheit haben würde, auf die sie zurückkommen konnte, um sie zu erforschen. Im Moment wurde die Mutter allerdings ganz nervös, sobald sie sie auch nur vorsichtig nach den guten alten Zeiten fragte – sie wollte ihre Zeit nicht mit dem Wiederkäuen von Vergangenem verschwenden. Die Mutter interessierte sich nur für die Fernsehprogramme und für Verlosungen, bei denen man etwas gewinnen konnte. Den Vater etwas zu fragen, lohnte die Mühe nicht, die Krankheit hatte Paavo Emil Milanas Gedächtnis zernagt.

Es war fürchterlich, dass der Zerfall sich so verheerend auf das Gedächtnis eines Menschen auswirken konnte. Und dass der Zerfall auch die Gegenwart verschlucken konnte, war einfach unerträglich.

Paavo Emil Milanas Brille tauchte schließlich wieder auf. Das Gestell war in vier Teile zerbrochen, die sich an verschiedenen Stellen des Gartens fanden. Das linke Glas lag auf dem Kartoffelfeld, das rechte in einem Rosenbusch. Das linke wies tiefe Kratzer auf.

»Mein lieber Paavo, weißt du, wie teuer Brillengläser sind? Du machst deine einzige Brille kaputt und verstreust sie in der Gegend wie ein kleines Kind.«

Paavo Emil Milana sah seine Frau blinzelnd an.

»Ich hab nichts kaputtgemacht. Die Wichtel haben mich überrascht, verdammt. Die mochten es nicht, dass ich ihnen zuschaute.«

Marjatta Milana sah ihre Tochter an.

»Greisenhaftigkeit hängt nicht immer vom Alter ab«, sagte sie und strich ihrem Mann übers Haar.

»Ich müsste ihm auch die Haare schneiden. Sie sind so ungepflegt wie bei einem Waldtroll. Wer würde ihn für einen Menschen halten, wenn ich mich nicht ständig um ihn kümmerte?«

Als Ella Milana, die Vertretungslehrerin für Muttersprache, die letzte Unterrichtsstunde des Tages schloss, kam ein Junge mit der Schulmappe in der Hand zu ihr.

»Könnte ich mein Comicheft wiederhaben?«, fragte er, sah die Miene seiner Lehrerin und hielt es für das Beste zu schwören, dass er nie wieder Comichefte in die Schule mitbringen würde.

Ella kramte in ihrer Tasche und reichte dem Jungen das Comicheft. Er dankte und wandte sich zum Gehen, blieb aber stehen.

»Na, was denn jetzt noch?«, fragte Ella ungeduldig. »Es kann ein bisschen zerknüllt sein, weil es zwei Wochen in meiner Tasche gelegen hat, aber wer hat dir auch gesagt, dass du es in meiner Stunde lesen sollst.«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Na ja, aber das mein ich nich. Dies is nich das richtige Heft.«

Ella hob die Augenbrauen.

»Natürlich ist es das richtige Heft. Ich bin Lehrerin für Muttersprache und Literatur, und ich trage in meiner Tasche Bücher und keine Comichefte. In diese Tasche hab ich in meinem ganzen Leben nur ein einziges Comicheft gesteckt – nämlich das, was ich dir weggenommen habe.«

Mit gerunzelter Stirn blätterte der Junge in dem Heft, warf es dann auf den Tisch und strich sich rasch über die Haare. »Ein tolles Heft, aber es is nich meins.«

Ella seufzte.

»Na, dann hast du mich erwischt. Dieses Heft gehört natürlich zu meiner heimlichen Sammlung von Comicheften, die ich ständig mit mir herumtrage. Entschuldige bitte. Ich geb dir dein Heft zurück, sobald ich es in dieser Comichefttasche finde.«

Ella starrte den Jungen an, bis der endlich darauf kam, die Klasse zu verlassen.

Als der Junge gegangen war, steckte Ella das Heft zurück in die Tasche. Als sie bei ihrem Handy wieder den Ton einschaltete, sah sie, dass sie zwei Nachrichten auf der Mailbox hatte.

Die erste war von Ingrid Katz. Sie sagte, Laura Hermelin habe Ellas Novelle in der Literaturbeilage der Hasenspur gelesen, und sie habe ihr gefallen. Mit eigentümlicher Stimme fügte sie hinzu, sie sollten sich demnächst treffen, um eine wichtige Sache zu besprechen.

Die zweite war von der Mutter, die ihre Nachricht auf die Mailbox eher geheult als gesprochen hatte.

Der Vater war mit dem Rettungswagen eilig ins Krankenhaus gebracht worden, nachdem er im Garten eine Art Unfall gehabt hatte. »Ruf mich gleich an, wenn du diese Nachricht erhalten hast«, bat die Mutter sie unter Schluchzen. Dann erinnerte sie sich an die guten Umgangsformen beim Telefonieren und fügte hinzu: »Danke, und auf Wiederhören.«

4

Paavo Emil Milana lag auf Zimmer vier der Bettenabteilung des Gesundheitszentrums.

Er war voller Löcher, Schrammen, Quetschungen und blauer Flecke. Ella Milana und Marjatta Milana saßen neben seinem Bett. In den drei anderen Betten lagen alte Menschen, die die Decke anstarrten. Ihre Münder waren schwarze Löcher.

Der Patient würde am Leben bleiben, hatte der Arzt versichert. Er hatte nicht so viel Blut verloren, wie es anfangs den Anschein gehabt hatte, und auch die Quetschungen sahen schlimmer aus, als sie waren. Allerdings war der Mann verwirrt, als er hier eingeliefert wurde, das ließ sich nicht leugnen. Alzheimer konnte man auf der Gesundheitsstation auch weiterhin nicht heilen, hehe, und was die Gehirnerschütterung betraf, so würde der Patient sie früher oder später überwinden. Vielleicht würde er ja bald erzählen können, was geschehen war, oder auch nicht. So sei das halt, manchmal müsse man einfach akzeptieren, dass man sich keiner Sache sicher sein kann – etwas könne sich so oder auch anders verhalten. Das Beruhigungsmittel würde den übel zugerichteten Mann jedoch ein paar Stunden schlafen lassen.

Der Arzt sagte, er wolle über die Art der Verletzungen nicht spekulieren, aber genau das tat er dann doch.

Die Verletzungen wirkten teils wie Schnitte, teils wie die Bisswunden kleiner Tiere. Die konnte der Patient selbst verursacht haben, vielleicht hatte er sich an Ästen oder Steinen verletzt. Vielleicht war er bei einer plötzlichen Panikattacke im Garten gestolpert und hatte sich an Ästen oder dornigen Büschen weh getan. Der Patient habe doch keine suizidalen Neigungen? Der Garten sei doch ein schöner Ort, aber voller hervorstehender Äste. Auch könne es möglich sein, dass ein kleines Tier, vielleicht eine Ratte, ihn angegriffen habe. Jedenfalls habe der Patient eine Spritze gegen Wundstarrkrampf bekommen.

»Ich weiß nicht, was passiert ist«, sagte Marjatta Milana zu ihrer Tochter. »Ich war beim Abwaschen. Davor hatte ich gerade den Kupon für die Autoverlosung von Reader’s Digest zum Abschicken fertiggemacht, und dein Vater hatte den ganzen Vormittag im Garten gesessen. Ich hatte plötzlich die Eingebung, ihm endlich die Haare zu schneiden, damit er wieder wie ein Mensch aussah. Ich nahm die Schere, aber er saß gar nicht auf seinem Stuhl.

Ich machte mir schon Sorgen, er könnte sich im Wald verirrt haben, obwohl er sonst immer im Garten geblieben war. Ich hatte manchmal überlegt, dass er, falls er mal auf die Idee kommen sollte, in unser Wäldchen zu gehen, sich von dort in die großen Wälder der Gemeinde verirren könnte, und die erstrecken sich ja bis sonst wohin. Ich wollte schon zum Telefon laufen und die Notrufnummer wählen, aber da hörte ich Geräusche aus den Himbeersträuchern.

Da war er, über und über voll Blut. Großer Gott, es zerriss mir das Herz, ich hatte schon Angst, ich könnte auch selbst irgendeinen Anfall kriegen und wir könnten dort beide hilflos im Garten liegen bleiben.

Aber er lebte noch. Er lag im Gebüsch auf dem Rücken und gab ganz schwache Töne von sich. Ich sagte, keine Angst, Paavo, gleich kommt Hilfe, und dann lief ich ins Haus und wählte die Notrufnummer, und dann hab ich wohl dich angerufen, daran hab ich keine Erinnerung, und meine Schwester rief ich auch an, wie peinlich mir das doch ist, denn ich hab ihr bestimmt dies und das vorgestottert ...«

Ella glaubte, ihre Mutter würde gleich anfangen zu schluchzen, aber die warf nur einen müden Blick auf ihren Mann.

»Irgendwie ist mir das alles zu viel. Und auch dort in der Küche herrscht ein heilloses Durcheinander. Der Abwasch ist liegengeblieben, und verflixt, bestimmt ist auch mein neuer Beerenbreitopf verdorben, weil der Brei angebrannt ist.

Also, könntest du vielleicht nach Hause gehen und ein bisschen putzen? Es hat wenig Sinn, dass wir beide hier bleiben, du hast ja auch sicherlich noch zu arbeiten.«

Über eine Stunde hatte Ella den Kochtopf geschrubbt, als die Mutter anrief. Der Vater war aufgewacht und hatte die Mutter erkannt, jedoch nichts Vernünftiges gesagt. »Was soll ich nur mit ihm machen?«, seufzte die Mutter.

Ella überlegte, ob die Mutter sich von ihr eine Art Segen für die Einweisung des Vaters in ein Pflegeheim erhoffte.

»Versuch durchzuhalten«, antwortete sie.

Ella hatte einige Nächte lang über ihren Vater nachgedacht und eine Theorie entwickelt, nach der das Problem im Grunde kein moralisches, sondern ein mathematisches war:

Den eigenen Ehepartner oder Vater in ein Heim zu schicken, war in der Regel nicht empfehlenswert, obwohl es unvermeidlich sein konnte. Die Person namens Paavo Emil Milana war immer weniger der Paavo Emil Milana, den die Mutter und Ella kannten, und immer mehr ein neuer Mensch, den zumindest Ella nicht genauer kennenlernen wollte. Wenn der Anteil des Vaters daran unter einen bestimmten Prozentsatz sinken sollte, dann wäre es für Paavo Emil Milana nach dieser Theorie Zeit, sich von der übrigen Familie zu trennen und wegzuziehen.

Der Nachmittag war schon weit fortgeschritten. Durch das Westfenster flutete Licht herein und verbreitete die rotbraune Farbe der Vorhänge im Zimmer. Ella weichte den Kochtopf ein und breitete auf dem Küchentisch die Lokalzeitung aus.

Neben der Zeitung saß ein Gnom aus Ton, den Ella immer mal wieder anschaute. Mutter hatte ihn vor zwei Jahren im Kunstklub modelliert.

Die Figur hatte nichts Auffälliges, aber wenn man sie aus der Nähe betrachtete und im Licht drehte und wendete, traten ihre feinen Züge hervor. Anfangs war es Ella schwergefallen zu glauben, dass es die ihr bekannte Marjatta Milana war, deren Hände diese Gestalt geformt hatten, denn Menschen ihres Typs machten normalerweise Kartoffelbrei, Socken und Preiselbeerkompott, aber keine Kunst.

Die Hasenhausener Keramiker produzierten hauptsächlich Nöcken, Kobolde, Wichtel und Gnomen. Laura Hermelin hatte sie mit ihren Kinderbüchern in der ganzen Welt populär gemacht, aber besonders in Hasenhausen stieß man überall auf sie. Man gewann sie bei Verlosungen, bekam sie als Mitbringsel und verschenkte sie. Es gab im Ort nur ein einziges Blumengeschäft, aber sieben Läden, in denen hauptsächlich mythologische Figuren verkauft wurden.

Ella fand diese Figuren geschmacklos und deprimierend. Sie hatte die Mutter gefragt, wie sie bloß darauf gekommen sei, in den Kunstklub zu gehen und dort als Erstes und Letztes ausgerechnet einen Gnom zu modellieren. Die Mutter hatte etwas in dem Sinne geäußert, der Gedanke sei ihr plötzlich im Gemüsegarten gekommen, während sie im Möhrenbeet buddelte:

Marjatta Milana hatte die Hände bis zu den Handgelenken in die Erde gesteckt und war dabei allmählich in eine Art Erstarrung gefallen. Sie hatte vollkommen vergessen, was sie da machte, und festgestellt, dass sie an einen Gnom dachte. Ihr war ganz schwach und schwindlig geworden, und es war ihr schwergefallen, ins Haus zu gehen und sich hinzulegen.

»Ich hatte solche Angst, dass es mir genauso ergeht wie Vater«, hatte die Mutter erklärt. »Dass ich einen Knacks im Kopf kriege. Eine Gehirnstörung war das. Der Gnom spukte dann weiter in meinem Kopf herum, und ich musste ihn da irgendwie rauskriegen. Da kam ich auf die Idee, das mit Kunst zu versuchen, weil ich da in dem Klub zwei Bekannte hatte.«

Auf Seite drei der Hasenspur wurde für eine »mythologische Kartierung« geworben. Das war die neueste Masche. BESTELLE JETZT EINE MYTHOLOGISCHE KARTIERUNG – FÜR DICH SELBST ODER ALS GESCHENK! Die Dienstleistung umfasste einen schriftlichen Bericht über sämtliche mythologischen Wesen, die auf dem eigenen Grundstück angesiedelt waren. Laut Anzeige kostete sie achtzig Euro, und man konnte sie bei der Traditionsgesellschaft für Mythologie von Hasenhausen bestellen.

Jeder vierten Nummer der Hasenspur lag ein herausnehmbarer Literaturteil mit dem kernigen Titel »Zehn« bei. Ella las eine Nummer mit dieser Beilage. Sie hatte den Redakteur nicht angerufen, um die Veröffentlichung ihrer Geschichte zu verbieten. Ellas Novelle war auf Seite fünf abgedruckt.

In der Beilage wurden Texte von lokalen Hobbyschriftstellern veröffentlicht. Außer auf Laura Hermelin und die eigenen Schriftsteller war Hasenhausen auch auf eine große Anzahl von Hobbyautoren stolz. Es war bekannt, dass es in Hasenhausen ganze sechs Autorengesellschaften gab, und in dieser Zahl war noch nicht die prominenteste, die Literarische Gesellschaft Hasenhausen, enthalten, in der man nur auf Einladung von Laura Hermelin Mitglied werden konnte. Die Chance, in die Gesellschaft berufen zu werden, war ziemlich theoretisch, denn alle gegenwärtigen Mitglieder – neun etablierte Schriftsteller – waren der Gesellschaft innerhalb von drei Jahren nach ihrer Gründung im Jahr 1968 beigetreten.

Es hieß, Laura Hermelin sei gefragt worden, wie viele Schriftsteller sie denn in einem Ort wie Hasenhausen zu entdecken glaube. Damals hatte die Gesellschaft seit vier Jahren bestanden, und noch keines der Mitglieder hatte etwas publiziert.

Laura Hermelin hatte dem Frager die Finger ihrer beiden Hände gezeigt. Die Antwort konnte also »zehn« lauten, wie die Leute es gemeinhin annehmen wollten – die Schriftstellerin Hermelin hatte vor, insgesamt zehn neue Hasenhausener Schriftsteller zu entdecken und auszubilden. Das Heben der Hände konnte natürlich auch eine Abwehr der Frage bedeuten. Der Name der Literaturbeilage ging jedoch auf die berühmte Anekdote zurück.

Die Novelle war Ella Milanas erstes veröffentlichtes belletristisches Produkt. Es hatte einen komplizierten und schönen Titel: Ein Skelett saß in der Höhle und rauchte schweigend eine Zigarette. Das Thema der Novelle hatte Ella in nächster Nähe gefunden. Die Novelle erzählte von einer jungen Frau, die untaugliche Fortpflanzungsorgane hatte.

Ella hatte Anna-Maija Seläntö kennengelernt, eine Schriftstellerin aus der Literarischen Gesellschaft Hasenhausen, die jetzt in Schweden wohnte. Seläntö hatte eine Vorlesung an der Universität gehalten, und anschließend hatte Ella gefragt, was sie dabei empfinde, wenn sie ihre eigenen Texte veröffentlicht sah. Die Frau hatte ihr liebenswürdig zugelächelt und geflüstert:

»Weißt du, dann verstehe ich, warum der Hund das eigene Erbrochene frisst.«

Ella starrte ihre Novelle an, und ihr fielen die Aufsätze ein, die in ihrer Tasche warteten. Sie hatte sich einen genauen Zeitplan gemacht. Danach hätte sie heute ein Drittel der Aufsätze, insgesamt fünfzehn, korrigieren müssen, damit sich kein großer Stapel bildete, wenn in zwei Tagen neue Texte hinzukamen.

Sie beschloss, die Aufsätze in der Tasche zu lassen.

Es bestand ja wohl auch für ...

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