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Laura … Sei mutig und stark!

Für Laura

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;

ich habe dich bei deinem Namen gerufen;

du bist mein!

Bibel, Jesaja, Kap.43, Vers 1

VORWORT

Das schwere Schädelhirntrauma (SHT) ist eine stille Epidemie mit einer geschätzten Inzidenz (Neuerkrankungen) von 10 Fällen pro 100.000 Bewohner (über 700 Patienten pro Jahr) in der Schweiz.

Bei Kindern und jungen Erwachsenen ist SHT die häufigste Todesursache. Das SHT beeinflusst langfristig die Lebensqualität des Patienten und der Angehörigen und verursacht erhebliche Kosten.

Mitte Januar 2008 bei fröhlichem Spiel von einer Sekunde auf die andere aus dem Leben gerissen, die linke Schädelhälfte völlig zertrümmert – und dennoch überlebt – das grenzt wahrhaftig an ein Wunder.

Die Geschichte von Laura Michel ist einzigartig. Dennoch erlaube ich mir einen Seitenblick und möchte allen betroffenen Kindern und deren Angehörigen etwas Mut machen, etwas Hoffnung geben.

Laura, ich begleite dich ein Stück auf deinem schwierigen Weg. Ich kenne dein Weinen, deine Traurigkeit, aber auch dein Lachen und deine Fröhlichkeit; du bist ein wahrhaft tapferes Mädchen.

Kurt Nobs

1

Laura, meine liebe kleine Freundin, was ist nur passiert? Du liegst auf der Intensivstation des Zürcher Kinderspitals. Still, unbeweglich, den Kopf kahlgeschoren, deine Pausbacken eingefallen und totenbleich, das lustige Spiel deiner Sommersprossen beinahe erloschen.

Um dich herum das rege Blinken der Überwachungsapparaturen, das Schnurren des Lungenautomaten und das Piepsen deiner Herztöne. Am Bett sitzen Manuela und Patrik, deine Eltern. Patrik, den Kopf gesenkt mit zerfurchter Stirn. Manuela streichelt zögernd über deinen Handrücken, dort, wo ein Infusionsport gelegt ist. Wie eingemeisselt ist der Schock der letzten Stunden in ihr Gesicht graviert. Sie weint leise, ein Zittern durchläuft ihren Körper, doch der Vorrat an Tränen ist längst aufgebraucht. Die Augen, weit aufgerissen und rotgerändert, starren auf die reglos daliegende Tochter.

Laura, Kind, was ist nur geschehen? Noch vor wenigen Stunden warst du voller Lebensenergie; ein Wildfang eben. Eine kleine Abenteuerin, für die es nichts gab, was nicht ausprobiert werden musste. So auch das Holzgerüst vor deinem Haus, auf dem während der Bauzeit die Stromleitungen über die Strasse geführt wurden. Eine von dort herunterhängende Kabelhülle war für dich und deine Kameradinnen und Kameraden eine Herausforderung, ja, eine Verführerin. Tief in die Knie und ein beherzter Hüpfer, und man kriegte diese Kabelhülle zu fassen. Und dann kam man sich vor wie Tarzan, der sich im Dschungel von Liane zu Liane schwingt. Hin und her, die Füsse frei, wie ein Vogel lustig durch die Luft – Glückseligkeit pur.

Iberg, Montag, 14. Januar 2008, Tagebucheintrag von Lauras Mutter

Ich sitze im Bastelraum im Keller von unserem Haus. Es geht auf fünf Uhr nachmittags zu, und ich bin daran, ein Weihnachtsfotobuch am Computer zu gestalten.

„Mami, Valeria und Nina streiten wieder, wer mitspielen darf“, ruft Laura empört durchs Treppenhaus zu mir runter.

„Es ist zum Mäusemelken“, schreie ich zurück. „Immer wenn ihr zu Dritt seid, gibt es Streit. Komm doch rein und hilf mir beim Fotobuch.“

„Nein, ich warte draussen, bis Papi heimkommt.“

Die letzten Worte von Laura, und, wie es sich später herausstellt, für lange Zeit.

Etwa zehn Minuten später klingelt es wie verrückt. Ich gehe ans Waschküchenfenster. „Ja, was ist?“

„Manuela, du musst schnell kommen. Es ist was ganz Schlimmes mit Laura passiert“, ruft Valeria atemlos durchs Fenster.

Ich eile die Treppe hinauf, tausend Gedanken schwirren durch meinen Kopf.

Ich gelange zum Kehrplatz der Quartierstrasse – es ist der bare Horror, was ich erblicke. Laura liegt auf der Strasse unter einem Trümmerhaufen von Holz und Kabeln. Ein dicker Holzbalken liegt genau auf ihrem Kopf. Ich schreie um Hilfe und räume so gut es geht die morschen Holzreste weg. Aber den Balken kann ich nicht anzuheben, er ist viel zu schwer für mich. Alles ist voller Blut, ich höre, wie Laura röchelt. Verzweifelt versuche ich nochmals den Balken anzuheben, doch es gelingt mir nicht. Ich hole tief Atem, nehme all meine Kraft zusammen, und meine Stimme überschlägt sich bei meinem Schreien. „Hilfe, Hilfe, ruft bitte die Ambulanz. Kann jemand kommen, und mir helfen!“

Gleichzeitig spreche ich zu Laura: „Laura, hab keine Angst, Mami ist da.“

Die Nachbarn Marcel und Sarah kommen herbeigeeilt. Mit vereinten Kräften können wir Lauras Kopf vom schweren Balken befreien.

Ich bin wie erstarrt! Lauras linke Gesichtshälfte ist blutüberströmt und ganz und gar zertrümmert. Ich bin ausserstande, etwas zu tun, schlottere am ganzen Körper und rufe mit heiserer Stimme, verzweifelt und immer wieder: „Laura, Mami ist da, atme, bitte, atme!“

Sarah versorgt Laura mit erster Hilfe.

Über das weitere lässt die Erinnerung Manuela Michel im Stich. Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis Ambulanz und Polizei eintreffen. Irgendwann sitzt sie im Polizeiauto, draussen wimmelt es von Polizisten, Feuerwehrleuten, Leuten vom Unfallfotodienst: ein Dutzend Beamte und auch die später ermittelnde Staatsanwältin sind vor Ort. Von einem Polizeifahrzeug eskortiert, geht’s in rasender Fahrt durch den dichten Abendverkehr ins Kantonsspital Winterthur, und von dort, nach der nötigen Erstversorgung mit dem Rettungshubschrauber weiter ins Kinderspital Zürich.

Und nun liegt Laura da, ins künstliche Koma versetzt, meine kleine Prinzessin. Der Raum in bläuliches Licht getaucht, das Spitalbett umgeben von grünen Abdeckvorhängen. Doch da, durch eine Lücke, hat sich ein vorwitziger Strahl Mondlicht verirrt und zeichnet eine weissleuchtende Lichtspur an die kopfseitige Wand. Ein Engel! Ja, ganz bestimmt, ein Engel steht da an Lauras Kopfende und hält Wache. Eine Pflegefachfrau in lindgrüner Tracht huscht herein, kontrolliert die verschiedenen digitalen Anzeigen und hantiert an den Infusionsbeuteln.

Manuela und Patrik sitzen auf ihren Hockern, schauen sich an, ihre Gesichter sind von stummer Verzweiflung gezeichnet.

Nun erscheint der Stationsarzt, jugendlich mit Kurzhaarschnitt und obligatem Stethoskop am Hals. Er räuspert sich und holt die Aufzeichnungen aus der Kitteltasche. „Wir haben die ersten Untersuchungsergebnisse“, beginnt er mit leiser Stimme, beinahe murmelnd. „Ihre Tochter hat sich ein schwerstes Schädelhirntrauma zugezogen. Wir haben sie in ein künstliches Koma versetzt. Zurzeit sind die vitalen Werte einigermassen stabil, aber wir müssen abwarten, wie sich die Hirnschwellung auswirkt. Unser Chefarzt hat grosse Bedenken. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen.“

Manuelas Aufschluchzen geht einem durch Mark und Bein. Und Patrik schlägt die Hände vors Gesicht und atmet schwer.

„Befiehl Gott, dem HERRN deinen Weg und hoffe auf ihn. Er wird’s wohlmachen.“

Wohlmachen? Wird er Laura zu sich nehmen? Weg von diesem Erdenrund zu dem Ort, wo keine Schmerzen und Tränen mehr sein werden? Diese Verheissung der Seligkeit und doch – ein Gedanke, der eisig nach dem Herzen greift. Oder wird er einen Anker an diesen seidenen Faden knüpfen, damit sich Laura daran festklammern und überleben kann?

2

Meine Frau Erika und ich lernen Laura im Spätsommer des Jahres 2007 in der Toskana kennen. Manuela, ihre Mutter, kennen wir schon länger. Die FEG Winterthur (Freie Evangelische Gemeinde) hält dort eine Ferienwoche ab.

Die meisten Teilnehmenden reisen mit dem Bus, einige andere, so auch Erika und ich, legen die gut acht Stunden dauernde Fahrt mit dem eigenen Auto zurück.

Seit fünf Uhr morgens rollen die Räder. Chur, durch den San Bernhardino-Strassentunnel in die Sonnenstube der Schweiz. An der Grenze in Chiasso die übliche Warteschlange. Weiter von Mautstelle zu Mautstelle, vorbei an den unzähligen in diesigem Licht stehenden Wohnblöcken und Fabrikanlagen von Mailand. Dann durch die Poebene, flach wie ein Teller, vor uns die im Dunst auf ihren Zenit zustrebende fahle Sonnenscheibe und die dreispurige Autobahn, dessen Asphaltband den weit entfernten Horizont zu durchstossen scheint.

Bei Parma geht’s rechts weg durch die Apenninen bis Spezia. Eine abwechslungsreiche Strecke mit vielen Galerien und Täler überspannenden Viadukten. Vorbei an pittoresken Bergdörfern unter einem lichtblauen Herbsthimmel und strahlender Sonne – der Königin des Tages.

Nach Livorno tauchen wir auf der Autostrada del Sole in das sagenhafte Hügelland der Toskana ein. Wahre Kunstwerke fliegen an uns vorbei, schlichtweg wunderbar, was der Allmächtige hier auf das Reissbrett seiner Schöpfung gezeichnet hat und werden liess.

Gegen fünfzehn Uhr erreichen wir unseren Zielort: Riva degli Etruschi, diesen grosszügig angelegten Ferienpark direkt am Meer, zwischen San Vincenzo und Piombino gelegen. Über hundert Bungalows und Hotelappartements inmitten üppiger toskanischer Vegetation.

Kaum haben wir das uns zugeteilte Bungalow bezogen – ich eben im Begriff, es mir auf gedeckten Veranda bei einem Espresso gemütlich zu machen – da geht ein wahrhaftiges Begrüssungsfeuerwerk los. Zuerst ein Brausen und Rütteln im Geäst der nahestehenden Pinien, ein gleissender Blitzstrahl und nur Sekunden später ohrenbetäubendes Donnergrollen. Erika, dabei unser Hab und Gut zu versorgen, erscheint aufgeregt an der Verandatür. „Ich glaub, das Autofenster vorne rechts ist noch offen.“

„Verflixt, du könntest recht haben“, erwidere ich und stürze meinen Espresso hinunter. „Ich gehe schnell nachschauen. Und dann fahre ich noch zur Rezeption. Inzwischen sollte der Bus ja angekommen sein. Vielleicht ist der eine oder andere froh, wenn ich beim Transport des Gepäcks behilflich bin.“

Ich spurte die etwa hundert Schritte zum Parkplatz. Schon fallen die ersten schweren Tropfen. Doch Rettung ist nahe, mit einem Sprung lande ich im Wageninneren, stecke den Zündschlüssel und betätige den elektrischen Fensterheber. Der Himmel öffnet seine Schleusen, sintflutartig prasselt der Regen auf das Wagendach, wie wild zurren die Scheibenwischer hin und her, mit grösster Mühe lenke ich das Auto über das schmale Zufahrtssträsschen hinauf zur Rezeption.

Der Bus ist angekommen. Er steht auf dem grossen Parkplatz, an den Fenstern die Gesichter der Reisenden, die ungeduldig gestikulierend auf das Ende dieses Regengusses warten. Ich bin nicht der Einzige. Von rechts und links kurven weitere fünf Autos herbei; ein Hilfskonvoi, sage und schreibe. Da, nochmals die grelle Zackenlinie eines Blitzes am westlichen Himmel, ein Donnergrollen – dann lässt der Regen etwas nach. Aber es nieselt immer noch leicht, und von den Bäumen tropft es ohne Unterlass.

Einige mutige oder ungeduldige Fahrgäste verlassen den Bus und holen ihre Gepäckstücke aus dem Stauraum. Ich entdecke Manuela Michel mit ihrer Tochter, lasse das Wagenfenster herunter und rufe ihnen zu. Sie steuern mit ihren Rollkoffern und schweren Reisetaschen an den Schultern auf mich zu. Natürlich schon völlig durchnässt. Flugs öffne ich den Kofferraum und helfe die Sachen zu verstauen.

„Lieb von dir, Kurt, dass du uns hilfst.“ Manuela drückt mir einen freundschaftlichen Kuss auf die rechte Wange und flüchtet sich auf den Beifahrersitz. Sie seufzt leise und runzelt die Stirn. „Dieses Mädchen! Weiss der Kuckuck, was wieder in die gefahren ist. Laauraa, kommst du endlich!“

So lerne ich sie kennen, Laura, der Wildfang – übermütig im Regen herumhüpfend, die Arme weitausgestreckt zum Himmel.

Mitten durch eine Pfütze kommt sie zum Wagen und streckt mir ihre Rechte entgegen.

„Hallo Laura“, rufe ich schmunzelnd.

„Hallo, Kurt“, antwortet sie mit einem Lächeln, das den grössten Eisberg zum Schmelzen bringen könnte.

„Halt, halt, meine Liebe“, schimpft Manuela. „Für dich immer noch Herr Nobs!“

„Lass nur Manuela, das mit dem Vornamen geht schon in Ordnung.“

„Siehst du, was habe ich gesagt!“ Triumphierend streicht Laura sich eine klitschnasse Strähne ihres rotblonden Haars aus dem Gesicht. Meergrüne Augen schauen mich an, eine kecke von Sommersprossen übersäte Stupsnase und leicht gerötete Wangen.

„Schlitzohr“, murmelt Manuela vor sich hin, angelt den Plan des Parks aus ihrer Tasche und faltet ihn vor mir aus.

„Schau, habe schon alles eingezeichnet, das hier ist unser Bungalow.“

Wenige Minuten später sind wir da, und ich helfe den beiden mit dem Gepäck. Dann verabschiede ich mich. „Wir treffen uns zum Abendessen, wer zuerst im Speisesaal ist, reserviert einen Tisch.“

„Abgemacht!“, ruft Manuela über einen Koffer gebeugt.

Und von Laura, die eifrig am Ausspionieren der Unterkunft ist, tönt ein übermütiges „Tschüss, Kurt!“

Es hat aufgehört zu regnen. Vom Meer her weht eine frische Brise und schiebt die Wolkenschiffe vor sich her. Die noch knapp zwei Handbreit über dem westlichen Horizont stehende Sonne übernimmt wieder das Regiment, schickt ihre Strahlenbündel aus, trocknet das Blätterdach der Bäume und leckt die spiegelnden Pfützen auf.

Zeit für Abendessen. Bereits am Eingang zum Speisesaal werden meine Frau und ich von Laura ins Visier genommen. Aufgeregt hüpft sie an einem der hinteren Tische und winkt mit beiden Händen. Klar doch, der Stuhl neben ihr ist für mich reserviert; Erika darf neben Manuela Platz nehmen.

Innert Kürze ist der Speisesaal berstend voll. Über zweihundert Gäste, alles Teilnehmer aus unserer Gemeinschaft, sitzen erwartungsvoll plaudernd vor ihren Gedecken. Ein Glöckchen bimmelt – Stille –, dann spricht unser Pastor Beat Ungricht das Tischgebet. Er dankt Gott dafür, dass die weite Reise für alle ohne Zwischenfall ablief, und ruft dann laut: „En Guete mitenand!“

Die Küche läutet diese Ferienwoche mit einem echt mediterranen Bouquet ein. Zur Vorspeise gibt es Pasta, dann cotelette alla milanese, und zum Dessert, wie könnte es anders sein: Tiramisu – diese honigsüsse Versuchung, etwas mastig zwar, aber gehört einfach dazu. Nicht umsonst heisst Dessert auf Italienisch: Dolce.

Der Hauswein mundet vorzüglich. Laura bekommt zur Feier des Tages eine Cola, sie hebt das Glas und der bare Schalk blinzelt aus ihren Augen. „Salute“, flötet sie voller Übermut. Die Gläser klingen, und Manuela schüttelt leicht ihren Kopf. „Salute“, murmelt sie, „wo zum Kuckuck hast du das nun wieder her?“

„Aber Mama! Hast du nicht gehört? Überall an den Tischen haben sie es gerufen.“

„Darauf nehmen wir einen Schluck“, werfe ich ein. Laura, diese kleine Schelmin, hat mein Herz im Flug erobert.

Nach dem Abendessen ergiesst sich ein wahrer Pilgerstrom hinunter zum Meer. Sonnenuntergang – wer möchte den verpassen? Bereits breiten sich die ersten Dämmerschatten aus, der Wind hat aufgefrischt und singt säuselnd seine Abendmelodie in den Sträuchern und Bäumen.

Wir suchen uns ein Plätzchen auf dem Mauerabsatz des den Strand angrenzenden Gehweges. Über uns ist der Himmel noch mit einigen durchschimmernden Wolkenfetzen bemalt, aber dort in der Ferne, dicht über dem von der Wasserlinie gezeichneten Horizont, steht wunderbar der orangerote Feuerball. Ein „Ah“ und „Oh“ ist zu hören.

Laura sitzt still neben mir und staunt. Merkwürdig, wie dieses Windspiel auf einmal so stillsitzen kann. Ein paar Augenblicke später seufzt sie leise: „Schön, gell!“ Sie schaut mich mit verklärten Kulleraugen an.

„Ja, wirklich wunderschön“, sage ich und mir fällt dazu ein Verslein ein:

Lueg au, wie d’Sunne versinkt im Meer

und Platz macht fürs prächtige Sterneheer.

G’sesch, wie sie uusstreckt ihri goldig Hand,

übers Wasser bis zu üüs as Land.

S’isch mer, als rüefi sie üüs zu:

Schlaf gut, träum süess, gnüss dini Rue.

Kei Angscht, ich wärde wiederchoo

und für euch zmitts am Himmel stoo.

„Schön, so schön“, sagt Laura verträumt. „Das schreib ich morgen in mein Poesiealbum. Hilfst du mir?“

„Ja, klar! Ich schreibe, und du machst die Zeichnung dazu.“

Welche Ehre – ein Plätzchen ins Lauras Poesiealbum.

Von einem kleinen Seufzer begleitet, gähnt sie ausgiebig und reibt sich die Augen, steht auf und zupft an Mutters Jacke. Manuela schaut auf und lächelt. „Zeit, dass wir unter die Decken kommen, war ein langer Tag.“

Die Tage, wie leuchtende Perlen reihen sie sich auf einer glitzernden Schnur. Nach dem Frühstück jeweils Lobpreisgesang im Grossen Konferenzsaal verbunden mit einer Kurzandacht.

Ausflüge in der Umgebung, fernab vom grossen Verkehrsstrom, auf den sich zwischen und über Hügelketten schlängelnden Strassen. Sanfte Höhenzüge mit ihren braungetönten Herbstkleidern, gekrönt von in Reih und Glied stehenden Zypressen. Einem Wasserlauf folgend durch ein enges gewundenes Tal mit immergrüner Vegetation, kleinen Rebbergen und idyllischen Dörfern. Volltanken pur, staunende Augen und satte Seelen.

Geruhsames Strandleben mit einem Buch in der Hand. Ich lese gerade Das Schneekind von Nicolas Vanier – eine Familie unterwegs durch die Schneewüsten Kanadas.

Und das hier am Meer im bequemen Liegestuhl bei sanftem Wellenrauschen und über 25 Grad Celsius. Was für ein Kontrast: Schneestürme, Minusgrade und Wolfsgeheul.

Geruhsam? Ja, wenn nicht die Heerscharen von Strandverkäufern mit ihrem Krimskrams wären. Und Laura, unser kleiner Wildfang, die in regelmässigen Abständen herbeihüpft und mir ihre Strandgutausbeute unter die Nase hält. Muscheln, blankgeschliffene Kiesel in allen Farbtönen – einmal sogar die Schere einer Krabbe, die sie, allen Mut zusammennehmend, zwischen Daumen und Zeigfinger vor meinem Gesicht hin- und herschwenkt.

An einem etwas windigen Nachmittag mit erheblichem Wellengang wird ihre Strandgutsuche mit etwas ganz Besonderem belohnt. Rein zufällig beobachte ich, wie sie mit ihren Gespanen ganz vorn an der Wasserlinie herumtollt. Das Vor- und Zurückrollen der Gischt bekränzten Wellen hat es ihnen angetan. Wagemutig trippeln sie in Reih und Glied nach vorne, wenn die Welle sich zurückzieht, warten gespannt bis sie von der nachfolgenden Welle bis über die Knie umspült werden, und flüchten dann hüpfend und kreischend. Manuela und Erika schauen diesem Treiben ebenfalls zu. Manuela runzelt die Stirn. „Laura“, ruft sie, „aufpassen, nicht zu weit hinaus!“ Doch Laura hört nichts, wie sollte sie auch bei dem Gejohle.

Plötzlich geschieht etwas Eigenartiges. Das Grüppchen der mutigen Wellenreiter bildet einen Kreis und bleibt wie angewurzelt stehen. Ihre Oberkörper leicht gebeugt, starren sie auf den feuchten Sand. Sekunden später kommt Laura angerannt. Natürlich zu mir, denn das ist reine Männersache.

„Kurt“, ruft sie ausser Atem. „Komm schnell, da vorne ist etwas ganz Grusiges!“ Es ist eine Qualle. Vom stürmischen Seegang angeschwemmt, liegt sie da – handtellergross und halbvergraben. Die Kinder schauen mich fragend an. Inzwischen sind noch weitere Erwachsene dazu gestossen und geben ihre Kommentare ab. „Wahrscheinlich vom Sturm letzte Nacht angeschwemmt.“ „Es dürfte sich um eine Schirmqualle handeln, völlig harmlos.“

Laura stemmt ihre Hände in die Hüften und stellt sich vor mich hin. „Dann können wir sie ja ausgraben und retten, vielleicht lebt sie noch.“

„Ausgraben? Nein, nein, das lassen wir mal schön bleiben“, sage ich und gebe ihr einen Klaps. „In einer Stunde wird sie sowieso ganz vertrocknet sein.“

Die kleinen Abenteurer schwärmen erneut aus und machen sich auf die Suche nach weiteren dieser urtümlichen Meeresbewohner. Und das gibt mir Gelegenheit, mich endlich ungestört meiner Lektüre zu widmen.

Nach einem feinen Nachtessen mit viel Betrieb und fröhlichem Geplauder an den Tischen, und nachdem wir unser Erdbeer-Gelati genossen haben, sitzen Erika und ich mit Laura und Manuela auf der gedeckten Terrasse ihres Bungalows und spielen Karten. Uno, Lauras Lieblingsspiel. Sie ist mit geradezu olympischem Eifer dabei, gewinnt am laufenden Band und immer wieder ertönt ihr triumphierender Siegesruf: „Uno“! Ja, wahrhaftig, dieser rotblonde, sommersprossige Wirbelwind hat es faustdick hinter den Ohren.

Es ist schon nach zweiundzwanzig Uhr. Erika gähnt verhalten, und auch Manuela streckt und dehnt sich in ihrem Campingstuhl. Laura hingegen schnattert in einem fort. „Du Kurt, stell dir vor, heute Nachmittag haben wir fünf Quallen gefunden, alle im Sand vergaben und nicht mehr zu retten, wie du gesagt hast.“ Dann steht sie auf und nestelt in der Badetasche. „Und hier, schau mal“, fährt sie fort und schwenkt eine halbvolle Plastiktüte vor meinem Gesicht, „diese vielen Muscheln und Kieselsteine.“

Manuela gähnt hinter vorgehaltener Hand. „Ist ja gut, Laura“, sagt sie mit einem leisen Seufzen. „Aber jetzt ist es Zeit für die Heija, also marsch ins Bad, Zähneputzen und dann rein ins Pyjama.“

Doch Laura hat noch kein Musikgehör, für einen Wimpernschlag nur streift ihr Blick denjenigen der Mutter, dann wendet sie sich wieder mir und meiner Frau zu. „Wisst ihr, ich hab schon ein paar Mal gemodelt!“ Das Leuchten ihrer Augen nimmt uns völlig gefangen.

„Gemodelt? Was ist das?“, frage ich.

„Das weisst du nicht?“, erwidert sie mit leicht zusammengekniffenen Augen und runzelnder Stirn. Mama, hol doch schnell die Bilder und erklär es ihnen.“

„Also gut, du kleine Nervensäge, damit du deine Ruhe hast.“ Manuela geht ins Wohnzimmer und kommt mit einer Kartonmappe zurück. Als sie diese öffnet und einige Fotos auf den Campingtisch ausbreitet, entdecke ich auch in ihrem Gesicht ein Leuchten, ein Ausdruck von Mutterstolz.

Mit Staunen betrachten Erika und ich die Titelseite eines Reisekatalogs mit Lauras Konterfei als Cover-Girl und verschiedene Fotoausschnitte aus Zeitschriften mit Kindermode. Auch hier posiert Laura allein oder in einer Gruppe. Professionell als Model gestylt, doch problemlos zu erkennen an ihrer rotblonden Lockenpracht, ihren Gipfeleis zum Schmelzen bringenden Augen, und vor allem an ihrem schelmisch verschmitzten Mund.

„Super Laura, hätte ich gar nicht gedacht“, ruft Erika begeistert.

„Ja tatsächlich vielversprechend. Sehe dich schon auf einem Laufsteg herumstolzieren“, dopple ich schmunzelnd nach.

Sie schaut mich fragend an. „Laufsteg? Mama, was meint Kurt damit?“

Nun schaltet sich Erika wieder ein. „Wie kam Laura eigentlich dazu?“ Manuela räumt die Fotos zusammen. „Also, das war so: Da gab’s einen Aufruf für ein Foto-Casting in einer Zeitschrift. Ich meldete Laura an, und sie wurde ausgewählt, also nichts Weltbewegendes. Und seitdem bekommen wir immer wieder mal ein Aufgebot für einen Fototermin.“

„Ja, und das ist dann immer megalässig. Ich werde frisiert und geschminkt, so richtig mit allem, was dazugehört. Mit Wimperntusche, Lippenstift und Puder.“ Lauras Augen leuchten.

„Schon gut, meine Liebe. Aber jetzt ist es höchste Zeit zum Abschminken. Marsch, marsch ins Bett, kleine Maus.“ Manuela klatscht in die Hände, doch barer Mutterstolz leuchtet auf ihrem Gesicht.

Am zweitletzten Abend unserer Ferienwoche lässt sich Manuela zusammen mit weiteren Glaubensgeschwistern taufen. Eine eindrückliche Szenerie. Gross und Klein versammeln sich unten am Strand. Die Täuflinge in ihren weissen Kleidern bilden einen Halbkreis um den Pastor, und am westlichen Horizont steht die untergehende Sonne. Eine unvergleichliche gelblich-orange Kugel, die mit ihren Strahlen eine prachtvolle Glitzerstrasse auf die Wasserfläche malt. Weiter oben auf dem Strandweg bleiben einige Feriengäste neugierig stehen.

Erwachsenentaufe? Ja, richtig, ein Ritual – nein, vielmehr ein Sakrament biblisch bekennender Freikirchen.

Kindstaufe? Eine berechtigte Frage, denn an Nachwuchs mangelt es in unserer christlichen Gemeinde beileibe nicht. Für Kleinkinder gibt es eine Einsegnung. Die Taufe bleibt ein Akt des mündigen Bekenntnisses, dass man zu Jesus Christus gehört und ihm nachfolgen will.

Lobpreislieder erklingen, der Pastor hält eine Kurzpredigt, die Täuflinge geben der Reihe nach und in ein paar Sätzen Zeugnis über ihr Bekenntnis ab. Dann geht’s hinein ins hüfttiefe Wasser, wo sie, von Helfern gehalten, völlig untergetaucht werden.

Manuelas Bekenntnis ist kurz und klar, doch verbunden mit der Bitte, dass wir für Patrik, ihren Mann, beten sollen. Dass der Geist Gottes ihn berührt und Jesus Christus doch konkret in sein Leben komme.

Die Tage vergehen wie im Flug. Ein letztes Mal umsäuselt uns die immer noch laue Brise am Stand. Ein letztes Mal schmunzeln Erika und ich über Laura, diesen quirligen Wildfang, und über Manuela, die mit Kopfschütteln und leisen Seufzern ihre Mutterpflichten wahrzunehmen versucht. Dann geht’s zurück in die heimatlichen Gefilde.

Arrivederci Toskana, du sonnendurchflutetes Land. Adieu, du muschelbesäter Strand mit deinen von Kinderhänden gebauten Sandburgen.

3

Ein Wunder ist geschehen! Der seidene Faden, an dem Lauras Leben hing, ist nicht gerissen. In seiner unbeschreiblichen Gnade hat Gott einen Anker daran geknüpft, an dem sich Laura festhalten kann.

Seit dem schrecklichen Unfall sind nun drei Tage vergangen, aber die Wogen des Überlebenskampfes haben sich noch keineswegs geglättet. Noch gleicht die Gewissheit einem flackernden Kerzendocht, vieles ist ungewiss, trotz aller ärztlichen Kunst.

Was passiert eigentlich mit dem Hirn bei einem so schweren Aufprall? Ich zitiere Prof. Dr. Jürg Kesselring, Chefarzt Neurologie und Neurorehabilitation:

Es kann zu Frakturen des Schädelknochens, zu Blutungen im Gehirn und Verletzungen durch Zerreissen des Hirngewebes kommen. Dabei können Verbindungen zwischen den Neuronen, die Synapsen, unterbrochen oder gestört werden. Sie sind das Wichtigste für die Hirnfunktionen, bilden eine dichtes Netz und können sich lebenslang neu bilden.

Das Hirn kann bei einem Aufprall fast nicht anders reagieren als mit Ödemen, also Schwellungen durch Flüssigkeitsansammlung. Da die Schädelkapsel fix ist, kann der Druck nirgends ausweichen. Ausser durch das grosse Loch in der unteren Schädelhälfte, beim Übergang zwischen Hirn und Rückenmark. Genau dort liegt das Atemzentrum. Das ist der Grund, weshalb das Innere des Hirns unbedingt von diesem Druck befreit werden muss, weil es sonst den Hirnstamm in diese Öffnung presst und das Atemzentrum stranguliert.

Was bringen ein künstliches Koma und die Absenkung der Körpertemperatur auf 33 bis 34 Grad Celsius?

Damit will man den Stoffwechselbedarf des Gehirns reduzieren. Das künstliche Koma ist eine sinnvolle Massnahme, um die prekäre Situation des verringerten Stoffwechselumsatzes zur Erhaltung der Hirnstruktur zu ermöglichen.

All dies wurde bei Laura schon kurz nach Einlieferung in die Klinik vollzogen. Das Paket der ärztlichen Erstversorgung ist riesig und, trotz höchster Sorgfalt, birgt es dennoch eine Fülle quälender Ungewissheiten in sich. Zurückhaltende Aussagen des zuständigen Oberarztes unterstreichen dies schonungslos und bringen Manuela und Patrik an den Rand der Verzweiflung.

Minutiöse Tomografien verschaffen Klarheit über die Schwere der Hirnverletzungen. Eine Drainage für die Ableitung der ödemischen Hirnflüssigkeit muss gelegt werden. Planung und Durchführung der chirurgischen Eingriffe für die Wiederherstellung der arg in Mitleidenschaft gezogenen linken Gesichtshälfte.

Umgeben von Überwachungsmonitoren und Infusionsbatterien liegt Laura regungslos da. Im Tiefschlaf in ihrem Spitalbett, das so gar nicht nach einem solchen aussieht. Affen, Elefanten, Löwen, Tiger und Pinguine tummeln sich auf dem Deckenbezug – natürlich nur als Textildruck. Selbst das Kissen, das ihren Kopf stützt, ist mit diesen Motiven versehen. Kinderspital Zürich: Die wissen, was die kleinen Patienten gerne mögen.

Laura trägt einen dicken Turban aus lindgrünem Verbandstoff. Ihr Gesicht ist blass, die über Nasen- und Wangenrücken gestreuten Sommersprossen sind fast nicht mehr zu erkennen. Die geschlossenen Augenlider schimmern bläulich, die Lippen sind blutleer, beinahe wächsern. Kaum merklich hebt und senkt sich ihr schmaler Brustkorb.

Laura, wo befindet sich deine Seele gerade jetzt? Hat sich dich mitgenommen in ein wunderbares Traumland? Schwebt sie mit dir über eine prächtige Blumenwiese mit Hummeln und Bienen, die dir eine Frühlingsmelodie vorsummen? Ich bin überzeugt, dass es so ist, denn du siehst so friedlich aus.

Manuela hat sich ganz in der Nähe in einem Gastzimmer einquartiert. Stunde um Stunde verbringt sie an Lauras Bett, spricht zu ihr, liest ihr vor und streichelt immer mal wieder Lauras Wangen und Handrücken. Erschreckend, dieser Monolog, keine Antworten, nur Stummheit. Doch es ist gut so, der Arzt und die Pflegerinnen ermutigen sie immer wieder dazu. Und Manuela ist zutiefst davon überzeugt: Laura hört mich, sie weiss, dass ihre Mutter da ist. „Wer Trost spendet, der wird selbst getröstet“; ein Geheimnis, dass sie in seiner ganzen Fülle erfahren darf.

Beim Streicheln spürt Manuela manchmal ganz leichte Reaktionen von Laura, und einmal – welch Glücksgefühl! – hebt Laura sogar den Zeigefinger der rechten Hand.

Laura lebt! Sie hat diesen katastrophalen Unfall überlebt – was für ein Wunder.

Die Ärzte sind sich einig: Laura Michel ist zum zweiten Mal zur Welt gekommen.

Patrik erscheint regelmässig nach Arbeitsschluss, löst Manuela ab und ist mit seiner stillen Art ein verlässlicher Partner. Er wird innert Kürze sein Arbeitspensum auf fünfzig Prozent reduzieren, damit er für seine Tochter mehr Zeit hat.

Stunden, Tage voller Ungewissheit. Manuela und Patrik verleben diese Zeit wie in einer Art von Trance. Dieses Wechselbad der Gefühle, dieses Schreien der Seele und das ‚Warum‘, das wie bleischwere Lettern über ihrem Sein hängt. Während der Nachtwache am zweiten Tag, nachdem der Oberarzt mit grossem Bedenken äusserte, dass mit dem Schlimmsten gerechnet werden müsse, fleht Manuela aus tiefstem Herzen zu Gott. „Vater im Himmel, wenn es so sein muss, dass Laura, meine geliebte Tochter stirbt, dann bitte, nimm mich auch zu dir. Ich habe einfach nicht die Kraft, ohne sie weiterzuleben.“

So übergibt sie Laura und sich selbst in die Hände des Allmächtigen und erlebt plötzlich, wie sie mir erzählte, eine wohltuende Ruhe, neue Kraft und Linderung für ihre ach so verschreckte Seele.

Die von diesem katastrophalen Ereignis betroffene Familie steht nicht alleine da. Zuwendung, Mitleid und Nächstenliebe umgeben sie wie ein Schutzwall. Da sind Christine N., Katy I. und Christine S., Frauen aus der Freien evangelischen Gemeinde in Winterthur.

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