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Lauf des Lebens

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EINS

Das Meer hatte eine hypnotisierende Wirkung. Dione gab sich der magischen Anziehung widerstandslos hin, ließ sich berauschen vom Anblick der türkisfarbenen Wellen, die sich auf dem strahlend weißen Strand brachen. Trägheit gehörte eigentlich nicht zu ihren hervorstechenden Eigenschaften, doch jetzt war sie glücklich, einfach nur auf der Terrasse ihres angemieteten Strandhäuschens zu sitzen und dem Tosen der Brandung zu lauschen. Ihre langen, gebräunten Beine ruhten auf dem Geländer. Weiße Möwen schossen in ihr Blickfeld und verschwanden ebenso plötzlich wieder, ihre schrillen Schreie verschmolzen mit dem Rauschen des Windes und der Wellen. Rechts verschwand die Sonne wie ein riesiger Feuerball im Wasser und tauchte das Meer in flammendes Rot. Ein atemberaubendes Fotomotiv. Trotzdem wollte sie nicht aufstehen, um ihre Kamera zu holen. Es war ein herrlicher Tag gewesen, und sie hatte ihn zelebriert, indem sie einfach nur am Strand entlangspaziert und im blaugrün schimmernden Golf von Mexiko geschwommen war. Gott, was für ein Leben! Was für ein sündhaft süßes Leben! Der absolut perfekte Urlaub!

Zwei Wochen lang war Dione die schneeweißen Strände von Panama City, Florida, entlanggeschlendert – glücklich, faul und allein. Es gab keine einzige Uhr in ihrem Strandbungalow, und ihre Armbanduhr hatte sie gleich bei ihrer Ankunft abgelegt. Zeit spielte keine Rolle. Es war völlig egal, wann sie aufstand. Und wenn sie Hunger bekam und keine Lust zum Kochen hatte, gab es irgendwo in Laufweite immer einen Ort, wo sie sich etwas zu Essen bestellen konnte. Während des Sommers war der Miracle Strip rund um die Uhr geöffnet: eine 24-Stunden-Party, die sich immer wieder selbst aufputschte, vom Ende des Schuljahres bis weit über das Wochenende vom Labor-Day hinaus. Die Partygäste waren Schüler, Studenten und Singles, die einfach eine gute Zeit haben wollten. Ebenso Familien mit dem Wunsch nach einem unbeschwerten Urlaub. Und natürlich müde berufstätige Frauen, die sich am glitzernden Wasser des Golfs entspannen wollten. Dione jedenfalls hatte sich entspannt – sie fühlte sich wie neugeboren nach den zwei herrlichen Wochen.

Ein Segelboot, so bunt wie ein Schmetterling, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie beobachtete, wie es langsam in Richtung Küste kreuzte. So versunken war sie in den Anblick des Bootes, dass sie den Mann, der sich ihrer Dachterrasse näherte, erst bemerkte, als er bereits die Treppe heraufgekommen war und seine Schritte dumpf auf den hölzernen Planken tönten. Ohne Hast, mit einer grazilen Bewegung, drehte sie sich nach ihm um, doch ihr Körper war trotz seiner entspannten Haltung plötzlich in Habachtstellung, bereit, blitzschnell aufzuspringen.

Ein großer, grauhaariger Mann stand neben ihr und schaute sie an. Ihr erster Gedanke war, dass er in keiner Weise in das Ambiente passte. P.C., wie das Ferienparadies im Volksmund hieß, war ein entspannter, lockerer Ort. Der Mann hingegen trug einen einwandfrei sitzenden grauen Dreiteiler, und seine Füße steckten in italienischen Schuhen aus weichem Leder. Diones zweiter Gedanke war, dass diese Schuhe voller Sand sein mussten, denn der drang durch jede Ritze, durch jede noch so kleine Öffnung.

„Miss Kelley?“, fragte er höflich.

Fragend zog sie ihre schmalen, schwarzen Augenbraunen hoch, nahm ihre Füße vom Geländer, stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. „Ja, ich bin Dione Kelley. Und wer sind Sie?“

„Richard Dylan“, sagte er, nahm ihre Hand und schüttelte sie. „Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich in Ihren Urlaub hineinplatze, Miss Kelley, aber ich muss Sie dringend sprechen.“

„Setzen Sie sich doch bitte“, lud ihn Dione ein und deutete auf den Terrassenstuhl neben sich. Sie nahm ihre vorige Position wieder ein, streckte die Beine aus und stützte ihre nackten Füße gegen das Geländer. „Kann ich irgendetwas für Sie tun?“

„Ja, das können Sie“, antwortete er mit bewegter Stimme. „Ich habe Sie vor etwa sechs Wochen wegen eines Patienten angeschrieben. Blake Remington. Ich habe Sie gebeten, ihn bei sich in Therapie zu nehmen.“

Dione runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich. Aber ich habe Ihren Brief doch beantwortet, Mr. Dylan. Bevor ich in den Urlaub gefahren bin. Haben Sie die Antwort nicht erhalten?“

„Doch, das habe ich“, gab er zu. „Ich bin hier, um Sie zu bitten, Ihre Ablehnung noch einmal zu überdenken. Es liegen gewissermaßen mildernde Umstände vor, und Mr. Remingtons Zustand verschlimmert sich zusehends. Ich bin überzeugt davon, dass Sie …“

„Ich bin keine Wunderheilerin“, unterbrach sie ihn freundlich. „Und ich bin ausgebucht. Warum sollte ich Mr. Remington all jenen Patienten auf meiner Warteliste vorziehen, die meine Hilfe ebenso dringend brauchen?“

„Sind das auch Leute, die nicht mehr lange leben werden?“, fragte er unverblümt.

„Ist das bei Mr. Remington der Fall? Den Angaben Ihres Briefes zufolge ist die letzte Operation erfolgreich verlaufen. Es gibt andere, ebenso qualifizierte Therapeuten, wenn es darum geht, Mr. Remington jetzt sofort zu behandeln.“

Richard Dylan blickte auf das türkisfarbene Wasser des Golfs und die von der untergehenden Sonne vergoldeten Wellenkronen. „Blake Remington wird in einem Jahr tot sein“, sagte er, und sein markantes, herbes Gesicht verdüsterte sich. „Zumindest, wenn es ihm weiterhin so geht wie jetzt: Er glaubt nämlich nicht daran, dass er je wieder wird laufen können. Er hat sich aufgegeben. Er überlässt sich freiwillig dem Tod. Er isst nichts mehr und schläft nur noch selten. Er weigert sich, das Haus zu verlassen.“

Dione seufzte. Eine Depression gehörte zur schwierigsten Diagnose bei ihrer Art von Patienten, weil sie ihnen die Energie und Entschlossenheit raubte. So oft hatte sie das schon erlebt.

„Mr. Dylan, trotzdem könnte doch ein anderer Therapeut …“

„Das glaube ich nicht. Ich habe bereits zwei ausprobiert. Keiner von beiden hat länger als eine Woche durchgehalten. Blake verweigert jede Zusammenarbeit, er betrachtet es als reine Zeitverschwendung, als Beschäftigungstherapie. Die Ärzte haben ihm zwar versichert, dass die Operation ein Erfolg war, aber er kann seine Beine immer noch nicht bewegen, und deshalb glaubt er ihnen nicht. Schließlich hat uns Dr. Norwood Sie empfohlen. Er hat gesagt, dass Sie gerade bei extrem abweisenden Patienten sehr erfolgreich sind – und dass Sie über außergewöhnliche Behandlungsmethoden verfügen.“

Sie lächelte ironisch. „Es wundert mich nicht, dass er das von mir sagt, schließlich hat er mich ausgebildet.“

Richard Dylan erwiderte ihr Lächeln. „Ich verstehe. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Sie Blake Remingtons letzte Chance sind. Bevor Sie sich weiter auf Ihre Verpflichtungen anderen Patienten gegenüber berufen, begleiten Sie mich doch bitte zu ihm nach Phoenix und machen sich selbst ein Bild. Dann werden Sie meine Sorge sofort verstehen.“

Dione zögerte und überdachte den Vorschlag. Sie war hin- und hergerissen. Sie hatte andere Patienten, die auf sie zählten und sie brauchten. Warum sollte sie Blake Remington diesen Patienten vorziehen? Auf der anderen Seite klang sein Fall nach einer beruflichen Herausforderung, und sie war nun einmal ein ehrgeiziger Typ, der immer wieder neue Aufgaben brauchte, um die eigenen Grenzen zu testen. Sie war sich ihres beruflichen Könnens bewusst und jedes Mal zutiefst befriedigt, wenn ihre Patienten sich nach der Behandlung deutlich besser bewegen konnten als vorher. Nach all den Jahren, die sie nun schon als selbstständige Physiotherapeutin arbeitete und quer durchs Land zu den weit verstreut liegenden Wohnorten ihrer Patienten reiste, konnte sie auf eine bemerkenswerte Reihe von Erfolgen zurückblicken.

„Mr. Remington ist ein außergewöhnlicher Mann“, sagte Mr. Dylan mit weicher Stimme. „Er hat diverse aeronautische Anlagen entwickelt, die mittlerweile breite Anwendung in der Luftfahrttechnik finden. Er hat seine eigenen Flugzeuge entworfen, war im Auftrag der Regierung Testpilot bei hoch geheimen Flugprojekten, war Bergsteiger, Rennsegler und Taucher. Egal ob an Land, auf See oder in der Luft – er hat sich überall zu Hause gefühlt. Jetzt ist er an den Rollstuhl gefesselt, und das bringt ihn um.“

„Bei welchem seiner Hobbys ist er verunglückt?“, fragte Dione.

„Beim Bergsteigen. Das Seil über ihm hatte sich an einem Felsen verhakt und ist gerissen, als er mit Pendelbewegungen versuchte, es zu lösen. Er fiel auf einen Felsvorsprung gut zehn Meter unter ihm, konnte sich darauf jedoch nicht halten und stürzte weitere 60 Meter in die Tiefe. Normalerweise sind schon die ersten zehn tödlich, aber der Schnee muss seinen Aufprall so weit abgefedert haben, dass er überlebt hat. Mehr als einmal hat er gesagt, dass er besser umgekommen wäre, als sein Leben jetzt als Krüppel zu verbringen.“

„Erzählen Sie mir etwas über die Art seiner Verletzungen“, bat Dione.

Richard Dylan stand auf. „Ich mache Ihnen einen besseren Vorschlag. Ich habe die Krankenakte mit allen Röntgenbildern in meinem Wagen. Dr. Norwood hat mir vorgeschlagen, alles gleich mitzubringen.“

„Was für ein gerissener Hund“, murmelte sie, als Mr. Dylan um die Ecke der Terrasse verschwand. Tobias Norwood wusste genau, wie er sie neugierig machen und ihr einen neuen Fall servieren musste. Und sein Kalkül war auch diesmal aufgegangen: Ihr Interesse war bereits geweckt. Nach Einsicht der Röntgenbilder und der Krankenakte würde sie eine Entscheidung treffen. Wenn sie zu dem Schluss kam, dass sie Blake Remington nicht helfen konnte, dann würde sie ihm die Strapazen einer Therapie ersparen.

In dem Moment kam Mr. Dylan mit einer dicken Pappmappe unter dem Arm zurück. Er reichte sie Dione und wartete gespannt ab. Doch anstatt hineinzuschauen, trommelte sie mit den Fingern auf den Pappdeckel.

„Lassen Sie mich die Unterlagen heute Abend durchsehen, Mr. Dylan“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich möchte meine Entscheidung nicht nach einem flüchtigen Blick in die Akte treffen. Ich gebe Ihnen morgen früh Bescheid.“

Ein Anflug von Ungeduld lag in seinem Blick, doch er hatte sich schnell wieder im Griff und nickte. „Vielen Dank, dass Sie die Sache überdenken, Miss Kelley.“

Als er gegangen war, blickte Dione lange auf die weite Bucht mit ihren türkis schimmernden Wellen, die sich weiß schäumend auf dem Strand brachen. Ein Glück, dass ihr Urlaub schon fast zu Ende war und sie knapp zwei Wochen äußerster Entspannung in Florida genossen hatte. Die langen Strandspaziergänge waren so ziemlich die größte Anstrengung gewesen. Das eine oder andere Mal hatte sie bereits an ihren nächsten Job gedacht, doch nun sah es so aus, als ob sich ihre Pläne komplett ändern würden.

Nach Öffnen des Umschlags hielt sie die Röntgenbilder nacheinander gegen das Sonnenlicht. Sie zuckte zusammen, als sie das Ausmaß des Schadens begutachtete, der einen ehemals gesunden, kräftigen Körper lahmgelegt hatte. Ein Wunder, dass Blake Remington das Unglück überhaupt überlebt hatte. Aber immerhin: Die Röntgenbilder, die nach jeder erfolgreichen Operation gemacht worden waren, zeigten Knochen, die weitaus besser verheilt waren, als es zu erwarten oder zu hoffen gewesen wäre. Gelenke waren zusammengeflickt worden, Nägel und Metallplatten hielten das Skelett stabil. Den neuesten Röntgenbildern widmete sie besondere Aufmerksamkeit. Der Chirurg musste ein Genie oder die Operation ein Wunder gewesen sein – vielleicht traf auch beides zu. Jedenfalls konnte sie keinen physischen Grund erkennen, warum Blake Remington nicht wieder laufen konnte, es sei denn, die Nerven waren komplett durchtrennt.

Als sie mit der Lektüre des ärztlichen Berichts begann, konzentrierte sie sich auf jedes noch so kleine Detail, bis sie genau verstanden hatte, welche Schäden auf welche Weise repariert worden waren. Dieser Mann würde wieder laufen, dazu würde sie ihn bringen! Am Ende des Berichts wurde erwähnt, dass die mangelnde Kooperationsbereitschaft und die schwere Depression des Patienten einer weiteren Verbesserung des Gesamtzustands im Wege standen. Dione konnte den tief sitzenden Frust des Chirurgen beim Verfassen des Berichts fast körperlich spüren: Nach all der mühevollen Arbeit und dem unverhofften Erfolg der Technik hatte der Patient sich geweigert, mitzuhelfen.

Sie sammelte die einzelnen Dokumente zusammen und wollte sie gerade wieder in den Umschlag stecken, als sie merkte, dass sie ein kleines, kartonartiges Stück Papier übersehen hatte, das immer noch im Umschlag lag. Sie zog es heraus und drehte es um. Es war ein Foto.

Verblüfft blickte sie in ein Paar strahlend blauer Augen, Augen, die vor Lebensfreude nur so sprühten. Richard Dylan war ein ebensolches Schlitzohr wie Tobias Norwood: Er hatte genau kalkuliert, dass eine Frau dem Charme des dynamischen, vitalen Mannes auf dem Foto kaum widerstehen konnte. Sie wusste, dass es ein Foto von Blake Remington vor seinem Unfall war. Er hatte strubbelige braune Haare und ein gebräuntes Gesicht mit einem verwegenen Grinsen, das ein verführerisches Grübchen in seiner linken Wange zum Vorschein kommen ließ. Er trug nichts außer einer Jeans-Shorts. Sein Körper war wohlgeformt und muskulös, und seine Beine waren lang und kräftig wie die eines Athleten. Er hielt einen ziemlich großen Speerfisch in seinen Händen. Im Hintergrund sah man das tiefe Blau des offenen Ozeans. Zum Tiefseefischen fuhr er also auch. Gab es eigentlich irgendetwas, was dieser Mann nicht konnte? Ja, etwas gibt es, dachte sie: Er kann nicht mehr laufen.

Eigentlich sollte sie den Job schon allein deswegen ablehnen, um Richard Dylan zu demonstrieren, dass sie nicht auf eine so durchsichtige Weise manipulierbar war. Aber als sie noch einmal in das Gesicht auf dem Foto blickte, wusste sie, dass sie ganz in Richard Dylans Sinne zusagen würde. Und das beunruhigte sie. Sie hatte sich schon seit so langer Zeit für keinen Mann mehr interessiert, dass ihre Reaktion auf dieses Foto sie alarmierte.

Sie fuhr die Konturen des Gesichts mit den Fingerspitzen nach und fragte sich wehmütig, wie ihr Leben wohl aussähe, wenn sie sich wie eine normale Frau in einen Mann verlieben könnte und von diesem geliebt würde. Aber ihre kurze, katastrophale Ehe hatte ihr diese Möglichkeit genommen. Sie hatte ihre Lektion auf bittere Weise gelernt und nicht vergessen: Ein liebender Ehemann und Kinder waren ihr nicht vergönnt. Das Vakuum, das die fehlende Liebe in ihrem Leben hinterließ, musste sie durch Befriedigungen kompensieren, die ihre Arbeit ihr verschaffte – eine Arbeit, mit der sie anderen Menschen helfen konnte. Zugegeben: Sie musterte Blake Remingtons Foto mit Bewunderung, jedoch ohne die Schwärmerei, in die andere Frauen beim Anblick von so viel maskuliner Schönheit verfallen wären. Dione empfand Schwärmereien als reine Zeitverschwendung, denn sie wusste nur zu gut, dass sie niemals in der Lage wäre, einen Mann wie Blake Remington für sich zu interessieren. Ihr Exmann, Scott Hayes, hatte ihr auf schmerzhafte und demütigende Weise gezeigt, wie verrückt und unmöglich es war, einen Mann halten zu wollen, wenn man ihn nicht auch befriedigen konnte.

Nie wieder. Das hatte sie sich geschworen, als sie Scott damals verlassen hatte. Und diesen Schwur würde sie jederzeit erneuern. Nie wieder wollte sie einem Mann die Gelegenheit geben, sie zu verletzen.

Plötzlich strich ihr eine salzige Brise über die Wangen. Sie blickte auf und bemerkte erstaunt, dass die Sonne verschwunden war. Während sie ihren düsteren Erinnerungen nachhing, hatte sie offenbar die ganze Zeit mit leerem Blick auf das Foto gestarrt und die Welt um sich herum vergessen. Dione sprang auf, ging nach drinnen und knipste eine Stehlampe an, die das kühle, sommerliche Dekor des Strandhauses sofort in warmes Licht tauchte. Dann ließ sie sich in einen dick gepolsterten Sessel fallen, lehnte ihren Kopf zurück und begann, in groben Zügen ein Therapieprogramm zu entwerfen. Die Detailplanung würde sie erst machen, wenn sie Mr. Remington getroffen und seinen tatsächlichen Zustand beurteilt hatte. Sie schmunzelte in Erwartung dessen, was da auf sie zukommen würde: Sie liebte Herausforderungen über alles und hatte das Gefühl, dass Mr. Remington ihr jeden Zentimeter Boden streitig machen würde. Sie würde auf der Hut sein und das Zepter in der Hand behalten müssen. Sie musste seine Hilflosigkeit als Druckmittel gegen ihn einsetzen, musste ihn mit seiner eigenen Hilflosigkeit so zur Weißglut bringen, dass er bereit wäre, durch die Hölle zu gehen, nur um weniger von ihr abhängig zu sein und sie nicht mehr sehen zu müssen. Und dann wäre er optimal vorbereitet für das, was ihn erwartete, denn eine Therapie war tatsächlich ein Gang durch die Hölle – und zwar kein Spaziergang.

Dione hatte schon viele schwierige Patienten gehabt, Patienten, die so deprimiert waren und so sehr mit ihrer Behinderung haderten, dass sie sich völlig von der Welt abgekapselt hatten. Sie schätzte, dass es sich bei Blake Remington ebenso verhielt – so aktiv, intensiv und draufgängerisch, wie er vorher gelebt hatte. Sicher war ihm sein Leben völlig egal – und alles andere sowieso.

In der Nacht schlief Dione ausgezeichnet, tief und traumlos, und stand noch vor der Dämmerung auf, um am Strand zu joggen, wie jeden Morgen. Sie war keine verbissene Läuferin, die die Meilen zählte und versuchte, sich ständig zu steigern. Sie joggte zum reinen Vergnügen, so lange, bis sie müde war. Danach schlenderte sie noch eine Weile die Brandung entlang und ließ das Wasser über ihre nackten Füße schwappen. Als sie an ihrem Strandhäuschen ankam, duschte und ihre Sachen packte, durchstachen die ersten gleißenden Sonnenstrahlen die Morgenluft. Dione hatte ihre Entscheidung getroffen, deshalb wollte sie keine weitere Zeit verschwenden. Wenn Mr. Dylan zurückkam, wollte sie fertig sein.

Er war nicht einmal erstaunt, als er ihre gepackten Koffer sah.

„Ich wusste, dass Sie den Job annehmen“, sagte er mit ruhiger Stimme.

Dione zog ihre schmalen, schwarzen Augenbrauen hoch. „Sind Sie immer so selbstsicher, Mr. Dylan?“

„Nennen Sie mich doch bitte Richard“, bat er. „Nein, ich bin mir nicht immer so sicher, aber Dr. Norwood hat mir einiges über Sie verraten. Er war überzeugt davon, dass Sie den Job annehmen würden, weil er eine Herausforderung für Sie darstellt. Und als ich Sie gesehen habe, wusste ich sofort, dass er recht hatte.“

„Ich werde ihn ermahnen müssen, nicht alle meine Geheimnisse so leichtfertig auszuplaudern“, sagte sie scherzend.

„Er hat nicht alle ausgeplaudert“, erwiderte er, und irgendetwas in seiner Stimme ließ sie darüber grübeln, wie viel er wohl tatsächlich über sie wusste.

Da sie Richard entschieden zu scharfsinnig fand, wandte sie sich schnell nach ihrem Gepäck um und half ihm, die Sachen zu seinem Auto zu tragen. Sie selbst hatte einen Mietwagen, und nachdem sie das Haus abgeschlossen und den Wagen zum Autoverleih zurückgebracht hatte, war sie fertig zur Abfahrt.

Später, als sie in einem Privatflugzeug westwärts nach Phoenix flogen, fragte sie Richard über ihren Patienten aus. Was liebte er? Was hasste er? Was hatte er für Hobbys? Sie stellte Fragen nach seiner Erziehung, seiner politischen Einstellung, seinen Lieblingsfarben, nach dem Typ Frau, mit dem er sich gerne umgab und nach seiner Ehefrau, wenn er denn eine hatte. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass Ehefrauen in der Regel eifersüchtig reagierten auf die enge Beziehung, die sich zwischen Patient und Therapeut entspann. Bevor sich Dione auf eine neue Situation einließ, versuchte sie einfach, so viel wie möglich über die Rahmenbedingungen in Erfahrung zu bringen.

Richard kannte sich erstaunlich gut in Remingtons Privatleben aus, sodass Dione ihn schließlich fragte, in welcher Beziehung er zu ihm stand.

Der harte Zug um seinen Mund lockerte sich etwas. „In der Firma, die er leitet, bin ich sein Stellvertreter, deshalb kenne ich ihn als Geschäftsmann. Und außerdem bin ich sein Schwager. Die einzige Frau in seinem Leben, mit der Sie zurechtkommen müssen, ist meine Ehefrau Serena, Blakes jüngere Schwester.“

„Warum betonen Sie das?“, fragte Dione. „Leben Sie zusammen mit Mr. Remington in einem Haus?“

„Nein, das nicht, aber seit seinem Unfall hegt und pflegt Serena ihn sehr intensiv. Und ich bin mir sicher, dass sie nicht sonderlich erfreut sein wird, wenn Sie auftauchen und all seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie hat Blake schon immer bewundert, so sehr, dass es fast an eine Obsession grenzt. Der Gedanke, dass er sterben könnte, hat sie beinahe krank gemacht.“

„Ich dulde aber keine Einmischung in mein Therapieprogramm“, warnte ihn Dione. „Ich werde über Mr. Remingtons Tagesablauf wachen, über seine Besuche, sein Essen, ja, selbst über die Anrufe, die er bekommt. Und ich hoffe, Ihre Frau wird das verstehen.“

„Ich werde versuchen, ihr das begreiflich zu machen, aber Serena ist Blake ziemlich ähnlich. Sie ist genauso eigensinnig und zielstrebig. Und sie besitzt einen Schlüssel zu seinem Haus.“

„Dann werde ich wohl die Türschlösser auswechseln“, überlegte Dione laut und meinte es vollkommen ernst. Liebevolle Schwester hin oder her – Dione dachte gar nicht daran, sich von Serena Dylan in die Therapie hineinpfuschen zu lassen.

„Gut“, stimmte Richard zu, doch über seinen dünnen Augenbrauen zeigte sich eine kleine Stirnfalte. „Dann werde ich meine Frau vielleicht endlich mal wieder für mich haben.“

Diese Antwort ließ erkennen, dass Richard noch ein weiteres Motiv dafür hatte, seinen Schwager wieder auf die Beine bringen zu wollen. Offensichtlich hatte Serena in den zwei Jahren seit Blakes Unfall ihren Mann vernachlässigt, um ganz für ihren Bruder da zu sein. Und darunter hatte ihre Ehe gelitten. Dione hatte keine Lust, in diese Situation hineingezogen zu werden, aber sie hatte sich bereits verpflichtet, den Fall zu übernehmen, und es war nicht ihre Art, das in sie gesetzte Vertrauen zu enttäuschen.

Aufgrund der Zeitverschiebung war es erst Nachmittag, als Richard Dylan Dione in den reichen Phoenixer Vorort brachte, in dem Blake Remington wohnte. Richard saß am Steuer eines eleganten, weißen Lincoln mit schwarzen Ledersitzen. Als er die lang geschwungene Auffahrt zu dem Anwesen im Hazienda-Stil hinauffuhr, sah Dione, dass das Haus nicht minder elegant und vornehm war. Von einem Haus zu sprechen war eigentlich ebenso unpassend, wie einen Hurrikan als frische Brise zu bezeichnen. Es war eine beeindruckende Villa. Sie war weiß und wirkte geheimnisvoll, denn sie präsentierte dem neugierigen Betrachter lediglich eine undurchdringliche Fassade, die nur von wenigen Fensteröffnungen unterbrochen wurde. Die Gartenanlage war prächtig, eine Mischung aus heimischer Wüstenfauna und üppigem Grün, das das Resultat einer ausgeklügelten Bewässerung sein musste. Die Auffahrt führte zu den Garagen hinter dem Haus, wie Richard ihr erklärte. Doch bis dorthin fuhren sie nicht, sondern hielten an dem bogenförmigen Vordereingang.

Als Dione das riesige Foyer betrat, hatte sie den Eindruck, in den Garten Eden hineinzuspazieren. Der Raum mit seinen kühlen braunen Bodenfliesen, den glatten weißen Wänden und der hohen Decke vermittelte ein Gefühl von Klarheit, Gelassenheit und edler Einfachheit. Die Gebäudeteile waren uförmig angelegt und gruppierten sich um einen kühlen, duftenden Innenhof. In dessen Mitte stand ein Brunnen aus rosafarbenem Marmor, aus dem eine kleine Wasserfontäne hervorsprudelte. All das konnte man bereits vom Eingang aus sehen, denn die Wände des Foyers bestanden vom Boden bis zur Decke aus Glas.

Dione war noch ganz sprachlos vor Bewunderung, als das Klappern von Absätzen auf den Fliesen sie aus ihrem Staunen riss. Sie wandte ihren Kopf in Richtung der großen jungen Frau, die auf sie zukam. Das musste Serena sein: Die Ähnlichkeit mit dem Foto von Blake Remington war zu groß, als dass es sich um jemand anders hätte handeln können. Sie hatte dasselbe weiche, braune Haar, dieselben dunkelblauen Augen und dieselben markanten Gesichtszüge. Doch anders als der Mann auf dem Foto lachte sie nicht. In ihrem Blick lagen Wut und Empörung.

„Richard!“, sagte sie mit leiser, zorniger Stimme. „Wo bist du die letzten zwei Tage gewesen? Wie kannst du ohne ein Wort verschwinden … und dann einfach mit dieser … dieser Zigeunerin … im Schlepptau hier auftauchen?“

Dione verkniff sich ein Schmunzeln. Die wenigsten Leute wären so unvermittelt und ungehobelt zum Angriff übergegangen, aber diese junge Frau vor ihr hatte offensichtlich einiges von der Entschlossenheit, die Richard ihr als typisches Merkmal von Blake Remington beschrieben hatte. Dione wollte gerade anheben und erklären, wie es sich wirklich verhielt, doch Richard kam ihr zuvor.

„Dione“, sagte er und warf seiner Frau einen kühlen Blick zu. „Ich möchte Ihnen meine Frau Serena vorstellen. Serena, das ist Dione Kelley. Ich habe Miss Kelley als Blakes neue Therapeutin engagiert und war in Florida, um sie abzuholen und hierherzubringen. Ich habe im Vorfeld nichts davon erzählt, weil ich nicht darüber streiten wollte. Ich habe sie engagiert. Punkt aus. Ich denke, das beantwortet alle deine Fragen.“ Der Sarkasmus am Ende seiner kurzen Erklärung war unüberhörbar.

Serena Dylan war keine Frau, die man so leicht einschüchtern konnte. Doch jetzt waren ihre Wangen gerötet. Sie wandte sich Dione zu und sagte offen: „Ich möchte mich entschuldigen, auch wenn ich nicht schuld bin an diesem Missverständnis. Wenn mein Mann es für angebracht gehalten hätte, mich über seine Pläne zu informieren, hätte ich Sie sicher etwas freundlicher begrüßt.“

„Das verstehe ich.“ Dione lächelte. „Ich hätte mich an Ihrer Stelle vermutlich nicht anders verhalten.“

Serena lächelte zurück, dann trat sie vor und gab ihrem Mann einen verspäteten Kuss auf die Wange. „Na schön, ich verzeih dir“, seufzte sie, „obwohl ich fürchte, dass du deine Zeit verschwendet hast. Du weißt, dass Blake das nicht akzeptieren wird. Er erträgt es nicht, ständig jemanden an seiner Seite zu haben, und er ist schon genug gebeutelt und bearbeitet worden.“

„Offensichtlich nicht, denn sonst könnte er jetzt wieder laufen“, warf Dione selbstbewusst dazwischen.

Serena blickte sie zweifelnd an, dann zuckte sie mit den Schultern. „Wie gesagt: Ich denke, dass Sie Ihre Zeit verschwenden. Dem letzten Therapeuten, den Richard engagiert hat, hat Blake jegliche Kooperation verweigert, und ich fürchte, bei Ihnen wird er seine Meinung nicht ändern.“

„Ich würde ihn gerne selbst sprechen, wenn ich darf“, beharrte Dione freundlich.

Serena stand fast da wie eine vor dem Thronsaal postierte Garde. Ihre ganze Körperhaltung signalisierte, dass sie sich als Beschützerin ihres Bruders fühlte. Ein keineswegs ungewöhnliches Verhalten. Nach einem schweren Unfall war es häufig so, dass die Familienmitglieder den Verunglückten eine Zeit lang übermäßig hegten und umsorgten. Wenn Serena erst einmal realisierte, dass Dione einen Großteil von Blakes Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen würde, dann würde sie sich vielleicht wieder ihrem Ehemann in dem Maße zuwenden, wie er es verdiente.

„Zu dieser Tageszeit ist Blake meistens auf seinem Zimmer“, sagte Richard und fasste Dione am Arm. „Hier entlang.“

„Richard!“ Wieder stieg Serena die Röte ins Gesicht, diesmal vor Zorn. „Er hat sich zum Schlafen hingelegt! Lass ihn doch wenigstens so lange in Ruhe, bis er herunterkommt. Du weißt genau, wie schlecht er nachts schläft. Wenn er nun schon mal ruht, dann lass ihm seine Zeit!“

„Schläft er jeden Mittag?“, fragte Dione. Kein Wunder, dachte sie, dass er nachts nicht schlafen kann.

„Er versucht es, aber meistens sieht er danach müder aus als vorher.“

„Dann ist es auch nicht schlimm, wenn wir ihn stören, oder?“, fragte Dione, die fand, dass sie nicht früh genug anfangen konnte, ihre Autorität zu untermauern. Sie bemerkte ein leichtes Zucken auf Richards Lippen, das den Anflug eines Lächelns signalisierte. Mit seiner Hand, die immer noch warm und fest ihren Ellbogen umfasste, führte er sie zu der breiten, ausladenden Treppe. Dione konnte den stechenden Blick förmlich spüren, den Serena ihr hinterherwarf. Dann hörte sie das Geräusch von Absätzen, die ihr die Treppe hinauf folgten.

Von der Anlage des Hauses her vermutete Dione, dass man von allen Räumen des ersten Stocks Zugang zu der eleganten Galerie hatte, die auf der Innenhofseite um das Gebäude herum verlief. Als Richard an eine der Türen klopfte, die für den Rollstuhl verbreitert worden waren, und sie auf eine leise Antwort hin öffnete, sah sie ihre Annahme bestätigt – zumindest in Bezug auf dieses Zimmer. Der riesige Raum war durchflutet vom Sonnenlicht, die Vorhänge waren geöffnet, die Glasschiebetüren hingegen, die auf die Galerie führten, waren geschlossen.

Die Silhouette des Mannes am Fenster hob sich gegen das strahlende Licht ab: eine geheimnisvolle, melancholische, an den Rollstuhl gefesselte Gestalt. Unvermittelt streckte die Gestalt ihren Arm aus, zog an einer Kordel und schloss die Vorhänge mit einem Ruck. Dione blinzelte kurz, bis sich ihre Augen an das plötzliche Dämmerlicht gewöhnt hatten. Dann sah sie den Mann wieder deutlich vor sich und musste vor Schreck mehrmals schlucken.

Sie hatte geglaubt, auf alles vorbereitet zu sein. Richard hatte ihr gesagt, dass Blake abgenommen und sich sein Erscheinungsbild rapide verschlechtert hätte. Aber erst jetzt, wo sie ihren neuen Patienten vor sich hatte, erkannte sie, wie ernst sein Zustand wirklich war. Der Kontrast zwischen dem Mann im Rollstuhl und dem lachenden Mann auf dem Foto war so groß, dass sie die beiden nicht für dieselbe Person gehalten hätte, wären da nicht die dunklen blauen Augen gewesen. Allerdings funkelten die nicht mehr, sondern wirkten träge und leblos. Dennoch: an ihrer außergewöhnlichen Farbe änderte das nichts.

Blake war nicht einfach nur dünn, er war abgemagert. Er musste seit der Zeit, in der das Foto aufgenommen worden war, um die fünfzig Pfund verloren haben, und seine Muskeln waren völlig verkümmert. Seine braunen Haare waren stumpf von der schlechten, einseitigen Ernährung und so struppig, als wären sie lange Zeit nicht mehr gekämmt worden. Seine Haut war blass, die Wangen eingefallen.

Dione hielt sich äußerlich aufrecht und gefasst, aber innerlich sackte sie vor Erschütterung zusammen. Ihr Job brachte es mit sich, dass sie in das Leben ihrer Patienten hineingezogen wurde und mit ihnen fühlte. Aber nie zuvor war die Empathie so groß gewesen wie jetzt, wo sie den Eindruck hatte, auch in ihr würde etwas absterben. Nie zuvor hatte sie den Drang verspürt, gegen das Schicksal aufzubegehren, so wie gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Blakes perfekten Körper zu einem hilflosen Bündel reduziert hatte. Seine Qualen und seine Verzweiflung waren in seine ausgemergelten Gesichtszüge eingraviert. Sein steifes Skelett trat deutlich hervor. Unter seinen dunkelblauen Augen lagen tiefe Augenränder, an den Schläfen zeigten sich erste graue Haare. Sein einstmals kräftiger Körper hing schlaff im Rollstuhl, seine Beine wirkten unbeholfen in ihrer Bewegungslosigkeit.

Dione sah sofort, dass Richard recht hatte: Blake Remington wollte nicht mehr leben.

Er musterte sie ohne ein Fünkchen Interesse, dann wandte er sich wieder Richard zu. Es war, als existierte sie gar nicht.

„Wo bist du gewesen?“, fragte er rundheraus.

„Ich war geschäftlich unterwegs“, erwiderte Richard

mit einer Stimme, die so kalt war, dass sie den ganzen Raum abzukühlen schien. Dione ahnte, dass er beleidigt war, weil sein Handeln von allen Seiten hinterfragt wurde. Richard mochte Blakes Angestellter sein, doch er war ihm in keiner Weise unterlegen. Und er war Serena immer noch böse wegen der Szene, die sich gerade abgespielt hatte.

„Er ist so wild entschlossen“, seufzte Serena und stellte sich neben ihren Bruder. „Er hat eine neue Therapeutin für dich engagiert, Miss … äh, Diane Kelley.“

„Dione“, korrigierte Dione freundlich.

Desinteressiert wandte sich Blake ihr erneut zu und musterte sie wortlos. Dione stand ruhig da, beobachtete ihn, erwartete eine Reaktion – doch die kam nicht. Richard hatte ihr gesagt, dass Blake stets Blondinen bevorzugt hatte, aber selbst wenn ihre schwarzen Haare ein paar Abzugspunkte gaben, hätte Dione doch erwartet, Blake anmerken zu können, dass er eine Frau betrachtet. Sie rechnete immer damit, dass Männer sie anstarrten, sie war damit aufgewachsen. Und dennoch versetzte jeder interessierte Blick sie stets aufs Neue in Panik. Sie war eine Frau, die aus der Menge hervorstach, damit hatte sie sich mittlerweile abgefunden. Aber natürlich betrachtete sie es als Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet sie, der es unmöglich war, die Berührungen eines Mannes zu ertragen, geschweige denn zu genießen, mit einem so verführerischen Aussehen gesegnet war, dass sich die Männer den Hals nach ihr verrenkten.

Sie wusste genau, welchen Anblick sie gerade bot. Sie hatte ihre Kleidung extra für den Anlass und mit Blick auf ihre Wirkung sorgfältig ausgewählt. Dabei war es ihr egal, ob sie einschüchternd oder gewinnend wirkte, Hauptsache, ihr Aussehen überzeugte ihn, mit ihr zu kooperieren.

Sie hatte ihr dichtes schwarzes Haar in der Mitte gescheitelt, im Nacken zu einem strengen Knoten gebunden und mit einem goldenen Kamm festgesteckt. Passend dazu trug sie große goldene Ohrringe. Serena hatte sie eine Zigeunerin genannt, was vielleicht an ihrem gebräunten, honigfarbenen Teint lag. Sie hatte katzenhafte, mandelförmige Augen, die geheimnisvoll golden leuchteten und von dichten schwarzen Wimpern eingefasst waren. Mit ihren hohen Wangen- und ihren markanten Kieferknochen sah sie fernöstlich und exotisch aus. Ein Jahrhundert zuvor hätte sie eine ideale Haremskandidatin abgegeben.

Sie trug einen weißen Hosenanzug, der zugleich chic und sportlich wirkte und ihre festen Brüste wunderbar zur Geltung brachte, vor allem, wenn ihre Hände, wie jetzt, in den Hosentaschen steckten. Ihre Figur war schlank und anmutig, von ihrer schmalen Taille über ihren wohlgerundeten Po bis hinunter zu den langen, grazilen Beinen. Blake mochte all das nicht registriert haben, seine Schwester hingegen hatte es sehr wohl bemerkt und prompt mit glühender Eifersucht reagiert. Es war klar: Sie wollte Dione weder in der Nähe ihres Mannes noch ihres Bruders haben.

Nach langem Schweigen schüttelte Blake langsam den Kopf. „Nein. Nimm sie einfach wieder mit, Richard. Ich möchte nicht weiter belästigt werden.“

Dione warf Richard einen Blick zu, dann trat sie einen Schritt vor, nahm die Situation selbst in die Hand und versuchte, Blakes Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Es tut mir leid, dass Sie so denken, Mr. Remington“, sagte sie mit sanfter Stimme, „denn ich werde in jedem Fall bleiben. Schauen Sie, ich habe einen Vertrag, und ich pflege meine Verträge einzuhalten.“

„Ich entbinde Sie von Ihrer Verpflichtung“, murmelte er, wandte seinen Kopf ab und schaute wieder aus dem Fenster.

„Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich werde Sie nicht aus der Pflicht nehmen. Ich weiß, dass Sie Richard zu Ihrem Bevollmächtigten gemacht haben. Deshalb ist der Vertrag wirksam. Und dieser Vertrag legt fest, dass ich als Ihre Therapeutin angestellt bin und in diesem Haus wohnen werde, bis Sie wieder laufen können. Hierfür ist keine Frist gesetzt.“ Sie beugte sich vor, legte ihre Hände auf die Lehnen des Rollstuhls und schob ihr Gesicht ganz nah an seines heran, damit er sie ansehen musste. „Ich werde Ihr Schatten sein, Mr. Remington. Die einzige Möglichkeit für Sie, mich loszuwerden, besteht darin, eigenständig zur Tür zu gehen und sie mir zu öffnen. Niemand anders wird das für Sie tun können.“

„Sie überschätzen Ihre Kompetenz, Miss Kelley!“, sagte Serena scharf. Ihre blauen Augen hatten sich vor Wut zu schmalen Schlitzen verengt. Sie zog Dione vom Rollstuhl weg. „Mein Bruder hat gesagt, dass er Sie nicht bei sich haben möchte.“

„Das geht Sie überhaupt nichts an“, entgegnete Dione immer noch freundlich.

„Aber natürlich geht es mich etwas an! Wenn Sie glauben, ich würde Sie einfach so hier einziehen lassen … Sie meinen wohl, Sie könnten sich hier Bett und Tisch auf Lebenszeit erschleichen!“

„Ganz und gar nicht. Ich werde Mr. Remington bis Weihnachten zum Laufen gebracht haben. Und wenn Sie an meiner Kompetenz zweifeln, dann können Sie gerne einen Blick in meine Empfehlungsschreiben werfen. Aber in der Zwischenzeit halten Sie sich bitte heraus.“ Dione richtete sich wieder zu ihrer vollen Größe auf und blickte Serena fest an. Ihre ganze Willenskraft leuchtete aus ihren goldenen Augen.

„Sprechen Sie bitte nicht in diesem Ton mit meiner Schwester“, fuhr Blake scharf dazwischen.

Endlich! Eine Reaktion – auch wenn es eine verärgerte war. Mit heimlicher Freude hieb Dione weiter in die Bresche, die sie in seine Gleichgültigkeit geschlagen hatte. „Ich werde mit jedem so sprechen, der versucht, sich zwischen mich und meinen Patienten zu drängen“, stellte sie klar. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und beobachtete ihn mit verächtlich gekräuselter Lippe. „Schauen Sie sich doch an! Sie sind in einem so erbärmlichen Zustand, dass Sie trainieren müssten, um sich für die 50-Kilo-Fliegengewichtsklasse zu qualifizieren. Sie sollten sich schämen, dass Sie tatenlos zugesehen haben, wie Ihre Muskeln zu Gummi verkümmert sind. Kein Wunder, dass Sie nicht laufen können!“

Seine dunklen Pupillen flackerten auf: ein aufgewühlter, schwarzer See in einem tiefblauen Meer.

„Zum Teufel mit Ihnen!“, würgte er hervor. „Es ist verdammt schwer, Fitnessübungen zu machen, wenn man an so vielen Schläuchen und Kanülen hängt, dass man den Körper darunter kaum noch sieht!“

„Das war damals“, legte sie unerbittlich nach. „Wie sieht es heute aus? Zum Laufen braucht man Muskeln, und Sie haben keine! Mit der Figur, die Sie jetzt abgeben, würden Sie den Kampf gegen eine Fliege verlieren.“

„Und Sie glauben vermutlich, Sie müssten nur mit Ihrem Zauberstab wedeln, um meinen Motor wieder anzuwerfen?“, knurrte er.

Sie lächelte. „Mit meinem Zauberstab? So einfach ist es nun auch wieder nicht. Bei mir werden Sie härter arbeiten müssen als jemals zuvor in Ihrem Leben. Sie werden schwitzen, leiden und mich mit Flüchen überhäufen – aber Sie werden arbeiten. Kurz: Ich werde Sie wieder zum Laufen bringen, und wenn ich Sie dafür halb umbringen muss.“

„Nein, Lady, das werden Sie nicht“, sagte er mit kalter, ruhiger Stimme. „Es ist mir völlig egal, auf welche Art von Vertrag Sie sich berufen. Ich will Sie nicht in meinem Haus haben. Ich werde bezahlen, was immer Sie verlangen, um Sie loszuwerden.“

„Diese Möglichkeit stelle ich Ihnen gar nicht zur Auswahl, Mr. Remington. Eine Abfindung akzeptiere ich nicht.“

„Sie müssen mir diese Option nicht anbieten, ich wähle sie einfach!“

Als Dione in sein wutverzerrtes, zornrotes Gesicht sah, wurde ihr plötzlich klar, dass das Foto des lachenden, entspannten Mannes irreführend gewesen war, dass es in einer Ausnahmesituation entstanden sein musste, die alles andere als typisch war. Mr. Remington war ein Mann mit unbezwingbarem Willen, ein Mann, der es gewohnt war, dass die Dinge so geschahen, wie er sie sich vorstellte – und zwar nur kraft seiner Persönlichkeit und seines Willens. Er hatte jedes Hindernis in seinem Leben durch seine Entschlossenheit überwunden, bis der Sturz von der Klippe all dies geändert und ihn vor das einzige Hindernis gestellt hatte, dass er aus eigener Kraft nicht überwinden konnte. Er war nie zuvor auf fremde Hilfe angewiesen gewesen, und jetzt, wo es nicht anders ging, schaffte er es nicht, sie anzunehmen. Weil es ihm nicht gelang, seine Beine zu bewegen, glaubte er, es wäre unmöglich.

Aber Dione war ebenfalls willensstark. Anders als Blake Remington hatte sie jedoch früh gelernt, was es hieß, besiegt zu werden und Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht wollte. Doch mit ihrem stillen, störrischen Glauben an ein besseres Leben hatte sie sich immer wieder selbst aus den Tiefen der Verzweiflung herausgezogen. Dione hatte ihre Willensstärke selbst geschmiedet – im Feuer ihrer eigenen Schmerzen. Und die Frau, zu der sie geworden war, die Unabhängigkeit, die Fähigkeiten und die Reputation, die sie erlangt hatte, waren ihr zu wertvoll, als dass sie sich jetzt erlauben wollte, zurückzurudern. Das hier war die Herausforderung ihrer Karriere, und sie würde ihre geballte Willenskraft benötigen, um sie zu meistern.

Und deshalb fragte sie ihn ganz unverblümt: „Genießen Sie es, anderen Menschen leidzutun?“

Serena schnappte nach Luft, und selbst Richard entfuhr ein unwillkürlicher Laut, doch er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Dione verschwendete keinen Blick auf ihn. Sie hielt ihre Augen auf Blake gerichtet, beobachtete den Aufruhr in seinen Augen, sah, wie die Zornesröte langsam verblasste und sein Gesicht völlig weiß wurde.

„Sie Miststück“, sagte er mit hohler, brüchiger Stimme. Sie zuckte die Schultern. „Schauen Sie, so kommen wir nicht weiter. Lassen Sie uns einen Deal machen: Sie sind so schwach, dass Sie im Armdrücken gegen mich verlieren – darauf wette ich. Wenn ich gewinne, bleibe ich, und Sie akzeptieren die Therapie. Wenn Sie gewinnen, gehe ich durch die Tür da durch und komme nie wieder. Was meinen Sie?“

ZWEI

Blake hob den Kopf, kniff die Augen leicht zusammen und ließ seinen Blick über Diones schlanke, anmutige Gestalt und ihre weiblichen Reize schweifen. Sie konnte seine Gedanken lesen. Obwohl er so dünn war, wog er sicher immer noch vierzig, vielleicht sogar fünfzig Pfund mehr als sie. Und er ging davon aus, dass Männer unter normalen Umständen stärker waren als Frauen, selbst wenn sie dasselbe Gewicht hatten. Dione verkniff sich ein Lächeln, denn sie wusste, dass dies hier keine normalen Umstände waren. Blake war zwei Jahre lang völlig passiv gewesen, während sie nahezu in Topform war. Sie war Physiotherapeutin: schon von Berufs wegen musste sie kräftig sein. Sie war schlank, ja, aber jeder Zentimeter ihres Körpers bestand aus kräftigen, geschmeidigen Muskeln. Sie joggte, sie schwamm, sie machte regelmäßig Stretching, und – das Wichtigste – sie stemmte Hanteln. Denn sie brauchte eine erhebliche Armkraft, um Patienten zu bewegen, die das nicht mehr aus eigenem Antrieb konnten. Sie musterte Blakes dünne, weiße Hände und wusste, dass sie gewinnen würde.

„Tu das nicht!“, warnte Serena in scharfem Ton. Nervös knetete sie ihre Hände.

Blake drehte sich um und sah seine Schwester ungläubig an.

„Du glaubst, dass sie mich besiegen kann, stimmt’s?“, murmelte er. Doch seine Worte waren eher eine Feststellung als eine Frage.

Serena war angespannt. Sie starrte Dione mit einem eigentümlich flehenden Ausdruck an. Dione verstand: Serena wollte ihrem Bruder die Demütigung ersparen. Das wollte sie selbst auch. Aber vor allem wollte sie, dass er in die Therapie einwilligte. Deshalb war sie zum Äußersten bereit, nur um ihm vor Augen zu führen, was er sich selbst antat. Sie versuchte, diesen Gedanken mit ihrem Blick zu übermitteln, denn laut konnte sie ihn nicht aussprechen.

„Antworte mir!“, brüllte Blake unvermittelt. Er war aufs Äußerste angespannt.

Serena biss sich auf die Unterlippe. „Ja“, sagte sie schließlich, „ich glaube, sie kann dich besiegen.“

Alle schwiegen, und Blake saß wie versteinert da. Dione, die ihn aufmerksam beobachtete, spürte den Moment, in dem er seine Entscheidung fällte. „Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden, stimmt’s?“, sagte er herausfordernd und wendete den Rollstuhl mit einem schnellen Knopfdruck. Dione folgte ihm zu seinem Schreibtisch, neben dem er den Rollstuhl parkte.

„Besser wäre es, wenn Sie keinen motorisierten Rollstuhl hätten“, bemerkte sie wie nebenbei. „Ein manuell bedienbarer Rollstuhl hätte Ihren Oberkörper entsprechend fit gehalten. Dies ist ein sehr moderner, schicker Rollstuhl, aber er tut Ihnen nicht gut.“

Er warf ihr einen nachdenklichen Blick zu, ging aber nicht weiter auf ihre Bemerkung ein. „Setzen Sie sich“, bat er und deutete auf den Platz an seinem Schreibtisch.

Dione ließ sich Zeit. Sie fühlte keine Genugtuung und Freude über ihren bevorstehenden Sieg. Das Armdrücken war ein notwendiges Übel, ein Punkt, den sie in der Auseinandersetzung mit Blake holen musste, mehr nicht.

Sie richteten sich so lange auf ihren Plätzen ein, bis sie endlich mit ihren Positionen zufrieden waren. Richard und Serena postierten sich zu beiden Seiten des Schreibtischs. Dione stützte ihren rechten Ellbogen auf der Tischplatte ab und griff mit der linken Hand an ihren Bizeps. „Ich bin fertig, wenn Sie es sind“, sagte sie.

Blake hatte den Vorteil, einen längeren Arm zu besitzen, und Dione wurde klar, dass sie all ihre Kraft benötigen würde, um gegen diese Hebelwirkung anzukommen. Er stellte seinen Arm gegen ihren und schlang seine Finger um ihre sehr viel kleinere Hand. Flüchtig musterte er ihre anmutigen Finger und das zarte Rosa ihres Nagellacks, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Wahrscheinlich glaubte er, im Handumdrehen gewinnen zu können.

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