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Lassiter Sammelband 1796 - Western

Inhalt

Jack Slade
Lassiter - Folge 2269
Das Telegramm aus Helena war um sieben Uhr in der Frühe gekommen. Der Papierstreifen war aus dem Ticker gerattert und hatte sich wie eine Giftschlange auf dem Schreibtisch von John Bell zusammengerollt.

"Noch etwas, Mr. Bell?", fragte Bells Sekretärin und klapperte mit dem Teegeschirr. "Oder darf ich gehen?"

Bell hörte seiner Bediensteten nicht zu. Er war ein Mann Mitte vierzig, hatte grau meliertes Haar und trug einen silbernen Ehering am Finger. Er hatte eine Familie, die missbilligen würde, was das Telegramm aus dem Gouverneursbüro von ihm verlangte.

"Nein, Eliza", sagte Bell. "Nein, gehen Sie nur."


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Lassiter - Folge 2270
Ein milder Spätsommertag. Der Fluss rauschte, die Vögel zwitscherten, einige Squaws sangen, das Licht der Nachmittagssonne glitzerte auf den Wellen des Rapid Creek. White Mare schloss die Augen und sog den Duft des Waldes und des Wassers ein. Die Luft roch nach Leben und Liebe, nicht einmal ein Hauch von Tod und Verderben lag in ihr. Dabei war beides so nah.

Hier, am Oberlauf des Rapid Creek, drei Reitstunden vom Sommerlager entfernt, sammelten sie Beeren: fünf Squaws und zwei Krieger der Crow. Einer stand breitbeinig im seichten Uferwasser und zielte mit seinem Jagdbogen auf einen Fisch. Der zweite kniete neben Little Red Feather vor der Brombeerhecke. Das Paar zupfte Beeren, kicherte, neckte einander. White Mare sah noch, wie der Krieger im Uferwasser die Sehne losließ - dann krachte der erste Schuss.


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Lassiter - Folge 2271
"Was hast du denn, Billy?" Das junge Mädchen streichelte den Hals ihres Ponys und sah sich ängstlich um. Billy schnaubte und blähte die Nüstern. Es war offensichtlich, dass das Tier etwas gewittert hatte, aber Georgina hörte nur den Wind in den Bäumen. "Na gut", flüsterte sie und spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. "Dann reiten wir schnell zurück nach Hause."

Sie zog die Zügel an, und Billy war nur zu bereit, ihrem Befehl Folge zu leisten. Das Pony drehte sich so schnell um seine eigene Achse, dass Georgina fast aus dem Sattel gerutscht wäre. "Ruhig, mein Guter!", rief sie, doch das sonst so gehorsame Pferd ließ sich nur mühsam im Zaum halten. Knackende Äste links von ihr im Unterholz ließen sie herumfahren.


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Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Fanal im Morgengrauen
  4. Vorschau

Fanal im Morgengrauen

Das Telegramm aus Helena war um sieben Uhr in der Frühe gekommen. Der Papierstreifen war aus dem Ticker gerattert und hatte sich wie eine Giftschlange auf dem Schreibtisch von John Bell zusammengerollt.

»Noch etwas, Mr. Bell?«, fragte Bells Sekretärin und klapperte mit dem Teegeschirr. »Oder darf ich gehen?«

Bell hörte seiner Bediensteten nicht zu. Er war ein Mann Mitte vierzig, hatte grau meliertes Haar und trug einen silbernen Ehering am Finger. Er hatte eine Familie, die missbilligen würde, was das Telegramm aus dem Gouverneursbüro von ihm verlangte.

»Nein, Eliza«, sagte Bell. »Nein, gehen Sie nur.«

Das Haus der Familie Bell erhob sich auf einem Hügel außerhalb von Elkhorn und war mit seinen viktorianischen Säulen und der zweireihigen Fensterfront ein ungewohnter Anblick in der Gegend. Man hatte es nach Plänen des britischen Architekten Archibald Cumberland errichten lassen, der zu diesem Zweck und auf Drängen von Margareth Bell eigens über den Atlantik gereist war. An kühlen Abenden wie diesem pfiff der Nordostwind durch die Säulenreihe und brachte einen zum Frösteln, sobald man vor die Tür trat.

»Wie lange willst du noch hier draußen stehen?«, fragte Margareth Bell und verschränkte die Arme vor dem Körper. Sie hatte ihr graues Haar schon zur Nachtfrisur gebunden und lehnte gelangweilt in der Eingangstür. »Der Sternenhimmel läuft nicht weg, John.«

Der Mann vor dem Haus sagte nichts und blickte auf das schneebedeckte Felsmassiv des Eldon Mountain, über dem Myriaden von Sternen leuchteten. Die Nächte in Montana waren so klar wie an keinem anderen Ort, den John Bell in seinem Leben zuvor besucht hatte.

»Geh doch schlafen, Margareth«, sagte Bell mit sanfter Stimme. Er wandte sich nicht nach seiner Frau um. »Ich stehe nur hier draußen und sinne nach.«

»Aus ebendiesem Grund sorge ich mich«, versetzte Margareth und trat ins Freie. Sie trug einen Wollumhang um die Schultern, den sie nun fester um den Hals zog. »Es sieht dir nicht ähnlich, so grüblerisch zu sein.«

Über Bells Gesicht ging ein mattes Lächeln. Er hätte sich durchaus fragen können, was ihm überhaupt noch ähnlich sah, aber er beschränkte sich darauf, über die ungewollte Ironie in der Bemerkung seiner Frau zu lächeln. Sie konnte nicht wissen, was ihn umtrieb, und er verspürte keinen Drang, sie in seine Gedankengänge einzuweihen. »Mir ist nicht wohl, Margie. Das ist alles. Du musst keine Sorge haben.«

Die Hände seiner Frau glitten über seine Schultern und schoben sich in seine Armbeugen. Einen Augenblick darauf spürte Bell das Haupt seiner Frau auf dem Rücken. Sie schmiegte sich an ihn und wusste genau, dass sie ihn damit weichkochen konnte.

»Die Dinge liegen schwierig«, sagte Bell. »Ich mag wirklich nicht darüber reden, Liebes.«

Margareths Arme schlangen sich um seine Taille und verharrten in dieser Haltung. Die Stimme seiner Frau klang warm und sanft. »Mich kannst du nicht belügen, John. Du bist wie ein Geist aus dem Büro gekommen. Irgendetwas stimmt nicht.« Sie küsste sein Schulterblatt. »Ich will wissen, was dich quält.«

Über den Bergen ging eine Sternschnuppe nieder, glühte auf und verlosch. Bell runzelte die Stirn und rang eine Weile mit sich. Er wollte Margareth nicht in etwas hineinziehen, was ihrer aller Verderben sein konnte. »Es wird dich nicht interessieren.« Er zögerte. »Am Morgen ist ein Telegramm aus Helena gekommen. Es wurde im Gouverneursbüro aufgegeben.«

»Vom Gouverneur?«, fragte Margareth und hob erstaunt den Kopf. »Aus seinem Büro?«

Bell nickte und trat in die Nacht hinaus. Er lauschte dem Wind in den Sträuchern und blickte wieder in die Berge. Vor zwei Wochen hatte es am Crayol’s Peak den ersten Schnee gegeben. »Man verlangt von mir, dass ich die Sache mit der Broken Arrow Ranch endlich zu Ende bringe. Ich habe jedoch nicht die geringste Vorstellung, wie es mir gelingen könnte.«

Mit langsamen Schritten folgte Margareth ihrem Mann. Sie steckte sich das Haar hinter dem Kopf fest und kniff die Lippen zusammen. »Nötigenfalls musst du tun, was erforderlich ist, John. Als frisch gewählter County-Inspektor darfst du dir keinen Fehler erlauben.«

Durch Bells Kopf rauschten die Erinnerungen an die Wahlnacht, die er und seine Anhänger in einem Saloon in Elkhorn gefeiert hatten. Man hatte bis zum letzten ausgezählten Stimmzettel gezittert, doch dann hatte das Ergebnis festgestanden. Der Inspektor für den Rinderhandel im County würde künftig John Bell heißen.

»Ich werde mir keinen Fehler erlauben«, erklärte Bell fast ärgerlich. Er ballte die Faust in der Tasche und drehte sich zu seiner Frau um. »Ich darf es nicht, Margie. An der verdammten Broken Arrow Ranch hängt unsere ganze Zukunft.«

Seine Gattin kam lächelnd auf ihn zu und strich ihm den Hemdkragen glatt. Sie hatte sich mit ihren Ansprüchen zurückgenommen, seit er seine Kandidatur erklärt hatte, doch nun sollten sie und die Kinder bekommen, was ihnen zustand.

»Mein Mann begeht keine Fehler«, meinte Margareth und küsste Bell auf die Lippen. »Der alte Zausel auf der Broken Arrow Ranch darf uns nicht im Weg stehen. Du musst mit Hutcher reden.«

Der Nachtwind frischte auf und fuhr Bell in die Haare. Er nahm einen tiefen Atemzug und kehrte zum Haus zurück. An der Tür blieb er stehen und schlug sich den Dreck von den Stiefeln. »Hutcher? Er wird mir vorschlagen, dass wir Bill Richards umlegen. Ich kann ihn nicht um Hilfe bitten.«

Margareth streckte die Arme und dehnte sich. Unter dem silbernen Mondlicht wirkte sie gut zwanzig Jahre jünger. »Was wäre so schlimm daran? Hutcher findet gewiss einen Weg, dass die Schuld nicht auf dich fällt.«

»Hutcher ist ein Mörder und Dieb«, widersprach Bell gereizt. Er hatte die Diskussion zu oft mit Margareth geführt. »Ich werde nicht meinen Posten aufs Spiel setzen, indem ich ihn um Hilfe bitte.«

»Dein Posten steht ohnehin auf dem Spiel«, warf Margareth ein. Sie lief auf Bell zu und blieb dicht vor ihm stehen. »Was hast du schon zu verlieren? Der Posten ist wichtiger als der alte Richards, der seine besten Tage hinter sich hat.« Sie nahm seine Hände und umschloss sie fest. »Der Gouverneur will, dass die Sache ein Ende hat. Du solltest ihm diesen Gefallen tun.«

Die Worte seiner Frau legten sich wie ein Schatten auf Bells Gemüt. Er hatte ähnliche Gedanken gehegt, als er das Telegramm am Vormittag in der Hand gehalten hatte, doch solche Dinge ausgesprochen zu hören, das war eine andere Sache. Er sann über Hutcher nach und wusste plötzlich, dass dessen Methoden ihn Kopf und Kragen kosten konnten. »Ich weiß nicht, Margareth. Es muss einen anderen Weg geben.«

Auf Margareths schmalen Lippen erschien ein listiges Lächeln. Sie legte erneut die Arme um ihren Mann und küsste ihn hingebungsvoll.

»Es gibt keinen anderen Weg«, sagte Margareth. »Nicht bei Bill Richards.«

***

Der ruhigste Ort auf der Broken Arrow Ranch war zweifellos der Heuspeicher über der alten Scheune. Er war kaum länger als vierzig Fuß und befand sich unter einem löchrigen Holzschindeldach, durch das im Winter der Schnee peitschte. Vom Heuvorrat der letzten Jahre waren lediglich verstreute Häufchen übrig, die jedoch ein hervorragendes Nachtlager abgaben.

»Zieh dich aus!«, flüsterte Mary Richards dem groß gewachsenen Mann zu, der vor ihr hockte und sie eben leidenschaftlich geküsst hatte. Außer einem Mieder und der dazugehörigen Korsage trug die brünette Rancherstochter nichts mehr am Leib. »Im Haus kann man nicht hören, was hier oben vor sich geht.«

Der breitschultrige Fremde mit dem sandblonden Haar zögerte und streifte dann das aufgeknöpfte Hemd von den Schultern. Er fasste nach Marys Hand und führte sie an seine beharrte Brust. »Bist du sicher? Ich will keinen Ärger mit deinem Vater.«

Die Rancherstochter kicherte verlegen und fuhr mit zwei Fingern durch die schwarzen Locken. »Vater schläft längst um diese Zeit, und meine Mutter kümmert sich nicht darum. Sie geht früh zu Bett.« Sie neigte den Kopf zur Seite und seufzte. »Zieh dich aus, Lassiter! Ich will nicht länger warten.«

Der Mann der Brigade Sieben vergeudete keine Zeit und kleidete sich bis auf die Unterhose aus. Er hatte sich den ganzen Nachmittag über am Riemen gerissen, doch nun wollte er die schöne Rancherstochter haben.

»Wie kräftig du bist!«, flüsterte Mary und glitt mit den Händen an seinem Oberkörper hinauf. »Ich lasse mich nie mit den Kerlen aus der Stadt ein. Aber für dich mache ich eine Ausnahme, hörst du?«

Statt etwas zu erwidern, nahm Lassiter seine Geliebte in die Arme und zog sie ins Heu hinunter. Er knöpfte ihr die Korsage auf und schob eine Hand darunter. »Willst du es wirklich, Mary? Ich möchte nicht, dass es dich am Morgen reut.«

»Nie und nimmer!«, flüsterte Mary inbrünstig und tastete nach seinem Hosenlatz. Sie knöpfte die Hose auf und griff nach dem steif werdenden Pint ihres Geliebten. »Ich hatte seit Jahren keinen schönen Mann mehr im Haus. Die Cowboys aus der Stadt sind ungehobelte Kerle, die nichts von Frauen verstehen.«

Die Korsage rutschte von den vollen Brüsten der Rancherstochter und fiel herunter. Mary schob das Kleidungsstück zur Seite und schmiegte sich mit ihrem weichen Leib an den Körper ihres Geliebten. Sie öffnete leicht die Schenkel und schob zwei Finger in ihre feuchte Scham.

Kurz darauf stöhnte Mary vernehmlich.

»Nicht so eilig«, flüsterte Lassiter und zog ihre Hand zwischen den Beinen hervor. Er küsste Mary und sog den Duft ihrer Haut ein. »Willst du uns die ganze Freude verderben? Wir haben die ganze Nacht für uns.«

»Aber ich halt’s nicht mehr aus, Lassiter!«, hauchte Mary voller Lust. Sie packte Lassiters Hand und führte sie an ihren Liebestempel. »Merkst du nicht, wie nass ich bin? Ich kann nicht mehr warten! Nicht bei einem Mann wie dir!«

Ohne ein weiteres Wort drückte die Rancherin den Unterleib an Lassiters gekrümmte Finger und rieb sich daran. Sie schloss die Augen und begann laut zu stöhnen. Als sie vor Wollust zu zittern begann, fasste sie nach Lassiters Männlichkeit und drückte sie sich zwischen die Beine.

»Dreh dich um!«, befahl Lassiter und warf die schlanke Brünette herum. Die Rancherstochter stöhnte auf und wiegte verführerisch mit dem Hintern. Sie schloss die Augen und überließ ihrem Geliebten das Zepter.

Der großgewachsene Mann ließ sich nicht lumpen.

Er legte die Hände sanft um ihre Hüften und setzte zu einer Salve harter Stöße an. Nach einigen Minuten rann Mary der Schweiß über den Rücken und glänzte im Schein der Wandlaterne. Die Rancherin spreizte die Beine noch stärker, vergrub das Gesicht in den Laken und seufzte vor Ekstase.

Als Mary es nicht mehr aushielt, warf sie die kastanienbraunen Haare in die Luft und wollte ihre Lust herausschreien. Ehe die verräterischen Laute jedoch über ihre Lippen kamen, hielt Lassiter ihr den Mund zu. Er verringerte die Kraft seiner Stöße, nur um im nächsten Augenblick noch heftiger damit fortzufahren.

Einige Sekunden darauf hielt es Mary nicht mehr aus.

Sie atmete ihre Lust in Lassiters Hand, die ihren Mund umklammert hielt, und kam in einer Welle aus Erregung und lustvollem Schmerz.

Als sich Lassiter wieder zu bewegen begann, wich alle Kraft aus Marys zartem Körper. Die Rancherstochter sank leicht wie eine Feder ins Heu und gab ein wohliges Stöhnen von sich. Unmittelbar darauf kam auch Lassiter.

»Himmel!«, flüsterte Mary und vermochte die Augen nicht zu öffnen. Sie tastete nach Lassiters starken Schultern und hielt sich daran fest. »Solch ein Schäferstündchen ist jede Gefahr wert.«

Sie lauschten ihren gehetzten Atemstößen, die nur langsam zur Ruhe kamen. Lassiter legte den Arm um Mary und sank neben ihr ins Heu.

Zum ersten Mal seit ihrem Kennenlernen sahen sie sich lange in die Augen. Die Irisringe leuchteten im Flammenschein wie zwei Diamantscheiben.

»Mary! Mary, zum Kuckuck!«

Die Stimme von Marys greisem Vater drang aus der Scheune herauf. Die Rancherstochter verdrehte die Augen, rollte sich zur Seite und starrte zur Speicherleiter.

»Verflucht«, sagte sie nach einer Weile. »Wahrscheinlich hat Papa etwas mitbekommen. Seine Ohren sind immer noch gut.«

Lassiter stützte sich auf und sah ebenfalls zur Leiter. Er fuhr mit zwei Fingern über Marys Oberarm. »Dann sollte ich verschwinden, solange mir noch Zeit bleibt. Ich habe ein Zimmer in der Stadt.«

»Vergiss dein Zimmer!«, zischte Mary und funkelte ihn vorwurfsvoll an. »Könnte dir so passen, dass du dich nach getaner Arbeit aus dem Staub machst! So leicht kommst du mir nicht davon! Ich will noch eine Runde, hörst du?« Ihr Blick sprang wieder zur Leiter. »Um Vater mach dir keine Sorgen. Er hat morgen schon wieder vergessen, was er in der Nacht gehört hat. Ich werd’ ihm sagen, dass du der neue Vorarbeiter für das Roundup bist.«

Der Alte unter in der Scheune hustete und rief erneut nach seiner Tochter. »Mary, Kind! Hörst du nicht?«

Geschmeidig wie eine Katze stand Mary auf und schlüpfte in ihre Pantoffeln. Sie zog sich ihr Nachtkleid über und hauchte Lassiter einen Kuss auf die Wange. »Gedulde dich ein paar Minuten, mein Lieber! Ich werde ihm einen Tee brühen und ihn wieder ins Bett schicken. Er wacht manchmal in der Nacht auf und strolcht herum.«

Durch ein knappes Nicken gab Lassiter zu verstehen, dass er einverstanden war. Er sank ins Heu zurück und verfolgte die Handgriffe der Rancherin.

Mary warf ihm einen Kuss zu und stieg die Leiter hinunter.

***

Seit die erste Postkutsche von Deadwood nach Miles City gerollt war, hatte man am Powder River nichts mehr von den Cheyenne gehört, die sich im Südosten des Montana-Territoriums niedergelassen hatten. Die Stämme hatten sich weitestgehend ruhig verhalten, nachdem am Mizpah Creek ein US-Soldat erschossen und acht Cheyenne gefangen genommen worden waren. Die Angst vor der vermeintlichen Bestialität der Indianer war dennoch nicht gewichen.

Lassiter schlug die Mappe mit den Zeitungsberichten zu und legte sie auf die Anrichte zurück. Er hatte eine halbe Stunde darin geblättert und wusste nun, dass Bill Richards kein Freund der Cheyenne war. Der alte Rancher hatte akribisch jede Veröffentlichung gesammelt, die über die Indianerangriffe am Powder River erschienen waren.

»Tee?«

Der sanfte Tonfall von Mary Richards riss den Mann der Brigade Sieben aus seinen Gedanken. Er wandte sich von der Anrichte ab und lächelte die brünette Rancherstochter an. »Gern. Wo steckt dein Vater?«

Scheu reichte ihm Mary einen Tonkrug und griff nach der Mappe mit den Zeitungsausrissen. Sie verstaute die Sammlung in einer Schublade und lächelte verlegen. Nichts an Mary deutete auf die feurige Lilith hin, die sie noch vor ein paar Stunden in der Kammer gewesen war. »Er ist hinüber zu den Pferden gegangen und will sich einen Sattel für den Tag aussuchen. Mutter sitzt im Esszimmer und strickt. Sie haben nicht mitbekommen, was zwischen dir und mir gewesen ist.«

»Wie du es vorausgesagt hast«, erwiderte Lassiter mit einem Lächeln. »Bring mich zu deinem Vater! Vielleicht kann ich ihm helfen.«

»Du musst auf der Ranch nicht helfen«, sagte Mary und trat auf ihn zu. Sie küsste Lassiter sacht aufs Kinn. »Willst du nicht in die Stadt zurück?«

Hätte Lassiter behauptet, dass ihm dieser Gedanke am Morgen nicht durch den Kopf gegangen sei, es wäre eine Lüge gewesen. Über den Ritt nach Elkhorn hatte er bereits nachgedacht, als Mary noch geschlafen hatte. Ohne Auftrag der Brigade Sieben in der Tasche konnte sich Lassiter jedoch ein paar Tage Müßiggang leisten.

»Du sprichst so wenig«, stellte Mary fest und wich einen Schritt zurück. »Hat dir die Nacht nicht gefallen?«

Die Arglosigkeit seiner Gefährtin ließ Lassiter schmunzeln. Er blieb stehen und küsste die Rancherstochter. »Mir hat die Nacht außerordentlich gut gefallen. Bring mich zu deinem Vater! Ein paar Stunden Arbeit an der frischen Luft werden mir gut tun.«

Die nussbraunen Augen der Rancherin leuchteten vor Freude. Sie hakte sich bei Lassiter unter und führte ihn auf den Hof hinaus. Als sie den gemauerten Brunnen hinter sich gelassen hatten, blieb Mary stehen und wies auf die grasbestandenen Hügel in der Morgensonne. »Die Ranch besitzen wir seit über zehn Jahren. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als Vater die Kaufurkunde unterschrieb. Er war voller Hoffnung, dass Montana uns Glück bringen würde.«

Sie gingen ein Stück weiter und sahen den Rindern auf der Nordweide zu. Die Herde hatte sich über Nacht kaum vom Fleck bewegt und strebte nun auf den Flusslauf des Powder River zu.

»Was ist mit deinem Vater?«, fragte Lassiter. »Ihm scheint es nicht gut zu gehen.«

Der Blick der Rancherstochter verharrte auf der Rinderherde. »Er war gesund bis vor wenigen Jahren. Dann ging es ihm von einem Tag auf den anderen schlechter. Er vergaß mit einem Mal, wer er war und was er tat.« Sie verstummte kurz. »Es war eine schwere Zeit.«

Aus dem nahen Stall war das Schnauben der Pferde zu vernehmen, die sich um die Heuraufe drängten. Mary schmiegte sich an Lassiters Oberarm, als tröstete sie allein die Anwesenheit des Fremden aus Elkhorn.

»Lass uns zu deinem Vater gehen«, schlug Lassiter vor. »Er kann die Hilfe brauchen.«

Seufzend schlug Mary den Weg zum Stall ein und schlenderte neben Lassiter her. Sie schilderte ihm, wie mühsam das Arbeiten mit ihrem Vater war und dass es die Verfassung ihrer Mutter nicht besser machte. »Sie wurde beinahe zur gleichen Zeit wie Vater krank. Der Doc sagt, dass es ein verschlepptes Fieber sei. Er hat ihr ein Mittelchen aufgeschrieben, aber es hat nichts geholfen.«

Vor ihnen erhob sich nun die Bretterfassade des Pferdestalls, die wie alle Gebäude der Ranch eines frischen Anstrichs bedurft hätte. Das Tor war angelehnt und schlug im Wind.

»Vater?«, rief Mary und zog das Tor auf. »Vater, wo bist du?«

Die Rancherstochter trat in die Stallgasse und schaute sich um. Sie machte ein verwundertes Gesicht und trat vor einen der Sättel an der Wand.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Lassiter, der plötzlich ein ungutes Gefühl in der Magengegend hatte. »War er nicht im Stall?«

»Vor einer halben Stunde ist er’s gewesen«, gab Mary zur Antwort. Sie klopfte mit den Fingerknöcheln gegen den abgewetzten Sattel auf dem Haken. »Sonst nimmt er immer den alten Gaucho-Sattel. Er hat ihn geliebt.« Sie drehte sich um und zählte die Pferde durch. »Zwei … vier … acht … Sie sind alle noch da.«

Das dumpfe Unwohlsein in Lassiters Magengrube wandelte sich in ernste Sorge. Sollte dem alten Richards in ihrer Abwesenheit etwas zugestoßen sein, würde Mary sich die Nacht mit ihm nicht verzeihen. »Ich sehe nach ihm. Er kann nicht weit gekommen sein.«

Sie trennten sich auf und durchkämmten jeder eine Hälfte des Stalls. Außer einem zerdrückten Hut, der Bill Richards einmal gehört hatte, fanden sie nichts von Bedeutung. Die Furcht stand Mary ins Gesicht geschrieben. »Was ist … wenn er gestolpert und irgendwo in den Fluss gestürzt ist? Er kann nicht einmal schwimmen.«

Schweigend durchsuchte Lassiter den Stall ein zweites Mal. Er schloss die hintere Tür auf, die zu den Rinderzäunen führte, und stieß auf einige Fußspuren des Ranchers. Sie führten zum Haus zurück und konnten ebenso gut vom Vortag stammen.

Plötzlich schrie Mary hinter ihm auf.

Der Mann der Brigade Sieben fuhr herum und hastete zu der jungen Frau zurück. Die Rancherstochter hatte die Hände an die Wangen geschlagen und deutete zitternd auf einen Wassertrog in der Ecke.

Über dem Trog hing der leblose Körper von Bill Richards.

Der Rancher war hinterrücks von einem Speer durchbohrt worden, der ihn buchstäblich an die Pferdetränke genagelt hatte. Das schlohweiße Haar des greisen Richards troff vor Blut.

Schwankend wich Mary zurück und prallte gegen einen Stützpfosten. Sie klammerte sich mit den Armen rücklings daran fest und starrte auf den Federschmuck am Ende des Speers.

»Cheyenne!«, stieß Mary tonlos hervor. »Es waren Cheyenne!«

»Still!«, zischte Lassiter und zog den Remington aus dem Holster. Die Angreifer konnten noch immer in der Nähe sein. »Kein Wort mehr!«

Widerwillig gehorchte Mary und rutschte mit dem Rücken am Pfosten hinunter. Sie schaute wie gebannt auf ihren toten Vater, dessen Blut allmählich im Sand versickerte.

Im nächsten Augenblick schrie die Rancherstochter erneut auf. Sie kreischte vor Entsetzen und stampfte mit den Stiefeln auf den Stallboden. Für Sekunden schien es, als würde sie vollends die Fassung verlieren.

Dann erblickte Lassiter den Grund für ihr Verhalten.

Hinter Bill Richards lag eine zweite Gestalt, die auf die gleiche Art von einem Speer durchbohrt worden war wie der Rancher selbst. Sie hatte langes weißes Haar und trug ein hellblaues Haushaltskleid. Um die Wunde hatte sich ein Kranz aus dickflüssigem Blut gebildet.

Die Tote war Marys Mutter.

Sie war zur selben Zeit wie Richards gestorben.

***

Die beiden Reiter auf den Hügelketten nördlich von Elkhorn hatten es eilig. Sie ritten in fliegendem Galopp dicht beieinander und preschten eine Verschneidung hinunter, an deren Scheitel sie auf den gewundenen Flusslauf des Powder River trafen. Kaum hatten sie das Ufer erreicht, rissen sie sich die Federhauben vom Kopf und stiegen von ihren Pferden.

»Donnerwetter!«, rief Don Hutcher aus und knickte die Adlerfedern zusammen. Er war ein kräftiger Mann von fast fünfzig Jahren, den Mutter Natur mit einer klobigen Nase und wahren Pranken von Händen gesegnet hatte. »Der Alte hätte fast sein Gewehr herausgekramt, ehe wir ihn im Stall hatten. Wär’s nach mir gegangen, hätte ich ihm ’ne Fuhre Blei verpasst.«

Der zweite Berittene war von schmalerer Statur und in beinahe jeder Hinsicht das Gegenbild zu Hutcher. Er legte die indianische Haube sorgfältig zusammen und schob sie einstweilen unter den Sattel. »Eine Fuhre Blei hätte uns nichts genutzt, Hutcher. Die Sache musste nach den Cheyenne aussehen. Ich will wegen Richards nicht ins Gefängnis wandern.«

»Ob Speer oder Blei«, grinste Hutcher, »mir ist’s einerlei!«

John Bell schüttelte den Kopf und riss seinem Gefährten die Federhaube aus der Hand. Er legte sie ebenfalls zusammen und brachte sie zu der anderen. »Sie sind einfältiger, als man mir berichtet, Hutcher. Ich hätte gedacht, dass ich einen Mann von echtem Schrot und Korn in meinen Diensten habe.«

Hutcher knurrte etwas Unverständliches und schlug seinem Pferd die Zügel über die Ohren. Er lief zum Flussufer, schöpfte mit beiden Händen Wasser und wusch sich die Kriegsbemalung aus dem Gesicht. »Hatten Sie Grund, über mich zu klagen? Ich hab’ dem Alten und seiner Frau die Speere in die Rücken gejagt, wie Sie’s verlangt haben. Für ’nen County-Inspektor reißen Sie das Maul ziemlich weit auf.«

»Ich bezahle sie nicht für Beleidigungen«, parierte Bell gereizt. Er verfluchte den Vorschlag seiner Frau, einen Mann wie Hutcher in die Sache einzuweihen. »Sie sollten mit mir einen Überfall vortäuschen, und dieser Pflicht sind Sie nachgekommen. Nun vertraue ich auf Ihre Verschwiegenheit, Hutcher.«

Der andere Mann zog sich die Stiefel aus und setzte sich ans Flussufer. Er hielt die Füße ins Wasser und gab einen wohligen Seufzer von sich. »Sie könnten meiner Verschwiegenheit auf die Sprünge helfen, hochverehrter Mr. Bell. Ein paar hundert Dollars mehr würden helfen, dass man in Helena nie von dieser Tat erfährt.«

Bell schoss das Bild jenes Telegramms in den Sinn, in dem man ihn aufgefordert hatte, die Angelegenheit auf der Broken Arrow Ranch ein für alle Mal zu beseitigen. Er wusste, dass es dabei in Wahrheit um die Yellowstone Lumber Company ging. Die Gesellschaft hatte sich im Gouverneursbüro mächtige Feinde geschaffen. Nicht wenige Würdenträger aus Montana wollten die Yellowstone Lumber austrocknen und in den Bankrott treiben.

An dieser Stelle kamen die Rinder von Bill Richards ins Spiel.

Als einziger Rancher im Montana-Territorium hatte er sich beharrlich geweigert, seinen Kontrakt mit der Yellowstone Lumber zu lösen. Er hatte darauf bestanden, dass er der Gesellschaft jedes Jahr zwanzig Rinderbullen liefern durfte, die fortan die eingeschlagenen Stämme zum Powder River schleppten. Selbst Bells Besuche auf der Broken Arrow Ranch hatten Richards nicht zum Einlenken gebracht.

Nun war der Rancher tot.

Er war von einem County-Inspektor getötet worden, der sich wiederum mit einem zwielichtigen Tagelöhner namens Don Hutcher eingelassen hatte, der seinerseits nun den Preis in die Höhe treiben wollte.

»Vollkommen ausgeschlossen«, meinte Bell und setzte sich ebenfalls ans Flussufer. »Sie hatten eine Abmachung mit mir. Zweihundert Dollar und keinen Cent mehr.«

Die Miene von Don Hutcher verfinsterte sich unversehens. Der Tagelöhner musterte Bell von der Seite und kratzte sich die Wange. »Die verdammte Abmachung ist hinfällig. Hatte nicht gedacht, dass uns die Kleine entdecken könnte. Ich will verfluchte fünfhundert Dollar.« Er griente. »Oder alle Welt erfährt, dass sich ein County-Inspektor aus Montana die Hände für den Gouverneur schmutzig gemacht hat.«

Ein Welle heißen Zorns stieg in Bell auf. Er hatte seiner Frau Margareth ein halbes Dutzend Mal gesagt, dass Hutcher der falsche Mann für dieses Vorhaben sei. Sie hatte nichts davon hören wollen.

»Solche Dummheiten wagen Sie nicht«, erwiderte Bell kühl. »Sie wissen, dass ich Sie jederzeit ins Jail sperren lassen könnte. Der Richter wird meinem Wort mehr glauben als Ihrem.«

»Geschwätz!«, zischte Hutcher und stand wieder auf. Er trocknete sich die Füße im Gras und lief zu seinem Pferd zurück. »Die Stadt wird in Aufruhr sein, sobald sich herumspricht, dass ein Cheyenne-Speer in Richards’ Rücken steckte. Man wird ’ne Bürgerwehr bilden. Ich wär’ lieber nicht an Ihrer Stelle, wenn sich herausstellt, dass alles eine Lüge war.« Er nahm dem Tier das Zaumzeug ab. »Fünfhundert Dollar und Ihr Geheimnis ist sicher wie in Abrahams Schoß.«

Mit einem leisen Fluch auf den Lippen erhob sich Bell und begab sich gleichfalls zu seinem Pferd. Er griff in die Satteltasche und holte ein Bündel Dollarnoten daraus hervor. Die Dollars stammten aus Einlagen bei der Montana State Bank und waren als Schulgeld für seine jüngste Tochter bestimmt gewesen.

»Vierhundert«, feilschte Bell und zählte eine entsprechende Zahl Scheine ab. »Vierhundert Dollar und meine Gewähr, dass Sie den Staat in aller Seelenruhe verlassen können, Hutcher. Sie werden mit der Broken Arrow Ranch nie in Verbindung gebracht werden.«

Der Tagelöhner rieb sich die Nase und deutete auf die Federhauben. »Weshalb sollte ich Ihnen glauben, Bell? Sie haben weder den alten Richards noch seine Frau angerührt. Ich werde für diese Tat am Galgen hängen.« Er lachte. »Ich will wenigstens genug Dollars in der Tasche haben.«

»Gott, Hutcher!«, brauste Bell auf. Er schleuderte seinem Gefährten die Dollars vor die Stiefel. »Sie sind hartnäckiger als ein verdammter Mormone. Ich zahl’ Ihnen die fünfhundert Dollar nicht. Sie hatten einen Preis. Den habe ich begriffen.« Er ging auf Hutcher zu und starrte ihn an. »Unser Geschäft ist gemacht, verstanden?«

Hutcher sagte nichts und rieb sich erneut die Nase. Er ging um sein Pferd herum und stützte sich von der anderen Seite auf den Sattel. Seine listigen Augen richteten sich auf Bell. »Hören Sie zu, Mr. Bell, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie geben mir meine fünfhundert Dollars. Im Gegenzug streue ich in der Stadt das Gerücht, dass Richards sich mit den Cheyenne eingelassen hatte.«

»Wer soll diesen Bockmist glauben?«, entgegnete Bell unwirsch. »Richards hatte mit den Rothäuten noch nie etwas zu schaffen.«

Über Hutchers faltiges Gesicht ging ein Grinsen. »Nicht mit den Rothäuten. Aber er treibt Geschäfte mit der Yellowstone Lumber Company. Zwanzig Lastrinder hat er denen letztes Jahr verkauft.« Hutchers Augen wurden zu dünnen Schlitzen. »Wär’ doch nicht ausgeschlossen, dass er mit der Yellowstone Lumber in Streit geraten und die Cheyenne als Racheengel angeheuert hat, nicht wahr?«

Bell ließ sich die Worte seines Kumpanen durch den Kopf gehen. Er wollte Hutcher nicht mehr zahlen, als ausgemacht war, doch ein sorgfältig unter die Leute gebrachtes Gerücht konnte nützlich sein. Nach dem Blutbad auf der Broken Arrow Ranch würde man ihm und anderen in Elkhorn äußerst peinliche Fragen stellen.

»Meinetwegen«, knurrte Bell. Er zählte die übrigen Scheine ab. »Mag dich der Teufel holen.«

***

Auf dem Tisch von Mittelsmann Terry Hayes nahm sich der Cheyenne-Speer weit weniger bedrohlich aus als im Rücken von Bill Richards, aus dem Lassiter ihn vor einigen Stunden gezogen hatte. Die Klingenspitze glänzte wieder stählern, nachdem der Mann der Brigade Sieben sie gereinigt hatte, und an den hellen Adlerfedern waren lediglich Schatten von Richards’ Blut geblieben.

»Nie und nimmer!«, rief Terry Hayes in vehementem Ton aus. Er war ein mittelgroßer Mann von kräftiger Statur, dem es sichtlich schwer fiel, auf seinem Stuhl ruhig zu sitzen. »Die Cheyenne würden sich nie zu solch einer Tat hinreißen lassen, Mr. Lassiter! Ich wage die Vermutung, dass Sie keinen der Krieger gesehen haben?«

»Ich habe ihre Taten gesehen«, erwiderte Lassiter mit leicht gereizter Stimme. Das Telegramm aus Washington hatte Hayes als fähigen Mann beschrieben. »Diese Krieger haben Mary Richards den Vater und die Mutter genommen.«

Hayes atmete geräuschvoll aus und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die beiden Männer sprachen seit einer Stunde miteinander, und es zeichnete sich zunehmend ab, dass der Mittelsmann von Lassiters Verdacht nichts wissen wollte. Hayes nahm den Speer in die Hand und drehte ihn zwischen den Fingern. »Der Schaft und die Federn sind außerordentlich gut verarbeitet. Es sieht den Cheyenne nicht ähnlich, einen Speer von solcher Güte zurückzulassen.«

»Möglicherweise hatten sie Angst«, warf Lassiter ein. Er dachte an Mary, die zu dieser Stunde auf der Ranch saß und das Begräbnis ihrer greisen Eltern vorbereitete. »Sie konnten nicht sicher sein, dass wir sie nicht entdecken.«

Auf Hayes Stirn bildeten sich dünne Fältchen. Als Stadtverordneter von Elkhorn und ehemaliger Friedensrichter musste es ihm missfallen, dass die Cheyenne nach Jahren des Friedens einen angesehenen Rancher niedermeuchelten.

»Es ergibt alles keinen Sinn«, stellte der Mittelsmann resigniert fest. »Die Cheyenne-Stämme haben stets Ruhe gehalten. Sie haben sogar Handel mit einigen Ranchern drüben am Powder River getrieben. Dass sie plötzlich wieder aufs Skalps aus sind, halte ich für ganz und gar ausgeschlossen.«

Stille eroberte die winzige Kammer hinter Hayes Eisenwarenladen, in dem Lassiter und sein Mittelsmann sich getroffen hatten. Der Laden war mit rostigen Schrauben, Bolzen und nach Achsenfett stinkenden Rohren vollgestopft, die vor allem von den Kutschgesellschaften gekauft wurden. Hayes hatte das Closed-Schild vor die Tür hängen müssen, um mit dem Mann der Brigade Sieben zu sprechen.

»Wer sollte es sonst gewesen sein?«, fragte Lassiter nach einiger Zeit. »Richards hat sich wohl kaum selbst einen Indianerspeer in den Rücken gejagt. Ganz zu schweigen von Jane Richards.«

Der Mittelsmann griff erneut nach dem Speer und betrachtete ihn eingehend. Er stimmte Lassiter mit einem knappen Nicken bei. »Die Cheyenne waren es trotzdem nicht. Diese Speere bekommt man drüben in Powderville oder Miles City. Man verkauft sie als Souvenirs an die Kutschreisenden. Der Mörder könnte sie sich besorgt haben, um den Verdacht auf die Cheyenne zu lenken.«

»Ein falscher Speer?« Lassiter zog die Brauen zusammen. »Kein vernünftiger Mensch würde zu solch einer durchschaubaren List greifen.«

»Sie sagen es«, gab Hayes zurück. »In der Stadt gibt es jedoch Männer, die wider jede Vernunft handeln. Die Direktoren der Yellowstone Lumber Company beispielsweise.«

»Yellowstone Lumber?«, fragte Lassiter. »Die Gesellschaft oben am Eldon Mountain?«

Hayes erhob sich und zog eine Karte aus der Schublade. Er breitete sie vor sich aus und strich sie glatt. Die Landrechte der Yellowstone Lumber Company waren mit dicken roten Linien eingezeichnet. »Sehen Sie einmal hier … und hier! Die Yellowstone Lumber hat verdammt schlechte Landrechte abbekommen. Die Männer müssen bis in die Hänge des Eldon Mountain hinauf, um an die Baumstämme zu kommen.«

»Was hat das Ganze mit Richards zu tun?«, fragte Lassiter und tippte auf die Ranch des Ehepaares. »Die Broken Arrow Ranch liegt zehn Meilen vom Land der Yellowstone Lumber entfernt.«

»Auf den ersten Blick nichts«, räumte Hayes ein und starrte auf die Karte hinunter. »Die Yellowstone Lumber kauft seit langer Zeit Lastrinder auf, um die Stämme aus den Bergen zum Powder River hinunterzuschleppen. Erst standen ein paar Rancher aus Powderville unter Vertrag, doch seit ein paar Jahren scheint man ausschließlich Rinder von Bill Richards zu kaufen.«

Sie verstummten einen Augenblick lang, als von der Straße ein gedehnter Ruf zu ihnen drang. Hayes spähte durch das Ladenfenster und winkte ab. »Ist bloß Frank, der mir Milch und Mehl bringt. Ich werd’ ihm später aufschließen.«

»Steckt die Yellowstone Lumber hinter dem Mord?«, überging Lassiter Hayes’ Bemerkung. Er starrte den Mittelsmann ausdruckslos an. »Könnte jemand in der Gesellschaft so skrupellos sein?«

Mit einem nachdenklichen Blick beugte sich Hayes wieder über die Karte. Er rieb sich mit zwei Fingern die Stirn. »In der Stadt erzählt man sich wenigstens, dass die Yellowstone die Schuldige ist. Man will keinem auf die Zehen treten, verstehen Sie?«

»Ich trete gern jemandem auf die Zehen«, brummte Lassiter. »Telegraphieren Sie nach Washington, dass ich mich um den Fall kümmern werde. Ich werde die Killer von Bill und Jane Richards finden und an die Justiz übergeben.«

Fast beiläufig pfiff Hayes durch die Zähne. Er sah zu Lassiter auf und faltete die Hände vor dem Gesicht. »Mit solchem Ungestüm werden Sie sich Feinde in Elkhorn machen. Die Stadt ist verschwiegen, wenn es um krumme Sachen geht. Der frühere Bürgermeister konnte zweitausend Dollar zur Seite schaffen, ehe ihm jemand auf die Schliche gekommen ist.«

»Mary Richards verdient zu wissen, wer ihre Eltern getötet hat«, hielt Lassiter seinem Mittelsmann entgegen. »Ich war bei ihr, als es geschehen ist. Ich muss dieses Verbrechen sühnen.«

Hayes faltete die Landkarte zusammen und verstaute sie mit der Ruhe, die lediglich ein früherer Richter haben konnte, in der Schublade seines Schreibtisches. Als er eine Zeitlang nachgesonnen hatte, sah er Lassiter mit ernster Miene an. »Gut, Mr. Lassiter, ich lasse mich auf dieses Wagnis ein. Die Verantwortung für diese Sache geht gänzlich an sie. Ich werde den Sheriff von Powderville anhalten, vorerst keine eigenen Anstrengungen zu unternehmen.«

Der Mann der Brigade Sieben bedankte sich mit einem knappen Nicken und griff nach seinem Hut. Er ging zur Tür, blieb davor stehen und rückte sich das Holster zurecht. »In zwei Wochen erstatte ich Ihnen Bericht. Ich spreche mit Mary Richards, ehe ich mich bei der Yellowstone Lumber umschaue.« Er wies mit dem Kinn auf den Speer. »Finden Sie heraus, woher die Mörder den Speer hatten.«

»Sie haben mein Wort darauf«, sagte Hayes. »Passen Sie auf sich auf, Lassiter.«

***

Die Kleider für das Begräbnis ihrer Eltern hatte Mary Richards schon am Morgen bereitgelegt. Sie hatte sich für den schwarzen Sonntagsstaat ihres Vaters entschieden, von dem sie Lassiter erzählt hatte, dass Bill Richards ihn besonders geliebt hatte. Für die Mutter hatte sie ein hochgeschlossenes Ausgehkleid gewählt, das am Kragen mit Rosen und Blumenranken bestickt war.

»Sie sollen anständig aussehen im Sarg«, sagte Mary mit bedrückter Stimme. Sie saß am anderen Ende des Zimmers und besserte den Ärmel des Sonntagsanzugs aus. »Die Stadt soll Mama und Papa in Erinnerung behalten, wie sie gewesen waren. Sie sollen nicht zwei Menschen vor Augen haben, die von Speeren durchbohrt worden sind.«

Der Mann der Brigade Sieben nickte ernst und nahm den Hut vom Kopf. Er war gerade aus Elkhorn zurückkehrt, wo er mit dem Reverend und dem Totengräber gesprochen hatte. Von seiner Unterredung mit Terry Hayes erzählte er nichts. »Hast du schon einen Platz ausgesucht? Mr. Higgins wollte wissen, ob es steiniger Boden ist.«

Die Antwort fiel Mary ebenso schwer wie das Nähen selbst. Sie setzte die Nadel einige Male ab und begann erneut. »Papa wollte immer oben an der alten Pinie begraben werden. Im Sommer riecht es dort nach Salbei und trockenem Gras. Er mochte die Stelle.«

Über die Wangen der schönen Rancherstochter rollten einige Tränen. Sie wischte sich das Gesicht ab und ließ den Anzug sinken.

»Man redet in der Stadt davon, dass dein Vater Ärger mit der Yellowstone Lumber hatte«, sagte Lassiter und schwieg einen Moment. »Ist daran etwas Wahres?«

»Daran ist überhaupt nichts Wahres!«, geriet Mary in Rage. Sie steckte die Nadel ins Stopfkissen und richtete sich auf. »Mein Vater hatte die besten Beziehungen zur Yellowstone Lumber! Er war sogar mit Direktor Charles Boyd befreundet!« Sie stemmte die Arme in die Seiten. »Wer erzählt dir solche Sachen? Higgins?«

Rasch kam Lassiter zu dem Schluss, dass es in Marys Lager besser war, wenn sie von seinem Gespräch mit Terry Hayes nichts erfuhr. Er konnte ihr auch später sagen, dass er nun in offiziellem Auftrag vor ihr saß. »Higgins hat es erwähnt, und auch ein paar andere Männer, die mir in der Stadt begegnet sind. Man glaubt, dass Bill sich mit den Cheyenne eingelassen und jetzt die Quittung dafür bekommen hat.«

Ein zorniger Ausdruck erschien auf Marys sanften Zügen. Sie stapfte in die Küche und begann mit dem Geschirr zu klirren. Nach einer Weile wurde es still, und sie erschien wieder in der Tür. »Lassiter, was glaubst du von meinem Vater? Er konnte zuletzt kaum noch bis drei zählen. Ich war heilfroh, dass wir den Kontrakt mit der Yellowstone Lumber noch haben. Sie kaufen uns jedes Jahr zwanzig Rinder ab.«

»Hat dein Vater den Vertrag ausgehandelt?«, hakte Lassiter nach. »Weißt du etwas darüber?«

Die Rancherin wischte sich die Hände an der Schürze trocken und kam auf den Mann der Brigade Sieben zu. Sie schlug die Augen nieder und setzte sich wortlos auf seinen Schoß. »Ich weiß darüber nur, dass Charles Boyd ein paar Mal bei uns zu Gast war. Er ist ein anständiger Mann. Ich glaube nicht, dass er etwas mit …« Sie schaute zu dem Sonntagsstaat auf dem Tisch. »… dass er etwas mit Vaters Tod zu tun hat.«

Draußen auf dem Hof kam Wind auf und dröhnte im Dachgebälk des Ranchhauses. Die Nächte der letzten Wochen waren kühl gewesen, und oben am Eldon Mountain gab es bereits Schnee, wie sie aus den Wochenblättern wussten.

»Soll ich mich bei Boyd umhören?«, fragte Lassiter. »Vielleicht weiß er mehr über die Cheyenne. Die Yellowstone Lumber soll am Eldon Mountain gerade eine Brücke bauen.«

Die Rancherin hob den Kopf, küsste Lassiter beiläufig und stand wieder auf. Sie durchquerte die Kammer und nahm erneut den Sonntagsanzug auf die Knie. »Vater hat von der Brücke erzählt, als er das letzte Mal bei Boyd gewesen ist. Damals war er noch bei klarem Verstand. Die Brücke soll oben am Cokewell Creek sein.« Sie hob den Kopf und sah zu Lassiter. »Soll ich dich begleiten?«

Der flehende Ausdruck in Marys Blick machte Lassiter die Entscheidung schwer. Er hatte vage darüber nachgesonnen, die Rancherstochter mit zu Boyd zu nehmen, sich aber aus guten Gründen dagegen entschieden. »Du musst dich um das Begräbnis deiner Eltern kümmern, Mary. Die halbe Stadt wird auf den Beinen sein.«

»Die halbe Stadt!«, spottete Mary. »Die Hälfte dieser Frackträger war kein einziges Mal auf der Broken Arrow Ranch. Sie haben Furcht vor den Cheyenne und wollen sehen, ob es den anderen genauso geht.«

Die Rancherin legte das Nähzeug zur Seite und stand auf. Sie trat ans Fenster und blickte auf die beiden Särge, die unter dem schattigen Vordach der Scheune standen. Totengräber Higgins hatte sie auf die Ranch gebracht und – wie es seiner Zunft eigen war – nicht viele Worte darum gemacht.

»Du musst dich ausruhen«, sagte Lassiter und schritt langsam hinter die Rancherstochter. Er legte die Arme um Mary und küsste sie sacht im Nacken. »Boyd kann ich allein befragen.«

Mit einer entschlossenen Geste machte sich Mary von ihm los und fuhr herum. Sie starrte Lassiter einige Sekunden lang an und erwiderte seinen Kuss. »Du musst mich mitnehmen! Du darfst mich nicht auf der Ranch zurücklassen! Diese Männer … diese Mörder sind irgendwo dort draußen und lachen sich ins Fäustchen.« Sie zitterte am ganzen Leib. »Ich kann nicht zwischen zwei frischen Grabhügeln hocken und Däumchen drehen.«

Das Beben in Marys Gliedern ließ erst nach, als Lassiter die Rancherstochter an sich drückte und festhielt. Er begriff mit einem Mal, dass Mary im Augenblick nur noch ihn hatte. Sie würde auf der Ranch an ihrem Schmerz zerbrechen, wenn Lassiter sie im Stich ließ.

»Reitest du gut?«, fragte Lassiter. »Schaffen wir’s in einem Tag hinauf zum Cokewell Creek?«

Ein Leuchten erschien auf Marys müdem Gesicht. Sie ergriff Lassiters Hände und drückte sie fest. »Du fragst die Tochter eines Ranchers, ob sie reiten kann? Ich schaff’s mit dir in einem halben Tag zum Cokewell Creek.«

»Auch bei Schnee und Sturm?«, ließ Lassiter nicht locker. »Oben am Creek geht’s nicht sanft zu.«

»Bei Winter erst recht!«, versetzte Mary freudig und schämte sich sogleich ihres Lachens. Sie richtete den Blick wieder auf die Särge an der Scheune. »Ich muss mit dir kommen, Lassiter. Ich muss es für meinen Vater tun. Er hätte es nicht anders gewollt.«

Aus den Worten der Rancherstochter sprach solche Entschlossenheit, dass Lassiter ihr die Bitte nicht länger verweigern wollte. Er stellte sich zu ihr und hob den Fenstervorhang zur Seite, um die Särge ebenfalls sehen zu können. Durch seinen Schädel schossen Tausende Gedanken zur selben Zeit.

»Nimmst du mich mit?«, fragte Mary und sah weiter aus dem Fenster. Sie tastete blind nach Lassiters Hand. »Lass mich nicht betteln.«

Über den Hof ging eine weitere Windböe hinweg.

***

Der Cokewell Creek durchschnitt das Felsmassiv an der Westflanke des Eldon Mountain und schlängelte sich in weiten Biegungen bis in die Ebene hinunter. Der Fluss war für seine tückischen Stromschnellen bekannt, die sich schäumend vor den heruntergebrochenen Felsen und umgestürzten Pinienstämmen bildeten, und hatte allein im letzten Jahr vier Lastgespanne verschlungen. Die Kutscher waren – falls Lassiter dem Gerede in Elkhorn Glauben schenken durfte – allesamt mit dem Schrecken davongekommen.

»Von der Felsnadel dort oben ist’s noch eine halbe Meile!«, rief Mary ihm zu. Sie war ein Stück vorausgeritten und hatte am Flussufer angehalten. »Die Yellowstone Lumber hat früher ihre Stämme durch den Fluss geschleust. Boyd kennt die Gegend wie seine Westentasche.«

Sie lauschten eine Weile dem grimmigen Nordostwind, der seit einigen Stunden Schneegestöber über die Bergkuppen wehte. Die Nadelzweige der Föhren und Tannen hatten sich mit Raureif bezogen.

»Kein guter Ort für Brückenbauer!«, schrie Lassiter gegen den Wind an. »Sie hätten im Sommer damit anfangen sollen.«

»Im Sommer schleppen sie die Stämme ins Tal!«, tönte Marys Stimme zurück. Die Rancherin winkte mit erhobenem Arm. »Komm! Reiten wir weiter!«

Die letzte Meile bis zur Hütte der Yellowstone Lumber hinauf mussten sie einen schmierigen Schlammpfad nehmen, auf dem die Pferde wegrutschten und ins Straucheln gerieten. Einen Augenblick lang musste Lassiter an den alten Richards denken, der vor seinem Tod vermutlich ebenso getaumelt und gestürzt war. Er nahm die Zügel kürzer und lenkte das Pferd auf einen schneebedeckten Wiesenhang. Mary tat es ihm nach und setzte sich wieder an die Spitze.

»Dort oben ist es!«, rief die brünette Rancherstochter, als die Rauchsäule der Hütte in Sicht kam. »Ich kann das Holzfeuer riechen!«

In tiefstem Schneegestöber langten sie einige Minuten darauf vor der Hütte an.

Die Männer von der Yellowstone Lumber kamen nacheinander aus der Tür und begutachteten die Reiter argwöhnisch. Sie trugen lederne Hosen, darüber Pelzmäntel und Stoffjacken. Wegen des Schnees hatten sie die Arbeit für ein paar Stunden eingestellt.

»Wir wollen zu Charles Boyd!«, rief Lassiter dem Ältesten von ihnen zu. »Ist er bei euch?«

Der ältere Arbeiter wandte sich zu Lassiter um und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Er deutete schweigend auf die Hütte in seinem Rücken. »Mr. Boyd hat uns freigegeben für den Tag. Das Wetter, das verdammte Wetter …«

Der Holzfäller seufzte und fegte sich den Schnee aus dem Mantelkragen. Er beäugte Mary eine Weile und schien sich plötzlich darauf zu besinnen, dass die junge Frau die Tochter von Bill Richards war. Der gelangweilte Ausdruck in seinem Gesicht wich Trauer und Anteilnahme. »Miss Richards! Was für eine Tragödie! Wir werden den verdammten Rothäuten dafür eins drüberbraten.«

Mary bedankte sich mit einem knappen Kopfnicken. Sie stieg vom Pferd und reichte den Holzfällern nacheinander die Hand. Die Männer sprachen der jungen Rancherin leise ihr Beileid aus.

Als sie in der Runde gerade herum war, trat Charles Boyd aus der Hütte. Er war ein stattlicher Mann mit breiten Schultern und durchdringendem Bass. »Mary! Meine Güte, Kind! Weshalb sind Sie nicht auf der Ranch geblieben?« Er schüttelte bedrückt den Kopf. »Himmel, wie müde Sie aussehen!«

Ein Windstoß zerzauste Marys Haarschopf und trieb Schwaden aus Schneekristallen vor sich her. Die Rancherstochter strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und blickte Boyd beklommen an. »Ach, Mr. Boyd, wie hätte ich auf der Ranch bleiben können? Glücklicherweise war Lassiter bei mir.« Sie wies auf ihren Gefährten. »Er sollte Vorarbeiter auf der Broken Arrow werden.«

Der Direktor der Yellowstone Lumber Company kehrte sich Lassiter zu und kniff wegen des peitschenden Schnees die Augen zusammen. »Ausgesprochen erfreut, Mister …. Mister ….?«

»Lassiter«, stellte sich der Mann der Brigade Sieben vor. »Einfach nur Lassiter.«

Boyd machte ein irritiertes Gesicht. Er rettete die Situation, indem er sich zur Hütte umwandte und die Neuankömmlinge zu sich einlud. »Jesus, ist das ein Wetter! Kommt mit nach drinnen! Der Ofen ist geheizt, und einen Bourbon finde ich auch noch für euch. – Jeff! Kümmert euch um die Pferde unserer Gäste!«

Einer der Männer nickte und teilte zwei anderen Holzfällern je eines der Pferde zu. Die Männer nahmen die Tiere bei den Zügeln und führten sie zu einem Paddock, in dem schon zwei Schecken der Yellowstone Lumber standen.

Kurze Zeit darauf saßen Lassiter und Mary vor dem Kamin und stießen schweigend mit Boyd an.

»Bill Richards war ein ehrenhafter Mann«, meinte Boyd und starrte in die Flammen. »Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er das erste Mal zu mir kam und seine Rinder anbot. Er hatte vier Longhorns dabei und verhandelte so lange mit mir, bis wir ein gutes Geschäft hatten. Ich habe über keinen Rinderbullen von der Broken Arrow Ranch je klagen müssen.«

Der Feuerschein brachte die Tränen in Marys Augenwinkeln zum Glitzern. Die Rancherin lehnte sich zu Lassiter und fasste nach dessen Hand. »Die Yellowstone Lumber hat die Ranch gerettet. Wäre Mr. Boyd nicht gewesen, hätte Vater schon seit Jahren keinen einzigen Dollar mehr verdient.«

»In der Stadt hört man von einem Streit zwischen Ihnen und Richards«, schaltete sich Lassiter mit kühler Stimme ein. »Es soll um die Lastrinder gegangen sein.«

Boyd stutzte und zog ein erstauntes Gesicht. »Streit? Wer hat Ihnen diesen Bären aufgebunden? Bill und ich, wir haben uns ausgezeichnet verstanden.«

»Wer könnte Richards umgebracht haben?«, ließ Lassiter nicht locker. »In seinem Rücken hat ein Cheyenne-Speer gesteckt.«

Der Direktor hob zweifelnd die Brauen. Er sah zu Mary und wieder zurück zu Lassiter. »Die Cheyenne? Seit wir in den Bergen sind, haben wir keinen unserer roten Freunde gesehen. Sie wären nicht so töricht, einen Rancher bei helllichtem Tag zu ermorden.«

»Offenbar wollte jemand, dass wir daran glauben«, bemerkte Mary. »Aber wer könnte Vater Böses wollen? Er hat keinem etwas getan.«

Nachdenklich verschränkte Boyd die Hände vor dem Bauch. Er sah zum Fenster hinaus, hinter dem die Männer im Schneetreiben ihre Werkzeuge in Sicherheit brachten. »Sie sollten auf John Bell warten. Er wird in der Frühe heraufgeritten kommen, um sich die Brücke anzusehen.«

»Bell?«, fragte Lassiter. »County-Inspektor John Bell?«

»In der Tat«, antwortete Boyd und nickte. »Mr. Bell beaufsichtigt im Auftrag des Gouverneursbüros den Rinderhandel zwischen den Ranches im County. Er kann Ihnen gewiss sagen, ob Richards Feinde hatte oder nicht.« Er lächelte freundlich. »Sie werden ihn nicht lange um seine Hilfe bitten müssen.«

Lassiter sah zu Mary, die nach einem kurzen Zögern zustimmend nickte. Er richtete den Blick zurück zu Boyd. »Können Sie uns Nachtquartier gewähren?«

***

Das halbe schottische Ale, das ihm Don Hutcher ausgegeben hatte, schmeckte säuerlich und so frisch wie ein Eimer Ziegenkotze. Der Barkeeper hatte es in ein trübes Glas gegossen, in dem es trübe seine Kreise zog, bis Seth Jones seinen Drink zornig vor sich abstellte.

»Verdammt, Don!«, knurrte Jones, der sein Geld als Tagelöhner und Gleisarbeiter für die Eisenbahngesellschaften verdiente. Er stierte Hutcher mit glasigen Augen an. »Ich hab’ dir doch schon gesagt, dass ich nichts darüber weiß. Ist nur Gerede gewesen, dummes Zeug! Keiner weiß etwas drüber! Terry Hayes redet nicht viel, verstehst du?«

Der Mann auf der anderen Tischseite trank einen Schluck aus seinem Whiskeyglas. Er sah der Saloontänzerin zu, die sich neben dem Tresen lasziv an einen anderen Gast schmiegte. Das Mädchen mochte knapp achtzehn Jahre alt sein und besaß bereits die Durchtriebenheit einer alten Dirne. »Mir ist’s gleich, was Terry Hayes sagt. Ich will wissen, wer dieser Lassiter ist, von dem ich allenthalben höre.«

»Lassiter oder Jessiter, wo ist der Unterschied?«, beharrte Jones und starrte in sein Ale. »Der Kerl soll ein alter Freund von Hayes sein, der sich Richards’ Tochter geschnappt hat. Er war auf der Ranch, als es passiert ist. Als die Cheyenne Richards …«

»Ich weiß, was du meinst!«, fiel Don Hutcher seinem Tischnachbarn harsch ins Wort. »Wie zum Teufel konnte er auf der Ranch sein, als es passiert ist? Die Kleine muss staubtrocken zwischen den Schenkeln sein, wenn sie’s derart nötig hat.«

»Verflucht, Don, red’ nicht so über Mary!«, meinte Jones. »Sie hat genug durchgemacht in den letzten beiden Tagen. Der alte Richards war nicht ganz bei Trost. Mary hat ihre Mutter und ihn pflegen müssen.«

»Was du nicht alles weißt!«, zischte Hutcher und reckte den Kopf nach vorn. »Ich dachte, du weißt nichts über die Richards’! Und nichts darüber, wer sich auf der Broken Arrow Ranch herumdrückt!«

Die Tänzerin wickelte ein letztes Mal ihr nacktes Bein um den Mann am Tresen und heimste von den Umsitzenden Beifall ein. Jones blickte sein Gegenüber ängstlich an. »Don, hör zu, ich … Was soll ich dir sagen? Ich kann dir doch gar nichts sagen. Selbst wenn ich etwas wüsste, dürfte ich es dir nicht –«

Mit einem scheppernden Fausthieb auf den Tisch brachte Hutcher Jones zum Schweigen. Er packte den Jüngeren am Kragen und zog ihn zu sich heran. Nur noch wenige Zollbreit Luft trennte die Gesichter der beiden Männer.

»Meine Geduld ist am Ende, Seth«, fauchte Hutcher. »Hast mein Wort, dass du mit ’ner gebrochenen Hand aus dem Saloon humpelst, wenn du nicht gleich das Maul aufmachst!«

Keiner der übrigen Saloongäste nahm Notiz von der Szene, die sich im verqualmtesten Winkel des Lokals abspielte. Die Männer an der Bar starrten in ihre Drinks, der Tisch vor dem Tresen setzte sein Pokerspiel fort. Lediglich die Tänzerin sah wachsam zu Jones und Hutcher, gab sich dann aber den Avancen des Mannes auf dem Barhocker neben ihr geschlagen.

»Don!«, ächzte Jones und sträubte sich gegen den eisernen Griff seines Peinigers. »Du verstehst mich falsch, hörst du? Ich … ich verschweig’ dir nichts!«

Hutcher quetschte dem Tagelöhner den Hals noch fester ab. »Erzähl mir keine Ammenmärchen! Ich weiß bestens, dass du ständig vor dem Laden von Terry Hayes herumhängst. Irgendjemand wird schon das Maul aufgerissen haben.« Er ließ Jones los und warf ihn auf seinen Stuhl zurück. »Ich hab’ die Schnauze voll von deinen Lügen.«

Kaum war Jones wieder auf seinem Platz gelandet, setzte sich die Tänzerin an der Bar in Bewegung und kam schnurstracks auf den Tisch der beiden Männer zu. Sie trug ein dunkelrotes Cancan-Kleid, das sich sanft im Takt ihrer Hüftschwünge wiegte. »Don Hutcher! Gibt’s Schwierigkeiten bei Euch beiden?«

Ohne eine Miene zu verziehen, lehnte sich Hutcher zurück und verschränkte die Arme im Nacken. Er wartete geduldig ab, bis die Tänzerin am Tisch war. »Nichts von Belang, Becky! Der gute Seth und ich streiten nur ein wenig.«

Die Saloontänzerin warf das rote Haar zurück und schritt um den Tisch herum. Sie berührte Jones mit den Fingern im Nacken und schritt wieder lächelnd auf Hutcher zu. »Mr. Thompson ist besorgt, dass du wieder für Ärger sorgst.

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