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Lassiter - Folge 2224

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Das falsche Spiel der Kutschenlady
  4. Vorschau

Das falsche Spiel der Kutschenlady

Die Postkutsche jagte dahin. Mit voller Kraft stemmten sich die sechs Gespannpferde ins Geschirr. Die Steigung der Straße oberhalb des Flusses war enorm. Die sandigen Wagenspuren schienen in den weißen Wolken zu enden.

Lassiter beugte sich aus dem offenen Fenster nach links, zum Fluss hin. Er kniff die Augen zusammen, ließ sich den sand- und staubgeschwängerten Fahrtwind um die Ohren wehen.

Die schöne Rothaarige ihm gegenüber beobachtete ihn scheinbar beiläufig. In Wahrheit wäre sie längst über ihn hergefallen, wenn sie mit ihm allein im Abteil gewesen wäre.

Die Reiter waren nur manchmal zu sehen, unten, am Fuß des Steilufers. Auf dem flachen Uferstreifen hielten sie im Tempo der Kutsche mit. Sieben Männer. Oder sechs Männer und eine Frau? Lassiter war nicht ganz sicher. Aber eins stand für ihn fest: Über kurz oder lang würden sie angreifen.

Sie mussten es tun, solange ihre Pferde noch zu gebrauchen waren. Zumal sie dazu eine Stelle benötigten, an der man zur Wagenstraße hinauf reiten konnte. Sie konnten nicht den Rest des Tages damit verbringen, jede sich bietende Gelegenheit zu verwerfen und auf eine bessere zu warten.

Genau das aber taten sie die ganze Zeit.

Und es bestand kein Zweifel daran, dass sie Postkutschenräuber waren. Denn sie hatten ihre Gesichter bereits mit Halstüchern verhüllt. Gegenüber dem vorherrschenden Grau und Schwarz fiel einer der Reiter durch ein rotes Halstuch auf. Auch Körperhaltung und Statur dieser Person hatten etwas Weibliches – trotz ihrer Männerkleidung.

Immer wenn Lassiter die Reiter durch einen geeigneten Einschnitt oder eine Senke im Steilufer beobachten konnte, zögerten und beratschlagten sie. Im nächsten Moment jagten sie dann in wildem Galopp weiter – stets an der fast senkrechten Wand aus lehmiger Erde entlang, die von der Sonne durchgehärtet war wie Zement.

Trotz ihrer Unentschlossenheit waren die Maskierten dort unten keine Anfänger. Lassiter, der Mann der Brigade Sieben, beging nicht den Fehler, sie zu unterschätzen. Sie wussten nur zu gut, dass sie nicht bis in alle Ewigkeit Zeit hatten.

Denn die Kutsche würde am frühen Abend in Yankton eintreffen; laut Fahrplan jedenfalls. Der Fluss, dessen Verlauf sie folgte, war der Missouri. An dieser Stelle bildete er die Grenze zwischen South Dakota und Nebraska.

Bis nach Yankton waren es noch gut drei Stunden.

Lassiter beugte sich auf seinem Polstersitz vor. Es ließ sich nicht vermeiden, dass er dabei der schönen Mitreisenden nahe kam und ihre Knie hätte küssen können. Sie reagierte, indem sie wie zufällig die Beine spreizte – nur ein wenig.

Doch er erkannte die wohldosierte Absicht dahinter. Und es reichte, um seine Fantasie zu beflügeln. Zugleich gefiel es ihr offensichtlich, ebendiese Reaktion auf ihre Herausforderung zu beobachten. Bestimmt malte sie sich aus, was er in seiner Fantasie gerade mit ihr anstellte.

Was es auch sein mochte, es schien ihr zu gefallen.

Denn sie lächelte – bis er sich wieder aufrichtete. Dann aber sah sie, dass er die Winchester unter dem Sitz hervorgeholt hatte. Das Verführerische in ihren Augen schwand. Ihre Miene wurde ernst, als sie beobachtete, wie er den Karabiner senkrecht stellte. Dazu stützte er den Kolben auf seinen Oberschenkel.

»Werden wir überfallen?«, fragte sie unerschrocken.

»Schon möglich«, antwortete er, als ob es ihn nichts anginge. Er wollte die Lady nicht beunruhigen.

Die beiden übrigen Passagiere, ein älteres Ehepaar, bekamen nichts mit. Trotz des Schaukelns und Rüttelns der Kutsche brachten sie es fertig, zu schlafen. Ihre Köpfe kippten zwischen den Ohrenpolstern der Sitzlehnen hin und her, ohne dass sie davon aufwachten.

Die Rothaarige erhob sich wortlos von ihrem Platz, drehte sich in der Enge und reckte die Arme zum Gepäck empor. Lassiter musste ihr Hinterteil aus unmittelbarer Nähe betrachten, ob er wollte oder nicht. Er dachte indessen gar nicht daran, den Blick verlegen abzuwenden.

Du lieber Himmel, diese Lady zeigte gern, was sie hatte. So weit vermochte er sie bereits einzuschätzen. In diesem Fall handelte es sich um zwei ausgesprochen wohlgeformte Hinterbacken von beachtlicher Größe, über denen sich der dünne Stoff eines hellblauen Kostümrocks spannte.

Der eng anliegende Rock ermöglichte ein ausgiebiges Studium des Muskelspiels dieser prachtvollen Backen. Es wurde dadurch erzeugt, dass sie ihr Körpergewicht geschickt von einem Bein auf das andere verlagerte, während sie in Kopfhöhe hantierte.

Mit beiden Händen griff sie in das Gepäckfach dort oben. Hinter einer ledernen Reisetasche zog sie eine Winchester hervor. Sie stellte die Langwaffe auf die Sitzpolster und kramte zwei Handvoll Patronen aus einem Außenfach der Ledertasche.

Das Messing der Patronen klickte, als sie sie in die Taschen ihrer Kostümjacke stopfte. Dann nahm sie die Winchester, drehte sich um und setzte sich wieder. Den Karabiner ergriff sie am Vorderschaft und klemmte ihn sich zwischen die Beine. Der Rock war lang genug, um sie züchtig bis zu den zierlichen Stiefeletten hinab zu bedecken.

»Sechs Kerle und eine Frau. Richtig?«, sagte sie laut genug, damit Lassiter sie bei dem Hufedonnern des Sechsergespanns und den Rumpel- und Rollgeräuschen der Stagecoach verstehen konnte. Ihre graugrünen Augen sprühten ein angriffslustiges Feuer, als sie hinzufügte: »Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass ich das nicht wissen muss.«

»Sieben Reiter«, bestätigte Lassiter. »Es stimmt, einer könnte eine Frau sein.« Er grinste und fügte hinzu: »Nichts dagegen, dass Sie das wissen. Aber woher

Sie lächelte amüsiert. »Ganz einfach. Ich fahre öfter mit der Postkutsche – auf dieser Route.«

Lassiter nickte. Er wandte den Kopf wieder nach links. Doch weil das Steilufer an mehreren Stellen zum Fluss hin vorsprang, konnte er die Reiter nicht mehr sehen.

Stattdessen hörte er sie.

***

Schüsse krachten und übertönten die Fahrgeräusche der Stage Coach. Angriffsgebrüll erscholl. Erste Kugeln trafen den Aufbau der Kutsche mit schmetternden Schlägen. Aus unmittelbarer Nähe war das dumpfe Wummern einer Schrotflinte zu hören; der Beifahrer auf dem Kutschbock war es, der die Doppelläufige sprechen ließ.

Ob er damit etwas ausrichtete, war fraglich. Eine Schrotflinte hatte keine große Reichweite. Die Banditen würden sich darauf einrichten.

Das ältere Ehepaar erwachte. Die Frau wirkte orientierungslos, sah sich erschrocken und hilfesuchend um. Ihr Mann ergriff ihre Hände. Beide duckten sich.

»Runter!«, rief Lassiter und wies auf den Fußraum zwischen den Sitzbänken.

Die beiden gehorchten wortlos, kauerten sich auf den Boden und zogen die Köpfe ein.

Lassiter und die Rothaarige verständigten sich mit einem Blick, duckten sich ebenfalls zwischen die Sitzpolster, während die Angreifer weiter auf die Kutsche feuerten. Der Kutscher zügelte die Pferde. Schrilles Wiehern war zu hören, dazu das Knirschen der Bremsbacken auf den Eisenreifen.

Die Kutsche verlangsamte ihre Fahrt. Abermals krachten Einschläge in das Holz.

Lassiter gab der Rothaarigen mit einem Handzeichen zu verstehen, dass er hinausgehen würde. Sie nickte und signalisierte energisch zurück, dass sie dabei sein würde. Lassiter verdrehte die Augen, stimmte aber zu.

Er packte die Winchester mit der Linken, stieß die Tür auf und schnellte mit flachem Sprung hinaus. Den Karabiner streckte er vom Körper weg, während er knapp über dem Boden einen Salto schlug.

Ein Schwarm von Kugeln empfing ihn. Er spürte das Sengen der Geschosse. Die Schüsse lagen nur knapp zu hoch. Aus den Augenwinkeln heraus sah der große Mann, wie die Banditen noch weit vor dem Sechsergespann ihre Pferde zügelten – offenbar überrascht von seinem Auftauchen.

Ihre Schüsse gerieten ins Stocken.

Er landete auf den Stiefelsohlen, federte halb hoch und jagte zwei Schüsse in die Richtung der Maskierten. Sofort wirbelte er herum, feuerte erneut und rannte zurück, auf das Heck der Postkutsche zu.

Die Rothaarige begriff, dass er ihr Feuerschutz gab. Sie sprang ins Freie, die Winchester am langen Arm. Unmittelbar vor der offenen Tür warf sie sich nach links und brachte die wenigen Schritte bis zum Heck unbeschadet hinter sich – dank Lassiter, der im Herbeieilen weiter feuerte.

Der große Mann war im nächsten Moment bei ihr und schob sich an ihr vorbei. Er riskierte einen Blick am rechten Hinterrad entlang. Vorn, vor dem Gespann, war die Front der Angreifer durcheinandergeraten. Zwei oder drei hatten ihre Pferde herumgerissen, wollten zur Seite weg. Eine schneidende Männerstimme hielt sie zurück.

Worte waren nicht zu verstehen. Überdies feuerte der Shotgun wieder, und das Donnern der Schrotflinte in allernächster Nähe übertönte alle anderen Geräusche. Erneut peitschten die Schüsse der Angreifer, krachten Einschläge ins Kutschenholz.

»Da drüben!«, rief die Rothaarige. Sie berührte ihn sanft an der Schulter. »Genau vor uns. Besser können wir es nicht kriegen.« Ihre Stimme war nahe an seinem Ohr; deshalb spürte er die Wärme ihres Atems.

Und er sah, was sie meinte.

Die Postkutsche hielt vor einer langgestreckten Anhöhe. Wegen des unregelmäßigen Bewuchses aus Gebüsch, hohem Gras und kleinen Bäumen war auf den ersten Blick nicht zu erkennen, dass es sich um einen künstlich aufgeschütteten Wall handelte.

Ein Einschnitt in dem Wall, auf den Lassiters Begleiterin hingewiesen hatte, sah durch überhängende Büsche aus wie ein Hohlweg.

Lassiter überlegte nicht lange. Ohne sich umzudrehen, hob er die Linke über seine Schulter und gab der Rothaarigen das Zeichen, ihm zu folgen. Geduckt lief er los und überwand die kurze Distanz von drei oder vier Yard im Handumdrehen.

Seine Kampfgefährtin wartete eine halbe Sekunde, dann tat sie es ihm nach.

Erst jetzt wurden die Banditen aufmerksam. Sofort setzte ein neuer Kugelhagel ein. Das Blei zerfetzte Blätter und Zweige oberhalb des Einschnitts.

Die Rothaarige rettete sich mit einem Sprung. Sie landete auf beiden Füßen, in Sicherheit in dem Einschnitt. Durch den eigenen Schwung verlor sie das Gleichgewicht, stolperte vorwärts.

Lassiter ließ seine Winchester fallen und fing die Lady auf, bevor sie lang hinschlagen konnte. Ihr Schwung war es auch, durch den sie an ihn gepresst wurde. Für den Hauch einer Sekunde berührten sich ihre Wangen, und die Nähe ihrer Körper hätte ihnen den Verstand geraubt, wenn die Schüsse der Outlaws nicht gewesen wären.

Deshalb lösten sie sich rasch voneinander. Lassiter griff sich seine Winchester, während er kehrtmachte. Gemeinsam liefen sie in den Hohlweg hinein.

Hinter Büschen verborgen kam ein altes Tor zum Vorschein. Es hing schief in rostigen Angeln. Die Bohlen und Planken, aus denen es bestand, waren teilweise zerbrochen. Ein Bretterzaun setzte sich nach beiden Seiten fort, verschwand jedoch schon nach wenigen Yards unter wucherndem Dickicht.

Lassiter und seine Begleiterin schlüpften durch die Lücken im Tor und fanden sich auf einem Gelände wieder, das mit unkontrolliert wachsendem Gras und hüfthohen Büschen bewachsen war. Unter der Vegetation waren noch die in Reih und Glied angelegten Erdbuckel zu erkennen, unter denen sich vermutlich die gemauerten Bunker eines ehemaligen Munitionsdepots befanden.

Der große Mann und die rothaarige Lady orientierten sich rasch. Sie wandten sich nach links, in die Fahrtrichtung der Postkutsche. Dort, an der Ostseite des alten Depots, musste es ebenfalls einen Wall geben – oder die Reste davon.

Doch sie kamen nur zwei Schritte weit.

Hohl trommelnde Hufgeräusche näherten sich jäh.

Lassiter und seine Gefährtin warfen sich herum, rannten auf den Erdbuckel zu, der ihnen am nächsten war. Es war der erste in einer offenbar langen Doppelreihe von Bunkern.

Schüsse peitschten. Mündungsblitze stachen aus dem Halbdunkel des Hohlwegs. Die Kugeln sengten haarscharf über Lassiter und die Lady hinweg. Mit langen Sätzen scherten sie auseinander, schlugen einen scharfen Bogen um die Enden des Erdbuckels und trafen sich dahinter wieder. Sie blieben auf zwei Yard Abstand, hielten Blickkontakt.

Ohne einen Sekundenbruchteil zu verschwenden, robbten sie in das Gebüsch über dem Bunker – schnell genug, um die beiden Reiter zu erspähen. Keine zwanzig Yard entfernt, jagten sie in vollem Galopp auf den Erdbuckel zu.

Die Mündungsblitze aus ihren Karabinern zuckten über die Köpfe der Pferde hinweg.

Lassiter stieß seine Winchester durch das Buschwerk, hoch genug über dem Gras, um zielen zu können. Die Reiter kamen rasend schnell näher. Lassiter nahm das Mündungsfeuer des ersten ins Visier und jagte seine Kugel hinein.

Neben ihm ließ die Rothaarige ihre Winchester krachen. Sie feuerte und repetierte schnell und gekonnt – dreimal hintereinander. Während der erste Reiter aus dem Sattel stürzte, ohne dass Lassiter weitere Geschosse hinterherschicken musste, hielt sich der zweite hartnäckig auf dem Rücken seines Grauschimmels.

Der große Mann und seine Gefährtin feuerten gleichzeitig. Die Wucht beider Kugeln hieb den zweiten Angreifer nach hinten. Über die Kruppe des Grauen rutschte er abwärts, während das Pferd einen Bogen schlug und gemeinsam mit dem Braunen des anderen davonstob.

Lassiter und die Rothaarige verloren keine Zeit. Sie wandten sich nach rechts und bahnten sich ihren Weg durch das Gebüsch auf dem Kamm des Bunkerbuckels. Im Hohlweg waren keine weiteren Reiter auszumachen.

Zu ebener Erde kamen sie kaum schneller voran, denn auch dort wuchsen Gras und Gestrüpp in üppiger Dichte. Im Laufen luden sie die Karabiner nach. Nur noch wenige Schüsse fielen, bis sie den Wall an der Ostseite des Depots erreichten. Schneidende Stimmen waren zu vernehmen, als sie sich durch das Dickicht voran arbeiteten und zum höchsten Punkt des Walls vordrangen.

Nebeneinander liegend, diesmal, brachten sie die Langwaffen in Anschlag – gerade rechtzeitig, um das Entscheidende mitzubekommen.

Es geschah, wie es geschehen musste.

Und doch stimmte etwas nicht.

***

Die Maskierten hatten das Feuer eingestellt. Rechts neben dem Kutschbock bildeten sie einen lockeren Halbkreis und versenkten die Winchestergewehre in die Scabbards. Es sah gemächlich aus, als sie ihre Sechsschüsser zogen und auf die Kutscher richteten.

Der Beifahrer, Shotgun genannt, löste die Geldkiste aus ihrer Verankerung unterhalb der Sitze und hob sie nach rechts, um sie den Banditen hinunterzureichen.

»Feuer!«, zischte Lassiter und visierte bereits.

Die Rothaarige folgte seinem Beispiel; sie wusste sofort, was er vorhatte.

Einer der Banditen manövrierte sein Pferd nahe an die Kutsche heran und schob den Colt zurück ins Holster. Er reckte die Arme nach oben, um die Kiste entgegenzunehmen.

In diesem Augenblick zog Lassiter durch. Seine Winchester peitschte hell über das Uferland am Missouri. Die Kugel sirrte haarscharf über die ausgestreckten Hände des Banditen hinweg.

Der Bandit zuckte zusammen, duckte sich und griff nach den Zügeln. Reflexartig trommelte er seinem Pferd die Hacken in die Flanken. Der Braune stob los, fiel aus dem Stand in rasanten Galopp. Sein Reiter trieb ihn an der Front seiner Komplizen vorbei.

Der Shotgun ließ die Kiste vor Schreck fallen. Krachend landete sie auf dem Boden neben dem Vorderrad. Die Gespannpferde blieben ruhig. Fraglos stammten sie aus Kavalleriebeständen und waren Schlimmeres gewohnt.

Auch die Kampfgefährtin des großen Mannes feuerte jetzt. Gemeinsam schickten sie einen Vorhang aus heißem Blei in die Gasse zwischen der Postkutsche und der zusammengeschmolzenen Phalanx der Outlaws.

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