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Lassiter - Folge 2223

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Im Tal des goldenen Büffels
  4. Vorschau

Im Tal des goldenen Büffels

»Die Geister der Eiswinde reiten früh in diesem Jahr.« Jedes einzelne Wort ließ weiße Atemwolken von den Lippen des Indianers aufsteigen. Trotz der schneidenden Kälte trug Mochafalu lediglich einen Lederumhang am nackten Oberkörper. Das mit magischen Symbolen verzierte Kleidungsstück wies ihn als Schamanen seines Stammes aus.

»Stimmt«, bestätigte Buck Archer und rieb die Handflächen fest gegeneinander. »Bei diesem Sauwetter muss man aufpassen, dass man nicht mit dem Hintern am Sattel festfriert.« Er warf einen düsteren Blick auf die grauen Wolkenberge, die sich am Himmel auftürmten. »Und es könnte sogar noch schlimmer werden.«

Dem Zauberpriester stand die Sorge ins Gesicht geschrieben, während er in Richtung des Tals sah, in dem seine Stammesgenossen das Winterquartier aufgeschlagen hatten. »Harte Zeiten liegen vor dem Volk der Nimipu.« Damit lag er völlig richtig. Doch noch ahnte Mochafalu nicht, dass der Winter nur das kleinste Problem sein würde.

»Das glaube ich dir aufs Wort.« Buck Archer wendete sich wieder seinem indianischen Gegenüber zu. »Ohne ein festes Dach über dem Kopf ist die Kälte sehr gefährlich.« Er wiegte den Kopf abwägend hin und her, bevor er sich kerzengerade auf dem Pferderücken aufsetzte. »Deshalb kannst du von Glück sagen, dass wir uns gerade heute über den Weg gelaufen sind.«

Der Zufall war längst nicht so groß, wie er behauptete. Archer hatte das Gebiet im nordöstlichen Idaho bereits seit mehreren Stunden durchstreift, bis er schließlich auf den Nimipu-Krieger gestoßen war. Dass es sich sogar um ein ranghohes Stammesmitglied handelte, kam ihm dabei umso gelegener. »Ich kann euch helfen, euren Geistern der Eiswinde ein Schnippchen zu schlagen.«

»Der weiße Mann redet mit den Geistern?« Der Schamane schaute ihn überrascht an.

»Quatsch.« Archer winkte ab. »Aber ich habe da was, das ihr bei der Kälte gut gebrauchen könnt.« Er zeigte zu dem Pritschenwagen mit dem Maultier, der ein wenig abseits geschützt unter einer Baumgruppe stand. Die Plane, die über der Ladefläche festgezurrt war, wölbte sich prall nach oben.

»Komm mit.« Buck Archer machte eine auffordernde Kopfbewegung und wendete seinen Rappen. Neben dem Wagen brachte er den Hengst zum Stehen, dann sprang er aus dem Sattel. Er wartete ab, bis der Indianer ihm gefolgt war, bevor er eine Ecke der Plane beiseite klappte. »Na, was sagst du?«

»Decken?«, stellte der Schamane erstaunt fest.

»Keine gewöhnlichen Decken«, entgegnete Archer beinahe entrüstet. »Das sind die besten Decken, die du jemals zu Gesicht bekommen hast. Reine Schafwolle. Hervorragend gewebt. Und herrlich weich.« Er streichelte behutsam über seine Ware, als handele es sich dabei um schlafende Tiere. »Darin fühlst du dich geborgen wie ein Baby im Mutterschoß.« Archer entging nicht, dass der Indianer interessiert näher trat. »Das ist genau das, was du und deine Leute jetzt gut gebrauchen könnt.«

Mochafalu zog eine der Decken hervor. Er rieb den Stoff prüfend zwischen Daumen und Zeigefinger. Anschließend hob er sie an, um die Dichte der Maschen zu kontrollieren. »Decken sind gut«, stellte er fest, als er sie wieder sinken ließ. Wie viele Decken hat der weiße Mann?«

»Knapp drei Dutzend«, entgegnete Archer. »Wie sieht es aus? Kommen wir ins Geschäft?«

Der Schamane blieb ihm vorerst eine Antwort schuldig. »Was bedeuten diese Zeichen?«, wollte er stattdessen wissen. Er zeigte auf eine Folge von Ziffern und einen Äskulapstab, die am Rand der Decke aufgedruckt waren.

»Das … das sind Zaubersymbole«, behauptete Buck Archer nach kurzem Überlegen. »Siehst du die Schlange, die sich um den Baum wickelt? Sie hält die Geister der Kälte fern. Und die anderen Zeichen geben ihr Kraft.«

»Ah …« Mochafalu nickte verstehend. »Ein starker Zauber?«

»Sehr stark sogar. Die Wintergeister fürchten ihn wie das Kaninchen den Habicht.« Archer machte eine fahrige Bewegung vom Boden bis hinauf in den Himmel. »Also, was ist nun? Willst du die Decken kaufen?«

»Was ist der Preis?«

»Na ja, normalerweise würde ich sechzig Dollar dafür nehmen.« Der Händler rieb sich nachdenklich das schlecht rasierte Kinn. Natürlich war der Preis geradezu unverschämt überzogen. In jeder Stadt hätte er höchstens ein Viertel davon bekommen, doch das wusste sein indianisches Gegenüber ja nicht. »Aber weil ich sehe, dass ihr die Decken sehr nötig braucht, gebe ich sie dir für fünfzig Dollar«, fuhr er fort.

Der Indianer musterte ihn einen Moment schweigend. »Mochafalu hat keine Dollar«, erklärte er dann.

»Was?« Buck Archer glotzte ihn verärgert an. »Wie willst du mich dann bezahlen? Bilde dir bloß nicht ein, dass ich mich mit irgendwelchen Tierzähnen oder anderem Mist abspeisen lasse.«

Nach kurzem Überlegen griff der Schamane in den an seinem Gürtel befestigten Lederbeutel und holte etwas daraus hervor. »Das hier für Decken?«, erkundigte er sich und streckte ihm die Hand entgegen.

Archer glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er sah, was sein Gegenüber in den Fingern hielt. Ein Nugget von der Größe einer Kinderfaust. Trotz des trüben Wetters glänzte das Goldstück, als würde es in Flammen stehen. Der Händler war von dem Anblick so überwältigt, dass er zunächst kein Wort über die Lippen brachte.

»Sonnenstein ist nicht genug für Decken?«, fragte Mochafalu besorgt. »Will weißer Mann lieber magisches Büffelhorn, das …«

»Nein, nein. Das ist schon in Ordnung.« Buck Archer riss ihm das Goldstück förmlich aus den Fingern. »Für heute wird das reichen.« Er wog den Klumpen prüfend in der Hand. Er war schwer genug, um tatsächlich Gold zu sein. Dass es sich mit der Nagelspitze einritzen ließ, wies auf einen hohen Reinheitsgrad des Edelmetalls hin. Aber mit Sicherheit konnte man das erst mit einem gründlichen Test feststellen. Wenn es sich bei dem Brocken um echtes Gold handelte, hielt er ein kleines Vermögen in den Händen. War es möglich, dass der Indianer den wahren Wert seines Fundstücks überhaupt nicht kannte?

Die nächste Frage des Schamanen ließ Archers Vermutung zur Gewissheit werden. »Sonnenstein ist so viel wert wie fünfzig Dollar?«, erkundigte er sich.

Buck Archer versuchte, sich seine Aufregung nicht anmerken zu lassen. »Ja … mehr oder weniger.« Er zuckte mit den Schultern. »Für dieses Mal geht das schon klar.« Seine Finger schlossen sich fest um den glänzenden Brocken. »Dein Sonnenstein ist wirklich sehr schön. Wo hast du ihn her?«

»Mochafalu kennt Höhle. Dort wachsen Sonnensteine aus der Erde. Im Wasser.«

»Tatsächlich?« Archer leckte sich unwillkürlich über die Lippen. Sein Herz schlug plötzlich so stark gegen seinen Brustkasten, dass er beinahe fürchtete, man müsse das Trommeln hören. »Wo ist diese Höhle?«

»Killi-Wonna hat mich zu ihr geführt«, entgegnete der Schamane so knapp, als wäre damit bereits alles gesagt.

Buck Archer spürte, dass er von dem Indianer heute nicht mehr erfahren würde. Deshalb beschloss er, seine Taktik zu ändern. »Okay, damit ist unser Deal klar. Du bekommst die Decken, ich den Sonnenstein.« Er klopfte mit der flachen Hand auf die Ladefläche. »Die Plane kannst du meinetwegen auch behalten. Es war mir eine Freude, mit dir Geschäfte zu machen, mein Freund. Deshalb mache ich dir einen Vorschlag. Was hältst du davon, wenn ich schon bald wieder zurückkomme? Dann habe ich noch mehr Waren für dich dabei – im Austausch gegen deine Sonnensteine. Was hältst du davon?«

Der Schamane ließ den Blick noch einmal über den beladenen Wagen wandern. »Das ist ein guter Handel«, erklärte er dann mit einem zufriedenen Nicken.

***

Wochen später

Das Tal, in dem die Nimipu lebten, war von einer dicken Schneedecke überzogen. Es gab nur einen Platz, der sich deutlich von der Umgebung abhob. Nur wenige Gehminuten von der Indianersiedlung entfernt befand sich eine Stelle, die wie eine dunkle Insel aus dem Meer aus Weiß hervorstach. Hier war auf einer runden Fläche von zwanzig Yard Durchmesser nackter Felsboden zu sehen.

Der Grund für den fehlenden Schnee war nicht die geschützte Lage des Areals, sondern die Feuer, die gleich an mehreren Stellen entzündet worden waren. Gewaltige Feuer, in denen die Toten des Stammes verbrannt wurden, um ihre Seelen zum Himmel aufsteigen zu lassen, wo sie von den Geistern der Vorfahren in Empfang genommen wurden.

Normalerweise fand eine solche Zeremonie nur alle ein bis zwei Monate statt. Doch in diesem Jahr war alles anders. Unter den Nimipu wütete eine verheerende Seuche, die schon etliche Mitglieder des Stammes dahingerafft hatte. Die Flammen waren seit zwei Wochen nicht mehr vollständig erloschen. Ohne Unterbrechung stiegen dunkle Rauchsäulen in den Winterhimmel.

Auch an diesem Tag hatte Mochafalu seine traurige Pflicht erfüllt, die Seelen von drei Stammesangehörigen den Geistern zu überantworten. Er hatte die Rituale so gut wie möglich durchgeführt, wohl wissend, dass die Bestattungszeremonien karger ausgefallen waren, als die Tradition es verlangte.

Normalerweise wurden die Verstorbenen auf hölzerne Gestelle gebettet, unter denen dann heilige Flammen entzündet wurden. Doch bei der Anzahl von Toten, die es in den letzten Tagen gegeben hatte, war für die Errichtung solcher Gerüste nicht mehr genug Zeit. Stattdessen waren die Verstorbenen in Tücher gewickelt und dann direkt dem Feuer übergeben worden. Bei den anschließenden rituellen Gesängen hatte der Schamane die Geister um Vergebung für die unvollständige Zeremonie angefleht.

Nach einem knapp zweistündigen Tanz um die Kultstätte stand Mochafalu nun erschöpft am Rand der mit Asche bedeckten Fläche und betrachtete gedankenverloren die Leichenfeuer. Erst als sich ihm von hinten eine Hand auf die Schulter legte, brachte ihn das wieder in die Realität zurück.

»Ranapaja«, stieß er hervor, als er sich umdrehte. »Wieso bist du hier? Wirst du nicht im Dorf gebraucht?«

»Ich bin gekommen, um dich zu holen«, erwiderte die junge Kriegerin. In ihren Augen glitzerte Angst. »Wegen Kriganamu. Ich befürchte, wir haben nicht mehr viel Zeit.«

Ein Ruck ging durch den Körper des Schamanen. »Lass uns gehen.«

Sie hatten kein weiteres Wort miteinander gewechselt, als sie kurz darauf die Siedlung erreichten. Mochafalu schlüpfte in einen der Wigwams, der mit Tierfellen gegen den Frost isoliert war. In der Mitte der Behausung waren weitere Felle aufgeschichtet. Ein fünfjähriger Junge lag auf dem Lager. Trotz der Kälte standen ihm große Schweißperlen auf der Stirn. Sein Atem ging rasselnd. Nur manchmal wurde das Keuchen von einem bellenden Husten unterbrochen.

Der Schamane ging neben dem Kranken in die Hocke. »Kriganamu?«, fragte er leise.

Doch der Junge reagierte weder auf seinen Namen, noch auf die Berührung, als er nach seinen glühenden Schläfen tastete.

»Das Fieber ist noch weiter gestiegen.« Der Zauberpriester stieß besorgt die Luft aus. »Seit wann brennt das Feuer so stark in Kriganamu?«

»Seit Sonnenaufgang.« Ranapaja war neben ihn getreten. »Er hat die ganze Nacht wach gelegen. Gegen Morgen ist er schließlich eingeschlafen.« Ihre Stimme war voller Sorge. Die Eltern des Jungen waren eine Woche zuvor gestorben. Seitdem hatte sie sich um ihn gekümmert. »Ich habe gemerkt, dass es ihm immer schlechter ging. Kriganamu hat ständig gehustet. Ich wollte ihm etwas zu trinken geben, doch er war bereits zu schwach, um das Wasser zu schlucken.«

Mochafalu nickte. Er schob die Decke beiseite, die über dem Jungen lag. Seine Miene verfinsterte sich, als er den ausgezehrten Körper Kriganamus sah. Seine Haut war mit einem fleckigen Ausschlag überzogen. Derselbe Ausschlag, der auch bei vielen seiner Stammesbrüder aufgetreten war. Die meisten davon lebten nicht mehr.

Der Schamane begann mit einem leisen, monotonen Singsang. Gleichzeitig malte er über dem Patienten eine Folge heiliger Zeichen in die Luft.

Nach einigen Minuten schien die Behandlung Wirkung zu zeigen. Kriganamu öffnete die Augen. Sein Blick wanderte suchend durchs Zelt. Dass zwei Personen direkt neben seinem Lager warteten, schien er gar nicht zu bemerken. Seine Lippen bewegten sich, doch anstelle von Worten kam lediglich ein gurgelndes Husten aus seiner Kehle. Dann fiel sein Kopf kraftlos zur Seite.

Der Schamane legte ihm eine Hand auf die Brust. Ein Herzschlag war nicht mehr zu ertasten. »Kriganamus Seele ist auf dem Weg in das Reich der Geister«, erklärte der Zauberpriester mit tonloser Stimme.

Ranapaja presste sich eine Hand vor den Mund und schluchzte.

Mochafalu holte ein paar trockene Kräuter hervor, die er dem toten Jungen zwischen die Finger klemmte. Anschließend schlug er den Leichnam in der Decke ein.

»Mochafalus Seele leidet«, sagte er, als er sich wieder aufrichtete. »Zu viele Krieger der Nimipu sind übergegangen in das Reich der Geister.«

»Ja«, bestätigte die junge Indianerin. Sie wendete sich ab, weil sie den Anblick des verstorbenen Jungen nicht länger ertragen konnte. »Die Wigwams unseres Dorfs leeren sich. Die Fleckenkrankheit ist wie ein hungriger Wolf.« Ranapaja legte den Kopf in den Nacken. »Warum stehen uns die Geister nicht bei?«

»Die Geister sind voller Zorn«, erwiderte der Zauberpriester. »Sie schützen das Volk der Nimipu nicht. Sogar vor Branoseep, unserem Anführer, hat ihre Wut nicht Halt gemacht.«

»Aber was hat sie so wütend gemacht?«

»Mochafalu kennt die Antwort nicht«, gab der Schamane zu. »Deswegen fühlt er sich schuldig. Seine Aufgabe ist es, mit den Geistern zu reden, aber sie blieben stumm. Nun ist es Mochafalus Pflicht, die Geister wieder zu besänftigen. Oder sein Volk wird untergehen.«

»So darfst du nicht denken«, widersprach die junge Indianerin. »Was mit unserem Stamm passiert, ist schrecklich – aber ganz bestimmt nicht dein Fehler. Wenn deine Heilkräfte an ihre Grenzen stoßen, müssen wir Hilfe bei anderen suchen.«

»Wer sollte uns diese Hilfe geben?«, fragte der Schamane skeptisch. Er ahnte bereits, worauf Ranapaja hinauswollte.

»Wir müssen eine Abordnung in die Stadt des weißen Mannes schicken«, sagte die. »Dort gibt es einen Doktor. Vielleicht kennt er eine Medizin gegen die Fleckenkrankheit.«

»Nein.« Mochafalu hob energisch die Hand. »Medizin von weißem Mann ist gut für weißen Mann. Nicht für Nimipu.«

»Woher willst du das wissen?«

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