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Lassiter - Folge 2221

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Gefangen in der Wüstenstadt
  4. Vorschau

Gefangen in der Wüstenstadt

US-Marshal Tom Bernanke war alles andere als ein furchtsamer Mann. Aber seit sie auf dem schmalen Pfad ritten, der durch die unwegsame Gebirgskette führte, fühlte er sich nicht ganz wohl in seiner Haut. Das hohe Bergmassiv war wegen der angriffswütigen Pumas, die sich hier herumtrieben, bei Reisenden gefürchtet. Ein Blick in das angespannte Gesicht seines Deputies Jess Haffner zeigte ihm, dass es diesem genauso erging.

Die Lawmen waren auf dem Weg nach Cactus Redondo, einem Goldgräberkaff, das zwischen dem Gebirgszug und der glühenden Wüste lag. Gerüchte besagten, dass dort die Pocken grassierten. Vom zuständigen Sheriff, der in der Stadt nach dem Rechten sehen wollte, fehlte jede Spur.

Mit dem Handrücken wischte sich Tom Bernanke den Schweiß von der Stirn, der sich unter der Krempe seines Stetsons sammelte. Die Sonne stand als Glutball am wolkenlosen, stahlblauen Himmel. Kein Lüftchen wehte. Es kam den beiden Sternträgern fast so vor, als ritten sie geradewegs in den Schlund der Hölle.

Jornada del Muerto, die Wegstrecke des Toten, wurde diese lausige Gebirgs- und Wüstengegend genannt. Der Pfad schlängelte sich ein paar Meilen durch die unwegsame Felslandschaft, bis er schließlich in einem Bogen ins Tal nach Cactus Redondo hinunterführte.

Doch so weit kamen die Marshals nicht. Denn unvermittelt tauchten vor ihnen vier hohlwangige, unrasierte Männer auf, die im Schatten der spärlichen Mesquitesträucher auf einem der zahlreichen Felsvorsprünge ausharrten. Es sah so aus, als würden sie den Pass zum Tal bewachen.

Ihre breitkrempigen Stetsons, Hemden und Hosen waren staubig und verdreckt. Die Winchestergewehre in ihren Fäusten aber glänzten, gepflegt und geölt.

»Was wollt ihr?«, rief einer von ihnen die Gesetzeshüter an. Aus seinem kantigen, stoppligen Gesicht funkelten böse dunkle Augen.

»Ho, Mister!«, erwiderte Tom Bernanke überrascht, während er sein Pferd zügelte. »Seht ihr nicht, dass wir Bundesmarshals sind? Wir wollen nach Cactus Redondo!«

»Hier draußen sind eure Blechsterne einen Dreck wert!« Der Wortführer der Männer legte seine Winchester an. Die anderen taten es ihm nach. Fünf Gewehrläufe waren nun auf die Reiter gerichtet. »In Redondo gibt es nichts mehr zu sehen außer den Opfern der Pocken. Verschwindet wieder dorthin, woher ihr gekommen seid!«

Der US-Marshal wechselte einen schnellen Blick mit seinem Deputy. Statt mit Berglöwen bekamen sie es nun mit zweibeinigen Wölfen zu tun. »Wollt ihr zwei Bundesmarshals am Weiterreiten hindern …«, entgegnete Bernanke, wurde jedoch unterbrochen.

»Ich rate euch, auf der Stelle umzukehren!« Die Stimme des Mannes auf dem Felsen ließ keine Widerrede zu.

»Wer bist du, dass du so große Reden schwingst?« Deputy Jess Haffner war bekannt für seine Hitzigkeit. Zorn rötete sein jungenhaftes Gesicht. Seine rechte Hand lag auf dem Kolben des Colts an seiner Hüfte. Natürlich begriff er, dass es angesichts der auf sie gerichteten Gewehre töricht war, daran zu denken, die Waffe zu ziehen.

»Willst du dich mit mir messen, Junge?« Der Mann auf dem Felsen grinste wie ein hungriger Wolf.

Der Deputy nickte. »Wenn du herunterkommst und wir es fair austragen können …«

Weiter kam Jess Haffner nicht. Ein Schuss krachte. Eine Kugel holte ihn augenblicklich vom Rücken seines Pferdes. Er war tot, bevor er auf dem steinigen Boden aufschlug. Auf seiner Stirn zeichnete sich ein kreisrundes Einschussloch ab.

Erschüttert starrte Tom Bernanke auf die Leiche seines Deputies hinunter, der gerade kaltblütig vor seinen Augen erschossen worden war.

»Du wirst verstehen, dass wir dich jetzt nicht mehr laufen lassen können!«, rief der Mann vom Felsen herab. Im nächsten Moment klangen Schusssalven auf. Das Bleigewitter riss den Marshal vom Pferd.

Nachdem sich der Pulverrauch verzogen hatte, befahl der Wortführer: »Begrabt die beiden Schmeißfliegen gleich neben dem Sheriff!«

***

Socorro, New Mexico

Außer Staub, Hitze und Häuser mit hellen Adobemauern, auf denen rote Dachziegel in der Sonne glänzten, schien es in diesem lausigen Kaff nichts zu geben. Es lag direkt am Rio Grande auf einer Höhe von fünftausend Fuß. Die nächste Stadt Albuquerque, aus der der große Mann mit dem dunkelblonden Haar und den blauen Augen kam, war etwa hundert Meilen entfernt.

Sein knochiges Pferd war staubbedeckt, schweißnass und erschöpft. Tier und Reiter hatten wahrlich eine Pause nötig.

Auf geradem Weg ritt Lassiter zum Mietstall. Für einen Dollar mehr versprach der Stallbursche eine Extraportion Hafer für seinen Braunen. Anschließend nahm sich Lassiter im Apache-Hotel ein Zimmer. Nachdem er sich frisch gemacht hatte, erkundigte er sich nach dem Friedensrichter und suchte dessen Büro auf, das mit dem des Town Marshals zusammengelegt war.

Das Office war klein und heiß. Genauso wie die üppige Blondine mit der roten Rüschenbluse und der schwarzen seidenen Damenhose, die sich auf einem Stuhl hinter dem Schreibtisch räkelte. Sie war kaum älter als dreißig.

Zuerst dachte Lassiter, ihre großen, katzenhaften Augen seien haselnussbraun, aber als er einen Schritt auf sie zumachte, sah er, dass sie grün schimmerten. Ihre etwas zu breite Nase verlieh ihrem schmalen Gesicht Charakter. Die Lippen waren voll, sodass der Mund sinnlich wirkte. Ihre Haut hatte den schimmernden Glanz einer Perle. Diese Frau war mehr als einen Blick wert.

»Suchen Sie den Town Marshal?«, fragte sie mit rauchiger Stimme. »Der ist gerade drüben im Saloon …«

Lassiter tippte sich mit den Fingern an die Krempe seines Stetsons. »Nein, Ma’am, ich möchte zum Friedensrichter.«

Die Frau mit dem Engelsgesicht sah ihn mit einem bezaubernden Lächeln an und entblößte dabei blendend weiße Zähne. »Mein Name ist Nora Wilcox. Ich bin die Friedensrichterin von Socorro, Mister …«

»… Lassiter«, sagte der Mann der Brigade Sieben überrascht. »Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber wie mir scheint, sind Sie das einzig Aufregende hier im Ort, Mrs. Wilcox.«

»Miss …«, steckte die Blondine das Terrain schnell ab. »Was kann ich für sie tun?«

Lassiter, der noch im Blick ihrer grünen Augen gefangen war, räusperte sich. »Ich soll vom Friedensrichter … Pardon, von der Friedensrichterin einen neuen Auftrag erhalten.«

»Setzen Sie sich, Mr. Lassiter. Ich weiß Bescheid.«

Lassiter platzierte sich auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch. Die Mittelsleute der Brigade Sieben wurden immer hübscher, dachte er bei sich. Aber ihm konnte das nur recht sein.

»Sie kommen aus Albuquerque?«, fragte die Blondine. Für einen Moment senkte sie ihre langen Wimpern.

Lassiter nickte. Er verspürte ein zunehmendes Kribbeln in seiner Lendengegend.

»Sagt Ihnen Cactus Redondo etwas?«

»Nie gehört.«

»Redondo ist ein kleines Goldgräberstädtchen im Jornada del Muerto, wie die Gebirgs- und Wüstengegend hier in New Mexico genannt wird. Die Wegstrecke der Toten, die von Mexiko bis nach Santa Fé reicht, ist die längste Route, die vom Rio Grande abweicht und nahezu wasserlos ist. Sie führt direkt an Redondo vorbei.«

»Und was soll ich da?«

»Seit Wochen sind Gerüchte im Umlauf, dass sich dort die Pocken ausbreiten. Jene, die in der Stadt nach dem Rechten sehen wollten, kehrten nicht zurück. Darunter der zuständige Sheriff und ein US-Marshal mit seinem Deputy.«

»Das ist ungewöhnlich und bedauerlich, Miss Wilcox. Aber nur deshalb will mich die Brigade Sieben bestimmt nicht dorthin schicken. Da muss noch mehr dahinter stecken.«

»Ihre Schlussfolgerung ist richtig, Mr. Lassiter.« Friedensrichterin Wilcox setzte wieder ihr einnehmendes Lächeln auf, das nun fast wie ein Flirt wirkte. Offenbar fand sie Gefallen an ihrem Gegenüber. »In Cactus Redondo halten sich Sherry und Jacob Strode auf. Sagen Ihnen die Namen etwas?«

Lassiter verneinte erneut.

»Sherry und Jacob Strode sind die Kinder des Washingtoner Kongressabgeordneten Tim Strode, der wiederum ein enger Berater des Justizministers ist. Er macht sich große Sorgen um sie.«

Langsam dämmerte Lassiter, woher der Wind wehte. »Wenn ich richtig verstehe, soll ich nach den Strodes schauen und sie notfalls aus dem Goldgräberkaff rausholen?«

»Unterschätzen Sie den Auftrag nicht! Wie gesagt: Jeder, der in den letzten Wochen Redondo aufsuchen wollte, ist spurlos verschwunden, darunter drei Gesetzeshüter.« Nora Wilcox hielt kurz inne, bevor sie fortfuhr. »Allein schon der Weg dorthin ist gefährlich: unwegsames Gelände, wilde Pumas, die in den Bergen lauern, und die Glutwüste von New Mexico.«

Die Friedensrichterin schob ihm ein zusammengefaltetes Papier über den Tisch. »Das ist die genaue Wegkarte. Ich rate Ihnen, sich daran zu halten. Es wäre wirklich schade um Sie!«

Lassiter verstaute die Karte in seiner Hosentasche. Nora Wilcox schien ein kleines Luder zu sein. Auch kein Wunder, denn eine große Auswahl an Männerbekanntschaften gab es hier bestimmt nicht.

»Wenn ich mit der Wegbeschreibung nicht klarkomme, dann werde ich Sie um Rat fragen.«

Die Blondine fuhr sich mit beiden Händen durch die lockige Haarmähne. Ihre Augen verengten sich. »Sie wohnen im Apache Hotel

»Woher …«

»Hier gibt es nur zwei Hotels. Das Apache liegt direkt an der Mainstreet, das andere etwas versteckt in einer Quergasse. Fremde übersehen es normalerweise.«

»Dann wissen Sie ja, wo Sie mich finden!«, sagte Lassiter. »Ich reite erst Morgen früh los. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Nächte in Socorro ziemlich eintönig sind.«

»Da haben Sie recht. Deshalb bin ich sicher, dass wir uns vorher noch einmal sehen werden.«

»Ach ja?«

Nora Wilcox lächelte keck. Ihr Schmollmund hatte die Farbe von reifen Erdbeeren.

Lassiter spürte, wie sich das Kribbeln in seiner Lendengegend verstärkte.

***

Der glatzköpfige Mann mit dem zerrissenen Hemd kniete im Sand. Seine Arme waren auf den Rücken gefesselt, die Augen mit einem schmutzigen Tuch verbunden. »Lass mich gehen, Briggs!«, krächzte er zwischen den spröden Lippen hervor. Es klang wie das Betteln eines ungehorsamen Kindes, das Angst vor der Züchtigung seines Vaters hat.

Die zwei Dutzend Outlaws, die einen Halbkreis um ihn gebildet hatten, sahen zu ihrem Boss Caldwell Briggs hinüber. Dieser saß in einem Schaukelstuhl auf der Veranda des Hauses. Er war ein großer, zäh wirkender Mann mit ledrigem und unrasiertem Gesicht, in das Locken seines strähnigen schwarzen Haares fielen. Obwohl er in Utah geboren war, sah er aus wie ein Mexikaner.

»Du hast dich geweigert, Gold für mich zu schürfen, Logan! Wenn das die Runde macht, dann arbeitet bald niemand mehr für mich!«

»Es ist mein Claim, Briggs!« Der Gefesselte versuchte, seiner brüchigen Stimme einen festen Ton zu geben. »Ich überlasse dir einen Teil meines Fundes. Aber du kannst nicht verlangen, dass ich die Nuggets nur für dich aus der Erde hole!«

»Was ich von dir und von jedem anderen in diesem verfluchten Kaff verlangen kann und was nicht, musst du schon mir überlassen, Logan!« Briggs erhob sich aus dem Schaukelstuhl, blickte über den sonnenüberfluteten Hof. Er hatte seinen Männern befohlen, alle Goldschürfer auf dem Anwesen zu versammeln, das zwischen Redondo und den Claims lag. Als sie herkamen, hatten sie den Vorbesitzer verjagt. Die Goldsucher sollten Zeugen seiner Machtdemonstration werden.

»Selbst jetzt noch, wo du bereits mit einem Bein im Grab stehst, schwingst du große Reden! Verstehst du denn nicht, dass ich mir das nicht gefallen lassen kann, Logan?«

»Bitte, Briggs …«, bettelte der Gefesselte.

Der Outlaw ignorierte es. »Ich muss ein Exempel an dir statuieren, ein für alle Mal klar machen, wer hier der Boss ist!« Er gab Roy Shiba einen Wink. Der bullige Mann mit dem ungepflegten Vollbart war seine rechte Hand. Er zog seinen Colt und richtete ihn auf den Glatzkopf, der vor ihm im Sand kniete.

»Fahr zur Hölle, Logan!«, knirschte er und drückte ab.

Die Versammelten schrien laut auf. Die wenigen Frauen schlossen die Augen und weinten.

»Jeder, der sich meinen Befehlen verweigert, wird das gleiche Schicksal erleiden!«, brüllte Caldwell Briggs von der Veranda über den Hof. »Und nun macht euch wieder an die Arbeit!«

Die Menschen kehrten zu ihren Claims zurück. In ihren Gesichtern stand pures Entsetzen. Pat Logan war einer von ihnen gewesen. Er hatte das gewagt, was viele sich nicht trauten: den Gesetzlosen Paroli zu bieten!

»Werft seinen Kadaver den Geiern zum Fraß vor!«, wies Roy Shiba an, während er einen verächtlichen Blick auf den Toten warf. Die Outlaws packten den leblosen Glatzkopf und schleiften ihn zu seinem Pferd, um ihn in die Wüste zu schaffen.

Caldwell Briggs wippte in seinem Schaukelstuhl auf und ab und leerte das Whiskyglas in einem Zug. So schnell würde keiner dieser Goldsucher mehr aufmüpfig werden!

***

Die Frau mit dem schulterlangen, kastanienroten Haar biss so fest in die Knöchel ihrer rechten Faust, dass Abdrücke ihrer Zähne zurückblieben. Das einfache Baumwollkleid, das sie trug, betonte ihre hochgewachsene und schlanke Figur. Ihr alabasterweißes Gesicht mit den rehbraunen Augen besaß das klassische Profil einer griechischen Statue, mit schmaler gerader Nase und energischem Kinn.

Sherry Strode brauchte eine Weile, um sich wieder zu beruhigen. Die brutale Hinrichtung Pat Logans, der sie soeben beigewohnt hatte, ließ sie nicht mehr los. Während die Goldschürfer wieder zu ihren Claims ritten, verkroch sie sich in ihrem Hotelzimmer in der Stadt, das sie sich mit ihrem Bruder Jacob teilte.

»Warum bist du nicht bei der Arbeit?«

Sherry zuckte zusammen, als unvermittelt die hohle Stimme ihres Bruders in ihrem Rücken aufklang. Sie wandte sich vom Fenster ab, aus dem sie hinunter auf die staubige Mainstreet gestarrt hatte, und antwortete: »Dasselbe könnte ich dich fragen!«

Jacob war nicht besonders groß, dafür ungewöhnlich hager, mit schmalen hängenden Schultern. Auch sein borstiges kurzes Haar war rötlich, allerdings mit einem brandfarbenen Ton. Sein mit Sommersprossen gesprenkeltes Gesicht schimmerte wächsern, verlieh ihm ein kränkliches Aussehen. Seine Lippen, dünn und blassrot, verzogen sich zu einem wölfischen Grinsen.

»Du weißt, dass ich hier in einer ganz anderen Position bin als du!«, knurrte er. Es klang herablassend und provozierend, als sei er auf Streit aus.

Sherry atmete tief durch. Ihre spitzen Brüste hoben und senkten sich. In der Tat hatte sich ihr Bruder vor einigen Wochen Caldwell Briggs und seinen Outlaws angeschlossen. »Was glaubst du, was Dad sagt, wenn er erfährt …«

»Verdammt soll er sein!« Barsch unterbrach Jacob Strode seine Schwester. »Er hat sich ohnehin nie um mich gekümmert! Du warst immer sein Liebling!«

Sherry blickte betreten zu Boden. In gewisser Weise hatte ihr Bruder recht. Nach dem plötzlichen Herztod ihrer Mutter hatte ihr Vater, der Abgeordneter im Kongress war, sie bevorzugt. Doch nur, weil Jacob immer bösartiger wurde. Weder Dad noch Mum hatten es geschafft, ihn auf den rechten Weg zu bringen. Jacobs Charakter war auf Streit und Raffgier ausgelegt, seine Weltsicht düster und hoffnungslos. Allerdings besaß er auch eine abenteuerlustige und verwegene Ader.

Als Dad beiläufig von dem kleinen Goldgräberstädtchen Cactus Redondo erzählte, war Jacobs Interesse sofort geweckt.

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