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Lassiter - Folge 2213

Von US-Marshals gejagt

Gary Rawlins schrie, als es ihn erwischte. Die Kugel schleuderte ihn zurück, weg von der alten Blockbohlenwand. Jasper French, sein letzter noch lebender Kampfgefährte, beugte sich über ihn. Im Halbdunkel des alten Offiziershauses war Garys Wunde kaum zu erkennen.

»Du überlebst es«, sagte French dennoch. »Mach dir keine Sorgen, ich bringe dich hier raus.«

Die Schüsse ihrer Gegner endeten. In den Ruinen von Fort Kehoe lastete die plötzliche Stille wie drückende Gewitterluft. Gary Rawlins’ schmerzerfülltes Stöhnen blieb der einzige Laut, der noch zu hören war.

Unvermittelt erscholl eine Stimme. »Kommt raus! Ergebt euch! Dann passiert euch nichts!«

Jasper French brüllte zu den Fensterhöhlen hin: »Welche Garantie haben wir?«

»Mich«, antwortete der Anführer der Gegner. »Ich komme und hole euch ab.«

French grinste triumphierend und flüsterte: »Jetzt kriegen wir ihn.«

»Bist du verrückt?«, ächzte Gary Rawlins. »Wir sind erledigt. Wir können doch nichts mehr …« Er verstummte, als er versuchte, den Oberkörper aufzurichten. Denn damit löste er einen jähen Schmerz aus, der seinen Brustkorb quer zu durchstechen schien und ihm den Atem raubte. Es gelang ihm immerhin, einen erneuten Schrei zu unterdrücken.

»Ausrichten?«, vervollständigte French den Satz seines Kampfgefährten. Frenchs stahlblaue Augen funkelten verschlagen. »Hast du eine Ahnung!« Der Mann mit dem kurzgeschorenen blonden Haar lachte lautlos. »Was meinst du wohl, was hier gleich läuft?«

»Menschenskind, Jasper«, keuchte Rawlins. Die Blässe seines Gesichts wurde von dem dunkelblonden Haar und dem Schnauzbart noch betont. »Mach jetzt keinen Unsinn. Sheldon hat noch mindestens zehn Mann da draußen. Du weißt, was das bedeutet. Entweder wir nehmen sein Angebot an, oder wir sind tot.«

»Irrtum«, widersprach French. »Ich entscheide mich für Möglichkeit Nummer drei.«

»Was zum Teufel …?«, brachte Rawlins mühsam hervor. Er sprach nicht weiter, beobachtete vielmehr mit ungläubig aufgerissenen Augen, was French tat.

Der blonde Mann richtete sich halb auf, machte in geduckter Haltung kehrt und huschte zu der Blockbohlenwand zurück. Gleich rechts von der Schießscharte befand sich die Tür. Er nahm seine Winchester und vergewisserte sich, dass das Röhrenmagazin vollständig geladen war.

»Jas«, flüsterte Gary Rawlins. »Um Himmels willen, was hast du vor?«

Jasper French antwortete nicht, wich vielmehr einen Schritt zurück und nahm die Winchester in die linke Hand.

»Mein Gott!«, hauchte Gary Rawlins entsetzt. Er bekam den Mund nicht wieder zu, und seine Stimmbänder versagten ihm den Dienst.

Draußen ertönte wieder Sheldons Stimme.

»Was ist jetzt? Entscheidet euch! Wir warten nicht ewig.«

»Wir sind einverstanden, wenn du deine Zusage einhältst«, erwiderte French laut und vernehmlich, zur Schießscharte hin. »Zeig uns, dass du es ehrlich mit uns meinst. Dann ergeben wir uns.«

»All right«, rief Wayne Sheldon. Er war der Sohn des größten Ranchers im Pawnee County, Nebraska. Das Wort eines Sheldon galt etwas; jeder wusste, dass man sich darauf verlassen konnte. Er fuhr fort: »Wir haben das Feuer eingestellt, und ich gehe euch jetzt entgegen. Ihr kommt raus, einer nach dem anderen, nicht gleichzeitig. Und ihr hebt die Hände hoch, sodass wir sie sehen können.«

»Alles verstanden«, ließ sich Jasper French vernehmen. »Sobald wir dich sehen, lassen auch wir uns blicken.«

»In Ordnung. Dann mal los. Jetzt!«

Gary Rawlins stieß einen erschreckten Laut aus. Er atmete tief ein und konnte nicht wieder ausatmen. Es hörte sich an, als ob ihm die eigene Atemluft im Hals stecken blieb.

Jasper French wartete eine Sekunde, dann handelte er – so schnell und zielstrebig, dass der Verwundete es kaum mit Blicken verfolgen konnte.

French brauchte nur einen halben Schritt, um mit gestrecktem Arm die Tür zu erreichen. Sie hing schief in den Angeln, ließ sich nur schwer bewegen. Sichtgeschützt und geduckt im Halbdunkel, wich der hochgewachsene blonde Mann zurück.

Blitzschnell erreichte er die Schießscharte.

Aus der Bewegung heraus hatte er die Winchester ebenso schnell im Schulteranschlag. Er stieß die Laufmündung in die Schießscharte – nur so weit, dass die Mündung weder hindurchragte, noch von draußen zu sehen war.

Augenblicklich zog er durch.

Noch während der peitschende Schuss der Winchester nachhallte, ließ French das Gewehr fallen. Er wich zurück und warf noch rasch einen Blick durch die Schießscharte. Das Ergebnis seines Schusses war so perfekt, wie er es erwartet hatte.

Wayne Sheldon lag im Gras, zwischen zwei Büschen, hinter denen er hervorgetreten war. In seinem affigen elfenbeinfarbenen Stadtanzug hatte er ein gutes Ziel abgegeben. Das hast du nun davon, dachte Jasper French gehässig, rumzulaufen wie die Kerle aus Buffalo Bills Wildwest-Show!

Sheldon bewegte sich nicht mehr. Er war tot. Daran gab es keinen Zweifel.

Für die Dauer eines Atemzugs herrschte lähmende Stille.

»Gary, mein Gott!«, brüllte Jasper French in diese Stille hinein. »Was hast du getan? Du hast ihn getötet! Ja, bist du denn wahnsinnig geworden?«

Er fuhr herum, zog den Colt und jagte dem wehrlosen Gary Rawlins eine Kugel ins Bein.

Gary schrie und zuckte zusammen unter dem Einschuss. Entsetzt starrte er den Mann an, dem er vertraut hatte, den er für einen guten Freund gehalten hatte. Er wollte etwas erwidern, wollte den Lügner bloßstellen, doch der Schock schnürte ihm die Kehle zu. Und im nächsten Augenblick setzte erneut jener Höllenlärm ein, der jeden anderen Laut erstickte.

Voller Zorn über das Geschehen eröffneten Sheldons Männer das Feuer.

Abermals hallte das verfallene Fort wider vom Krachen der Schüsse. Kugeln sengten prasselnd durch das Gebüsch, das sich überall zwischen den Ruinen ausgebreitet hatte, fuhren mit dumpfen Schlägen in morsche Balkenwände oder heulten als Querschläger ins Nichts, nachdem sie auf rostige Eisenteile geprallt waren.

Die Übermacht der Angreifer rückte auf das alte Wohnhaus zu, das zur Gruppe der Offiziers-Unterkünfte im nordwestlichen Winkel der doppelt mannshohen Palisaden gehörte. Nur noch Reste davon waren erhalten. Das Gelände war dennoch unübersichtlich. Der ungehemmte Wuchs von Buschwerk und jungen Bäumen bot den Männern der Sheldon Ranch hervorragenden Sichtschutz.

Die Ruine des Offiziershauses, in dem sich Gary Rawlins und Jasper French verschanzt hatten, war im Vergleich mit den übrigen Gebäuden am besten erhalten. Die Wände aus einst präzise gesägten Blockbohlen boten ausreichenden Schutz vor Kugeln. Dennoch hatten die Männer von der Rawlins-Ranch von Anfang an keine Chance gehabt.

Sie waren zu sechst gewesen. Auf dem Rückweg von Pawnee City waren sie im offenen Gelände auf die mindestens dreimal so starke Sheldon-Mannschaft gestoßen. Der Weidekrieg, der zwischen den beiden Ranches tobte, hatte seinen Tribut gefordert. Gary Rawlins hatte das einzig Richtige getan und den sofortigen Rückzug angeordnet.

Es war ihnen gelungen, in das alte Fort Kehoe zu fliehen und sich dort zu verschanzen. Bei dem unvermeidlichen Feuergefecht hatten beide Seiten beträchtliche Verluste hinnehmen müssen.

Gary Rawlins hatte einen seiner Männer als Boten losgeschickt, der seinen Vater auf der sechs Meilen entfernten Ranch verständigen sollte. Doch Gary, Jasper und die anderen hatten mit ansehen müssen, wie der Bote knapp außerhalb des Forts von den Kugeln der Sheldon-Crew buchstäblich durchsiebt worden war.

Unvermittelt endeten die Schüsse wieder.

»Kommt raus!«, donnerte eine Reibeisenstimme von draußen. »Wenn ihr euch jetzt nicht ergebt, schießen wir euch in Stücke!«

Jasper French schob seinen Colt ins Holster. Immer noch geduckt, blickte er grinsend auf den Rancherssohn hinab.

»Na, was denkst du, was wir jetzt machen, Gary?«, fragte er höhnisch.

Rawlins’ Gesicht war vor Schmerzen verzerrt. Nur mit äußerster Anstrengung konnte er antworten. Seine Stimme war schwach und zittrig.

»Jasper, warum … hast du das getan?«

French antwortete nicht, grinste nur. Er wandte sich ab und rief zu der noch halb offenen Tür hin: »Ich habe hier den Mörder für euch! Ihr kriegt ihn frei Haus, wenn ihr mich am Leben lasst.«

***

Lassiter hatte dieses Bild, das sich auf dem höchsten Punkt in der Landschaft befand, nun schon eine ganze Weile vor Augen. Anfangs, aus größerer Entfernung, hatte er es für eine Skulptur gehalten – dort oben auf der Hügelkuppe. Nun aber vermochte er Einzelheiten zu erkennen.

Es war der einzige höhere Hügel, so weit das Auge reichte. Deshalb hatte der Anblick eine geradezu monumentale Wirkung.

Es war ein Mann auf einem Thron.

Lassiter ritt in westlicher Richtung. Der Mann auf dem Thron blickte nach Südwesten, war demzufolge schräg von hinten links zu sehen. Der Eindruck, dass es sich um ein Standbild handeln mochte, wurde dadurch bestärkt, dass der Thronende völlig allein war.

Kein Pferd und kein Mensch standen neben dem wuchtigen Sitzmöbel, das aus mächtigen Balken zu bestehen schien. Auf den kantigen Lehnen wirkten die Arme des Sitzenden klein und zierlich. Auch der Mann selbst wirkte vergleichsweise klein auf dem kolossalen Sessel.

Solange er es noch für eine Skulptur gehalten hatte, dachte Lassiter an einen Europäer, der es womöglich hatte bauen lassen, um damit an das Königreich zu erinnern, aus dem er stammte. Möglicherweise hatte es einen reichen Monarchisten aus der Alten Welt hierher nach Nebraska verschlagen, und nun huldigte er als Landeigentümer seinem früheren Herrscher, indem er ihm ein Denkmal setzte.

Allerdings trug sein König keine Krone, sondern einen höchst amerikanischen Stetson in eleganter Elfenbeinfarbe. Das ließ vermuten, dass der Hut keineswegs zur Rinderarbeit getragen wurde, weil er dann schnell schmutzig geworden wäre.

Lassiter war grundsätzlich vorsichtig. Deshalb zog er die Winchester aus dem Scabbard, nahm die Zügel in die Linke und hielt das Gewehr mit der Rechten, nachdem er es quer vor das Sattelhorn gelegt hatte.

Er befand sich im Pawnee County, Nebraska.

In diesem Landstrich unmittelbar nördlich der Grenze zu Kansas herrschte ein blutiger Weidekrieg. Das wusste er aus telegrafischen Informationen, die er in Topeka, Kansas durch den dortigen Verbindungsmann der Brigade Sieben erhalten hatte. Verbunden damit war ein Einsatzbefehl seiner geheimen Dienststelle im Justizministerium der Vereinigten Staaten.

Mit einem Zug der Topeka & Santa Fé Railroad war er bis nach Atchison, Kansas gefahren und dort in einen Zug der Atchison & Nebraska Railroad umgestiegen. Über Falls City, Nebraska, hatte er die Station Table Rock im Pawnee County erreicht. Dort war er am frühen Morgen dieses Tages ausgestiegen.

Im Mietstall des kleinen Orts hatte er ein Pferd gekauft, einen jungen rotbraunen Wallach, der aus Kavalleriebeständen stammte und im Zuge der neuerlichen Truppenreduzierungen erst vor kurzem ausgemustert worden war.

Lassiter zügelte den Braunen etwa fünfhundert Yard von dem Hügel entfernt und schlang die Zügelenden um das Sattelhorn. Dadurch gewann die Winchester zugleich sicheren Halt und er hatte beide Hände frei. Er nahm das Teleskop-Fernrohr aus der Satteltasche, zog es auseinander und setzte das Okular ans Auge.

Was er sah, gab ihm endgültige Gewissheit. Der Mann auf dem Thron war ein Mensch aus Fleisch und Blut, bullig und untersetzt und von mittlerer Körpergröße. Unter dem hellen Stetson war dunkles Haar zu erkennen. Bekleidet war der Mann mit einem eleganten hellbraunen Anzug. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen, deshalb konnte Lassiter den rechten seiner reichverzierten braunen Stiefel sehen – ohne Zweifel eine Maßanfertigung.

Der Thron war nicht aus Holz gebaut, wie Lassiter ursprünglich gedacht hatte. Vielmehr vermochte er jetzt deutlich zu erkennen, dass er aus Stein gemauert und mit Lehm verputzt worden war, was die helle, holzähnliche Farbe erklärte.

Lassiter schwenkte das Fernrohr ein Stück nach links, um sich die Umgebung des Throns anzusehen. Da tauchten plötzlich Reiter vom westlichen Hang des Hügels auf und nahmen um den Thron herum Aufstellung.

Lassiter zählte fünf Männer. Sie trugen Anzüge in unterschiedlichen Grautönen, dazu schwarze Pork Pie Stetsons. Die topfförmigen Hüte mit den schmalen Krempen zeigten an, dass diese Männer sich bewusst vom Kleidungsstandard im Westen abheben wollten. Die Jacketts standen offen, sodass die aneinandergereihten Patronen in den Schlaufen der Revolvergurte funkelten. Dazu trugen sie jeweils oberhalb der Hüfte an beiden Seiten sogenannte Cross Draw Holster.

Allein der Anblick dieser Bewaffnung musste auf eine zartbesaitete Seele furchterregend wirken. Die Revolverkolben ragten aus den Holstern schräg nach vorn, wie es die Cross Draw Technik, das Ziehen über Kreuz, erforderte. Die Schulterstücke der Gewehre in den Scabbards vervollständigten den waffenstarrenden Anblick der kleinen Streitmacht.

Die Reiter bildeten einen Halbkreis hinter dem Thron und blickten in Lassiters Richtung. All right, der Kerl auf dem Thron hatte ihn also bemerkt und seine Schutztruppe vom westlichen Fuß des Hügels heraufgerufen. Leibwächter waren es, alles andere als Weidereiter, wie sie normalerweise zur Mannschaft einer Ranch gehörten.

Lassiter beschloss, seinen Weg fortzusetzen. Etwa hundert Yard entfernt gab es rechter Hand eine kleine Anhöhe, kaum mehr als ein Erdbuckel. Er lenkte sein Pferd hinter die Erhebung, die mit Gras und kniehohem Strauchwerk bewachsen war.

Hier war der Braune weitgehend geschützt. Lassiter leinte ihn an einem stärkeren Busch an, nahm die Winchester mit und ging zu Fuß weiter. Er trat hinter der Anhöhe hervor und schlug seine ursprüngliche Richtung ein – auf den Thronhügel zu.

So wie die Kerle dort oben aussahen, hielten sie jeden Fremden vermutlich für einen Feind. Obwohl er das Fernrohr nicht mitgenommen hatte, konnte er an ihrer Gestik erkennen, dass sie irritiert waren. Schließlich zeigte er sich ihnen wie auf dem Präsentierteller, und wenn es darauf ankam, hatte er gegen ihre Übermacht nicht die geringste Chance.

Die Handbewegungen des Thronenden zeigten, dass er Entscheidungen traf. Drei der Reiter setzten sich in Bewegung, kamen den Hügel herunter und auf Lassiter zu. Sie ließen sich Zeit dabei, wohl in dem sicheren Gefühl, dass sie es sich leisten konnten.

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