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Lassiter - Folge 2202

Der Speer der Rache

Dämmerung fiel über das Grasland, ein kühler Westwind wehte von den nahen Bergen, der Mond ging schon auf. Eastflower hob den Blick, weil Trommeln und Gesang plötzlich verstummten. Vor den Wigwams sah sie die Jäger sich aufrichten und zum Totempfahl in der Mitte des Jagdlagers spähen. Von dort wankte der Medizinmann dem Zelt des Jagdhäuptlings entgegen; eine Squaw musste ihn stützen.

»Weißer Rabe kommt zu uns«, sagte Eastflower. Sie verband ihrem Mann die Wunden an Oberschenkel und Schulter. Ein Büffel hatte den Jagdhäuptling heute vom Mustang gestoßen. »Er blickt finster. Der Große Geist hat ihm wohl wieder Unglück verheißen.«

Vor dem Paar blieb der Medizinmann stehen. »Lass das Lager abbrechen, Roter Falke!«, sagte er mit schwerer Zunge und lehnte sich auf seine Squaw. »Wir müssen fliehen. Sofort. Der Tod ist auf dem Weg zu uns.«

Eastflower sah die Flasche aus der Jacke seiner Squaw ragen, die Flasche mit dem Feuerwasser. Sie spürte Wut in sich aufsteigen, wandte sich ab und richtete ihre Aufmerksamkeit ganz auf den letzten Verband, den sie ihrem Mann anlegte. Mit diesen Wunden würde Roter Falke morgen nicht zur Jagd reiten können.

»Hörst du mir zu, Häuptling?« Weißer Rabe krächzte mehr, als dass er sprach, und schlimmer noch: Er schwankte immer bedenklicher. »Hast du gehört, was der Große Geist dir ausrichten lässt, Roter Falke?«

»Ich habe deine Worte gehört, Weißer Rabe.« Eastflower war erleichtert, ihren Mann so ruhig sprechen zu hören. Sie allein, die ihn so gut kannte, wie sonst niemand, nur sie hörte seiner Stimme an, wie schwer es ihm fiel, seinen Zorn im Zaum zu halten.

Seit Wochen schwirrten Kriegsgerüchte durch Prärie, Gebirge und Großes Becken, und seit Wochen hatte der Weiße Rabe nichts Besseres zu tun, als die Jäger vom Stamme der Ute und ihre Frauen in Angst und Schrecken zu versetzen mit seinen düsteren Weissagungen. Dennoch war und blieb er der Medizinmann und man musste ihn entsprechend respektvoll behandeln.

»Gut«, sagte Weißer Rabe heiser. »Dann brechen wir jetzt die Wigwams ab und packen die Jagdbeute und die Wigwamfelle auf die Pferde. Möge die Nacht unser Schutzschild werden.« Er griff nach der Flasche in der Lederjacke seiner Squaw.

Eastflowers Zwillinge und Kleines Reh, die Schwester des Jagdhäuptlings, traten aus dem Wigwam; aus allen Behausungen schauten schon die Squaws herüber zu ihnen, und mit ihnen die wenigen Halbwüchsigen, die in diesem Spätsommer den Jagdzug begleiten durften.

Roter Falke betrachtete seinen Medizinmann aufmerksam und nickte langsam. Eastflower half ihm in Lederweste und Bärenfellmantel und reichte ihm seinen Jagdspeer. An ihm zog er sich hoch. Sie hütete sich, ihm zu helfen – ihr Mann hasste es, Schwäche zeigen zu müssen.

Eastflower war eine schlanke Frau Ende zwanzig. Sie hatte schwarzes Haar, dunkelblaue Augen und samtbraune Haut. Ein trotziger Zug lag um ihren großen Mund.

Schöne Blume, die der Wind aus dem Osten an mein Herz geweht hat – so lautete ihr eigentlicher Name, wenn man ihn wörtlich aus dem Dialekt der Ute-Indianer übersetzte. Sie hatte von Anfang an darauf bestanden, den Namen verkürzt und englisch auszusprechen: Eastflower.

Vor dem Medizinmann blieb Roter Falke stehen und sah ihm ins Gesicht. »Ja, wir werden aufbrechen, Weißer Rabe.«

Der Medizinmann nickte zufrieden und entkorkte die Flasche. Eastflower hörte, wie schwer er atmete, sah, dass sein Gesicht rot und seine Augen wässrig waren. Das lag keineswegs nur am anstrengenden Tanz um den Totempfahl und an der Anrufung des Großen Geistes. Er setzte die Flasche an die Lippen.

»Wir werden aufbrechen …«, mit einer blitzschnellen Bewegung riss der Häuptling sie ihm aus der Hand, »… sobald wir genug Büffelfleisch erbeutet haben, um auch das letzte Maultier und den letzten Mustang damit beladen zu können.«

Der Medizinmann starrte ihn an wie eine Erscheinung. Ganz still war es plötzlich im kleinen Jagdlager. Alle hielten den Atem an.

»Du wagst es, dem Großen Geist zu trotzen?« Weißer Rabe schnappte nach der Flasche, doch Roter Falke schlug ihm den Arm weg. »Du wagst es …?«

»Der Große Geist hat durch dich ein Erdbeben geweissagt, sollten wir das Sommerlager am Otterfluss verlassen, um in der Prärie zu jagen. Es gab kein Erdbeben. Der Große Geist hat durch dich mit Steinschlag in den Bergen und Blizzards in der Prärie gedroht, sollten wir wie jedes Jahr auch diesen Sommer auf Büffeljagd reiten. Es gab weder Steinschlag noch Blizzards.«

Roter Falke drehte die Flasche herum und leerte das bernsteinfarbene Feuerwasser ins Gras. Der Medizinmann versuchte erneut, nach ihr zu greifen, doch weil der Jagdhäuptling ihm den Weg mit seinem Speer versperrte, strauchelte er und stürzte.

»Nicht der Große Geist, sondern das Feuerwasser und deine Angst vor den Bleichgesichtern geben dir all die düsteren Weissagungen ein.« Roter Falke ließ die leere Flasche fallen, hob die Stimme und rief seinen Jägern zu. »Wir bleiben hier! Wir jagen den Büffel morgen und übermorgen und auch noch am Tag danach! Wir jagen ihn, bis wir genug Fleisch für den Winter haben!«

Feindselig blinzelte Weißer Rabe zu ihm herauf. Dann angelte er sich die leere Flasche aus dem Gras und winkte seiner Squaw. Die half ihm hoch und führte ihn in den gemeinsamen Wigwam.

Während der kalten Nacht später kuschelte Eastflower sich an den Roten Falken. »Weißer Rabe verwirrt die jungen Krieger«, flüsterte sie. »Was ist nur los mit ihm?«

»Verfluchtes Feuerwasser«, knurrte der Jagdhäuptling, »verfluchte Bleichgesichter. Seit sie im Westen Captain Jack getötet haben und im Norden Chief Joseph sein Land streitig machen, wollen meine Krieger nicht mehr an eine friedliche Zukunft glauben.«

Mehr sagte er nicht. Ohne überhaupt den Versuch zu machen, mit Eastflower Liebe zu machen, schlief er ein. Seine Verletzungen mussten ihm große Schmerzen bereiten, wenn er sogar darauf verzichtete.

Eastflower schlang die Arme um seine breite Brust und dachte über seine Worte nach.

Im Westen, in den Bergen Kaliforniens, hatte die US-Army die Modocs besiegt und ihren Kriegshäuptling Captain Jack hinrichten lassen. Hoch im Norden bahnte sich ein Krieg zwischen den Weißen und den Nez Percé an. Die Regierung in Washington wollte ihnen ihr Land in Oregon wegnehmen. Doch ihr großer Häuptling Chief Joseph war nicht der Mann, der so etwas einfach hinnahm.

Angst beschlich Eastflower. Sollte der Krieg nun von den Modocs auf die Nez Percé übergreifen, würden auch die Ute und ihre Häuptlinge das Kriegsbeil wieder ausgraben. Roter Falke und seinesgleichen waren viel zu stolz, um vor den Weißen den Nacken zu beugen.

Eastflower dachte an ihre zehnjährigen Zwillingssöhne. Lange fand sie keinen Schlaf.

Schon bei Sonnenaufgang brachen die Jäger auf. Die Büffel weideten ganz in der Nähe. Seit die Ute Pferde besaßen und züchteten, überquerten sie Sommer für Sommer die Bergketten der Rocky Mountains, die ihre Heimat am Otter Creek und am Sevier River von der Prärie trennten. Sommer für Sommer jagten sie im Grasland den Bison.

Roter Falke ging an diesem verhängnisvollen Tag nicht mit auf die Jagd. Zu schmerzhaft waren seine Verletzungen, die er sich bei dem Sturz zugezogen hatte. Abgesehen von zwei kranken Halbwüchsigen waren er und Weißer Rabe die einzigen Männer, die im Lager blieben.

Die Frauen machten sich an ihr Tagewerk: Wigwams ausbessern, Decken stopfen, Mokassins mit neuem Leder besohlen, und vor allem das bereits erbeutete Büffelfleisch trocknen.

Auch die beiden Freundinnen Eastflower und Kleines Reh – Eastflower benutzte ausschließlich die Übersetzung ihres Ute-Namens Little Doe – hockten den ganzen Vormittag an den Holzgestellen und spannten die Fleischstreifen, die ihre Kinder ihnen reichten, zwischen die straffen Sehnen.

Eastflower war in sehr jungen Jahren zu den Ute gestoßen; kaum achtzehn Jahre alt hatte sie ihrem Häuptling Zwillingssöhne geboren.

Little Doe hatte ein dreijähriges Mädchen, das sie noch stillte. Weil sie sehr eifersüchtig war und ihrem Mann keine Zweitfrau mit auf den Jagdzug geben wollte, hatte sie ihn samt dem Säugling begleitet.

Gegen Mittag hörten sie plötzlich Hufschlag. Zuerst glaubten sie, die Jäger hätten vielleicht überraschend schnell viel Beute gemacht und kämen schon zurück. Doch dann sah Eastflower Reiter mit Gewehren und in blauen Uniformen. Über den Hüten ihrer Angriffsspitze wehte die US-Flagge.

Schon fielen die ersten Schüsse, und dann preschten die Reiter zwischen die Wigwams. Vielleicht waren es fünfzig, vielleicht auch nur dreißig. Die meisten Squaws schafften es noch, ins hohe Büffelgras zu flüchten, doch Eastflower und Little Doe wollten den Säugling und den verwundeten Häuptling nicht allein lassen.

Der hob seinen Speer und stellte sich schützend vor sie. Eastflower scharte die Kinder und die junge Mutter hinter sich. Soldaten umzingelten sie, richteten Gewehrläufe auf sie. Einer von ihnen, ein langer Rotschopf, winkte einem Reiter, der jetzt erst zwischen den Wigwams auftauchte.

Der Mann lenkte sein Pferd heran, stieg aus dem Sattel und stelzte böse lächelnd auf sie zu. Ein Captain. Eastflower konnte sein Rangabzeichen erkennen und den Namen auf seiner Brusttasche lesen: Peterbilt. Er taxierte sie und Little Doe feixend. »Was haben wir denn da für süße Prärievögelchen eingefangen?«

***

Donnernder Hufschlag erfüllte die Luft, die Kavalleristen brüllten ihr »Hurra!« in die Prärie hinaus, Schüsse fielen, Frauen schrien. Lieutenant Tom Garner atmete auf – es lief wie am Schnürchen.

»Und jetzt hinein in die Wigwams!«, befahl er dem Corporal Jim Packard und seinen Leuten. »Holt die Rothäute heraus! Entwaffnet sie!«

Garner sah Packard vom Pferd gleiten, die Männer hinter sich herwinken und in den nächstbesten Wigwam stürzen. »Wirst du wohl ordentlich sichern, bevor du angreifst?«, schimpfte Garner. Tollkühner Bursche, dieser blonde Corporal! Lieutenant Garner war stolz auf ihn.

Nach wenigen Minuten war das Gröbste erledigt. Die meisten Indianerweiber waren ins Grasland hinaus geflohen, die enttäuschend kleine Pferdeherde war gesichert und der Widerstand von zwei jungen Indianern gebrochen; sie lagen blutend im Gras.

»Die Wigwams da hinten!«, brüllte Garner. »Durchsuchen!« Wieder Schüsse – die Männer zielten in die Behausungen aus Geäst und Fell und drückten ab, bevor sie hineinstürmten. Von allen Seiten hörte Garner das Gebrüll seiner Männer.

»Das sind gar keine Sioux!« Ein stoppelbärtiger Blondschopf von kaum zwanzig Jahren bückte sich nur ein paar Schritte entfernt aus einem Wigwam. Der tollkühne Corporal Jim Packard. »Das sind Ute aus dem Großen Becken!«

Garner nickte. Er hatte sich schon so was gedacht. Aus den Augenwinkeln sah er den Captain aus dem Sattel springen und auf einige Rothäute zugehen, die von Soldaten umzingelt und in Schach gehalten wurden. Unter den Männern erkannte er den roten Corporal Kelly.

Der Indianer, hinter dem sich Kinder und Weiber zusammenrotteten, sah aus wie ein Häuptling. Seine Haltung spiegelte exakt den Stolz wider, mit dem sich diese sturen Wilden seit Jahren das Leben selber schwer machten.

Captain Peterbilt stand jetzt breitbeinig vor dem Speerträger. Lieutenant Garner stutzte, seine Augen wurden schmal: Der Captain hatte jenes gefährliche Lächeln aufgesetzt, für das er so berüchtigt war. Was zum Henker hatte Abe Peterbilt vor?

Er kommandierte eine Schwadron aus einem von zwei US-Kavallerie-Regimentern unter General Howard, die erst das Grasland und dann ein paar Berge überqueren sollten, um durch die Rocky Mountains zum Snake River und nach Idaho hinauf zu reiten.

Die Regierung hatte mal wieder ihr Ehrenwort gegenüber den Nez Percé gebrochen und versuchte ihrem Häuptling, Chief Joseph, sein Land in Oregon wegzunehmen. Was sollte Washington auch tun? Der Siedlerstrom aus dem Osten riss einfach nicht ab.

Sollte es zum Krieg kommen – und darauf lief alles hinaus –, wollte die Armeeführung möglichen Waffenbrüdern der Nez Percé den Weg nach Oregon abschneiden. Die Shoshonen und vor allem die Sioux hatten sich mit Chief Joseph verbündet. Und natürlich gehörten auch die Ute zu den üblichen Verdächtigen.

Keiner dieser kriegerischen Stämme durfte von Süden her auf dem möglichen Kriegsschauplatz auftauchen.

Seit vier Jahren ritt Garner unter Peterbilt. General Howard hatte Ihre Schwadron mit einem Aufklärungsauftrag vorausgeschickt. Niemand wollte hier in der Prärie Überraschungen erleben.

Tom Garner blickte sich um – seine Männer hatten alles im Griff. Die wenigen Rothäute, die sich im Lager aufhielten, machten keine Probleme. Wollten wohl noch ein bisschen leben.

Der Lieutenant entspannte sich, ließ seinen fabrikneuen .44er Smith & Wesson sinken und stapfte zu Peterbilt, um ihm Meldung zu machen.

Garner war ein untersetzter, bulliger Mann mit dem Gesicht einer Dogge und grauem Haar. Nach dem Bürgerkrieg hatte er seine Dollars eine Zeitlang im Boxring verdient, bevor er sich Anfang der Siebziger wieder bei der Army verpflichtet hatte. Seine vielfach gebrochene Nase war eindrucksvoller Zeuge dieser Zeit.

»Hier wird niemandem ein Haar gekrümmt«, hörte er den Captain sagen. »Gib deinen Speer dem Corporal, Häuptling.« Abraham Peterbilt zeigte auf den rothaarigen Kelly.

Peterbilt war ein hochgewachsener, hagerer Mann von etwas mehr als dreißig Jahren. Schwarze Locken quollen ihm unter der Hutkrempe heraus und hingen ihm bis auf die Schultern.

Der Indianer zögerte. Die beiden Frauen hinter ihm belauerten den Captain. Die eine, blutjung, drückte ein plärrendes Kleinkind an ihre Brust.

Die andere mochte hoch in den Zwanzigern sein. Sie hatte auffallend helle Haut und in ihren dunkelblauen Augen funkelte etwas, das Garner schon viel zu oft in den Mienen von Rothäuten hatte sehen müssen: Hass.

»Wir haben nichts gegen die Ute, Häuptling«, hörte er den Captain sagen. »Wir sind auf dem Weg zu Verhandlungen mit den Nez Percé und wollen uns nur ein bisschen umschauen hier. Also gib und ein Zeichen deines Friedenswillens.«

Sein strenger Blick flog zu Kelly. Der hochgewachsene Corporal streckte fordernd die Rechte aus. Seine Miene allerdings bat den Häuptling um Verzeihung.

Peterbilts schmeichelnde Stimme gefiel Garner nicht, das kalte Grinsen auf seinem Gesicht zweimal nicht. Er blieb neben dem Captain und dem Ute-Häuptling stehen. Auch Jim Packard kam jetzt zu ihnen. Er stieß einen weißhaarigen Indianer vor sich her.

»Du gibst Corporal Kelly den Speer, dann reden wir über das, was sich hier im Grasland so tut, und dann reiten meine Männer und ich weiter.« Peterbilt lächelte sein gefährliches Lächeln und Kelly streckte beharrlich die Rechte aus. »Und niemandem hier wird ein Haar gekrümmt, wie gesagt.« Der Captain nickte.

Die Squaw hinter dem Häuptling flüsterte ihm irgendetwas zu. Daraufhin gab der Indianer seinen Widerstand auf und reichte dem langen Kelly den Speer.

»Na also.« Peterbilt ging zu Kelly, drehte dem Häuptling den Rücken zu und nahm dem Corporal den Speer ab. Schlagartig fiel ihm sein Lächeln aus dem Gesicht, übergangslos wurden seine Züge hart und kantig. Garner hielt den Atem an.

Blitzschnell fuhr Peterbilt herum und stieß zu. »Verfluchte Rothaut!«

Die Speerspitze verschwand vollständig im Bauch des Indianers. Der krümmte sich röchelnd. Beide Frauen schrien auf. Peterbilt riss den Speer aus dem Leib des Sterbenden.

Die Indianerin mit den dunkelblauen Augen warf sich schreiend auf den tödlich verwundeten Häuptling, zwei kleine Jungs rannten zwischen die Wigwams, die junge Squaw mit dem Säugling stand wie festgewachsen. Das Kleine quäkte jämmerlich.

Der rote Corporal wurde aschfahl, riss Mund und Augen auf und stelzte zwischen die Wigwams. Dort übergab er sich.

Der Alte, den der zweite Corporal, der blonde Packard, herbei gestoßen hatte, sank auf die Knie und starrte den Sterbenden an.

»Verflucht, Abe …« Garner schluckte. »War das wirklich nötig?«

»Er hätte uns Lügen aufgetischt, nichts als Lügen!« Peterbilt schleuderte den blutigen Speer in die Wand eines Wigwams. »Oder hast du schon mal eine Rothaut die Wahrheit sagen hören?«

»Sicher, ich meine, nein …« Garner sah auf den Sterbenden und die heulende Indianerin über ihm. Die war außer sich, kreischte, presste den über und über mit Blut Verschmierten an sich. »Aber ihn deswegen gleich …«

»Außerdem hätte er seine Jäger auf uns gehetzt, wenn sie von der Jagd zurückkommen«, fuhr ihm der Captain ins Wort. »Hast du nicht die Hinterlist in seinen Augen gesehen?« Er tippte sich an die Brust. »Ich kenn mich aus mit Indianerpack, das kannst du mir glauben!«

Garner antwortete nicht. Er blickte auf die heulende Frau hinunter. Sie umklammerte ihren sterbenden Mann, als könnte sie ihn aufhalten auf seinem Weg in die Ewigen Jagdgründe. Dabei schrie sie so jämmerlich, dass es dem Lieutenant das Herz zusammenschnürte.

Peterbilt aber betrachtete die junge Mutter. Garner hob den Blick, sah es und erkannte die Gier in seinen Augen. Der Captain trat zu der jungen Squaw, fuhr ihr mit dem Handrücken erst über das lange Haar, dann über Schulter und Brüste.

»Sorg dafür, dass das Balg aufhört zu plärren!«, schnarrte er. »Du kümmerst dich besser um die Lebenden als um die Toten!«

Schluchzend richtete sie sich auf, nahm das schreiende Mädchen hoch und schloss es in die vom Blut ihres Häuptlings nassen Arme. Garner sah, dass der Indianer nicht mehr atmete.

Peterbilt packte die junge Mutter und stieß sie zu Packard. »Und Sie, Corporal, bringen mir das süße Prärievögelchen in den Wigwam da hinten. Ich werde es gleich verhören. Und zwar allein.«

Lieutenant Garner traute seinen Ohren nicht. Der Blondschopf führte die zitternde Frau ab, und in seinem Gesicht las Garner, dass er lieber zwei Hände voll Pferdemist gefressen hätte.

»Ich brauche einen Dolmetscher!« Der Captain zog seinen Degen und setzte dem alten Indianer die Spitze an die Halsschlagader. »Irgendeiner von euch Scouts wird doch das verdammte Ute-Kauderwelsch beherrschen! Ich will den Alten hier ausquetschen.«

Garner trat dicht zu ihm. »Und die Frau willst du ohne Dolmetscher verhören?«, zischte er. »Verflucht, Abe. Wenn du dich gehen lässt, werden auch die Männer jede Disziplin vergessen. Willst du Krieg mit den Ute provozieren?«

»Sie ist nur eine schäbige Rothaut, Tommy«, flüsterte der Captain. »Für das, was ich von ihr will, brauch ich keinen Dolmetscher.« Wieder dieses gefährliche Grinsen auf Peterbilts Miene. »Oder wie siehst du das, Tommy?«

...

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