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Lassiter - Folge 2200

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der Feind aus der Vergangenheit
  4. Vorschau

Der Feind aus der Vergangenheit

Zuerst sah Lassiter die Staubwolke. Ein westlicher Wind trieb sie die Mainstreet von Las Cruces herauf. Zugleich drang ein fernes Rumoren durch die offene Tür des Barber Shops. Bis eben noch wurde es vom Kratzen des Rasiermessers übertönt, mit dem der Barbier gegen Lassiters fünf Tage alte Bartstoppeln ankämpfte. Nun aber schwoll das Rumoren an – wie Vorboten eines Gewitters. Im Gleißen der Sonne stieg der Staub höher und begann goldfarben zu glühen. Was es auch sein mochte, das da herannahte, es klang nach Verdruss. Auch der Barbier merkte es jetzt, hielt mit dem Rasieren inne und horchte.

Kein Gewitter. Pferdehufe trommelten auf sandigem Boden. Reiter näherten sich in rasendem Galopp. Schreie gellten, dann krachten Schüsse.

Eine Frau jagte vorbei, tief über die Mähne ihres Grauschimmels gebeugt. Nach kaum fünfzig Yard folgten vier Kerle, die sie hetzten und auf sie feuerten.

Lassiter konnte es nicht mit ansehen. Er sprang aus dem Frisierstuhl und rannte hinaus.

Noch während der ersten drei Schritte zog er sich den weißen Umhang über den Kopf. Flocken von Rasierschaum wehten ihm aus dem Gesicht. Mit einem Handgriff im Vorbeilaufen löste er die Zügel seines Braunen vom Haltebalken und schwang sich in den Sattel. Er zog das Pferd herum und gab ihm mit forschem Hämmern der Stiefelabsätze zu verstehen, dass höchste Eile geboten war.

Das kluge Tier verstand sofort, streckte sich unter ihm und preschte los wie von einem Katapult abgefeuert. Der Braune war ein kräftiger Wallach aus Kavalleriebeständen, freigesetzt im Zuge der Truppenreduktion nach dem Ende der Indianerkriege. Lassiter beugte sich im Sattel vor, während er den Braunen weiter antrieb.

Hölle und Teufel, vier Männer gegen eine Frau! Da konnte er einfach nicht still sitzen bleiben und tatenlos zusehen – einerlei, welchen Grund die Kerle auch haben mochten.

Er war gezwungen, den Staub zu schlucken, der ihm ins Gesicht wehte. Er zog das Halstuch hoch bis über die Nase und kniff die Augen zusammen. Der Staub schlug ihm entgegen wie eine Wand. Deshalb sah er die Verfolger der Frau nicht mehr. Er hörte nur das wilde Trommeln der Hufe und die Schüsse. An den Rändern seines Blickfelds nahm er schemenhaft die an der Mainstreet aufgereihten Häuser wahr; daran konnte er sich orientieren.

In Sekundenschnelle blieben die Häuser zurück, das Gelände öffnete sich zu einer flachen Wüstenzone. Nun, ohne seitliche Begrenzungen, flachte sich der aufgewirbelte Staub ab und wurde durchscheinender. Lassiter vermochte die vor ihm Reitenden als grau-braune Silhouetten auszumachen. Noch während er sie erblickte, änderten sie ihr Verhalten.

Sie hatten ihn bemerkt.

Die Schüsse endeten, doch ihr Tempo behielten sie unverändert bei. Sie gingen auf Seitenabstand, fächerten ihre Front auf. Lassiter sah, dass sie sowohl ihre Karabiner als auch ihre Revolver nachluden. Ihre Absicht war ihm klar. Sie duldeten niemanden hinter sich, wollten nicht selbst verfolgt werden. Und vor allem wollten sie bei dem, was sie vorhatten, nicht beobachtet werden.

Sobald sie ihre Waffen nachgeladen hatten, würden sie ihre Pferde herumreißen und ihn, den Mann der Brigade Sieben, in die Zange nehmen. Aber noch bevor das geschehen konnte, erblickte Lassiter die Frau weit vorn. Allerdings war sie nicht mehr als ein graues Huschen in den wabernden Wolken des Staubs.

Und sie machte ihnen allen einen Strich durch die Rechnung.

Denn plötzlich war sie verschwunden.

Lassiter konnte erkennen, wie die vier Kerle vor ihm stutzten und zögerten. Die Verfolgte war wie vom Erdboden verschluckt. In der gelblichen Leere des Wüstenstrichs war nichts mehr zu sehen, das auch nur annähernd einer Silhouette von Pferd und Reiter glich – keine Kandelaberkakteen, keine verkrüppelten Baumreste, kein Trugbild durch Sonnenspiegelung.

Momentane Unschlüssigkeit plagte die vier Kerle. Was war wichtiger? Den Verfolger aus dem Sattel blasen? Oder das Tempo wieder erhöhen und eine Unsichtbare jagen – womöglich in die falsche Richtung?

Sie entschieden sich für beides – zumindest für den Versuch, beides zu tun. Einer der Kerle lenkte tatsächlich sein Pferd nach rechts, um nach einem Bogen in die Gegenrichtung zu jagen. Ein weiterer Mann, auf der linken Seite der Gruppe, folgte dem Beispiel. Noch befanden sie sich knapp außer Gewehrschussweite. Unterdessen behielten die beiden anderen ihre ursprüngliche Richtung bei.

Lassiter zog die Winchester aus dem Scabbard.

Im selben Atemzug geschah es.

Die Reiterin war wieder da.

So plötzlich, wie sie verschwunden war, so schlagartig tauchte sie jetzt wieder auf. Lassiter nahm im ersten Moment nur eine Bewegung wahr – unbewusst im linken Augenwinkel. Ruckartig wandte er den Kopf.

Wie ein Biber auf der Flucht unter Wasser war sie an einer völlig unerwarteten Stelle wieder aufgetaucht – mit großem Vorsprung und in rechtem Winkel zu ihrer bisherigen Fluchtrichtung. Ihr langes schwarzes Haar wehte unter ihrem gleichfalls schwarzen Hut hervor. Auch ihre Kleidung war schwarz.

Die vorausreitenden Verfolger verständigten ihre Komplizen mit aufgeregtem Geschrei. Heftig gestikulierend zeigten sie nach Süden – dorthin, wo sich die Fliehende einigermaßen deutlich abzeichnete. Nur noch die Staubschwaden, die sie selbst hervorrief, trübten jetzt die Sicht.

Die Lösung des Rätsels war eine Bodensenke. Für die Verfolger war die Vertiefung wegen des aufgewirbelten Staubs nicht zu sehen gewesen. So hatte die Reiterin urplötzlich verschwinden können. In der Senke dann hatte sie die Gelegenheit genutzt, um einen Haken nach Süden zu schlagen und zusätzlich Gelände zu gewinnen.

»Jetzt kriegen wir sie!«, brüllte einer der Kerle durch das Hufgetrappel.

Die anderen johlten Zustimmung, wohl auch, um die Reiterin einzuschüchtern. Und schon kümmerten sie sich nicht mehr um Lassiter. Die beiden Kerle, die vorgehabt hatten, ihn in die Zange zu nehmen, schlossen sich wieder ihren Gefährten an, um gemeinsam die Frau zu jagen.

Sie hielten sich am Rand der Senke, in flachem Winkel, um den Vorsprung der Fliehenden auszugleichen. Abermals peitschten Gewehrschüsse, obwohl genaues Zielen noch nicht möglich war. Zumindest zwei der Verfolger mussten indessen bei der Kavallerie gedient haben. Lassiter folgerte es aus der Art, wie sie beim Schießen in den Steigbügeln standen und die Karabiner im Schulteranschlag hielten.

Gleich darauf stellten sie fest, dass sie ihre Munition verschwendeten. Die Entfernung war einfach noch zu groß. Sie ließen sich zurück in den Sattel sinken und konzentrierten sich auf die Verfolgung.

Augenblicke später tat sich ein Ziel für die Frau auf. Möglicherweise kannte sie die Gegend und hatte dieses Ziel bewusst angesteuert. Ebenso gut konnte es allerdings auch reiner Zufall sein.

Ein einzelnes Gebäude ragte aus dem Wüstensand auf.

Es war noch mindestens eine Meile entfernt. Trotzdem war leicht zu erkennen, dass es sich um eine Ruine handelte. Die geschwungenen Linien der Fassade wiesen die typischen Merkmale einer alten spanischen Mission auf.

Die Reiterin duckte sich tief über die Mähne ihres Pferds und holte alles aus dem Tier heraus. Sie änderte die Richtung nicht mehr. Offenbar hatte sie sich entschieden, die Ruine als Zufluchtsort zu wählen. Dass daraus schnell eine Falle werden konnte, musste ihr allerdings klar sein.

Durch den Trick in der Bodensenke hatte sie einen Vorsprung von einer Viertelmeile herausgeholt. Es verschaffte ihr eine Zeitspanne von Sekunden, um sich in dem alten Gemäuer eine Verteidigungsstellung einzurichten. Doch wenn es den Kerlen gelang, sie zu umzingeln, hatte sie kaum noch eine Chance. Die Übermacht war einfach zu groß.

Deshalb handelte Lassiter nach dem altbewährten Grundsatz: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. In diesem Fall bedeutete das, er musste die Verfolger stören und am besten sogar vollständig von ihrem Vorhaben abbringen. Das, wiederum, konnte er nur durch einen Überraschungseffekt erreichen.

Er scherte nach links aus und brachte den Braunen gleichzeitig dazu, seine Kraftreserven zu mobilisieren. Inzwischen mussten die Verfolger einsehen, dass sie ihr Jagdopfer nicht mehr vor der Missionsruine einholen konnten. Deshalb verlangsamten sie ihr Tempo – offensichtlich, um sich auf den Angriff vorzubereiten.

Die eigene Staubwolke holte sie ein, als sie auf größeren Seitenabstand gingen. Sie bemerkten nicht, dass der große Mann linker Hand an ihnen vorbeizog – sichtgeschützt durch den wallenden Staub.

Gleich darauf sah er die Mission bereits zu seiner Rechten. Im Laufe der Jahrzehnte war der einstige weiße Putz von den Mauern abgebröckelt und hatte das schmutzige Braun der Lehmziegel entblößt. Es gab keinerlei Holz mehr. Tore, Türen und Fensterrahmen waren ebenso verschwunden wie die gesamte Dachkonstruktion. Ein halbes Dutzend Kandelaberkakteen, rund um die Ruine verteilt, standen da wie stumme Beobachter des fortschreitenden Verfalls.

Die Reiterin erreichte das Gebäude. Ohne zu zögern, ritt sie durch den offenen Portalbogen und verschwand im Inneren der Ruine. Der Hufschlag ihres Grauschimmels verstummte.

Umso deutlicher waren nun die Pferde der Verfolger zu hören. Abermals wurden sie langsamer – offenbar, als sie auf Gewehrschussweite heran waren. Lassiter lenkte seinen Braunen noch ein paar Schritte nach rechts, dann zügelte er ihn und schwang sich aus dem Sattel – gut fünfzig Yard von der Rückseite der Ruine entfernt.

Innerhalb der Mauern fielen die ersten Schüsse. Dem Klang nach handelte es sich um einen Winchester-Karabiner. Die wehrhafte Lady hatte folglich ihre Position gefunden. Wütende Männerstimmen von der Vorderseite der alten Mission bestätigten es. Es gab dort vorn keine Deckung, von zwei oder vielleicht drei der Kakteen abgesehen.

Lassiter blieb an der Seite des Braunen, zog seine Winchester aus dem Scabbard und behielt die Umgebung wachsam im Auge, als er in die Satteltasche griff und sich die Hosen- und Jackentaschen mit Munition vollstopfte. Bevor er loslief, überzeugte er sich, dass sein Remington vollständig geladen war. Er ließ ihn zurück ins Holster gleiten und setzte sich in Bewegung.

Auf dem Weg zur hinteren Mauer der Ruine hörte er deutlich heraus, dass die Frau dort drinnen ihre Schüsse überlegt dosierte. Offenbar konnte sie es sich nicht leisten, wild drauflos zu feuern. Das gab ihr Munitionsvorrat wahrscheinlich nicht her.

Umso heftiger war das Feuer der Angreifer. Ihre Kugeln prasselten in die brüchige Fassade der Lehmziegel und rissen kleine braune Staubwolken heraus, die hoch über der Ruine der Sonne entgegen schwebten.

Lassiter erreichte die rückwärtige Gebäudeecke auf der rechten Seite und riskierte einen vorsichtigen Blick. Noch war dort, an der Seitenwand, niemand zu sehen. Es gab keine Fenster an dieser Seite, dafür aber schmale senkrechte Schießscharten. Die spanischen Missionare hatten sich in einer feindseligen Umgebung zweifellos auch mit Waffengewalt verteidigen müssen.

Lassiter verschwendete keine Sekunde. Die Winchester im Hüftanschlag, lief er an der Außenwand entlang. Die Schüsse der Angreifer nahmen zu. Lassiter wertete es als sicheres Zeichen dafür, dass sie einander Feuerschutz gaben. Sie planten etwas, und das konnte für die Lady in der Ruine nichts Gutes bedeuten.

Der große Mann brachte zwei Drittel der Außenwand hinter sich und näherte sich der letzten Schießscharte auf dieser Seite. Vorsichtig spähte er hindurch. Ungewollt zuckte er zusammen. Ihm gefror das Blut in den Adern.

***

Sheena Haverty fluchte auf sich selbst. Wie, in drei Teufels Namen, hatte sie nur annehmen können, so einen verdammten Riesenkaktus mit ein paar Kugeln zu Brei schießen zu können? Der Kerl, der dahinter hockte, lachte sich wahrscheinlich eins ins Fäustchen, denn die Geschosse durchschlugen das graugrüne Stachelmonstrum nicht einmal. Total verholzt, das Ding. Und viel zu dick.

Eine Kugel schlug in die Oberkante der Fensterhöhle ein. Ein Schwall braunen Steinstaubs wehte herab. Sheena stieß eine Verwünschung aus und zog den Kopf ein, duckte sich unter Simshöhe. Es war ohnehin Zeit zum Nachladen. Der Blick auf ihre Reservemunition war alles andere als ermutigend.

Zwei Päckchen. Eines, mit fünfzig Schuss, war noch voll, das zweite bereits zur Hälfte geleert. Es waren 45er-Patronen; sie passten sowohl für den Colt als auch für die Winchester. Das war ein Vorteil. Der Nachteil aber war die Menge. Mit noch etwa siebzig Schuss konnte sie keine längere Belagerung durchhalten. Doch sie hatte keine andere Wahl. Sie konnte sich den Kerlen nicht ergeben. Was sie mit ihr machen würden, vermochte sie sich leicht auszumalen. Erschauernd verscheuchte sie den Gedanken.

Mit geübten Handgriffen füllte sie das Röhrenmagazin ihres Winchester-Karabiners mit neuen Patronen auf. Bislang war es ihr nicht gelungen, auch nur einen einzigen der Hurensöhne auszuschalten. Wenn das so weiterging, sah es schlecht aus für sie. Die Mistkerle verstanden ihr Handwerk, waren anscheinend auf Verfolgungsjagden regelrecht spezialisiert.

Sie hatten sich eingegraben. Mit handlichen kleinen Spaten aus ihrem Sattelzeug und unter gegenseitigem Feuerschutz hatten sie das im Handumdrehen erledigt. Bis auf den Bastard hinter dem Kandelaberkaktus lagen sie jetzt in ihren selbstgeschaufelten Mulden und waren einigermaßen geschützt. Der Wüstensand hatte allerdings die unangenehme Eigenschaft, wie feines Pulver zurückzurinnen. Feste Ränder ließen sich nicht herstellen.

Doch den Nachteil glichen sie durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit aus. Immer wieder zwangen sie Sheena in Deckung. Angesichts der Übermacht kam sie nicht häufig genug zum Schuss. Siedend heiß wurde ihr bewusst, dass sie längst einen oder zwei der Drecksäcke in ihren Mulden hätte ausschalten müssen.

All right, solange sie sich hier unten zu ebener Erde befand, waren ihre Aussichten schlecht. Die Ruine hatte ein Obergeschoss. Wenn sie es dorthin schaffte, konnte sie die Kerle erwischen. Aus der höheren Position würde sie ihnen klar überlegen sein. Aber wie sollte sie dorthin gelangen?

Sobald sie ihre jetzige Deckung verließ, waren die Angreifer im Vorteil. Die Zeit, die sie bis nach oben brauchte, würde ihnen genügen, um in die Mission vorzudringen. Das würde das sichere Ende für sie, Sheena, sein. Hölle und Teufel, je länger sie ihre Lage durchdachte, desto erschreckender wurde ihr klar, dass sie in einer tödlichen Falle saß, aus der es kein Entrinnen gab.

Und ob Lassiter ihr helfen konnte, war keineswegs sicher.

Trotz ihrer misslichen Lage musste Sheena grinsen. Natürlich hatte er nicht die leiseste Ahnung, dass sie ihn kannte. Dass sie ihn gesucht und gefunden hatte, konnte er noch viel weniger ahnen. Wie sollte er auch? Er wusste ja nicht einmal, dass es sie gab. Bestimmt hatte er noch nie von ihr gehört. Und identifizieren konnte er sie auch nicht, denn sie kam nach ihrer Mutter.

Bestimmt nahm er an, dass sie ihn noch nicht mal bemerkt hatte. All right, er schien ihr immerhin helfen zu wollen. Aber einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Unterstützung hatte er noch nicht geleistet. Es war ihm ja nicht mal gelungen, die Kerle abzulenken. Warum hatte er sie nicht einfach von hinten angegriffen? Dann hätten sie, Sheena, und er sie gemeinsam unter Feuer nehmen können. Aber vielleicht traute er ihr gar nicht zu, dass sie mit einer Waffe umgehen konnte.

Oder es war seine vielgerühmte Fairness, die ihm verbot, selbst dem krummsten Hund in den Rücken zu schießen.

Unvermittelt verstärkte sich das Feuer der Angreifer wieder.

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