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Lassiter - Folge 2168

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Lassiter in der Todesgrube
  4. Vorschau

Lassiter in der Todesgrube

Bislang war die Fahrt alles in allem recht angenehm verlaufen. Vor vier Tagen war Lassiter in Kansas City in den Zug der Union Pacific gestiegen, um sich auf Anweisung der Brigade Sieben für seinen nächsten Auftrag nach Texas zu begeben. Die meisten Passagiere in seinem Waggon waren wohlhabende Geschäftsleute und Großrancher aus dem Mittleren Westen, die sich auf dem Weg zu einer Viehauktion in Austin befanden. Um die Zeit totzuschlagen, tranken und feierten sie ausgiebig. Solange das im Speisewagen geschah, störte es Lassiter nicht. Nach den Strapazen der letzten Wochen wusste er etwas Ruhe ganz besonders zu schätzen.

Das merkte auch sein Sitznachbar, ein freundlicher älterer Gentleman mit Kneifer auf der Nase, der es nach mehreren fruchtlosen Versuchen aufgab, Lassiter in ein Gespräch zu verwickeln, gab sich in die Lektüre einer Bibel vertiefte.

Derart ungestört, verschlief Lassiter den Großteil der Fahrt; lediglich während der mehrstündigen Zwischenstopps in Wichita, Edmond und Oklahoma City nutzte er die Gelegenheit, sich auf dem Bahnsteig ein wenig die Beine zu vertreten.

Dann, am frühen Nachmittag des vierten Tages, als Lassiter nach einem Mittagessen im wie üblich überfüllten Speisewagen gerade ein Verdauungsnickerchen machte, schreckte er unvermittelt aus dem Schlummer auf, als ein ungewöhnliches Vibrieren durch den Boden und den Sitz lief. Es schien vom Fahrwerk des Waggons auszugehen, und instinktiv ahnte Lassiter, dass das nichts Gutes verhieß.

Seine Befürchtung bestätigte sich, als mit einem Mal ein metallisches Krachen ertönte, gefolgt von einem brutalen Ruck, der durch den ganzen Zug lief. Gepäckstücke flogen aus den Ablagen. Menschen schrien, als sie aus den Sitzen gerissen wurden.

Instinktiv klammerte Lassiter sich an den Armlehnen fest. Durch das Fenster sah er, dass der Zug gerade in eine langgezogene Rechtskurve einfuhr. Die Lok ratterte schnaufend und scheinbar unbeirrt durch die Steppe, eine riesige schwarze Rauchwolke hinter sich herziehend. Dann wurde der Waggon, in dem Lassiter saß, von einem zweiten, so wuchtigen Stoß durchgeschüttelt, dass er sich tatsächlich ein wenig zur Seite neigte. Der aufgedunsene Kerl mit dem hässlichen grünen Anzug, der ihm gegenübersaß, wurde regelrecht von seinem Platz katapultiert, sauste auf Lassiter zu und krachte, das Gesicht voran, mit voller Wucht gegen die hölzerne Rückenlehne. Der Schrei des Mannes ging in einem Gurgeln unter, als sich ein wahrer Blutschwall aus seiner gebrochenen Nase ergoss.

Im nächsten Moment erscholl das ohrenbetäubende Kreischen der Bremsen, als der Lokführer die Notbremse betätigte. Es klang, als würde man einen Nagel über eine Schiefertafel ziehen, nur tausendmal lauter.

Kriiiiiiiiiii!

Der Ruck, der daraufhin durch den Zug lief, war so brutal, als wäre von einem unsichtbaren Hammerschlag getroffen worden. Überall um Lassiter herum schrien die Leute, als der Bahnwaggon buckelte wie ein störrisches Pferd. Der blutende Mann wurde von Lassiter heruntergerissen und durch den Mittelgang zwischen den Sitzreihen geschleudert. Zugleich ertönte das unverkennbare Kreischen verbiegenden Metalls, gefolgt von einem gewaltigen Krachen. Die Vorderseite des Abteils sackte ruckartig zwanzig Zentimeter ab, und da wusste Lassiter, dass eine Radachse gebrochen war.

Durchs Fenster erhaschte er einen flüchtigen Blick auf die anderen Waggons vor ihnen in der Kurve und sah mit Entsetzen, wie sich einer weiter vorne aufbäumte, zur Seite neigte – und dann mit einem Satz aus den Gleisen sprang, um den nächsten Wagen gnadenlos hinter sich herzuziehen. Funken sprühten. Metall verbog sich kreischend.

Dann wurde auch Lassiters Waggon mit brachialer Gewalt nach rechts aus den Schienen gerissen. Die Stiftkupplung explodierte förmlich, so groß waren die Kräfte, die darauf lasteten. Er kippte zur Seite und überschlug sich, wieder und wieder.

Plötzlich gab es kein oben und unten mehr, keinen Boden, keine Decke. Instinktiv schlang Lassiter seine Beine um die Haltestreben der Sitzbank, drückte sich mit dem Rücken gegen das Holz und hielt sich mit beiden Händen so eisern an den Lehnen fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Überall ringsum flogen Menschen und Koffer durch die Luft, krachten gegen die Sitzreihen, schleuderten gegen die Wände. Die Leute schrien vor Todesangst.

Im nächsten Moment durchbohrte eine hölzerne Gleisbohle, anderthalb Meter lang und dick wie ein Männer­arm, die rechte Seite des Waggons und schlitzte die Wand mit einer Leichtigkeit auf wie ein Jagdmesser den Bauch einer Forelle. Mehrere Scheiben barsten; ein wahrer Scherbenregen erfüllte die Luft wie eine Million winziger Klingen.

In dem Durcheinander sah Lassiter, wie ein kleines Mädchen von vielleicht vier oder fünf Jahren kreischend durch die Luft segelte, geradewegs auf das spitze Ende der Holzbohle zu. Er wusste, welches Schicksal dem Kind drohte, wenn kein Wunder geschah. Und er reagierte, ohne zu zögern.

Mit einem Satz stieß er sich ab, schnellte durch den sich weiterhin überschlagenden Waggon und packte das Mädchen. Einen Arm um das weinende, zappelnde Kind geschlungen, bekam er mit der freien Hand die Kante einer Gepäckablage zu fassen.

Irgendetwas Hartes, Massiges donnerte gegen seinen Hinterkopf – vermutlich ein Reisekoffer –, und für eine Sekunde wurde Lassiter schwarz vor Augen, doch er ließ nicht los. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis dem Wagen schließlich der Schwung ausging und er aufhörte, sich zu überschlagen. Auf der Seite liegend, pflügte er nun über die Erde. Durch die zersprungenen Fenster wallten Unmengen von Staub herein, bis der Waggon endlich zum Stillstand kam.

Einen schier endlosen Moment lang herrschte im Abteil völlige Stille. Dann begannen die Leute zu husten und zu stöhnen. Durch den Staub sah Lassiter die dunklen Schemen anderer Passagiere, die sich mühsam vom Boden des Eisenbahnwagens aufrappelten, der eigentlich die rechte Seite war. In dem Waggon herrschte völliges Chaos; Menschen, Gepäckstücke und Trümmer lagen wild durcheinander, doch die Leute waren bereits dabei, sich gegenseitig nach draußen ins Freie zu helfen.

Lassiter sah das Mädchen an. »Alles in Ordnung mit dir?«

Die Kleine starrte benommen zu ihm auf, nickte aber. Abgesehen von einer Schramme an der Wange und einem gehörigen Schrecken schien sie das Unglück unverletzt überstanden zu haben. Lassiters Schädel dagegen dröhnte, doch er ignorierte den Schmerz an und suchte nach der Mutter der Kleinen.

»Mom!«, rief das Mädchen aufgeregt. »Mom!«

»Penny!« Ihre Mutter bahnte sich hastig ihren Weg durch die Trümmer zu ihnen. Lassiter übergab ihr das Mädchen, das sich ungestüm in ihre Arme warf. Die Mutter hielt die Kleine fest umklammert, als sie zu Lassiter aufsah. »Danke, Mister!«, schluchzte sie. »Sie haben meiner Penny das Leben gerettet! Wie kann ich Ihnen jemals dafür danken?«

Lassiter winkte ab. »Hauptsache, ihr ist nichts passiert«, sagte er und half Mutter und Tochter dabei, durch eines der Fenster nach draußen zu klettern, in den trüben Nachmittagssonnenschein. Noch immer wogte aufgewirbelter Staub an der Unglücksstelle, und es dauerte Minuten, bis das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich wurde: Von den neun Wagen des Zuges waren sechs entgleist, die sich teilweise inein­ander verkeilt hatten. Auch die Lok und der Tender waren aus den Schienen gesprungen und die Gleise auf einer Länge von ungefähr fünfzig Metern aus ihrem Bett gerissen worden. Überall lagen Trümmer verstreut. Der ebenfalls entgleiste Speisewagen brannte. Der Pferdewagen ganz am Ende des Zuges hatte erstaunlicherweise nichts abbekommen.

Nach und nach versammelten sich die Passagiere neben den Schienen, alles in allem gut hundertfünfzig Seelen: Männer, Frauen und über ein Dutzend Kinder. Kaum einer war gänzlich unbeschadet davongekommen: Es gab etliche Schnitt- und Platzwunden, Knochenbrüche, Prellungen, ausgerenkte Schultern sowie einige minderschwere Verbrennungen, und die bei der Notbremsung zuschlagende Klappe des Dampfkessels hatte den Heizer drei Finger gekostet. Doch wie sich zeigte, war wie durch ein Wunder niemand ums Leben gekommen.

Der Schaffner trat in ihre Mitte. Seine Mütze hatte er verloren. Seine gesamte linke Gesichtshälfte war blutverschmiert, doch er wirkte erstaunlich gefasst.

»Ladys und Gentlemen«, hob er an. »Ich denke, wir alle sind uns darüber im Klaren, dass wir verfluchtes Glück im Unglück hatten, dass die Sache nicht um einiges schlimmer ausgegangen ist. Und auch in anderer Hinsicht können wir uns glücklich schätzen: Wenn ich nicht irre, ist die nächste Stadt nur sieben oder acht Meilen entfernt. Wir werden also einen Boten losschicken, um Hilfe zu holen. Das dürfte zwei, drei Stunden dauern, aber zumindest müssen wir die Nacht nicht im Freien verbringen. Sie alle bitte ich, sich in Geduld zu fassen und sich um die Verletzten zu kümmern.«

Lassiter musste sich wohl oder übel eingestehen, dass der Schaffner recht hatte: Mehr, als das Beste aus ihrer Situation zu machen, blieb ihnen hier draußen am Arsch der Welt tatsächlich nicht übrig.

***

Es dauerte dreieinhalb Stunden, bis schließlich ein kleiner Treck aus Kutschen, Planwagen und Pritschenwagen an der Unglücksstelle eintraf. Die Kutscher hatten Wasser, Nahrungsmittel, Decken und zwei Ärzte dabei, die sich um die Verletzten kümmerten.

Um alle Passagiere und das Zugpersonal in die Stadt zu bringen, würden mindestens zwei Fahrten nötig sein. Daher wurden zuerst die Verletzten auf die vier Pritschenwagen verladen. Dann waren die Frauen, die Kinder und die Alten an die Reihe, zusammen mit je einem Mann pro Fuhrwerk, der dem Kutscher bei Bedarf zur Hand gehen konnte. Zumindest mit angriffslustigen Indianern brauchte man in diesem Teil des Westens gegenwärtig nicht zu rechnen.

Lassiter hatte das Glück, einer dieser potentiellen »Nothelfer« zu sein, und er war froh darüber. Schon seit Stunden brummte sein Schädel wie ein Bienenstock. Eine Stunde später fuhr die Kutsche bei Einbruch der Abenddämmerung in das Städtchen ein – keine Sekunde zu früh, da Lassiter fürchtete, dass er Mr. Reginald B. Atwood, einer der Verletzten auf dem Wagen und nach eigenen Worten Rinderbaron aus Wilmington, North Carolina, ansonsten vermutlich eigenhändig erdrosselt hätte.

Der Kerl war ein aufgeblasener, wichtigtuerischer Schwätzer, der die ganze Fahrt über alle an seinem ungemein bewegten Leben und seinen ab­strusen Gedanken hatte teilhaben lassen, und das mit derart unangenehmer Stimme, dass die kreischenden Räder des entgleisenden Zuges dagegen wie Engelschöre klangen.

Sie kamen an einem schlichten eingeschossigen Holzgebäude vorbei, über dessen Tür ein gelbes Schild prangte, auf dem in großen, kantigen Lettern UNION PACIFIC STATION stand: der Bahnhof. Ihm folgte eine Ansammlung von mehreren Dutzend Häusern, die sich in der kargen Steppe wie schutzsuchend aneinander drängten, an der äußeren Periphere umgeben von etlichen beigefarbenen Leinenzelten – provisorische Unterkünfte für Saisonarbeiter, wie Lassiter mutmaßte, auch wenn er nicht die geringste Ahnung hatte, was hier draußen außer Staub und Büffelgras Saison haben sollte. Die Spätnachmittagssonne brach sich im Kupferdach eines Wasserturms. Weiter hinten ragte der Glockenturm einer Kirche in die Höhe, der just in diesem Moment fünfe schlug. Viel mehr war von hier aus nicht von dem Ort zu erkennen. Doch irgendwie bezweifelte Lassiter, dass es da noch viel mehr gab.

Während hinter ihnen die übrigen Fuhrwerke des kleinen Trecks halt machten, stieg Lassiter ab und half den Gentlemen und den beiden ältlichen Damen hinaus, die ihm auf der Fahrt gegenübergesessen hatten. Die zwei waren Schwestern im Frühherbst des Lebens, beide verwitwet und vermutlich noch um einiges wohlhabender als Mr. Atwood, der Mühe hatte, seine nicht unbeträchtliche Masse vom Wagen zu hieven. Als er schließlich neben Lassiter stand und sich mit einem roten Leinentaschentuch das puterrote Gesicht abtupfte, schnaubte und prustete er, als wäre er den ganzen Weg von Wilmington hierher gelaufen.

Miss Dottie Pendergrast, eine der beiden Witwen, ließ ihren Blick über die Umgebung schweifen und sagte mit so konsternierter Pikiertheit, als wäre sie gerade in einen Haufen Kuhdung getreten: »Du liebe Güte! Wo sind wir denn hier gelandet?«

»Am Arsch der Welt, würd’ ich mal sagen.« Atwood verstaute umständlich sein Taschentuch in der Westentasche seines Gehrocks.

Bevor ihm jemand widersprechen konnte, wurde die Tür des Bahnhofgebäudes aufgestoßen, und ein drahtiger, hochgeschossener Bursche um die dreißig mit scharf gekämmtem Seitenscheitel marschierte zu ihnen herüber. Inzwischen hatten auch die übrigen Wagen ihre Fahrgäste abgesetzt, und während die Fuhrwerke kehrtmachten, um die nächsten Zugpassagiere zu holen, baute sich der Seitenscheitel vor den Versammelten auf, hakte die Daumen in einer staatsmännischen Geste in die Taschen seiner kanariengelben Weste und erklärte: »Ladys und Gentlemen, mein Name ist Flint Boyd. Ich bin der hiesige Repräsentant der Union Pacific, und als Erstes möchte ich die Gelegenheit nutzen, um mich im Namen der Gesellschaft für die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.«

»Unannehmlichkeiten?«, echote Mr. Atwood aus Wilmington mit seiner dröhnenden Quetschbass-Stimme. »Ein eingewachsener Zehennagel ist eine Unannehmlichkeit. Ohne Papier auf dem Abort zu hocken, ist eine Unannehmlichkeit. Ein entgleisender Zug ist verdammt noch mal einiges mehr als eine Unannehmlichkeit! Es ist ein Wunder, dass niemand dabei draufgegangen ist!«

Beifälliges Gemurmel und wütende Zwischenrufe kamen von den übrigen rund zwei Dutzend Passagieren, von denen die meisten in ihren eleganten Kleidern und Gehröcken in dieser Umgebung vollkommen fehl am Platz wirkten.

Mr. Boyd hob beschwichtigend die Hände. »Jedenfalls«, sagte er hastig, bevor sich die Stimmung aufheizen konnte, »bedauert die Union Pacific die Umstände, die Sie hergeführt haben, und versichert, alles zu tun, um Ihnen den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu gestalten, bis wir zeitnah einen Ersatzzug zur Weiterfahrt nach Texas bereitstellen können.«

»Und wo ist hier?«, wollte Mr. Atwood wissen.

»Sie sind in Belcher’s Landing, Oklahoma«, verkündete Mr. Boyd mit einem Anflug von Stolz, den Lassiter beim Anblick der staubigen Einöde jenseits des Bahnhofs nur schwer nachvollziehen konnte. »Einer aufstrebenden Metropole der Zivilisation!«

Der Rinderbaron ließ seinen Blick abschätzig in die Runde schweifen. »Was Sie nicht sagen …«

Eine junge Lady Mitte zwanzig, mit feingeschnittenen Zügen, großen grünen Augen und einladendem Schmollmund, sagte an Mr. Flint Boyd gewandt: »Was heißt ‚zeitnah‘?« Ihr maßgeschneidertes Samtkostüm mit dem straff geschnürten Lederbustier über der weißen Rüschenbluse betonte ihre fraulichen Rundungen und ihre langen Beine in den engen, kniehohen Stiefeln. Unter den Rändern ihres kecken kleinen Hütchens lugten dunkelblonde Locken hervor.

Ein überaus apartes Ding, fand Lassiter. Tatsächlich war sie ihm bereits zuvor im Zug aufgefallen; sie reiste offensichtlich allein und hatte den Versuchen einiger Herren, mit ihr ins Gespräch zu kommen, rasch einen Riegel vorgeschoben.

Flint Boyd sah er die junge Frau begriffsstutzig an; offensichtlich brauchte es nicht viel, um ihn aus dem Konzept zu bringen. »Wie meinen?«

»Was heißt ‚zeitnah‘?«, wiederholte sie ruhig. »Sie meinten, Sie würden zeitnah einen Ersatzzug bereitstellen. Was Sie verstehen darunter? Ein paar Stunden? Eine Nacht? Einen Tag

»Nun, ja, also, ich kann Ihnen versprechen, dass wir alles tun werden, was in unserer Macht steht, damit Sie nicht länger hier bleiben müssen als unbedingt nötig«, druckste Mr. Boyd herum. Lassiter bemerkte, wie ihm der Schweiß ausbrach. »Ich fürchte aber, so genau kann ich das nicht sagen …« Als das verstimmte Gemurmel der Leute lauter wurde, setzte er eilig nach: »Wir sind jedoch, äh, zuversichtlich, dass Sie Ihre Reise in spätestens zwei, allerhöchstens drei Tagen fortsetzen können.«

Ein entgeistertes Raunen ging durch die Menge.

»Drei Tage?«, wiederholte Miss Lorna Pendergrast, die zweite Schwester, entgeistert.

»Allerhöchstens«, wandte Mr. Boyd linkisch ein.

»Drei Tage …« Die andere Miss Pendergrast seufzte. »Und was sollen wir so lange in dieser gottverlassenen Einöde machen?«

»Oh, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so wirkt, hat Belcher’s Landing einiges an angenehmer Zerstreuung zu bieten«, erklärte Mr. Boyd. »Zuerst und vor allem wäre hier natürlich das Desert Rose zu nennen, das beste Haus am Platze, wo Unterhaltung für jeden Geschmack geboten wird – ganz gleich, ob Ihnen der Sinn nach gutem Essen, Tanz, Musik, Whiskey oder Glücksspiel steht. Man wird dafür sorgen, dass es Ihnen an nichts mangelt. Ihr Gepäck wird noch heute Abend auf Ihre Zimmer gebracht. Kost und Logis übernimmt selbstverständlich die Union Pacific. Bitte seien Sie im Gegenzug so freundlich, von etwaigen Schadensersatzklagen gegen die Gesellschaft abzusehen. Vielen Dank.«

Damit machte er auf dem Absatz kehrt, marschierte in den Bahnhof zurück und schloss schleunigst die Tür hinter sich, als hätte er Angst, man würde ihn auf der Stelle lynchen.

Tatsächlich herrschte einiger Unmut unter den Versammelten. Besonders jene, die geschäftlich unterwegs waren, missfiel die Aussicht darauf, drei Tage irgendwo im Nirgendwo festzusitzen. Mr. Atwood machte seinem Unmut auf gewohnt dröhnende Art Luft, und auch die beiden Pendergrast-Schwestern ergingen sich in blumigen Tiraden darüber, was zur Hölle sie drei endlose Tage lang in dieser Einöde anfangen sollten.

Lassiter dagegen kam nicht umhin, sich einzugestehen, dass ihm zwei, allerhöchstens drei Tage Ruhe gerade recht kamen. Die vergangenen Wochen hatten sich als ausgesprochen zermürbend erwiesen, voll mit viel zu langen Tagen und viel zu kurzen Nächten. Er jedenfalls war froh über diese unverhoffte Auszeit.

***

Das Desert Rose, das »beste Haus am Platze«, wie Mr. Boyd so vollmundig verkündet hatte, war zwar nicht gerade das Ritz, aber allemal besser als so manch andere Absteige, in der Lassiter bereits genächtigt hatte. Das Bett war sauber und wanzenfrei, das Stück Seife beim Waschzuber neu und die alten Blutspritzer an den Wänden und auf dem Boden so gründlich wie nur möglich weggeschrubbt.

Zudem war das Essen unten im Saloon, in den Lassiter einkehrte, nachdem er zwei Stunden geschlafen und sich ein wenig frisch gemacht hatte, überraschend appetitlich. Tatsächlich konnte er sich nicht entsinnen, in letzter Zeit ein besseres Steak mit Speckbohnen und brauner Sauce gegessen zu haben, und da das Bier kalt und die Musik der Zwei-Mann-Kapelle in der Ecke halbwegs hörenswert war, gefiel ihm der Gedanke, es sich in Belcher’s Landing einige Tage auf Kosten von Union Pacific gutgehen zu lassen, von Minute zu Minute mehr. Sein Auftrag in Austin hatte keine Eile. Am Tod von Mr. Robert J. Meckis, den er untersuchen sollte, würden zwei, drei weitere Tage nichts ändern.

Von Maggot, dem Wirt, erfuhr Lassiter beim Aufgeben seiner Bestellung mehr über den Ort, als er überhaupt wissen wollte. Maggot war ein vierschrötiger, geschäftstüchtiger, mit allen Wassern gewaschener Bursche von ungewöhnlich hagerem Körperbau. Als er Lassiters Bestellung aufgenommen hatte und ging, sah der sich im Saloon um.

Mr. Reginald B. Atwood saß einige Meter entfernt am Pokertisch, zusammen mit vier weiteren Herren, von denen zwei aus dem Zug und zwei aus Belcher’s Landing stammten. Mehrere Männer in Abendgarderobe standen um den Pokertisch herum und verfolgten das Spiel mit ...

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