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Lassiter - Folge 2156

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Lassiter und der Champion
  4. Vorschau

Lassiter und der Champion

Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang kamen noch Leute aus St. Louis, die die Fähre verpasst hatten, und wollten unbedingt rüber ans andere Ufer. Snake winkte sie stumm ins Boot und pfiff nach Grizzly, seinem Hund. Er beorderte Jimmy, der schon gehen wollte, mit stummer Geste zurück auf die zweite Ruderbank, tauchte hinter ihm die Ruderblätter ins Wasser und legte sich in die Riemen.

Grizzly, ein großer schwarzer Mischling, streckte sich zwischen ihnen aus. Manchmal sah das Tier zu Snake empor. Dann lächelte der grauhaarige Indianer jedes Mal. In St. Louis hieß es, er hätte sonst keine Freunde. Nur Grizzly. Schon möglich.

Die Leute schwatzten und lachten. Bis auf einen – der starrte Snake die ganze Zeit an. Snake sah durch ihn hindurch und ruderte stumm über den Mississippi.

Jimmy scherzte mit den Leuten, machte er immer. Ein Phänomen, dieser Jimmy: Er musste nur lachen, schon mochte man ihn. Fast achtzehn war er, blond, langhaarig, sommersprossig. Er hatte keinen Vater mehr, verdiente sich ein paar Dollar bei Snake.

Snake lachte nicht. Er schwieg, sparte den Atem, legte sich lieber eine Spur kräftiger ins Zeug, achtete auf den Kurs. Er fand die Arbeitsteilung in Ordnung so.

Der Kerl auf der vorderen Bank starrte und starrte. Vielleicht war er verrückt, vielleicht einfach nur ein Arschloch. Egal; sollte er sich doch die verdammten Augen aus dem verdammten Bleichgesicht starren.

Jimmy gaben sie am Ostufer auch das Geld, obwohl es Snakes Boot war. Der Kerl, der ihn angestarrt hatte, verließ es als Letzter. Vorher aber riss er sich den Hut vom Schädel, deutete auf das rote Narbengeflecht, das fast seine gesamte Glatze bedeckte, und sagte zu Jimmy: »Such dir lieber einen anderen Ruderer, Bursche, sonst geht’s dir wie mir, und die verfluchte Rothaut wird dir eines Tages die Frisur abschälen.«

Sprach’s, taxierte Snake mit giftigem Blick, spuckte aus und stieg zu den anderen auf den kleinen Landungssteg.

Jimmy guckte als hätte ihm einer einen Aal in die Hose gesteckt – mit offenem Mund und Kuhaugen. So guckte er immer, wenn etwas ihm die Sprache verschlug. Als er begriffen hatte, was der Mann da eben gesagt hatte, lief er rot an, sprang auf und stemmte die Fäuste in die Hüften.

»Hey, Mister!«, schrie er. »Das ist nicht fair! Snake hat noch niemandem den Skalp abgeschnitten! Snake ist in St. Louis bei braven Leuten aufgewachsen! Snake ist getauft! Er ist ein guter Indianer …!«

Lauter solches Zeug schrie er den höhnenden Leuten hinterher, doch Snake hörte nicht mehr zu. Er winkte nur ab, holte die Riemen ins Boot und kletterte auf den Steg. Grizzly sprang ins Wasser und schwamm ans Ufer.

»Lass schon gut sein, Jimmy«, sagte Snake und zuckte mit den Schultern. »Spar dir die schönen Worte lieber für dein Mädchen. Willst doch noch zu ihr, oder?«

»Ein Hohlkopf, Häuptling.« Jimmy gab Snake das Geld von den Leuten. »Ein gottverdammter Hohlkopf! Vergiss einfach, was er gesagt hat.«

»Hat er was gesagt?« Snake zuckte mit den Schultern und blickte zum Westufer zurück. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen. Grizzly trottete ins Ufergras, schüttelte das Wasser aus dem Fell und schnüffelte in Richtung Flusswald. »Nimm schon das Boot, Jimmy, hole mich morgen früh hier ab.«

»Bleibst du im Baumhaus?« Snake nickte und zahlte Jimmy seinen Tageslohn; immerhin einen Dollar und neunzig Cent. Dann winkte er und wandte sich dem Uferwald zu. »Danke, Häuptling!«, rief Jimmy. Er strich sich das blonde Langhaar aus der verschwitzten Stirn, griff nach seinen Ruderblättern und lenkte das Boot weg vom Steg und in den Strom hinaus. »Bis morgen, Häuptling!«

Snake betrat schon den Pfad, der zu seinem Baumhaus führte. In ihm wohnte er, wenn der Mississippi nicht gerade Hochwasser führte und der Winter nicht allzu frostig die Eiszähne fletschte.

Grizzly sprang vor ihm her, lief schneller als er und verschwand hinter der nächsten Biegung zwischen den Büschen. Das flirrende Abendlicht hing in Büschen und Baumkronen wie ein leuchtender, allgegenwärtiger Schleier. Snake liebte diese Tageszeit mit ihrem ganz besonderen Licht.

Ein Häher krähte, zwei Steinwürfe entfernt. Vielleicht auch drei. Ein Schwarm Waldtauben flatterte kurz darauf über Snake hinweg. Er blieb stehen und sah ihnen nach, bis ihre Flugbahn sich zwischen den Wipfeln verlor.

Ein Schwarm Waldtauben um diese Zeit noch? Ungewöhnlich. Und dann der Häher. Snake blieb stehen und lauschte. Sein Instinkt sagte ihm, dass etwas nicht stimmte.

Er griff nach dem Kolben seines Colt Navy und spannte den Hahn. Leise pfiff er nach Grizzly. Dann lockerte er das Messer in seinem Gurt und schlich weiter den Pfad entlang. Beinahe lautlos jetzt und mit einem hellwachen Blick, der zu beiden Seiten des Pfades über Baumstämme, Buschwerk und Unterholz glitt.

Grizzly ließ sich nicht blicken; Snake pfiff ein zweites Mal, lauter diesmal. Keine Spur von Grizzly, nicht mal ein Rascheln.

Snake duckte sich und zog seinen Colt Navy.

Sicher: Er war seit seinem fünften Lebensjahr bei Weißen aufgewachsen. Sicher: Sein indianischer Instinkt mochte nicht halb so lebendig sein, wie der eines Navajos, der in der Wildnis Arizonas lebte. Dass Gefahr drohte, spürte Snake dennoch.

Hinter der nächsten Biegung des Pfades würde er die Eiche mit seinem Baumhaus sehen können. Und wusste der Teufel, was sonst noch so alles.

Er verließ den Pfad, schlich nach rechts ins Unterholz, näherte sich der kleinen Lichtung rund um die Eiche mit seinem Baumhaus von Süden durch den Wald, statt von Westen über den Pfad. Immer wieder blieb er stehen und lauschte. Nichts. Die Stille trieb seinen Puls in die Höhe. Wenigstens Grizzly hätte er hören müssen.

Am Rande der Lichtung bog er den Zweig eines Haselnussstrauches nach unten und spähte aus dem Wald. Das köstliche Abendlicht lag auf der Lichtung, sein Baumhaus mit der Eichenkrone war strahlend hell erleuchtet.

Etwas Schwarzes lag im Gras unter der Eiche. Lag da und rührte sich nicht.

Grizzly.

Ein gefiederter Pfeil ragte aus seiner Flanke.

Eisige Kälte griff nach Snakes Herz, schnürte ihm den Atem ab. Und dann geschah es: Etwas pfiff, etwas sirrte, etwas schlug hart in seiner Brust ein. Snake hatte keine Chance. Er stürzte nach hinten und schlug im Unterholz auf.

Den Colt konnte er festhalten, hob ihn hoch, zielte am Pfeil in seiner Brust vorbei ins Gestrüpp zwischen Waldrand und Lichtung. Es gelang ihm sogar, den Hahn zu spannen und abzudrücken. Die Kugel heulte über die Lichtung und in die Baumkronen auf der anderen Seite.

Bleierne Schwere kroch Snake aus der Brust in Glieder und Schädel, die zog ihm den Arm wieder herunter. Der Colt entglitt seinen kraftlosen Fingern.

Schritte näherten sich, Gras und Vorjahrslaub raschelten, jemand bog das Gestrüpp vor der Lichtung auseinander. Snake wollte die Augen aufreißen, wollte ganz genau hingucken, wollte sehen, wer Grizzly getötet, wer auf ihn geschossen hatte – bleierne Schwere zog ihm die Lider zu.

***

Jimmy sang lauthals, während er über den Strom ruderte. »O my Darling, Mary-Anne!«, sang er. Irgendwo hinter ihm, im Flusswald des Ostufers, fiel ein Schuss.

Er drehte sich um. Klar dachte er in diesem Augenblick bereits an Snake. Möglicherweise hatte der ja einen wilden Hund oder eine Giftschlange erschossen.

Oder dieser Hohlkopf, der Indianer hasste, hatte in die Luft geschossen, weil er erfolgreich eine der Frauen gevögelt hatte. Kerle aus Alabama machten das manchmal. Idioten!

Andererseits: keine schlechte Idee. Jimmys Gedanken kehrten zu seiner Liebsten zurück; er begann wieder zu singen: »O my Darling, Mary-Anne!«

So hieß das Mädchen, das auf ihn wartete – Mary-Anne Perlman. Er konnte es kaum erwarten, Mary-Anne zu sehen. Der Gedanke an sie ließ ihn die Ruderblätter noch tiefer in die Wogen tauchen, verlieh ihm Kraft, Snakes Boot doppelt so schnell durch die Strömung zu treiben.

Ein vertrautes Geräusch lag in der Luft, ein fernes Hämmern, Klatschen und Stampfen. Jimmy spähte nach Süden: Zwei Rauchsäulen stiegen zwischen den Wipfeln des Flusswaldes in den von goldenem Licht gefluteten Abendhimmel. Der Mittagsdampfer – kam der tatsächlich erst jetzt?

»O my Darling, Mary-Anne!« Jimmy grölte es in die milde Abendluft. »O my Darling …!«

An der Fohlenkoppel von Mr. Peterbilts Ranch waren sie verabredet; Mary-Annes Vater arbeitete als Vorarbeiter für den reichen Pferdezüchter. Sie würden auf dem Koppelzaun sitzen, ganz nah beieinander, und einer würde dem anderen erzählen, was er erlebt hatte an diesem Tag.

Vielleicht würden sie sich auch wieder küssen, und vielleicht diesmal sogar etwas länger als das letzte Mal …

Heiß fuhr es Jimmy durch die Glieder.

Die Strömung trieb ihn ein wenig weit dem Hafen entgegen – Jimmy hielt dagegen. Nicht ganz zweihundert Meter trennten sein Boot noch vom Westufer, von den Anlegestellen der Fischerboote und der Konkurrenz: der Fähre. Daneben, auf dem eigentlichen Hafengelände, konnte er eine Menge Leute, Pferde und Fuhrwerke sehen.

Die Fähre verkehrte zwischen dem Hafen von St. Louis und Granite City. Snake beförderte Leute, die keine Zeit hatten, auf die Fähre zu warten, die sie verpasst hatten, oder die aus irgendeinem Grund an einem der alten Uferstege in der Wildnis an Land gehen wollten.

Ob er Mary-Anne etwas mitbringen sollte? Ein Geschenk? Ein Dollar des Tageslohns gehörte Mom, aber neunzig Cents blieben für ihn. Und von gestern waren auch noch fünfzig Cents übrig.

Ein Geschenk für Mary-Anne! Prächtige Idee! Doch was könnte er dem Mädchen schenken? Einen Fisch? Ein paar Orangen? Eine Eintrittskarte für den Boxkampf morgen?

Im Süden erkannte man jetzt deutlich den Schaufelraddampfer. Hart am Westufer tuckerte er heran. Die Schornsteine überragten die Bäume weit, Klatschen, Stampfen und dumpfes Hämmern rückten näher und näher.

Jimmy spähte zu den Anlegestellen – noch ein paar Minuten, und er würde das Boot dort festmachen. Noch eine halbe Stunde, und er würde am Westrand von St. Louis bei Mr. Peterbilts Fohlenkoppel von seinem Pferd steigen. »Also los, Jimmy – flotter rudern!«, feuerte er sich selbst an. »Mary-Anne wartet auf dich!«

Vielleicht würde es heute ja mehr geben, als nur einen Kuss oder zwei, vielleicht durfte er heute ihre Brüste berühren. Nur durch das Kleid hindurch natürlich. Andererseits – wer so küsste wie seine Mary-Anne, so heiß und wild, vielleicht ließ so ein Mädchen ihn auch mit der Hand unter ihr Kleid rutschen, vielleicht würde er es sogar hinkriegen, Mary-Anne die Strumpfbänder zu lösen und die verdammten Ösen am Mieder …

Sein Atem flog plötzlich und nicht nur vom Rudern. Ganz aufgeregt war Jimmy, konnte sich gar nicht schnell genug in die Riemen legen. Die Hitze stieg ihm aus den Lenden in den Kopf.

Die Abendsonne berührte bereits den Westhorizont. Kurz vor der Anlegestelle wandte Jimmy noch einmal den Kopf: Die Fähre war noch nicht auf dem Weg zurück von Granite City. Eine dünne Rauchsäule stand über dem Flusswald am Ostufer.

Eine Rauchsäule?

Jimmy runzelte die Stirn, ließ die Ruder sinken, drehte sich ganz um und sah genauer hin. Gar nicht weit entfernt von der Anlegestelle, wo sie die unverschämten Leute abgesetzt hatten, stieg heller Rauch auf. Knapp über den Wipfeln krümmte sich die dünne Rauchsäule im Abendwind.

Erst der Schuss und jetzt die Rauchsäule?

Klar brannten am Ostufer immer wieder mal Lagerfeuer; jetzt, im Frühsommer, sowieso. Aber für ein Lagerfeuer erschien es Jimmy doch ein bisschen viel Rauch. Und dann: mitten im Wald?

Beklemmung beschlich ihn. Lag nicht Snakes Lichtung dort, wo die Rauchsäule aufstieg? Der indianische Fährmann pflegte seine Lagerfeuer eigentlich immer möglichst klein zu halten. Und der verdammte Schuss ging Jimmy nicht aus dem Kopf.

Ein Schiffshorn heulte auf und riss Jimmy aus seinen Gedanken. Er blickte nach Süden – der Flussdampfer; eine halbe Stunde noch, eine ganz höchstens, dann würde er anlegen. Jimmy ruderte weiter, doch lange nicht mehr so kräftig wie eben noch.

Wieder blickte er hinter sich. Lag nicht tatsächlich Snakes Lichtung dort, wo die Rauchsäule aufstieg? Seine Beklemmung wuchs mit jedem Ruderschlag. Jimmy dachte an Mary-Anne, an den Indianer, an dessen Hund Grizzly. Er dachte wieder an Mary-Anne und dann wieder an Snake und dann wieder an Mary-Anne.

Kurz vor den Anlegestellen dachte er fast nur noch an Snake. Er wendete er das Boot und ruderte zurück zum Ostufer.

***

Es dämmerte längst. Die SOUTH WIND lief mit sieben Stunden und zwanzig Minuten Verspätung in Saint Louis ein. Vielleicht hundert Schritte entfernt sah man Positionslichter am Ufer. Eben legte dort eine kleine Fähre an.

Der Mann von der Brigade Sieben stand unter unzähligen Männern und Frauen an der Reling, während der Schaufelraddampfer der Anlegestelle entgegen pflügte. Die Leute winkten, riefen irgendwelche Namen oder kämpften um einen Platz möglichst nahe an der Landungsbrücke.

Lassiter sah hunderte Gesichter ebenfalls winkender und ebenfalls irgendwelche Namen rufender Menschen am Mississippi-Ufer und im Hafengelände dahinter. Dann flogen die ersten Taue von Bord, und dann krachte der Rumpf des Schaufelraddampfers gegen den Anlegesteg.

Matrosen fluchten, öffneten das Relinggatter und schoben die Landungsbrücke auf die Planken hinüber – die ersten Passagiere gingen von Bord. Lassiter kannte keinen unter den Dutzenden, die am Ufer warteten.

Am frühen Morgen war er unten in Baton Rouge an Bord der SOUTH WIND gegangen, jetzt dämmerte bereits der Abend herauf. Drei Schiffe hatten den Missouri blockiert – ein havarierter Schaufelraddampfer, der nach einer Kesselexplosion quer stand und zwei Frachtschiffe, die ihn in Schlepptau genommen hatten.

Seine Winchester auf dem Rücken, seine prall gepackte Mochilla über der Schulter, sein Decken- und Kleiderbündel unter dem linken Arm, ließ Lassiter sich in der Menge von Bord und über den Landungssteg treiben. Über die Köpfe der Wartenden hinweg spähte er zu den vielen Kutschen, die am Eingang des Hafengeländes warteten. Hüte, Gesichter, Pferdeschädel und Planen verschwammen bereits mit der einsetzenden Dunkelheit.

Der Name eines Hotels hatte im Telegramm aus Washington gestanden – Great Mississippi Hotel – gestern Morgen hatte es ihm der Wirt auf sein Zimmer in Baton Rouge gebracht. Sein Mittelsmann wartete dort auf ihn: ein gewisser Dr. Samuel Lighthouse. Mehr wusste der Mann von der Brigade Sieben nicht.

Er stieg von der Landungsbrücke, tauchte in die Menge der Wartenden ein. Um ihn herum wurden Hände geschüttelt, Schultern geklopft, fielen Menschen sich in die Arme.

Er drängte sich durch die Menge, bekam endlich einigermaßen freie Sicht auf Pferde, Kutschen und Gespanne. In St. Louis gab es seit neustem moderne Kutschen, die einen für ein paar Cent überall hinfuhren, wo man hinwollte.

Er entdeckte einige solcher Gefährte. In die meisten stiegen gerade Leute ein, eines schien noch auf Kundschaft zu warten: ein Zweisitzer mit Lederverdeck und Türen. Auf dem Kutschbock hockte ein junger Bursche, schwarz. Lassiter machte sich auf den Weg.

Eine junge Frau war schneller als er. Ihr blondes Haar wehte im Abendwind, als sie der Kutsche entgegeneilte. Lassiter wunderte sich: Die elegant gekleidete Lady war ihm nicht aufgefallen an Bord der SOUTH WIND, weder im Bordsaloon noch auf den Decks. Ungewöhnlich für einen, der aus seinem Holz geschnitzt war.

»In dem Wagen ist Platz für uns zwei, meine Süße«, murmelte der Mann von der Brigade Sieben. Mit großen Schritten steuerte er die Kutsche an.

Und wieder war jemand schneller als er: ein Mann seiner Größe und seines Alters in grauem Frack, schnurrbärtig und mit silbernen Sporen an den blank gewienerten Stiefeln. Sein Gesicht und sein Blick standen in seltsamem Gegensatz zu seiner eleganten Garderobe: Seine Augen glitzerten verschlagen, seine Nase war schief und mehrfach gebrochen, wie es aussah.

Schwarze Locken quollen unter seiner Melone hervor. Verwegen sah er aus, dieser Mann, und ganz so aus, als hätte er die letzten Stunden im Badehaus und vor dem Spiegel verbracht, und nicht an Bord eines Mississippi-Dampfers.

Mindestens zwanzig Schritte vor Lassiter erreichte er die Blonde, doch seine Stimme tönte sonor und laut genug, um jedes seiner Worte hören zu können. »Welch ein entzückender Anblick!« Er lüftete seinen Bowler und griff nach der Hand der verblüfften Frau.

»Bitte?« Die Frau stand wie vom Donner gerührt. »Ich verstehe nicht, Sir …«

»Ich weile seit zwei Wochen in dieser Stadt und habe bereits einige Frauen kennengelernt und noch mehr von weitem gesehen, aber glauben Sie mir Ma’am – so viel Schönheit wie von Ihnen strahlte mir noch von keiner anderen entgegen. Gestatten? Wilde, Julian Wilde.«

Mit diesen Worten beugte er sich über ihren Handrücken und hauchte einen Kuss darauf. Eine steile Falte grub sich zwischen den blonden Brauen der jungen Lady ein, sie schürzte die Lippen und schien nicht wirklich amüsiert.

Der Schürzenjäger – ein Engländer, wie Lassiter am etwas blasierten Akzent zu erkennen glaubte – merkte es gar nicht; oder ignorierte es. »Ich kenne da eine gastliche Stätte, in der entschieden Besseres als amerikanischer Allerweltsfraß angeboten wird, wenn Sie mir die etwas drastische Formulierung gestatten, Ma’am. Ich schlage vor, wir fahren jetzt gemeinsam dorthin und machen uns einen unvergesslichen Abend …«

»Wie kommen Sie mir vor, Mister!« Die Frau entriss dem Galan ihre Hand, ihre grünen Augen sprühten Zorn. »Sie glauben wohl, ein Frack und ein lächerlicher Hut machen schon einen ganzen Mann aus? Für wie naiv halten Sie mich …!«

Lassiter bekam ihren Zornesausbruch im Vorübergehen mit, er gefiel ihm. Das ließ ...

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