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Lassiter - Folge 2147

Jagd auf den Verräter

Mit zitternden Fingern setzte Claire Goldsberry das Schminkschwämmchen auf ihre Wange und verrieb das Rougepulver darauf. Sie blickte im Spiegel in ihre wasserblauen Augen, über denen sich schwarz getuschte Wimpern wölbten.

Da klopfte es an der Tür. Jemand rief ihren Namen.

Das rothaarige Saloonmädchen fuhr herum. Es hielt einen Moment lang inne und griff dann nach der Champagnerflasche auf dem Toilettentisch.

Der Mann auf der anderen Seite der Tür ging ruhig auf und ab.

Claire würde ihn nicht enttäuschen. Auch wenn sie hier war, um ihn zu töten …

Das amtliche Schreiben, das Richard O’Flann per Kurier in Farmingtown zugestellt worden war, steckte in einem zerknitterten Kuvert. Es trug das rote Wachssiegel des Justizministeriums und war in Pittsburgh abgestempelt worden. Der Ire mit dem kupferblonden Haar wendete die Sendung in der Hand hin und her und betrachtete sie nachdenklich.

Er konnte sich keinen Reim auf die Sache machen.

Noch vor einem Monat hatte er in einer Gefängniszelle in Washington D.C. gesessen und war überzeugt gewesen, die kommenden Jahre hinter Gittern verbringen zu müssen. Die Wärter hatten sich ab und an durch die Essensklappe mit ihm unterhalten, doch ansonsten war er mit seinen Gedanken allein gewesen. Er hatte Nacht um Nacht darüber nachgegrübelt, ob er zu leichtsinnig gewesen war.

Und dann war er plötzlich freigekommen.

Sie hatten ihn gegen Mitternacht aus der Zelle geholt, ihm einen Jutesack über den Kopf gestülpt und ihn zu einer Droschke gebracht. Am nächsten Morgen hatte O’Flann seinem früheren Auftraggeber Henry Radford gegenübergesessen. Der Tabakproduzent und Besitzer der Radford Tobacco Company hatte ihn ernst angeblickt und ihm eröffnet, dass er, O’Flann, sich für einige Zeit auf Radfords Farm in New Mexico verstecken müsse.

»Verflucht«, stieß O’Flann leise hervor und schlug den Brief des Justizministeriums in die flache Hand. Das Schreiben konnte nichts Gutes bedeuten. Falls das Ministerium wusste, dass er in New Mexico war, würde es eine Frage von Tagen sein, bis man einen U.S. Marshal auf ihn ansetzte.

»Claire?«

O’Flann klopfte an die Tür zum Nachbarraum und lauschte. Das rothaarige Amüsiermädchen, das Radford vor einigen Tagen geschickt hatte, hatte sich vor einer halben Stunde zurückgezogen, um sich frisch zu machen. Zuvor hatte es mit einem verführerischen Augenaufschlag darauf bestanden, dass es zusammen mit O’Flann die Nacht verbrachte.

Doch dem Iren stand gerade nicht der Sinn nach Sex.

Er kehrte zum Sekretär zurück und schlitzte mit einem Brieföffner das Kuvert auf. Dann zog er das Schreiben heraus und las es hastig.

Einige Minuten später ließ O’Flann das Papier in der Hand sinken.

Er hatte befürchtet, dass das Justizministerium mit allen Mitteln versuchen würde, ihn für sich zu gewinnen. Man bot ihm eine umfassende Amnestie an, falls er bereit war, sich als Kronzeuge gegen Henry Radford zur Verfügung zu stellen. Der Brief war von Justizminister Augustus Hill Garland höchstpersönlich unterzeichnet worden.

O’Flann fluchte abermals und blickte auf das in säuberlicher Handschrift verfasste Schreiben.

Zwar hatte er keineswegs die Absicht, den Mann zu verraten, der ihm für seine Spitzeldienste im Kongress mehr als viertausend Dollar gezahlt hatte. Doch die Tage, in denen O’Flann für Radford nützlich gewesen war, lagen lange zurück. Er musste damit rechnen, dass ihm der Tabakproduzent vor allem deshalb Unterschlupf gewährte, weil er Sorge hatte, der Ire könnte in Washington auspacken.

Im Zweifel würde Radford O’Flann rascher erledigen lassen, als dieser das Wort Amnestie aussprechen konnte.

Die Tür zur angrenzenden Kammer öffnete sich knarrend. O’Flann stopfte den Brief in die Schublade seines Nachttischs und wandte sich um. Die rothaarige Claire Goldsberry, die einen Morgenmantel aus dunklem Samt trug, betrat seine Stube. Ihr Hüftband war so locker geschnürt, dass weiße Haut unter dem Stoff hervorblitzte. Das Saloonmädchen schritt langsam auf den Iren zu und zog eine Champagnerflasche hinter dem Rücken hervor.

»Hast du auf mich gewartet, Liebster?«, fragte Claire und löste verspielt den Gürtel ihres Morgenmantels. »Ich hoffe, du langweilst dich nicht.«

Sie streifte den Samt beiseite und gestattete O’Flann einen ausgiebigen Blick auf das durchsichtige Negligé darunter. Der Saum ihres aufreizenden Gewands schloss mit den Schenkeln ab, sodass sich ein verführerisches Spiel zwischen dem Stoff und ihrer Schambehaarung ergab.

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte O’Flann und lächelte. »Aber ich bin heute nicht in Stimmung, Claire.«

Das Saloonmädchen formte einen Schmollmund und schlenderte um das Bett herum. Sie schlang O’Flann den Arm um den Hals und zog den Iren zu sich heran. »Und das soll ich dir glauben? Ein Kerl wie du ist gewiss immer in Stimmung.«

Die Rothaarige glitt mit der Hand über seine behaarte Brust, strich an seinem Bauch hinunter und umschloss die Ausbuchtung in O’Flanns Hose. Ihr praller Busen schmiegte sich an seinen Oberkörper.

»Setz dich«, flüsterte Claire und stieß ihn sanft zum Bett. »Du wirst diese Nacht nicht bereuen. Genauso wenig wie die vorhergehenden.«

Sie ließ den Morgenmantel zu Boden gleiten und beugte sich so tief zu O’Flann hinunter, dass ihre Brüste aus dem Negligé sprangen. Der Ire hob abwehrend die Hände und schüttelte mit einem Lachen den Kopf. »Mir ist nicht danach, Kleines. Ich … Ich will meine Ruhe, hörst du?«

Claire kroch zu ihm auf das Bett und rang ihn mit einem zärtlichen Kuss nieder. Sie zog den Korken aus der Champagnerflasche, setzte die Flasche an den Mund und nahm einen Schluck daraus. Dann neigte sie den Kopf katzenhaft zu O’Flann und küsste ihn aufs Neue.

Der prickelnde Champagner auf ihren Lippen schmeckte süß und herb zugleich.

Der Ire fasste das Saloonmädchen stürmisch bei den Schultern, zog es zu sich herab und erwiderte den Kuss. Er streifte Claire das Negligé über den Kopf und fuhr mit den Händen gierig über ihren nackten Körper.

»Hast du’s dir anders überlegt?«, hauchte Claire und drückte den Korken auf die Flasche. Sie rollte sich geschmeidig zur anderen Bettseite. »Fang mich, wenn du kannst!«

»Warte, du Täubchen!«, gab O’Flann zurück und streckte nach Arm zu ihr aus. Er erwischte das Saloonmädchen am Handgelenk, musste jedoch loslassen, als Claire mit einem behänden Satz aus dem Bett sprang.

Im nächsten Moment hatte die Jagd ein jähes Ende.

Mit einem schrillen Schrei riss Claire die Champagnerflasche in die Höhe und holte nach O’Flann aus. Der Ire keuchte vor Schreck, erstarrte und rutschte vom Bett.

Er entkam der Champagnerflasche um Haaresbreite, rappelte sich auf und warf sich auf seine Geliebte. Claire schrie und trat mit den Füßen um sich. O’Flann bekam ihre Arme zu fassen und drückte das Saloonmädchen mit aller Kraft zu Boden.

»Wie kannst du es wagen, mich anzurühren?«, schäumte Claire vor Wut. »Ich … Lass mich augenblicklich los!«

»Zum Teufel, was sollte das? Wer schickt dich?«, zischte O’Flann ihr ins Ohr. »Radford? Oder das Ministerium?« Er trat mit dem Fuß die Flasche vom Bett. »Wolltest du mich umbringen, oder was?«

»Als ob der Bums deinem Dickschädel etwas ausgemacht hätte!«, presste Claire hervor und setzte sich gegen seinen eisernen Griff zur Wehr. »Ich wollte nur die Prämie, die dir Radford vor zwei Tagen geschickt hat.«

O’Flann glaubte der Rothaarigen kein einziges Wort. Er war offenkundig, dass sie es nicht auf sein Geld abgesehen hatte. Sie war Radfords Giftschlange, die heimlich unter seinem Kopfkissen gelegen hatte.

»Steh auf!«, knurrte er. »In die Kammer mit dir!«

Er riss das Saloonmädchen auf die Beine und versetzte ihm einen Stoß, dass es in das benachbarte Bad stolperte. Er schloss die Tür hinter Claire ab und warf den Schlüssel unter das Bett. Das Mädchen brach in Schluchzen aus und hämmerte mit der Faust gegen die Kammertür, bis es müde wurde.

Der Ire sah sich im Raum um und nahm den Brief des Justizministeriums aus der Schublade.

Je eher er sich auf das Angebot aus Washington einließ, desto höher standen seine Chancen, am Leben zu bleiben.

***

Die neun Meilen zwischen der Farm von Henry Radford und Farmingtown hatte Richard O’Flann in weniger als einer halben Stunde zurückgelegt. Der Ire hatte seinen Besitz auf zwei Packtaschen verteilt, noch einmal nach der eingesperrten Claire Goldsberry geschaut, und war im Morgengrauen aufgebrochen. Die Männer Radfords im Wirtschaftsgebäude der Farm hatten seine Flucht nicht bemerkt.

O’Flann hoffte inständig, dass es noch eine Zeitlang dabei blieb. Er musste aus der Stadt verschwunden sein, ehe man Claire in seiner Kammer fand. Die Saloontänzerin würde ihm zweifellos Radfords Miliz auf den Hals hetzen, um ihren Auftrag zu Ende zu bringen.

Der Ire richtete sich im Sattel auf und nahm die Zügel kürzer. Er hatte die Telegraphenstation von Farmingtown erreicht, von der er wusste, dass sie von einem greisen Beamten namens George Hensley geführt wurde. Die Station war in einem ehemaligen Handelskontor untergebracht und war mit der Poststation in Santa Fé verbunden. O’Flann war Hensley einige Male in der Stadt begegnet, hatte jedoch nie mehr als ein paar Worte mit ihm gewechselt.

»Mr. Hensley?«, rief er und stieg aus dem Sattel. »Ich brauche Ihre Hilfe!«

Mit zwei kräftigen Schlägen klopfte O’Flann an die Tür des Kontors und trat einen Schritt zurück. Die Drahtleitung über seinem Kopf summte unter den Erschütterungen. O’Flann folgte ihr mit dem Blick zum nächsten Telegraphenmast und begriff, dass von dieser Leitung sein künftiges Schicksal abhing.

»Wer ist da?«, fragte im selben Moment eine krächzende Stimme hinter der Tür. »Die Station öffnet erst um neun Uhr.«

»Richard O’Flann von der Radford-Farm«, stellte sich der Ire vor. »Ich muss ein dringendes Telegramm nach Washington absetzen.«

»Dringend, dringend, dringend!« Der alte Hensley schloss auf und band das schlohweiße Haar zu einem Zopf zusammen. »Jedes Telegramm ist dringend, mein Junge! Kommen Sie herein!«

Er schwenkte den Arm und ging seinem Besucher in den Telegraphenraum voraus. O’Flann folgte ihm und betrat das einstige Kontor, in dem ein von Papieren bedeckter Schreibtisch, ein Garderobenständer mit Regenkleidung und ein Tisch mit dem messingfarbenen Telegraphen standen. An der gegenüberliegenden Wand war ein Bücherbord angebracht, auf dem ein dreibändiges Werk zum Morsealphabet und Rechnungsbücher ihren Platz hatten. Seine Speisen kochte Hensley auf einem schmalen Ofen in der Ecke, dessen rußverschmiertes Rauchrohr durch eine Öffnung in der Wand ins Freie führte.

»Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie mühsam die Morserei ist«, erklärte der Alte und setzte sich. »An manchen Tagen gehen über fünfzig Telegramme ein, die ich umschreiben und austragen muss.« Er betätigte die Kurbel am Telegraphen und sah nach der Papierrolle. »Washington, sagten Sie? Arbeiten Sie für Henry Radford?«

»Nicht mehr«, antwortete O’Flann und betrachtete die zusammengerollten Telegrammstreifen auf dem Schreibtisch. »Ich muss in einer unerfreulichen Angelegenheit nach Washington telegraphieren. Mr. Radford ist allerdings der Grund dafür.«

»Radford macht vielen Leuten Ärger in der Gegend«, bemerkte Hensley nachdenklich. »Sie sollten sich den reichen Knaben nicht zum Feind machen, wenn Sie am Leben bleiben wollen.«

Der Ire lachte bitter auf. »Dafür ist es zu spät, Mr. Hensley. Ich werde Farmingtown verlassen, sobald Sie mein Telegramm aufgegeben haben.«

Hensley drehte sich auf dem Stuhl zu ihm um. »Radfords Kettenhunde sind wohl schon hinter Ihnen her? Sie sollten die Beine in die Hand nehmen, wenn Jack Turkott eine Rechnung mit Ihnen offen hat.«

»Jack Turkott?« O’Flann kannte den Namen aus Gesprächen auf der Farm, war jedoch selbst noch nicht auf Turkott getroffen. »Radfords Mann in Farmingtown?«

»Radfords rechte Hand«, nickte Hensley und schob den Papierstreifen unter einer Messingrolle hindurch. »Turkott führt eine Miliz an, die sich buchstäblich alles erlaubt, solange der Sheriff nicht in der Nähe ist. Zu Anfang haben sie nur die Rothäute von Radfords Farm ferngehalten. Doch seit Radford nach Durango gezogen ist, spielen sie sich auf, als gehöre Farmingtown ihnen.« Er klappte den Telegraphen zu und säuberte die Kontakte des Morsetasters. »An Ihrer Stelle würde ich zu John L. Hubbell nach Ganado reiten. Dort gibt’s ’nen Trading Post mitten im Indianerland. Hubbell wird Ihnen helfen, sich vor der Bande zu verstecken.«

»Ganado?«, fragte O’Flann. »Bis dahin sind es über hundert Meilen.«

Der Stationsleiter zuckte mit den Schultern. »In zwei Tagen können Sie’s schaffen. Ich kann Sie mit Proviant versorgen, falls Sie welchen brauchen.« Er drückte einige Male auf den Morsetaster und brummte zufrieden. »Aber vorher ist das Telegramm an der Reihe.«

Hensley wandte sich um und bereitete sich zum Diktat vor. O’Flann atmete tief durch und legte sich die Sätze zurecht, die er an das Justizministerium schicken wollte. Das Telegramm würde darüber entscheiden, ob er die nächsten Jahre in Freiheit oder als Gejagter verbringen würde.

»Fangen wir an. Schreiben Sie an Sir Graham Powell im Justizministerium, Washington D.C.«

Mit routinierten Fingerbewegungen morste Hensley den Adressaten und den Bestimmungsort. Als er nach dem letzten Zeichen innehielt, fuhr O’Flann mit dem Diktat fort.

»Schreiben Sie: ›Brief erhalten. Stopp. Akzeptiere Angebot. Stopp.‹« Er überlegte einen Moment lang. »›Konditionen müssen verhandelt werden. Stopp. Bestehe auf umfassende Amnestie. Stopp.‹«

»Verdammt!«

Hensley nahm den Finger vom Morsetaster und reckte den Kopf zum Fenster. Er stand vom Telegraphen auf und schob den Vorhang zur Seite. »Hören Sie das?«

Nun vernahm auch O’Flann lauter werdenden Hufschlag. Die Huftritte kamen von der Straße her und deuteten auf gutes Dutzend Reiter hin.

Der Ire sah besorgt zu Hensley und stand ebenfalls auf. Dem Stationsleiter war inzwischen alles Blut aus dem Gesicht gewichen.

»Radfords Miliz!«, presste er hervor und spähte erneut am Vorhang vorbei. »Sie müssen auf der Stelle verschwinden!«

O’Flann schüttelte den Kopf. »Nicht bevor Sie das Telegramm beendet haben, Mr. Hensley! Mit Turkott werde ich schon fertig.«

Die Männer wechselten einen kurzen Blick, dann kehrte Hensley ohne ein weiteres Wort an den Telegraphen zurück. Doch O’Flann kam nicht dazu, sein Diktat fortzusetzen. Als er eben zu Hensley getreten war, wurde die Tür der Telegraphenstation aufgerissen.

Ein Trupp bewaffneter Männer stürmte in den Raum und richtete die Gewehre auf O’Flann und den Stationsleiter. Der Mann an der Spitze war einen Kopf kleiner als der Ire. Er hatte einen spitz zulaufenden Kinnbart, der ihm eine unangenehme Erscheinung verlieh.

»Ich bin Jack Turkott«, erklärte er und heftete den Blick auf die beiden Männer am Telegraphen. »Was wird hier gespielt?«

Der Ire rührte sich nicht von der Stelle. »Jedenfalls nichts, was dich etwas angehen würde, Turkott. Verschwinde mit deinen Leuten.«

Turkott machte einen Schritt auf O’Flann zu und drückte ihm die Gewehrmündung auf die Brust. Er gab seinen Begleitern ein Zeichen und deutete auf Hensley. »Nehmt euch den Tastenklopfer vor!

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