Logo weiterlesen.de
Lassiter - Folge 2144

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Königin der Schienenwölfe
  4. Vorschau

Die Königin der Schienenwölfe

Chuck Bronson liebte seinen Beruf, für den er wie geschaffen war. Mit einer gedrungenen, aber kräftigen Gestalt gesegnet, verfügte er über zwei muskelbepackte Arme, die mit einer großen Schaufel unermüdlich Kohlen in die Feuerung schippten. Aus der offenen Brennerklappe schlugen längst orangerote Flammen, so stark loderte die dahinter wütende Feuersbrunst. Glühende Funken stiegen vor den Heiz- und Siederohren auf, die die Heckschraube des Küstendampfers antrieben.

Chuck schwitzte, obwohl er mit nacktem Oberkörper arbeitete. Doch im gleichen Moment, da er eine huschende Bewegung aus den Augenwinkeln bemerkte, lief es ihm eiskalt den Rücken herunter. Das durfte nicht sein: ein Passagier mit gezücktem Revolver, der auf dem Maschinendeck umherschlich …

Noch ehe Chuck die Erscheinung richtig in Augenschein nehmen konnte, war der Fremde schon hinter dem gusseisernen Triebwerk verschwunden. Prompt begann der Heizer an sich zu zweifeln. Hatten ihm seine überreizten Sinne einen Streich gespielt? Nein, schob er die aufkeimende Unsicherheit entschlossen beiseite. Er hatte gerade jemanden gesehen, und dieser jemand war ganz bestimmt nicht Jason!

Mit Jason Quinn, dem Maschinisten der NARWAL, arbeitete er schon seit Jahren unter Deck. Der hielt höchstens eine Ölkanne in der Hand, um die Mechanik zu schmieren, aber bestimmt keinen Colt. Im Moment war von dem hageren Kerl, der auf Befehl des Kapitäns die Geschwindigkeit erhöhte oder drosselte, aber nicht das Geringste zu sehen.

Wo steckte Jason bloß? Verbarg er sich vielleicht vor dem Revolverschwinger?

Chuck wusste, dass der Maschinist in seiner Freizeit gerne ein Pokerspielchen wagte, aber bei diesen Partien ging es eigentlich nie um so viel Geld, dass deshalb jemand zur Waffe griff. Entschlossen umfasste der Heizer den Stiel seiner Kohlenschaufel mit beiden Händen. Er war ein starker Mann, der keine ehrliche Auseinandersetzung zu scheuen brauchte, doch Schusswaffen machten selbst Schwächlinge zu gefährlichen Gegnern.

Sich offen auf den unerwünschten Eindringling zu stürzen wäre bodenloser Leichtsinn gewesen. Um die Chancengleichheit wieder herzustellen, bedurfte es List und Verstand.

Vorsichtig schob Chuck die heiße Feuertür mit dem Schaufelblatt zu. Augenblicklich zog sich um ihn herum die Dunkelheit zusammen. Nur durch einige Bullaugen drang Tageslicht herein. In den einfallenden Sonnenbahnen zeichneten sich Myriaden feiner Staubteilchen ab, die beim Schippen frisch aufgewirbelt worden waren.

Der stark färbende Kohlenstaub war auf dem Maschinendeck allgegenwärtig. Die Luft war derart damit geschwängert, dass er sofort an allem haften blieb. Aus diesem Grund ließ sich selbst Kapitän Brent nur ungern bei ihnen blicken.

Chuck wischte sich den Schweiß von der Stirn, bevor er ihm in die Augen rinnen konnte. Dass er dabei frischen Kohlenstaub auf seiner Haut verwischte, störte ihn nicht. Er war ohnehin schon am ganzen Körper schwarz verschmiert.

Mit der Sicherheit eines Mannes, der sich in einer vertrauten Umgebung blind zurechtfand, bewegte er sich vorwärts. Seine Kohlenschaufel wie eine Keule haltend, umrundete er den hoch aufragenden Dampfkessel, in dem es hörbar brodelte. Die dahinter liegenden Schwungräder und Kolbenstangen ratterten so laut, dass sie jeden seiner Schritte übertönten. Als er um eines der rotierenden Ungetüme herum blickte, zerstob seine letzte Hoffnung, nur einer Täuschung aufgesessen zu sein.

Groß und breit zeichnete sich der Rücken des Bewaffneten ab, der einen sombreroartigen Hut tief in den Nacken geschoben hatte. Hinter dem Halbrund der breiten Krempe ragte ein blanker Schädel hervor. Seinen Colt hatte der Glatzkopf zurück ins Holster gesteckt. Für das, was er tat, benötigte er zwei freie Hände.

Chucks Nackenmuskeln spannten sich an, als er die Dynamitpatronen sah, die in dem Dampfrohrgestänge klemmten. Der Glatzkopf zurrte die Sprengladung gerade mit einem dünnen Seil fest, damit sie nicht mehr verrutschen konnte, sobald ihre Zündschnur brannte.

Verdammter Saboteur!

Der Heizer hob seine Kohlenschaufel an, fest entschlossen, den Hundesohn mit einem Schlag auf den Hinterkopf ins Reich der Träume zu schicken. Einen fairen Kampf von Angesicht zu Angesicht hatte der Fremde nicht verdient, zumal er einen Colt trug, der jederzeit zurück in seine Hand springen konnte.

Keine sechs Schritte trennten Chuck Bronson noch von dem Ahnungslosen, der ihm weiterhin den Rücken zuwandte. Kaum hinter dem Schwungrad hervor getreten, spürte er jedoch plötzlich einen scharfen Schmerz unterhalb des linken Rippenbogens. Zuerst wollte er die lästige Ablenkung einfach ignorieren, doch seine Beine fühlten sich seltsam kraftlos an und rührten sich nicht mehr von der Stelle.

Verblüfft sah Chuck an sich herunter, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie eine Hand ein Messer wieder aus seinem Leib zog.

»Idiot!« Die in sein Ohr zischende Stimme klang überraschend hell. »Hast du wirklich geglaubt, wir hätten dich übersehen?«

Im ersten Moment glaubte der Heizer, eine Frau hätte ihm aufgelauert, doch das von strohblondem Haar umrahmte Gesicht, in das er blickte, gehörte einem jungen Mann. Grenzenloser Zorn wallte in Chuck auf, als er den triefenden Hohn auf den bartlosen Zügen sah. Das half ihm, die bleierne Schwere zu überwinden, die von seinen Armen Besitz ergriffen hatte. Unter einem lauten Aufschrei stieß er dem Messerstecher seinen Schaufelstiel quer vor die Brust.

Der Angriff erfolgte mit solcher Wucht, dass es den Gegner von den Füßen riss. Haltlos stolpert der Blonde zurück, bis ihn ein stählernes Hindernis stoppte.

Der heiße Dampfkessel.

Als seine linke Schulter den heißen Stahl berührte, krümmte sich der Kerl vor Schmerz. Feine Rauchfäden stiegen von der Stelle auf, an der sein Baumwollhemd verschmorte. Statt nach dem Eisen an seiner Hüfte zu langen, heulte der Milchbubi lieber herum und beklagte laut sein Schicksal.

Chuck war dagegen nur noch von dem Willen durchdrungen, seinen Gegner mit ins Verderben zu reißen. Die schwere Schaufel hoch erhoben, trat er auf den feigen Messerstecher zu. Sobald dessen Schädel eingeschlagen war, konnte er immer noch seine klaffende Wunde mit den Fingern zusammendrücken, um die Blutung zu stoppen.

Das schwere Schaufelblatt warf bereits einen drohenden Schatten auf das fein geschnittene Gesicht, als Chuck einen harten Stoß zwischen den Schulterblättern spürte. Der anschließende Schmerz in seinem Brustkorb machte ihm klar, dass ihn eine Kugel getroffen hatte. Auch ein zweiter Treffer vermochte ihn nicht zu fällen. Erst die dritte Kugel, die seinen Rücken durchbohrte, zwang ihn in die Knie.

Direkt neben einer leblosen Gestalt, die niemand anderes als Jason Quinn war.

Der Kopf des Maschinisten war auf unnatürliche Weise verdreht, die Zunge hing ihm aus dem Mund. Seine Mörder hatten ihn zuerst in den Würgegriff genommen und ihm dann das Genick gebrochen. Eiskalt und unbemerkt von Chuck, der keine fünfzehn Schritte – nur durch den Dampfkessel von der bösen Tat getrennt – das Feuer angeheizt hatte. Von dem Lärm der laufenden Maschine übertönt, waren die beiden Unbekannten ihrem tödlichen Handwerk nachgegangen.

Skrupellose Bestien! Wer so kaltschnäuzig handelte, mordete nicht zum ersten Mal!

Chuck Bronson war ein zäher Bursche, der sich nicht so leicht unterkriegen ließ. Doch ein schwerer Stiefel, der sich in seinen Nacken senkte, verhinderte, dass er sich noch einmal in die Höhe kämpfen konnte.

»Blöder Hund!«, schimpfte der Glatzkopf, der ihn brutal zu Boden drückte. Die Worte waren nicht an Chuck, sondern an den Blonden gerichtet. »Greif gefälligst zum Colt, wenn du nicht Manns genug bist, einen Gegner mit dem Messer zu erledigen.«

Was auch immer der Gescholtene darauf antwortete, Chuck verstand es nicht mehr. Die dunklen Schwingen des Todes hatten ihn bereits umfangen.

***

Den rechten Fuß auf die unterste Sprosse gesetzt, beugte sich Lassiter über die Reling, die das Aussichtsdeck der NARWAL umgab. Immer wieder an einer dünn gedrehten Zigarette ziehend, betrachtete Mann von der Brigade Sieben die Küstenlinie, die in einiger Entfernung vorüberglitt.

Das Florida-Territorium war vor allem für seine immergrünen Sümpfe bekannt, die sich quer durchs Land zogen. Nicht nur entlang der zahlreichen Flüsse wurde das Gelände dadurch unpassierbar, auch an völlig unvorhersehbaren Stellen, die bis ans Meer heranreichen konnten. Die übliche Küstenstraße, die sonst jedes Festland der Welt säumte, verlor sich in Florida wiederholt auf verschlungenen Wegen im Landesinneren, häufig genug auf schmalen Pfaden, die nur zu Pferd und mit dem Packesel zu bewältigen waren.

Die schnellste Verbindung von einer Hafenstadt zu anderen, aber auch zum jeweils dazugehörigen Hinterland waren deshalb die Küstendampfer, die ihre Zielpunkte in regelmäßigen Abständen anliefen. Dieser Linienverkehr war eigentlich ein sicheres Geschäft, da die übliche Konkurrenz durch günstige Überlandkutschen nicht zu befürchten stand. Dafür schimmerte in den hohen Floridagräsern, die sich unter einer scharfen Seebrise beugten, etwas anderes hervor, das aber nur jemand mit so scharfen Augen wie Lassiter erspähen konnte.

Ein Schienenstrang, der hoch genug in den Hügeln verlief, um gegen jede Flut geschützt zu sein. Es handelte sich um die neue Strecke der Florida-Coast-Railroad, die von Sankt Augustin bis Fort Jones führte, dabei eine Entfernung von fast dreihundert Meilen überwand und wegen ihres unwegsamen Geländes besonders berüchtigt war.

Von allen Nichtschwimmern lang ersehnt, warb die Florida-Coast seit ihrer Eröffnung vor einigen Monaten in großen Zeitungsanzeigen. Von St. Augustin bis Fort Jones in nur sechsunddreißig Stunden – ohne Angst vor dem Ertrinken!

Trotz dieser reißerischen Werbung und den günstigen Tickets, die die Schiffspassagen bis um die Hälfte unterboten, verlief das Geschäft allerdings nur sehr schleppend. Der Grund dafür war schon kurze Zeit später von Bord der NARWAL aus zu sehen.

Lassiter richtete sich zu voller Größe auf und schnippte seine heruntergebrannte Kippe in den Atlantik, als eine lange Eisenbahnbrücke in Sicht kam, die sich über ein Flussdelta spannte. Einige der mittleren Stützen, die das Gleisbett trugen, waren im oberen Drittel geborsten und hatte die auf ihnen ruhenden Schienen mit in die Tiefe gerissen. Die dabei entstandene Lücke ließ sich nicht einmal mit einem kräftigen Sprung überwinden, geschweige denn mit einer schweren Dampflokomotive.

Obwohl bereits Dutzende von Arbeitern damit beschäftigt waren, den Schaden auszubessern, entdeckte Lassiter noch einige auf ganzer Länge zersplitterte Balken. Der schwarze Pulverschmauch, der ihnen anhaftete, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie einer Dynamitladung zum Opfer gefallen waren.

Die Sprengung der Brücke, über die der Mann der Brigade Sieben schon in der Zeitung gelesen hatte, war nur der jüngste Anschlag in einer ganzen Reihe von Sabotage-Akten, die sich alle gegen die Florida-Coast Eisenbahn richteten. Schon seit Monaten litt die Gesellschaft unter der Zerstörung von Gleisen, Lokomotiven und Waggons, die den Fahrbetrieb erheblich beeinträchtigte.

Deshalb war Lassiter auch mit einem Telegramm nach Fort Jones beordert worden. Bisher gab es zwar noch keine Toten zu beklagen, aber seit Dynamit eingesetzt wurde, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Menschen zu Schaden kamen. Aus diesem Grund wurde die Lok am Südufer des Flusses, die die Arbeiter und das Reparatur-Material aus Fort Jones herangeschafft hatte, auch von weithin sichtbaren Wachen geschützt.

»Unser Kapitän fährt wohl extra dicht an der Flussmündung vorbei«, bemerkte ein fülliger Mann im grauen Anzug, der sich das Schauspiel ebenso wenig entgegen ließ wie Lassiter. »Schließlich sorgen die Anschläge der Schienenwölfe dafür, dass die Schiffe der Ordin-Linie weiterhin bis auf den letzten Platz ausgebucht bleiben.«

Er war wohl einer dieser so heftig umworbenen Nichtschwimmer, die lieber über Land reisten. Jedenfalls starrte er bei seinen Worten missbilligend auf die sanft gekräuselte Atlantikoberfläche, als könnten sich dort jeden Moment hohe Wellen aufbäumen und heftig gegen die Bordwand des Küstendampfers schlagen.

Einige umstehende Passagiere bekundeten murmelnd ihre Zustimmung, was den Mann dazu ermutigte, weitere Weisheiten vor sich zu geben. »Die Dampfschiffe profitieren am meisten davon, dass der Eisenbahn das Leben schwer gemacht wird«, trompetete er so laut, dass es das halbe Aussichtsdeck hörte. »Kein Wunder, dass viele Leute glauben, die Schienenwölfe ständen im Dienste der Ordin-Linie!«

»So eine Unverschämtheit!«

Ein scharfer Ruf ließ den Dicken verstummen, noch ehe er Gelegenheit dazu hatte, seine Behauptungen weiter auszuführen. Erschrocken sah er den Mann an, der ihm ins Wort gefallen war: einen Offizier in blauer Uniform und mit weißer Mütze. Tatsächlich war es niemand anderes als Kapitän Brent persönlich, der da übers Deck heranstampfte und sich drohend vor ihm aufbaute.

»Wie kommen Sie dazu, solche ungeheuerlichen Behauptungen aufzustellen?«, forderte Brent Rechenschaft von dem geschwätzigen Passagier. »Das ist glatter Rufmord, was Sie hier betreiben! Dabei weiß jeder, der diese Küste kennt, dass an dieser Stelle zahllose Sandbänke unter der Wasseroberfläche lauern! Würden wir hier nicht so dicht zum Festland aufschließen, müssten wir stattdessen zwei Seemeilen weit aufs offene Meer ausweichen. Ist Ihnen überhaupt klar, was das für einen Umweg bedeuten würde?«

Der Angesprochene errötete bis unter die Hutkrempe. Hilfesuchend sah er sich zu den anderen Reisenden um, die ihm noch kurz zuvor Beifall gezollt hatten. Statt ihn zu unterstützen, starrten sie jedoch verlegen auf ihre Schuhspitzen – oder beobachteten mit unverhohlener Neugier, wie sich der Konflikt zwischen ihm und dem Kapitän weiter entwickeln mochte.

Auch Lassiter sah zu diesem Zeitpunkt noch keinen Grund, die beiden Streithähne voneinander zu trennen. Vielmehr hoffte er durch ihren Streit weitere Informationen über die hiesige Situation zu erhalten. Der Volksmund wusste oft Dinge zu berichten, von denen die örtlichen Vertrauensmänner der Brigade Sieben keine Ahnung hatten.

Die nächsten Sekunden verflossen in atemloser Stille.

Zunächst sah es so aus, als wäre die Unterhaltung bereits beendet. Der grau Berockte fürchtete wohl, vorzeitig an Land gesetzt zu werden, jedenfalls wand er sich wie ein Aal, anstatt auf Brents drängende Fragen zu antworten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lassiter - Folge 2144" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen