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Lassiter - Folge 2139

Heißer Tanz auf Kuba

Rein äußerlich betrachtet gehörte Miguel Alvarez zu jener Sorte spanischer Dons, bei deren Anblick die Frauen reihenweise schwach wurden. Schlank und gut gekleidet, besaß er ein ebenmäßiges, beinahe weiblich schönes Gesicht, in dem zwei dunkle, glutvolle Augen ein feuriges Temperament verströmten. Doch das war nur Fassade. Tief in seinem Innersten war dieser Mann vollkommen kalt.

Entsprechend mitleidlos blickte er den Amerikaner an, der vor ihm auf einer mittelalterlich anmutenden Streckbank lag. Tiefe Brandwunden entstellten den entblößten Oberkörper des Gefangenen. »Ich hoffe, Sie sind sich Ihrer Lage bewusst, Mister Brody«, sagte Alvarez mit geradezu sanfter Stimme. »Sie werden sterben, so viel steht bereits fest. Die Frage lautet nur noch, ob Ihre Leiden bald enden oder noch viele Tage und Wochen andauern werden …«

John Brody wusste, dass es zwecklos war, um Gnade zu winseln. Die Geißel von Havanna, wie die Kubaner seinen Peiniger nannten, ließ sich nicht einmal von wimmernden Frauen oder schreienden Kindern erweichen, geschweige denn von einem Mann, der zum Secret Service des amerikanischen Präsidenten gehörte. Aus der Sicht der auf Kuba regierenden Spanier war Brody damit ein Spion, und die stellte man überall auf der Welt ohne viel Federlesens an die Wand.

Einem Dreckskerl wie Alvarez, der die kubanische Bevölkerung schon aus nichtigstem Anlass mit Verhaftungen und Folter terrorisierte, war der schnelle Tod durch die Kugel jedoch fremd. Er griff lieber zu glühenden Eisen, bis die Geständnisse nur so aus seinen Gefangenen heraus sprudelten. Auf diese Weise gestand so mancher selbst die kleinste Verfehlung aus der Kindheit oder denunzierte Freunde und Verwandte.

John Brody hatte bisher eisern geschwiegen, um seinem Gegenspieler keinen Triumph zu gönnen, doch die an Bauch und Brustkorb erlittenen Verbrennungen schmerzten ihn so sehr, dass sein Widerstandswille allmählich ins Wanken geriet.

Auf einen Wink von Alvarez hin fachte ein krausköpfiger Hüne an der Esse erneut die Glut an. Pablo Expósito, so hieß der Folterknecht, verstand sich auf sein blutiges Handwerk. Unermüdlich bearbeitete er den Blasebalg und stocherte so lange mit den Brandeisen in der Kohle herum, bis ihre Spitzen weiß aufglühten.

Dichter Funkenflug prasselte gegen Pablos Lederschürze, als er die langen, in schwarz verräucherten Eichengriffen endenden Instrumente nacheinander hervorzog und voller Zufriedenheit betrachtete. Obwohl die nach vorne abgeflachten Stangen nur zu einem Viertel durchglühten, trug er dick gepolsterte Handschuhe  – anders war die Hitze nicht auszuhalten.

Brody brach der kalte Schweiß aus, als sich der Hüne für eines seiner Marterinstrumente entschied und auf die Streckbank zutrat. Bereits aus einer Armlänge Entfernung war der Gluthauch unangenehm zu spüren. Und je tiefer sich die Spitze zu Brody herabsenkte, desto schlimmer wurde es.

Trotz seiner grobschlächtigen Gestalt ging Pablo behutsam vor. Weniger als einen Fingerbreit oberhalb der nackten Haut bewegte er das Brandeisen mehrmals von links nach rechts und hob es ruckartig wieder an.

Der Geruch von angesengten Haaren erfüllte die Luft. Die gerade bestrichenen Stellen röteten sich und brannten wie Feuer.

Brody wand sich verzweifelt in seinen Fesseln. Doch so sehr er sich auch aufbäumte und zerrte, die Riemen, die seine Arme oberhalb des Kopfes an der Streckbank hielten, gaben keinen Zoll nach.

Pablo schwitzte vor Anstrengung und Hitze.

Selbst einem muskelbepackten Kerl wie ihm wurde das in den ausgestreckten Armen ruhende Brandeisen auf Dauer schwer, trotzdem wiederholte er die gerade abgeschlossene Prozedur ein weiteres Mal. Er trug kein Hemd unter seiner Lederschürze, nur das dichte Kraushaar, das ihn am Rücken und auf den Schultern so dicht wie ein Fell bedeckte.

Brodys Brusthaare verschmorten dagegen neuerlich unter der einwirkenden Hitze. Der Schweiß auf seiner Haut verdunstete so schnell, dass mehrmals ein leises Zischen ertönte.

»Erzählen Sie mir besser, was ich hören will«, brachte sich Alvarez in Erinnerung. »Und lügen Sie mir nicht wieder vor, Sie wären ein Zuckerrohrhändler aus New Orleans. Pablos Arme werden allmählich schwer, insofern kann ich bald für nichts mehr garantieren.«

»Ich weiß noch immer nicht, was Sie eigentlich von mir wollen …« Brodys Lüge endete in einem gellenden Schrei, als das Brenneisen abrupt seine Bauchdecke berührte. Der schlagartig einsetzende Schmerz durchzuckte den Amerikaner bis unter die Haarspitzen.

Der erfahrene Pablo wusste, wie viel er einem Delinquenten zumuten durfte, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass das Opfer ohnmächtig wurde. Bewusstlose beantworteten keine Fragen. Für den Fall, dass er doch einmal zu weit ging, stand ein Eimer mit eiskaltem Wasser bereit.

Pablo verzog das Gesicht, weil das Gebrüll in seinen Ohren schmerzte. Sein Herr, Señor Alvarez, hatte ebenfalls genug davon. Auf seinen Wink hin hielt Pablo dem Gefangenen die glühende Eisenspitze direkt vors Gesicht. Die neben seiner Wange knisternde Glut ließ Brody umgehend verstummen.

»Die Fracht der SURCOUF!«, sagte Alvarez in die eintretende Stille hinein, bevor er behauptete: »Ich weiß bereits alles darüber, Mister Brody! Sie können niemanden verraten, der nicht ohnehin schon auf meiner Liste steht. Ich brauche Sie nur, um meine bisherigen Kenntnisse zu bestätigen. Also machen Sie sich Ihr Leben doch nicht unnötig schwer und erzählen Sie mir ganz einfach, was ich wissen will.«

Wieso eigentlich nicht?, hämmerte es durch Brodys Kopf, während Pablo an die Esse zurückkehrte, um das langsam abkühlende Brandeisen durch ein neues zu ersetzen. Yves Belliers Vorhaben ist aufgeflogen! Alle, über die ich reden könnte, sind sowieso dem Tode geweiht.

Jedem Zivilisten an seiner Stelle wären diese Gedanken nicht zu verübeln gewesen, doch der geschulte Spion wusste natürlich, dass ihm Miguel Alvarez nur deshalb einen moralischen Ausweg eröffnete, um seine Zunge zu lockern. Mochte der Hund auch wissen, was in den Frachträumen der SURCOUF lagerte, genaue Einzelheiten waren ihm sicher nicht bekannt. Wohl aber so viel, dass sich Brodys Lügen mühelos entlarven ließen.

Leider wusste der Agent nicht, was er erzählen konnte, ohne damit jemanden neu anzuschwärzen. Darum hatte er es bisher vorgezogen, zu schweigen. Aber die Brandwunden, die seinen Oberkörper bedeckten, setzten ihm von Minute zu Minute stärker zu. Brody hatte längst jedes Zeitgefühl verloren, außerdem war ihm so heiß, als fieberte er.

Sehnsüchtig sah er auf einen überschwappenden Becher, mit dem Alvarez gerade genussvoll seinen Durst löschte.

Brody versuchte zu schlucken, doch es gelang ihm nicht. Seine raue Kehle war wie ausgedörrt. Alles in ihm schrie danach, um einen Schluck Wasser zu betteln, aber damit hätte er sich seinen erbarmungslosen Peinigern endgültig ausgeliefert. Die würden ihn erst bis auf die letzte Silbe ausquetschen, bevor sie ihm zu trinken gaben. Und selbst dann kippten sie den Becher vielleicht lieber vor Brodys Augen aus, anstatt ihn an seine Lippen zu setzen.

Allein die Vorstellung einer solchen Teufelei ließ den Agenten beinahe aufschluchzen. So weit hatten ihn der Spanier und sein kubanischer Gehilfe also schon gebracht: dass er sich selbst in Gedanken marterte, anstatt den kurzen Augenblick der Ruhe zu genießen, den sie ihm gerade gönnten.

Blanche! Die kurz aufblitzende Erinnerung an Belliers Tochter flößte dem Amerikaner neuen Mut ein. Plötzlich sah er sie in dem schneeweißen Kleid vor sich, das sie bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte. Versonnen dachte er an ihre Schönheit, ihren Witz und alle die anderen Eigenschaften, die ihn so sehr betört hatten. Allein um ihrer Sicherheit willen wollte John Brody weiter alle Qualen erdulden, ohne ein einziges Wort auszuplaudern.

Sein hehrer Vorsatz geriet umgehend ins Wanken, als Pablo mit einem neuen Brandeisen an der Streckbank auftauchte. Brodys Innereien zogen sich vor Furcht zusammen. Da war ihm plötzlich klar, dass er nicht mehr lange durchhalten würde. Alles, was er noch tun konnte, war, das Unvermeidliche so lange wie möglich hinauszuzögern, um wenigstens das Gesicht zu wahren. Trotzig presste er die Zähne aufeinander. Doch so sehr er sich auch bemühte allen Schmerz zu unterdrücken, irgendwann schrie John Brody seine Qualen laut aus sich heraus.

Kurze Zeit später redete er auch. Über alles, was er von Bellier und seinen Geschäften wusste.

Und am Ende sogar über Blanche …

***

Zwei Tage später

Wie an jedem Abend zog es Havannas Bürger nach der drückenden Tageshitze zu den Ufern der großen Bucht, an denen sie die Brise des sich langsam abkühlenden Nordostpassats genossen. Wer es sich leisten konnte, besuchte dabei eine der zahlreichen großen und kleinen Bodegas entlang der Promenade, die gleichermaßen einen Blick auf den Sonnenuntergang wie auf die vor Anker liegenden Schiffe gewährte. Unter lautem Gerede und Gelächter mischte sich die spanische Oberschicht dort ungezwungen mit alteingesessenen Kreolen und freigelassenen afrikanischen Sklaven, zumal das Geld in ihren Taschen weiterhin für unsichtbare Grenzen sorgte.

Juanita Tabío Gutierrez, die im Vera Cruiz servierte, hatte für alle Gäste ein freundliches Lächeln übrig, selbst für die weniger vermögenden Hidalgos, die sich ab und zu an ihre Tische verirrten. Insgeheim schlug ihr Herz jedoch für jene Kubaner, die sie als Ihresgleichen betrachtete: die aus alteingesessenen Spaniern, Mulatten und Mestizen entstandene Melange, die ein höchst lebensfrohes und in allen Hautschattierungen schimmerndes Volk hervorgebracht hatte  – die Kreolen.

Dass die reinblütigen Spanier aus dem königlichen Mutterland über neunzig Prozent des kubanischen Grund und Bodens besaßen, obwohl sie nur zehn Prozent der Bevölkerung stellten, machte ihr zwar das Leben sauer, doch Juanita war überzeugt davon, dass sich alles im Leben irgendwann einmal zum Besseren wandte, besonders, wenn man tatkräftig daran mitwirkte. Deshalb lachte sie auch an diesem Abend immer wieder fröhlich auf, während sie schwere Tabletts mit Weinkrügen und Zuckerrohrschnaps-Flaschen zwischen den Tischen hin und her trug.

Geschickt wich sie dabei den Händen einiger vorwitziger Männer aus, die immer wieder nach ihr zu greifen versuchten. Schlank und gut gewachsen, wie sie war, hatte Juanita schon vor frühester Jugend an gelernt, sich ihrer zahlreichen Verehrer auf freundliche, aber bestimmte Weise zu erwehren.

Manche Kerle brauchten einmal kräftig etwas auf die Finger, damit sie sich zukünftig zurückhielten, bei anderen reichte es aus, ihnen sanft das Kinn entlang zu kraulen oder sie an ihre Eheweiber zu erinnern, die zu Hause auf sie warteten. Juanitas Einfühlungsvermögen, ihre gute Menschenkenntnis und ein wacher Verstand trugen dazu bei, dass sie stets das richtige Mittel fand, die männlichen Gäste der Bodega im Zaum zu halten, ohne sie zu brüskieren.

Die gleichen drei Eigenschaften halfen ihr aber auch in vielen anderen Lebenslagen. Etwa in dem Moment, als ihr das bloße Erscheinen von Hector und Ramon aufziehendes Unheil signalisierte. Die beiden Männer, die rein altersmäßig wie Vater und Sohn wirkten, aber nicht miteinander verwandt waren, warfen ihr einen verstohlenen Blick zu, bevor sie sich an einer freien Ecke am Rande der Terrasse niederließen.

Alarmiert eilte Juanita auf die beiden zu.

Auf dem Weg zu ihnen erhob sich leider Alejandro – ein Stammgast der aufdringlicheren Sorte – schwankend von seinem Stuhl und trat ihr entgegen. »Juanita, mein Schatz!«, lallte er dabei. »Wann wirst du endlich mein Flehen erhören?«

Unter anderen Umständen hätte sie nur gelacht und den Tisch auf der gegenüberliegenden Seite passiert, um Alejandro ein Schnippchen zu schlagen, doch ihre quälende Neugier trieb sie zu drastischeren Maßnahmen.

»Verschwinde, oder ich schneide dir dein kleines Ding ab!«, zischte sie so laut, dass nicht nur Alejandro, sondern auch einige Männer an den Nebentischen erbleichten.

Gleichzeitig stieß sie ihrem Verehrer so hart vor die Brust, dass er zurücktaumelte. Nur aus den Augenwinkeln nahm Juanita wahr, wie er mit solcher Wucht auf einem Schemel landete, dass dieser krachend unter ihm zusammenbrach. Ohne sich um das schadenfrohe Gelächter der übrigen Gäste zu kümmern, die den am Boden Liegenden mit Spott überhäuften, ging Juanita weiter.

Ramon begrüßte sie mit einem zufriedenen Feixen. Wie alle jungen Kerle ihrer verschworenen Gemeinschaft war er ein wenig in sie verliebt. Entsprechend freute er sich darüber, wenn sie einen Rivalen zurückwies.

Hector schüttelte dagegen missbilligend sein weißhaariges Haupt. »Das war nicht sonderlich klug«, tadelte er. »Du weißt genau, dass du uns nicht bevorzugt behandeln darfst. Sonst kommt rasch der Verdacht auf, dass wir uns besser kennen.«

»Alejandro hat nur bekommen, was schon lange fällig war«, wiegelte Juanita ab, obwohl Hector vollkommen recht hatte. »Hätte ich ihm seine Frechheiten weiter durchgehen lassen, wäre das weitaus verdächtiger gewesen. Und nun sag mir, was ich euch bringen kann, sonst fallen wir tatsächlich noch auf.«

Hector und Ramon bestellten einen billigen Rotwein und Zuckerrohrschnaps. Juanita eilte sofort los, um ihnen das Gewünschte zu holen. Als sie zurückkehrte, hatte sich die Lage auf der Terrasse wieder so weit beruhigt, dass sie unauffällig mit ihren Kameraden sprechen konnte.

»Was ist los?«, fragte sie drängend. »Ich sehe euch doch die Sorgen an der Nasenspitze an.«

»Irgendetwas geht an Bord der SURCOUF vor«, antwortete Hector, ohne sie dabei anzusehen. »Almendros Truppen haben den Kai weiträumig abgesperrt. Ich habe einige der Gesichter erkannt, obwohl sie keine Uniform tragen.«

»Soldaten in Zivil?«, fragte Juanita erschrocken.

Ramon, der das Reden lieber dem Älteren überließ, nickte nur mit unheilvoller Miene. Hector sprach dagegen aus, was alle dachten: »Das trägt die Handschrift von Miguel Alvarez.«

Die Geißel von Havanna! Juanita spürte ein kaltes Rieseln zwischen ihren Schulterblättern, als sie an den Mann dachte, der so viel Leid über ihre Familie gebracht hatte. Juanitas Vater, ein Verwalter auf einer Kaffeeplantage, war einst zusammen mit seinem streitbaren Herrn bei Nacht und Nebel spurlos verschwunden, und ihre Mutter darüber vor Gram gestorben.

Ein Schuldiger für die Entführung wurde nie gefunden. Doch wer hinter all den Unglücken steckte, die Almendros Kritikern widerfuhren, war in Havanna allgemein bekannt: Miguel Alvarez, ein Neffe des Gouverneurs, der bereits in Spanien wegen seiner Grausamkeit verschrien gewesen war.

Schreckte das spanische Militär bei Europäern und Amerikanern noch vor übertriebener Gewalt zurück, kannte die Geißel von Havanna auch in diesem Punkt keinerlei Scheu. Meist reichte schon ein Warnschuss aus dem Hinterhalt oder eine kleine Brandstiftung, um vorlaute Mäuler zu stopfen, aber manchmal tauchten auch schrecklich zugerichtete Leichen als Mahnung für die Lebenden auf.

Zwar empörte sich Gouverneur Almendro offiziell über solche Gräueltaten, aber natürlich wusste jeder, dass in Wirklichkeit er selbst hinter dem gesichtslosen Terror steckte.

»Glaubst du, Alvarez ist uns zuvor gekommen?«, fragte Juanita besorgt.

»Gut möglich!« Hector, der sich nach dem Tod ihrer Eltern aufopferungsvoll um sie gekümmert hatte, zuckte mit den Schultern. »Der Kerl ist schlimmer als ein Bluthund. Der wittert sofort, wenn es irgendwo etwas für ihn und seinen Onkel zu holen gibt.«

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