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Lassiter - Folge 2138

Fluch der Sünde

Sommer 1854, Fort Humboldt, Eureka

Der Whiskey brannte in seiner Kehle und verschaffte Captain Ulysses S. Grant zumindest für einen Augenblick Erleichterung. Der Kommandant der F-Company des 4. Infanterieregiments starrte auf die Verwundeten in den Lazarettbetten und setzte die Flasche ein weiteres Mal an. Die Krieger der Karuk hatten zehn seiner Männer massakriert. Sie hatten am Waldrand gelauert und die Soldaten hinterrücks mit Speeren und Äxten angegriffen.

»Captain Grant?«

Grant ließ die Whiskeyflasche rasch verschwinden und wandte sich um. In der Lazarettbaracke stand Lieutenant David Blanchard. »Sir, Colonel Buchanan möchte Sie sprechen.«

Der Captain nickte knapp und verkorkte die Flasche unauffällig hinter dem Rücken. »Ich gehe gleich zu ihm«, sagte er.

Die Gerüchte, nach denen Captain Ulysses S. Grant häufiger über den Durst trank, hatten Andrew Dawsey nicht gekümmert, solange sie lediglich Geschwätz unter Soldaten gewesen waren. Als Militärberichterstatter für den Jackson Herald sah er es weder als seine Pflicht an, Halbwahrheiten über Offiziere zu verbreiten, noch die Moral des 4. Infanterieregiments zu untergraben, dem er zugeordnet war. Stattdessen schrieb er Berichte über verdorbenen Proviant, den erfolgreichen Kampf gegen die Indianer und die Dankbarkeit der Goldsucher, die vom Trinity River heraufkamen und sich in Fort Humboldt mit Kleidung und Werkzeug eindeckten.

An diesem Morgen wurden Dawseys Überzeugungen jedoch auf eine harte Probe gestellt.

Um drei Uhr in der Nacht war er von Lieutenant David Blanchard geweckt worden, der ihm in dürren Worten mitgeteilt hatte, dass es zu einem Streit zwischen Colonel Buchanan und Captain Grant gekommen sei. Der Captain habe wutentbrannt das Büro seines Vorgesetzten verlassen und sich in seinem Quartier bis zur Besinnungslosigkeit betrunken. Der Colonel erwarte nun, dass der Jackson Herald über diese Unverfrorenheit berichte.

»Colonel Buchanan will ein Exempel statuieren«, hatte der Lieutenant erklärt. »Die Soldaten und die Bevölkerung dürfen nicht glauben, dass im Fort Sodom und Gomorrha geduldet werden. Der Colonel hat mich bevollmächtigt, Ihnen Zugang zu Captain Grants Quartier zu verschaffen und Sie ein photographisches Zeugnis anfertigen zu lassen.«

Die beiden Männer hatten sich eine Zeitlang starr angeblickt, dann hatte Dawsey genickt und eingewilligt. Die darauffolgenden Stunden hatte der Berichterstatter damit verbracht, seine Ausrüstung zusammenzutragen. Falls es Dawsey gelang, den betrunkenen Offizier abzulichten, hätte der Jackson Herald eine Sensation zu vermelden.

Inzwischen zeigte die Standuhr in Dawseys Kammer fünf Uhr an. Die Sonne war über die Baumwipfel gestiegen und hatte die Baracken von Fort Humboldt in glühendes Zwielicht getaucht. Auf dem Tisch des Zeitungsreporters drängten sich Glasplatten, Metallzangen und Gefäße mit chemischen Flüssigkeiten.

»Dann wollen wir mal beginnen«, sagte Dawsey zu sich selbst. Er zog die Fenstervorhänge zu und ließ mit zitternden Fingern eine Kollodiumplatte in ein Bad aus Silbernitratlösung gleiten. Kurz darauf griff er die Platte mit der Zange, holte sie heraus und schob sie in die bereitliegende Kassette.

Von nun an blieben Dawsey weniger als zehn Minuten, ehe die Emulsion auf der Kollodiumplatte trocknete und unbrauchbar wurde. Er steckte die Kassette mit der Photoplatte in die Kamera, warf ein Tuch darüber und klemmte sich den sperrigen Holzkasten mitsamt Stativ unter den Arm.

»Sind Sie bereit?«, fragte der Gefreite Will Coppedge, als Dawsey wenig später aus der Tür trat. Der junge Soldat war auf Befehl von Lieutenant Blanchard erschienen. »Captain Grant ist immer noch ohnmächtig.«

»Es ist alles vorbereitet«, sagte Dawsey und nickte. »Kommen Sie! Wir dürfen keine Zeit verlieren!«

Die Männer überquerten zügigen Schrittes den Exerzierplatz des Forts und strebten auf die Offiziersquartiere zu, die in einem zweistöckigen Giebelbau an der Südseite des Platzes untergebracht waren. Coppedge betrat das Haus durch eine Seitentür und stieg mit Dawsey die Treppe hinauf.

»Captain Grants Quartier ist nicht verschlossen«, sagte er leise und wies auf die zweite Tür im Gang. »Ich warte an der Treppe, solange Sie in der Kammer beschäftigt sind.«

»Ist gut.« Dawsey drängte sich an dem Gefreiten vorbei und schlich bis zu Grants Quartier. Er schob die Tür einen Spalt auf und schrak zurück. »Heilige Mutter Gottes!«

Der unter den Soldaten beliebte und aufgrund seiner militärischen Erfolge äußerst geschätzte Captain saß zusammengesunken vor seinem Bett und hielt eine Bourbonflasche in der Hand. Seine Augen waren verquollen und zuckten im Schlaf. Aus Grants Mundwinkeln lief bräunlicher Whiskey und rann auf das weiße Hemd der Uniform.

»Beeilen Sie sich!«, zischte Coppedge über den Gang. »Niemand soll erfahren, dass Sie bei Grant sind!«

Dawsey schluckte, trat in die Kammer und machte sich daran, die Kamera aufzustellen. Er hatte Ulysses S. Grant in der Vergangenheit als schweigsamen und ehrbaren Offizier erlebt, der gewissenhaft seine Pflicht erfüllte. Zwar hatte es mit Grants Verhältnis zu Colonel Buchanan in der Tat nicht zum Besten gestanden, aber die Verdienste des Captains hatten die Fehltritte stets aufgewogen. Dawsey widerstrebte es, einen tapferen Patrioten wie ihn ans Messer zu liefern. Doch so, wie die Dinge standen, blieb ihm keine andere Wahl.

Mit ruhiger Hand richtete er das Kameraobjektiv auf den schlafenden Offizier und schlug sich das Tuch über den Kopf. Er nahm den Drahtauslöser zwischen die Finger und drückte ab, als sich Grants Brustkorb zu einem Atemzug hob. Der Verschluss in der Kamera löste aus und belichtete die Kollodiumplatte.

Erleichtert schlug Dawsey das Tuch zurück und betrachtete den Ohnmächtigen. Er spürte einen Anflug von Reue in sich, besann sich dann jedoch auf die Titelseite des Jackson Herald, die in der nächsten Woche mit einem Sensationsbericht aus seiner Feder erscheinen würde.

»Sind Sie soweit?«, fragte Coppedge durch die Tür. »Wir müssen gehen!«

Der Reporter nickte und klappte das Stativ zusammen. Er sah ein letztes Mal zu Grant, ehe er dem Gefreiten zur Treppe folgte. Die beiden Männer kehrten in aller Eile zur Baracke des Berichterstatters zurück, wo Dawsey die Photoplatte aus dem Kamerakasten zog und umgehend einer aufwendigen chemischen Behandlung unterzog.

Nach einer halben Stunde hielt Dawsey die entwickelte Kollodiumplatte ins Licht. Sie zeigte in blassen Grautönen die Szene in Grants Quartier. Dawsey verließ die Baracke und zeigte sie Coppedge.

»Meisterhafte Arbeit«, bemerkte der Gefreite anerkennend. Dann schürzte er die Lippen. »Wie bedauerlich, dass Sie die Tafel nicht für sich behalten dürfen.«

Dawsey stutzte und lächelte. »Wie meinen Sie das, Gefreiter?«

Mit einer blitzschnellen Bewegung zog Coppedge seinen Armeerevolver und richtete ihn auf Dawsey. »Wie ich es sage.« Er deutete mit dem Lauf auf die Kollodiumplatte. »Glauben Sie, dass ich Captain Grant Ihrem Schmierblatt überlasse? Er kippt vielleicht gern ein Gläschen zu viel, aber als Soldat hat er Ehre und Stolz im Leib.«

Über Dawseys Gesicht ging ein verwirrter Ausdruck. »Ich … ich habe meinen Auftrag von Colonel Buchanan erhalten. Der Jackson Herald würde keine Zeile über Captain Grant schreiben, ohne dass der Colonel zuvor zustimmt.«

»Buchanan!«, spie der Gefreite verächtlich hervor. »Grant ist ein rotes Tuch für Buchanan. Der Colonel will, dass er sein Abschiedsgesuch unterzeichnet. Die beiden können sich nicht ausstehen.«

»Und wenn ich mich weigere, Ihnen die Platte zu überlassen?«, fragte Dawsey und wich zaghaft einen Schritt zurück. »Sie ist rechtmäßiges Eigentum des Jackson Herald

Der Gefreite trat auf Dawsey zu und setzte ihm die Revolvermündung auf die Brust. »Sie werden mir die Platte übergeben und Buchanan weismachen, dass Grant zu früh aufgewacht ist.« Er kniff die Augen zusammen. »Anderenfalls werden Sie Ihren Entschluss bitter bereuen, Mr. Dawsey.«

***

Drei Jahrzehnte später, Mai 1885

»Sidney, Nebraska! Sidney, Nebraska!«

Der sonore Stationsruf des Schaffners der Union Pacific Railroad riss Lassiter aus dem Halbschlaf. Der Mann der Brigade Sieben setzte sich auf, schob den Hut aus der Stirn und warf einen Blick aus dem Fenster. Die eintönigen Grasebenen, die seit North Platte das Bild der Landschaft bestimmt hatten, waren den Viehweiden und niedrigen Holzhäusern von Sidney gewichen.

Lassiter nickte den anderen Passagieren im Abteil  – einem alten Rancher und dessen spindeldürrer Frau  – freundlich zu und stand auf. Er zog das Telegramm, das er in Omaha erhalten hatte, aus der Westentasche und las es. Der Mittelsmann der Brigade Sieben in Sidney hieß Jonathan S. Freyer und besaß ein Rechtsanwaltsbüro in der Stadt. Das Telegramm verlor nicht ein einziges Wort über den Auftrag, der Lassiter erwartete, ließ jedoch keinen Zweifel darüber zu, dass man mit seiner baldigen Ankunft in Nebraska rechnete.

»Aussteigen, bitte!«

Die Stahlräder der Eisenbahnwagen kreischten auf und brachten den Zug zum Stillstand. Der Schaffner stieg die Trittstufen hinunter und reichte der blond gelockten Frau vor Lassiter die Hand. Die Frau hatte ein schlankes Gesicht, trug goldenen Halsschmuck und hatte eine schwere Reisetasche bei sich. Sie nahm die Hilfe des Schaffners dankbar an und reichte ihr Gepäck auf den Bahnsteig hinunter. Als sie sich über die Wagenbrüstung beugte, geriet sie aus dem Gleichgewicht.

»Obacht!«, rief Lassiter und war mit einem Sprung zur Stelle. Er fing die Passagierin auf und lächelte sie an. »Sie sollten sich nicht so weit hinauslehnen.«

Die Frau mit den blonden Haaren zog sich an Lassiters Arm empor und ordnete ihr Kleid. Sie musterte den stattlichen Fremden und erwiderte das Lächeln. »Das Gleiche könnte ich von Ihnen ebenfalls behaupten.« Sie löste sich von ihm und reichte ihm die Hand. »Kathleen Freyer. Wie ist Ihr Name?«

»Lassiter«, antwortete der Mann der Brigade Sieben.

Der Schaffner trat ungeduldig an den Wagen. »Kommen Sie, Ma’am! Sie sind nicht die einzige Passagierin, die in Sidney aussteigen möchte!« Er streckte ihr den Arm entgegen. »Ich helfe Ihnen herunter.«

Kathleen streifte Lassiter mit einem koketten Blick und stieg mit behutsamen Schritten aus dem Wagen. Sie sah sich nach ihrer Reisetasche um, doch ehe sie das Gepäckstück erspäht hatte, warf Lassiter es sich über die Schulter.

»Freyer?«, fragte er. »Wie der Rechtsanwalt in der Stadt?«

Die Blonde nickte. »Jonathan Freyer ist mein Vater. Kennen Sie ihn?«

»Lediglich aus Annoncen«, flunkerte Lassiter für den Fall, dass Kathleen nichts vom Doppelleben ihres Vaters wusste. »Ich muss geschäftlich mit ihm sprechen.«

Sie gingen auf das Stationsgebäude zu und passierten die mit Reisenden gefüllte Wartehalle. Wenig später standen sie auf der belebten Mainstreet von Sidney. Kathleen hob erwartungsvoll die Schultern. »Nun, Lassiter, wenn Sie wollen, bringe ich Sie zu meinem Vater. Er hat sein Büro in der Nähe.«

»Gern. Falls es Ihnen keine Umstände macht.«

Die Anwaltstochter schüttelte den Kopf und ging raschen Schrittes voraus. Nach kurzem Fußmarsch bogen sie und Lassiter in die staubige Seitengasse ein, in der sich Freyers Büro befand. Über der Tür schaukelte ein quietschendes Metallschild, das Freyer als patenten Anwalt für alle Lebensnöte pries.

»Papa?«, rief Kathleen und klopfte. »Bist du zuhause? Ich bin’s, Katie!«

Kaum war das Klopfen verklungen, als sich auch schon die Tür öffnete und der Anwalt erschien. Jonathan Freyer nahm seine Tochter in die Arme. Er war ein schmächtiger Mann in den Fünfzigern, der einen gepflegten Schnurrbart trug und das Haar streng zurückgekämmt hatte. Als er Lassiter bemerkte, musterte er den ihm Unbekannten interessiert. »Wen hast du da mitgebracht, Katie? Du hattest nicht geschrieben, dass du in Begleitung reist.«

Kathleen winkte gelassen ab und strich Lassiter flüchtig über den Oberarm. »Der Herr war so freundlich, mir am Zug zu helfen, Papa. Er wollte zu dir. Ich habe ihm den Weg gezeigt.«

Die Augen des Anwalts flackerten nervös. »Dann kommen Sie wegen des Telegramms? Sind Sie aus Omaha?«

»So ist es«, gab Lassiter zur Antwort. »Ich muss mit Ihnen sprechen, Mr. Freyer.«

»Selbstverständlich«, sagte Freyer und wandte sich zu seiner Tochter um. »Katie, mach’s dir doch in der Wohnstube bequem. Die Geschäfte, die ich mit unserem Gast zu bereden habe, dulden keinen Aufschub.«

»Wie du willst, Papa«, gab Kathleen zurück und bedachte Lassiter mit einem vieldeutigen Blick. »Ich hoffe, dass mir Mr. Lassiter Gelegenheit gibt, mich bei ihm für seine Hilfe zu bedanken. Er war wirklich ausgesprochen liebenswürdig zu mir.«

Die blondhaarige Anwaltstochter verschwand im Haus und stieg eine Treppe hinauf. Freyer zog ein Monokel aus der Fracktasche. »Lassen Sie uns ins Büro gehen, Lassiter. Ich werde Ihnen alles sagen, was Sie wissen müssen.«

Die Unruhe des Rechtsvertreters nahm erst ab, als er wenig später vor seinem Schreibtisch stand. Er fasste nach einem Telegrammstapel und las die Fernschreiben nacheinander durch. Lassiter beobachtete den Anwalt und fragte sich, was an dem Auftrag so heikel war, dass Freyer nicht gleich über ihn sprechen wollte.

»Worum geht es, Mr. Freyer?«, fragte er schließlich, als der Mittelsmann weiter schwieg. »Das Telegramm, das ich in Omaha erhielt, war äußerst knapp gehalten.«

Freyer ließ die Telegrammbögen in der Hand sinken.

»Die Brigade Sieben muss in dieser Angelegenheit überaus sensibel vorgehen«, sagte er und nahm das Monokel aus dem Auge. »Das Schicksal der ganzen Nation könnte davon abhängen. Selbst der Justizminister hat uns aufgefordert, mit aller gebotenen Wachsamkeit vorzugehen.« Er trat auf Lassiter zu und händigte ihm eines der Telegramme aus. »Sie allein werden mit dieser Sache betraut, Lassiter. In Washington will man kein Risiko eingehen.«

Lassiter las die wenigen Zeilen des Justizministers, die von der Brigade Sieben übermittelt worden waren. Die Botschaft war in diplomatischem Ton gehalten und forderte zu absoluter Diskretion und Geheimhaltung auf. Als Lassiter das Telegramm zum zweiten Mal gelesen hatte, gab er es dem Anwalt zurück. »Worum geht es genau, Mr. Freyer?«

»Vor zwei Tagen ist in Chicago ein ehemaliger Militärberichterstatter gestorben«, sagte Freyer und holte tief Luft. Seine blassen grauen Augen fixierten Lassiter. »Sein Name war Andrew Dawsey. Er behauptet, vor einunddreißig Jahren eine Photographie von Ulysses S. Grant angefertigt zu haben, als dieser Captain des 4. Infanterieregiments gewesen ist. Die Aufnahme sollte damals Grants Trunksucht belegen. Sie zeigt ihn offenbar im Delirium. Ich muss Ihnen nicht sagen, welcher Schaden das Erbe von Präsident Grant nehmen würde, wenn diese Photographie veröffentlicht würde.«

Lassiter war Freyers Ausführungen ruhig gefolgt.

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