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Lassiter - Folge 2134

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Keine Gnade für Lassiter
  4. Vorschau

Keine Gnade für Lassiter

Lassiter staunte nicht schlecht, als er den mit rotem Plüsch behangenen Salon betrat. Von den fast zwei Dutzend Frauen, die hier mit den anwesenden Gästen turtelten oder in aufreizenden Posen auf neue Kundschaft warteten, war jede Einzelne die pure Sünde wert. Teure französische Mieder schmiegten sich so eng an schlanke, biegsame Körper, dass selbst dem Frömmsten aller Quäker der Schweiß ausgebrochen wäre. Natürlich hatte der Mann der Brigade Sieben Orte wie diesen schon häufiger gesehen, aber nicht in einem so kleinen Nest, in dem für gewöhnlich nur Kleinbürger und Cowboys ihr Geld verjubelten. Ein Etablissement dieser Größe und Güte benötigte eine weitaus vermögendere Kundschaft, sonst ließ es sich nicht lange halten. Das war das eine, was Lassiter stutzig machte. Das andere war die körperlich spürbare Angst, die im ganzen Raum lastete …

»Champagner, Sir?«

Was auch immer die Huren im Sinners Heaven einschüchterte, der spindeldürre Kerl in der hautengen Livree, der seine prickelnden Erfrischungen auf einem Silbertablett servierte, war bestimmt nicht der Grund dafür. Die süßliche Parfümwolke, die den schmalhüftigen Gecken umwaberte, raubte Lassiter beinahe ebenso den Atem wie die bewundernden Blicke, die ihm der Knilch unter seiner mit Pomade frisierten Haartolle zuwarf.

»Nein, danke«, lehnte Lassiter ab. »Und auch sonst besteht keinerlei Bedarf.«

»Verschwinde, Lenard«, mischte sich da auch schon eine leicht bekleidete Lady ein, die mit katzenhafter Anmut näher kam. »Du siehst doch, dass der Gentleman nach etwas Weiblichem Ausschau hält.«

Lenard warf der in durchsichtigen Tüll gekleideten Blonden einen giftigen Blick zu, bevor er sich abrupt abwandte und mit seinen Getränken von dannen zog.

»Mary-Jane«, stellte sich die gut gewachsene Dame mit der kunstvoll hochgesteckten Frisur vor und tat dabei, als müsste sie ein Staubkorn von Lassiters Lederweste wischen. »Sie müssen unseren Hausdiener entschuldigen, Fremder. Wir haben nur selten derart stattliche Herren zu Gast.«

Lassiters derbe Kleidung, die ihn wie einen Farmer aussehen ließ, der zum Einkaufen in die Stadt gekommen war, schien ihr nichts auszumachen. Im Gegenteil. Offensichtlich gefiel es ihr sogar, dass der große Mann sich von den nobler gewandeten Gästen im Salon unterschied. Dass er zahlungskräftig war, daran bestand trotzdem kein Zweifel. Schließlich hatte er wie jeder andere im Raum fünfzig Dollar dafür berappen müssen, um überhaupt bis in den Salon vorgelassen zu werden.

Getränke und Gespräche waren damit bereits abgegolten, alles Weitere dagegen Verhandlungssache.

Mary-Janes wogende Brüste, die das sie umschließende Mieder bei jedem Atemzug zu sprengen drohten, kamen Lassiter verdächtig nahe. Die weibliche Wärme, die er bei der flüchtigen Berührung an seiner Schulter gespürt hatte, vermochte zudem die Moral des willensstärksten Mannes ins Wanken zu bringen. Nur eines störte an ihren professionelle Avancen – dass das Lächeln auf ihren liebreizenden Lippen nie die Augen erreichte.

Das unterschwellige Unbehagen, das den Salon erfüllte, es hielt auch diese Dirne fest in seinen Klauen. Die Ursache war weiterhin nicht auszumachen, doch ein in vielen Jahren im Dienste der Brigade Sieben erworbener Instinkt signalisierte Lassiter, dass die allgemeine Beklemmung etwas mit seinem Auftrag zu tun haben musste.

»Ich bin auf der Suche nach einer ganz bestimmten Lady«, sagte er mit gedämpfter Stimme, um das allgemeine Gemurmel nicht zu übertönen. »Du kennst sie sicher, sie ist eine Kollegin von dir. Ich rede von Brenda Milton.«

Mary-Jane erbleichte, als er den Namen nannte.

»Brenda?«, stieß sie hervor und wich dabei zurück, als hätte er sie geohrfeigt. »Wer soll das sein? Hier gibt es keine Frau, die so heißt!«

Lassiter war allerhand gewohnt. Dass man ihm Antworten schuldig blieb, überraschte ihn schon lange nicht mehr, ebenso wenig, dass man ihm auswich, die Wahrheit verdrehte oder ganz verschwieg. Aber eine derart schlechte Lügnerin wie Mary-Jane war ihm noch nicht untergekommen.

»Das kann überhaupt nicht sein«, stellte er unumstößlich klar. »Ich bin nämlich hier mit Brenda verabredet, und du wirkst nicht gerade so, als würdest du dich im Sinners Heaven nicht auskennen. Also: Brenda Milton, wo ist sie?«

Mary-Jane schüttelte die ganze Zeit über ängstlich den Kopf. Das machte Lassiter so gereizt, dass er unwillkürlich die Stimme hob. Diesmal verstummten alle Anwesenden, als Brendas Namen fiel. Schlagartig verwandelte sich die ohnehin schon unterkühlte Stimmung in sibirische Kälte.

Lassiters Wangenmuskeln spannten sich an.

Er wäre gerne subtiler vorgegangen, aber die heftige Reaktion auf seine harmlose Frage zeigte ihm, dass längst höchste Eile geboten war. Denn Brenda Milton war eine … nun ja, alte Bekannte von General Bravo, die dem hochrangigen Offizier ein Telegramm geschickt hatte, dessen Inhalt ein einziger, kaum verklausulierter Hilferuf war. Da sie nichts von Chiffrierung verstand, hatte sie sich zwar nur vage ausdrücken können, aber doch sehr deutlich gemacht, das nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr war, sondern auch das vieler anderer, zumal man auf den hiesigen Sternträger nicht zu hoffen brauchte.

Ein Ort, in dem der Sheriff auf der falschen Seite des Gesetzes stand, das war mehr als Grund genug für die Brigade Sieben, tätig zu werden. Deshalb stand Lassiter jetzt im Sinners Heaven, in dem Brenda Milton sehnsüchtig auf einen Abgesandten des Generals erwartete. Doch ihre Kollegin Mary-Jane tat so, als hätte es sie nie gegeben.

Während Lassiter mit harter Miene in die Runde sah, überwanden zwei der fünf anwesenden Männer ihre Überraschung. Mit rollenden Schultern lösten sie sich aus ihrer Erstarrung und marschierten, nachdem sie sich durch einen kurzen Seitenblick miteinander verständigt hatten, auf Lassiter zu.

Beide hatten dunkle, von der Sonne verbrannte Gesichter, die auf ein Leben im Sattel und nicht hinter dem Schreibtisch hindeuteten. Trotzdem trugen sie schlecht sitzende Anzüge und bis an den Hals zugeknöpfte Rüschenhemden, die ihnen beinahe die Luft abschnürten. Die herabhängenden Enden ihrer Binder passten ins Bild: Sie hingen nur schlecht drapiert in den Rüschen fest.

Die zwei Männer, die sich einen Weg zu Lassiter bahnten, bevorzugten ganz offensichtlich ansonsten andere Kleidung. Die restlichen Personen im Raum verfolgten die beiden mit besorgten Blicken. Mary-Jane, die sie kommen hörte, machte ihnen sofort Platz, doch einem der beiden ging das nicht schnell genug. Grob packte er sie am Arm und schleuderte sie zur Seite.

Niemand der Umstehenden tat den Mund auf, nur einige von Mary-Janes Kolleginnen stießen unterdrückte Schreie aus. Lassiter verfolgte regungslos, wie sich die beiden Kerle drohend vor ihm aufbauten.

»Du!«, herrschte ihn der Linke an. »Was willst du von Brenda Milton? Mach’s Maul auf!«

Ein zorniges Funkeln erfüllte seine Augen. Zusammen mit seiner massigen Gestalt, die der seines Begleiters in nichts nachstand, mochte das auf viele Menschen einschüchternd wirken.

Doch nicht auf Lassiter.

»Wüsste nicht, was dich das angeht«, antwortete der Mann von der Brigade Sieben gefährlich ruhig.

»Ich bin der älteste Bruder von Nigel Kelper, ehemaliger Korporal der konföderierten Truppen«, antwortete der Rüschenhemdträger, als würde das irgendetwas erklären. »Mein Bruder Bob und ich haben ebenfalls gedient, und wir sind den ganzen Weg von South Carolina bis hierher gereist, um herauszubekommen, was an den Geschichten dran ist, die die kleine Milton-Hure hier verbreitet hat!«

Noch ehe Lassiter die Lage neu bewerten konnte, streckte das vor ihm stehende Familienoberhaupt herausfordernd das Kinn vor und fragte laut: »Also, du mieser Yankee, wo habt ihr das kleine Luder vor uns versteckt?«

Durch die vielen Jahre des steten Umherreisens hatte Lassiter längst jeden eindeutigen Akzent verloren, trotzdem antwortete er spontan: »Ich bin kein Yankee! Ich stamme aus Texas!«

Eigentlich hatte er gehofft, den beiden Kelpers dadurch den Wind aus den Segeln zu nehmen, stattdessen pumpte sich der vor ihm stehende Kerl noch weiter auf. »Also auch noch ein Verräterschwein!«, fluchte der Südstaatler. Sein Unterkiefer mahlte nach dieser Beleidigung so sehr vor unterdrückter Wut, dass es laut knackte.

Lassiter war es ein Rätsel, warum den Kerl fünfzehn Jahre nach Ende des Bürgerkriegs noch immer solche Hassgefühle plagten, doch ihm blieb keine Zeit, sich lange darüber Gedanken zu machen. Ein erneutes Aufblitzen in Kelpers braunen Augen verriet, dass der andere alle Zurückhaltung abwerfen und sich auf ihn stürzen wollte.

Der Südstaatler hielt jedoch abrupt in der Vorwärtsbewegung inne, als er den Druck einer Remington-Mündung knapp oberhalb seines Bauchnabels spürte. Niemand hatte Lassiter ziehen sehen, doch alle im Raum hörten das metallische Klicken, mit dem er den Revolverhahn spannte.

»Verdammter Hundesohn!«, schimpfte Kelper aufgebracht.

»Lassiter!«, korrigierte der große Mann. »Einfach nur Lassiter! Und mit wem habe ich das Vergnügen? Der Vorname genügt mir! Dass ihr die Gebrüder Kelper seid, weiß ich ja schon!«

Der Kerl, der den Remington in der Magenkuhle spürte, glotzte ihn nur mit großen Augen an, dafür meldete sich sein Bruder Bob zu Wort. »Joe!«, stieß der Jüngere heiser hervor. »Sein Name ist Joe Kelper!«

»Idiot!«, zischte ihn der Ältere dafür an. »Dieser Lassiter blufft doch nur! Der legt mich niemals vor so vielen Zeugen um.«

Woher dieser Dickschädel solches Gottvertrauen hernahm, war dem Mann der Brigade Sieben ein Rätsel. Allerdings lag Joe Kelper mit seiner Einschätzung vollkommen richtig. Jemanden wegen purer Überheblichkeit zu erschießen kam für Lassiter nicht in Frage. Darum handelte er rein instinktiv, ohne lange darüber nachzudenken, als Joe nach seinem Colt langte.

Das Eisen war gerade halb aus dem Lederholster, als Lassiters Remingtongriff auf den Handrücken des Südstaatlers krachte. Der lähmende Schlag entfaltete sofort volle Wirkung. Der Colt entglitt Kelpers Fingern, während er sich vor Schmerzen krümmte. Sein nach vorne zuckendes Gesicht machte dabei unsanfte Bekanntschaft mit dem brünierten Remingtonlauf, den Lassiter sofort wieder in die Höhe riss.

Blut spritzte durch die Luft, als die Haut an der Kinnspitze aufplatzte. Heulend taumelte Joe zurück und gab dabei die Sicht auf seinen Bruder frei, der gerade die sich überstürzenden Ereignisse zu verdauen suchte.

Lassiter entspannte den Remington, ehe sich noch ein unabsichtlicher Schuss lösen konnte, dann verpasste er dem Zaudernden einen zweiten Scheitel.

Es gab einen dumpfen Laut, als der Revolvergriff auf den Dickschädel prallte. Instinktiv riss Bob beide Hände in die Höhe, um sie auf die schmerzende Stelle zu pressen.

»Gleich so stehen bleiben!«, riet ihm Lassiter. »Und jetzt unterhalten wir uns in aller Ruhe über Brenda Milton.«

Sein frommer Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn der Ältere der beiden Brüder zeigte ungeahnte Nehmerqualitäten. Noch ehe ihn Lassiter wieder ins Blickfeld nehmen konnte, schloss sich eine behaarte Pranke um sein rechtes Handgelenk und riss Lassiters Waffenarm mit einem harten Ruck in die Tiefe. Der Schlag mit der Rechten, den der Südstaatler danach anbringen wollte, blockte der Mann der Brigade Sieben zwar ab, dafür standen sich aber der Raufbold und er anschließend wie zwei Ringer gegenüber.

Blut tropfte auf Joes Rüschenhemd, während sie einander gegenseitig in der Bewegung hinderten, indem sie jeweils das rechte Handgelenk des anderen umklammerten. »Steh nicht so blöd rum, Bob!«, herrschte Joe seinen Bruder an, um das Patt für sich zu nutzen. »Schieß diesen Kerl endlich über den Haufen!«

Bob war es wohl gewohnt, die Befehle des Älteren auszuführen, jedenfalls nahm er sofort die Hände vom Kopf und langte nach seinem Holster. Lassiter spannte all seine Muskeln an, doch der kräftige Joe war ein ebenbürtiger Gegner. Bis er den niedergerungen hatte, pfiff längst das erste Blei durch den Raum.

Da blieb nur eins – eine völlig unerwartete Attacke!

Blitzschnell ließ er seine Stirn in Joes Gesicht krachen.

Der harte Kopfstoß raubte dem Südstaatler den Atem. Keuchend ließ er von Lassiter ab und stolperte zurück. Der Akt der Befreiung hatte trotzdem zu lange gedauert. Bob Kelper hätte längst abdrücken können, doch statt zu ziehen, war er, die Hand auf dem Holster, mitten in der Bewegung erstarrt. Nicht etwa, weil er Hemmungen hatte zu schießen – sondern weil ihm der kurze Lauf eines Derringers im Genick klebte.

***

Mochte der Teufel wissen, woher Lenard die handliche Waffe unter seiner hautengen Kleidung hervorgezaubert hatte, nun ruhte sie jedenfalls völlig ruhig in seiner linken Hand. Seine Rechte umschloss einen zweiten Derringer, der auf Lassiter deutete.

»Ich muss doch sehr bitten, meine Herrschaften«, verlangte der Hausdiener mit einer schneidenden Stimme, der überhaupt nichts Affektiertes mehr anhaftete. »Tragen Sie Ihre Meinungsverschiedenheiten gefälligst auf der Straße aus. Dieses Haus hat einen guten Ruf zu verlieren!«

Lassiter ließ den Remington sinken, bevor Lenard ihn auffordern konnte, die Waffe fallen zu lassen. Langsam und ohne jede Hast steckte er den Revolver zurück ins Holster. Der Hausdiener gab sich damit zufrieden, während er Joe Kelper daran hinderte, seinen Colt aufzuheben.

»Wie steht es eigentlich mit Ihnen, Lenard?«, fragte Lassiter sanft. »Wissen Sie etwas über den Verbleib von Brenda Milton?«

»Ich habe noch nie zuvor von dieser Frau gehört«, beteuerte der Hausdiener, aber seine Augen bettelten regelrecht um Verzeihung bei dieser Antwort, als wollte er signalisieren, dass er unmöglich offen sprechen konnte.

»So ein Unsinn!«, brauste Lassiter auf. »Brenda hat mich selbst in einem Schreiben hierher bestellt, weil sie um ihr Leben fürchtet. Sie teilte mir darin mit, dass sie hier seit zwei Jahren arbeitet und jeden im Ort kennt. Dass sie nun von allen Seiten verleugnet wird, lässt mich das Schlimmste vermuten! Ich kann für euch Feiglinge nur hoffen, dass ihr nichts Ernstes zugestoßen ist, sonst fließt Blut, ehe ich Ranston verlasse.«

Statt auf seine Worte einzugehen, rief Lenard laut in Richtung Tür: »Anthony! Komm mit allen zur Verfügung stehenden Männern in den Empfangssalon! Es gibt ein paar Gäste, die nach draußen begleitet werden müssen!«

Die Revolverschwinger, die in irgendeinem Nebenraum in Bereitschaft gesessen hatten, brauchten nur wenige Sekunden, um mit gezogenen Eisen hereinzustürzen. In Windeseile waren Lassiter und die Kelpers von schussbereiten Revolvern umzingelt.

»Diese drei Gentlemen hier gerieten über den Verbleib einer mir unbekannten Dame in Streit«, erläuterte Lenard den Rausschmeißern die Lage, »sodass ich einschreiten musste. Schafft die beiden Anzugträger zur Vordertür hinaus und sagt dem Sheriff, dass er ein Auge auf sie haben soll. Ich geleite den dritten Herrn über die Hintertreppe, damit sie sich nicht gleich wieder über den Weg laufen.«

Trotz seiner geckenhaft wirkenden Livree verfügte der Hausdiener über eine gewisse Befehlsgewalt. Anthony und seine Mannen führten alles wie angeordnet aus, ohne eine einzige Rückfrage zu stellen.

Joe und Bob Kelpers zeigten sich zunächst störrisch, mussten sich aber rasch der Übermacht beugen. Ihre Colts wurden entladen, danach ging es unter groben Stößen zur Tür hinaus. Lauthals überzogen sie Lenard mit üblen Schimpfwörtern. Hinterlader

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