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Lassiter - Folge 2131

Drei Ladys räumen auf

Über dem Salzsee lag brütende Hitze. Lassiters Augen hatten sich noch nicht an das gleißende Weiß gewöhnt, das lediglich von vereinzelten Kreosotbüschen unterbrochen wurde. Der Mann der Brigade Sieben wischte sich den Schweiß von der Stirn, stieg aus dem Sattel und zog die Stute an den Zügeln hinter sich her.

Der Mittelsmann in El Paso hatte nicht übertrieben. Sie hatten ihn in die Hölle geschickt. Die Luft war so trocken, dass sie in der Kehle brannte. Außer den Geiern, die am Himmel kreisten, gab es in dieser Einöde keine Gesellschaft.

Der Auftrag aus Washington verlangte strenge Geheimhaltung. Lassiter sollte jenen Mann schützen, dem die Salzfelder in den Guadalupe Mountains gehörten. Ein Mann, der dem Tode geweiht war …

Die Hütte, die ihm sein Mittelsmann Carl Miller beschrieben hatte, lag in einer Senke im Norden des Salzfeldes. Der niedrige Holzverschlag duckte sich eng an den Hang und machte nicht den Eindruck, als sei er längere Zeit bewohnt gewesen. Eine rostige Schaufel lehnte an der Bretterwand, daneben stand ein Handkarren mit Werkzeug darin. Lassiter blieb auf der Anhöhe stehen und starrte auf die Hütte hinunter. Er fasste nach dem Remington-Revolver in seinem Holster.

Miller hatte berichtet, dass in den letzten Wochen ein halbes Dutzend Weiße und die doppelte Anzahl Mexikaner in den Guadalupe Mountains zu Tode gekommen waren. Sie hatten erschossen im Salz gelegen und waren erst gefunden worden, als sich die Kojoten schon über sie hergemacht hatten. Der Gouverneur fürchtete nun, dass Recht und Ordnung im County zum Teufel gingen.

Lassiter sprang die Böschung hinunter und umrundete die Hütte. Sie war auf massiven Holzbalken errichtet worden, die man mühevoll in den körnigen Salzboden versenkt hatte. Die Fenster waren blind und mit grauen Spinnweben behangen. Er wischte den Salzstaub vom Glas und spähte hinein.

Hinter der Scheibe war eine Kammer auszumachen. In der Ecke stand ein bulliger Stahlofen, vor dem Holzscheite und zerfetztes Papier verstreut lagen. Das Ofenrohr war rußgeschwärzt und führte durch eine Öffnung in der Wand ins Freie. Neben dem Ofen befand sich ein Bett, in dem eine zerschlissene Decke und ein ausgeblichenes Kissen lagen. Die Lederschuhe am Bettpfosten deuteten darauf hin, dass es hin und wieder benutzt wurde.

Lassiter schritt zur Tür, rüttelte am Riegel und trat gegen die losen Bretter. Mit einem Ruck verschaffte er sich Einlass. Er sah sich ein letztes Mal draußen um, dann trat er über die Schwelle.

Drinnen fiel sein Blick zunächst auf den Schreibtisch, den er vom Fenster aus nicht gesehen hatte und der mit Papieren, Listen und Schreibutensilien beladen war. Das Tuschefass war zerbrochen und hatte die Ecke eines Blätterstoßes schwarz gefärbt. Lassiter griff nach den Schriftstücken und sah sie durch.

Die Handschriften trugen das Emblem von Charles Howard, dem rechtmäßigen Eigentümer der Salzfelder. Sie enthielten Berichte über die Ertragslage, Telegramme und einen längeren Brief an die Territorialverwaltung.

»Verdammt«, murmelte Lassiter, als er auf einem Schreiben rings um Howards Signum Blutspritzer entdeckte. Er steckte das Blatt zu den anderen zurück und warf den Stoß wieder auf den Schreibtisch. Als er sich weiter umsah, weckten die Schuhe seine Interesse, die er bereits vom Fenster aus gesehen hatte. Das Leder glänzte, als hätte sie erst jemand am Morgen eingefettet.

»Keine Bewegung!«, zischte plötzlich eine Stimme dicht hinter ihm. »Ein falsches Zwinkern und ich puste dir den Schädel weg, Gringo!«

Lassiter kniff die Lider zusammen und fluchte in sich hinein. Sein Gegner war völlig lautlos hinter ihm aufgetaucht.

»Wer bist du, Gringo?«, wollte der andere wissen. »Hast dich ziemlich weit herausgetraut für ’nen verfluchten Salzräuber! Obwohl du nicht gerade wie ’n Bohnenfresser aussiehst.« Als Lassiter nicht gleich antwortete, rammte er ihm einen Waffenlauf in den Rücken; vermutlich den eines Gewehrs. »Hat man dir die Zunge rausgeschnitten? Dreh dich um und nenn mir deinen gottverfluchten Namen!«

Zögernd kam Lassiter der Aufforderung nach. Er wandte sich seinem Gegner zu. Der Mann war von massiger Statur und hielt einen Whitney Burgess Unterhebel-Repetierer auf ihn gerichtet. »Lassiter«, sagte er einsilbig.

»Lassiter? Sonst nichts?«, echote der andere. »Ah, ist auch egal. Zehn von euch mexikanischen Bastarden habe ich schon auf der Liste, auf einen mehr oder weniger kommt’s nicht an.« Er richtete das Gewehr auf Lassiters Brust und spielte mit dem Finger nervös am Abzug.

»Ich bin kein Mexikaner«, sagte Lassiter ruhig, »und ich will auch kein Salz stehlen.«

Die hellgrauen Augen des Gewehrträgers verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Was hast du sonst hier zu suchen? Warum schnüffelst du in der Hütte herum?«

»Ich suche Charles Howard, den Besitzer der Salzseen«, sagte Lassiter.

Die rechte Wange des Unbekannten zuckte nervös. Eine dünne Schweißspur rann durch die Falte über seiner Nase. »Um ihm ’ne Kugel zu verpassen?« Er schüttelte grimmig den Kopf. »Von mir erfährst du nicht, wo Mr. Howard …«

»Ich will weder ihn noch dich töten«, unterbrach ihn Lassiter. »Nimm das Gewehr runter, dann können wir in Ruhe reden.«

Die Miene des Mannes, der hier offenbar für Howard die Stellung hielt, verdüsterte sich. Er spie auf den Boden. »Nimm deinen Revolver aus dem Holster und wirf ihn aufs Bett!«, forderte er. »Aber ganz langsam; keine hastigen Bewegungen!«

Lassiter rührte sich nicht und sah sein Gegenüber aus kühlen Augen an. »Wir legen unsere Waffen gleichzeitig weg«, schlug er vor. Dabei führte er die Hand zum Kolben des Remington.

Offenbar eine Spur zu schnell – denn im selben Moment entlud sich ein krachender Feuerstoß aus dem Whitney-Burgess. Die Kugel zischte dicht an Lassiters Hals vorbei und grub sich hinter ihm ins Holz.

Lassiter reagierte instinktiv. Ehe sein Widersacher noch einmal abdrücken konnte, hatte er den Remington gezogen. Er schoss und traf den Wachmann in die Brust. Der Verwundete wankte, ließ das Gewehr fallen und torkelte rücklings gegen den Türrahmen. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Verwunderung ab, bevor er in sich zusammensackte.

»Bastard!«, keuchte er. »Du … du wolltest mich überrumpeln …«

Lassiter kniete sich wortlos neben ihn und riss ihm das Hemd auf. Dickflüssiges Blut rann aus der Brustwunde. Es sah schlecht aus für den Mann, sehr schlecht. Lassiter verwünschte seine schnellen Reflexe; sicher wäre es nicht nötig gewesen, den Mann tödlich zu treffen.

»Ich will dir nichts vormachen«, sagte er. »Es geht zu Ende mit dir. Aber vielleicht kannst du wenigstens deinen Boss noch retten. Ich wurde beauftragt, ihn vor einem Attentäter zu beschützen. Darum sage mir: Wo ist Charles Howard?«

Der Wachmann blinzelte träge und röchelte erstickt. Sein Blick suchte den Lassiters – und in seinen letzten Momenten schien er zu erkennen, dass der große Mann wirklich nichts Böses im Schilde führte.

»San Elizario«, brachte er mühsam hervor. Dann brach sein Blick.

***

Über den Häusern von San Elizario lag rötlicher Abendschein, als Lassiter die Siedlung siebzehn Meilen südöstlich von El Paso erreichte. Er ritt zwischen den niedrigen Lehmhäusern hindurch, ohne einer Menschenseele zu begegnen, und hielt auf die alte spanische Mission zu, deren weißer Glockenturm weithin sichtbar war.

An einer erleuchteten Taverne, aus der helle Frauenstimmen drangen, zügelte er sein Pferd und saß ab. Er lockerte den Sattelgurt und warf einen Blick durch eines der Fenster.

Zu seiner Verblüffung sah er im Inneren des Hauses drei Mexikanerinnen, die offensichtlich gerade ein Bad nehmen wollten. Sie waren bis auf die Unterwäsche entkleidet und hatten sich um einen Holzbottich versammelt, in dem heißes Wasser dampfte. Die Älteste trug eine kupferrote Mähne, die ihr wallend über Schultern und Brüste fiel, die beiden jüngeren Mädchen hatten aschblondes und brünettes Haar.

Sie neckten einander ausgelassen, indem sie sich um den Bottich jagten und mit Wasser bespritzten. Offenbar war dieses Kaff so ausgestorben, dass sie nicht mit Besuchern oder Zaungästen rechneten. Lassiter blickte sich kurz um: Tatsächlich war auf der Straße immer noch niemand zu sehen.

Nun, er würde hier gerne Gast sein! Lassiter trat von dem Fenster zurück und knotete die Zügel an einem Nagel in der Hauswand fest. Eine gute Mahlzeit und nette Gesellschaft waren nach einem Tag im Sattel genau das, was ihn wieder zu Kräften brachte.

»Buenas noches!«, grüßte er, als er den Stoffvorhang der Taverne zur Seite schlug. Die mexikanischen Mädchen erschraken und flohen ins Halbdunkel. Sie beäugten den Ankömmling argwöhnisch, machten aber keine Anstalten, sich etwas überzuwerfen. Offenbar gefiel ihnen, was sie sahen.

Die Ältere fand als Erste ihre Sprache wieder. »Wer bist du?«, fragte sie mit starkem Akzent und schüttelte ihre Kupfermähne. »Louis reitet im Morgengrauen nach El Paso. Deshalb will er bis zu seiner Rückkehr keine Gäste hier.«

»Davon hat Mr. Louis mich nicht informiert.« Lassiter schritt durch die Taverne und ließ sich in Sichtweite der Mexikanerinnen an einem Tisch nieder. Er lächelte schmal und nahm das Halstuch ab. »Ich suche einen Mann mit Namen Charles Howard. Es heißt, er sei in San Elizario.«

Die Mädchen tauschten grimmige Blicke untereinander. Die Kupferrote machte einen Schritt auf Lassiter zu; sie bot einen reizenden Anblick in ihrer Unterwäsche. »Zum Teufel mit Howard!«, fauchte sie und stemmte die Fäuste in die Seiten. »Er hat dem Dorf nichts als Ärger gebracht. Er ist ein gottverfluchter Bastard, der besser heute als morgen an den Galgen gehört.«

»Consuela! Nicht!«, mischte sich die Brünette ein. »Du … du weißt nicht, wer der Fremde ist. Er könnte einer von Mills Leuten sein, oder von Fountain … Wir sollten Louis rufen!«

Doch die Rothaarige war nicht zu bremsen. »Du hast meine Schwester gehört, also rede! Wer schickt dich?«

Lassiter legte seine Arme in den Nacken. Sein Blick glitt über die verführerischen Rundungen der Rothaarigen. »Ich arbeite auf eigene Rechnung«, behauptete er. »Und mit Howard habe ich eine Rechnung offen.«

»Eine Rechnung, sagst du?« Die Mexikanerin machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. »Und was schuldet er dir?«

»Das ist meine Sache«, versetzte Lassiter. »Wie sieht es aus? Bekomme ich eine Abendmahlzeit bei euch?«

»Die Taverne ist geschlossen«, entgegnete die Kupferrote trotzig. Sie schlang sich ein Tischtuch, das sie von einem der Tische pflückte, um Hüften und Brust. »Wenn du über Howard reden willst, rufe ich Louis.«

Lassiter lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Und wer ist Louis, wenn ich fragen darf?«

Die Rothaarige blähte die Wangen. »Du bist wirklich nicht aus dieser Gegend, wenn du Louis Cardis nicht kennst. Unser Vater ist einer der wichtigsten Männer hier!«

»Ich komme von weit her. Mein Name ist Lassiter.« Er musterte die drei Mädchen. »Und wer seid ihr?«

Die Rothaarige übernahm die Vorstellung. »Ich bin Consuela, und die beiden sind meine Schwestern Paola und Fernanda.«

Lassiter nickte ihnen zu, und um das Eis zu brechen, sagte er: »Freut mich, eure Bekanntschaft zu machen. Solche Schönheiten hätte ich ehrlich gesagt in diesem kleinen Ort gar nicht vermutet.«

»Oh, vielen Dank.« Consuelas Stimme wurde gleich viel freundlicher. »Und du willst wirklich nur etwas zu essen? Oder … möchtest du auch an uns Dreien naschen?« Sie bedachte ihn mit einem koketten Augenaufschlag.

Lassiter wurde von dem Angebot völlig überrumpelt. »Nun … ich bin einem kleinen Abenteuer nie abgeneigt«, antwortete er, während es in seinen Lenden zu zucken begann. Im nächsten Moment fing er sich eine schallende Ohrfeige ein.

»Das könnte dir so passen, Gringo!«, fauchte Consuela ihn an. »Sind alle Frauen Freiwild für dich?« Sie wandte sich halb zu ihren Schwestern um. »Fernanda, hol Louis! Paola, bring mir meine Kleider, damit sich der Fremde im Zaum hält!«

Das blonde Mädchen nickte, eilte davon und verschwand in einem dunklen Winkel der Taverne, während die Brünette zu Lassiters Bedauern ihr und Consuelas Kleid brachte. In Sekundenschnelle zogen die beiden sich an.

Nach einiger Zeit kehrte Fernanda in Gesellschaft ihres Vaters zurück, einem Mann in den Sechzigern mit grauem Kinnbart. Er kam zackigen Schrittes auf Lassiter zu. Seine buschigen Brauen hoben sich fragend, als er am Tisch stehen blieb. »Was wollen Sie von meinen Töchtern, Sir? Wie lautet Ihr Name und woher kommen Sie?«

Lassiter blickte Louis Cardis mit gelassener Miene an. »Lassiter. Ich komme aus Franklin«, sagte er, »und vor zwei Tagen mit der Postkutsche aus St. Louis. Ich suche nach Charles Howard.«

Auf Cardis’ schmalem Gesicht entstand ein zorniger Ausdruck. Der Tavernenbesitzer nahm sich einen Stuhl und setzte sich Lassiter gegenüber. »Howard ist in San Elizario nicht gern gesehen.« Er betrachtete den Mann von der Brigade Sieben eingehend. »Was wollen Sie von ihm?«

Lassiter entschied sich, auch Cardis nicht unter die Nase zu reiben, dass er beauftragt worden war, für Howard den Schutzengel zu spielen. »Sagen wir, ich habe noch eine Rechnung mit ihm offen.«

Cardis senkte den Blick und stierte auf die Tischplatte. Er flüsterte einige Worte vor sich hin, die Lassiter nicht verstand.

»Der Kerl ist ein Verräter, ein Widerling und Betrüger. Ich rate Ihnen, sich nicht mit ihm einzulassen. Er wird jede Abmachung brechen, die Sie mit ihm treffen, und Sie ins Gefängnis bringen.« Cardis schmetterte die Faust auf den Tisch. »Er ist ein verdammter Bastard!«

Consuela beugte sich ans Ohr ihres Vaters und flüsterte ihm etwas zu. Sie schloss mit den Worten: »Also hör auf damit, Paps. Du weißt nicht, wer der Fremde ist.«

»Du hast recht, Kind«, gab Cardis zu. »Ich habe schon zu viel gesagt.« Er streichelte flüchtig ihre Hand und richtete den Blick wieder auf seinen Gast. »Nur so viel noch, Lassiter: Howard und ich waren Geschäftspartner, bis ihn die Gier packte. Er ist ein Anwalt aus Missouri, der mit allen Wassern gewaschen ist. Falls Sie ihn finden wollen, sprechen Sie mit Padre Barrojo.«

»Ein Padre?«, stutzte Lassiter. »Wie soll mir ein Priester helfen können?«

»Barrojo kennt die Gegend und die Leute wie kein anderer«, entgegnete Cardis. »Er hat sein halbes Leben in San Elizario verbracht. Er wird Ihnen die Männer nennen, die für das Blutvergießen in den Salzfeldern verantwortlich sind.« Er legte eine Pause ein. »Ich bin mir sicher, dass es Howards Männer sind.«

Lassiter erinnerte sich an den Toten in Howards Diensten, den er in der Hütte zurückgelassen hatte, und an die Blutspritzer auf den Papieren mit dessen Siegel. Verdammt, worauf hatte ihn die Brigade hier angesetzt? Sollte er einen Verbrecher und Mörder schützen? Oder irrte sich Louis Cardis? Er musste selbst herausfinden, was in den Guadalupe Mountains vor sich ging, um Klarheit zu erlangen.

»Wo finde ich den Padre?«, fragte er.

Der Alte wies mit der Hand in Richtung der Fenster. »Reiten Sie zur alten Mission hinauf. Barrojo hält sich seit ein paar Tagen dort auf. Er wird Ihnen mehr sagen können als ich.«

Consuela schritt um ihren Vater herum und sah Lassiter herausfordernd an. Sie spielte mit einer Strähne ihres roten Haares und wickelte sie sich um den Finger.

»Du scheinst doch anständiger zu sein, als ich dachte, Lassiter«, sagte sie.

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