Logo weiterlesen.de
Lassiter - Folge 2127

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Jung, schön und erbarmungslos
  4. Vorschau

Jung, schön und erbarmungslos

Das Hämmern und Klopfen vor dem Haus war endlich verstummt. Trotzdem konnte Marvin Pollock keinen Schlaf finden. Denn er wusste, was die Geräusche zu bedeuten hatten. Draußen wurde ein Galgen errichtet. Sein Galgen. Zur Mittagszeit würde er zu dem hölzernen Gestell gebracht und daran aufgeknüpft werden. Eine Woche war es nun her, seit der Richter das Todesurteil verkündet hatte. Die meiste Zeit davon hatte Pollock in seiner Zelle still vor sich hin brütend verbracht. Auch jetzt lag er auf der Pritsche. Das Schlucken fiel ihm schwer. Gedankenverloren rieb er sich immer wieder über den Hals, als könne er so das Gefühl der Enge aus seiner Kehle vertreiben.

Plötzlich hielt Pollock in der Bewegung inne. Sein Blick wanderte zum Fenster, durch das ein eigenartiger Laut zu hören war.

Es klang wie ein Zischen, das in ein leises Pfeifen überging. Gleichzeitig meinte er den blumigen Duft eines Parfüms riechen zu können.

Pollock legte die Stirn in Falten. Spielten ihm seine überreizten Nerven vielleicht einen Streich? Nahm er Dinge wahr, die gar nicht vorhanden waren? Der Verbrecher gab ein verärgertes Schnauben von sich. Er wollte sich gerade auf die andere Seite wälzen, als sich das Geräusch wiederholte.

»Verdammt, was hat das zu bedeuten?«

Pollock erhob sich von der harten Schlafstelle und ging zum Fenster. In dem vergitterten Rechteck begannen sich allmählich erste Konturen gegen den Morgenhimmel abzuzeichnen.

»Pollock, kannst du mich hören?«, wollte plötzlich eine weibliche Stimme wissen.

»Ja«, bestätigte er überrascht. »Wer bist du?«

»Namen tun nichts zur Sache.« Die Antwort kam von unterhalb des Fensters. Offenbar hatte sich seine Gesprächspartnerin an die Gefängnismauer geduckt.

»Was willst du?«

»Ich möchte dir einen Deal vorschlagen.«

»Tatsächlich?« Pollock zog die Augenbrauen nach oben. »Ist dir klar, welcher Tag heute ist? Der Tag, an dem ich aufgeknüpft werde. Denkst du, das ist ein günstiger Zeitpunkt, um mir ein Geschäft vorzuschlagen?«

»Ich könnte mir keinen besseren vorstellen«, entgegnete die Besucherin. »Wie würde es dir gefallen, doch noch einmal ungeschoren davonzukommen?«

Nun hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit des Banditen. »Das wäre zu schön, um wahr zu sein«, knurrte Marvin Pollock. Aber wie soll das funktionieren?« Er stellte sich auf die Fußspitzen, um besser aus dem Fenster sehen zu können.

»Es gibt immer Mittel und Wege«, sagte die Stimme auf der anderen Seite der Mauer. »Heißt das nun, dass du an einer Zusammenarbeit interessiert bist?«

»Verdammt, ja! Ich würde alles tun, um meinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu bekommen.«

»Sehr gut.« Seine Besucherin richtete sich auf. Pollock stellte verwundert fest, dass es sich um die schöne Freundin des Sheriffs handelte. »Dann werden sich unsere Verhandlungen bestimmt nicht lange hinziehen.«

»Kannst du nicht endlich aufhören, um den heißen Brei herum zu reden?« Der Bandit packte die Gitterstäbe des Fensters. »Wie soll dieser Deal aussehen?«

Seine offensichtliche Ungeduld ließ ein zufriedenes Lächeln über Sissybelle Jones’ Lippen huschen. Sie strich sich seelenruhig das lange rotbraune Haar in den Nacken. Der Duft ihres Parfüms wehte bis in die Kerkerzelle hinein. »Ich werde dafür sorgen, dass du die Hinrichtung überlebst«, erklärte sie dann und schürzte die Lippen. »Natürlich nur, wenn du auf meine Bedingungen eingehst.«

Pollock legte die Stirn in Falten. »Und wie sollen die aussehen?«

»Du wurdest wegen eines Raubüberfalls verurteilt, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen. Richtig?«

Der Häftling nickte.

»Von Neal habe ich erfahren, dass die Beute aus dem Überfall nicht wieder aufgetaucht ist.«

»Ach ja? Bisher hätte ich nicht den Eindruck, dass der Sheriff eine Plaudertasche ist.«

»Ist er auch nicht. Aber ich habe so meine Methoden, ihn zum Reden zu bringen.« Inzwischen war es hell genug, um zu erkennen, wie sich Sissybelle eine Strähne ihres Haars kokett um den Zeigefinger zwirbelte. »Deshalb weiß ich von den zwei Goldkisten. Man geht davon aus, dass du sie versteckt hast. Und nun fest entschlossen bist, das Geheimnis mit ins Grab zu nehmen.«

»Die Leute reden viel, wenn der Tag lang ist.«

»Kann sein. Aber haben sie auch recht?« Die junge Frau legte den Kopf schräg. »Für dich wäre das jedenfalls ein echter Glücksfall. Es würde dir den Hals retten.«

»Was soll das heißen?«

»Ganz einfach: Du gibst mir die Hälfte der Beute, dafür helfe ich dir, deine Hinrichtung zu überleben.«

»Moment mal. Ich weiß, was du vorhast.« Pollocks Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Das ist nichts weiter als ein schmutziger Trick. Du steckst mit dem Sheriff unter einer Decke. Williams hat dich geschickt, um mich auszuhorchen. Bevor ich aufgeknüpft werde, soll ich dir das Versteck der Beute verraten. Aber das kannst du vergessen, Lady. Richte ihm aus, dass ich seinen Plan durchschaut habe. Von mir erfährt er nichts.«

»Du irrst dich.« Sissybelle verschränkte die Arme vor der Brust. »Neal hat nicht die geringste Ahnung. Die Sache ist ganz allein auf meinem Mist gewachsen.«

»Ach ja? Und weshalb sollte ich dir das glauben?«

»Weil ich keine Bezahlung im Voraus von dir verlange«, erklärte die junge Frau. »Ich will nicht wissen, wo das Gold versteckt ist. Noch nicht. Erst wenn ich dich vom Galgen geholt habe, verlange ich meinen Anteil an der Beute. Genügt das, um dich zu überzeugen?«

In Pollocks Schädel flogen die Gedanken durcheinander wie Blätter in einem Sturm. Bis vor ein paar Minuten war er davon überzeugt gewesen, dass ihn der sichere Tod erwartete. Dann war die schöne Lady aufgetaucht und bot ihm an, sein Leben zu retten. Konnte er dieses Angebot überhaupt ablehnen? Die Hälfte der Beute – das war immer noch genug. Wenn er erst mal im Sarg lag, war das Gold nutzlos für ihn. Was hatte er also zu verlieren? Wenige Sekunden später hatte Marvin Pollock seine Entscheidung getroffen.

»Also gut«, stimmte er der Forderung zu. »Ich bin einverstanden. Du holst mich hier raus, dafür bekommst du die Hälfte des Goldes.«

»Sehr gut.« Sissybelle strahlte mit der gerade aufgehenden Sonne um die Wette. »Diesen Deal wirst du nicht bereuen.«

»Das will ich hoffen«, brummte Pollock. »Wie geht es nun weiter? Hast du deinem Freund die Zellenschlüssel geklaut?«

»Nein.« Sissybelle schüttelte entschieden den Kopf. »Wenn ich dich auf diese Weise befreien würde, wäre dir nicht wirklich geholfen. Neal würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um dich wieder zu schnappen. Deshalb habe ich mir etwas einfallen lassen, wie du als freier Mann aus der Sache rauskommst.«

»Wie um alles in der Welt willst du das denn hinkriegen?« Der Gefangene sah sie fassungslos an. »Was muss ich dabei tun?«

»Nicht viel.« Seine hübsche Geschäftspartnerin winkte ab. »Du brauchst lediglich eine kleine Show abziehen. Auf dem Weg zum Galgen musst du immer wieder deine Unschuld beteuern und den Himmel um Beistand anflehen. Glaubst du, das bekommst du hin?«

»Klar«, bestätigte Pollock mit einem Schulterzucken. »Aber was genau hast du eigentlich vor?«

»Lass dich einfach überraschen.« Sissybelle lächelte ihn an. »Spiele deine Rolle gut, den Rest kannst du mir überlassen.« Noch bevor der gefangene Bandit ihr weitere Fragen stellen konnte, drehte sie sich um und verschwand mit beschwingten Schritten um eine Ecke des Jails.

***

»Das ist wirklich ungewöhnlich.« Neal Williamson zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. Sein Blick ruhte auf den Tellern, auf denen nur noch ein paar abgenagte Knochen übrig geblieben waren. »Ich weiß zwar, dass Mrs. Jenkins’ Hühnchen die besten der ganzen Stadt sind, aber dass jemand seine Henkersmahlzeit tatsächlich bis auf den letzten Bissen verschlingt, habe ich bisher selten erlebt. Den meisten Kerlen verdirbt die Aussicht auf den Galgen nämlich gründlich den Appetit.«

»Schön blöd von ihnen.« Pollock wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. »Man soll alles mitnehmen, was man kriegen kann. Das war schon immer mein Motto.«

»Du musst Nerven aus Stahl haben.« Der Sheriff schob das Kinn nach vorn.

»Oder ein starkes Gottvertrauen«, entgegnete Pollock grinsend.

Als wäre es ein Stichwort gewesen, wurde in diesem Moment die Tür des Sheriffbüros geöffnet und ein schwarzgekleideter Mann betrat den Zellentrakt. Ein gestärkter, blütenweißer Kragen umschloss seinen Hals wie einen Ring.

»Reverend Gibbons.« Der Sheriff drehte sich zu ihm um. »Sie sind ziemlich früh dran. Normalerweise kommen Sie doch nur, wenn der Delinquent um priesterlichen Beistand bittet.«

»Wenn es um das Heil einer verlorenen Seele geht, kann man gar nicht früh genug sein«, entgegnete der Prediger. »Wie heißt es doch im Buch unseres Herrn?« Er klopfte mit den Fingerspitzen auf die Bibel, die er bei sich trug. »Fällt ihrer einer, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist! Wenn er fällt, so ist kein anderer da, der ihm aufhelfe. Deshalb ist es meine Pflicht, mich um jedes einzelne Schäfchen zu kümmern, auch wenn es sich um ein schwarzes handelt.«

»Von mir aus.« Neal Williamson zuckte mit den Schultern. »Versuchen Sie Ihr Glück. Aber wenn Sie glauben, Sie würden hier einen reuigen Sünder vorfinden, werden Sie eine herbe Enttäuschung erleben.«

»Der Herr beweist mir sein Vertrauen, indem er mir immer wieder Prüfungen auferlegt.« Nathaniel Gibbons’ Augen richteten sich himmelwärts und er malte mit dem rechten Zeigefinger ein Kreuz in die Luft, bevor er an Pollocks Zelle trat. »Guten Tag, mein Sohn. Ich bin gekommen, um dir durch Gottes Wort Trost zukommen zu lassen.«

Pollock stand an der Zellentür und musterte den Reverend verächtlich. Mit religiösem Kram hatte er nichts am Hut. Beim einzigen Mal, dass er in einer Kirche gewesen war, hatte er den prallgefüllten Kollektenbeutel gestohlen. Ansonsten ging ihm das hochgestochene Geschwafel der Pfaffen gewaltig auf die Nerven. Er wollte schon zu einer bissigen Bemerkung ansetzen, als ihm schlagartig Sissybelle Jones’ Anweisung in den Sinn kam. Also schluckte Pollock die Anzüglichkeit, die ihm auf der Zunge brannte, herunter und begrüßte den Prediger mit einem zerknirschten Lächeln. »Guten Tag, Reverend. Ich bin sehr froh, dass Sie hier sind. Ein bisschen moralische Unterstützung kann ich nämlich gut gebrauchen.«

»Die sollst du bekommen«, versicherte Gibbons. »Das Wort des Herrn soll dir leuchten auch in deiner dunkelsten Stunde.«

»Und die wird kommen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche«, murmelte der Sheriff. Gibbons warf dem Gesetzeshüter über die Schulter hinweg einen mahnenden Blick zu, dann drehte er sich wieder zu dem Gefangenen um. »Gibt es etwas, das dir die Seele schwer macht? Dann wäre es jetzt an der Zeit, um eine Beichte abzulegen. Dem Schöpfer sollte man mit einem erleichterten Gewissen gegenübertreten.«

Pollock rieb sich mit einer Hand den Nacken. »Also, da gibt es tatsächlich etwas, das ich gerne loswerden würde.«

»Dann zögere nicht länger, mein Sohn, sondern bekenne deine Sünden, auf dass sie dir vergeben werden.«

»Das würde ich ja gern tun«, entgegnete der Bandit. »Allerdings wäre mir angenehmer, wenn es dabei keine weiteren Zuhörer gäbe.« Er nickte in Richtung des Office, wo Williamson an seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.

»Verstehe.« Gibbons nickte. »Das werde ich regeln.« Er hob die Hand. »Entschuldigen Sie bitte, Sheriff, aber würde es Ihnen etwas ausmachen, uns ein paar Minuten für ein Gespräch mit Gott allein zu lassen?«

»Geht klar.« Neal Williamson erhob sich von seinem Platz. »Ich wollte sowieso gerade draußen meine Runde machen. So eine Hinrichtung lockt eine Menge Leute an.« Er nahm seinen Stetson vom Haken. Als er die Tür öffnete, drangen für einen kurzen Moment Stimmengewirr und das Knirschen von Schritten in das Büro.

»Nun ist die Zeit für dich gekommen, mit dem irdischen Leben abzuschließen.« Der Reverend schlug seine Bibel auf. »Soll ich dir aus dem Heiligen Buch vorlesen? Das wird dir helfen, Kraft zu schöpfen.«

»Später vielleicht.« Pollock seufzte tief. »Offen gestanden tue ich mich momentan etwas schwer mit dem ganzen Bibelkram. Weil ich den Eindruck habe, dass Gott reichlich unfair mit mir umgeht. Oder sich zumindest einen feuchten Dreck um mich kümmert.«

»Was sagst du da?«, fragte der Prediger entsetzt. Er bekreuzigte sich. »Der Herr lässt sein wachsames Auge über allen Menschen ruhen, auch über dir. Wie kommst du zu der Ansicht, dass er sich von dir abgewandt hat?«

»Weil ich nicht glaube, dass er eine solche Ungerechtigkeit zulassen würde. Ich wurde zum Tode verurteilt, obwohl ich unschuldig bin!«

Gibbons sah ihn verblüfft an. »Wie meinst du das?«

»Ganz einfach: dass ich das Verbrechen, wegen dem ich an den Galgen soll, nicht begangen habe.«

»Aber … du hattest doch deinen Prozess. Der Richter und die Geschworenen haben dich schuldig gesprochen.«

»Das war ein Fehlurteil«, entgegnete der Gefangene. »Ich habe mit dem Überfall nichts zu tun. Aber ich hatte nichts in der Hand, um meine Unschuld zu beweisen. Deshalb hat man mir vor Gericht nicht geglaubt.« Er schüttelte die geballte Faust wütend gen Himmel. »Ich hatte nie eine Chance. Ist das etwa die Gerechtigkeit, von der immer wieder gepredigt wird? Wenn Gott derjenige ist, der im Leben die Karten verteilt, hat er mir ein verdammt beschissenes Blatt zugeschustert.«

»Das kann ich nicht glauben.« Nathaniel Gibbons zuckte zusammen, als habe man ihm eine Ohrfeige verpasst. »Sagst du denn tatsächlich die Wahrheit, mein Sohn? Du weißt, dass die Lüge eine schwere Sünde ist. Erst recht in einem Moment, wo du schon bald deinem Schöpfer gegenüberstehen wirst.«

Marvin Pollock gehörte zu der Sorte Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken seine eigene Mutter für ein paar Cent verkauft hätte. Deshalb hatte er auch nicht die geringsten Skrupel, einen Meineid vor Gott abzulegen. Seine rechte Hand schob sich durch die Gitterstäbe und legte sich auf die Bibel des Predigers. Die linke hob er auf Brusthöhe. »Ich schwöre, dass ich die Wahrheit sage«, verkündete er dann feierlich. »So wahr mir Gott helfe.«

Das ließ sein schwarzgekleidetes Gegenüber nicht unbeeindruckt. »Grundgütiger«, stieß Gibbons hervor. »Wenn das so ist, müssen wir …«

Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment flog die Tür auf. Neal Williamson kehrte in sein Büro zurück. »Okay, draußen ist alles bereit.« Er näherte sich mit entschlossenen Schritten dem Zellentrakt. »Das Publikum kann kaum erwarten, dass es endlich losgeht.« Er schloss die Gittertür auf. Pollock wich in den hintersten Winkel aus, als der Sheriff die Zelle betrat. »Bringen wir die Sache also hinter uns.«

»Nein …« Der Bandit hob abwehrend die Hände. Williamson packte ihn am Unterarm. Ein metallisches Klicken war zu hören, als er dem Gefangenen die Handschellen anlegte.

»Hören Sie, Sheriff« Der Reverend presste sein blasses Gesicht zwischen zwei Metallstäbe der Zelle. »Der Mann hat mir gegenüber gerade seine Unschuld beteuert. Sind Sie sich sicher, dass er rechtens verurteilt wurde?«

»T

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lassiter - Folge 2127" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen