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Lassiter - Folge 2107

Den Finger am Abzug

Zu allem entschlossen trat Richard Thorpe in das Halbdunkel des Raumes. Schwere Holzläden vor den Fenstern sperrten jegliches Tageslicht aus. Nur der gelbstichige Schein einer Petroleumlampe schälte die Umrisse dreier Männer hervor, die an einem Tisch sitzend auf ihn warteten. Um wen genau es sich handelte, war unmöglich zu erkennen. Alle Mitglieder des Geheimen Komitees trugen graue Kapuzen, die, abgesehen von den Augenlöchern, das Gesicht vollständig bedeckten.

Trotz ihrer unheimlichen Aufmachung würdigte Thorpe die Vermummten keines zweiten Blickes. Er hatte nur Augen für den schweren Army-Colt, der vor ihnen auf dem Tisch lag. Das musste er sein! Der Revolver, mit dem er in Kürze einen hilflosen Menschen erschießen sollte …

»Richard Thorpe«, schnarrte der Mittlere der drei Vermummten, der offensichtlich den Vorsitz über dieses Tribunal führte. »Es gibt einen Verräter in unseren Reihen. Bis du bereit, ihn zu richten, um uns deine bedingungslose Treue zu beweisen?«

Thorpe spürte, wie sein Herzschlag beschleunigte.

Trotzdem antwortete er mit fester Stimme: »Ja, das bin ich.«

Obwohl er kein gewissenloser Killer war, meinte er seine Worte ernst. Um die Geheimorganisation zu unterwandern, die ihre Klauen fest in Wicefull Springs geschlagen hatte, war er sogar bereit einen Mord zu begehen.

Der Zweck heiligt die Mittel!, dachte Thorpe dabei im Stillen.

Und überhaupt. Wer so tief in die Machenschaften der Grey Sons vertieft war, dass er von ihnen als Verräter gebrandmarkt wurde, wäre ohnehin von einem ordentlichen Gericht zum Tode verurteilt worden, dessen war er sicher. Außerdem hatte Thorpe im Krieg an zahlreichen Erschießungen teilgenommen, bei denen Männer ihr Leben lassen mussten, deren einziges Verbrechen es gewesen war, auf der anderen Seite zu stehen, oder als Yankee-Sympathisant zu gelten.

Schlaflose Nächte hatte ihm das nicht eingebracht, und auch keinerlei Alpträume. Er hatte eben getan, was getan werden musste, in einer Zeit, in der das Wort Gnade bedeutungslos geworden war. Darum hatte Thorpe beschlossen, den Kampf gegen die grauen Söhne ebenfalls als Krieg zu betrachten, in dem alles erlaubt war, was dabei half, den Sieg zu erringen.

Die maskierten Männer, die nichts von seinen wahren Beweggründen ahnten, sahen ihn eine Weile schweigend an, bevor der Mittlere aus ihrem Kreis erneut das Wort ergriff.

»Also gut! Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr.« Obwohl die Kapuze die Stimme dämpfte, kam sie Thorpe vertraut vor. Es musste sich bei dem vermummten Sprecher um eine bekannte Persönlichkeit handeln, die ihm schon mehr als einmal über den Weg gelaufen war. »Nimm diesen Revolver, geh nach nebenan und erfülle ohne zu zögern deine Pflicht.«

Unter metallischem Schaben wurde der Colt über die Tischplatte geschoben. Obwohl der brünierte Stahl matt reflektierte, musste Thorpe über den Griff mit den Nussholzschalen tasten, ehe er die Waffe richtig zu fassen bekam.

Verdammte Dunkelheit! Dass die Fenster fest verrammelt waren, damit kein Schuss nach draußen drang, verstand er ja noch, aber warum hier nur eine einzige Funzel brannte, war ihm ein absolutes Rätsel. Andererseits kamen Thorpe die schlechten Lichtverhältnisse entgegen. Denn im gleichen Moment, da er die Waffe anhob, durchlief seinen Körper ein unkontrolliertes Zittern. Rasch drückte er den Colt fest an den Brustkorb, damit die anderen nichts von seiner Nervosität bemerkten.

Wo sein Opfer auf ihn wartete, war ihm längst klar.

Links von ihm zeichnete sich ein Türrahmen in der Dunkelheit ab.

Hinter der nur eine Handbreit offen stehenden Tür flackerte der unruhige Schein einer weiteren Petroleumlampe. Ohne überflüssige Fragen zu stellen, ging Thorpe auf den Nebenraum zu. Der vor ihm liegende Weg war frei, trotzdem setzte er vorsichtig einen Schritt vor den anderen, um nicht aus Versehen gegen ein Hindernis zu laufen. Sein Zeigefinger ruhte lang ausgestreckt neben dem Abzugsbügel, statt sich um ihn zu krümmen, damit er nicht aus Nervosität durchzog und versehentlich einen Schuss abgab.

Jetzt, da es aufs Ganze ging, brach ihm doch heißer Schweiß aus, und das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Aber das kannte Thorpe schon, das war bei den Exekutionen nicht anders gewesen. Darum war er weiterhin sicher, dass er im entscheidenden Moment eiskalt handeln würde. Diese Überzeugung verflog jedoch schlagartig, als er die Tür nach innen stieß und zum ersten Mal einen Blick auf den zum Tode verurteilten Delinquenten warf.

Wie vom Donner gerührt blieb Thorpe stehen.

Mit nach vorne gesunkenem Oberkörper hockte die Gestalt auf einem Stuhl, der inmitten eines fast leeren Zimmers stand. Nur ein ärmelloses, tief ausgeschnittenes Nachthemd aus französischer Spitze bedeckte den schlanken Körper. Das Kinn war ihr auf die Brust gesunken, lange, kastanienbraune Haare verdeckten das Gesicht. Wären die Hände der kraftlosen Person nicht hinter dem Rücken – genauer gesagt, hinter der Stuhllehne – zusammengebunden gewesen, sie wäre wohl einfach von der Sitzfläche gerutscht.

»Aber …« Thorpe konnte immer noch nicht fassen, was er da sah, »… das ist ja eine Frau!«

Mochte ihn der Bürgerkrieg auch abgestumpft haben, so gab es doch eine Grenze, die er nie überschritten hatte. Männer, junge wie alte, tapfere wie feige, hatten zu Dutzenden vor ihm gekniet und vergeblich um ihr armseliges Leben gefleht, doch niemals hatte er sich an Frauen oder Kindern vergriffen!

Statt seine Bedenken mit Worten zu zerstreuen, reagierten die Vermummten auf höchst unangenehme Weise. Ein dreifaches mechanisches Klicken in Thorpes Rücken stellte klar, dass sie ihre Revolverhähne spannten. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass ihre Waffen längst auf ihn gerichtet waren und bei der kleinsten falschen Bewegung losgehen würden.

»Beweise uns deine Treue«, verlangte der Wortführer des Trios, »oder stirb an der Seite der Verurteilten.«

Thorpe spürte, wie sich seine Kopfhaut vor Entsetzen zusammenzog. Ohne auch nur eine Sekunde länger zu zögern, ging er weiter. Weg von der offenen Tür!, hämmerte es durch seinen Kopf. Nur raus aus der Schusslinie!

Zum Glück war kein Stühlerücken zu hören. Die drei Vermummten blieben also auf ihren Plätzen sitzen, während er die Distanz zu der Todeskandidatin auf drei Schritte verkürzte. Noch näher heran zu gehen, wäre ein Fehler gewesen. Er hatte schon genügend Menschen auf kurze Distanz erschossen, um zu wissen, mit was für einer Sauerei das verbunden war.

Wollte er sich nicht mit dem umherspritzenden Blut des Opfers besudeln, musste er genügend Abstand halten.

Sein Mund war plötzlich wie ausgedörrt. Trotzdem legte er seinen Finger um den Abzugsbügel und richtete den Colt auf die vor ihm sitzende Frau.

»Richard?«, klang es da unter den Kaskaden gewellten Haares hervor. »Bist du das?«

Thorpe spürte, wie ihm bei diesen Worten die Kehle eng wurde. Es war nicht der feste Knoten seines Halstuchs, der ihn da strangulierte, sondern die aufkeimende Befürchtung, dass er die vor ihm kauernde Frau tatsächlich kannte. Als sie den Kopf anhob und ihn durch die verschwitzten Locken ihres Haares hindurch ansah, wurde seine dumpfe Ahnung endgültig zur Gewissheit.

»Pearl?«, keuchte er. »Pearl Endicutt?«

Sie nickte nur wortlos, doch das genügte, um seine Pläne von einer Sekunde auf die nächste völlig auf den Kopf zu stellen. Bildfetzen von heißen, durchschwitzten Nächten flackerten vor seinem inneren Auge auf. Die süße Pearl, die ihn selbst für diese Organisation angeworben hatte – er konnte sie doch unmöglich töten.

»Zögere nicht länger!«, tönte es drängend von nebenan herüber.

Seine Auftraggeber wurden ungeduldig.

Thorpes Blick irrte durch den fast leeren Raum. Außer der Petroleumlampe, die einige Schritte entfernt an einem Haken von der Decke herab baumelte, gab es nur noch eine mit Stroh gefüllte Federkernmatratze, die hochkant an einem geschlossenen Fenster lehnte.

Was da zur Schalldämpfung aufgebaut war, konnte ihm ebenso gut als Kugelfang dienen! Und überhaupt – mit diesen drei Schießbudenfiguren, die sich noch keinen Fingerbreit von ihren Plätzen gerührt hatten, würde er schon fertig werden! Mit dem Überraschungsmoment auf seiner Seite wollte Thorpe sie von ihren Stühlen fegen. Danach plante er, die Zwischentür zu verrammeln, die Matratze davor zu stellen und mit Pearl durch das Fenster auf die Straße zu fliehen.

Von neuer Entschlossenheit erfüllt, zog er den Revolverhahn zurück.

»Keine Sorge!«, rief er dabei, um seine Gegner in Sicherheit zu wiegen. »Gleich fließt Blut!«

Statt den Abzug durchzuziehen, legte er den freien Zeigefinger an seine Lippen um Pearl zu bedeuten, dass sie keinen Mucks von sich geben sollte. Aber kaum hatte er ihr den Rücken zugekehrt, begann ihr Nachthemd zu rascheln.

»Das war ein Fehler!«, sagte sie dabei laut.

Sehr laut.

Verärgert fuhr Thorpe herum, erstarrte aber mitten in der Drehung, als er die kalte Mündung eines auf ihn gerichteten Navy-Colts bemerkte. Pearls zarte Hände! Sie waren gar nicht gefesselt gewesen! Die junge Frau hatte sie nur hinter ihrem Stuhl verborgen, damit er nicht die Waffe sah, die sie schon die ganze Zeit in Händen hielt.

Instinktiv hob er den Army-Colt an.

»Was soll das?«, krächzte er dabei, doch Pearl sah keinen Grund, ihm darauf zu antworten.

»Schade«, sagte sie nur, ohne jedes Bedauern in der Stimme. »Ich hatte wirklich gehofft, dass du skrupellos genug für diese Prüfung bist.«

Thorpe verstand nicht, was das zu bedeuten hatte, er erkannte nur an dem Glitzern in ihren kalten Augen, dass sie ihn tatsächlich zu töten gedachte.

Derart in die Ecke gedrängte, verflogen all seine Bedenken. In Notwehr schoss er auch eine Frau über den Haufen, selbst wenn sie bloß ein durchsichtiges Nichts am Körper trug.

Im Bruchteil einer Sekunde riss er den Army-Colt herum und krümmte den Abzugsfinger. Der Hammer knallte auf die unter ihm liegende Patronenkammer. Doch statt eines erlösenden Schusses hallte nur ein hämisches Klicken von den Wänden wider.

Pearls Mundwinkel zuckten triumphierend in die Höhe, als er noch ein zweites Mal abdrückte. Vergeblich. Sein Colt – er war überhaupt nicht geladen!

Da dämmerte Thorpe endlich, warum nur eine einzige Funzel den Raum erhellte. Bei Tageslicht hätte ein prüfender Blick auf die über den Rahmen hinaus ragende Trommel genügt, um die leeren Patronenkammern zu bemerken. Nur die tiefen Schatten des Raums hatten sichergestellt, dass er den Bluff des Komitees nicht vorzeitig durchschaute.

Ich dämlicher Idiot!, haderte Thorpe mit sich selbst.

Er hätte nur auf Pearl anlegen und abzudrücken brauchen, und alles wäre in bester Ordnung gewesen. Sie wäre immer noch am Leben und er hätte trotzdem seine bedingungslose Treue für die Sache des Südens unter Beweis gestellt. Aber diese Erkenntnis kam für Richard Thorpe zu spät. Die wohl proportionierte Frau in dem knappen Nachthemd zog bereits den Stecher durch.

Ein greller Mündungsblitz füllte schlagartig Thorpes Blickfeld aus. Und schon den Bruchteil einer Sekunde später hämmerte etwas mit solcher Wucht gegen seine Stirn, dass ihn übergangslos Dunkelheit umgab …

***

Eingehüllt von dichten Dampfschwaden lief der Zug in den äußerst belebten Bahnhof ein. Wicefull Springs war eine der vielen schnell anwachsenden Rinderstädte, die die Schlachthöfe von Chicago mit Fleisch versorgten, und dabei versuchten, Abilene den Rang abzulaufen.

Seit Lassiters letztem Besuch war hier eine weitere Rampe mit Verladestation gebaut worden. Auf mittlerweile drei Nebengleisen wurden die aus den weiten Ebenen der Plains herangetriebenen Rinder auf den Viehwaggons eingepfercht und Richtung Osten abtransportiert. Trotz des lauten Schnaufens und Pfeifens der Lokomotive war das Blöken der verängstigten Tiere deutlich zu hören. Der Wind stand ungünstig für die sich auf dem hölzernen Bahnsteig drängenden Passagiere, die auf ihre Abreise warteten. Durchdringender Tier- und Kotgeruch vermischte sich mit den beißenden Rauchschwaden der einlaufenden Lokomotive.

Nicht wenige der feinen Ladys hielten sich parfümierte Taschentücher vor die Nasen, um dem Gestank zu entgehen, doch sobald die Bremsen zu kreischen begannen, hielten sich die meisten von ihnen beide Ohren zu und atmeten dafür flach durch den Mund ein und aus. Einige hielten in dieser Zeit sogar den Atem an. Hoffentlich wurde deshalb keine von ihnen ohnmächtig. So eng geschnürt, wie die meisten dieser Frauen ihre Mieder trugen, wäre das nicht weiter verwunderlich gewesen.

Sich über dieses affektierte Gehabe amüsierend, nahm Lassiter seine Satteltaschen von der Ablage und warf sie sich über die linke Schulter. Das abgewetzte Leder bot einen seltsamen Kontrast zu seinem taubenblauen Anzug mit dem dazu passenden flachen Hut und der dezent gemusterten Weste, auf der sich demonstrativ eine goldene Uhrkette schlängelte.

Angesichts des Auftrags, der ihn nach Wicefull Springs führte, hatte sich der große Mann für eine etwas vornehmere Kleidung entschieden, die ihm das Aussehen eines Berufsspielers oder wohlhabenden Dandys verlieh. Falls er in die Prärie hinaus musste, konnte er sich immer noch mit neuen Sachen eindecken. Die bunt gemusterten Reisetaschen jedoch, die es derzeit überall zu kaufen gab, waren ihm von ganzem Herzen zuwider. Deshalb hatte er seine wenigen persönlichen Habseligkeiten in den alten Satteltaschen verstaut.

Noch ehe der Zug völlig zum Stillstand kam, trat Lassiter auf den Bahnsteig hinaus. Angesichts seiner Größe fiel es ihm leicht, sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. Bei dem Kampf um die besten Sitzplätze wurden selbst alte Jungfern schnell zu Furien, doch sobald er die ersten Meter hinter sich gebracht hatte, begannen sich die Reihen zu lichten.

Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er einige Frauen, die ihm bewundernde Blicke zuwarfen. Manche von ihnen schienen plötzlich zu bedauern, dass sie eine Reise ...

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