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Lassen sie mich durch, ich bin Mutter

Inhalt

Eine Rückkehr oder
Wie lebt’s sich heute unter Eltern?

Flüstern und Schreien oder
Der Lärm in der Großstadt

Babyccino im Café Kiezkind oder
Der Milchschaumtraum vom Helmholtzplatz

Genetztes Brot und Biopesto oder
Markttag mit Zeigepflicht

Abenteuer Baugruppe oder
Die mitgebrachte Kleinstadt

Im Geburtshaus oder
Blut, Schweiß und Freudentränen

In Rufbereitschaft oder
Die angesagte Hebamme

Nachtschwarze Kinderwagen oder
Depressive Armada im Hochpreissegment

Es gibt keine Kevins mehr oder
Die Kinderärztin

Sexymama oder
Schwanger sein, geil aussehen

Mein Platz, dein Platz oder
Mehr Raum für Schwabenkinder

Die Tirade der Tanja D. oder
Ungekämmte Rinder

Heimaturlaub oder
Stadt versus Land

Streifen und Streublümchen oder
Nicht jeder nur ein Kind

Im Biomarkt oder
Augen auf beim Waffelkauf!

Elterndiskriminierung! oder
Wir Menschen ohne Kinder

Edel wie Phorms oder
Die glückliche Heather

Die Privatschulmutter oder
Simon weiß nicht, dass das Geld kostet

Stille Tage im Kiez oder
Wo ist zu Hause, Mama?

Wir wohnen hier oder
Ostler im Widerstand

Kirsten hat die Mamicard oder
Weg mit dem Plunder

Die kleine Lady oder
Sokrates für Achtjährige

Das Vorführbaby oder
Jeder sollte eins kaufen können

Olga und Anton oder
Wenn das Kind besonders ist

Amulettgedöns oder
Die Eso-Pause der weiblichen Intelligenz

Windelfrei oder
So wird Mama unentbehrlich

Und sie hat Ja gesagt oder
Ehrlichmachen im Standesamt

Transporträder im Familiengewühl oder
Ich hab nichts gemacht, Pablo!

Eigentum verpflichtet oder
Dann doch lieber in Marzahn wohnen

Wer bist du? oder
Die Westlerin in meinem Kiez

Kita-Casting oder
Irgendwie klappt’s dann doch

Bruno mag nicht oder
Jetzt mal nicht so wild hier!

Edel-Eltern auf Reisen oder
Du musst machen, dass das burnt

Casual Friday oder
Komm, lass uns Spaß haben

Tinas und Lydias Klub oder
Am falschen Ende der Schönhauser

Vergesst es! oder
Schreifolter im öffentlichen Raum

Im Väterzentrum oder
Pure Entspannung ohne Lätzchengewedel

Nur für Mitglieder oder
Der sagenhafte Herr Müller

Späte Väter oder
Der dritte Frühling im Prenzlauer Berg

Weg in den Wedding oder
Wenn Kinder unsexy machen

Die Grundschullehrerin oder
Ich bin Vollossi

Diese Wissmanns oder
Schönstes Westfalen jenseits Westfalens

Ausreise oder
Würdelose rote Sneaker im Gepäck

Danksagung

Eine Rückkehr oder

Wie lebt’s sich heute unter Eltern?

Kinderwagen_sw.tif

In Ostberlin, Stadtteil Prenzlauer Berg, wird jedes Wochenende ein soziales Ritual vollzogen. Männer und Frauen Ende dreißig entern samstags den Kollwitzmarkt. Die Männer tragen Babys vor dem Bauch, oder sie fahren sie in teuren Kinderwagen zwischen den Marktständen umher. Das schon leicht schüttere Haupthaar haben die späten Jungs kunstvoll drapiert. Ihre mitgebrachten Frauen und Freundinnen, gestiefelt und in kurzen bunten Kleidchen, trinken Kaffee und schauen den Kindern zu, wie sie mit ihren Laufrädern den Marktbesuchern über die Füße fahren oder mal probehalber an den Auslagen des Blumenhändlers rütteln. Beschwert sich jemand, setzt’s böse Blicke.

Ob im Münchner Glockenbachviertel oder in Dresden-Neustadt, im Hamburger Schanzenviertel oder in Köln-Ehrenfeld, ob in den Unistädten mit angesagten Altstadtvierteln oder, oh ja, im Prenzlauer Berg – in den Großstädten dieses Landes hat sich eine neue soziale Schicht gebildet. Nennen wir sie die Macchiato- oder Edel-Eltern. Das sind die postbürgerlichen Eroberer deutscher Innenstädte, die urban und extravagant leben, aber nicht auf das verzichten mögen, was sie kennen: kleinstädtische Identität plus den Distinktionsgewinn einer Metropole. Geborgenheit für ihre Kinder wie in der Klippschule bei gleichzeitig maximalen Bildungsangeboten. Eine Elite, die über gute Bildung und ausreichend Geld verfügt und deren Nachwuchs in einem bildungsbürgerlichen Kokon aufwächst. Nirgendwo lässt sich die hemmungslose Selbstgentrifizierung dieser Generation so genau beobachten wie auf den angesagtesten elf Quadratkilometern Deutschlands: im Prenzlauer Berg.

Deutlich sichtbar tritt gerade hier jenes neue gewaltige Missverständnis zutage, dem die urbane Elterngeneration der Edel-Eltern erlegen ist. Das Missverständnis lautet: Das Kind ist unser Lebensinhalt. Es ist uns alles in einem: Glück, Sinn, Statussymbol, Jungbrunnen.

Natürlich ist ein Kind etwas Wunderbares. Von niemandem wird ein Erwachsener so vorbehaltlos geliebt, kein anderer Mensch sieht so über offenbare Schwächen hinweg und schenkt für die bloße Existenz als Mutter oder Vater dermaßen viel Bewunderung. Das ist großartig. Problematisch aber wird es, wenn das Kind herhalten muss für etwas anderes Sinnstiftendes – einen interessanten Job etwa oder die Frage, ob die eigene Beziehung noch trägt. Wenn es zur Ausrede dafür wird, sich beruflichen oder sozialen Konflikten nicht stellen zu müssen oder sich nach wilden Jahren des Ausagierens zurückziehen zu dürfen auf die alten bürgerlichen Werte: Familie, Zugehörigkeit, Bildung.

Ein Kind ist ja nicht nur ein gesellschaftlich akzeptierter Grund, eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Es macht in unserer demografisch gebeutelten Gesellschaft zugleich aus seiner Mutter und seinem Vater sozial höher stehende Edelwesen, die sich ihres privilegierten Status verdammt sicher sein können. Denn – machen wir uns nichts vor – der Habitus, mit dem in den Bionade-Vierteln Eltern mit ihren Tausend-Euro-Kinderwagen die Gehwege entlangpflügen, ist mitunter eine Zumutung. Er postuliert eine »Hoppla, hier komm ich«-Haltung und macht deutlich, dass aus dem Weg zu springen hat, wer sich nicht fortpflanzt.

Gemessen in Lebenszeit ist dies jedoch ein kurzer Triumph. Denn was Außenstehende nicht sehen, ist: Hinter den Türen der Altbauwohnungen, in den Wohnküchen und Parkettkinderzimmern wächst eine Generation heran, die ihre Eltern fest im Griff hat. Es sind Jungen und Mädchen, die schon jetzt ihre Familie dominieren, weil Mama und Papa ihnen den Spitzenplatz in ihrer biografischen Prioritätenliste freigeräumt haben. Diese Kinder haben das selbst nicht so entschieden – dennoch, für sie gilt stets: Me first. So erleben sie es Tag für Tag mit ihren Eltern, die sich ihnen als Personal zur Verfügung stellen. Und so wird es in den Straßen und Cafés, den Arztpraxen und Supermärkten dieser bundesdeutschen Stadtviertel zelebriert.

Es gibt sie tatsächlich, Mütter und Väter, die sich den Urlaub sparen, weil sie meinen, ihrer Charlotte unbedingt die bilinguale Privatschule zahlen zu müssen. Freiberufler, die sich keine Unfallversicherung leisten, weil sich der sechsjährige Jonathan die Reitbeteiligung offenbar so sehr wünscht. Vollzeitmütter, die kein eigenes Leben mehr haben, weil sie wie eine amerikanische Soccer Mom das ihrer Kinder organisieren und optimieren. Jederzeit verfügbar. Heraus kommen Hochdruckkinder, die Mandarin und Schlagzeug lernen und deren Mütter nur noch andere Mütter kennen, die alles dafür tun, dass das Leben ihres Kindes gelingen möge. Weil sie wenigstens das zufrieden machen könnte.

Und was ist mit ihrem Leben? Was mit Arbeit, eigenen Freunden, erwachsenen Interessen, der Beziehung? Warum sind Eltern bereit, für ihren Traum von Elternschaft und Nachkommen alle anderen Pläne fahren zu lassen? Es ist das Politische, das hier ins Private schwappt. Eine Gesellschaft, der die Sinnhaftigkeit von Arbeit verloren gegangen ist, die keine planbaren Biografien mehr kennt und als Ersatz für berufliche Entwicklung sich selbst aufgebende, steuerfinanzierte Elternschaft anbietet, ist tief verunsichert.

Seit der Wende sind 80 Prozent der ursprünglichen Bewohner aus dem Prenzlauer Berg weggezogen. Statt ihrer sind vor allem jene gekommen, die der kleinstädtischen Enge ihres überwiegend westdeutschen Elternhauses entfliehen wollten. Sie haben in den Neunzigern noch ein bisschen Party gemacht und irgendwas mit Medien. Unterwegs ist ihnen – und zwar leider meist den Frauen – der Studienabschluss aus dem Blick geraten, erst recht, als die Kinder kamen. Dann haben sie halt das gemacht: Kinder erziehen. Und sie haben Schulen gegründet, Fahrradstraßen erstritten, Wohnungen gekauft, und schließlich sind sie wieder in die Kirche eingetreten.

Meine Freundin Sibylle kriegt die Krise, wenn sie mir davon erzählt. Von den Buggygeschwadern, deren Wagenlenkerinnen strengen Blicks ihre Seitenstraße runtertrecken. Von den Schwaben im Bioladen, die »Des isch Berlin!« zischen, wenn das Laugengebäck mal wieder ausverkauft ist. Von den späten Müttern, die sichtlich erschöpft mit ihren Töchtern über die Blaumeise im Spielplatzgebüsch reden, als sei Kindheit ein einziges Weiterbildungsprogramm. »Das ist nicht mehr mein Viertel«, stöhnt Sibylle, »hier herrscht Familiendiktatur. Lauter Klugscheißer, die gleich die Polizei rufen, wenn’s nachts mal lauter wird. Typen, die irgendwas mit Medien oder Politik machen, Fantasiemieten zahlen können, mit Ende dreißig ihr einziges Jetzt-wird’s-aber-Zeit-Kind kriegen und dafür sorgen, dass hier inzwischen alles verkehrsberuhigt ist. Und am Sonntagmorgen pilgern sie in die Kirche zum Gottesdienst – als das Kind kam, sind sie halt doch wieder eingetreten. Ehrlich, wären die hier nicht alle so megakreativ angezogen, man könnte meinen, wir wären bei dir auf dem Dorf.«

Ich weiß, was Sibylle meint. Und worunter wir beide leiden: unter Machtverlust und unter allgemeinem Groll. Denn das hier war mal unser Viertel. Wir haben hier einst unsere Kinder geboren, haben sie auf dem noch nicht baubiologisch sanierten Kollwitz-Spielplatz buddeln lassen. Haben die Eröffnung des ersten Bioladens und die Einrichtung der ersten Tempo-30-Zone in der Kollwitzstraße erlebt – dass wir heute beim Überqueren derselben von Radlern mit Kinderanhänger beiseitegeklingelt werden würden, hätten wir uns nie träumen lassen.

Es konnte ja schließlich keiner ahnen, dass diese harmlos wirkenden Zugezogenen hier mal alles übernehmen würden. Die lockeren Männer und Frauen, denen wir vor fünfzehn Jahren mit unseren Kinderkarren entnervt in die Hacken gefahren sind, weil sie, den Kopf im Nacken, die Gehwege blockierten. Viel zu spät kapierten wir, dass die da keineswegs nach dem Wetter Ausschau hielten, sondern schon mal von außen die Fenster jener Wohnungen taxierten, die ihre Eltern ihnen zu kaufen beabsichtigten. Ich guckte mir das damals eine Weile an. Und ich spürte: Das ist nicht mehr meine Gegend, nicht mehr meine Auffassung vom Leben im Prenzlauer Berg, ich bin nicht mehr erwünscht. Ich schnappte Mann und Kinder, drehte von außen den Schlüssel unserer Fünf-Zimmer-Flucht um und verschleppte die ganze Bagage an den Stadtrand. Lieber langweilig im Grünen wohnen als langweilig zu gelten in einer Gegend, wo neuerdings kinderlose Medienfuzzis das Sagen hatten.

Sibylle ist geblieben. Sie hat hier ihre Tochter großgezogen, hat erlebt, wie aus den jungen Neubürgern von einst ungemein coole Kreativpaare wurden, die so mit Ende dreißig eilig ihren Luis oder die Selma gebaren. Und sie sah mit Sorge, wie die Familiendiktatur errichtet wurde. Überall brachen plötzlich pralle Schwangerenbäuche durch die Menge, es eröffneten Kinderklamottendesigner preisungünstige Geschäfte. An den Wochenenden war in den Frühstückscafés kein Durchkommen mehr – riesige Pulks von Neueltern hatten Stühle und Tische zu einer Art Festung zusammengeschoben, die Armada der Vintage- und Designer-Kinderwagen stellte den Befestigungsring dar. Es war ein Schreien und Schnattern, ein Greinen und Plappern, Stillen und Heulen. Und wer einfach nur frühstücken wollte, so wie Sibylle und ich, schien in den Augen dieser Ein-Kind-Eltern einer komplett vorgestrigen Generation von gebärstreikenden Müttern anzugehören und wurde entsprechend ignoriert.

Ich sitze in Sibylles sonnendurchfluteter Küche und lausche den Nöten meiner Freundin. Statt 450 Euro soll sie bald unverschämte 500 Euro zahlen – »25 Prozent Mieterhöhung? Da haben die beim Mieterverein nur höhnisch gelacht.« Und letzte Woche war zwei Stunden lang das Wasser abgestellt, »das ist doch eine Provokation, ein Vorgeschmack auf das, was uns als Mieter hier erwartet«, schimpft sie. Sie nimmt einen Schluck aus ihrem Wodkaglas und schaut zu mir hinüber ans andere Tischende. »Aber was red ich«, sagt sie und zeichnet mit dem Glasboden kleine Kondenswasserkreise, »du hast ja keine Ahnung, was hier inzwischen läuft. Haste vielleicht ganz richtig gemacht, hier wegzuziehen.«

Zehn Jahre lebe ich nun schon am Stadtrand, die Kinder sind drüber groß geworden, und ich bin inzwischen eine Postmom. Heute jammern die Töchter mir die Ohren voll, in was für eine grüne Einöde ich sie – die gebürtigen Hauptstädterinnen – verschleppt habe. Ich höre ihre Worte und erzähle was von guter Luft und kurzen Wegen. Ich mache das, damit wir uns alle besser fühlen. Denn natürlich fehlt auch mir die Stadt, meine Stadt. Aber ist sie das denn überhaupt noch? Meine Stadt? Mein Prenzlauer Berg?

Jetzt dominiert dort ein risikofreies urbanes Leben in ganz und gar geordneten Verhältnissen. Alle paar Meter ein noch abgefahreneres Geschäft. Cafés, in denen die Friedrichs und Alruns auf winzigen Stühlchen vor lactosefreiem Kakao sitzen. Spielplätze, auf denen Kinder buddeln, die gekleidet sind wie kleine Lords und Ladies auf Studienreise. Häuserlücken, in denen baubiologisch einwandfreie Townhouses und Lofts zum Verkauf stehen. Eine unvorstellbare Volvo-, Saab- und Therapeutendichte, Geburtshäuser, Kitas, Privatschulen, so viel man will … Sibylle hat wohl recht – ich habe keine Ahnung, was dort wirklich läuft.

In vielen verschiedenen Städten tauchen diese Zonen der Macchiatomütter und Edel-Eltern auf, ich erkenne den Entwurf, die ganze Haltung, wenn ich auf Reisen bin. Der Prenzlauer Berg wird nur deshalb als Klischee gehandelt, weil er einfach zuerst da war, so perfekt in dieser neuen Us-first-Haltung. Dieses Milieu will ich mir mal genauer anschauen. Was spielt sich ab in den Parkettwohnungen? Wie wird heute geheiratet, geboren, gelebt in meinem ehemaligen Viertel? Wer hat das Sagen in den Privatschulen? Wer kann sich all die dicken Autos, die Biomarktpreise, Designerkinderschuhe und die Townhouses eigentlich leisten? Und ist auf dem Spielplatz zu hocken nicht immer noch genauso langweilig für die Eltern wie einst?

Ich schalte eine Kleinanzeige. »ACKERN, AUSGEHEN, SCHLAFEN. Journalistin aus dem Berliner Umland sucht für April, Mai und Juni ein Zimmer im Prenzlauer Berg. Gibt es das?«

Das gibt es. Nur wenige Tage später schaue ich mir einen Raum an: hell und freundlich, preiswert und mit eigenem kleinen Bad, vermietet wird er von einer schwäbischen Familie mit spätem Einzelkind. Wir mögen uns von Anfang an, ich muss versprechen, nichts aus dem Zusammenleben mit meinen Mitbewohnern aufzuschreiben – das ist ihre einzige Bedingung. Zwei Wochen später, zehn Jahre nach meiner grimmigen Ausreise, reise ich wieder ein in den Prenzlauer Berg. An einem Aprilsonntag ziehe ich ins Wegwarte-Zimmer. Ich stelle meine Leselampe ans Futonbett, rücke den Schreibtisch an die Wand, räume Kleider und Schuhe in den Schrank. Und dann beginnen sie – meine drei Monate Feldforschung im Macchiatobezirk.

Flüstern und Schreien oder

Der Lärm in der Großstadt

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Ich hab’s nicht so mit Lärm. Um genau zu sein: Ich hasse ihn. Kein Wunder, in den letzten Jahren im Speckgürtel habe ich erfahren dürfen, was die schöne Formulierung »himmlische Ruhe« meint. Nämlich ungestörten Nachtschlaf, aus dem man in der Morgendämmerung von Vogelgezwitscher ganz langsam herausgebeamt wird, nur kurz durchbrochen vom Motorengeräusch des Zeitungsautos und dem metallischen Klappern des Briefkastens. Danach Abfahrt, Stille, Weiterzwitschern und -schlafen. So sieht Ruhe aus und so hört sie sich an!

Bis wir in das Haus am Ende der Sackgasse gezogen waren, wusste ich nicht einmal, dass es das tatsächlich geben kann: ein Leben ohne Lärm. Wie labil ich diesbezüglich nervlich bin, erfahre ich gerade schmerzhaft aufs Neue. Mein Zimmer in der Prenzlauer Berger Wegwarte ist ein sonniger Ort in einer Rechts-vor-links-Straße. Es gibt Doppelfenster und dicke Türen, die mich vor den Alltagsgeräuschen meiner Mitbewohner schützen. Aber. Es gibt auch eine dünne Wand in meinem Zimmer, hinter der offenbar ein kleines Mädchen wohnt und dessen vornehmste Freizeitbeschäftigung es ist, mit Holzklötzen, Blechautos, allerlei anderem Gerät sowie seinen eigenen kleinen Füßen den guten Dielenboden zu malträtieren.

So jedenfalls stelle ich mir das vor auf meiner Seite der Wand. Und so hört es sich an, wenn ich, der guten Ruhe bedürfend, an meinem Schreibtisch sitze und versuche, dieses Buch zu schreiben. Hack, klack, bumm, schrei, kruschtelkruschtel. Kurze Stille. Dann wieder: Hack, klack, bumm … Ich reiße mich zusammen.

Was soll denn das, rufe ich mich selbst zur Ordnung, du kannst doch nicht in die Innenstadt ziehen und erwarten, dass hier Ruhe herrscht!

Aber, wispere ich, könnte man dem Kind, das sicher süß und sympathisch ist, nicht wenigstens einen Teppich ins Spielzimmer legen?

Neeein, blöke ich zurück, genau dafür haben doch die Eltern die schönen Dielen- und Parkettwohnungen gemietet und gekauft – damit ihre Kinder sich entfalten können. Bist du etwa kinderfeindlich, hä?

Na das, denke ich, ist ja nun die größte Beleidigung für eine praxiserfahrene Mutter. Ich gehe in mich und erinnere mich, wie wir selbst damals hier gewohnt haben. Die Straße, an der wir unsere Zimmerflucht gemietet hatten, war breit, schmutzig und grauenvoll verlärmt. Am Haus vorbei dröhnte alles, was so eine Großstadt an Emissionsträgern zu bieten hat: eine vierspurige Fahrbahn samt Autos und dazugehörigen Straßenbahnen, obendrüber rammelte die Berliner U-Bahn übers Gründerzeitviadukt. Tagsüber streunten kalbsgroße Hunde umher und schnappten nach den Kindern, abends marodierten amüsierwillige Trinker und Touristenhorden die Allee hinauf und hinab. Sahen wir im Sommer bei geöffneten Fenstern fern, ging das nur unter Inkaufnahme von akustischen Unterbrechungen. Wir versuchten dann, uns im Geschepper der U-Bahn auszumalen, was die Schauspieler gerade einander zu sagen versuchten und wer beim »Tatort« der Mörder war.

Aber auch im Haus war es alles andere als leise. Unsere Wohnung verfügte über einen fünfzehn Meter langen Flur, durch den die Kinder mit altersentsprechendem Spielzeug jagten. Als sie klein waren, handelte es sich noch um Rasselautos für Krabbelkinder, nachdem sie laufen gelernt hatten, schenkte ihnen die Oma ein Bobbycar, also eines dieser riesigen roten Plastikautos, auf dem man den Flur hinunterfahren und dabei kräftig hupen konnte. Niemals wäre es uns eingefallen, die Fünfzehn-Meter-Rennstrecke mit störendem Teppich oder Läufer auszustatten. Hallo!? Das hier war Prenzlauer Berg, da sollten sich die Kinder mal richtig austoben können. Die Straßen waren damals schließlich noch nicht verkehrsberuhigt und die wenigen Spielplätze voller Hundekacke – die fielen also als Orte zum Ausagieren komplett aus.

Was unsere Mitbewohner im Haus lange klaglos ertragen haben mussten, wurde uns erst klar, als über uns ebenfalls eine Familie mit Kind einzog. Nur einem Kind, wohlgemerkt. Aber das, ein süßer Knabe namens Kaspar, war der geliebte und einzige Enkel einer Großfamilie, die den Jungen mit sämtlichem Lärmequipment beschenkte, das der Einzelhandel zu bieten hatte. Kaspar bekam nicht nur das obligatorische Bobbycar, nein, dazu gehörten auch ein zweiachsiger Anhänger sowie eine chinesische Fahrradklingel. Als Kaspar drei wurde, legte die ganze Familie zusammen und schenkte ihm ein Trampolin. Da sein Zimmer direkt über unserem Schlafzimmer lag und Kaspar insgesamt eher Spätzubettgeher und Frühaufsteher war, wurden wir halbe Nächte hindurch und sehr frühe Morgen lang Ohrenzeugen seiner unstillbaren kindlichen Lebensfreude. Ich will nicht verhehlen, dass auch dieses an sich sehr sympathische Kind ein Glied in unserer langen Argumentationskette darstellte, warum wir die Innenstadt verlassen wollten. Aber das haben wir natürlich niemandem gesagt. Wir waren schließlich nicht kinderfeindlich!

Das waren nämlich ganz andere. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber damals gab es tatsächlich noch Menschen im Prenzlauer Berg, die sich Ruhe vor schreienden, lärmenden Kindern ausbaten. Wenn sich die Kleintochter mal wieder brüllend in der Kaufhalle querlegte und versuchte, auf diese Weise ihrem Wunsch nach »Bummibärchen« Ausdruck zu verleihen, beeindruckte mich das wenig. Ich stand auf dem pädagogischen Standpunkt, das Kind müsse sich jetzt mal ausschreien, irgendwann sei es leer gebrüllt und wir könnten den Wochenendeinkauf fortsetzen. Ein älterer Mann teilte diese Ansicht leider nicht. Er blieb mit seinem Einkaufswagen vor der sich am Boden windenden Kleintochter stehen, besah sich eine halbe Minute das kreischende Bündel und gab mir schließlich den Rat, dem da unten »mal richtig eine zu drömmeln, das kapieren die dann schon«.

Okay, das waren die Neunziger. Eltern wie wir fingen gerade damit an, eine Art Nachwendepädagogik und ein anderes Leben auszuprobieren. Die ersten privaten Kitas waren erst wenige Jahre alt und krankten noch an allem, was derlei mit sich bringt: unzuverlässiger Putzdienst, nicht gezahlte Beiträge, mittags immer nur Vollkornnudeln. Unsere Kinder, von denen es im Osten nach dem Mauerfall nur noch irritierend wenige Exemplare gab, mussten nun nicht mehr zügig durchschlafen, sie wurden gestillt, solange sie das brauchten, und sie konnten so lange ihre Windeln vollmachen, wie sie wollten. Wir hatten Zeit und einen neuen Plan von Erziehung. Und dann das! Ein alter Mann, der sich nicht nur Ruhe ausbat, sondern auch gleich eine Steinzeitidee hatte, wie die herzustellen sei: eine drömmeln, ha!

Heute ist das natürlich anders. Die Verhältnisse haben sich komplett zugunsten der Kinder und ihrer Eltern verschoben. Ihre schiere Masse verursacht selbst bei Leuten wie mir, die sich nicht durch Kinderbegleitung ausweisen können, fast so etwas wie Minderwertigkeitsgefühle. Wer hier im Bezirk unter fünfzig ist und nicht einen Unter-eins-dreißig-Menschen mit sich führt, muss lesbisch, schwul oder gynäkologisch beeinträchtigt sein. In riesigen Pulks trecken die Buggy-Armadas die Straßen entlang, auf den Gehwegen schlingern späte Mütter verkehrswidrig und lebensbedrohlich mit Kindern auf Fahrradstange und Rücksitz herum. Sie machen dabei so viel Lärm, wie sie wollen, und wenn ein Kind gesenkten Blicks in einen Passanten rennt, erntet der vorwurfsvolle Blicke, weil er dem kostbaren Nachwuchs nicht regelgerecht ausgewichen ist. Allein die Vorstellung, ein wütender Rentner würde den Erziehungsberechtigten körperliche Züchtigung empfehlen! Der Mann würde mit Name, Foto und Postanschrift noch am selben Tag auf Facebook gepostet und könnte schon mal den Umzugswagen bestellen.

Dies wissend, bin ich eine duldsame, nette Nachbarin im Wegwarte-Zimmer. Ich höre die kleine unbekannte Nachbarin kraftvoll ihre Bauklötzer und Puppen in den Boden rammen, leide stumm, wenn ihr nebenan etwas nicht gelingt und sie in spitze Schreie ausbricht. Ich kenne inzwischen akustisch auch ihre Eltern, die sagen: »Macht nichts, probier’s halt noch mal mit dem Lego!« Und ich höre auch, wenn sie nachts beruhigend auf sie einreden, weil das Kind, aus schweren Träumen erwachend, ins Bett gemacht hat, wie es greint und ruft. Ich höre Tritte und Schritte, Flüstern und Schreien, Türen und Klötzchen. Und? Es ist okay. Das hier ist Großstadt.

Babyccino im Café Kiezkind oder

Der Milchschaumtraum vom Helmholtzplatz

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Die Geschichte geht so: Mutter und Kind laufen durch den Prenzlauer Berg. Es ist Winter, um die null Grad, der Kollwitzplatz liegt verlassen in der Dämmerung, nur wenige Autos kreuzen die Tempo-30-Zone. Die Mutter hält das Kind bei der Hand, sie werden bald zu Hause ankommen. Da, plötzlich, fängt es an zu schneien. Erst sind es nur ein paar zögerliche Flöckchen, die weiß zur Erde trudeln, aber schnell werden es mehr und mehr. Die Mutter zieht ihre Kapuze hoch, sie will jetzt schnell heim. Doch das Kind bleibt stehen. Es legt den Kopf in den Nacken, schaut den dicken tanzenden Flocken zu und sagt beglückt: »Guck mal, Mama. Es regnet Milchschaum!«

Ja, so geht die Geschichte. Sie ist natürlich ein moderner Mythos, eine ironische Verarschung der viel zitierten und gescholtenen Latte-macchiato-Mütter und ihrer Kinder. Und doch steht sie, wie alle guten Witze, für etwas. Denn es gibt sie wirklich, diese Mütter. (Und übrigens auch Väter.) In ihrem natürlichen Umfeld beobachten kann man sie im angesagtesten Eltern-Kind-Café des ganzen Prenzlauer Bergs. Das heißt Kiezkind und liegt auf dem Helmholtzplatz, einem großen Viereck, das von kundigen Stadtplanern begrünt und bebankt wurde. Hier trifft sich tout Prenzlauer Berg. Alles, was über Kinder verfügt, steuert gern das Karree an, und wer keinen Nachwuchs bei sich führt, muss sich verlaufen haben oder Tourist sein.

Aus dem alten Trafohaus, von dem aus einst die Anwohner mit Strom versorgt wurden, wurde vor Jahren das Café Kiezkind. Schon von Weitem sieht man, wer hier Stammgast ist: Vor dem Eingang stehen die schwarzen Boogaboo- und Peg-Perego-Kinderwagen in Reih und Glied; schnittige Lauflernräder im angesagten Tattoo-Design der Saison wurden vor der Tür von ihren kindlichen Besitzern achtlos in den Staub geworfen. Die Edelstahlspeichen der 150-Euro-Bikes kontrastieren sehr schön mit den handbestickten Ledersätteln.

Drinnen ist die Luft zum Schneiden. Eine olfaktorische Mischung aus vollen Windeln, Biowienern und Chai latte schlägt dem Gast entgegen. Dies hier ist ganz klar der Kantinenduft der Ökoelterngeneration. Rechts neben dem Eingang findet sich ein Buddelkasten, dessen Sand von kleinen Baumeistern bereits großflächig durch den gesamten Raum verteilt wurde und von anderen Ein-Meter-Buddlern gerade mit Schippen weiter über den Rand verklappt wird. Gott sei Dank ist der Sandkasten beheizt, das garantiert auch die gleichmäßige Erwärmung der Windelinhalte und sorgt für noch mehr Aroma auf achtzig Quadratmetern.

Neben dem Buddelkasten stehen die Erziehungsberechtigten, sie tragen Outdoorjacken oder Boutiquenmäntel, ratschen miteinander in allen Sprachen und Idiomen Deutschlands und der Welt und nippen an ihrem Bio-Smoothie, während der kleine Malte der süßen Luise gerade die Plastikschippe über den Schädel zieht. Flatsch!

Ein großes, ein großartiges Gebrüll setzt nun ein. Ein Tosen und Kreischen, nur sehr mühsam zu unterbrechen durch die zuständigen Mütter, die nun doch mal ihre Smoothies beiseitestellen und sich dem Konfliktherd zu ihren Füßen nähern. »Come on, give it to her«, bittet die Malte-Mutter ihren Sohn und versucht ihm die Schippe zu entwinden. Der Sound steigert sich noch um ein paar Dezibel. Selbst wenn Malte die Schippe loslassen würde, würde das Luise nicht von ihrem Schreitremor erlösen. Es ist ein sensationeller Wut- und Erschöpfungsschrei, wie ihn nur Kleinkinder auszustoßen in der Lage sind, die einen langen Kitatag hinter sich haben und im Grunde nur darauf gewartet haben, dass ihnen irgendeine Ungerechtigkeit widerfährt. Maltes und Luises Mütter können im Grunde jetzt nur noch eins tun: sich ihre Kinder unter die Arme klemmen und das Etablissement verlassen. Und genau das tun sie auch.

Zurück bleiben zwei halbleere Smoothie-Fläschchen und der Baby latte von Luise. Das schöne Heißgetränk, eine jener irren Erfindungen des urbanen Familiengastrobereichs, wird nun leider kalt. Baby latte – manchmal heißt er auch Babyccino – ist nicht nur warme geschäumte Milch, die hier für 50 Cent zu haben ist und möglicherweise tatsächlich Kinder glauben macht, Milchschaum könne an kühlen Winterabenden vom Himmel herabschneien. Nein, Baby latte ist mehr. Nämlich der Ausdruck dafür, dass sich hier in dieser Gegend die Bedürfnisse von Eltern und Kindern auf unheimliche Weise sogar kulinarisch annähern.

Weil die Erwachsenen tagein, tagaus Kaffee mit Milchschaum trinken, war es irgendwann unausweichlich, dass auch die kleinen Urbaniten, die bestversorgten Ein-Meter-Trolle, ihr eigenes Trendgetränk bekommen. Zugleich wird durch den Babyccino auf eindrucksvolle Weise zum Ausdruck gebracht, dass die kleine Luise nicht nur das Kind einer Macchiatomutter ist. Nein, sie ist so eine Art beste, zugegeben etwas klein geratene Freundin, mit der man das gute Leben teilen möchte. Selbstredend ist hier im Café Kiezkind für den vollendeten Fake gesorgt: Gegen 30 Cent Aufpreis kann der Baby latte auch mit Caro-Kaffee bestellt werden, damit Luises Glas dem von Mama zum Verwechseln ähnlich sieht – nur eben kleiner und natürlich ohne schädliches Koffein.

Der Tag ist nicht mehr fern, an dem in einem Elternbezirk irgendwo in Deutschland das erste Lokal eröffnet, dessen Spezialitäten Gerichte wie Zwieback-Bananen-Brei, passierte Pastinake und angewärmtes Mangomark sind. Die köstlichen Pampen werden dann auf farbenfrohen Plastiktellern aus Recyclingmaterial serviert, dazu gibt’s Demeter-Karottensaft oder Fenchel-Apfel-Tee oder gleich eine Kanne Stilltee. Alle Gäste müssen auf Triptrap-Stühlen sitzen, und wenn sie aufgegessen und ihren Baby latte ausgetrunken haben, dürfen sie die handgewebten Lätzchen abnehmen, und dann aber ab in die Spielecke, wo sie mit Holzklötzchen aus geöltem Olivenholz ihr gerade anfinanziertes Townhouse nachbauen. Es wird eine gleiche und gerechte Eltern-Kind-Partnerschaft geben, in der alle das Gleiche essen und trinken und so am Ende sogar das Gleiche scheißen.

Im Café Kiezkind ist es heute aber noch nicht ganz so weit. Noch sitzen die Eltern auf den Hockern und Bänken, während ihr Nachwuchs mit kurzen Armen versucht, auf eines der umherstehenden räudigen und halb kaputten Schaukelpferde zu klettern. Noch finden sie sich hier zusammen und blättern in der aktuellen Neon oder in Nido, der Zeitschrift für hedonistische Eltern, reden über die Avocados, die im LPG-Markt diese Woche im Angebot sind, und den süßen Zivi, der gerade in der Kita angefangen hat. Ab und zu verschwindet eine Mutter oder ein Vater im Windelraum, um den Dienst am Hintern zu versehen. Und draußen vor der Tür, direkt hinter dem kleinen Zäunchen – aber so, dass ihre Kinder sie nicht sehen können –, stehen ein paar Väter und rauchen gesundheitsschädlichen Biotabak. Drinnen schäumt die Maschine unentwegt weitere Baby latte auf, Bionade-Flaschen werden entkorkt, Ovomaltine, Mangolassi und Kirschmolke fließen in die Gläser. Hier wird nur Gesundes konsumiert, aus den Kindern soll ja mal was werden, und die Gefahren von außen sind groß.

Eine dieser Gefahren zum Beispiel steht gut sichtbar nur wenige Meter vom Café entfernt. Es sind die örtlichen Alkoholiker, die in der Mitte des Platzes seit Jahrzehnten ihren Treffpunkt haben. Wahrlich kein beruhigender Anblick: Männer mit roten, schiefen Gesichtern, gekleidet in karierte Fleecejacken, in den Händen halten sie Hundeleinen und Bierflaschen. Wenn Hasso nicht macht, was er soll, wird aus zahnlosen Mündern »Platz!« gebrüllt. Dann legt sich der Köter wieder nieder und schaut zu, wie neben seiner Schnauze die Kronkorken übers Pflaster klingeln und Kippen ausgetreten werden.

Solche Männer gab es hier schon immer. Trinker. War schließlich mal ein Arbeiterbezirk, wo in den Eckkneipen schon mittags die Kohlenfahrer saßen und ihr 51-Pfennig-Bier gezischt haben. Aber jetzt stören sie. Jetzt stören sie die neue Ordnung auf dem Helmholtzplatz und ganz besonders die der Anwohner mit den teuren Kinderwagen. Schon gab es Anträge an die Bezirksverordnetenversammlung, das Trinken auf dem Helmholtzplatz zu verbieten. Einige besonders engagierte Eltern baten zusätzlich darum, das Ordnungsamt möge auch die Raucher zur Kasse bitten. Also natürlich nur die bösen Raucher. Wenn die Edel-Eltern hier mal ein mexikanisches Corona köpfen und dazu eine ganz korrekte American Spirit rauchen, ist das natürlich was anderes. Nämlich Genuss und Ankurbeln der Volkswirtschaft. Gott sei Dank haben die Puritaner kein Gehör gefunden. Denn derlei Gedanken sind ja ausbaufähig. Gut möglich, dass am Helmholtzplatz demnächst Leute ohne Kinder Begrüßungsgeld zahlen müssen. Dann wär’s hier echt wieder wie ganz früher.

Genetztes Brot und Biopesto oder

Markttag mit Zeigepflicht

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Als in einer Seitenstraße des Kollwitzplatzes Anfang der Neunzigerjahre der erste Bioladen eröffnete, feierten wir Eingeborenen das wie eine Ufo-Landung. Neugierig stiegen Sibylle und ich hinab in jene Souterrain-Butze. Dort, im Kellerdunkel, wurde das feilgeboten, wofür wir bis dahin immer noch die Sektorengrenze nach Westberlin hatten überwinden müssen: harte Vollkornbrote, winzige, wurmstichige Äpfel, Biomilch, deren Ablaufdatum bereits innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden erreicht sein würde. Freundliche Menschen standen hinter der Registrierkasse, es wurde geduzt und gequatscht, die Babys in den Tragetüchern hießen noch Max und Lisa.

Freudig reichten wir unser Geld über den Ladentisch, stolperten anschließend die Stufen hinaus ans Tageslicht und beeilten uns, nach Hause zu kommen, um dort die biologisch erzeugten Schätze zu verzehren. Ein teures Vergnügen war das, das wir uns, wenn wir konnten, trotzdem leisteten. Denn in der kurzen Zeit nach dem Mauerfall hatten wir erlebt, wie zuerst alle Ostlebensmittel aus den Regalen verschwunden waren, wir daraufhin mit sehr bunt verpackten Waren in den Klub der neuen Konsumenten aufgenommen wurden, um schließlich recht schnell zu begreifen, dass gute Lebensmittel keineswegs immer von Nestlé und Kraft kommen mussten. Sondern dass es da etwas noch Besseres gab: Biolebensmittel. Wir beschlossen, diesem Klub je nach Kassenlage angehören zu wollen, und nahmen dafür auch in Kauf, dass damals das Vollkorn eher auf das Brot als in das Brot hineingebacken war.

Derlei würde sich heute natürlich keiner jener Kunden mehr bieten lassen, die den Kollwitzmarkt aufsuchen. Hier, auf der Cruising-Allee des Glücksbezirks, kennt man seine Rechte. Samstagmorgens geht es los im Karree. Dutzende Händler bieten alles an, was das Herz der Macchiatoeltern begehrt und ihnen das Gefühl vermittelt, wieder daheim in der westdeutschen Provinz zu sein: genetztes Brot – was immer das sein mag –, Ziegenkäse in mannigfachen Sorten, zwanzig verschiedene Pestomischungen, Marmeladen, Blumen, Eier, Falafel, Keramik, Taschen … und ganz hinten in der Ecke gibt’s gar für die alten Prenzlauer Berger einen Grillstand mit Flaschenbier und Gulaschkanone. Sibylle, mit der ich heute Vormittag hier unterwegs bin, braucht Energie. Sie hat eine kurze Nacht hinter sich und kauft sich Biofalafel, »würzig und fettig – alles, was eine verkaterte Frau braucht«, sagt sie. Ich ordere für uns beide frisch gepressten Orangensaft, gut für Nüchterne und Ausnüchternde. Wir stehen im Gewühl und schauen uns um.

Jene, die heute ihre Boogaboos hier durchschieben, den Macchiato im vormontierten Becherhalter, sind sichtlich aus einem anderen Holz geschnitzt als wir damals in unserem Souterrainlädchen. Erstens sind die meisten deutlich älter, zweitens lächeln sie kaum, und drittens haben sie Kinder dabei, die nicht mehr nach der Biomöhre verlangen, sondern schon eher nach Austern aus bretonischer Ökozucht. In dieser Hinsicht hat sich eine Menge verändert. Eine Familie zu bekochen bedeutet mittlerweile weitaus mehr, als Mutterns Nudelauflauf aus der Röhre zu ziehen. Inzwischen wird in den designten Stahl-und-Glas-Küchen gern das Biogemüse mit der Vollkornnudel im Dampfgarer erhitzt, südamerikanisches Qinoa geht eine schmackhafte Allianz mit der französischen Artischocke ein. Essen ist Nähren und Qualität oberstes Gebot. Nicht umsonst gibt es im ganzen Prenzlauer Berg nur einen einzigen Aldi – und der liegt wo? Direkt an der Grenze zum Wedding, also fast unsichtbar am ehemaligen Mauerstreifen.

Der Kollwitzmarkt erfüllt zwar tatsächlich den Zweck der Lebensmittelbeschaffung, zugleich aber ist er auch eine innerstädtisch gelegene Repräsentationsfläche. Ach guck mal da, Katja hat ein Kind bekommen! Wer ist denn der komische Typ da an Nikkis Seite …? Kleinstadt in der Großstadt, Fokus sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen. Und zwischendurch immer wieder ein paar Medien- und Filmpromis, die unbehelligt, aber natürlich gut beobachtet, ihre Tomaten einkaufen.

Dass sich hier noch immer jeden Samstag fünftausend Leute durchdrängeln, dass die Kinderwagenpulks im Gewühl stecken bleiben und die angereisten Schwiegereltern aus Reutlingen oder Kiel ihren Enkeln eine Bionade ausgeben können, grenzt an ein Wunder und verdankt sich vermutlich der Prominenz dieses Platzes. Denn wo sich im Prenzlauer Berg was bewegt, wo es mal rumpelt und ruft, wo angeliefert und entsorgt wird, da sind die Kläger nicht weit.

In Fall Kollwitzmarkt handelt es sich um einige Anwohner des Platzes. Seit Jahren streiten sie sich mit der Bezirksverwaltung darüber, ob sie sich das überhaupt bieten lassen müssen: den Lärm, den die Händler und deren Kunden machen, das Gewühle und Gedränge, die Stimmen und die gute Stimmung – die ganzen Störer eben. Unerträglich auch die schönen wegfallenden Parkplätze direkt vorm Haus und das ewige Milchschaumgezische. Muss man sich denn hier alles gefallen lassen?

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