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Lass nur dein Herz entscheiden!

Helen Brooks

Lass nur dein Herz entscheiden!

1. KAPITEL

„Nur noch acht Wochen bis Weihnachten. Hast du dich schon entschieden, wann du kommen willst? Es wäre schön, wenn du spätestens am Heiligabend anreist und dann bis Neujahr bleibst.“

Der energische Ton ihrer Mutter besagte, dass sie ein Nein nicht akzeptieren würde. Sie meinte es gut, aber die Vorstellung, mehrere Tage zusammen mit ihrer Mutter, anderen Verwandten und alten Freunden zu verbringen, grenzte an einen Albtraum. Alle würden daran denken, was letztes Jahr Weihnachten passiert war. Und angestrengt darauf achten, es ja nicht zu erwähnen, keine persönlichen Fragen zu stellen und sich natürlich zu geben.

Miriam holte tief Atem. „Es tut mir leid, ich werde Weihnachten nicht da sein.“

„Nicht da sein?“ Anne Browns Stimme wurde schärfer. „Was soll das heißen? Du willst doch wohl nicht etwa in diesem grässlichen Einzimmerapartment herumsitzen und Trübsal blasen?“

„Es ist nicht grässlich, und ich werde nicht herumsitzen und Trübsal blasen. Ich fahre zum Skilaufen in die Schweiz.“

„Skilaufen?“

Die Stimme ihrer Mutter klang so schrill, dass Miriam zusammenzuckte und das Telefon kurz von ihrem Ohr weghielt.

„Du kannst nicht Ski laufen.“

„Ich werde es lernen“, erklärte Miriam geduldig.

„Wann hast du dich dazu entschlossen?“

„Clara und ich haben gestern unsere Tickets gekauft.“

„Dass sie dahintersteckt, hätte ich wissen sollen.“ Jetzt hörte sich Anne Brown unverhohlen feindselig an.

„Ich habe Clara am Wochenende erzählt, was ich vorhabe, und sie hat gefragt, ob sie mitkommen könne. Vermutlich, weil sie ebenso wenig wie du möchte, dass ich Weihnachten allein bin“, erwiderte Miriam gereizt. Ihre Mutter hatte Clara nur ein einziges Mal getroffen. Und zwar an dem Tag, als Miriam in das Einzimmerapartment in Kensington gezogen war. Wegen der violett gefärbten Stachelfrisur, des Pandaaugen-Make-ups und der exzentrischen schwarzen Kleidung – ganz zu schweigen von den zahlreichen Piercings – hatte ihre Mutter Clara sofort als schlechten Einfluss abgestempelt.

In Wirklichkeit war Clara unglaublich witzig, nett und großzügig, und Miriam hatte keine Ahnung, wie sie ohne sie durch die vergangenen zehn Monate gekommen wäre.

„Du musst sie natürlich in Schutz nehmen.“ Anne schnaufte verächtlich. „Weiß Jay, dass du über Weihnachten in die Schweiz fährst?“

Verlier nicht die Nerven. Sie liebt dich und ist besorgt. Außerdem willst du doch nicht, dass sie sich unnötig aufregt. „Warum sollte Jay darüber informiert sein, was ich tue oder nicht tue?“, fragte Miriam bemüht ruhig.

„Weil er dein Mann ist, natürlich.“

„Nur dem Namen nach. Und du kannst es ebenso gut jetzt schon erfahren: Ich werde ihn bald um die Scheidung bitten.“ Miriam hatte es nur deshalb nicht längst gemacht, weil sie sich nicht dem Wirbel aussetzen wollte, der sich daraus ergeben würde. Es war einfacher gewesen, so zu tun, als würde Jay nicht existieren. In dieser Zeit hatte sie ihre Wunden geleckt und versucht, ihr seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen. Was ihr inzwischen gelungen war. Mir geht es viel besser, versicherte sie sich. Eigentlich lief sogar alles wieder ganz normal.

„Dann bist du also weiter fest entschlossen, ihm nicht zu glauben?“

Wie oft hatten sie schon darüber gesprochen, seit sie ihr schönes eheliches Heim verlassen hatte und in das Einzimmerapartment gezogen war? Zu oft. „Dieses Gespräch führt zu nichts, und ich komme zu spät zu einer Verabredung. Ich rufe dich am Wochenende an, ja?“

Miriam schaltete ihr Handy aus. Das würde ihrer Mutter natürlich nicht gefallen, die sich als Märtyrerin in dieser Situation sah: gestraft mit der undankbarsten und dickköpfigsten Tochter der Welt. Bestimmt beklagte sie sich bei ihrem armen Stiefvater über sie.

Niemals würde Miriam verstehen, wie ihre Mutter Jay nach dem, was er getan hatte, noch immer für das Nonplusultra halten konnte. Andererseits waren die meisten Frauen Wachs in seinen Händen. Wie sie es gewesen war. Früher einmal.

Mit zusammengepressten Lippen nahm Miriam ihre Schlüssel und ging nach einem schnellen Blick durch das helle und sehr aufgeräumte Zimmer hinaus. Als sie es an einem düsteren Wintertag Anfang des Jahres zum ersten Mal gesehen hatte, hätte man es vielleicht grässlich nennen können, fiel ihr ein, während sie die steile Treppe zu Claras Apartment im Erdgeschoss des dreistöckigen viktorianischen Reihenhauses hinunterlief. Aber viel Arbeit, etwas Wandfarbe, ein neuer Laminatboden und ihre eigenen Möbel hatten den Raum völlig verändert.

Die Miniwohnung ist mein Zufluchtsort, dachte Miriam, als sie vor Claras Tür stehen blieb. Ihr cremefarbenes Sofa wandelte sie abends in ein Bett um, der Bistrotisch stand vor dem großen Fenster, das einen Panoramablick auf Londoner Dächer und den Himmel bot. Eine Aussicht, die niemals aufhörte, Miriam zu begeistern.

In einer Ecke war die kleine Küche untergebracht. Die Einbauschränke an der Wand – jetzt schneeweiß gestrichen – sorgten dafür, dass nichts herumlag. Miriam hatte schnell gelernt, dass ein über eine Stuhllehne gehängter Pullover genügte, um das kleine Zimmer unordentlich aussehen zu lassen.

Sie klopfte an Claras Tür. Gelegentlich kochten sie füreinander, und an diesem Abend war Clara an der Reihe, die sofort aufmachte.

„Wie immer bist du auf die Sekunde pünktlich“, sagte Clara staunend. Pünktlichkeit war nicht ihre Stärke.

Ordentlichkeit auch nicht. Durch die auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücke, Zeitschriften und Schuhe bahnte sich Miriam einen Weg zum Küchenbereich. „Was immer du gekocht hast, es duftet fantastisch.“ Es war eine Eigenart von Clara, dass sie einfach jede Menge Zutaten zusammenschütten konnte und stets etwas sehr Leckeres dabei herauskam.

Clara rümpfte die Stupsnase. „Ich hatte nichts da, deshalb gibt es Zwiebel-Senf-Kartoffelbrei mit Bratwürstchen. Nichts Besonderes. Nimm dir ein Glas Wein.“ Eine geöffnete Flasche stand auf der kleinen Frühstückstheke, die die Küche vom Rest des Zimmers trennte. „Es ist ein guter. Dave hat ihn neulich Abend mitgebracht.“

Seitdem Miriam sie kannte, hatte Clara mehrere Freunde gehabt. Im Schnitt hielt sich keiner länger als einen Monat. Sobald Clara einen Mann dazu gebracht hatte, sich ernsthaft für sie zu interessieren, begann sie sich zu langweilen. Und schon wurde ein weiterer hoffnungsvoller Liebhaber vor die Tür gesetzt. Soweit Miriam feststellen konnte, verliebten sich alle heftig in Clara, und das schien das Ende zu bedeuten.

Nicht dass Clara oberflächlich war, aber wenn die Herausforderung weg war, dann war Clara es auch. Momentan lag Dave bei zwei Wochen, doch in Claras Stimme hatte sich bereits ein gleichgültiger Ton eingeschlichen.

„Du wirst ihn abservieren, stimmt’s?“, fragte Miriam nachsichtig. „Spricht er etwa schon von Heirat?“

„Er will, dass ich seine Mutter kennenlerne.“ Clara kicherte. „Kannst du dir das vorstellen? Sie würde an einem Schock sterben.“

Miriam lächelte kopfschüttelnd. Insgeheim beneidete sie Clara um ihre sorglose Einstellung zum Leben und zur Liebe. Wir sind so unterschiedlich, dachte Miriam, während sie den Wein trank, der sogar hervorragend war. Vielleicht verstanden sie sich gerade deshalb so gut.

Clara lebte so, wie sie es wollte, und scherte sich nicht um gesellschaftliche Konventionen. Miriam dagegen hatte immer danach gestrebt, Ehefrau und Mutter zu sein. Clara war Rechercheurin beim Fernsehen, ein abwechslungsreicher und harter Job, in dem sie spitze war. Miriam war die Sekretärin eines erfolgreichen Rechtsanwalts und mochte die regelmäßige Arbeitszeit und die Routine ohne nervenaufreibende Überraschungen.

Im Gegensatz zu der quirligen Clara war Miriam der stille Typ. Wahrscheinlich ist Jay deshalb schon nach so kurzer Zeit fremdgegangen, sagte sie sich niedergeschlagen. Sie war zu langweilig, zu uninteressant, um einen Mann wie Jay Carter zu halten.

„Du denkst wieder an ihn“, klagte Clara plötzlich. „Das erkenne ich immer gleich. Du bekommst diesen gehetzten Blick. Hat Jay angerufen?“

Miriam schüttelte den Kopf.

„Geschrieben?“

„Nein, seit dem Frühjahr haben wir keinen Kontakt mehr.“

„Also seit du ihm erklärt hast, dass du es hasst, auch nur an ihn zu denken, und wünschtest, du wärst ihm nie begegnet?“

Manchmal hatte Clara ein zu gutes Gedächtnis. Auf dieses Gespräch war Miriam nicht stolz. Sie hatte viel zu viel von sich preisgegeben. „Ja“, murmelte sie und trank einen großen Schluck Wein.

„Und warum machst du dann so ein Gesicht?“

„Meine Mutter hat angerufen, und ich habe ihr das mit Weihnachten gesagt.“

„Ah …“ Clara servierte zwei Teller mit Kartoffelbrei und je drei Bratwürstchen. „Und deine Mutter hat dich gefragt, ob du Jay mitgeteilt hast, dass du das Weihnachtsfest mit der irren Hexe verbringst. Worauf du erwidert hast, das würde Jay nichts angehen.“

In solchen Momenten wie diesen wurde klar, warum Clara trotz ihres unangepassten Äußeren in ihrem Beruf so hoch geschätzt wurde. Unter dem violetten Haar steckte ein messerscharfer Verstand.

„So ungefähr“, gab Miriam zu.

„In Ordnung. Wir trinken diese Flasche aus, öffnen eine zweite und vergessen die Männer.“ Clara sah Miriam in die sanften braunen Augen. „Und dann reden wir über die Schweiz und die Kleider, die wir uns für die Abende mit all den tollen Männern dort kaufen müssen.“

„Ich dachte, wir wollen die Männer vergessen.“

„Nur die aus der Vergangenheit und Gegenwart. Die Zukunft ist eine andere Sache. O nein, mir ist gerade etwas eingefallen! Ich kann nicht in die Schweiz fahren.“

„Warum nicht?“

„Wie soll der Weihnachtsmann meinen Strumpf füllen, wenn ich im Ausland bin?“

„Du bist eine Spinnerin.“ Lächelnd stieß Miriam ihre Freundin mit dem Ellbogen in die Seite. Aber eine sehr nette Spinnerin.

Es war nach zehn, als Miriam zurück nach oben in ihr Apartment ging. In schlechter Stimmung hatte sie es verlassen, mit guter Laune kam sie zurück. Clara baut einen auf, dachte sie, während sie das Zimmer betrat und das Licht einschaltete. Ihr Handy hatte sie nicht mit nach unten genommen, weil sie an diesem Abend sowieso nicht noch einmal mit ihrer Mutter hatte sprechen wollen. Nun meldete sich doch ihr Gewissen, und Miriam nahm den Hörer ab, um ihre Nachrichten zu checken.

Sie hatte zwei neue. Wie zu erwarten war, stammte die erste von ihrer Mutter. Kurz angebunden sagte sie, natürlich müsse Miriam tun, wozu sie Lust habe, aber alle würden schrecklich enttäuscht sein. Und Großtante Abigails Gesundheit sei so angegriffen, dass es vielleicht das letzte Weihnachtsfest der alten Dame sein würde.

In emotionaler Erpressung war ihre Mutter ein Ass. Doch Miriam hatte Großtante Abigail nie gemocht, und umgekehrt galt dasselbe. Allzu viele Tränen würde ihr Fehlen also nicht auslösen.

Miriam hörte die nächste Nachricht ab. „Hallo, Miriam. Ich finde, wir haben einige Dinge zu besprechen. Noch länger werde ich diese Situation nicht hinnehmen. Obwohl du ja nicht auf demselben Planeten wie ich leben möchtest, schlage ich vor, dass wir uns zur Abwechslung einmal wie Erwachsene verhalten und nicht wie bockige Kinder. Falls du nicht zurückrufst, rufe ich wieder an.“

Mit zittrigen Beinen setzte Miriam sich auf ihr Sofa. Jay. Nur mühsam bekam sie ihre aufgewühlten Gefühle in den Griff und zwang sich, die Nachricht noch einmal abzuhören. Und diesmal registrierte sie seinen kalten, geschäftsmäßigen Ton. Jay war einige Male unerwartet aufgetaucht und hatte öfter angerufen, nachdem sie ihn verlassen hatte. Bis zu dem Tag im Frühjahr, als Miriam ihn tödlich beleidigt hatte. So eiskalt wie bei diesem Anruf hatte Jays Stimme allerdings noch nie geklungen.

Anscheinend muss ich die Scheidung doch nicht selbst einleiten, dachte Miriam schwach. Es sah ganz danach aus, als wollte er die Sache selbst ins Rollen bringen. Natürlich konnte sie sich irren. Bittere Erfahrungen waren der Beweis, dass sie keine Ahnung hatte, was in Jay Carter vorging.

Miriam stand auf, ging zur Küchenzeile und machte sich eine Tasse heiße Schokolade. Die brauchte sie, um ihre Nerven zu beruhigen. Erst dann wählte sie Jays Nummer.

„Hallo?“

„Hallo, Jay. Du wolltest mit mir sprechen?“

„Miriam?“

Er wusste doch ganz genau, dass sie am Apparat war. „Ja. Ich war aus“, erwiderte sie, jetzt kurz angebunden.

„Hattest du dein Telefon nicht mitgenommen, oder warst du zu … beschäftigt, um dich zu melden, als es geklingelt hat?“

So oder so, es ging ihn nichts an. „Du wolltest mit mir sprechen?“

„Wir müssen miteinander sprechen.“

Zwar sagte er es mit seidenweicher Stimme, aber auf eine provozierende Art und Weise. „Dann los“, forderte Miriam ihn kühl auf.

„O nein. Diesmal führen wir das Gespräch auf meine Art. Höflich, bei einem Drink und einem Essen. Wie es erwachsene Menschen tun.“

„Ach? Fällt das in denselben Bereich wie Ehebruch als anerkannter Zeitvertreib für ‚erwachsene‘ Männer und Frauen?“, fragte Miriam wütend.

Nach einer spannungsgeladenen Pause antwortete Jay: „Ich werde das ignorieren. Hast du morgen Abend Zeit?“

Ja, doch nicht um alles in der Welt hätte Miriam das zugegeben. „Leider nicht.“

„Okay, wir könnten jetzt stundenlang so weitermachen. Wann hast du Zeit, mit mir zu Abend zu essen?“

Natürlich war es lächerlich, weil er nur von Abendessen sprach, trotzdem brachte seine tiefe, wohlklingende Stimme ihr seelisches Gleichgewicht durcheinander. Aber war es wirklich nur das? Denn gleichzeitig breitete sich eine pulsierende Wärme in ihrem Innern aus. Wie war es nur möglich, dass sie Jay noch immer begehrte? Nach dem, was er getan hatte?

„Lass mich mal sehen …“ Miriam wartete, bis sie sicher war, ihre Stimme unter Kontrolle zu haben. Ein atemloses Gestammel kam einfach nicht infrage.

Heute war Dienstag. „Freitag?“, schlug sie so ruhig vor, wie sie es konnte. Dabei zitterte ihr Körper vor unterdrücktem Verlangen.

„Ja, Freitag passt mir gut.“

Gekränkt und verbittert bemerkte sie, dass Jay geradezu beleidigend entspannt klang. Er hatte offenbar keine Schwierigkeiten, seine Abende auszufüllen. Was nicht verwunderlich war. Frauen fanden Jay einfach unwiderstehlich.

„Dann also Freitag.“

„Ich hole dich um acht ab.“

Jetzt, da er seinen Willen durchgesetzt hatte, hörte sich Jay fast uninteressiert an. Das war typisch für ihn. Er war ein Alphamann, eine Führungspersönlichkeit, ein Jäger. Noch immer wusste Miriam nicht, wie sie so dumm hatte sein können, sich überhaupt auf ihn einzulassen.

„Wäre es nicht besser, wenn wir nur noch über unsere Anwälte miteinander verkehren? Ich meine, wir haben doch schon über alles gesprochen?“

„Vielleicht“, antwortete Jay kalt. „Ich hole dich um acht ab.“

Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Miriam hatte keine Kraft mehr, mit Jay zu streiten. „Du … du hast meine Adresse?“

„Ich weiß, wo du wohnst, Miriam.“

„Oh. In Ordnung.“

„Gute Nacht.“ Jay legte auf.

Das war’s. Ende. Er hatte erreicht, was er wollte. Also hielt er es nicht für nötig, das Gespräch zu verlängern. „Ich hasse dich!“, flüsterte Miriam.

Aber hasste sie ihn genug? Genug, um standhaft zu bleiben, wenn sie sich trafen? Genug, um sich nicht unterbuttern zu lassen? Genug, um ihm zu zeigen, dass sie für immer mit ihm fertig war?

Schnell trank Miriam den Rest der heißen Schokolade und stand auf. Sie würde nicht wieder mit diesem endlosen Analysieren anfangen. Damit hatte sie sich nach der Trennung schon genug gequält. Und gebracht hatte es nichts. Nur Tatsachen zählten: Sechs Monate nachdem Jay vor dem Altar versprochen hatte, sie zu lieben, zu achten und ihr die Treue zu halten, hatte er mit einer anderen geschlafen.

Mit zusammengepressten Lippen stellte Miriam die leere Tasse in die winzige Spüle und ging zum Sofa. Vielleicht ist es ganz gut, dass Jay heute Abend angerufen hat, sagte sie sich. Rasch wandelte sie das Sofa in ein Bett um und zog sich aus. Im Nachthemd lief sie zum Badezimmer am Ende des Treppenabsatzes, das sie sich mit der anderen Bewohnerin des Stockwerks teilte. Caroline, eine junge Studentin, war selten zu Hause, seit sie einen Freund mit eigener Wohnung hatte.

Als Miriam nach dem Duschen und Zähneputzen in ihr Apartment zurückkehrte, grübelte sie noch immer über Jays Anruf. Ja, alles in allem war es nicht unbedingt schlecht, dass sich Jay bei ihr gemeldet hatte. Er hatte recht. So konnte es nicht weitergehen. Ihre Ehe war vorbei, und je eher es rechtsgültig wurde, desto besser.

Er war niemals der richtige Mann für sie gewesen. Von Anfang an hatte Miriam gewusst, dass sie an seine Klasse nicht herankam. Jay passte viel besser zu einer Frau wie Belinda Poppins. Groß und elegant, mit einer perfekten Figur, war Belinda die Sorte von Privatsekretärin, die der schlimmste Albtraum jeder Ehefrau war.

Kritisch musterte sich Miriam einen Moment lang im Spiegel, der über der kleinen Anrichte hing. Sanfte braune Augen, ein ovales Gesicht voller Sommersprossen, schulterlanges kastanienbraunes Haar und Pfirsichhaut ergänzten sich zu einem Bild der Liebenswürdigkeit. Gleichzeitig strahlte sie dabei eine Güte aus, die jedes verwahrloste Kind und streunende Tier im Umkreis von fünfzig Meilen zu ihr lockte.

Die meisten ihrer Freunde hatten sich bei näherem Kennenlernen als ziemliche Nieten erwiesen. Anscheinend zog sie solche Typen an. Und dann war Jay Carter in ihr Leben getreten.

Ruckartig wandte sich Miriam vom Spiegel ab und befahl sich, nicht mehr an Jay zu denken. Vergeblich …

Sie hatte Jay an einem windigen Märznachmittag kennengelernt und war so mit dem Aufspannen ihres Regenschirms beschäftigt gewesen, dass sie geradewegs in ihn hineingerannt war. Die Wucht des Aufpralls auf seinen harten Körper hätte sie umgeworfen, wenn Jay sie nicht aufgefangen hätte. Und auch wenn es kitschig klang: Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Zumindest für mich, dachte Miriam unglücklich. Sie stieg ins Bett und zog sich die Steppdecke bis zum Kinn hoch. Was auch immer Jay für sie empfunden hatte, es war nicht die große Liebe gewesen.

Nur drei Monate später hatten sie geheiratet. Nach einer stürmischen Romanze, während der sich Miriam wie im siebten Himmel gefühlt hatte. Sie hatte nicht fassen können, dass ein Mann wie Jay – ein millionenschwerer, gut aussehender, charismatischer Unternehmer – sie, Miriam Brown, begehrte.

Ihre einmonatigen Flitterwochen verbrachten sie in Italien, in der schönen Villa, die sich Jay vor einigen Jahren gekauft hatte. Nach der Rückkehr lebten Miriam und Jay in seiner Luxuswohnung in Westminster mit Blick auf die Themse.

Und obwohl Jay so reich war, dass sie nie wieder arbeiten müsste, behielt Miriam ihren Job in der Anwaltsfirma. Entsetzen packte sie bei dem Gedanken, den ganzen Tag zu Hause zu sitzen und Däumchen zu drehen oder eine von diesen ‚Damen‘ zu werden, die Gin Tonics tranken, an Salatblättern knabberten und dann am Nachmittag einkaufen gingen.

Sobald ein Baby unterwegs wäre, wollte Miriam kündigen. Bis dahin würde sie einfach weitermachen wie früher. Nur dass sie jetzt Jay hatte, anstatt nach der Arbeit zu dem Haus zu fahren, das sie sich mit drei anderen jungen Frauen geteilt hatte, mit denen sie auf der Universität gewesen war.

Auf das erste gemeinsame Weihnachtsfest freute sich Miriam wie verrückt. Zu Jays großer Belustigung gab sie schon im November ein kleines Vermögen für Weihnachtsdeko aus, und am ersten Wochenende im Dezember verwandelte sie seine stilvolle Junggesellenwohnung in einen gold-roten Traum.

In ihrer Kindheit waren die Weihnachtsfeste notgedrungen bescheiden ausgefallen. Ihr Vater hatte ihre Mutter und sie verlassen, als Miriam sechs Jahre alt war, und sie waren auf seinen Schulden sitzen geblieben. Er war ins Ausland verschwunden, zusammen mit der Frau, mit der er klammheimlich eine Beziehung gehabt hatte. So gut sie konnte, hatte Miriams Mutter die Scherben ihres zerstörten Lebens zusammengekehrt.

Sie hatten nichts mehr von ihm gehört, bis Anne Brown zehn Jahre später die Nachricht bekam, dass ihr Exmann bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Wütend auf sich selbst, weil sie ihren Erinnerungen nachhing, drehte sich Miriam im Bett um. Sie wollte nicht an ihren Vater oder Jay denken. Die beiden sind vom selben Schlag, sagte sie sich verbittert. Männer auf dem Egotrip, die mit einer einzigen Frau nie lange zufrieden waren.

Dass ihre Mutter nicht verbittert gewesen war, hatte Miriam immer erstaunt. Nie hatte Anne schlecht von Miriams Vater geredet, nicht einmal während der Jahre, in denen sie in einer Bruchbude nach der anderen gehaust und sich mit dem durchgeschlagen hatten, was Anne als Zahnarzthelferin verdiente.

Zwar hatten sie nie darüber gesprochen, aber Miriam hatte gewusst, dass ihre Mutter ihn noch liebte. Erst nach seinem Tod hatte sie endlich aufgehört zu hoffen, dass er zu ihr zurückkehrte. Danach hatte sie wieder zu leben begonnen.

Miriam hatte nicht vor, denselben Fehler zu machen. Das alte Sprichwort „Wie die Mutter, so die Tochter“ sollte sich nicht bewahrheiten.

Hätte sie das mit Jay und Belinda herausgefunden, wenn sie am Abend des dreiundzwanzigsten Dezember nach der Weihnachtsfeier in der Anwaltsfirma nicht in sein Büro gegangen wäre? Schon bei der ersten Begegnung hatte Miriam die Frau nicht gemocht. Es war mehr als offensichtlich gewesen, dass Jays Sekretärin ihren Boss anhimmelte.

Nur hatte sie Jay damals vertraut und ihm geglaubt, als er ihr versicherte, sie sei die einzige Frau auf der Welt für ihn und er werde sie immer lieben.

Mit den Gedanken bei der großen Dinnerparty, die sie für Verwandte und enge Freunde an Heiligabend plante, fuhr Miriam nach oben zu Jays Büro im obersten Stock von „Carter Enterprises“. Jay hatte an diesem Nachmittag seine Firmenweihnachtsfeier abgehalten. Inzwischen war es schon früher Abend, und die meisten Angestellten hatten sich bereits in die Ferien verabschiedet. Nur in seinem Büro brannte noch Licht, als Miriam durch den mit dickem Teppich ausgelegten Flur ging.

Geräuschlos betrat sie den Raum. Jay stand mit dem Rücken zu ihr, ohne Jackett und mit aufgekrempelten Ärmeln. Belinda saß auf der Schreibtischkante, ihr enger Rock war bis über die Oberschenkel hochgerutscht, und die aufgeknöpfte Bluse enthüllte einen sehr knappen BH aus Spitze, der ihre ...

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