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Lass mich nicht los

Prolog

Der Wald ist dunkel wie ein Grab. Nicht der kleinste Schimmer Mondlicht dringt durch die Bäume. Der dumpfe, lehmige Geruch nach nassen Blättern und Erde steigt mir in die Nase, und ich atme ihn so tief ein, als hätte ich lange Zeit die Luft angehalten.

Ich laufe los, stolpere über verborgene Wurzeln, ignoriere die Zweige, die mir ins Gesicht und gegen die Arme peitschen, ignoriere die Kälte, die meine Wangen zum Brennen bringt, ignoriere die Feuchtigkeit, mit der sich meine Schuhe, Socken und Jeans vollgesogen haben.

Während ich renne, höre ich seine Stimme hinter mir. Er verfolgt mich, kommt immer näher. Ich renne schneller. Ich muss es bis zum Baumhaus schaffen. Dort bin ich in Sicherheit.

»Em!« Wieder ruft er meinen Namen. Näher diesmal. »Em!«

Es klingt, als wäre er direkt hinter mir.

Ich versuche, noch schneller zu laufen, ihn mit einem verzweifelten Sprint abzuschütteln. Aber das ist unmöglich, denn seine Stimme ist nur in meinem Kopf – und ihr kann ich nicht entkommen.

Nachdem ich mich durch einen mit Farn bewachsenen Graben gekämpft habe, erreiche ich die Lichtung, renne auf das Baumhaus zu und klettere so schnell ich kann die Leiter hinauf.

Eine Hand greift nach meinem Fuß, eine andere nach meinem Oberschenkel.

Ich schreie auf, trete nach hinten, und obwohl ich dabei fast von der Leiter falle, schaffe ich es irgendwie, mich loszureißen und weiterzuklettern.

Kaum habe ich es geschafft, mich auf die Plattform hochzuziehen, beuge ich mich über die Kante und schaue nach unten. Dort ist niemand. Ich bilde mir das bloß ein.

Es ist nicht real.

Es spielt sich alles nur in meinem Kopf ab.

Ich kralle meine Finger in die Holzplanken, auf denen ich liege, klammere mich daran fest, als wäre ich auf dem Deck eines sturm­umtosten Schiffs, und warte, bis mein keuchender Atem sich beruhigt und mein Puls langsamer wird.

»Em?«

Ich schieße hoch und scanne den Waldboden, während mein Herz wie wild gegen die Rippen hämmert. Es ist niemand da. Mit fest zugekniffenen Augen rolle ich mich zu einem Ball zusammen und presse mir die Hände auf die Ohren.

»Sei still, sei endlich still!«, schreie ich die Stimme in meinem Kopf an.

Meine Haut kribbelt, als würden Würmer über meinen Körper kriechen und dabei eklige Schleimspuren hinterlassen. Ein weiteres Knäuel Würmer windet sich in meinem Magen.

Warum?

Warum? Warum ich?, frage ich mich wieder und wieder, aber ich bekomme nie eine Antwort. Ich muss irgendetwas falsch gemacht haben. Das ist die einzige Erklärung.

Erschöpft vom Weinen und vor Kälte zitternd, öffne ich schließlich die Augen. Mein Blick fällt auf eine halb leere Packung Marshmallows. Waren die Walshs hier? Oder Jake?

Ein Rascheln im Unterholz lässt mich erschrocken zusammenfahren. Reflexartig rutsche ich zurück, kauere mich in der hintersten Ecke des Baumhauses zusammen und halte die Luft an.

Sind das meine Eltern, die nach mir suchen?

Ist es Jake?

Oder … ist er es?

Em

6 Jahre später

Wenn ich die Augen schließe und mein Gesicht in die Sonne halte, kann ich so tun, als wäre ich woanders, zum Beispiel auf einer Insel in der Karibik und nicht auf einer vor der Nordwestküste Amerikas. Allerdings ist es mindestens zwanzig Grad zu kalt, um diese Illusion noch länger aufrecht zu erhalten.

Ich stehe da, lausche dem Wasser, wie es ans Ufer plätschert, und versuche, mir mein anderes Leben vorzustellen – meinen Alternativentwurf sozusagen. Das Leben, von dem ich seit Jahren träume. Ein Leben, in dem ich es schaffe, von hier abzuhauen – von dieser Insel, die sich in meine persönliche Version von Alcatraz verwandelt hat, nur mit höheren Mauern und nicht der geringsten Chance, jemals zu entkommen.

Doch als es mir nicht gelingt, mich von hier wegzuträumen, gebe ich auf und öffne die Augen. Wie ein gestrandeter Wal liegt das rote Kajak immer noch vor mir im Sand. Seufzend greife ich danach. Und in diesem Moment ertönt eine Stimme hinter mir.

»Brauchst du vielleicht Hilfe?«

Erschrocken lasse ich das Kajak los und fahre herum.

Mein Gehirn braucht ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass er es wirklich ist. Dass tatsächlich Jake McCallister vor mir steht und keine Fata Morgana. Mein Herz macht einen kräftigen Satz und prallt dann von meinen Rippen ab, als wäre es unsanft aus dem Winterschlaf gerissen worden. Ich atme so tief ein, dass es sich anfühlt, als würden meine Lungen gleich explodieren. Als würde dort ein Vakuum die ganze Luft aufsaugen, und ich könnte sie nie wieder ausstoßen.

Ich hasse dieses Gefühl. Hasse es, wie mir das Adrenalin ins Blut und die Tränen in die Augen schießen. Hasse es, wie mein Körper völlig widersprüchlich auf seinen Anblick reagiert, als hätte mich jemand in die falsche Steckdose eingestöpselt und all meine Synapsen gegrillt.

Ich unterdrücke den Impuls, mich auf ihn zu stürzen, denn ich weiß nicht, ob ich ihn umarmen oder ihm eine runterhauen will. Instinktiv balle ich die Hände zu Fäusten.

Das Lächeln auf seinem Gesicht verblasst, als er meine versteinerte Miene bemerkt. Zuerst wirkt es lediglich, als wäre er auf der Hut, doch dann schluckt er und presst die Lippen fest zusammen. Das macht er immer, wenn er nervös ist.

Während ich das registriere, fallen mir gleichzeitig ein Dutzend andere winzige, unbedeutende, überwältigende Einzelheiten an diesem neuen alten Jake auf. Ich sehe die verblasste weiße Narbe an seinem Kinn – die ich ihm verpasst habe – und eine neue Narbe, die quer durch seine Augenbraue verläuft. Dann ist da seine Größe – wir waren immer gleich groß, aber in den letzten Jahren ist er in die Höhe geschossen und überragt mich ein ganzes Stück. Nur seine dunkelbraunen Haare haben sich nicht verändert – sie fallen ihm immer noch widerspenstig und ungebändigt ins Gesicht. Er sieht mich mit demselben verunsicherten Gesichtsausdruck an wie beim allerletzten Mal, als wir uns getroffen haben.

Ich wende den Blick ab und starre in den Sand. Ich zittere am ganzen Körper und kann einfach nicht damit aufhören.

»Em?«, sagt er leise.

Mein Kopf fliegt hoch, bevor ich etwas dagegen tun kann. So nennt mich niemand mehr. Seine Stimme klingt tiefer, weicher als früher. Aber der Tonfall, mit dem er meinen Namen ausspricht, ist immer noch derselbe … und augenblicklich löst sich etwas in meinem Inneren. Denn Jake hat meinen Namen immer ausgesprochen, als würde er nur ihm gehören, ihm ganz allein.

Ich beiße die Zähne zusammen, versuche, meine Gefühle wieder unter Kontrolle zu kriegen, und greife nach Kajak und Paddel. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich nur meinen Bikini und den Neoprenanzug trage, den ich bis zur Taille ausgezogen habe. Die Ärmel schlenkern locker um meine Beine, und mein Bikinioberteil ist voller Sand und Schweiß. Meine Haare kleben am Kopf und schmiegen sich in feuchten Strähnen an meinen Hals. Toll. Echt toll. Wie oft habe ich mir ausgemalt, wie ich aussehen, was ich sagen, was ich tun würde, sollte ich Jake McCallister jemals wieder begegnen, und jetzt spielt das Universum mir diesen üblen Streich.

Ohne Jake weiter zu beachten, ziehe ich das Kajak den Strand hinauf, wobei mir das Blut so laut in den Ohren rauscht, dass ich sein erneutes Hilfsangebot fast überhört hätte.

Als ich mich an ihm vorbeidränge, versetze ich ihm mit der flachen Seite des Paddels einen harten Stoß in den Magen. Er stößt einen unterdrückten Schmerzenslaut aus und taumelt mit auf den Bauch gepressten Händen ein paar Schritte zurück. Ich stapfe den Strand hinauf und versuche, ein Lächeln zu unterdrücken, während ich gleichzeitig seinen Blick in meinem Rücken spüre.

Ich schiebe das Kajak in das Gestell und zerre die Kette durch die Lasche, um es zu sichern. Dabei ist mir überdeutlich bewusst, dass Jake mich beobachtet. Er mustert mich auf dieselbe eindringliche Art und Weise, auf die er früher seine Gegner auf dem Eis beobachtet hat, um herauszufinden, wie sie wohl spielen würden. Na, dann viel Glück, denke ich. Bei mir kannst du deine Spielchen vergessen.

Ich weiß nicht, was Jake nach all diesen Jahren hier in Bainbridge will, aber ich werde bestimmt nicht zulassen, dass er mein Leben ein zweites Mal ruiniert.

Jake

Shit. Das war wohl nichts.

Ich sehe zu, wie Em mit Nachdruck das Vorhängeschloss am Gestell für die Kajaks zudrückt und dann mit der Schulter die Tür zum Laden aufstößt. Sie fällt mit solcher Wucht hinter ihr ins Schloss, dass das Glas im Rahmen klirrt. Ich zucke zusammen und reibe mir den Bauch, wo Em mich mit dem Paddel getroffen hat. Ob sie das mit Absicht gemacht hat? Wohl eher nicht. Sonst hätte sie es mir bestimmt über den Kopf gezogen.

Alles in mir drängt danach, ihr zu folgen, ihr nachzulaufen. Aber ich tue es nicht. Stattdessen gehe ich runter ans Wasser und schaue über die Bucht. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Hierherzukommen. Aus heiterem Himmel aufzutauchen. Was habe ich erwartet? Dass sie sich freuen würde, mich zu sehen? Klar.

Ich stoße ein raues Lachen aus. Wahrscheinlich habe ich es in meinem tiefsten Inneren sogar gehofft, aber ernsthaft damit gerechnet habe ich nicht. Ich habe immer gewusst, dass es nicht so einfach werden würde.

Verdammt. Langsam hebe ich ein Paddel auf, das sie am Strand zurückgelassen hat. Dabei spüre ich wieder ein leichtes Ziehen an der Stelle, an der Em mich vorhin erwischt hat.

Ich habe so viel Zeit damit zugebracht, mir auszumalen, wie sie auf mich reagieren würde, und bin nie auf die Idee gekommen, mich zu fragen, wie ich auf sie reagieren würde.

Jetzt weiß ich es. All die Zeit, die vergangen ist, seit ich Em das letzte Mal gesehen habe, fühlt sich an wie eine tiefe Schlucht, die wir möglicherweise nicht mehr überbrücken können. Und der dahinter in die Höhe ragende Berg aus Lügen, Schmerz und Leid ist womöglich unüberwindbar. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass Emerson Lowe das einzige Mädchen ist, das mir jemals den Atem geraubt hat.

Em

Ich zittere so stark, dass ich es nicht schaffe, meinen Neoprenanzug auszuziehen. Nach einigen vergeblichen Versuchen beuge ich mich über das Waschbecken und hole ein paarmal tief Luft. Warum ist er hier? Was hat er vor?

Als es an der Tür klopft, zucke ich zusammen.

»Alles in Ordnung da drinnen?«, ruft Toby.

»Alles bestens. Mir geht’s gut«, antworte ich, während ich mich aufrichte. Dabei fällt mein Blick in den Spiegel. Das ist gelogen. Mir geht es alles andere als gut. Ich sehe aus, als wäre ich einem Geist begegnet. Was ja auch irgendwie zutrifft.

»Okay«, sagt Toby mit skeptischem Unterton. »Hat es vielleicht irgendwas mit diesem heißen Typen zu tun, mit dem du dich eben am Strand unterhalten hast?«

»Nein«, erwidere ich zu schnell, zu laut.

Ich höre Toby glucksen. »Wollte er eine Tour buchen, um die Seehunde zu beobachten? Ich würde mit Freude für dich einspringen, wenn du zu beschäftigt bist.«

Ich verdrehe die Augen und starte einen neuen Versuch, mich aus meinem Neoprenanzug zu schälen. »Nein!«, rufe ich durch die Tür. »Er hat sich nur verlaufen und brauchte eine Wegbeschreibung.«

Ich werde Toby auf keinen Fall mehr erzählen. Er ist so ziemlich der einzige Mensch auf der ganzen Insel, der nichts über meine Vergangenheit weiß, und das soll auch so bleiben.

»Ich dusche jetzt erst mal«, sage ich, während ich mich aus meinem Neoprenanzug quäle.

Jake

Der Laden sieht fast genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Als ich über die Schwelle trete, fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre ich mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist.

Der Laden hat bereits vor Ems Geburt ihrer Familie gehört. Damals waren mein Onkel und ihre Eltern noch Geschäftspartner, aber jetzt führen sie ihn alleine. Em und ich haben uns hier als Kinder viel herumgetrieben. Ich werfe einen Blick auf den Tresen zu dem Ständer mit den Chupa Chups, der aussieht wie ein Stachelschwein mit Hang zur Glatze. Ems Vater hat immer ein Auge zugedrückt, wenn wir uns bei unseren Besuchen im Laden einen Lolli geklaut haben.

Gegen meinen Willen muss ich lächeln, und als ich mich weiter umsehe, überfällt mich eine heftige Sehnsucht nach der Vergangenheit, gefolgt von einer Welle der Traurigkeit. Es ist, als würde ich hier drinnen den Geist meines zehnjährigen Ichs spüren, das Em, mit einer Handvoll Seetang wedelnd, in den Lagerraum jagt. Es ist, als könnte ich das Echo ihrer spitzen Schreie hören, unser Lachen …

An der gegenüberliegenden Wand lehnen Kajaks, und mir fällt auf, dass der Laden inzwischen auch SUP-Boards, Skateboards und sogar Inlineskates vermietet und verkauft. Als ich zum Ständer mit den Inlinern hinübergehe, muss ich wieder lächeln. Ob sie immer noch Eishockey spielt? Emerson Lowe war die härteste Spielerin im Team der Bainbridge Eagles. Sie hätte es ohne Probleme in eine höhere Liga schaffen können. Das ist nur eine der vielen Fragen, die ich ihr stellen möchte. Zusammen mit Kannst du mir jemals verzeihen?

Selbst der Geruch hier drinnen ist mir sofort vertraut – eine Mischung aus Surfwachs und muffigen, feuchten Neoprenanzügen. Für einen Augenblick schließe ich die Augen und atme tief ein. Noch mehr Erinnerungen schießen mir durch den Kopf, Dinge, an die ich seit Jahren nicht gedacht habe: Ems Mutter, die uns anschreit, nachdem wir mit einem Kajak in die Bucht hinausgepaddelt sind und von der Strömung beinahe aufs offene Meer hinausgezogen worden wären, unser Streit um den letzten Chupa Chup mit Colageschmack, von dem ich meine Narbe am Kinn habe …

»Kann ich dir helfen?«

Ich drehe mich um. Vor mir steht ein Typ in einem T-Shirt mit der Aufschrift LOWE KAJAK & CO. Er ist ungefähr so alt wie ich, vielleicht ein bisschen älter. Höchstens dreiundzwanzig. Groß, blond, athletische Figur. Ich versuche vergeblich, ihn irgendwo einzuordnen. Auf seinem Namensschild steht Toby, aber ich kann mich nicht an irgendwelche Tobys erinnern, die mit uns zur Schule gegangen sind. Vielleicht ist er nicht von hier. Immerhin war ich sechs Jahre weg; wer weiß, wer in der Zeit alles hergezogen ist.

»Möchtest du sie mal anprobieren?«, fragt er.

Verwirrt runzle ich die Stirn und merke jetzt erst, dass ich mit der Hand über ein Paar Inliner streiche. »Nein«, erwidere ich. »Nicht nötig. Ich suche bloß nach Em.« Kaum habe ich es ausgesprochen, bedaure ich es auch schon. Was mache ich hier eigentlich? Ich sollte mich besser verziehen und mir in Ruhe überlegen, wie ich mich Em etwas geschickter nähern kann.

Als Toby erstaunt die Augenbrauen hochzieht, durchzuckt mich ein Gedanke. Was, wenn die beiden zusammen sind? Ich habe mich oft gefragt, ob Emerson einen Freund hat. Vor ein paar Jahren gab es entsprechende Gerüchte, aber die habe ich sofort ausgeblendet, weil ich nicht darüber nachdenken wollte. Danach habe ich aufgehört, die Leute nach Neuigkeiten von ihr zu fragen, weil die Antworten darauf zu schmerzhaft waren.

Der Typ verschränkt die Arme vor der Brust und deutet mit dem Kopf in Richtung Lagerraum. »Sie ist in einer Minute wieder da«, sagt er.

Ich nicke und schaue halbherzig einen Stapel T-Shirts durch, während ich über die Schulter einen verstohlenen Blick zum Lagerraum werfe. Sollte ich nicht doch lieber gehen? Warum war ich überhaupt noch hier?

»Machst du in der Gegend Ferien?«, fragt Toby.

»Ja, so was Ähnliches«, murmle ich. »Genau genommen habe ich früher mal hier gelebt.«

»Dann kennst du Emerson also?«, fragt er.

»Ja«, gebe ich zu und nicke. »Seit ihrer Geburt.«

Er taxiert mich mit zusammengekniffenen Augen, und für einen winzigen Moment meine ich, Verständnis in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Als er den Mund öffnet, um mir eine weitere Frage zu stellen, gehe ich rasch um ihn herum und steuere auf den Lagerraum zu. Ich werde einfach anklopfen, zu ihr reingehen und alles aufklären.

»Warte, ich glaube nicht …«, ruft Toby mir hinterher.

Em

Die Tür fliegt genau in dem Augenblick auf, als ich die Bikini­hose abstreifen und in die Dusche treten will. Ich stoße einen lauten Schrei aus. Reflexartig wickle ich mir ein Handtuch um und kreische: »Raus hier!«

»Shit. Sorry. Entschuldige.« Verlegen dreht Jake sich um. »Ich dachte, das wäre der Lagerraum. Jedenfalls war es früher der Lagerraum«, stottert er. Hinter Jake erkenne ich einen völlig verdatterten Toby.

»Raus hier!«, brülle ich noch einmal und knalle die Tür mit einem festen Tritt zu.

Ich stelle das Wasser ab und lasse mich, den Rücken an die Wand gepresst, neben der Dusche zu Boden sinken. Aus dem Verkaufsraum ist kein Laut zu hören. Wartet Jake etwa darauf, dass ich rauskomme? Da kann er lange warten. Ich verlasse das Bad erst, wenn er verschwunden ist. Und wenn ich bis nächsten Dienstag hier drinbleiben muss!

Ich lege den Kopf in den Nacken und schließe die Augen. Ärgerlicherweise sehe ich ihn sofort vor mir. Nicht den neuen Jake. Sondern den Jake von damals. Den Jake, der früher einmal mein bester Freund war.

Nach einer Weile – Gott weiß, wie lange ich hier schon sitze – klopft es schüchtern an der Tür. Erschrocken reiße ich die Augen auf. Ich hocke immer noch eingewickelt in dem Handtuch auf dem Boden des Badezimmers.

»Emerson?«

Es ist Toby. Erleichtert lasse ich mich zurücksinken. Jedenfalls glaube ich, dass das, was ich fühle, Erleichterung ist. »Ja?«, antworte ich zögernd.

»Du kannst jetzt rauskommen. Er ist weg.«

Ich lasse das einen Moment lang sacken und lache dann bitter auf. Klar ist er weg. Was sonst? Das ist typisch für ihn. Erst sorgt er für die Überraschung deines Lebens, stellt deine ganze Welt auf den Kopf, und dann verschwindet er ohne Erklärung.

Em

Damals

Ich schlüpfe aus der Mädchenumkleide und schleife meine schwere Sporttasche hinter mir her. Sie ist vollgestopft mit meiner Spielkleidung, dem Helm und den verschiedenen Schützern, aber am liebsten hätte ich Reid Walshs großen, fetten Körper und seinen noch größeren, fetteren, hässlicheren Kopf reingestopft. Ich koche immer noch vor Wut wegen dem, was er eben gesagt hat, und wünschte, ich hätte härter zugeschlagen … mit der Kufe meines Schlittschuhs. Das hätte sein Aussehen definitiv verbessert.

»Hey.«

Ich erstarre. Jake. Was macht er denn noch hier? Ich war mir sicher, alle, er eingeschlossen, wären inzwischen weg. Ich hatte mich bewusst in der Mädchenumkleide versteckt und gewartet, bis die Jungs lachend und Witze reißend aus dem Gebäude geströmt waren, wobei sie sich gegenseitig anrempelten und gegen die Spinde schubsten. Nachdem die Tür zum letzten Mal zugefallen war und endlich Stille herrschte, wartete ich eine weitere Minute ab und zählte dabei die Sekunden im Kopf mit, bevor ich so leise wie möglich auf den Gang hinausschlich.

Ich hätte eindeutig länger warten sollen. Notfalls sogar bis nächsten Dienstag.

Als ich mich zu ihm umdrehe, schaut Jake nervös auf seine Füße. Er scharrt mit den Sneakern übers Linoleum und bringt es zum Quietschen, dann blickt er auf, streicht sich die Haare aus den Augen und lächelt mich unsicher an. »Ich dachte, ich warte auf dich«, sagt er.

Er trägt noch immer sein Eishockeytrikot, die Schlittschuhe hat er über die Schulter geworfen, seine Sporttasche steht neben ihm auf dem Boden. Ich konzentriere mich auf die Sommersprossen, die seine Nase sprenkeln, weil ich ihm nicht in die Augen sehen kann. Auf einmal muss ich an die von Menschen geschaffenen Korallenriffe denken, die wir in Naturwissenschaft durchgenommen haben. Sie werden aus Draht zusammengebaut und dann unter schwachen elektrischen Strom gesetzt, um das Wachstum neuer Korallen anzuregen. Als unser Lehrer uns das Vorgehen erklärte, musste ich daran denken, dass es mir in Gegenwart von Jake genauso geht: als würde elektrischer Strom durch mich hindurchfließen.

Als ich dieses Gefühl zum ersten Mal spürte, war ich so erschrocken, dass ich vor ihm weggelaufen bin. Dann habe ich versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Aber das ist unmöglich. Ich meine, wir wohnen in derselben Straße, gehen auf dieselbe Schule und spielen im selben Eishockeyteam. Und wenn wir gerade mal nicht auf dem Eis sind, treiben wir uns mit unseren Freunden draußen im Wald rum oder fahren mit den Rädern über die Insel, klettern auf Bäume, springen in Shays Garten Trampolin, schwimmen an der Küste entlang, fahren Kajak oder tun so, als würden wir Stunts für Kinofilme drehen. Es ist eigentlich völlig egal, was wir machen, Tatsache ist, dass wir praktisch alles zusammen machen.

Da es unmöglich war, Jake aus dem Weg zu gehen, blieb mir nichts anderes übrig, als die Korallenriff-Stromschläge, die mir durch die Glieder fuhren, zu ignorieren und ganz normal weiterzumachen, in der Hoffnung, dass es irgendwann von alleine wieder aufhören würde – wie bei einer Magen-Darm-Grippe, die ihren natürlichen Verlauf nimmt. Aber das hat es nicht. Und jetzt ist alles vorbei. Jetzt weiß Jake, was ich für ihn empfinde.

Ich bin so ein Idiot! Ich starre zu Boden und bombardiere Reid Walsh insgeheim mit jedem Schimpfwort, das mir einfällt, während ich mir gleichzeitig wünsche, dass sich der Boden vor mir auftut und mich verschluckt.

»Alles okay mit dir?«, fragt Jake, während wir uns auf die Tür zubewegen.

»Mir würde es besser gehen, wenn Reid Walsh nie geboren worden wäre«, murmle ich, immer noch nicht in der Lage, ihn anzusehen. Was, wenn Jake jetzt nicht länger mit mir befreundet sein will?

Jake brummt zustimmend. Keiner mag Reid oder seinen Bruder Rob, aber die meisten Leute sind so klug, es nicht in ihrer Nähe zu erwähnen. Meine Mom sagt, dass die Walsh-Brüder ganz hinten in der Schlange gestanden haben, als Gott das Gehirn verteilt hat. Aber dass sie sich nach vorne durchgedrängelt haben, als von Steroiden aufgepumpte Muskeln dran waren.

Schweigend schleppen Jake und ich unsere Sporttaschen in Richtung Ausgang. Mein Gesicht brennt heißer als die Oberfläche der Sonne. Was muss er jetzt von mir denken? Hätte Reid doch bloß nichts gesagt. Hätte ich nur nicht darauf reagiert. Das war dumm. Es ist schließlich nicht so, als hätte ich solche Sprüche noch nie zuvor gehört. Jake und ich werden seit der dritten Klasse damit aufgezogen, dass wir angeblich ineinander verliebt sind. Warum hatte ich es diesmal nicht ignoriert? Warum musste ich so ausflippen?

Wie in Endlosschleife dröhnt Reids Stimme in meinem Kopf: »Du liebst Jake!« Sein fettes Gesicht war von einem hämischen Grinsen verzerrt. Das Kichern des gesamten Teams ist der neue Soundtrack meines Lebens.

Ich habe mich wie ein Tornado auf ihn gestürzt. Er hatte nicht mal Zeit, die Arme hochzureißen, um mich abzuwehren. Das Einzige, was ich bedaure, ist, dass der Trainer mich von ihm weggezerrt hat, bevor ich einen zweiten Schlag landen konnte.

Es nervt, das einzige Mädchen in der Mannschaft zu sein. Aber heute war es noch nerviger als sonst. Ich blinzle die Tränen weg, bevor Jake sie bemerkt. Er muss mich ja nicht für noch peinlicher halten, als er es wahrscheinlich sowieso schon tut.

Wir haben die erste Doppeltür erreicht. Jake hält sie für mich auf. Als ich beim Hindurchgehen aus Versehen gegen ihn stoße, spüre ich sofort wieder diese blöden Schmetterlinge im Bauch. Ich knalle sie gedanklich mit einer Kugelsalve ab. Warum muss ich bei all den vielen Menschen, die es gibt, ausgerechnet für Jake so empfinden? Als ich die Tür für ihn aufhalte, damit er seine Tasche hindurchschleifen kann, und sie dann hinter uns zufallen lasse, greift Jake überraschend nach meiner Hand.

Ich bin vor Schreck wie erstarrt. Jake und ich halten nicht Händchen. Wir berühren uns nicht. Niemals. Es sei denn, wir stoßen auf dem Eis zusammen oder spielen Daumenwrestling.

Was läuft hier gerade?

»Em«, setzt er an und bricht gleich wieder ab. Er schluckt und presst die Lippen fest zusammen. Für einen Moment sehe ich einen Schimmer puren Entsetzens in seinen Augen aufglimmen. Ich habe diesen Blick erst einmal gesehen, als er sich auf seinem BMX-Rad die Toe Jam Hill Road hinuntergestürzt hat, und dann feststellte, dass seine Bremsen nicht funktionieren.

Ohne Vorwarnung schießt sein Gesicht auf mich zu, und bevor ich reagieren kann, presst er seine Lippen auf meine.

Ich bin so erschrocken, dass ich erst mal gar nichts tue. Nicht mal die Augen schließen. Ich starre ihn nur an, betrachte seine Sommersprossen, die ein interessantes Muster bilden. Nach einigen Sekunden völliger Reglosigkeit meinerseits öffnet Jake ruckartig die Augen, und wir starren uns alarmiert an, seine Lippen immer noch auf meinen.

Mein Herz, das sich mit meiner Lunge solidarisiert hat und scheinbar in den Streik getreten ist, weigert sich zu schlagen. Doch dann setzt es mit einem heftigen Ruck wieder ein und explodiert in meiner Brust, wie ein Pferd, das aus dem Stand losgaloppiert.

Ich spüre, dass Jake kurz davor ist, sich zurückzuziehen, und mir wird endlich klar, dass ich irgendetwas tun sollte. Hastig schließe ich die Augen und öffne die Lippen, ohne zu wissen, ob es das Richtige ist, aber in der Hoffnung, dass es fürs Erste ausreicht. Jake zögert einen qualvollen Moment lang, und dann küssen wir uns plötzlich. Küssen uns richtig. Unerfahren, unbeholfen, zaghaft und doch irgendwie … perfekt.

Es ist mein erster Kuss. Und ich bin ziemlich sicher Jakes auch. Als wir uns schließlich voneinander lösen und nach Luft schnappen wie zwei Taucher, die gerade die Wasseroberfläche durchbrochen haben, sind wir so verlegen, dass wir ein paar Sekunden in atemlosem, dramatischem Schweigen verharren, während uns beiden klar wird, welche Linie wir da gerade überschritten haben. Sie ist breiter und tiefer als der Grand Canyon und der Marianengraben zusammen.

Wie hypnotisiert starre ich auf unsere miteinander verflochtenen Finger, beide mit blutigen Kratzern auf den Knöcheln. Es ist ein seltsamer Anblick – Jakes Hand, die meine hält. Jakes Hand, die mir so vertraut ist wie meine eigene und die etwas so Ungewohntes tut. Unsicher, wie es jetzt weitergeht, sehe ich ihn an. Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht steigt, als hätte jemand ein Eis-Pack daraufgelegt. Jake grinst mich dämlich an, und ich muss gegen den Drang ankämpfen, ihm einen Schubs gegen die Brust zu versetzen und ihm zu sagen, dass er damit aufhören soll.

In diesem Moment bemerke ich die Schlittschuhe, die von seiner Schulter baumeln, und mir fällt siedend heiß ein, dass ich meine eigenen im Umkleideraum vergessen habe. Sie liegen immer noch dort, wo ich sie nach dem Zwischenfall mit Reid Walsh hingeschleudert habe.

»Oh, nein«, stoße ich hervor. »Ich habe meine Schlittschuhe vergessen.« Und ja, das ist das Einzige, was mir einfällt, nachdem mein bester Freund mich zum ersten Mal geküsst und meine ganze Welt auf den Kopf gestellt hat.

Jake lässt – widerstrebend wie mir scheint – meine Hand los, und ich sprinte zurück zum Umkleideraum.

»Soll ich auf dich warten?«, ruft er mir hinterher.

»Nein, lass mal«, erwidere ich und drehe mich im Laufen zu ihm um. »Wir sehen uns morgen.«

Er steht immer noch da, wo ich ihn zurückgelassen habe. »Selber Ort?«, fragt er mit einem Hauch von Verunsicherung in der Stimme, die ich noch nie bei ihm gehört habe. Jake ist normalerweise so selbstbewusst, dass mich dieses Zeichen von Unsicherheit umhaut.

Ich nicke und fange an zu grinsen. Wahrscheinlich sehe ich völlig bescheuert aus, aber ich kann einfach nicht aufhören zu nicken und zu lächeln. Ich stemme meine Schulter gegen die Tür der Mädchenumkleide und werfe einen letzten Blick zurück auf Jake, der gerade triumphierend die Faust in die Luft reckt.

Jake

Ich knalle die Autotür mit voller Wucht zu, und als das nichts bringt, schlage ich mit der Faust fest auf den Beifahrersitz. Verdammt! Okay, reg dich ab, es hätte schlimmer kommen können, sage ich mir. Ich versuche, mir eine noch peinlichere Situation vorzustellen, aber mir fällt keine ein. Ich lehne meine Stirn gegen das Lenkrad und schließe die Augen.

Ich muss ständig an Ems Gesichtsausdruck denken, als ich die Tür zum Lagerraum aufgerissen habe (der offensichtlich kein Lagerraum mehr ist – übrigens vielen Dank für die Warnung, Toby!). Und es ist nicht nur ihr Gesichtsausdruck, den ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Es war zwar nur ein kurzer Blick, aber oh Mann …

Seit sechs Jahren spukt Emerson Lowe in meinem Kopf herum, und ich weiß genau, dass es mindestens noch einmal sechs Jahre dauern wird, dieses eine Bild wieder aus meinem Gedächtnis zu löschen. Vielleicht auch länger, denn ich fürchte, mein Gehirn wird es mit dem Löschen nicht besonders eilig haben.

Einen Moment lang schäme ich mich für meine Gedanken, aber Widerstand ist zwecklos. Das Bild von Em, wie sie gerade dabei ist, ihren Bikini auszuziehen, ist in mein Gedächtnis eingraviert. Nicht mal ein Volltreffer mit dem Puck gegen den Kopf könnte es vertreiben.

Als ich Em das letzte Mal gesehen habe, war sie dreizehn und ich vierzehn. Ihr braunes Haar war kinnlang abgeschnitten – wobei »abgesäbelt« es wahrscheinlich eher getroffen hätte, denn sie hatte mit der Küchenschere selbst Hand angelegt, weil der Friseur ihr angeblich immer eine Frisur verpasste, mit der sie wie ein Mädchen aussah. Sie trug ein rotes Eishockeytrikot, das ihr bis zu den Knien reichte, und ihre Fingerknöchel waren ebenso mit Kratzern übersät wie ihr Wangenknochen, der bei einem Zusammenstoß mit Reid etwas abbekommen hatte. Sie war damals der Inbegriff eines burschikosen Mädchens, das verbissen versuchte, tougher und besser zu sein als jeder von uns Jungs. Was sie auch war. Sie war auf dem Eis die schnellste Läuferin des gesamten Teams, und sie erzielte in dieser ersten Saison mehr Tore als jeder andere in der Liga.

Und jetzt … wow … Em hat nichts mehr von dem jungenhaften Mädchen aus meiner Erinnerung an sich. Viel gewachsen ist sie zwar nicht, aber ihre Haare sind länger geworden – sie reichen ihr jetzt bis zur Schulter. Ihr Gesicht hat die kindlichen Züge verloren, es ist schmaler geworden, mit deutlich hervortretenden Wangenknochen, und ihre Lippen sind voller. Und dann diese Beine … Himmel, dieser Körper! Früher hätte sie einen Bikini nicht mal ansatzweise ausgefüllt, ehrlich gesagt kann ich mich nicht daran erinnern, dass sie überhaupt jemals einen getragen hat. Sie hatte immer Boardshorts und ausgeleierte T-Shirts an – aber jetzt nicht mehr.

Mist. Ich schüttle den Kopf und kneife mir in den Nasenrücken. Emerson Lowe ist erwachsen geworden.

Em

»Ich muss los«, sage ich zu Toby. »Kannst du nachher den Laden abschließen?«

»Klar«, brummt er und sieht mich stirnrunzelnd an. Ich weiß, dass ich furchtbar aussehe. Ich habe nach dem Zwischenfall mit Jake nicht mehr geduscht, sondern nur schnell ein T-Shirt und zerrissene Shorts über meinen Bikini gezogen.

»Ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich nach Hause komme und ihr mit meinem Vater helfe«, murmle ich als Erklärung. »Zum Duschen reicht die Zeit nicht mehr.«

Toby nickt mir zu, und ein verständnisvolles Lächeln huscht über sein Gesicht. »Geht in Ordnung. Sieh zu, dass du rauskommst«, sagt er. »Wir sehen uns morgen.«

»Danke.« Ich bin froh, dass er mich nicht wegen Jake ausquetscht und bereit ist, für mich den Laden zu schließen. Momentan haben wir zu wenig Personal, und Toby, der eigentlich nur als Teilzeitkraft eingestellt ist, hat mir zuliebe die letzten Wochen ständig Überstunden gemacht.

»Hat sich irgendjemand nach dem Job erkundigt?«, frage ich mit einem Blick auf das AUSHILFE-GESUCHT-Schild, das ich vor ein paar Tagen an die Eingangstür geklebt habe.

Toby schüttelt den Kopf.

Mist. Seufzend schnappe ich mir den Schlüssel für mein Fahrradschloss vom Tresen. »Tschüss, Toby. Und danke noch mal.«

Auf dem Heimweg muss ich ständig an Jake denken. Warum ist er zurückgekommen? Wo wohnt er? Wie lange wird er bleiben? Und wie kann ich ihm so lange aus dem Weg gehen? Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf fragt sich, ob ich ihn aufspüren und zur Rede stellen sollte, aber diesmal zu meinen Bedingungen und voll bekleidet. Und mit einer perfekt vorbereiteten Rede. Doch bei dem Gedanken daran, worüber wir dann alles sprechen müssten, fühle ich mich total überfordert. Es geht nicht nur darum, was in den Minuten nach unserem ersten Kuss geschehen ist, es geht vor allem um die Tage danach. Um die Tatsache, dass Jake einfach abgehauen ist. Dass ich ihn nie wiedergesehen, nichts mehr von ihm gehört habe. Ich weiß nicht, wie ich ihm das jemals verzeihen soll. Oder warum ich das überhaupt tun sollte.

Ich trete kräftig in die Pedale und radle so schnell wie möglich nach Hause. Wenn ich an früher denke, habe ich immer das Gefühl, die Hand eines Riesen würde meinen Brustkorb so fest zusammenquetschen, dass meine Rippen jeden Augenblick brechen könnten. Jakes Rückkehr hat sämtliche Erinnerungen an diesen Tag wieder hochgeholt. Dabei will ich das, was damals passiert ist, einfach nur vergessen. Und die Erinnerungen am liebsten dorthin zurückbefördern, wo sie hergekommen sind … sie in den hintersten Winkel meines Kopfes verbannen. Mit der Gegenwart, meinen Eltern und dem Laden habe ich schon genug zu tun.

Als ich in unsere Auffahrt einbiege, fällt mir auf, dass der Rasen dringend gemäht werden müsste und der Garten so verwildert ist, dass er einem Dschungel ähnelt. Unser windschiefer Briefkasten müsste ebenfalls aufgerichtet werden, aber ich habe keine Ahnung, wann ich dazu kommen werde. Während ich vom Rad steige und es an die Hauswand lehne, beschließe ich, mich nicht mit Jake zu treffen oder mit ihm zu reden. Ich muss mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Mir bleibt keine andere Wahl.

Kaum bin ich zur Tür herein, kommt meine Mutter mit einem Gesichtsausdruck aus dem Esszimmer, den ich nur zu gut kenne. Ihre Augen sind rot gerändert, und sie hat einen Löffel in der Hand. Ein Klecks Tomatensoße, der an ihrem T-Shirt heruntergelaufen ist, sieht aus wie eine Schusswunde. Wortlos nehme ich ihr den Löffel ab und gehe an ihr vorbei in unser ehemaliges Ess­zimmer.

Mein Vater sitzt in seinem Rollstuhl. Vor ihm auf dem Tisch steht eine Schüssel Spaghetti in einer Soßenpfütze.

Ich hole tief Luft. »Hi, Dad«, sage ich und versuche, fröhlich zu klingen.

Er reagiert nicht. Ungerührt starrt er weiter aus dem Fenster, sein Körper zu dieser unnatürlichen Haltung verkrümmt, die mich immer an eine Brezel erinnert, egal wie sehr ich den Gedanken auch zu verdrängen versuche. Ein Arm ist angewinkelt und gegen seine Brust gepresst. Die andere Hand ruht schlaff auf der Armlehne des Rollstuhls.

»Möchtest du noch ein bisschen?«, frage ich, setze mich ihm gegenüber und knipse mein schönstes Kundenlächeln an. Als er nickt, fange ich an, ihn mit dem Löffel zu füttern.

»Wie war dein Tag?«, fragt er mit verwaschener Stimme, nachdem er mühsam drei Mundvoll Pasta hinuntergeschluckt hat.

»Prima«, antworte ich. Von Jake erzähle ich ihm lieber nichts. Bei der Erwähnung des Namens McCallister würde sein Blutdruck sonst wahrscheinlich durch die Decke gehen.

»Deine Mutter ist wütend«, lallt er, als ich ihm noch etwas Pasta in den Mund löffle und dann nach einer Serviette greife, um das, was danebengetropft ist, wegzuwischen.

»Es ist alles in Ordnung«, erwidere ich. »Sie ist nicht wütend auf dich.«

Sie ist wütend auf das Leben. Auf die Ärzte, die uns immer wieder erzählen, dass sie nichts tun können, um den Verlauf dieser verdammten Krankheit aufzuhalten, und auf die Versicherungsgesellschaft, die sich weigert für schmerzlindernde Medikamente, zusätzliche Therapien oder behindertengerechte Umbaumaßnahmen im Haus aufzukommen. Und obwohl sie es nicht sagt, ist sie auch wütend auf Dad, weil er in den Monaten vor seiner Diagnose keine Krankenversicherungsbeiträge eingezahlt hat. Ich bin natürlich genauso wütend. Nicht zuletzt, weil ich zusehen muss, wie mein sportlicher, gesunder Vater sich immer mehr in einen an den Rollstuhl gefesselten Fremden verwandelt, der seiner Zukunft beraubt ist und mit Schulden zu kämpfen hat.

Plötzlich zuckt die Hand meines Vaters und schlägt mir den Löffel aus der Hand. Spaghettisoße klatscht gegen die Wand. Ich ignoriere die Schweinerei und hebe mit brennenden Augen den Löffel auf.

Gegen die Tränen anblinzelnd, setze ich mich wieder hin. »Mehr?«, frage ich und biete meinem Dad noch etwas zu essen an.

Als er nickt, füttere ich ihn weiter mit den Nudeln, während ich versuche, nicht darüber nachzudenken, wie abhängig er von uns ist und wie sehr meine Mutter kämpfen muss, um das alles zu schaffen, oder wie wir die Stapel von Rechnungen bezahlen sollen, um das Geschäft am Laufen zu halten. Und ich versuche, nicht an meine Klassenkameraden und Freunde zu denken, die aufs College gegangen sind.

Ich versuche, an gar nichts zu denken. So kommt man am besten durch den Tag.

Jake

Die Unterkunft, die ich für den Sommer gemietet habe, ist ein kleines Ferienhäuschen mitten im Wald. Es ist nicht groß – nur Wohnraum, Kochnische und Bad. Über eine Leiter gelangt man auf einen winzigen ausgebauten Speicher, unter dessen Dachluke ein Doppelbett gequetscht worden ist. Auf der Veranda stehen ein holzbefeuerter Ofen, ein Grill und zwei Holzstühle. Das gefällt mir an meinem vorübergehenden Zuhause am besten.

Ich lasse mich auf einen der beiden Stühle fallen, stütze meine Füße aufs Geländer und sauge die Luft förmlich in mich auf. Der vertraute dumpfe Geruch nach Moos, Farn und laubbedeckter feuchter Erde entlockt mir ein Lächeln und lässt alle möglichen Erinnerungen an die Oberfläche steigen.

So kurz vor der Abenddämmerung liegt ein kühler Hauch in der Luft, der mich frösteln lässt. Der Wald von Bainbridge ist mehrere Hundert Jahre alt und besteht aus hoch aufragenden Kiefern, Zedern und dickstämmigen Tannen. Das Unterholz ist an manchen Stellen so dicht, dass man eine Machete bräuchte, um sich einen Weg hindurch zu bahnen. Da wir uns hier in der Nähe der Olympic-Halbinsel, einem der regenreichsten Orte Nordamerikas, befinden, herrscht auf der Insel selbst im Sommer eine herbstliche Stimmung.

Ich weiß nicht, ob es damit zu tun hat, dass ich Em wiedergesehen habe, oder ob der Wald mich ruft, aber nur wenige Minuten später habe ich meine Sportklamotten angezogen. Ich laufe los, zwischen den Bäumen hindurch, und überlasse es meinen Füßen, sich für eine Richtung zu entscheiden. Dabei weiß ich genau, wohin sie mich führen werden. Für ein paar Sekunden überlege ich, anzuhalten und wieder umzudrehen, aber ich kann mich nicht dazu durchringen. Während mir der Schweiß den Rücken hinunterläuft und das Adrenalin durch meine Adern rauscht, laufe ich immer weiter.

Nach ungefähr vierhundert Metern endet der schmale Wald­pfad. Verwirrt und etwas orientierungslos bleibe ich stehen. Es ist Jahre her, dass ich in diesen Wäldern gejoggt bin, und meine früheren Wegmarkierungen sind verschwunden. Damals stand hier ein moosbewachsener Baumstumpf mitten auf dem Weg. Stirnrunzelnd drehe ich mich einmal um mich selbst und frage mich, ob ich wohl schon daran vorbeigelaufen bin. Doch dann entdecke ich ihn fast vollständig überwuchert im Dickicht. Aus seiner Mitte sprießt ein Schößling, der sich tapfer gen Himmel reckt. Nachdem ich nun wieder weiß, wo ich bin, kämpfe ich mich neben dem Baumstumpf durch hüfthohen Farn, bis ich schließlich zur Lichtung komme.

Eine Minute lang starre ich staunend nach oben. Ich kann nicht fassen, dass es noch nicht auseinandergefallen ist. Das Dach ist zwar an einigen Stellen eingebrochen, und das Holz rund um die Kante sieht ziemlich verrottet aus, aber das Baumhaus steht immer noch.

Ich gehe dichter heran und fahre mit den Fingern über die Holzlatten, die wir damals an den Stamm genagelt haben, um daran hochklettern zu können. Sie fühlen sich noch recht stabil an, doch das moosbedeckte und leicht morsche Holz vermittelt den Eindruck, als wäre schon länger niemand mehr hier gewesen.

Beim Hochklettern teste ich jede einzelne Sprosse, bevor ich sie mit meinem vollen Gewicht belaste. Eine Verletzung hätte mir gerade noch gefehlt. Ich kann meinen Trainer förmlich brüllen hören, wie ich nur so blöd sein konnte, ein solches Risiko einzugehen. Aber was solls … ich möchte einen Blick hineinwerfen. Ich muss einen Blick hineinwerfen.

Sobald ich die Plattform erreicht habe, bewege ich mich noch vorsichtiger. Das verrottete Holz ist an manchen Stellen so dünn wie Pappmaschee. Ein falscher Schritt und man rauscht sechs Meter in die Tiefe. Einen Moment lang stehe ich reglos da und kämpfe gegen die Höhenangst, die mich wie aus dem Nichts überfällt. Ich erinnere mich wieder daran, wie ich hier in der Dunkelheit gesessen und gewartet habe. Voller Hoffnung … Aber darüber will ich jetzt nicht länger nachdenken.

Mit eingezogenem Kopf betrete ich das Baumhaus. Ich kann nicht fassen, wie eng es im Inneren ist. In meiner Erinnerung war der Raum riesig. Doch in Wahrheit ist das Baumhaus nur ungefähr so groß wie mein Zimmer im Collegewohnheim, also nicht viel breiter als ein Doppelbett. Früher konnten wir alle hier drin stehen. Jetzt muss ich mich ducken, um mir nicht den Kopf zu stoßen.

Em und ich haben das Baumhaus zusammen mit unserem Mannschaftskameraden Denton und Ems bester Freundin Shay gebaut. Wir brauchten dafür einen ganzen Sommer, in dem wir in Gärten und im Wald nach passendem Holz suchten, und Hämmer, Nägel und sogar eine Motorsäge aus dem Schuppen von Ems Vater klauten.

Als das Baumhaus schließlich fertig war und wir gerade anfangen wollten, es uns dort gemütlich zu machen, bekamen die Walsh-Brüder Wind davon. Sie folgten Em, als sie ein paar alte Liegestuhlauflagen durch den Wald schleppte, die wir als Sofa benutzen wollten.

»Jake und Emerson sitzen auf ’nem Baum und K-N-U-T-S-C-H-E-N«, grölte Reid zu uns hoch.

Ohne zu zögern, griff Em sich einen Hammer, und ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten, ihn den Brüdern über den Kopf zu ziehen. Ich hätte ihr glatt zugetraut, die beiden mit einem Schlag zu erledigen. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich sie vielleicht nicht daran hindern sollen.

Wenn wir uns danach in unser Baumhaus zurückziehen wollten, war es meistens schon von Reid oder Rob und ihren Freunden besetzt, und auf dem Boden unter dem Baum lagen Zigarettenkippen und zerschlagene Bierflaschen. Einmal fanden wir sogar ein Pornomagazin, das unter die Liegestuhlpolster gestopft worden war und dessen Seiten mit etwas verklebt waren, von dem Em hoffte, dass es sich nur um Klebstoff handelte, wie sie mehrmals lauthals verkündete. Ein andermal überraschten wir Rob dabei, wie er mit einem Mädchen aus der Zehnten rummachte.

Em war so wütend, dass sie das Baumhaus am liebsten abgerissen hätte, vorzugsweise mit den beiden darin. Sie klaute sogar mal eine Axt aus der Werkstatt ihres Vaters, die sie kampflustig schwang, während sie die Straße hinuntermarschierte. Ich musste ihr mit dem Rad hinterherrasen und sie ihr aus der Hand winden. Aber das war typisch Em. Sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als sich eine Niederlage einzugestehen.

Doch dann konzentrierte sich Rob nur noch auf sein Footballtraining, und Reid hing öfter mit einem Typen ab, dessen Eltern ein Bootshaus besaßen. Und auf einmal gehörte das Baumhaus wieder uns.

Bevor wir es wieder in Besitz nahmen, desinfizierten wir es gründlich und verbrannten das Pornoheft als Zeichen unseres Sieges in einem großen Lagerfeuer.

Als ich mich lächelnd umschaue, fällt mein Blick auf die in die Wand gekerbten Markierungen. Da sind Dentons und Shays Namen – mit einem stumpfen Taschenmesser ins Holz geritzt. Ich wechsle auf die andere Seite des Baumhauses. Es dämmert langsam, und ich kann kaum noch etwas erkennen, aber meine und Ems Initialen müssten hier auch irgendwo sein.

Ich nehme mein Handy heraus und richte die Taschenlampe auf die Wand, während ich gleichzeitig mit der anderen Hand darüberfahre. Da sind sie. Oder besser: Da sind sie gewesen. Jemand hat unsere Initialen zerkratzt und so brutal herausgehackt, dass tiefe Kerben im Holz entstanden sind. Es sieht aus, als wäre dazu ein Schnitzmesser benutzt worden … oder eine Axt.

Ich stoße die Luft aus. Nicht schwer zu erraten, wer das war.

Em

Der Wald – sein Geruch nach süßlicher, modriger Feuchtigkeit und das leise Ächzen der Bäume im Wind, als würden sie miteinander reden – hat etwas an sich, das mich ganz ruhig werden lässt. Nach allem, was damals passiert war, und nachdem Jake die Insel verlassen hatte, bin ich oft hierhergeflüchtet. Es war der einzige Ort, wo ich noch Luft bekam. Der einzige Ort, wo ich für mich sein konnte und nicht die Blicke der anderen spürte oder das abfällige Tuscheln hörte, das mich sonst überallhin verfolgte.

Außerdem war das Baumhaus der einzige Ort, wo ich hingehen konnte, um zu weinen. Hätte ich zu Hause geweint, hätte meine Mom sofort wieder damit angefangen, dass ich eine Therapie machen sollte, oder mein Dad wäre mit wütendem Gebrüll und laut fluchend hin und her getigert. Die Tatsache, dass es mich an Jake erinnerte, war für mich sowohl Segen als auch Fluch.

Als ich zum Baumhaus aufblicke, weiß ich sofort, dass jemand dort gewesen ist. Und gleich darauf wird mir klar, dass dieser Jemand immer noch da ist. Instinktiv bücke ich mich und greife mir das Nächstbeste, das mir in die Hände fällt – einen faustgroßen Stein –, und obwohl ich versuche, ruhig zu bleiben, beginnt mein Herz wie verrückt zu rasen.

Ich sollte mich umdrehen und weglaufen. Das ruft mir jedenfalls mein Instinkt zu: LAUF! Damals hätte meine innere Stimme noch aus voller Kehle gebrüllt: KÄMPF! Aber das ist Jahre her. Jetzt heißt es immer: LAUF!

Aber nicht heute. Es ist mein Baumhaus, und ich werde nicht von hier weggehen. Aus seinem Inneren ertönt ein lautes Rascheln, gefolgt vom Knarzen der Holzplanken, als jemand die Plattform betritt.

Ich ziehe scharf die Luft ein und weiche unwillkürlich einen Schritt zurück. Es ist Jake. Natürlich ist es Jake. Wer sollte es auch sonst sein? Für einen Moment bin ich erleichtert, dass er es ist und nicht ein Fremder, der in meinen Besitz eingedrungen ist, aber dieses Gefühl verfliegt schnell wieder. Ich zittere vor Wut. Meine Finger umklammern den Stein in meiner Hand fester.

Jake hat mich noch nicht entdeckt. Ich beobachte ihn dabei, wie er stirnrunzelnd mit der Hand über das Geländer fährt. Ob er sich wohl daran erinnert, wie wir früher mit baumelnden Beinen auf der Plattform gesessen und die Lichtung und die Bäume überblickt haben, als wären wir die Herrscher und der Wald unser Königreich? Genau in diesem Moment schaut er nach unten, sieht mich und weicht erschrocken zurück. Dabei stolpert er und knallt mit dem Kopf gegen den Türrahmen. Bevor ich mich zurückhalten kann, pruste ich auch schon los.

»Wenn du mich weiterhin auslachst, mach ich’s noch mal.« Er grinst und reibt sich den Kopf.

Ich höre auf zu lachen und werfe ihm stattdessen einen finsteren Blick zu. »Was tust du hier?«, knurre ich. Ich will ihn nicht hierhaben. Das ist mein Ort. Mein Baumhaus. Er hat es damals verlassen. Er kann nicht einfach so wieder reinspazieren und sich verhalten, als würde es ihm immer noch gehören. Denn das tut es nicht. Nicht mehr.

»Ich wollte bloß eine Runde laufen und …«

»Und was? Auf dieser Insel ist mehr als genug Platz zum Joggen, McCallister. Und da musstest du ausgerechnet hierher kommen?«

Er legt den Kopf schief und zieht eine Augenbraue hoch. Der Hauch eines Lächelns huscht über seine Mundwinkel, und ich weiß auch warum. Weil ich ihn McCallister genannt habe – was ich nur tue, wenn ich stinksauer auf ihn bin. Jake hat sich damals immer köstlich darüber amüsiert, wenn ich wütend war.

»Entschuldige«, sagt er. »Ich wusste nicht, dass es sich hier um Privatbesitz handelt. Früher war das nicht so.«

Da hat er mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich knirsche mit den Zähnen und hole tief Luft. Natürlich könnte ich mich jetzt umdrehen und weggehen, aber das würde bedeuten, das Baumhaus aufzugeben. Und ich will mich nicht wie eine Fünftklässlerin verhalten. Schließlich ist das hier nicht wie damals mit den Walsh-Brüdern.

Während ich immer noch wie angewurzelt dastehe und versuche, mir darüber klar zu werden, ob ich bleiben oder verschwinden soll, klettert Jake langsam den Baum hinunter. Kurz überlege ich, ihn zu warnen, dass aus der dritten Stufe von unten ein rostiger Nagel heraussteht, tue es dann aber doch nicht. Wenn er sich daran verletzt hätte, wäre das nur ein klarer Fall von ausgleichender Gerechtigkeit.

Ich beobachte ihn dabei, wie er so schnell und furchtlos nach unten klettert wie früher. Plötzlich bekomme ich weiche Knie und spüre ein Kribbeln im Bauch. Wann ist er bloß so … groß geworden?

Er springt die letzten drei Stufen hinunter, dreht sich um und schaut mich an. Mit einem Schlag entweicht sämtliche Luft aus meinen Lungen, als wären sie ein Blasebalg, auf den jemand draufgetreten ist.

Jake mustert mich mit ernster Miene. Sein schweißnasses T-Shirt klebt stellenweise an seinem Körper, und obwohl ich mir alle Mühe gebe, nicht hinzustarren, sind die definierten Konturen seines Brustkorbs und seiner Schultern nicht zu übersehen. Und er hat eindeutig einen Waschbrettbauch. Ich weiß zwar, dass er Eishockeyprofi ist und bereits bei den Detroit Red Wings unterschrieben hat, aber wo zum Teufel hat er diese Muskeln her? Offenbar verbringt er pro Tag mindestens zehn Stunden im Fitnessstudio oder auf dem Eis. Jake als gut gebaut zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich reiße meinen Blick von seinem Oberkörper los und richte ihn wieder auf sein Gesicht, aber irgendwie ist es noch schwieriger, ihm in die Augen zu schauen.

Deswegen konzentriere ich mich auf die Narbe an seinem Kinn und den leichten Bartschatten. Eine ganze Weile schon hat keiner von uns etwas gesagt. Aber ich werde bestimmt nicht anfangen.

»Es tut mir leid«, sagt Jake schließlich mit sanfter Stimme.

Ich blinzle. Damit habe ich nun überhaupt nicht gerechnet. Ich sehe ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Was genau tut ihm leid?

Jake schüttelt den Kopf und starrt zu Boden, bevor er mich verlegen anschaut. Verdammt! Warum muss er mich so ansehen? Ich wappne mich innerlich gegen seinen Hundeblick. »Es tut dir leid?«, sage ich. Meine Stimme klingt gefährlich leise. Ich spüre, wie die Wut in mir brodelt.

Ein Muskel an Jakes Kiefer pulsiert. Aber er sagt kein Wort. Dafür kennt er mich einfach zu gut. Das war schon immer seine Taktik. Erst lässt er mich meine Wut austoben, und wenn er spürt, dass ich mich wieder etwas beruhigt habe, bringt er einen lustigen Spruch, um die Situation endgültig zu entschärfen. Das hat immer funktioniert. Aber diesmal nicht. »Du kannst nicht einfach zurück in mein Leben geschlendert kommen, dich entschuldigen und erwarten, dass alles wieder so ist wie früher.«

Wortlos sieht er mich mit seinen dunkelbraunen Bambiaugen an. Ich glaube, so etwas wie Kummer darin zu entdecken, aber der Gedanke, dass es womöglich nur Mitleid ist, pikt mich mächtig an.

»Es ist nicht mehr so, wie es mal war, Jake. Die Dinge haben sich geändert.« Unwillkürlich muss ich an meinen Vater denken. Ich versuche, den dicken Kloß in meiner Kehle hinunterzuschlucken. »Alles hat sich verändert.«

Ich habe mich verändert, würde ich am liebsten hinzufügen. Ich bin nicht mehr die freche Göre mit der großen Klappe, die er von früher kennt, nicht mehr die Star-Skaterin der Bainbridge Eagles, nicht mehr das Mädchen, das ihn zu den verrücktesten Wetten herausgefordert hat, wie zum Beispiel im Winter ohne Neoprenanzug durch die Bucht zu schwimmen, was er mir dann meist doppelt und dreifach heimgezahlt hat. Ich bin nicht mehr ich. Ich bin jetzt jemand anders. Jemand, den ich selbst kaum wiedererkenne.

»Ich möchte nur mit dir befreundet sein, Em«, sagt er. Seine Stimme ist voller Schmerz, aber es schwingt auch eine Spur Hoffnung mit. Und weil ich das nicht ertrage, wende ich mich ab und gehe davon.

»Du bist nicht länger mein Freund, Jake!«, rufe ich über die Schulter zurück. »Und das Baumhaus bekommst du auch nicht!«

Für einen Moment herrscht Stille. »Wie wär’s, wenn wir halbe-­halbe machen?«, ruft er mir hinterher.

Der neckende Unterton in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Er versucht, einen Witz zu reißen und mich zum Lachen zu bringen. Versucht, mich zu besänftigen. Und eine kleine Stimme in meinem Kopf rät mir, es zuzulassen. Endlich wieder zu lachen.

Aber es ist, als würde man einen Felsen bitten zu sprechen. Ich kann es nicht. Das letzte Mal, das ich wirklich gelacht habe, ist so lange her, dass ich vergessen habe, wie es überhaupt geht. Und warum sollte ich ihm den Gefallen tun? Wie kommt er eigentlich auf die Idee, er könnte einfach hier auftauchen und so tun, als sei nichts passiert?

»Also gut«, ruft Jake mir nach. Ich bin schon so weit weg, dass ich ihn kaum noch höre. »Einverstanden. Du kannst das Baumhaus behalten. Ich werde nicht wieder herkommen.«

Es fühlt sich an, als hätte er mir einen Stein in den Rücken geworfen. Fast wäre ich gestolpert, aber nur fast. Ich gehe weiter und tue so, als wäre nichts gewesen.

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