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Lass mich heute nicht allein

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1. KAPITEL

Dana Bailey versuchte, die Verspannungen im Nacken loszuwerden, indem sie während der Fahrt den Kopf hin und her drehte. Dabei warf sie einen Blick auf die Uhr.

Es war erst kurz nach fünf Uhr morgens, aber sie war schon so müde, als wäre bereits der halbe Tag herumgegangen. Nun gut, sie fuhr bereits seit drei Uhr morgens, weil sie wieder nicht schlafen konnte. Sie hatte sich im Bett hin und her gewälzt, und war sie doch einmal eingeschlummert, war sie von Albträumen geplagt worden.

Das Schlimme dabei war, dass sie auch in wachem Zustand nicht aus dem Albtraum herausfand, in den sich ihr Leben verwandelt hatte. Es war schrecklich, und es war unglaublich, aber es war wahr. Innerhalb von nur zwei Wochen war sie von einer angesehenen und erfolgreichen Anwältin in Chicago zur gesuchten Verbrecherin geworden. Das war so Furcht einflößend, so …

„Aufhören!“, sagte sie laut.

Für Selbstmitleid war keine Zeit. Wenn sie erst einmal ihren Gefühlen freien Lauf ließ und wegen dieses wahr gewordenen Albtraums zu weinen begann, konnte sie nicht wieder aufhören und gab auf.

„Nein!“, rief sie und schlug mit der Hand auf das Lenkrad. Sie war fest entschlossen, ihre Unschuld zu beweisen … irgendwie. Bis es so weit war, wollte sie ständig unterwegs sein, sich von den Hauptstrecken fern halten und in Kleinstädten übernachten.

Wo war sie jetzt eigentlich? Ein schneller Blick auf die Karte neben ihr … ja, richtig. Es waren noch zwei Stunden Fahrt bis Whitehorn in Montana. Whitehorn oder Blackhorn, das spielte keine Rolle. So lange der Ort klein war und sie selbst keine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war ihr alles recht.

Sie brauchte einige Sachen. Also wollte sie in zwei Stunden als erstes in Whitehorn einkaufen.

„Ist das Leben nicht wunderbar?“, sagte sie trocken.

Sie waren wieder da.

Kurt Noble stöhnte, rollte sich im Bett auf den Rücken, presste das Kissen auf den Kopf und drückte es fest gegen die Ohren.

Es war sinnlos. Er konnte sie noch immer hören, und er hätte geschworen, dass alle mit Rolex-Uhren ausgestattet waren, damit sie genau wussten, wann es fünf Uhr morgens war.

Als er vor drei Wochen vorübergehend in das Haus seiner verstorbenen Mutter in Whitehorn gezogen war, hatte sich am ersten Tag niemand gezeigt. Dann allerdings hatte es sich herumgesprochen, und schon am nächsten Morgen hatten sich zwei um fünf Uhr gemeldet. Und jetzt, drei Wochen später, waren es mindestens ein Dutzend. Und laut waren sie!

Pünktlich um fünf Uhr morgens.

Leise fluchend stieg Kurt aus dem Bett, zog eine Trainingshose an und verließ mit finsterer Miene das Schlafzimmer. Es war ein sonniger Morgen. Bestimmt wurde es ein wunderbarer Maitag in Montana. Im Moment war ihm das Wetter jedoch völlig egal.

Er holte aus der Küche eine große Tüte, die dort am Schrank lehnte, ging zur Vordertür und riss sie auf.

„Ich habe euch gehört, klar?“, sagte er schroff. „Also, haltet endlich die Klappe! Ihr habt mir gerade noch gefehlt.“

Sobald er die quietschende Fliegengittertür aufdrückte und auf die baufällige Veranda hinaustrat, steigerte sich die Lautstärke des Gesangs. Kurt zählte die unerwünschten Besucher.

„Dreizehn. Na, großartig. Eine hübsche Unglückszahl. Hey, ihr treibt mich zum Wahnsinn. Seht her und lest es von meinen Lippen ab! Ich – mag – keine – Katzen.“

Die dreizehn Katzen ließen sich von der grimmigen Stimmung ihres Gastgebers nicht im Geringsten beeindrucken. Miauend und schnurrend strichen sie um Kurts Beine.

„Schon gut, schon gut, geht zur Seite“, verlangte er und bahnte sich mühsam einen Weg. Er schüttete Trockenfutter in die aneinander gereihten Schüsselchen, die schon so lange auf der Veranda standen, wie er sich zurückerinnern konnte. Eine Babybadewanne diente als Wasserschüssel.

Sobald sich die Katzen auf das Frühstück stürzten, wurde es herrlich still. Kurt sah eine Weile zu, wie die hungrige Bande das Futter verschlang, und warf dann einen Blick zum Himmel.

„Siehst du das, Mom?“, fragte er sanft. „Das mache ich nur für dich. Du hast diese Streuner jahrelang verwöhnt, und ich habe sie jetzt am Hals.“

Als ein Lufthauch über die Veranda strich, kehrte Kurt lächelnd ins Haus zurück. Dabei achtete er allerdings scharf darauf, dass ihm keine Katze in die Küche folgte. Seine Mutter mochte dem flehenden Miauen nicht widerstanden haben, er dagegen konnte es.

Zu den Erinnerungen an seine Kindheit gehörte, dass man stets ein Fellbündel vom Stuhl entfernen musste, wenn man sich setzen wollte. Katzen. Im Noble-Haus und ringsherum hatte es stets von ihnen gewimmelt.

In der Küche lehnte er die Tüte gegen den Schrank und machte sich gähnend eine Kanne Kaffee.

Ja, Katzen. Sie waren nur eine der unangenehmen Erinnerungen an die Jahre in diesem kleinen, von Wind und Wetter mitgenommenen Haus. Er hatte jedoch nicht die Absicht, auch noch die anderen Erinnerungen auszugraben.

Mit einer Tasse Kaffee setzte er sich auf einen Metallstuhl an dem verkratzten Tisch, nahm einen Schluck und blickte gedankenverloren vor sich hin.

Der Kreis hatte sich geschlossen. An diesem Tisch hatte er schon gesessen, als er die Beine noch gerade nach vorne gestreckt und mit dem Kinn fast den Teller berührt hatte. Jetzt war er fünfunddreißig Jahre alt, und bei seinen eins achtzig reichten die Beine mühelos bis zum Fußboden. Er war wieder in Whitehorn, wo er zur Welt gekommen und aufgewachsen war. Der Kreis hatte sich geschlossen …

Er war kein Kind mehr, das an den Weihnachtsmann oder an Märchenfeen glaubte oder Träumen von einer großartigen Zukunft nachhing. In dem dichten, kurzen dunklen Haar fanden sich schon erste graue Haare, und im Gesicht erkannte man die Spuren eines Lebens, das alles andere als harmlos gewesen war.

Und nur wenige Zentimeter oberhalb des Herzens hatte er eine rote Narbe, die von der Kugel stammte, die ihn fast das Leben gekostet hätte.

Kurt nahm einen Schluck Kaffee.

Die Verfärbung der Wunde würde mit der Zeit ebenso verschwinden wie der Schmerz, den er noch verspürte, wenn er sich zu sehr anstrengte. Was blieb, waren die Erinnerungen an die Gründe der Verletzung, an die lädierten Gefühle und die Lektion, die er gelernt hatte.

Vertraue nie wieder der falschen Person!

Kurt leerte die Tasse, brachte sie zur Spüle und zögerte. Das schmutzige Geschirr stapelte sich schon so hoch, dass diese eine Tasse womöglich eine ganze Lawine auslöste.

Heute Abend wird gespült, nahm er sich vor und stellte die Tasse auf die Theke. Das war wenigstens ein aufregendes Erlebnis, auf das er sich den ganzen Tag freuen konnte.

Während er ins Bad ging, um sich zu rasieren und zu duschen, musste er schon selbst über seine üble Laune lachen.

Unter der Dusche fiel ihm wieder ein, dass sich der Kreis geschlossen hatte. Seine zeitlich begrenzte Rückkehr nach Whitehorn hatte ihn genauso überrascht wie etliche Leute in der Stadt.

Der Arzt hatte ihm erlaubt, den Dienst bei der Polizei von Seattle eingeschränkt wieder auszuüben. Das bedeutete nichts weiter, als dass er hinter einem Schreibtisch hocken sollte. Und das reizte einen verdeckten Ermittler wie ihn nicht im Geringsten.

Kurt war jedoch klar, dass es nicht nur um seine Abneigung gegen Schreibtischtätigkeit ging. Während der wochenlangen Rehabilitation war er von einer inneren Unruhe gepackt worden, bis er sich eines eingestand: Die Polizeiarbeit reizte ihn nicht mehr. Das war der Preis, den er für den letzten Fall bezahlte, bei dem er angeschossen worden war. Er war körperlich und seelisch ausgebrannt. Er brauchte …

Verdammt, genau das war der Haken. Er wusste nicht, was er brauchte, aber die Lösung fand er sicher nicht in Seattle.

Dann hatte ihn seine Schwester Leigh angerufen, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in Whitehorn lebte. Er und Leigh hatten während ihrer traumatischen Kindheit eng zusammengehalten.

Leigh war wegen seiner Verletzung in größter Sorge gewesen und hatte erst erleichtert aufgeatmet, als er ihr am Telefon versicherte, er wäre einfach zu störrisch, um jetzt schon zu sterben.

Leighs letzter Anruf hatte ihn mit unbezahltem Urlaub aus Seattle weggeholt. Sie hatte ihm erzählt, dass Detective Dakota Winston Calloway ihr zweites Kind erwartete. Sie hatte den Mutterschaftsurlaub angetreten und fehlte dem Büro des Sheriffs im Bezirk Blue Lake. Sheriff Judd Hensley brauchte Ersatz.

„Du könntest dich bei Judd melden“, schlug Leigh vor. „Wenn du hier im ruhigen Whitehorn voll arbeitest, kommt das der eingeschränkten Tätigkeit in Seattle gleich. Meinst du nicht?“

„Wahrscheinlich hast du recht“, bestätigte er lachend. „Whitehorn ist nicht gerade die Hauptstadt des Verbrechens. Allerdings hat es in der alten Heimat in letzter Zeit erstaunlich viel Unruhe gegeben.“

„Das stimmt“, bestätigte Leigh seufzend. „Da wurde dieser Floyd Oakley bei Dugin und Mary Jo Kincaids Hochzeit ermordet, und dann wurde Dugin umgebracht. Es war auch eine ziemliche Sensation, als Charles Averys Leiche nach so vielen Jahren gefunden wurde.“

„Leigh …“

„Und dann war da die Entführung der kleinen Jennifer“, fuhr Leigh fort. „Die ganze Stadt war in Aufruhr. Es war schrecklich. Während sie verschwunden war, konnte ich wochenlang nicht schlafen. Immer wieder stand ich nachts auf und sah nach Max und Chloe. Ich musste mich ständig davon überzeugen, dass meine Kinder sicher in ihren Betten liegen. Sterling und Jessica McCallum haben mir schrecklich leidgetan. Ich meine, sie lieben Jennifer, auch wenn sie die Kleine adoptiert haben, wie ihr eigenes Kind. Das war ein Fest in Whitehorn, als Jennifer unversehrt gefunden wurde.“

„Leigh …“

„Tut mir leid. Ich rede und rede, und du magst das nicht. Jedenfalls hat sich alles aufgeklärt, als herauskam, dass Mary Jo Kincaid in Wahrheit Lexine Baxter war. Du weißt doch noch, dass sie in Whitehorn aufgewachsen ist. Nach so vielen Jahren hat niemand sie erkannt, weil sie sich einer Schönheitsoperation unterzogen hatte. Mary Jo – oder Lexine – wurde verhaftet. Sie hatte Jeremiah Kincaid und die leibliche Mutter der kleinen Jennifer ermordet.“

„Ja, sie war recht fleißig“, warf Kurt ein.

„Sie war eine schreckliche Frau.“

„Worauf willst du denn überhaupt hinaus, Plappermäulchen?“

„In Whitehorn geht es wieder normal zu. Dakota hat mir erzählt, dass schon lange kein Polizist mehr Überstunden machen musste. Ach, Kurt, ruf Judd Hensley an. Er freut sich bestimmt, wenn du für Dakota einspringst. Du willst keine Schreibtischarbeit machen. Also wäre das die ideale Lösung. Du könntest in Moms Haus wohnen. Vielleicht fällt es dir ja auf den Kopf, aber … Denkst du darüber nach?“

„Ja, ich denke darüber nach, Leigh. Danke für den Anruf.“

„Du weißt, wie sehr ich an dir hänge, Kurt. Es wäre wunderbar, dich wieder in Whitehorn zu haben.“

„Es wäre nur vorübergehend.“

„Das ist mir klar, aber du wärst wenigstens eine Zeit lang hier. Du rufst Judd an?“

„Ich habe versprochen, darüber nachzudenken.“

Kurt drehte das Wasser ab und stieg aus der alten Badewanne. Nachdem er sich mit einem ziemlich dünnen Handtuch abgetrocknet hatte, ging er nackt zum Schlafzimmer.

Er hatte Judd Hensley angerufen, und nun war er wieder in Whitehorn. Der Kreis hatte sich geschlossen. Sein Körper konnte sich erholen, und sein Geist tat es hoffentlich auch. Außerdem bemühte er sich, nicht daran zu denken, dass etwas in seinem Leben fehlte. Es war wie das Teil eines Puzzles, das er nicht finden konnte.

„Vergiss es“, sagte er leise, während er sich anzog. In den letzten Wochen hatte er dermaßen angestrengt nachgedacht, dass es ohnedies ein Wunder war, dass es in seinem Gehirn keinen Kurzschluss gegeben hatte.

Kurt zog eine graue Hose, ein hellblaues Hemd und ein dunkelgraues Sportjackett an und steckte die Krawatte in die Tasche. Keinen Moment länger als nötig wollte er sich von diesem Ding würgen lassen. Sobald er im Büro war, musste er die Krawatte umbinden. So hatte er das täglich gemacht, seit er vor zweieinhalb Wochen den Dienst bei Judd angetreten hatte. Die Waffe und die Handschellen befestigte er am Gürtel.

Er verließ das Haus durch die Hintertür, weil er keine Lust hatte, über die Katzen zu steigen, die jetzt in der Morgensonne auf der Veranda schliefen.

Die Luft war kühl und klar und nicht im Geringsten verschmutzt. Am strahlend blauen Himmel waren nur einige flaumige Wolken zu sehen.

Kurt hätte den Geländewagen die fünfundzwanzig Kilometer lange Strecke im Schlaf steuern können. Sie war unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt.

Zwanzig Minuten später parkte er vor dem Hip Hop Café, das Melissa Avery North gehörte und in dem er jeden Morgen herzhaft frühstückte. Das Mittagessen richtete sich danach, wo er sich gerade aufhielt und was er tat. Abends betätigte er sich stets als wenig geschickter Koch, was ihm immer wieder stapelweise schmutziges Geschirr in der Spüle eintrug. Er ignorierte es so lange, bis es einfach nicht mehr ging.

Melissa hatte das Café in ihrem ureigenen Stil eingerichtet. Die verchromte Theke und mehrere Sitznischen entstammten den fünfziger Jahren. Die bunten Tische und Stühle gehörten sämtlichen Stilrichtungen an, aber alles zusammen sah hübsch aus. Farne und Efeu hingen in großen Töpfen von der Decke, und eine echte alte Jukebox nahm einen Ehrenplatz an der Wand ein.

Kurt begrüßte mehrere Leute, die er schon sein ganzes Leben lang kannte, setzte sich und verzichtete auf die Speisekarte.

Die Kellnerin kam sofort zu ihm und schenkte Kaffee ein. „Guten Morgen, Kurt. Wie immer?“

„Ja, Janie, danke.“

Janie war eine tüchtige Kellnerin und dazu sehr hübsch, schlank und mit ausdrucksvollen blauen Augen. Das lange blonde Haar trug sie bei der Arbeit zum Pferdeschwanz gebunden.

Melissa hatte ihm erzählt, dass Janie erst kurze Zeit im Hip Hop Café war. Sie hatte versucht, sich am College zur Lehrerin ausbilden zu lassen und nebenbei zu arbeiten. Nach zwei Jahren war es ihr jedoch zu viel geworden. Sie hatte das College verlassen, um zu arbeiten und zu sparen. Mit vierundzwanzig hatte sie den Traum, Lehrerin zu werden, nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

Kurt wünschte ihr, dass sie ihr Ziel erreichte. Er bewunderte ihre Ausdauer und ihren Elan. Und er beneidete sie um die Fähigkeit, noch träumen zu können.

Ja, Janie war eine Spitzenkellnerin, es sei denn, dieser Typ kam herein. Wie hieß er doch gleich? Ach ja, J.D. Cade. Kurt lächelte.

Er hatte eines Morgens beobachtet, wie J.D. Cade sich an die Theke setzte und eine Tasse Kaffee bestellte. Janie war hingerissen gewesen, als hätte sie einen Filmstar vor sich. Dabei war der Typ nur Helfer auf der Kincaid-Ranch.

Jedenfalls hätte man an dem bewussten Morgen nicht angenommen, dass sie eine überdurchschnittlich tüchtige Kellnerin war. Sie hatte J.D.s Tasse gefüllt, bis der Kaffee in die Untertasse floss, und anschließend hatte sie sein Glas umgestoßen und ihm das Wasser auf die Hose gekippt.

J.D. Cade hatte die Situation gut gemeistert. Janie war den Tränen nahe gewesen, aber er hatte nur abgewunken und gemeint, etwas Wasser könnte seiner staubigen Jeans nicht schaden.

„Guten Appetit!“ Janie stellte einen großen Teller vor Kurt auf den Tisch und füllte seine Tasse nach. „Wie üblich, Sir … Pfannkuchen, zwei Spiegeleier, Hackbraten, Schinken und Toast.“

„Das wird wohl bis zum Mittagessen reichen“, meinte Kurt und griff nach der Gabel.

Lachend ging Janie an den nächsten Tisch, und Kurt widmete sich dem gewaltigen Frühstück.

Dana fuhr langsam die Hauptstraße von Whitehorn entlang und achtete sorgfältig auf die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Es hätte ihr gerade noch gefehlt, wegen Schnellfahrens von einem Polizisten angehalten zu werden.

Als sie einen Laden entdeckte, der bereits geöffnet hatte, parkte sie davor. Ein Supermarkt wäre billiger gewesen, aber diese großen Läden hatten sich noch nicht wie in den Großstädten darauf eingestellt, morgens zeitig für die Leute auf dem Weg zur Arbeit zu öffnen. Sie stieg aus, schloss den Wagen ab, streckte sich und unterdrückte ein Gähnen. Dabei fiel ihr Blick auf ihr Kennzeichen aus Illinois.

Genau genommen stellte sie sich als Flüchtige sehr ungeschickt an. Sie war in ihrem eigenen Wagen unterwegs und benutzte ihren Namen und ihre Kreditkarten. Vermutlich hinterließ sie eine Spur, die so breit wie eine Autobahn war. Doch sie hatte einfach keine Zeit gehabt, sich einen Plan zurechtzulegen. Sie hatte nur etliche Sachen in ihren Koffer geworfen und die Handtasche gepackt und war geflohen.

Später dann hatte sie keinen Leihwagen genommen aus Furcht, die Vermieter könnten schon ihren Steckbrief haben.

Ich bin eine ungeschickte Verbrecherin, dachte sie und versuchte, die trübe Stimmung durch schwarzen Humor zu heben. Ich muss einen Kurs besuchen, wie man der Polizei am besten entkommt.

Dana betrat den Laden, nickte dem älteren Mann hinter der Theke höflich zu und nahm einen kleinen Einkaufskorb vom Stapel neben dem Eingang. Nachdem sie Shampoo und Wegwerf-Rasierklingen aus dem Regal geholt hatte, stieß sie auf eine Auswahl von Zeitschriften und Büchern. Sie entschied sich für die Taschenbuchausgabe eines Bestsellers. Vielleicht konnte sie für einige Stunden aus ihrem eigenen Leben fliehen, indem sie in eine erfundene Romanwelt eintauchte.

Auf dem Weg zur Kasse fiel ihr ein, dass sie noch eine kalte Limonade mitnehmen konnte, holte eine aus dem Kühlregal und ging energisch auf die Kasse zu.

„Keiner rührt sich!“, schrie ein Mann.

Dana blieb wie erstarrt stehen. Entsetzt starrte sie auf den Kerl, der eine Waffe auf den älteren Mann hinter der Theke richtete.

„Stehen bleiben, Lady!“, sagte der Bewaffnete zu Dana.

Sie nickte ängstlich.

„Los!“, sagte der Mann zu dem Angestellten. „Das Geld aus der Kasse in die Tüte da. Schnell!“

„Ja.“ Die Stimme des älteren Mannes zitterte. „Ja, ja, sofort.“

Der Angestellte holte das Geld aus der Kasse, ließ aber einiges fallen, weil seine Hände so heftig zitterten.

„Schneller!“, schrie der Räuber.

„Da, das ist alles!“, stieß der Angestellte hervor.

„Du lügst, Alter! Wo ist der Safe?“

„Wir haben keinen Safe. Das ist eine Kleinstadt. Wir haben nicht genug Geld für …“

„Lüge!“, schrie der Räuber und krümmte den Finger am Abzug.

Kurt verließ das Hip Hop Café und blieb einen Moment auf dem Bürgersteig stehen. Es war schon ein Genuss, so gut gegessen zu haben. Nach einem Blick auf die Uhr beschloss er, im Laden seinen Vorrat an Bonbons, die er stets im Schreibtisch hatte, aufzufüllen.

Lässig schlenderte er die Straße entlang, erreichte den Laden und entdeckte davor einen Wagen mit Kennzeichen aus Illinois.

Im selben Moment hörte er einen Schuss.

Der Räuber drückte ab. Der Angestellte brach hinter der Theke zusammen.

Im nächsten Augenblick passierten drei Dinge gleichzeitig.

Der Räuber richtete die Pistole auf Dana.

Dana schleuderte die Limonadendose nach ihm und traf ihn genau zwischen den Augen.

Und Kurt Noble stürmte tief geduckt und mit der Pistole im Anschlag in den Laden, während der Räuber genau vor seinen Füßen landete.

2. KAPITEL

Ich habe den Räuber umgebracht, dachte Dana hysterisch. Sie hatte die Dose geworfen, ohne zu überlegen, und sie hatte den Mann genau zwischen den Augen getroffen. Lieber Himmel, er war tot! Und sie hatte ihn umgebracht!

Und der Räuber hatte zu allem Überfluss auch noch einen Komplizen in einem schicken Sportjackett, und jetzt richtete er eine Waffe auf sie. Und er schoss sie garantiert nieder, weil sie seinen Kumpel umgebracht hatte.

Oh, und jetzt kam noch einer mit gezogener Waffe herein. Ein Cowboy. Cowboys waren typisch für Montana. Und sie war schließlich in Montana, oder? Ja, sie war in Montana, aber an den Namen der Stadt konnte sie sich nicht mehr erinnern.

Wie traurig, dachte sie und konnte kaum ein schrilles Lachen zurückhalten. Jetzt wurde sie gleich in einem namenlosen Kaff in Montana erschossen.

Kurt schätzte die Lage mit einem erfahrenen Blick ein und wandte den Kopf, als J.D. Cade hereinstürmte. „Sehen Sie hinter der Theke nach!“, rief Kurt ihm zu.

Während J.D. gehorchte, hob Kurt die Waffe des Räubers vom Boden auf. Der Mann lag auf dem Bauch und stöhnte.

„Eine Bewegung, und Sie erleben nicht einmal mehr das Mittagessen“, warnte Kurt und richtete seine Waffe auf den Räuber.

„Ich bewege mich nicht“, antwortete der Mann.

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