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Lass mich dich lieben

1. Kapitel

Morgens um acht Uhr, läutete das Telefon in dem kleinen Häuschen, in dem Rebecca mit ihrem Vater Benjamin McKenzie lebte. Als er mit zweiundvierzig an Krebs erkrankte, verließ Lena sie mit der Begründung, dass sie mit der Krankheit ihres Mannes nicht fertig werden würde. Rebecca hatte vor Jahren schon aufgegeben, auf die Liebe ihrer Mutter zu hoffen. Lena hielt sie von Anfang an auf Abstand. Mit ihrem Vater aber verstand sie sich bestens. Sie beide waren ein Herz und eine Seele. Daher war es für sie selbstverständlich gewesen, ihm in seiner schweren Krankheit zur Seite zu stehen und ihn zu pflegen, als er ans Bett gefesselt war. Bis er vor zwei Tagen in die Klinik gebracht werden musste, weil seine Nieren versagten.

„Hallo?“

Sekunden später erklang es von der anderen Seite: „Guten Morgen Rebecca, hier Doreen! Es wäre gut, wenn du gleich kommen könntest. Oh Rebecca, ich sage es dir nur ungern, aber ich glaube, mit deinem Vater geht es zu Ende. Er hat schon nach Pastor Peters verlangt.“

Rebecca schälte sich aus dem Bett und zog sich an. Nun war es also so weit. Sie hatte gewusst, dass es irgendwann so kommen würde. Seitdem sie ihren Vater pflegte, musste sie sich des Öfteren von ihm anhören, dass Gott ihn endlich von seinem Leid erlösen solle. Dabei musste sie ihm immer wieder versprechen, stark zu sein und danach endlich ihr Leben zu leben.

„Danke Doreen, ich komme!“

Doreen war Krankenschwester in der Klinik St. Antonin, die seit dem Krebsleiden ihres Vaters zu Rebeccas zweitem Zuhause wurde. Ihre Mutter Maria war ihre Nachbarin, die ihr bei der Pflege mit ihrem Vater half, wenn Rebecca sich als Reitlehrerin ihr Geld verdiente. Bevor sie zur Klinik fuhr, rief sie noch kurz Maria an und unterrichtete sie über das Telefonat. Danach machte sie sich mit ihrem kleinen VW auf den Weg.

Dort angekommen, ließ man sie gleich zu ihrem Vater durch, der auf der Intensivstation lag. Benjamin McKenzie lag in sich eingefallen und an etlichen Geräten angeschlossen, im Bett. Sie wusste schon von den Ärzten, dass nach und nach seine Organe versagen würden, da der Krebs gestreut hatte. Trotz der Trauer in ihrer Seele, musste sie nun stark sein, denn es würde ihren Vater unglücklich machen, zu sehen, dass er seine trauernde Tochter allein zurücklassen musste. Rebecca tröstete sich mit dem Gedanken, dass nun endlich die Gebete ihres Vaters, erlöst zu werden, von Gott erhört wurden. Denn sie wusste nur zu gut, welche Schmerzen er im letzten Jahr ertragen musste.

Sie nahm sich einen Stuhl, setzte sich nah zu ihm ans Bett und ergriff seine kalte und kraftlose Hand.

„Hallo Papa! Hier bin ich. Wie geht es dir?“

Benjamin McKenzie blickte seine Tochter mit gläsernen Augen an und lächelte schwach.

„Hallo, mein Mädchen! Gott nimmt mich nun endlich zu sich. Aber ich muss dir noch etwas ganz Wichtiges sagen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt! Darum bitte ich dich, mich nicht zu unterbrechen. Du sollst wissen, dass du immer mein Ein und Alles warst. Und du versprichst mir, dass du stark sein wirst und dein Leben endlich in die Hand nimmst?“

Rebecca lächelte ihn tapfer an und nickte.

„Du weißt ja, dass du einen Großvater hast! Leider ist mein Vater vor drei Jahren verstorben. Er hat dir, mein Liebes, seine Ranch „Golden Bird“ vererbt. Ich wollte es dir nicht vorher sagen, weil ich Angst hatte, dich zu verlieren.“

Als er sah, dass sie sich dazu äußern wollte, erhob er kraftlos seine Hand und sprach mit einer immer schwächer werdenden Stimme: „Ich muss dir noch mehr beichten. Lena war nicht deine leibliche Mutter. Ich führte mit ihr nur eine Zweckehe, ohne Verpflichtungen und Ansprüchen. Deine richtige Mutter hieß Wanda und war Tänzerin. Ich lernte sie kennen, als sie mit ihrer Truppe nach Texas kam."

Ihr Vater musste husten und Rebecca sah, dass es ihn unheimlich viel Kraft kostete. Dennoch sprach er weiter: "Mein Vater war mit ihr nicht einverstanden gewesen. Ich war jung und naiv, weswegen ich mich mit ihm böse zerstritten habe und mit Wanda durchbrannte. So schnell, wie wir geheiratet hatten, wurden wir auch wieder geschieden. Das Ganze war nach einem halben Jahr vorbei und Wanda zog mit ihrer Truppe weiter. Eines Tages kam sie und brachte dich zu mir. Sie sagte, dass sie mit einem Kind …"

Wieder musste er husten. Rebecca hätte ihm am liebsten gesagt, er solle aufhören zu reden. Doch würde es heute das letzte Mal sein, das sie seine Stimme zu hören bekam.

"… keine Zukunft hätte und ließ dich mit sämtlichen Vollmachten bei mir. Ich habe nie daran gezweifelt, dein Vater zu sein. Nun stand ich da mit einem süßen Baby, aber ohne Frau und Mutter. Kurze Zeit später trat dann Lena in mein Leben und unterstützte mich soweit es ging. Ich tat alles nur für dich, mein Kind. Du brauchtest doch eine Mutter“, erzählte er ihr zu Ende.

Benjamins Stimme war am Ende nur noch ein Flüstern und er wurde immer schwächer. Die Worte ihres Vaters ließen Rebecca merkwürdiger Weise weder erzürnen, noch trauern. Damit bekam sie die Erklärung für Lenas Verhalten ihr gegenüber.

Sie strich zärtlich über die eingefallene Wange ihres Vaters, als sie eine Träne entdeckte.

„Ich liebe dich Papa! Und ich bin dir dankbar für alles, was du für mich getan hast. Ich verstehe dich und bin dir nicht böse.“ Sie konnte sehen, wie er erleichtert aufatmete.

„Rebecca, mein Kind. Unser Anwalt hält alles für dich bereit. Vergiss nicht, dein neues Leben zu beginnen. Du bist nun dreiundzwanzig Jahre alt. Ich weiß, du wirst es schaffen. Du bist eine McKenzie! Geh jetzt und schicke Pastor Peters zu mir“, kam es nur noch schwach aus ihm hervor.

„Aber Papa, ich will bei dir bleiben!“, sagte sie.

„Nein, geh' bitte! Es wird uns beiden leichter fallen. Ich liebe dich und werde dich immer in meinem Herzen tragen.“

Rebecca musste es wohl einsehen. Sie verabschiedete sich liebevoll und wie sie wusste, ein letztes Mal von ihrem Vater. Sagte ihm, dass auch er immer in ihrem Herzen weiterleben würde und er sich um sie keine Sorgen machen müsse. Sie würde stark bleiben und es schaffen. Dann ging sie aus dem Zimmer, gab dem Pastor Bescheid und setzte sich draußen im Flur zu Doreen, die gekommen war, um ihr beizustehen. Tränen hatte sie längst keine mehr. Sie war jetzt nur noch erleichtert, dass ihr Vater nun von seinem Leid erlöst sein würde. Zehn Minuten später kam Pastor Peters zu ihnen.

„Dein Vater ist mit einem Lächeln eingeschlafen. Es war das Beste für ihn. Er bat mich noch, dich an deine Ziele und dein Versprechen zu erinnern.“

Rebecca nickte, bedankte sich, holte tief Luft und verließ die Klinik zum letzten Mal.

Die nächsten drei Tage bis zur Beerdigung ihres Vaters, verbrachte sie mit Papierkram, dem Einpacken von kleinen Habseligkeiten und dem Aussortieren des Inventars. Für den Verkauf des kleinen Häuschens beauftragte sie eine Maklerin.

Das Mobiliar und die gut erhaltenen Kleidungsstücke ihres Vaters, spendete sie dem Obdachlosenheim.

Rebecca rief in New Jersey an. Sie hatte sich dort vor ein paar Monaten auf Grund einer Annonce, als Reitlehrerin beworben. Es wurde ihr bestätigt, dass die Stelle noch zu haben sei. Sie ergriff die Chance eines Neuanfangs, sagte zu und kündigte sich für den kommenden Freitag an. Sie müsste gleich nach der Beerdigung losfahren, damit sie nicht zu spät am Abend dort eintreffen würde. Denn vor ihr lagen sieben Autostunden Fahrt. Bei dem Anwalt ihres Vaters erfuhr Rebecca von seiner kleinen Lebensversicherung, die er für alle Fälle für sie als Startkapital, abgeschlossen hatte. In den Unterlagen, die besagten, dass sie die Erbin der Ranch ihres Großvaters sei, befanden sich keine Fotos. Rebecca hatte also keine Vorstellung davon. Da sie jedoch zurzeit sowieso nicht vorhatte, ihr Erbe anzutreten, versprach ihr der Anwalt, den Vorarbeiter, der schon seit zwanzig Jahren für ihren Großvater arbeiten würde, darüber zu unterrichten und ihn darum zu bitten, sich bis auf Weiteres um die Ranch zu kümmern.

Rebecca gab ihm ihre neue Anschrift, sodass der Anwalt sie wegen der Ranch auf dem Laufenden halten konnte. Freundlich schüttelte sie ihm zum Abschied die Hand und bedankte sich, ehe sie die Kanzlei verließ.

Am Tag der Beerdigung, belud sie schon um acht Uhr morgens ihren kleinen VW mit den wenigen Habseligkeiten, die sie besaß. Ein Fotoalbum und kleine Erinnerungsstücke ihres Vaters, waren das Einzige, was sie mit sich nahm. Dies war Benjamin McKenzies letzter Wunsch an seine Tochter gewesen. Sie sollte nicht zu sehr in Erinnerungen schwelgen.

Außer ihrer Nachbarin Maria, deren Tochter Doreen und ein paar frühere Arbeitskollegen ihres Vaters, war niemand da, die mit ihr zusammen am Grab, Abschied genommen hatten. Eine Familie gab es keine und auch Lena erschien nicht. Was sie doch ein wenig verärgerte. Immerhin hatte sie zwanzig Jahre als seine Frau fungiert. Sie würde ihre leibliche Mutter, die sie nicht wollte und ihre Stiefmutter, wohl nie verstehen können.

Rebecca schob die negativen Gedanken beiseite, denn diese gehörten nun der Vergangenheit an.

Wieder zu Hause, ging sie mit Maria und Doreen in deren Haus, um sich mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen für die lange Fahrt zu stärken.

Sie wollte sich auch für ihre aufopfernde Bereitschaft bedanken und sich herzlich verabschieden.

„Ich möchte mich bei euch für eure Hilfe bedanken. Hier Maria!“

Rebecca gab ihr einen Hunderter, damit sie damit den ersten Monat das Grab pflegen konnte.

„Ich werde dir jeden Monat Geld schicken, denn ich weiß, wie teuer die Grabpflege ist.“

„Das mache ich doch gerne. Dein Vater war ein liebevoller Mensch. Oh Rebecca … Wir werden dich vermissen“, schluchzte Maria auf. Doreen tätschelte die Hand ihrer Mutter und meinte: „Mutter, hier sind zu viele Erinnerungen. Für Rebecca ist es das Beste, irgendwo neu anzufangen. Sie ist schon immer sehr tapfer und stark gewesen. Daher zweifle ich nicht daran, dass sie es schafft. Und du weißt, dass es Benjamins Wunsch war, dass seine Tochter nach seinem Tod, ihr Leben in die Hand nehmen sollte.“

Doreen zwinkerte ihr zu und lächelte. Rebecca erwiderte das Lächeln und sagte: „Macht euch mal keine Sorgen. Ich werde regelmäßig schreiben und euch auf dem Laufenden halten.“

Auch versprach sie ihnen, sie in regelmäßigen Abständen zu besuchen. Auch wenn Rebecca wusste, dass es Stunden entfernt von ihrem neuen Zuhause lag.

„Das hoffe ich doch sehr, kleines Fräulein“, lächelte nun auch Maria zurück.

„Ich habe dir für die lange Fahrt nach New Jersey, Proviant eingepackt. Und wenn was ist, gibt es ja noch das Telefon. Nun denn, meine Liebe. Es wird Zeit zum Aufbruch. Pass gut auf dich auf, Rebecca!“ Maria und Doreen umarmten sie zum Abschied.

„Das werde ich ganz bestimmt! Wir hören voneinander. Macht’s gut, ihr Beiden und nochmals vielen Dank für alles.“

Um einundzwanzig Uhr abends, kam Rebecca auf der Reitanlage in New Jersey an. Durch den Spätfrühling dämmerte es gerade, sodass sie ihre Umgebung noch gut sehen konnte. Es war eine große Anlage und auf einer der Weiden befanden sich mindestens fünfzehn Pferde. Rebecca hielt vor einem großen Gebäude an, das wohl das Wohnhaus der Familie Jacobs sein musste. Sie nahm ihre Handtasche mit der Empfehlung und den Unterlagen vom Beifahrersitz, stieg aus ihrem Wagen, streckte sich einmal kurz und schritt dann auf die Haustür zu. Kurz bevor sie anklopfen konnte, wurde sie aufgerissen und ein kleiner Junge von etwa acht Jahren, stürmte an ihr vorbei in Richtung der Ställe.

„Micha, du sollst nicht so rennen! Wie oft soll ich es dir noch sagen? Vergiss nicht, deinen Vater mitzubringen“, hörte Rebecca eine Frauenstimme rufen, bevor diese erschien.

„Entschuldigen Sie! Sind Sie Mrs. Jacobs? Ich bin Rebecca McKenzie!“

Die Frau bejahte und reichte ihr mit einem freundlichen Lächeln die Hand.

„Miss McKenzie! Ich freue mich, Sie zu sehen. Haben Sie den Weg gut finden können? Entschuldigen Sie bitte, aber mein Sohn Micha ist ein kleiner Wildfang. Bitte kommen Sie doch herein. Mein Mann wird gleich da sein. Micha holt ihn gerade.“

„Danke, sehr nett von Ihnen, Mrs. Jacobs. Und ja, dank Ihrer guten Wegbeschreibung gab es keine Probleme“, antwortete Rebecca ihr höflich.

Sie betrat mit ihr das Innere des Hauses und wurde in ein großes Arbeitszimmer geführt.

„Bitte setzen Sie sich!“ Mrs. Jacobs bot ihr einen Stuhl an.

„Danke!“, lächelte Rebecca und ließ sich darauf nieder. Zwar hatte sie lange genug gesessen auf der Fahrt hierher, doch würde es sicher nicht gut ankommen, wenn sie stehen bliebe.

Miss Jacobs bot ihr eine Tasse Kaffee an, die sie dankend entgegen nahm. Rebecca erfuhr während des Wartens auf ihren Mann, einiges über die Reitanlage und warum es so schwer wäre, eine geeignete Lehrerin zu finden. Nicht viele schienen sich mit dem Dressurreiten auszukennen, was Rebeccas Glück war. Mrs. Jacobs versprach, nach dem Einstellungsgespräch mit ihrem Mann, mit ihr das Nötigste anzusehen, bevor es dunkel werden würde. Auch die kleine Hütte, die Rebecca bewohnen sollte.

Ein Klopfen an der Tür, riss die beiden Frauen aus ihrer Plauderei und herein kam ein gut aussehender Mann, mittleren Alters mit seinem Sprössling. Rebecca erhob sich. Dies schien ihr zukünftiger Chef zu sein, denn er hielt ihr lächelnd die Hand entgegen und hieß sie Willkommen. Auch der kleine Wildfang grüßte wohlerzogen.

„Bitte setzen Sie sich doch, Miss McKenzie!“, meinte er.

„Danke! Bitte nennen Sie mich Rebecca!“ Wieder ließ sie sich auf dem Stuhl nieder.

Mister Jacobs nickte. „Also Rebecca! Meine Frau kennen Sie ja schon. Der kleine Wicht hier ist mein Sohn Micha und ich heiße Adam“, stellte er sich vor.

„Bitte verzeihen Sie, aber ich würde gerne beim Förmlichen bleiben. Da Sie meine neuen Arbeitgeber sind, halte ich es für angebrachter. Mein Vater pflegte immer zu sagen, dass man es nur mit Anstand und Sitte zu Etwas bringen kann“, lächelte Rebecca ihnen entschuldigend entgegen. Sie so einfach mit ihren Vornamen anzusprechen, behagte ihr gar nicht.

Mister Jacobs schien keine Einwände zu haben, denn er meinte: „Ein weiser Mann, Ihr Vater. Übrigens unser Beileid. Es muss schwer für Sie gewesen sein. Sie sind noch so jung.“

„Ich bin fast vierundzwanzig. Und danke! Es war nicht leicht, aber ich bin froh, dass mein Vater nun erlöst ist. Ich habe ihn ein ganzes Jahr gepflegt, daher weiß ich, durch welche Hölle er mit seinen Schmerzen ging.“

Ihre beiden Arbeitgeber nickten mitfühlend und Mister Jacobs sah sich dann die Empfehlung und Versicherungsunterlagen an, während seine Frau sich mit ihrem Sohn beschäftigte.

Rebecca erkannte, dass Mister Jacobs der Führende des Unternehmens war. Mrs. Jacobs entschuldigte sich nun und verließ mit ihrem Sohn das Arbeitszimmer. Nach einiger Zeit meldete sich Mister Jacobs zu Wort.

„Wie ich sehe, ist alles in bester Ordnung, Rebecca. Ich freue mich, Sie als unser neues Teammitglied begrüßen zu dürfen.“

„Vielen Dank!“

„Sie müssen mich nun entschuldigen, aber ich habe noch ein wenig zu arbeiten. Meine Frau wird Ihnen alles zeigen.“

Beide erhoben sich, reichten sich die Hand und verließen das Arbeitszimmer. Mit Mrs. Jacobs und ihrem Sohn, begab sie sich nun auf Besichtigungstour.

„Es freut mich, dass Sie die Stelle angenommen haben. Dann werde ich Ihnen mal das Nötigste zeigen. Morgen können wir gerne alles andere besichtigen. Ihre Arbeit beginnt nicht vor Montag. Nutzen Sie die Gelegenheit und ruhen Sie sich mal richtig aus“, lächelte ihre Chefin höflich und mit aufrichtiger Anteilnahme.

„Danke, das werde ich tun“.

2. Kapitel

 

Aus Tagen wurden Wochen und die Wochen zu Monaten. Rebecca hatte Freude daran, für die Familie Jacobs zu arbeiten. Sie lebten mit ihren Angestellten wie in einer Großfamilie. Die Mahlzeiten wurden stets gemeinsam am großen Esstisch eingenommen.

Beide waren nach anfänglicher Skepsis von ihren Leistungen als Dressurlehrerin sehr beeindruckt. Was natürlich nicht an ihr lag, sondern an der Nachfrage.

Die Reitanlage florierte sehr gut. Es befanden sich dreißig Springpferde, zehn Ponys für Kleinkinderreiten und dreißig Dressurpferde auf der Anlage. Die Mitgliederzahl belief sich auf 576 begeisterte Pferdenarren, wovon sich schon zweihundert für das Dressurreiten interessierten. Sie verbrachte täglich acht Stunden mit ihren Reitschülern, die aus Kindern, jungen Frauen und Männern bestand.

 

Mittlerweile hatte Rebecca sich eine sehr begabte junge Frau, die selbst bei ihr die Dressur erlernte, zur rechten Hand genommen. Ihr Chef hatte eingesehen, dass der Andrang alleine nicht mehr zu bewältigen war. Viola übernahm somit die Longen-Stunden und die Anfängerkurse, sodass sie selbst sich den höheren Klassen widmen konnte. Das Ponyreiten übernahm ihre Chefin und dann gab es da noch Louis, den Springlehrer, der keinen Tag ausließ, um sie damit zu necken, das echte Männer eher auf einem Bullen reiten würden, bevor sie Dressurreiten täten.

Sie und Louis verstanden sich sehr gut und diese Sticheleien beruhten auf Gegenseitigkeit. Sie waren zu engen Freunden geworden.

„Wendy, halte deinen Oberkörper aufrecht und die Schulterblätter zusammen!“, rief Rebecca gerade ihrer sechzehnjährigen Reitschülerin zu, die auf einem siebenjährigen, braunen Wallach saß.

„Tut mir Leid, Miss McKenzie! Aber Gonzo zieht seinen Kopf runter.“

„Du hast die Zügel, Wendy! Riegel vorne etwas, damit er den Kopf hebt und dann beschäftige ihn im Maul.“

„Leichter gesagt, als getan! Er ist stur wie ein Esel“, jammerte ihre Reitschülerin.

„Gib ihm die Hacken in die Seiten!“

Sie sah dem Kampf einige Zeit zu und entschied dann, es Wendy noch ein letztes Mal zu zeigen.

 

„Hör zu Wendy! Wenn du frustriert bist, spürt es Gonzo und stellt sich genau so stur. Sitz ab, dann zeig ich es dir ein letztes Mal.“

Wendy tat, wie ihr geheißen und man konnte deutlich ihre Erleichterung sehen. Rebecca saß auf und schon verhielt sich der siebenjährige Wallach ganz anders. Er bewegte sich graziös unter ihr und trug das Gewicht seines Halses allein. Sie konnte ihn mit leichter Hand dirigieren, ließ ihn ein paar Volten gehen und trabte einen Mitteltrab auf der langen Seite der Halle. Danach ließ sie ihn rückwärts richten und galoppierte vom Platz weg einen Zirkel. Nachdem sie Gonzo etwas gelockert hatte, stieg sie ab und überließ ihn wieder ihrer Reitschülerin.

„Achte nun bitte darauf, dass du ihn mit deinen Schenkeln und den Händen beschäftigst.“

„Sie sitzen viel gerader, Miss McKenzie! Bei Ihnen sieht alles so einfach, so professionell aus“, seufzte Wendy frustriert.

„Gib dir Zeit, Wendy! Du reitest erst seit drei Monaten. Auch ich musste es von der Pike auf erlernen. Und ich bin schon seit über zehn Jahren dabei.“

„Okay, Miss McKenzie, ich versuch´s! Immerhin möchte ich auch mal eine so gute Dressurreiterin werden, wie Sie.“

 

Die restlichen zwanzig Minuten der Stunde verliefen schon etwas besser. Wendy ging wieder mit neuem Elan an die Sache und Rebecca erstaunte es immer wieder, welch einen guten Einfluss sie auf ihre Schüler hatte.

 

Einmal im Monat hielt sie nach wie vor ein Telefongespräch mit ihrer früheren Nachbarin Maria und deren Tochter Doreen ab, um von ihren Erlebnissen zu erzählen. So wie heute. Maria kümmerte sich weiterhin um die Grabpflege ihres Vaters und gab ihr jedes Mal zu verstehen, dass es mit einem Fünfziger auch getan wäre. Sie aber beharrte auf den Hunderter, denn sie war froh, dass die Beiden sich darum kümmerten.

 

Nach einer erfrischenden Dusche zog Rebecca sich Shorts und ein Top an und begab sich auf den Weg zum Haupthaus ihrer Arbeitgeber. Wie jeden Abend überprüfte sie auf dem Weg dorthin, den Verschluss der Koppeln, bevor sie zum Abendessen bei der Familie Jacobs eintraf.

Heute Abend saß allerdings außer der Familie und den Angestellten, ein neuer Mann am Tisch.

„Rebecca, darf ich vorstellen? Dies ist mein Neffe Tom Wallace aus New York. Er ist dort Anwalt und besucht mich für eine Woche in seinem Urlaub. Nicht ganz freiwillig“, erwähnte ihre Chefin und lachte. „Sie müssen wissen, dass meine Schwester zweimal im Jahr darauf besteht, das Tom mich besucht, damit er ihr die Neuigkeiten erzählen kann“, gab sie freimütig zu. „Tom, dies ist unser Neuzugang Rebecca McKenzie. Sie ist eine hervorragende Dressurreiterin und Lehrerin. Wir alle sind sehr stolz auf sie“, wurde sie ihm lobend vorgestellt.

Tom Wallace reichte ihr die Hand. „Freut mich, Sie kennen zu lernen, Miss McKenzie.“

„Gleichfalls“, erwiderte Rebecca lächelnd und schüttelte seine Hand.

 

Während des Essens, tauschten sie die Geschehnisse des heutigen Tages aus und wieder einmal machte sich Louis über die Männer lustig, die bei ihr im Unterricht waren. Rebecca konterte, indem sie Louis fragte, warum er eine fast hundert Kilo schwere Frau auf einem Pferd springen ließe, denn ihr täte das arme Pferd dabei leid. Was natürlich für Gelächter sorgte. Trotzdem merkte ihr Chef an, dass sie damit vielleicht nicht so Unrecht hätte.

Louis gestand ihnen, dass er sich das auch schon überlegt hätte und diese Kundin lieber an Rebecca abgeben würde. Ihr Chef sagte daraufhin, dass er sich mit der Kundin in den nächsten Tagen, zu einem Gespräch hinsetzen würde.

 

Den ganzen Abend spürte Rebecca, dass Tom sie beobachtete. Sie vermied es absichtlich, mit ihm in Blickkontakt zu treten. Denn allein ihre Reaktion beim Händeschütteln, hatte sie verunsichert. Bei dem Gedanken daran, konnte sie wieder das Prickeln in ihrer Hand spüren.

 

Die nächsten beiden Tage versuchte Tom, immer wieder in ein Gespräch mit ihr zu kommen. Selbstverständlich blieb sie höflich, ließ ihn aber nicht zu nahe kommen. Er flirtete auf Teufel komm raus mit ihr, wollte sogar eine Longen-Stunde bei ihr buchen, die aber von ihrer Chefin mit einem Lachen abgetan wurde. Und doch bewunderte Rebecca seine Hartnäckigkeit. Nicht, dass sie ihn nicht für charmant und gutaussehend hielt. Im Gegenteil! Er war schlank, groß, hatte braunes Haar und warme, braune Augen. Rebecca aber fehlte es an Erfahrung.

 

Am letzten Tag seines Urlaubes, veranstalteten sie abends ein Grillfest, auf dem auch die Frauen oder Freundinnen der Arbeiter eingeladen waren.

Eine von Rebeccas Dressurpferden lahmte und sie ging hinüber in den Stall, um nach ihr zu sehen.

„Na, meine Gute? Lass mich mal nach deinem Bein schauen.“

Sie betrat die Box der Stute und tastete vorsichtig das Sprunggelenk ab. Zum Glück war es nicht mehr so heiß und dick , wie noch heute Morgen.

 

„Du kennst dich gut mit Pferden aus.“

Erschrocken fuhr Rebecca herum. „Müssen Sie so herumschleichen? Verdammt Tom, wenn die Stute sich erschrocken hätte, wäre ein Fehltritt schon fatal.“

Mit Vornamen angesprochen zu werden, war ja okay. Aber beim Duzen waren sie noch lange nicht. Dies tat niemand von den anderen.

„Sorry, ich wollte weder dich, noch das Pferd erschrecken!“

Er blieb stur beim Du. Dennoch tat es ihr jetzt leid, ihn so angefahren zu haben.

„Schon gut! Entschuldigen Sie, das ich Sie so angefahren habe.“

Ein Lächeln erschien auf seinem attraktiven Gesicht. Rebecca schmunzelte. Tom ließ sich wirklich nicht davon abbringen, ihr den Hof zu machen. Trotz ihrer Reserviertheit.

„Entschuldigung angenommen, wenn du mit mir tanzt, sobald du hier fertig bist.“

Sein spitzbübisches Grinsen, brachte sie zum Lachen.

„Sowas nennt man Erpressung! Aber gut, ich will ja kein Unmensch sein.“

„Na endlich!“, seufzte er gespielt erleichtert auf. „Nach sechs Tagen, bekomme ich dich nun wenigstens für einen Tanz.“

Rebecca verließ lachend die Box, hielt ihm ihre Hand hin und sagte: „Dann kommen Sie, Sie armer Mann und lösen Sie Ihren Tanz ein.“

 

***

 

Dies ließ Tom sich nicht zweimal sagen. Er ergriff ihre Hand und zog sie mit sich nach draußen, wo einige Paare schon unter freiem Himmel, ihr Tanzbein schwangen. Diese Frau hatte ihn seit ihrem ersten Zusammentreffen gefesselt. Sie besaß so etwas Erfrischendes. Mit ihren ein-Meter-fünfundsechzig, ging sie ihm gerade einmal bis unters Kinn. Gerade richtig, fand er. Er legte seine Hand um ihre Taille und bewegte sich mit ihr im Takt der Musik, wobei er nichts unversucht ließ, sie dichter an sich zu ziehen. Ihr langes, blondes Haar, trug sie zu einem Pferdeschwanz, so dass man ihren schlanken Hals sah.

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Versuchs“, lächelte Rebecca ihn an.

„Warum bist du mir aus dem Weg gegangen? Ich bin kein böser Mensch. Was soll ich sagen…Wenn mir etwas gefällt, versuche ich es auch zu bekommen.“

 

Tom hielt es für besser, vorzupreschen. Er wollte morgen nicht abreisen, ohne zu wissen, ob er Chancen bei ihr hatte.

„Sind Sie immer so frei raus?“

„Wenn mir was wichtig ist, ja.“

 

***

 

Rebecca war überrascht. Sie ahnte schon, dass er Gefallen an ihr gefunden hatte. Aber es von ihm zu hören? Was sollte sie ihm antworten? Dass er ihr zu alt war? Erste Lüge, denn er war nur drei Jahre älter als sie. Dass sie kein Interesse an ihm hätte? Zweite Lüge, denn er gefiel ihr und sie wollte ihn gern besser kennen lernen. Also sagte sie die Wahrheit. Denn Lügen lagen ihr nicht. Ihr Vater sagte immer wieder zu ihr: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht!“

Da sie es leid war, ihn zu siezen und darauf zu hoffen, dass er es beibehielt, vergaß sie ihre Ansicht. Das brachte bei ihm eh nichts.

„Ich weiß nicht. Du bist der Erste, der Interesse an mir zeigt. Das verunsichert mich ein bisschen.“

„Damit kann ich leben. Ich hatte schon befürchtet, nicht dein Typ zu sein. Das würde mir das Herz brechen“, antwortete er ihr sichtlich erleichtert.

Sie ließ es zu, dass er sie nun dicht an sich zog, als ein langsamer Song aus der Musikanlage erklang. Und es gefiel ihr.

„Jetzt, wo wir uns etwas näher kommen, muss ich abreisen. Echt schade! Aber lass uns telefonisch Kontakt halten. Sobald ich kann, komme ich wieder. In Ordnung?“

Tom erhoffte sich wohl ein ja, denn er schien sie unbedingt haben zu wollen.

„In Ordnung! Ich würde mich freuen“, antwortete sie ihm daher.

 

Die restlichen Stunden amüsierten sie sich und Rebecca erkannte, dass man sich mit ihm sehr gut unterhalten konnte. Tom war ein leidenschaftlicher Tänzer. Im Handumdrehen schaffte er es, ihr den Kopf zu verdrehen.

Es war spät, als sie sich mit einem Gute Nacht Kuss verabschiedeten, und sie alleine in ihre Hütte zurückging. Der nächste Tag würde sehr stressig werden. Rebecca wollte sich von Tom auch noch verabschieden, wenn er zurückfahren würde.

 

Jeden zweiten Tag rief Tom an und stets wurde es ein langes Gespräch. Immer wieder sagte er ihr am Ende, wie sehr er sie vermissen würde.

Er halte es nur deshalb aus, weil er zwölf Stunden am Tag arbeite, um wenigstens alle zwei Wochen übers Wochenende zu ihr kommen zu können.

Rebecca fühlte sich dann immer geschmeichelt. Tom gab ihr damit das Gefühl, eine schöne Frau zu sein.

Dieses Wochenende würde er wieder kommen und Rebecca freute sich auf das Wiedersehen. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, sich nur durch Telefonanrufe und den gelegentlichen Treffen, so verlieben zu können. Aber genau das war ihr mit Tom passiert. Sie liebte seine Stimme, sein hartnäckiges Werben und seinen Humor.

 

„Rebecca, Telefon für Sie!“, rief ihre Chefin ihr aus dem Fenster des Arbeitszimmers zu.

Rebecca war gerade dabei, die Stute, deren Verletzung nun geheilt war, auf die Koppel hinter dem Arbeitszimmer zu lassen.

„Danke, ich komme!“, rief sie zurück.

Wer konnte das sein? Tom würde doch am Nachmittag eintreffen. Ob ihm was dazwischen kam? Sie ging zurück zum Haus und betrat das Arbeitszimmer. Fragend sah sie ihre Chefin an, die ihr nur mitteilte, dass der Anrufer ein Anwalt sei. Dann verließ sie diskret den Raum, sodass Rebecca ungestört sprechen konnte.

 

„Hallo, hier Rebecca McKenzie?“

„Guten Tag, Miss McKenzie! Mister Skover hier. Ich bekam heute Morgen einen Anruf Ihres Vorarbeiters. Er lässt fragen, ob sie das Dach der kleinen Scheune neu eindecken dürften. Er sagte, er hätte mehrmals versucht, Sie zu erreichen, wäre aber nicht durch gekommen.“

„Oh, tut mir leid. Ich war den ganzen Morgen draußen am Arbeiten. Mein Handy hängt an der Ladestation.“

„Ist nicht so schlimm und gut, wenn ich auch darüber Bescheid weiß. Mister Karter, der Vorarbeiter, erzählte mir, dass es in der Nacht ein Unwetter gegeben hätte, was für Texas nicht unüblich wäre. Dabei fiel der Strommast aufs Dach und beschädigte es erheblich.“

„Um Gottes willen! Wurde jemand verletzt?“

„Nein, nein! Nur das Dach, das laut seiner Aussage ein Schaden von etwa tausend Dollar wäre.“

„Oh, ich weiß nicht… Ich kenne Mister Karter nur telefonisch. Was glauben Sie, Mister Skover? Kann man ihm vertrauen?“

„Miss McKenzie, die Ranch ist ein Prachtstück! Ich habe mich selbst davon überzeugen können, als ich einmal wegen der Angelegenheit Ihres Erbes dorthin fahren musste. Mister Karter genießt mein vollstes Vertrauen. Letztendlich treffen aber Sie die Entscheidung.“

„Natürlich, ich wollte nicht unhöflich sein! Vielleicht sollte ich doch einmal persönlich erscheinen, damit ich diese Leute, die nun für mich arbeiten, auch kennen lerne.“

 

Rebecca hatte Schuldgefühle. Sie kannte Mister Karter nur vom Telefon her. Er besaß zwar eine freundliche Stimme und hatte ihr versichert, auf ihr Erbe gut Acht zu geben… Genügte das aber, um jemandem so blind vertrauen zu können?

„In Ordnung! Geben Sie ihm die Erlaubnis. Ich werde die Zahlung in die Wege leiten“, beschloss Rebecca dann doch. Sie bedankte sich und beendete das Gespräch.

 

„Alles in Ordnung?“, fragte ihre Chefin vom Flur aus, als sie das Arbeitszimmer wieder verließ.

„Auf der Ranch wurde ein Dach beschädigt. Mein Vorarbeiter brauchte die Erlaubnis, es reparieren zu dürfen.“

„Bestimmt wegen der Unwetter dort. Trotz allem soll Texas aber sehr schön sein. Ich kann es immer noch nicht glauben. Sie besitzen eine eigene Ranch, aber arbeiten hier für uns.“

Rebecca lachte. Sie erzählte einmal ihrer Chefin die Geschichte mit der Ranch, als sie beide abends zusammen gesessen und der untergehenden Sonne zugesehen hatten. Das Verhältnis zwischen ihnen(,) war mit der Zeit zu einer Freundschaft geworden und doch hielten sie den Anstand bei, sich zu siezen. Für sie war sie Mrs. Jacobs, ihre Chefin.

 

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