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Lass dich von mir verführen

Anne Oliver

Lass dich von mir verführen

1. KAPITEL

„Stell dir den mal nackt vor.“

Ellie Rose konnte ihre Freundin durch den Lärm der Musik kaum verstehen, doch sie hörte den schmachtenden Tonfall. Und sie wusste, wer gemeint war: der etwa einen Meter achtzig große Modeltyp, der keine vier Meter von ihnen entfernt stand. Als sich die tanzende Menge unter den bunt flackernden Lichtern kurz teilte, erblickte sie ihn zum ersten Mal in seiner ganzen Pracht.

Zwar wandte er Ellie den Rücken zu, aber sie hatte eine Schwäche für knackige Hintern. Hübsch, dachte sie mit einem heimlichen Seufzer. Sehr hübsch.

Dann versperrte ihr die Menge erneut die Sicht, und mit ihren eins achtundfünfzig hatte sie keine Chance, einen weiteren Blick auf ihn zu erhaschen. Niemals hätte sie zugegeben, dass sie den Mann mit denselben schmachtenden Blicken bedachte wie ihre Freundin. Sie kannte Sasha noch nicht lange, aber nach allem, was Ellie bisher wusste, wartete Sasha nicht darauf, dass der Mann den ersten Schritt tat.

Ellie spielte die Unschuldige. „Wen?“

Sasha prostete ihr mit ihrem Wine Cooler zu und rief über die hämmernden Bässe hinweg: „Du weißt ganz genau, wen ich meine. Den da vorn mit der großen Frau in Lederhose. Oder noch besser: Stell dir vor, ihr seid beide nackt.“

In diesem Moment küsste eine bildhübsche Brünette den attraktiven Unbekannten. Ellie schluckte und erklärte streng: „Wir sind nicht hier, um Männer aufzureißen. Wir sind wegen der Musik hier.“

„So ein Quatsch.“ Sasha setzte ihre Flasche an die Lippen. „Musik kannst du auch zu Hause hören. Oh, ich glaube, er sieht zu uns hinüber – zu dir“, korrigierte sie sich und stupste Ellie vor. „Er kommt auf uns zu. Los. Vielleicht steht er auf dich.“ Sasha beugte sich vor und sprach in Ellies Ohr. „Frag ihn, ob er einen Freund hat.“

Ellie bekam weiche Knie. Sie wollte überhaupt niemanden kennenlernen. Schon gar keinen Mann, der Sehnsüchte in ihr weckte, die ein Mann wie er nie erfüllen würde. Ein Mann, dessen charmantes Lächeln und selbstbewusster Gang den unverbesserlichen Playboy verrieten.

Er trug eine schwarze Hose und ein offenes, weißes Hemd. Sein Haar war dunkel, kurz und mit Gel verstrubbelt, sodass es aussah, als käme er geradewegs aus dem Bett seiner Geliebten. Die Designer-Platinuhr an seinem Handgelenk dürfte nicht billig gewesen sein.

Die Lichtanlage schien im Rhythmus ihres Herzschlags zu pulsieren, während er auf sie zukam. Und dann war er nah genug, dass sie ihn mit einer schnellen Armbewegung hätte an sich ziehen und küssen können. Ellie kam sich vor wie in einem alten Schwarz-Weiß-Film.

Seine Augen waren dunkel und unergründlich. Faszinierend, unwiderstehlich, hypnotisierend. „Hallo. Darf ich dich zu einem Drink einladen?“

Die laszive Stimme klang verführerisch und schien sie zu umhüllen. Ellie hob ihre fast leere Colaflasche. „Ich bin versorgt, danke. Außerdem bin ich mit einer Freundin …“ Sie verstummte, als sie Sasha, die Hüften schwingend, in der tanzenden Menge verschwinden sah. So ein Miststück.

„Sieht aus, als wüsste deine Freundin, wie man sich amüsiert.“ Sein Blick folgte ihrem kurz, bevor er wieder zu Ellie wanderte. „Ich habe dich hier noch nie gesehen.“

„Weil ich noch nie hier war. Ich gehe nur selten in Clubs.“ Sasha hatte sie gegen ihren Willen mit hergeschleppt, weil sie der Meinung war, Ellie müsste sich mal richtig amüsieren.

„Dann werde ich dich auf den Geschmack bringen.“ Er griff nach ihrer Hand. „Komm, wir tanzen.“ Ein Prickeln zog sich von ihrem Arm bis in ihren Bauch.

„Was ist mit deiner Freundin?“ Ellie entwand ihm ihre Hand. Strich mit der prickelnden Handfläche über ihr kleines Schwarzes. Rückte die winzige bestickte Handtasche auf ihrer Schulter zurecht.

Oje. Es war ein Fehler gewesen, die Frau zu erwähnen, Nun wusste er, dass sie ihn beobachtet hatte. Wenigstens konnte er nicht ahnen, was sie sich dabei vorgestellt hatte …

Oder doch? Er lächelte wissend.

„Yasmine ist eine Kollegin“, erklärte er, noch immer mit dem anziehenden, selbstbewussten Lächeln auf den Lippen. „Ich habe sie lange nicht gesehen. Ich war geschäftlich in Sydney.“

Bei einem prüfenden Blick über seine Schulter entdeckte Ellie eine vollbusige Blondine in einem knappen weißen Top, die ihn fixierte, aber von Yasmine war nichts mehr zu sehen. Vielleicht hieß sie auch gar nicht Yasmine. Vielleicht hatte sie diesen Typ gerade abblitzen lassen und er hatte sein nächstes Opfer ins Visier genommen – Ellie. Vielleicht log er. Vielleicht wollte er nur jemanden aufreißen?

Wie wahrscheinlich alle hier.

Außer ihr.

„Bist du aus Melbourne?“, fragte sie bemüht gleichgültig.

Er nickte. „Ich arbeite an verschiedenen Projekten, darum muss ich manchmal zwischen beiden Städten pendeln.“

Und wie es aussah, pendelte er Business Class.

„Ich heiße übrigens Matt.“

Kein Nachname. Offenbar war er nicht an mehr als einem oberflächlichen Flirt interessiert. Na gut. Fernbeziehungen funktionierten sowieso nicht. Jedenfalls nicht für sie. Ihre Kehle fühlte sich so trocken an, dass sie die Flasche an die Lippen setzte und den Rest hastig austrank. „Ich bin Ellie.“

„Also, was ist nun, Ellie. Tanzt du mit mir?“

Hitze jagte durch ihren Körper, als die Musik zu einem romantischen Liebeslied wechselte.

Körperkontakt.

Schweiß bildete sich zwischen ihren Brüsten und auf ihrer Oberlippe. Sie zupfte ein paar Mal am Kragen ihres Kleids, um sich Luft zuzufächeln. Es half nichts. „Im Moment lieber nicht …“ Andererseits würde dann die vollbusige Blondine zuschlagen … Zu ihrer eigenen Überraschung lächelte Ellie ihn plötzlich an. „Es ist so laut und stickig hier drin.“

„Wollen wir nach draußen gehen?“, schlug er vor. „Ich könnte auch frische Luft gebrauchen.“

Noch besser, dachte Matt, als er Ellie mit einer Hand auf ihrem Rücken sanft durch die tanzende Menge in Richtung Terrasse dirigierte und ihre Körperwärme durch den Stoff ihres Kleides spürte. Seine Haut kribbelte erwartungsvoll.

Doch dann blieb sie abrupt stehen, drehte sich blitzschnell um und sah ihn an wie ein aufgeschrecktes Kaninchen. Einen Moment fürchtete er schon, sie hätte es sich anders überlegt, aber sie deutete nur zur Garderobe.

„Ich … Ich brauche meine Jacke.“

Matt sah ihr nach, als sie zur Garderobe ging. Heute Abend hatte er es gar nicht darauf angelegt, eine Frau kennenzulernen. Er hatte sich nur ein oder zwei Stunden von der Arbeit ablenken wollen. Aber diese zierliche Blondine mit dem kurzen Bob faszinierte ihn. Vielleicht weil sie ganz anders war als die Frauen, mit denen er normalerweise ausging.

Bei Frauen schätzte er dieselben Qualitäten wie bei den millionenschweren Bauwerken, die er entwarf – klare Linien, Größe, Stil und Eleganz. Dieses Mädchen war klein und zierlich mit weiblichen Kurven. Noch dazu schienen die Kurven echt. Sie erinnerte ihn an Zuckerwatte – zart und süß und lecker.

Wieder begann seine Haut erwartungsvoll zu prickeln. Ihm wurde so heiß, dass er sich mit dem Finger in den Hemdkragen fuhr.

„Hi“, sagte eine laszive weibliche Stimme neben ihm. „Ich sehe, deine Freundin muss schon weg?“

Matt beachtete die Frau kaum, die wie aus dem Nichts neben ihm aufgetaucht war. „Sie geht noch nicht“, erwiderte er und richtete den Blick wieder auf Ellie.

In diesem Moment drehte Ellie sich um und begegnete seinem Blick mit großen, verletzlichen Augen. Dann senkte sie den Blick und biss sich auf die Unterlippe. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er, sie würde davonlaufen.

Um ihr dazu keine Gelegenheit zu lassen, machte er ein paar Schritte auf sie zu und führte sie zur Terrasse. „Alles okay?“, erkundigte er sich.

„Natürlich. Warum?“

„Du wirkst nervös.“

„Ach ja?“ Sie gab einen Laut von sich, der wie eine Mischung aus Lachen und Husten klang.

Eine Wand aus kalter Luft und Zigarettenrauch schlug ihnen entgegen. Die leuchtenden Laternen über ihnen warfen bunter Lichter auf die Aluminiumtische und die überquellenden Aschenbecher. Die Clubbesucher drängten sich in Gruppen um die großen Gasheizer, rauchten, tranken und lachten, während in den schattigen Ecken Pärchen knutschten. Und wie durch ein Wunder schien eine dieser Ecken für sie reserviert zu sein.

„Das ist besser.“ Er nahm ihr die Jacke ab – ein kleines Etwas mit bestickten Taschen – und legte sie ihr um die Schultern. Ihr seidiges Haar, das ihr ungefähr bis zum Kinn reichte, streifte seine Finger, und der Duft von Himbeeren stieg ihm in die Nase.

„Jetzt können wir uns unterhalten, ohne unsere Stimmbänder zu ruinieren.“ Ihre Augen faszinierten ihn. Hinter der schüchternen Zurückhaltung erahnte er das Versprechen von Leidenschaft. „Nun, Ellie, was machst du normalerweise samstagabends, wenn du nicht gern in Clubs gehst?“

„Ich lese. Am liebsten Science-Fiction und Fantasy-Romane.“ Während sie die Jacke fester um ihre Schultern zog, fuhr sie fort: „Ich weiß … das klingt für jemanden wie dich wahrscheinlich ziemlich langweilig.“ Sie richtete den Blick zum sternenbedeckten Himmel. „Aber hast du dich noch nie gefragt, was da draußen ist?“

„Klar.“ Doch er blickte nicht zum Himmel, sondern auf die verführerisch zarte Haut an ihrem Hals. „Im Moment interessiert mich allerdings mehr das, was hier vor mir steht.“

„Oh …“

Matt blinzelte überrascht. Oh? Das war alles? Die meisten Frauen würden lächeln oder mit den Wimpern klimpern – oder sonst irgendein Zeichen geben, dass dieses Spiel irgendwohin führte.

Nicht so Ellie. Und dennoch war die schwelende Glut in ihrem Blick unverkennbar. Sie zupfte an ihrer Jacke und wechselte das Thema. „Was gibt’s Neues in Sydney?“

„Um ehrlich zu sein, war ich zu beschäftigt, um davon etwas mitzubekommen.“

„Beschäftigt womit?“

„Im Moment arbeite ich an einem Gebäudekomplex am Hafen. Was ist mit dir? Was arbeitest du?“

Sie zuckte die Schultern. „Dies und das. Ich bin gern unterwegs und nehme, was sich anbietet.“

„Ah, du reist gern. Dann warst du bestimmt auch schon in Übersee?“

Da lachte sie zum ersten Mal. „Ich fürchte, ganz so spannend ist es nicht. Aber nenne mir eine Stadt zwischen Sydney und Adelaide, und ich habe dort in den letzten Jahren wahrscheinlich irgendwann gearbeitet. Ich lege mich nicht gern fest.“ Erneut lachte sie, doch das Lachen erreichte ihre Augen nicht. „Nenn mich ruhig flatterhaft.“

„Okay, aber irgendwann willst du dir doch bestimmt etwas aufbauen, eine Karriere oder eine Familie?“

Ellie schüttelte den Kopf. „Ich nicht. Ich bin ein Freigeist. Ich gehe, wann ich will, wohin ich will. Mir gefällt es so.“

Tat es das wirklich? In ihrem Gesicht las er etwas anderes.

„Und ich kann einen ganzen Käsekuchen auf einmal essen, wenn ich will. Das nenne ich Freiheit.“ Ihr Lächeln wurde breiter. Diesmal funkelten ihre Augen übermütig, und Matt war vollkommen hingerissen von ihren Apfelbäckchen.

„Da gebe ich dir recht“, stimmte er zu und erwiderte ihr Lächeln. „Ein Freigeist, soso.“ Seine Lippen brannten in Erwartung des Geschmacks ihres Mundes. Fast konnte er ihren süßen Atem an seiner Wange spüren. „Ellie, ich will dich küssen“, murmelte er. „Ich will dich küssen, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe.“ Und noch viel mehr, doch das behielt er lieber für sich.

Sie warf den Kopf zurück, starrte ihn an, und die knisternde erotische Spannung zwischen ihnen verpuffte.

Das hast du nun davon, dass du dich wie ein Gentleman benimmst, McGregor. Er besaß nicht viel Erfahrung mit Frauen, die ihn abwiesen. Oder hatte er recht und Ellie war gar nicht so freigeistig, wie sie behauptete? „Gibt es jemand anders?“

„Nein.“ Auf ihrem Gesicht spiegelte sich das Licht einer rosa Laterne, als sie den Kopf schüttelte.

„Also …?“

In der Nähe zerbrach ein Glas auf dem Betonboden, doch Ellie wandte den Blick nicht von ihm ab. Dann sog sie scharf die Luft ein. „Also … dann tu es.“

Ihr atemloser Befehl erregte Matt. Er beugte sich vor, sah, wie ihre Brust sich hob, als sie erneut tief einatmete, und las Verletzlichkeit, Zögern und Erwartung in ihren Augen.

Nur ganz sanft berührte er ihre Lippen mit seinen, gerade genug, um die Wärme zu spüren, die zarte Haut, die nach Pfirsich schmeckte. Köstlich. Sinnlich. Sein Kuss entlockte ihr ein leises Gurren, das ihm honigsüß in den Ohren klang.

Diese Frau warf ihn regelrecht um. Sein Herz klopfte, als würde er bei Sturm ohne Sicherheitsgurt auf die Sydney Harbour Bridge klettern.

Als er sie erneut küsste, spürte er ihren Widerstand weichen wie Herbstnebel dem Sonnenschein. Ihre zarten Lippen öffneten sich, und seine Hände hielten ihr Gesicht umfangen, um den Kuss zu vertiefen.

Ihr zierlicher Körper erbebte, als er mit der Zunge ihren Mund erforschte, und sie gab jede Zurückhaltung auf. Matt spürte es daran, wie sie seinen Kuss erwiderte, wie sie sich an ihn schmiegte. Sie strich an seinem Hemd hinauf, sodass er seinen Herzschlag unter ihren Handflächen spürte, dann schlang sie die Arme um ihn und presste sich an ihn.

Auch seine Hände gingen auf Wanderschaft. Sie streichelten die zarte Haut an Ellies Hals, betasteten das filigrane Herz, das sie als Anhänger trug. Mit den Handflächen strich Matt an den Außenseiten ihrer Brüste entlang, über ihre Taille bis zur Hüfte. Sie war perfekt. Er wollte mehr. Und wie es aussah, hatte er Glück.

Ellies Knie waren so weich, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Ihr Puls raste, ihr Blut kochte. Und sie konnte nicht fassen, dass sie sich von diesem Mann – diesem göttlichen Mann, der sündhaft gut roch und wahrscheinlich jeden Abend eine andere Frau verführte – küssen ließ.

Dann schloss sie die Augen, verdrängte alle Gedanken und ließ sich fallen. Sie spürte seine Hände, warm und fest, auf ihrem Körper, atmete seinen männlichen Duft, hörte, wie sich Stoff an Stoff rieb.

Mit mutigeren Liebkosungen begann Matt nun eine intimere Reise, er erforschte ihre Brustspitzen, die sich unter seiner Berührung aufrichteten, und rollte sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Ellie erbebte und schnappte nach Luft, während sie sich ihm schamlos und willig entgegenbog, damit er nicht aufhörte.

Er hörte nicht auf. Oh, nein. Und ihr Verlangen wuchs, während er mit geschickten Händen die pure Lust in ihr weckte. Als er seine harte Männlichkeit an ihrem Bauch rieb, stöhnte sie verlangend.

Mit einem Laut, der aus seinem tiefsten Innern zu kommen schien, erwiderte er ihr Stöhnen. „Wie weit ist es bis zu dir?“, murmelte er an ihrem Hals.

Seine Stimme riss sie aus dem Rausch, in dem sie sich vorübergehend verloren hatte, und sie schlug die Augen auf. Das grelle Straßenlicht hinter ihm blendete sie, sodass sie nur eine schwarze Gestalt wahrnahm – und den fremden Duft eines Mannes, den sie überhaupt nicht kannte.

Oh. Mein. Gott. Panik schnürte ihr die Kehle zu, und Ellie machte sich los. „Ich … ich muss zur Toilette.“ Sie zog sich die Jacke fester um die Schultern und machte ein paar Schritte. In sicherer Entfernung drehte sie sich um und verzog die kribbelnden Lippen zu einem schiefen Lächeln: „Bin gleich wieder da.“

Hastig betrat sie den überhitzten Raum, entdeckte Sasha auf der Tanzfläche und winkte. Sasha zwinkerte ihr über die Schulter irgendeines Mannes zu und ließ den Zeigefinger in der Luft kreisen – ihr verabredetes „Gute-Nacht-Signal“.

Ellie nickte und drängelte sich durch die tanzende Menge zum Ausgang. Trotz der späten Stunde herrschte auf der Straße noch reger Verkehr.

Ein mit lärmenden Teenagern besetztes Auto, dessen Stereoanlage gegen die Bässe aus dem Club anhämmerte, fuhr vorbei. Die kalte Luft schnitt ihr ins Gesicht und in die nackten Arme, während sie ein Taxi herbeisehnte.

„Warte, Ellie.“ Beim Klang seiner Stimme erschrak sie, doch sie drehte sich nicht um.

Nein, nein, nein. Wenn sie sich jetzt zu ihm umsah, würde sie es sich anders überlegen, und das durfte sie nicht riskieren. Ein flüchtiger Kuss war okay, ein kleiner Flirt. Aber so ein Kuss, mit so einem Mann … Ein Mann, der ihr den Verstand raubte, ohne sich große Mühe geben zu müssen …

Mit quietschenden Reifen kam direkt vor ihr ein Taxi zum Stehen. Ellie sprang hinein, schlug die Tür hinter sich zu und wies den Fahrer an loszufahren.

Doch bevor dieser sich in den Verkehr einfädeln konnte, wurde die Tür erneut aufgerissen. Ellie hielt den Atem an und klammerte sich an ihrer Handtasche fest.

„Du hast deine Jacke verloren“, sagte Matt und legte sie neben Ellie auf den Sitz. Er versuchte nicht einzusteigen.

„Ah … vielen Dank.“ Ihr war nicht einmal aufgefallen, dass ihr die Jacke von den Schultern gerutscht war. Plötzlich kam sie sich albern vor. Er hatte nichts getan, was sie nicht wollte, und sie hatte sich wie ein Feigling benommen und war ohne ein Wort der Erklärung davongelaufen. Noch schlimmer war, dass die Blondine von vorhin am Clubeingang stand und gaffte.

„Bist du sicher, dass du es dir nicht noch einmal anders überlegen willst?“

Nein. Sie wandte ihm wieder den Blick zu. „Ja.“

„Ja, du bist sicher, oder ja, du willst es dir anders überlegen?“

Ellie schüttelte den Kopf. „Du weißt genau, was ich meine.“

Sein Lächeln verblasste. „Vielleicht, aber ich bin nicht sicher, ob du es auch weißt.“ Er zog eine Brieftasche aus der Hosentasche und nahm eine schwarz-goldene Visitenkarte heraus. „Wenn du es dir doch noch anders überlegst …“

Wenn sie es sich anders überlegte? Genau darum hielt sie sich doch von Männern wie ihm fern. Sie waren gefährlich. Sie machten süchtig. Und wenn sie mit einer Frau fertig waren, was blieb dann übrig? Kummer und Schmerz.

Als Ellie die Visitenkarte nicht ergriff, nahm Matt ihre Hand, drehte sie um, küsste ihre Handfläche, legte die Karte hinein und schloss ihre Finger. „Wir sehen uns“, erklärte er mit unerträglicher Arroganz.

Ihre Handfläche brannte, und sie schloss die Finger zur Faust. Um die Spur seines Kusses zu bewahren oder um seine Karte zu zerquetschen? „Das glaube ich kaum“, erwiderte sie.

Doch er lächelte nur. Dann zog er einen Hundert-Dollar-Schein aus der Brieftasche. „Für die Taxifahrt nach Hause. Träum süß, Ellie.“

Ellie schloss die Tür zu ihrer Einzimmerwohnung auf und trat in die beruhigende Dunkelheit, dankbar, dass keiner der anderen Mieter aus dem Gebäude sie in ihrem aufgelösten Zustand gesehen hatte.

Mit einem Seufzer lehnte sie sich von innen an die Tür. Sie hörte ihren eigenen, immer noch abgehackten Atem und spürte ihren beschleunigten Puls. Was hatte sie sich nur gedacht? Sich von ihm küssen zu lassen und dann … Und was sollte sie mit dem Wechselgeld für das Taxi machen?

Es half auch nicht, die Augen zu schließen. Die Bilder des Abends, die Erinnerung an den Kuss, gingen ihr nicht aus dem Kopf. „Dummkopf!“ schimpfte sie. „Ich bin ein Dummkopf.“ Ihre Finger schlossen sich um die Visitenkarte, die sie immer noch in der Hand hielt. Zu ihrem Kummer hatte Ellie sich nicht überwinden können, sie einfach wegzuwerfen.

In Windeseile durchquerte sie das Zimmer, warf die zerknüllte Karte auf ihren Nachttisch, ohne sie eines Blickes zu würdigen, schaltete die Nachttischlampe an, ließ sich auf ihr schmales Bett fallen und kuschelte sich in die rosa Wolldecke. Dann schickte sie Sasha sicherheitshalber noch eine SMS, dass sie gegangen war. Allein. Zuletzt starrte sie an die Decke, als könnte sie in den alten Wasserflecken die Zukunft lesen.

Sie wollte niemanden kennenlernen. Wollte keine Beziehung. Mit niemandem. Nicht, dass Matt etwas in der Richtung vorgeschlagen hätte. Seine Absichten waren eindeutig gewesen. Wahrscheinlich hatte er sie längst vergessen.

Dagegen hatte Ellie ihr Herz schon immer schnell verschenkt. Und wenn sie dann verlassen wurde, aus welchem Grund auch immer, zerbrach jedes Mal etwas in ihr.

Angefangen hatte es mit ihrem Vater, als er sie und ihre Mutter endgültig verlassen hatte. Damals war sie drei gewesen. Drei Jahre später waren ihre Mutter und ihre Großeltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Daraufhin kam ihr Vater zurück, um sich um sie zu kümmern. Doch im Grunde seines Herzens war er ein Vagabund – und würde es immer bleiben. Mit ihm auf der Suche nach Arbeit quer durchs Land zu reisen, war ein herrliches Abenteuer. Doch Ellie bedeutete eine Last für ihn, und als sie neun war, machte er sich erneut auf und davon, ließ sie bei Pflegeeltern zurück und brach ihr das Herz.

Als Teenager war sie mit einigen Jungs ausgegangen und vor zweieinhalb Jahren war sie ihre erste und einzige Beziehung eingegangen … Ellie schüttelte den Kopf. Nein, sie würde jetzt nicht an Heath denken. Doch die Erinnerungen ließen sich nicht aufhalten.

Sechs Monate waren sie unzertrennlich gewesen. Ellie hatte gedacht, dass Heath es ernst meinte. Stattdessen stellte sich heraus, dass das Arbeitsvisum des attraktiven Engländers ablief und in London eine Verlobte auf ihn wartete. Die Zeit mit ihr sei toll gewesen, aber eben nur eine Affäre, hatte er zum Abschied gesagt. Ob sie das denn nicht gewusst habe?

Sie krallte die Finger in die Bettdecke. Dieser Matt hatte nicht nur ein Feuer in ihr entfacht. Ein Blick in seine Augen, eine Berührung seiner Lippen, und sie hatte alles vergessen, was das Leben sie über Männer gelehrt hatte.

Nein. Die Zeiten waren vorbei. Nie wieder würde sie einen Mann so nah an sich heranlassen und sich verlieben. Und vor allem würde sie niemals heiraten und Kinder bekommen. Matt irrte sich. Gründlich. „Nein, Matt, wer auch immer du bist“, sprach sie zur Decke, „ich werde es mir nicht anders überlegen.“

2. KAPITEL

Am Dienstagmorgen, nachdem er Belle sicher am Flughafen abgesetzt hatte, stieg Matt die Stufen hinauf. Belles alte, herrschaftliche Villa in Melbourne war in tadellosem Zustand. Nur sein altes Zimmer musste dringend einmal wieder aufgeräumt werden.

Er konnte ja schon damit anfangen, während er auf die geheimnisvolle Angestellte wartete – Eloise sowieso –, die morgen hier aufkreuzen sollte.

Eloise. Der Name erinnerte ihn an Ellie und an Samstagnacht. Er hatte sich schon am Ziel gewähnt – bis sie einfach verschwunden war. Bedauerlich, dass er sich die Abende seiner Woche in Melbourne nicht mit ihr versüßen konnte. Stirnrunzelnd dachte er an Belinda, die üppige Blondine, deren Avancen er dankend abgelehnt hatte. Matt wollte Ellie.

Dass sie seine Gefühle erwidert hatte, wusste er. Aber er würde nie erfahren, warum sie es sich anders überlegt hatte. Offenbar hatte sie es nicht für nötig befunden, ihm ihre Gründe mitzuteilen.

Matt verscheuchte die Gedanken an Ellie. Im Moment hatte er andere Sorgen. Vor dem Anruf letzte Woche hatte Belle nie jemanden namens Eloise erwähnt.

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