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Lass dich unter Sternen lieben

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Charlie „C.J.” Miller warf einen Seitenblick auf seinen dösenden Passagier. Das arme Mädchen war dank der Gewitter in Texas und gestrichener Flüge seit über sechsunddreißig Stunden wach gewesen. Nachdem sie vor dem Abheben noch höflich Konversation gemacht hatte, hatte sie es sich schließlich mit dem Kissen bequem gemacht, das er ihr angeboten hatte, ohne den Spiralblock auf ihrem Schoß loszulassen.

Obwohl er neu in dem Job war, hatte C.J. bereits etwa ein Dutzend Leute vom Anleger in Miami zu einer der Urlaubsinseln geflogen, die zusammen Fantasies, Inc. ergaben – Seductive Fantasy, Secret Fantasy und das heutige Ziel, Intimate Fantasy. Sein neuester Passagier, Kyra Cartwright, besaß eine natürliche Schönheit, war im Alter seiner ältesten Tochter und hatte hellbraune Haare, die ihr in sanften Wellen über die Wangen fielen. Ihr Mund war im Schlaf leicht geöffnet, als sei sie völlig sorgenfrei.

Natürlich wusste C.J. es besser. Fantasies, Inc. existierte nur aus einem Grund – um Träume wahr werden zu lassen, Wünsche zu erfüllen und Sehnsüchte zu stillen. Und eine junge Frau, deren Sehnsucht groß genug war, um sie auf eine der Inseln zu treiben, hatte ganz sicher die eine oder andere Sorge.

Als einziger Pilot der Inseln war C.J. in die Fantasien jedes Gastes genügend eingeweiht, um nicht aus Versehen etwas Falsches zu sagen oder den Gast in Verlegenheit zu bringen. Über Miss Cartwrights Bewerbung hatte er grinsen müssen. Sie hatte eine Frage formuliert – wieso sollte eine erfolgreiche Karrierefrau, deren Familie eine Kette von Radiosendern gehörte, eine Woche auf der Suche nach Abenteuern auf einer sonnigen Insel verbringen wollen? –, um anschließend die Gründe darzulegen. Unter ihnen listete sie die Abenteuer auf, die ihr vorschwebten, in absteigender Reihenfolge von reizvoll bis am wenigsten reizvoll.

Zwar ähnelte die Liste einem Geschäftsplan, doch alles in allem war die Bewerbung keineswegs trocken und geschäftsmäßig. In ihrer ordentlich getippten Liste hatte Kyra Cartwright viel über sich offenbart und erklärt, wie sie das Familienunternehmen zu retten versuchte, indem sie den Heiratsantrag ihres Freundes annahm. Doch statt aufgeregt oder nervös zu sein wegen der bevorstehenden Hochzeit, fühlte sie sich nur verloren.

C.J. ahnte, was in ihr vorging. Sie wollte ihre Unruhe loswerden und die leise Stimme in ihr zum Schweigen bringen, die ihr ständig sagte: „He, Mädchen, wir reden hier über den Rest deines Lebens. Bist du dir sicher, dass du genau weißt, was du tust? Solltest du dich nicht erst mal ein wenig umschauen?”

Fantasies, Inc. würde ihr dabei helfen. Die Besitzerin, Merrilee Schaefer-Weston, wählte jeden Gast einzeln nach dessen Bewerbung aus, in der detailliert die jeweilige Fantasie beschrieben war. Nach dem Tod ihres Mannes hatte Merrilee Millionen geerbt und ihre Leidenschaft in Fantasies, Inc. gesteckt. Jetzt war sie erfolgreich, indem sie anderen Menschen die Möglichkeit gab, ihr Glück zu finden.

„Intimate Basis an Alpha-Victor-null-null-neun, bitte melden. C.J., wo steckst du?”

Die Stimme meldete sich in seinem Kopfhörer, und er schob das Mikrofon näher an seinen Mund, damit er antworten konnte, ohne Miss Cartwright aufzuwecken. „Hier Alpha-Victor-null-null-neun. Ich komme von Osten herein.”

„Verstanden”, sagte Chris aus dem Büro auf Intimate Fantasy.

C.J. spähte nach unten zu dem Haufen grüner Inseln, die zu Fantasies, Inc. gehörten, und entdeckte die Lagune von Intimate Fantasy. Selbst nach fast vierzig Jahren im Cockpit erstaunte es ihn immer noch, wie friedlich die Welt aus der Luft aussah. Natürlich sahen die Florida-Keys auch vom Boden aus friedlich aus. Doch es hatte etwas Magisches, wie sich die üppigen grünen Inseln aus dem kristallblauen Ozean erhoben. „Habe das Landegebiet in Sicht.”

„Es steht dir offen, nach eigenem Ermessen zu landen.”

„Verstanden.” Hinter ihm regte sich etwas. Sein Passagier war aufgewacht.

„Willkommen zurück”, sagte er. „Wie fühlen Sie sich, Miss Cartwright?”

Sie lächelte. „Kyra, bitte. Mir geht es schon viel besser, Mr …”

„Miller”, half er ihr. „C.J. Miller.”

Sie bewegte den Arm, unter dem sich der Notizblock auf ihrem Schoß befand. Er erhaschte einen Blick auf eine sorgfältige Liste, deren einzelne Punkte alle mit einem Häkchen versehen waren: Flugticket, Taxigeld, Trinkgeld für den Pagen, Zeitschrift fürs Flugzeug, Unterwäsche und Make-up.

C.J. schaute aus dem Fenster, um sein Grinsen zu verbergen. Sie erinnerte ihn immer mehr an seine Tochter. Als er sich ihr wieder zuwandte, wirkte sie schon etwas weniger nervös.

Mit großen grauen Augen sah sie ihn an. „Ich kann mir noch immer nicht vorstellen, dass wir auf dem Wasser landen werden.”

„Glauben Sie mir, Ma’am, in diesem Flugzeug wollen Sie ganz bestimmt nicht auf festem Boden landen.”

„Na ja, schließlich bin ich wegen eines Abenteuers zu Fantasies, Inc. gekommen.” Ihr Lachen war warm und fröhlich, doch die Art, wie sie ihre Hände knetete, verriet, dass sie ihre Nervosität nur gut zu überspielen verstand.

„Ich verspreche Ihnen, dass ich weiß, was ich tue.”

Verlegen senkte sie den Blick und löste ihre Hände voneinander. „Tut mir leid. Es stimmt schon, dass ich nicht gerade scharf bin auf kleine Flugzeuge, aber …” Sie verstummte und zuckte halbherzig eine Schulter.

Er grinste. „Aber das ist nicht alles, weswegen Sie nervös sind.”

Ihr Zögern war Antwort genug. „Ich nehme an, Sie erleben so etwas häufiger. Gäste, die Angst vor ihrer eigenen Fantasie haben.”

„Nicht allzu oft. Nervosität, ja, die erlebe ich oft.” Er sah sie an. „Haben Sie denn wirklich Angst?”

Sie bedachte die Frage. „Nein, nicht wirklich. Jedenfalls nicht wegen des Urlaubs.” Sie schaute auf ihre Hände, die sie erneut knetete. „Ich habe mich entschlossen, bald zu heiraten, und ich nehme an, das macht mich ein wenig nervös. Aber ich bin alle Vor- und Nachteile durchgegangen.” Sie drückte den Notizblock an die Brust. „Ich bin überzeugt, das Richtige zu tun. Aber ich brauche wohl noch eine Woche für mich allein, bevor ich es tue.”

„Das verstehe ich vollkommen.”

„Wirklich?”

Er nickte. „Absolut.”

„Danke.” Ihr Lächeln war beinah scheu. „Ich muss zugeben, dass ich schrecklich neugierig bin, wie sich alles entwickeln wird. Aber ich vertraue Mrs Schaefer-Weston.”

„Das können Sie auch beruhigt.”

„Ja, das habe ich gleich gemerkt.” Kyra runzelte die Stirn, als überlege sie, ob sie noch mehr sagen sollte oder nicht. „Meinem Dad und meinem Bruder habe ich erzählt, dass ich zu einer Geschäftskonferenz fliege. Manchmal frage ich mich, was sie sagen würden, wenn sie wüssten, dass ich in einer Fantasie-Ferienanlage Urlaub mache. Vermutlich würden sie mich für verrückt halten.”

C.J. wollte ihr sagen, dass sie nur der Stimme ihres Herzens folgen sollte. Doch stattdessen lächelte er nur. „Nein, das ist keineswegs verrückt. Ich denke, Sie sind nur aufrichtig.” Er tätschelte ihre Hand. „Wenn Sie meine Tochter wären, wäre ich stolz auf Sie. Es gehört einiger Mut dazu, zu erkennen, dass unser Leben vielleicht auch in anderen Bahnen verlaufen kann. Es ist nicht selbstsüchtig, wenn man ein paar Erfahrungen sammeln möchte, bevor man einen neuen Lebensabschnitt beginnt.”

„Danke”, sagte sie, und es war fast nur ein Seufzen.

„Gern geschehen. Und danke dafür, dass Sie mir während des Fluges Gesellschaft geleistet haben.”

„Schöne Gesellschaft.” Sie lachte, und ihre Wangen röteten sich. „Es sei denn, ich rede im Schlaf.”

Er stimmte in ihr Lachen ein und deutete aus dem Fenster. „Sind Sie bereit?”

„Habe ich eine Wahl?”

„Nicht, wenn Sie nicht mit dem Fallschirm abspringen wollen.”

„Dann bringen Sie uns herunter, Mr Miller.”

Wasserlandungen waren immer unruhig, aber diese verlief glücklicherweise sanfter als die meisten. Er fuhr zum Anleger und stellte den Motor ab, während die Angestellten das Flugzeug vertäuten und Kyra beim Aussteigen halfen. Am Anleger wartete bereits Merrilee Schaefer-Weston, die Kyra freundlich lächelnd willkommen hieß. „Ich bin sicher, Sie werden Ihren Aufenthalt genießen.”

„Ich weiß, dass ich das werde”, entgegnete Kyra und nickte C.J. zu. „Danke noch mal, Mr Miller, besonders für die Landung.”

Grinsen tippte er sich an den Schirm seiner Kappe.

Merrilee nahm Kyras Arm. „Stuart wird Sie zu Ihrer Hütte bringen. Nachdem Sie sich eingerichtet haben, werden wir gemeinsam zu Abend essen, und ich gebe Ihnen eine kurze Einführung.”

1. KAPITEL

Von der Tür ihrer Hütte aus schaute Kyra auf den Strand, dessen fast weißer Sand die Sonne reflektierte. Der Sprühdunst über den sich brechenden Wellen erzeugte winzige Regenbogen in der Luft.

Ein magischer Ort voller Verheißungen.

Der ideale Ort zum Ausleben einer Fantasie.

Ein Schauer überlief Kyra, und sie schlang die Arme um sich. „Das ist es, Mädchen”, flüsterte sie. „Jetzt oder nie.”

Entschlossen streifte sie sich das Jackett ihres Lieblingskostüms von Anne Klein ab und warf es in die Ecke. Im Nu hatte sie den Reißverschluss geöffnet, und der Rest folgte. Der Rock wurde zu einem Haufen edlen Stoffs auf dem Boden.

Kyra kickte den Rock in Richtung des Jacketts und wusste sehr wohl, dass noch vor Ablauf einer Stunde beide Sachen ordentlich auf Kleiderbügeln im Schrank hängen würden. Doch bis dahin würde sie sich der Magie der Insel hingeben. Jetzt stand sie im Türrahmen ihrer abgelegenen Hütte und atmete tief durch, mit nichts weiter bekleidet als einer Seidenbluse, BH und Slip.

Frei. Eine Woche lang keine Termine, keine Verpflichtungen.

Es war herrlich. Eigenartig und ungewohnt, aber herrlich.

Erneut stiegen Schuldgefühle in ihr auf, die sie jedoch sofort wieder verdrängte. Sie hatte sich diese Woche verdient. In den letzten sechzehn Jahren hatte sie die Erwartungen ihres Vaters und ihres Bruders erfüllt, hatte die Familie zusammengehalten, war der Fels in der Brandung gewesen, wie sie es ihrer Mutter versprochen hatte, als diese erkannte, dass sie bald an Krebs sterben würde.

Das war eine schwere Last für die Schultern einer Zehnjährigen gewesen, aber sie hatte sich niemals beklagt. Weder als sie die Hausarbeit übernommen hatte, statt mit den Nachbarkindern zu spielen, noch als die schlechte Gesundheit ihres Vaters sie zwang, ihre Freundschaften auf dem College zu opfern, um ihm bei der täglichen Arbeit bei Cartwright Radio zu helfen. Sie hatte sich nicht einmal darüber beklagt, dass sie auf ihren Abschluss in Betriebswirtschaft verzichten musste, damit ihr Bruder Medizin studieren konnte.

Sie liebte ihren Vater und ihren Bruder, und sie liebte die Arbeit im Radio. Aus diesen Gründen hatte sie ihre Entscheidungen auch nie als Opfer empfunden.

Jetzt allerdings …

Die Gesundheit ihres Vaters hatte sich verschlechtert. Dreißig Jahre lang war Milton Cartwright das Rückgrat der familieneigenen Kette von Radiostationen gewesen. Seine in seinen Sendern ausgestrahlte Show war der Geldesel des Unternehmens gewesen. Fast jeder im ganzen Land schaltete ein, um Miltons Mischung aus derbem texanischem Humor und großstädtischem Witz zu hören.

Allerdings bekamen die Leute nicht mit, wie sehr es in den letzten Jahren mit der Gesundheit des Radiogurus bergab ging. Jetzt war all das, wofür Kyras Vater gekämpft hatte, in Gefahr. In dem Moment, wo Milton aufhörte und die Show endete, würden die Werbeeinnahmen versiegen. Und das wiederum würde das Ende des Familienunternehmens bedeuten.

Natürlich wusste Milton Cartwright das ebenso gut wie die Geier, die bereits über seinen Büros in Dallas kreisten. Zu Kyras unendlicher Frustration war ihr Dad entschlossen, ihnen diese Genugtuung nicht zu geben. Er würde bis zur allerletzten Sekunde im Radio bleiben.

Sosehr sie sich auch wünschte, das Familienunternehmen möge überleben, so entschlossen wollte sie andererseits dafür sorgen, dass ihr Dad so lange wie möglich am Leben blieb. Seinen Ärzten zufolge bedeutete das jedoch den vorzeitigen Ruhestand. Dummerweise war ihr Dad sehr stur, und solange Kyra keinen Weg fand, mit den Radiostationen weiter Werbeeinahmen zu erzielen, würde er niemals einem anderen die Leitung seines Unternehmens überlassen.

Nachdem Kyra monatelang gegen Wände angerannt war, hatte sie bereits aufgeben wollen. Doch dann war ihr die Lösung eingefallen – ein Glücksbringer im Nadelstreifenanzug. Harold Stovall, Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender von United Media Corporation. Als langjähriger Freund hatte er erst kürzlich versprochen, Cartwright Radio nicht nur einen, sondern zwei seiner Top-Radiomoderatoren anwerben zu lassen.

Und so viel hatte er dafür im Gegenzug wirklich nicht verlangt. Schließlich bedeutete das Unternehmen ihrem Vater alles und Milton Cartwright bedeutete Kyra alles.

Sie hielt sich am Türrahmen fest bei dem Gedanken an das, was vor ihr lag. Sicher, Harry war ein Schatz, und fünfzehn Jahre waren auch kein allzu großer Altersunterschied. Sie waren sogar eine Weile miteinander ausgegangen, als Kyra in New York gelebt hatte, wo sie sich mit der Arbeit in einem großen Radiosender vertraut gemacht hatte.

Was spielte es schon für eine Rolle, dass er ihre Zehen nie zum Kribbeln brachte oder ihr nie weiche Knie bescherte? Er war stets sanft und freundlich gewesen. Und er liebte sie aufrichtig.

Das Wichtigste aber war, dass er das Unternehmen ihres Vaters so schützen würde, als sei es sein eigenes. Und das war etwas, was Kyra allein nicht konnte. Ohne Harold würde sie alles verlieren.

In gewisser Hinsicht legte Harold ihr die Welt zu Füßen. Da war es nur fair, wenn sie sich im Gegenzug ihm schenkte.

Daher hatte sie beschlossen zuzustimmen. Nach dieser Reise würde sie es ihm sagen, und schon in wenigen Monaten würde sie Mrs Harold Stovall sein. Sie würde sich in eine Ehe fügen, die auf Respekt gründete, wenn schon nicht auf Liebe.

Sie hatte sich immer in die Arbeit gestürzt, und jetzt würde die Arbeit ihr Leben sein. Nur gab es da noch einen kleinen Teil ihres Ichs, der dagegen rebellierte. Sie hasste es, nicht in der Lage zu sein, diesen Teil zu ignorieren, der sich nach etwas sehnte, was sie nicht benennen konnte.

Ihre beste Freundin, Mona, hatte gesagt, dass Kyra nach Intimate Fantasy flog, um sich auszutoben. Aber das allein war es nicht. Sie hatte ihr ganzes Leben wie in einem Kokon verbracht. Einem warmen, angenehmen Kokon, sicher, aber das machte die Fesseln nicht weniger eng.

Ihr ganzes Leben lang hatte sie das Richtige getan, war das gute Mädchen gewesen. Und ihre Zukunft hielt genau das Gleiche für sie bereit. Eine Woche lang wollte Kyra jedoch herausfinden, was die Welt sonst noch bereithielt.

Sechsundzwanzig Jahre lang hatte sie ein perfekt geordnetes Leben geführt und getan, was die anderen von ihr erwarteten.

Ja, sie würde Harold heiraten und ihr Eheversprechen halten, sobald sie es gegeben hatte.

Hier und jetzt aber …

Jetzt befand sie sich auf einer Insel, wo Träume wahr wurden. Sie hatte die Wertpapiere verkauft, die ihre Mutter ihr vermacht hatte, ihre mageren Ersparnisse zusammengekratzt und war hierher gekommen, um ihre geheimsten Fantasien auszuleben. Es war weder verantwortungsbewusst noch vernünftig, doch sie musste es einfach tun.

Entschlossen zog sie sich die Seidenbluse über den Kopf, warf sie zum Rest ihrer Kleidung und öffnete ihren BH.

„Chic-a-boom, chic-a-boom, chic-a-boom, boom, boom!” Sie wirbelte ihn über ihrem Kopf und ließ ihn durch den Raum segeln. Er landete auf einer pinkfarbenen Lampe, deren Fuß aus einer Schneckenmuschel bestand.

Erleichtert lachte Kyra auf, bis ihr klar wurde, dass sie fast nackt und für alle Welt sichtbar im Türrahmen stand.

Sie huschte hinter die Wand, spähte hinaus und versuchte zu entscheiden, ob der Strand tatsächlich so einsam war, wie Mrs Schaefer-Weston versprochen hatte. Niemand war zu sehen, kein Geräusch zu hören, außer dem rhythmischen Rauschen der Wellen am Strand.

„Kyra”, flüsterte sie, „es wird Zeit, dass du deinen Worten Taten folgen lässt.”

Sie schob die Finger unter den elastischen Bund ihres Slips, wackelte ein wenig mit den Hüften und ließ ihn zu Boden fallen. Dann stieg sie aus ihren Sandaletten und versuchte die Entfernung bis zum Meer abzuschätzen, während sie auf den Fußballen wippte und ihren Mut zusammennahm.

Einerseits waren solche wilden Sachen genau der Grund, weswegen sie auf dieser Insel war: um Abenteuer und prickelnde Erregung zu erleben. Auf der anderen Seite wäre es ihr äußerst peinlich, wenn jemand sie jetzt sähe.

Einerseits würde das Wasser herrlich sein. Andererseits hatte sie keine Ahnung, ob es in den Gewässern um Florida Quallen gab.

Einerseits hatte Stuart sie auf den Erste-Hilfe-Kasten in der Hütte hingewiesen, andererseits …

„Tu es einfach!” Ehe sie es sich anders überlegen konnte, stürmte sie los und rannte splitternackt über die Dünen direkt in den Ozean. Das Wasser fühlte sich wundervoll an ihrer nackten Haut an. Sie watete hinaus, bis es zu tief war, um darin zu stehen.

Kyra legte den Kopf zurück, genoss das Gefühl des Wassers an ihrer Haut und lauschte den Wellen. Sie sollte sich eine Muschel suchen, dann konnte sie sie, wann immer sie wollte, ans Ohr halten und sich an diese Woche erinnern.

Mit geschlossenen Augen bewegte sie träge die Arme, gerade genug, um nicht unterzugehen. Am Strand war es ruhig. Sie war allein und frei. Es gab nur sie und die Natur.

Natur? Sie öffnete die Augen und schaute in das klare blaue Wasser zu ihren Füßen hinunter und zu dem graublauen Schatten darunter. War das der Meeresboden? Oder etwas anderes? Mit Entsetzen erinnerte sie sich an die Anfangsszene von „Der weiße Hai”. Ein Mädchen, nackt im Ozean. Ein Hai. Eine gruselige Titelmelodie.

Schneller als sie für möglich gehalten hatte, gelangte sie halb rennend, halb schwimmend ins flache Wasser und rettete sich an den Strand, wo sie atemlos zusammensank.

Das war nicht der Adrenalinkick, den sie im Sinn gehabt hatte. Sie schloss die Augen und ließ sich von der warmen Sonne trocknen. Niemand sonst befand sich in der Nähe. Es gab keinen Grund, weshalb sie nicht hier liegen und den Nachmittag genießen sollte.

Der Jeep sprang über das unebene Gelände, und Kyra hielt sich am Überrollbügel fest. Nach einer ausgiebigen Dusche hatte sie ein Strandkleid angezogen, das sich nun mit den Bewegungen des Fahrzeugs bauschte. Die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, aus dem der Wind bereits einige Strähnen gelöst hatte. Sie strich sich die widerspenstigen Haare aus dem Gesicht.

Auf dem Fahrersitz saß ihr nach Kokosnussöl duftender Chauffeur im Studentenalter, eine Hand lässig am Lenkrad. „Es ist nur dieser Weg, der so holprig ist”, versicherte Stuart ihr. Mit seinen von der Sonne gebleichten Haaren und der tiefen Bräune sah er eher so aus, als sollte er Wellen reiten, statt einen Jeep zu fahren.

Er deutete auf eine Ansammlung von Palmen, die wie Wachen vor dem Eingang einer kleinen Bucht standen. „Die Straße befindet sich direkt hinter diesen Bäumen, und dann ist das Restaurant keine Meile mehr entfernt.”

„Mir geht es bestens”, erwiderte Kyra aufrichtig. Die berauschende Inselatmosphäre hatte von ihr Besitz ergriffen. Sie fühlte sich lebendig und beschwingt, und daran würde auch eine holprige Fahrt nichts ändern.

„Die Straße zu den abseits gelegenen Hütten ist noch nicht fertig.” Er sah sie an. Das Zinkoxid auf seiner Nase spiegelte sich in den Gläsern seiner leuchtend orangefarbenen Sonnenbrille wider. „Aber der Weg ist sicher, also machen Sie sich keine Sorgen.”

„Sorgen?”

Er warf ihr einen kurzen Blick zu und sah sofort wieder geradeaus, wobei er das Lenkrad mit beiden Händen umklammerte. „Ach nichts. Wirklich. Ein paar Leute haben sich nur hier draußen verirrt, bis er sie fand. Aber solange Sie vorsichtig sind und auf dem Pfad bleiben, ist alles in Ordnung. Vergessen Sie also, dass ich etwas gesagt habe, ja? Es ist wirklich sicher.”

Kyra hatte keine Ahnung, wer er war, doch der Ehrfurcht in Stuarts Stimme nach zu urteilen, musste der Mann ziemlich beeindruckend sein. „Wer?”

Sein Hals wurde rot, was angesichts seiner Bräune bemerkenswert war, doch er hielt den Mund fest geschlossen.

Das weckte erst recht ihre Neugier. „Kommen Sie schon, Stuart. Verraten Sie es mir. Das können Sie ruhig, wo Sie schon damit angefangen haben.”

Er schüttelte den Kopf.

„Stuart …”

„Oh, Mann, ich hätte lieber nichts sagen sollen.”

Sie sah ihn nur an, mit fragend gehobener Braue.

„Schon gut, schon gut”, gab er nach, und Kyra musste ein triumphierendes Grinsen unterdrücken.

Stuart bog auf die Hauptstraße ein und meinte mit leiser, ernster Stimme: „Der Retter.”

„Der Retter?”

Er konzentrierte sich wieder auf die Straße. „Das ist natürlich nicht sein Name, aber ich nenne ihn gern den Retter, weil er so cool ist. Warten Sie, ich zeige es Ihnen.” Er griff nach hinten und holte einen zerschlissenen Matchbeutel vom Rücksitz. Mit einer Hand am Steuer kramte er in dem Matchbeutel auf seinem Schoß, ohne sonderlich auf die Straße zu achten. Schließlich fand er eine zerknitterte Skizze und warf sie Kyra auf den Schoß.

Die Skizze war zwar offenbar hastig erstellt, aber dennoch gut. Durch die kühnen Striche und feinen Schattierungen war es dem Künstler nicht nur gelungen, das Bild eines Mannes im Schatten zu zeichnen, sondern ebenso eine geheimnisvolle Aura wiederzugeben.

Kyra war sofort vom Gesicht des Mannes angezogen, das sich zum Großteil hinter einer tief in die Stirn gezogenen Kappe und dichten Bartstoppeln verbarg. Ein Auge war nach Piratenart von einer Augenklappe bedeckt, doch trotz der seltsamen Kleidung besaß er das Gesicht eines ernsten, entschlossenen Mannes. Er schien Kyra von der Zeichnung geradezu durchdringend anzusehen, mit einem Blick, der die Geheimnisse einer Frau lesen konnte. Er war die Art von Mann, der die Fantasien einer Frau wahr werden lassen konnte …

Ihr Puls beschleunigte sich, und sie befeuchtete sich die Lippen. Seufzend versuchte sie ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Es war gefährlich, ihre Gedanken in diese Richtung wandern zu lassen – gefährlich und faszinierend.

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