Logo weiterlesen.de
Lass dich lieben - Lucy!

1. KAPITEL

“Und wie geht es meiner überaus geschätzten und wertvollen Miss Worthington heute Morgen?”

Lucy unterdrückte den aufkeimenden Ärger. Gelegentlich hasste sie fast den Mann, der ganz offensichtlich keine Ahnung hatte, wie sehr sie diese achtlos hingeworfenen Worte verletzten.

Die unbekümmerte Begrüßung durch ihren Chef bedeutete wahrscheinlich, dass er eine höchst erfreuliche Nacht mit seiner neuesten Freundin verbracht hatte. In seiner Stimme schwang machohafter Stolz mit, ein untrügliches Anzeichen sexueller Befriedigung, und seine Anspielung auf ihren Namen unterstrich die Tatsache, dass Lucy nicht zu dem Frauentyp gehörte, den er sich ins Bett holte – egal, wie sehr er die Zusammenarbeit mit ihr schätzen mochte. ‘Geschätzte’ und ‘wertvolle’ Frauen reizten ihn nicht.

Würde meine Oberweite allerdings in Körbchengröße C passen, wäre ich für ihn vielleicht bettwürdig, überlegte sie und wandte sich vom Aktenschrank ab, um den Herzensbrecher anzulächeln, dessen tüchtige Sekretärin sie war.

“Guten Morgen, Sir”, sagte sie liebenswürdig.

James Hancock war ein umwerfend attraktiver, dunkelhaariger Hüne, ein eiskalter Geschäftsmann und charmanter Plauderer, dem es mühelos gelang, Freunde zu gewinnen und die ‘richtigen’ Leute zu beeinflussen. Mit vierunddreißig stand er mitten im Leben und genoss den wohlverdienten Ruf eines erstklassigen Künstleragenten, was ihn zu einem der meistbegehrten Junggesellen Sydneys machte.

Er zog verwundert die schwarzen Brauen hoch. “Sir?”

Herausfordernd neigte sie den Kopf zur Seite und erwiderte seinen fragenden Blick. “Da Sie mich mit ‘Miss Worthington’ begrüßt haben, dachte ich, Sie würden heute auf einer formellen Anrede bestehen.”

James lachte. “Ein Punkt für Sie. Was würde ich nur ohne Sie anfangen, Lucy?”

Die Empörung machte sie unvorsichtig. “Ich schätze, Sie würden bald eine andere finden, mit der Sie sich messen könnten.”

“Messen?”, wiederholte er ungläubig. “Meine liebe Lucy, Ihnen könnte keine das Wasser reichen.”

“So? Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.” Sie nahm die Akten, die sie herausgesucht hatte, und trug sie zum Schreibtisch.

“Ihre Schlagfertigkeit ist einmalig”, versicherte er fröhlich. “Ich genieße die Bürostunden mit Ihren bodenständigen Kommentaren. Sie schaffen es immer wieder, unsere überdrehte Branche ins rechte Licht zu rücken. Ein wertvolles Talent.”

“Wenn es so wertvoll ist, wäre es doch bestimmt eine kleine Gehaltserhöhung wert, oder?”

“Autsch!” Er schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. “Sie hat schon wieder ins Schwarze getroffen.”

“Reine Logik, James”, erklärte sie betont unschuldig, obwohl sie fand, er könne ihr ruhig mehr dafür bezahlen, dass sie sich mit seinen überspannten Klienten herumplagte. “Sie müssen diese Unterlagen prüfen, bevor Sie die heutigen E-Mails beantworten. Brauchen Sie sonst noch etwas?”, erkundigte sie sich in der Hoffnung, er möge endlich in sein Büro gehen und sie mit ihrem Frust allein lassen.

Ohne die Akten eines Blickes zu würdigen, hob er vorwurfsvoll den Finger. “Sie sind eine geldgierige Person, Lucy Worthington.”

Sie zuckte die Schultern. “Eine Frau muss heutzutage sehen, wo sie bleibt. Ich glaube einfach nicht an Freikarten im Restaurant.” Ein sauberer kleiner Seitenhieb auf die Frauen, die er bevorzugte, Frauen, die dank ihrer körperlichen Vorzüge jedes Ziel erreichten.

“Ha!”, rief James triumphierend. “Ich habe Ihnen Freikarten für den Wohltätigkeitsball heute Abend gegeben.”

Lucy betrachtete ihn skeptisch. “Sie erwarten doch hoffentlich nichts dafür – dass ich beispielsweise in letzter Minute als Pausenfüller im Programm auftrete, oder?”

“Es ist völlig unverbindlich”, beteuerte er heiter.

“Das ist ja mal was Neues.” Sie lächelte. “Ich könnte Sie beim Wort nehmen, James.”

“Eine kleine Belohnung für all die Mühe, die Sie mit den Vorbereitungen hatten.”

Da die Tickets tausend Dollar pro Stück kosteten und ihr Gehalt wahrhaft fürstlich war, konnte Lucy beim besten Willen nicht behaupten, dass sie für ihre Arbeit schlecht bezahlt wurde. “Danke. Ich werde mich entspannen und den Abend genießen.” Sie bezweifelte allerdings, dass kein Haken an der Sache war.

Warum sollte er ihr die Karten schenken, wenn er sie nicht aus irgendeinem Grund dort haben wollte?

Seine Augen funkelten. “Es wird mir ein Vergnügen sein mitzuerleben, wie Sie sich amüsieren, Lucy.”

Er hatte noch einen anderen Grund, das spürte sie instinktiv.

“Wen bringen Sie mit?” James griff nach den Akten.

“Einen Freund.”

Erneut zog er spöttisch die Brauen hoch. “Einen männlichen Freund?”

Hielt er sie für so geschlechtslos, dass er ihr keinen Freund zutraute? Es kostete sie einige Überwindung, ruhig zu bleiben. “Ja. Haben Sie ein Problem damit?”

“Keineswegs. Ich bin froh darüber.” Lächelnd ging er hinaus und ließ die Tür zwischen den beiden Zimmern offen, damit er Lucy jederzeit etwas zurufen konnte, wenn er wollte.

Lucy sank auf ihren Stuhl. James’ letzte Worte hatten sie zutiefst erschüttert. Hatte er vermutet, sie hätte nur weibliche Freunde? Dass sie womöglich lesbisch wäre, weil sie ihn nicht so schamlos anhimmelte wie alle anderen Frauen, die diese Räume betraten?

Tapfer kämpfte sie gegen den Kummer an, der sie zu überwältigen drohte. Sie sollte diesen Job kündigen. Er fraß sie auf und ruinierte ihr Privatleben. Außerdem ertrug sie es nicht länger, an den Arbeitstagen mit James Hancock zusammen zu sein, ihn ständig zu begehren und auf jede Frau eifersüchtig zu sein, die ihm begegnete.

Er würde nie mehr in ihr sehen als eine tüchtige Sekretärin. Seit acht Monaten war sie nun bei ihm – acht Monate, die von hilflosem, sexuellem Verlangen geprägt waren, das sie weder kontrollieren noch unterdrücken konnte. Lust auf den ersten Blick, dachte Lucy bitter, und sie hat sich nicht gelegt.

Kein anderer Mann hatte je eine so starke körperliche Reaktion in ihr hervorgerufen. Eigentlich hatte sie nie verstanden, warum andere Frauen sich wegen Männern verrückt machten und jeglichen Selbstrespekt verloren, sobald sie verlassen wurden. Vernunft war von jeher Lucys Lebensmotto gewesen. Ihre Mutter hatte sie von frühester Kindheit an dazu erzogen, und inzwischen hatte Lucy erkannt, dass ihr dadurch eine Menge Kummer erspart geblieben war.

Doch selbst Vernunft vermochte nicht die Gefühle zu verdrängen, die James Hancock in ihr weckte. Im Laufe der Jahre hatte sie die körperlichen Vorzüge anderer Männer bewundert, doch bei James ging es ihr nicht einfach nur um das Körperliche. Er besaß eine sinnliche Ausstrahlung, die unbeschreiblich männlich war, und sosehr sie sich auch bemühte, seine Reize zu ignorieren, versetzten sie doch immer wieder ihre Hormone in Aufruhr.

Verzweifelt stützte Lucy den Kopf auf die Hände. Die Wahrheit war schlicht und ergreifend, dass sie nicht mehr das Gefühl hatte, sie selbst zu sein, und ihr die Person absolut nicht gefiel, zu der sie sich entwickelt hatte. Welches Recht hatte sie, Frauen zu verurteilen, die sie überhaupt nicht kannte, nur weil James sie ihr gegenüber vorzog?

Sie sollte sich einen neuen Job suchen, die Kündigung einreichen und gehen.

Das war das einzig Vernünftige.

Heute war Freitag. Gleich Montag früh würde die Kündigung auf seinem Tisch liegen.

Zweifellos würde James mit seiner jüngsten Eroberung, einem atemberaubenden Model, auf dem Wohltätigkeitsball erscheinen, und das würde ihr zeigen, wie aussichtslos es war, ihre Zeit damit zu vergeuden, sich nach jemandem zu sehnen, der für sie unerreichbar war.

Spätestens Montag würde sie sich so weit im Griff haben, dass sie kündigen und James Hancock hinter sich lassen konnte. Ein für alle Mal!

Soso … Sie würde einen Mann mitbringen. Gespannt, welchen Männertyp Lucy bevorzugte, setzte James sich an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Sie sprach nie über ihr Privatleben, und er konnte nicht leugnen, dass er neugierig war. Die meisten Frauen vertrauten sich ihm an, nicht so jedoch Lucy.

Sie war eine höchst zugeknöpfte junge Dame, die nie die Ruhe verlor. Dies machte sie zu einer perfekten Assistentin, da die Hälfte seiner Klienten schon bei der geringsten Kleinigkeit in Panik geriet. In solchen Momenten war Lucy ein Fels in der Brandung. Binnen weniger Sekunden hatte sie die Wogen geglättet und eine Lösung für das jeweilige Problem gefunden.

Ein Buchhalter, überlegte James. So einen Mann würde Lucy schätzen – einen netten, seriösen Buchhalter, solide und verlässlich, jemand, der nie im Leben ein Gesetz gebrochen hatte oder es je tun würde, ein Mann mit geregelten Bürozeiten, festen Gewohnheiten, ernsthaft, rücksichtsvoll, vermutlich trug er eine Brille mit dünnem Goldrand und konservative Kleidung. Das war Lucys Geschmack – ordentlich und konservativ.

Mit einem zufriedenen Nicken studierte James die eingegangenen E-Mails. Er war sicher, dass er sich nicht irrte, aber Lucy war nun schon seit acht Monaten bei ihm, und ihre Zurückhaltung hatte ihn vom ersten Tag an verwirrt. Es wäre eine lohnende Investition, ihr die Tickets zu schenken, wenn dadurch das Geheimnis gelüftet würde, das Lucy Worthington umgab. Dann könnte er sie endlich aus seinen Gedanken verbannen.

Er hatte sogar angefangen, an sie zu denken, wenn er mit anderen Frauen zusammen war, hatte ihre Schlagfertigkeit vermisst und überlegt, wie sie im Bett sein mochte. Das musste ein Ende haben. Er hatte nicht vor, es sich mit der besten Sekretärin zu verderben, die er je gehabt hatte. Außerdem wäre Lucy garantiert schockiert, wenn sie geahnt hätte, welche Richtung seine Fantasie in letzter Zeit einschlug. Sie mit dem Mann ihrer Wahl zusammen zu sehen – ganz gewiss ein Buchhalter –, würde ihren Rührmichnichtan-Status unterstreichen.

Das Telefon läutete. James griff nach dem Hörer.

“Buffy Tanner auf Leitung eins”, meldete Lucy kühl.

“Danke.” Lächelnd drückte er einen Knopf und nahm den Anruf entgegen.

An Buffy war nichts Geheimnisvolles. Sie war völlig ungekünstelt. Ihm gefiel das.

“Hallo, Buffy.” Vor seinem geistigen Auge entstand ihre wohlgeformte Gestalt.

“James, Liebling. Tut mir leid, dass ich dich im Büro anrufe, aber möglicherweise erreiche ich dich nachher nicht mehr. Wann, sagtest du, soll ich heute Abend fertig sein?”

Er unterdrückte ein Seufzen. Pünktlichkeit war nicht unbedingt Buffys Stärke. “Um halb acht. Wir müssen pünktlich los. Ich habe dich gewarnt.”

Sie zögerte. “Ich habe heute einen Fototermin. Die neue Badekollektion am Bondi Beach. Wäre es schlimm, wenn wir uns ein bisschen verspäten würden?”

“Ja, es wäre schlimm. Meine Leute stehen auf der Bühne. Ich muss zur Stelle sein. Falls du absagen möchtest …”

“Nein, natürlich nicht.”

Er hörte sie förmlich schmollen. Es wirkte sehr sexy, wenn sie die Lippen verzog, doch im Moment war seine Geduld erschöpft. “Halb acht, Buffy. Entweder bist du fertig, oder ich gehe ohne dich”, erklärte er gereizt und beendete das Gespräch. Lucy würde einen Mann nie warten lassen. Sie war stets auf die Minute pünktlich und achtete darauf, dass Verabredungen eingehalten wurden.

Mit wachsendem Missvergnügen widmete James sich der Beantwortung der dringendsten E-Mails. Dann fertigte er Ausdrucke für die Akten an und notierte die Punkte, die Lucy noch überprüfen sollte. Sie übersah nie ein Detail, ein Vorzug, den er sehr an ihr schätzte. Er konnte sich darauf verlassen, dass sie alles richtig machte. Keine Ausflüchte. Peinliche Genauigkeit.

James rief sie zu sich, die Anweisungen hatte er bereits an die diversen Unterlagen geklammert. Lächelnd betrachtete er sie, als sie hereinkam. Sie trug ein marineblaues Kleid von zeitloser Eleganz – genau das, was eine vernünftige Karrierefrau kaufte. Sie konnte es bei jeder Gelegenheit tragen, und es würde nie unmodern werden.

Der Rock endete knapp über dem Knie. Minis waren nichts für Lucy. Was er allerdings bislang von ihren Beinen gesehen hatte – wohlgeformte Waden und schlanke Fesseln – verriet, dass sie einen durchaus überwältigenden Anblick bieten würden. Nur gut, dass sie sie nicht zur Schau stellt, sagte er sich und erfreute sich an ihrer sittsam verhüllten zierlichen Figur.

Da Lucy gerade durchschnittlich groß war, konnte man sie kaum als stattlich bezeichnen, doch sie besaß überaus ansprechende Kurven, und die Art, wie sie die Hüften bewegte, war absolut hinreißend. Und verführerisch. Rasch verdrängte James diese gefährlichen Gedanken und konzentrierte sich auf ihr Gesicht.

Ein bezauberndes Gesicht, nicht unbedingt hübsch, obwohl er sich vorstellen konnte, dass es mit dem richtigen Make-up atemberaubend wirken würde. Es war perfekt geschnitten, obwohl ihm die Brille einen etwas altmodischen Ausdruck verlieh, der durch den strengen Chignon betont wurde, zu dem sie ihr Haar frisiert hatte. James konnte sich nicht erinnern, dass sich je eine Locke daraus befreit hätte.

Der Gedanke, die Nadeln aus der seidigen braunen Fülle zu ziehen, hatte etwas ungemein Verlockendes. Würde Lucy auch in anderer Hinsicht lockerer werden? Wenn er ihr die Brille fortnahm, was würde er dann in ihren Augen sehen?

Momentan sah er nur gespannte Intelligenz. Lucy hatte nur das Geschäft im Sinn.

Ein wenig gekränkt über ihr mangelndes Interesse an dem, was viele Frauen an ihm begehrenswert fanden, fragte er spontan: “Ist er Buchhalter?” Und biss sich sofort auf die Zunge, weil Lucy ihm derart unter die Haut ging.

Verwundert zog sie die Brauen hoch. “Von wem sprechen Sie?”

Statt das Thema zu wechseln – das einzig Vernünftige, was er in dieser Situation tun konnte –, verlor James vollends den Kopf, getrieben von brennender Neugier und rebellischen Hormonen. “Von Ihrem Begleiter heute Abend.”

“Sie wollen wissen, ob er Buchhalter ist?”

“Ist er?”

“Brauchen Sie auf dem Ball einen Buchhalter?”

“Nein, brauche ich nicht.”

“Warum fragen Sie dann?”, erkundigte sie sich misstrauisch.

Ja, warum eigentlich? James presste die Lippen zusammen. Er würde keine befriedigende Auskunft erhalten und sich nur zum Narren machen. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg.

“Die Konversation ist leichter, wenn ich über die Gäste informiert bin. Ihr Begleiter ist der Einzige an unserem Tisch, den ich nicht kenne.”

Sie sah ihn an, hob trotzig das Kinn und straffte die Schultern. Ihr ganzer Körper wirkte auf einmal angespannt. Selbst die Hände ballte sie zu Fäusten. James befiel das ungute Gefühl, dass sie ihn am liebsten geohrfeigt hätte. Das war natürlich lächerlich! Schließlich hatte er eine plausible Erklärung geliefert. Er wusste tatsächlich gern über die Leute Bescheid, bevor er jemanden traf. Lucy war das bekannt.

Allerdings musste er zugeben, dass es sich hierbei um ein eher persönliches als geschäftliches Problem handelte. Ihr Begleiter ging ihn eigentlich nichts an. Vielleicht lag es nur an den Brillengläsern, dass ihre Augen zu funkeln und Blitze zu sprühen schienen. Zum Teufel! Er würde den Typ heute Abend ohnehin kennenlernen. Warum, um alles in der Welt, war sie also verärgert?

“Warum glauben Sie, mein Begleiter wäre Buchhalter, James?”, fragte sie frostig.

“Ist er Buchhalter?” Allmählich nervten ihn ihre Ausweichmanöver.

“Normalerweise werden Buchhalter für langweilig gehalten.” Erneut vermied sie eine offene Antwort.

“Keineswegs. Ich finde, sie sind sehr intelligent, clever und gerissen”, erwiderte er.

“Langweilig”, wiederholte sie nachdrücklich. “Und Langweiler sind genau das Richtige für die gute Lucy Worthington.”

Oh, oh! James hörte förmlich die Alarmsirenen schrillen. Beschwichtigend hob er die Hand. “Also wirklich, Lucy, ich habe Sie nie für langweilig gehalten. Und das wissen Sie auch”, fügte er hinzu. “Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Sie einen langweiligen Mann um sich haben möchten. Sie haben mich völlig falsch verstanden. Ich habe mich lediglich gefragt …”

“Was für einen Mann ich mitbringen werde.”

Ihr Blick schien ihn zu durchbohren und geradewegs in sein Hirn zu dringen. James’ Unbehagen wuchs. Es gefiel ihm gar nicht, dass sie ihn durchschaut hatte. Eines stand jedenfalls fest: Er hatte sich eine tiefe Grube gegraben, die er schnellstens verlassen musste, ohne das Gesicht zu verlieren.

“Es wäre hilfreich, wenn Sie mir wenigstens seinen Namen verraten würden. Das würde Peinlichkeiten bei der Vorstellung vermeiden.”

Ihre Augen funkelten noch gefährlicher. Er spürte ihr Verlangen, ihn in Stücke zu reißen, und sonderbarerweise – eingedenk der Tatsache, dass er sich selbst in diese brenzlige Situation gebracht hatte – erregte ihn ihre leidenschaftliche Reaktion. An dieser Lucy war überhaupt nichts Kühles oder Beherrschtes. Offenbar hatte er die echte Frau aus Fleisch und Blut unter dem marineblauen Kleid entdeckt. James fand die Aussicht, die wahre Lucy hervorzulocken, überaus reizvoll. Wenn sie nun vorsprang, um ihn körperlich zu attackieren …

“Josh Rogan”, erklärte sie.

“Wie bitte?”

“Sie haben nach seinem Namen gefragt”, erinnerte sie ihn kühl.

James rief sich im Stillen zur Ordnung. Das marineblaue Kleid hatte die Oberhand gewonnen, verdammt! Die Lucy, die er hatte kennenlernen wollen, befand sich auf dem Rückzug. Gut so, sagte er sich – und verdrängte die verrückte Fantasie von Lucy, ausgestreckt auf dem Tisch, während er sein Verlangen nach ihr stillte. Es war lächerlich, sexuellen Träumen von seiner Sekretärin nachzuhängen, wenn doch Buffy Tanner mehr als bereit war, seine Bedürfnisse zu befriedigen.

“Josh Rogan”, wiederholte er versonnen. Glücklicherweise war Lucy vernünftig genug, die Rangordnung zwischen Chef und Sekretärin wiederherzustellen. Nichtsdestotrotz ließ ihm der Name keine Ruhe. “Gibt es nicht ein Lammcurry namens Josh Rogan?”

Er war sich dessen fast sicher. Ihn beschlich der Verdacht, dass Lucy es ihm heimzahlen wollte, indem sie ihm einen falschen Namen nannte, damit er sich am Abend tödlich blamierte, wenn er ihn benutzte.

“Nein”, entgegnete sie spöttisch. “Das Gericht heißt Rogan Josh.”

“Oh.” Zog sie ihn nun auf oder nicht?

Sie lächelte. “Ich glaube allerdings nicht, dass Josh es Ihnen verübeln würde, wenn Sie ihn mit dem Curry verwechseln. Er ist ein heißer Typ”, fügte sie anzüglich hinzu.

Heißer Typ? Lucy mit einem heißen Typen? James’ Blutdruck stieg schlagartig an. “Ich werde daran denken”, erwiderte er. “Sie können diese Unterlagen jetzt haben. Ich habe noch einige Bemerkungen notiert.”

“Gut.” Sie nahm den Stapel vom Tisch. Dann eilte sie mit katzenhafter Anmut hinaus.

James dachte noch eine Weile über diesen Aspekt von Lucy Worthington nach. Er hatte zweifellos recht gehabt. In Lucy steckte viel mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Das marineblaue Kleid war lediglich eine Fassade, die ihn daran hindern sollte, die Wahrheit über die Frau herauszufinden, die sich dahinter verbarg.

Gut, dass er ihr die Freikarten geschenkt hatte. Es dürfte eine interessante – erleuchtende – Erfahrung werden mitzuerleben, wie sie sich mit dem ‘heißen Typen’ benahm. Offenes Haar, verführerisches Kleid, Make-up, keine Brille … Falls dieser Josh Rogan tatsächlich ein ‘heißer Typ’ war, würde er diese Aufmachung von ihr erwarten.

Gespannte Erwartung durchströmte James. Sie hatte nichts mit der Vorfreude, Buffy Tanner heute Abend im Arm zu halten, zu tun. Er hatte keinen einzigen Gedanken an das Bikinimodel mit den üppigen Kurven und dem sinnlichen Schmollmund verschwendet.

Heute Abend würde er die ‘aufgeknöpfte’ Lucy in Aktion sehen!

2. KAPITEL

Lucy kochte noch immer vor Wut, als sie um sechs Uhr abends die Stufen zu ihrem im ersten Stock gelegenen Apartment in Bellevue Hill hinaufeilte.

Ein Buchhalter!

Ein langweiliger, biederer Buchhalter!

Oh, sie würde es James Hancock mit Josh schon zeigen! Sie freute sich auf sein fassungsloses Gesicht, wenn ihr Begleiter ihn bei Tisch in den Schatten stellte – etwas, wozu Josh mühelos in der Lage war. Er war der geborene Partylöwe, besaß eine unwiderstehliche Ausstrahlung und einen geradezu überwältigenden Charme. Außerdem war er attraktiv wie die Sünde.

Praktischerweise wohnte er gleich nebenan. Sie brauchte also nur anzuklopfen, und entweder Josh oder sein Lebensgefährte Larry Berger würden ihr helfen. Homosexuelle Männer waren meist die besten Freunde einer Frau, zu dieser Erkenntnis war sie bereits vor Langem gelangt.

Selbst während der Schulzeit, als sie noch nichts von Joshs Neigung geahnt hatte, war er ihr sympathisch und ein guter Freund gewesen. Er war nett, einfühlsam, hilfsbereit und ein amüsanter Gesellschafter.

Sie war ihm damals für seine Freundschaft dankbar gewesen, denn so hatten sie als Paar ausgehen können, ohne dass sie befürchten musste, hinterher zum Sex gedrängt zu werden. Manche Jungen konnten ziemlich gemein werden, wenn sie ihre Wünsche durchsetzen wollten. Manche Männer auch, wie sie in späteren Jahren herausgefunden hatte. Sogar die wenigen erfreulichen Beziehungen hatten ihren Reiz verloren, als selbstsüchtige Forderungen gestellt wurden. Alles in allem hatte ihre Mutter recht: Männer wollten Frauen ihre eigenen Bedingungen aufzwingen, und der Begriff ‘Fairness’ kam dabei nicht vor.

Josh bildete eine angenehme Ausnahme. Seine Gesellschaft war mit keinen Verpflichtungen verbunden. Bei ihm fühlte Lucy sich sicher, und das war gut so. Mit Josh Rogan gab es keine Probleme. Er empfand ebenso wenig sexuelles Verlangen nach ihr wie sie nach ihm. Genau genommen bot er den perfekten Kontrast zu ihren unkontrollierbaren Gefühlen für James Hancock, den sie in ihren wildesten Fantasien an ihr Bett gefesselt und dabei beobachtet hätte, wie er vor Verlangen nach ihr den Verstand verlor.

Sie wusste natürlich, dass dieser Traum absurd war!

James Hancock würde nie mehr in ihr sehen als seine ‘geschätzte’ Sekretärin. Auf gar keinen Fall wollte sie ihn in dem Glauben belassen, dass sie keinen anderen Mann finden könnte als einen langweiligen Buchhalter!

Lucy ging an ihrer Wohnungstür vorbei zu Joshs Apartment und klingelte Sturm.

Sekunden später öffnete er. “Lucy, Liebes!” Er zog die Augenbrauen hoch. “Eine Änderung im Plan?”

“Ja”, bestätigte sie mit neu erwachtem Zorn.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lass dich lieben - Lucy!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen