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Lass dich Lieben, Prinzessin

1. KAPITEL

Die Frau auf der Parkbank war einsam und schutzlos. Zumindest empfand Shay O’Malley es so, als er sie entdeckte. Sie trug zwar teure marineblaue Seide und schicke hochhackige Pumps, aber ihr Blick war seltsam leer und ohne jedes Interesse für das, was um sie herum geschah.

Sie muss blutjung sein, dachte Shay besorgt. Oder kam es ihm nur so vor, weil er sie mit den Augen des Kriminalbeamten betrachtete? Auf den zweiten Blick fand er sie nicht mehr ganz so jung, auf zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre schätzte er sie. Auf jeden Fall war sie zu schön und wirkte zu unschuldig, um im Trubel des Mardi Gras hier allein im Park zu sitzen.

Für ihn stand sofort fest, dass er nicht einfach weitergehen konnte. Erst musste er wissen, ob mit ihr alles in Ordnung war. Sein Beschützerinstinkt zeigte sich immer zu den unmöglichsten Gelegenheiten. “Miss? Sie sehen aus, als ob Sie ein Problem hätten. Kann ich Ihnen helfen?”

Die junge Frau sah ihn erstaunt mit ihren großen meerblauen Augen an. Verglichen mit den ordinären Gestalten der Prostituierten, die sich am Parkrand unter den Laternen zur Schau stellten, wirkte sie arglos wie ein Kind.

“Sie sind noch ein bisschen jung für die Art von Leuten, die sich hier herumtreibt, finden Sie nicht auch?” Egal wie alt sie war, Shay wusste aus Erfahrung, dass jemand, der einen so unschuldigen Eindruck machte wie sie, zwielichtige Gestalten anzog.

Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß, sagte jedoch immer noch kein Wort.

Shay runzelte die Stirn. “Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben. Wie heißen Sie eigentlich?”

Jetzt fuhr sie sich mit der Zungenspitze über ihre volle Oberlippe. Shay fand den Anblick so sexy, dass sein Herz höherschlug und sein Atem sich beschleunigte. “Ich habe Sie nach Ihrem Namen gefragt.” Es klang barscher, als er beabsichtigt hatte.

“Ich …” Ihre Unterlippe zitterte leicht. “Ich kann nicht …” Dabei schaute sie ihn unverwandt an.

Er legte den Kopf schräg. “Sie können mir Ihren Namen nicht sagen?”

“Ich …” Sie sah ihn immer noch an, während sie zaghaft die Schultern zuckte. “Ich kann mich einfach nicht erinnern.”

“Wollen Sie damit sagen, dass Sie nicht mehr wissen, wie Sie heißen?”

Sie zögerte einen Moment, bevor sie nickte.

“So, so, Sie haben also Ihr Gedächtnis verloren.” Es sollte nicht zynisch klingen. Aber auf der anderen Seite fiel es Shay nicht leicht, ihr zu glauben. Dafür hatte er zu viele schlechte Erfahrungen in seinem Beruf gemacht.

Sie schwieg einen Moment lang. “Genau das wollte ich sagen”, erklärte sie dann.

Er versuchte es auf andere Weise. “Was machen Sie denn ganz allein hier draußen? Ist niemand bei Ihnen, Freunde, Eltern?”

Sie warf den Kopf in den Nacken. “Ich bin doch kein Kind.”

Shays Blick glitt über ihre Figur. Natürlich war sie kein Kind mehr. Dennoch fühlte er sich von ihr geradezu herausgefordert, die Rolle des Beschützers zu übernehmen.

“Ich bin ganz allein hier”, fuhr sie fort.

“Okay, okay, Sie sind erwachsen. Aber könnte nicht jemand auf Sie warten, Ihr Freund vielleicht? Hatten Sie Streit?” Shay sah sich um. “Es könnte später hier gefährlich für Sie werden. Wenn Sie mein Mädchen wären, ließe ich Sie hier nicht allein.”

“Ihr Mädchen?”

Als er nickte, trat ein verhaltenes Lächeln auf ihre Lippen. “Suchen Sie ein Mädchen?”

Ihre Worte schockierten ihn, denn er hätte seine Dienstmarke darauf verwettet, dass sie keine Prostituierte war. “Soll das ein Angebot sein?”

“Das kommt darauf an.” Ihre Augen hatten einen seltsamen Glanz bekommen.

Shay musterte sie ungeniert. “Auf was kommt es an?”

“Ob Sie den Beschützer spielen möchten.”

“Brauchen Sie einen?”

“Jede Frau braucht einen.”

Er blieb skeptisch. “Heutzutage hat sich das geändert, denke ich. Die meisten Frauen wollen keinen starken Mann mehr, der sie beschützt. Sie verlassen sich lieber auf sich selbst.”

“Ich bin aber nicht wie die meisten Frauen.”

“Das scheint mir auch so.” Die Worte waren ihm herausgerutscht, und es war ihm peinlich, dass sie sich offensichtlich darüber amüsierte. “Ich wollte nur sagen, dass die meisten Frauen an so einem Abend hier nicht allein sitzen würden, es sei denn, sie wollten nicht allein bleiben.” Wie auf ein Stichwort tauchte eine Gruppe von Kostümierten in grellbuntem Satin mit glitzerndem Kopfputz auf. Ihr Gelächter übertönte den Karnevalslärm in den umliegenden Straßen.

Die junge Frau stützte ihre Hände auf der Bank ab. “Ich bin nur hierhergekommen, weil ich nicht länger dort bleiben wollte.”

“Wo ist dort?”

“Wo ich herkomme.”

Shay massierte den Punkt zwischen seinen Augenbrauen, um die Nerven zu behalten, denn bei diesem Gespräch drehte man sich im Kreis. “Also noch mal von vorn. Sie wissen nicht, wie Sie heißen, woher Sie kommen und warum Sie hier sind. Sonst noch etwas?”

Sie seufzte. “Das ist die Story meines Lebens.”

“Das glaube ich weniger, Kindchen. Das Leben ist wie ein Buch mit einem Anfang, einer Mitte und einem Schluss. Sie schreiben doch noch an den ersten Kapiteln.”

“Ich dachte immer, das Buch des Lebens sei schon fertig geschrieben, wenn man auf die Welt kommt.”

Sie sprach mit dem unverkennbaren Südstaaten-Akzent der Oberschicht, und ihre ganze Art strahlte Klasse aus. “Für eine Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat, sind Sie noch ziemlich schlagfertig.”

“Ich glaube, das habe ich irgendwo mal gelesen.”

“Aber Sie erinnern sich nicht, Ihre Adresse irgendwo gelesen zu haben?”

“Nein, leider nicht”, flüsterte sie. Dann schaute sie ihn mit großen verträumten Augen an. “Glauben Sie daran, dass Märchen manchmal wahr werden?”

“Märchen?” Ihr Jasminparfum duftete betörend. Er musste spontan an milde Sommernächte, schöne Frauen und leidenschaftlichen Sex denken. Schnell schüttelte er den Kopf, um diese Gedanken wieder loszuwerden. “Nein, ich glaube nicht an Märchen. Das ist etwas für Kinder.”

“Und was ist mit dem Schicksal? Glauben Sie an die Macht des Schicksals?”

“Ich nehme mein Schicksal lieber selbst in die Hand.”

Ein wissendes Lächeln trat auf ihre Lippen. “Ich dachte mir, dass Sie das sagen würden.”

Shay fuhr sich mit der Hand durchs Haar. “Was, in aller Welt, soll ich jetzt mit Ihnen machen?”

“Was möchten Sie denn am liebsten mit mir machen?” Ihre Stimme klang weich und verführerisch.

Ein weiterer Grund für Shay, die Distanz zu waren. Er wollte sich jedoch auch nicht als Kriminalbeamter zu erkennen geben. “Ich bringe Sie besser zu einem Polizisten.”

“Polizei?” Der Gedanke schien sie zu beunruhigen.

“Jetzt seien Sie doch vernünftig! Sie wissen nicht einmal mehr Ihren Namen. Ich kann Sie nicht hier allein im Park sitzen lassen, sonst kommen Sie noch in die Statistik über Gewaltverbrechen.”

“Mit der Polizei möchte ich nichts zu tun haben”, erwiderte sie heftig. Das machte ihn misstrauisch. Warum hatte sie Angst vor der Polizei?

“Ich muss Sie irgendwo abliefern, wo Sie in Sicherheit sind.” Shay schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. “Was ist eigentlich passiert? Haben Sie sich am Kopf gestoßen und können sich deswegen an nichts mehr erinnern? Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wir sollten Sie vielleicht zur Untersuchung ins Krankenhaus bringen.” Behutsam strich er ihr über das glänzende schwarze Haar. “Sagen Sie, wenn es wehtut.”

Sie schob seine Hand beiseite und stand auf. “Ich bin nicht verletzt. Jedenfalls nicht so, dass man es feststellen könnte.”

“Was wollen Sie denn jetzt unternehmen?”

“Ich muss gehen.”

“Wohin?”

“Irgendwohin.”

Shay hielt sie an beiden Armen fest und zwang sie, ihn anzusehen. “Moment mal! Sie können doch nicht …”

“Ich bin ganz okay”, entgegnete sie energisch.

“Das sind Sie nicht. Kommen Sie, ich bringe Sie zur nächsten Polizeiwache.”

Sie schüttelte ihn mit erstaunlicher Kraft ab. “Nein, das geht nicht.”

In diesem Moment zuckte ein Blitz über den Himmel. Als Shay die bedrohlich dunklen Wolken, die der Wind heranwehte, sah, hielt er die Frau an den Handgelenken fest. “Sie haben keine Wahl.”

Plötzlich hatte sie Tränen in den Augen. “Nein, lassen Sie mich bitte los! Ich will nicht zur Polizei.”

Shay strich ihr beruhigend über den Rücken. “Pst, ist ja schon gut.” Er fragte sich besorgt, worin diese so unschuldig wirkende junge Frau wohl verwickelt war.

Der nächste Blitz erhellte sekundenlang den Himmel, und gleich darauf donnerte es. “Ich kann Sie unmöglich in diesem Gewitter gehen lassen, ohne Ihren Namen zu wissen, Lady. Ich bin eben der Beschützertyp.”

Es hatte bereits angefangen zu regnen. Die Leute im Park suchten eilig Schutz. Shay war einen Moment ratlos, was er jetzt machen sollte. Einerseits war er als Kriminalbeamter auch außerhalb des Dienstes verpflichtet zu helfen, andererseits kannte er nur zu gut die Situation, dass sich jemand nicht helfen lassen wollte. Das war dann die Grenze für sein Eingreifen.

Er machte einen letzten Versuch. “Irgendwo muss ich Sie doch hinbringen.”

Sie zögerte, bevor es aus ihr hervorsprudelte. “Dann nehmen Sie mich einfach mit nach Hause!”

“Zu mir nach Hause?”

“Ja. Ich bleibe so lange, bis es aufhört zu regnen, und danach gehe ich überall hin, wo Sie wollen.”

“Das ist keine gute …”

Im kühlen Wind zitternd, fiel sie ihm ins Wort. “Bitte, mir ist so kalt.”

“Zum Teufel mit dem Wetter!” Mittlerweile regnete es heftiger. Shay betrachtete die Frau neben sich unschlüssig. Die feuchte Seide klebte an ihrem Körper, was ihre weiblichen Kurven umso mehr betonte. Aber er durfte sich nicht davon beeindrucken lassen. Rasch zog er seine Lederjacke aus, um sie ihr fürsorglich über die Schultern zu legen. “Wir müssen rennen. Mein Wagen steht an der anderen Seite des Parks.”

Hand in Hand liefen sie los und trafen bald auf andere Menschen, die vor dem Regen flüchteten. Einige lachten, andere fluchten, wieder andere waren zu betrunken, um noch aufrecht zu gehen.

Als ein Mann torkelnd an ihnen Halt suchte, stieß Shay ihn ungeduldig weg. “Gehen Sie lieber ins Bett und schlafen Ihren Rausch aus.”

“Sieht so aus, als ob Sie auch gleich mit der Puppe ins Bett gehen”, lallte der Mann.

Shay hätte ihm am liebsten einen Haken versetzt, konnte sich jedoch zum Glück beherrschen. “Verschwinden Sie, bevor ich Sie festnehme”, entfuhr es ihm stattdessen. Erst als der Mann sich schleunigst verzog, wurde Shay klar, was er gesagt hatte. Er warf einen verstohlenen Blick auf die Frau an seiner Seite.

Zu seiner Erleichterung spielte ein amüsiertes Lächeln um ihre Lippen. “Das war ja ein toller Trick, um jemanden loszuwerden. Werde ich mir merken.”

Shay konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. “Das würde Ihnen keiner abnehmen.”

Sie schmollte. “Warum nicht?”

In diesem Moment öffnete der Himmel seine Schleusen noch weiter. Jetzt goss es wie aus Kübeln. Anstatt zu antworten, fasste Shay die Hand seiner Begleiterin fester und beschleunigte das Tempo.

Nach ein paar Minuten blieb er am Parkrand vor einem alten weißen Porsche stehen. Mühsam angelte er den Schlüssel aus seiner Hosentasche, öffnete die Tür und hielt sie weit auf. “Kommen Sie schnell herein, Rotkäppchen.”

“Warum nennen Sie mich so?”, wollte sie wissen, während sie auf den Beifahrersitz kletterte.

“Irgendeinen Namen muss ich Ihnen ja geben.” Eilig ging er um den Wagen herum, setzte sich ans Steuer und schüttelte den Regen aus seinem triefend nassen Haar. “Was für ein Wetter!”, rief er ohne eine Spur von schlechter Laune.

“Kann man wohl sagen.”

“Zu dumm, dass ich keine Handtücher im Wagen habe, Rotkäppchen.”

“Was soll der Name?”

“Sie erinnern mich irgendwie an das Rotkäppchen im Märchen.”

“Und Sie sind …”

“Ich bin natürlich Ihr Beschützer.”

“Sie sehen aber eher aus wie der große böse Wolf.”

Shay grinste spitzbübisch. “Großartig, Sie fangen ja schon an, sich zu erinnern!”

“Scheint so”, antwortete sie leise, ohne ihn anzusehen.

“Wenn der Regen aufhört, wissen wir vielleicht schon mehr über Sie.” Shay beobachtete den Wasserschwall, der auf seine Windschutzscheibe niederging. “Falls er überhaupt ein Ende nimmt. Sieht so aus, als würde es die ganze Nacht so weiterschütten.”

Er startete den Wagen, schaltete die Scheibenwischer und das Gebläse ein. “Gleich wird’s auf jeden Fall wärmer.”

Er hatte nicht zu viel versprochen. In wenigen Minuten war es in seinem Sportwagen mollig warm. Sie saßen so dicht nebeneinander, dass sich ihre Schultern beinahe berührten und Shay seine Beifahrerin ungeheuer intensiv wahrnahm. Da war der Duft ihres regennassen Haares, ein Hauch ihres Parfums, der seidige Glanz ihrer Perlenohrringe. Es kam ihm so vor, als wären sie zusammen in einem Kokon von Sinnlichkeit eingesponnen, und er hatte keine Ahnung, wie er ausbrechen konnte. Aber er wollte es eigentlich auch gar nicht.

Sie lächelte etwas nervös, als sie die Handflächen in den Luftstrom des Gebläses hielt. “Schön warm. Das tut gut.”

Er mied jeden Kommentar, um die sinnliche Atmosphäre nicht noch aufzuheizen. Schließlich war er Polizist. Auch wenn er heute Abend keinen Dienst hatte, konnte er doch nicht gleich den Romeo spielen, nur weil ihm danach war.

Shay verstand sich selbst nicht. Als Undercover-Agent hatte er schon allen möglichen verführerischen Callgirls, die auf ihn angesetzt waren, widerstanden. Er war dafür bekannt, dass er unbestechlich war und sich durch nichts und niemand, auch nicht die allerschönste Frau, ablenken ließ.

“Puh!” Sie nahm die Lederjacke von ihren Schultern und faltete sie auf ihrem Schoß. “Es ist ziemlich heiß hier drinnen.”

Kann man wohl sagen, ging es ihm durch den Kopf, während er einen Blick auf ihre nackten Schultern riskierte. “Lassen Sie die Jacke lieber an, sonst … erkälten Sie sich.”

“Aus meinem Haar tropft Wasser. Ich möchte Ihre Jacke nicht völlig ruinieren.”

“Das können Sie gar nicht. Die ist schon uralt. Da steckt eine Menge Jugenderinnerungen drin.”

“Was für Erinnerungen? Erzählen Sie. Vielleicht kann ich mich dann auch an so etwas Ähnliches erinnern.”

“Ganz bestimmt nicht.” Er lachte, erleichtert, ein unverfängliches Gesprächsthema gefunden zu haben. “Ich weiß noch, dass ich die Jacke vor meinem ersten Rugby-Spiel im College getragen habe und furchtbar stolz darauf war.”

“Aber das kann ich mir gut vorstellen”, erklärte sie lächelnd. “In manchen Kleidungsstücken fühlt man sich, als wäre man etwas ganz Besonderes.”

Shay schaute sie erstaunt an. Wie schnell sie begreift, was ich meine, wunderte er sich. Er konnte jedoch nicht sagen, warum sie ihn so beeindruckte. Ob es an ihrem Erinnerungsverlust lag? Er wusste nicht viel über Amnesie, außer dass es ein traumatisches Erlebnis für den Betroffenen war. Erneut fragte er sich, warum sie auf keinen Fall zur Polizei wollte.

Als Shay beobachtete, wie sie mit der Hand fast zärtlich über seine Jacke strich, überkam ihn plötzlich heftiges Verlangen. Er biss die Zähne zusammen und starrte auf die Straße. Wenn er es vermied, die Frau anzusehen, würde er hoffentlich schnell wieder vernünftig werden.

Schweigend fuhren die beiden weiter, aber jeder war sich des anderen wohlbewusst. Shay hätte schwören können, dass es ihr nicht viel anders ging als ihm. Diese Empfindungen konnten nicht nur von einer Seite ausgehen. Dafür herrschte eine zu sinnliche Atmosphäre in seinem Porsche. Zum ersten Mal wünschte Shay sich, er führe einen größeren Wagen, am besten einen Sechssitzer.

Er hörte, wie sie sich räusperte. “Wohnen Sie weit von hier?”

“Nein, noch ein paar Kilometer weiter nach Norden, Garden District. Und wo wohnen Sie?”

“Ich wohne …” Es hörte sich so an, als schlucke sie die Worte herunter. “Ich …” Sie starrte ihn plötzlich mit großen Augen hilflos an.

“Entschuldigung, ich wollte nur ausprobieren, ob Sie sich vielleicht spontan wieder erinnern können.”

“Schon gut.”

Fast hätte ich mich verraten, dachte Juliette, und ihm gesagt, wo sie wohnte. Sie war so von ihm beeindruckt, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so zu einem Mann hingezogen gefühlt.

Eigentlich hätte sie für einen ganz anderen so empfinden sollen. Ihr Bruder hatte nämlich bereits einen Ehekandidaten für sie vorgesehen. Aber ihrem zukünftigen Verlobten brachte sie keine solchen Gefühle entgegen. Ihre Verbindung hatte eher praktische Vorteile, und wenn sie einmal heirateten, würden dadurch die Vermögen zweier wohlhabender alter Familien zusammenfließen. Das war nicht unüblich in ihren gesellschaftlichen Kreisen. Besonders ihr konservativ denkender Vater schätzte dieses Verfahren.

Juliette konnte ihn bis zu einem gewissen Punkt auch verstehen. Dennoch hasste sie den Gedanken, dass sie als Spielball in seiner Familienpolitik herhalten sollte, und war verletzt, weil keiner nach ihren eigenen Gefühlen fragte. Sie glaubte noch an die große romantische Liebe und sehnte sich nach einem Mann, der ihr leidenschaftlicher Liebhaber und Partner zugleich sein konnte. Ihm wollte sie ihr ganzes Leben lang treu bleiben.

In diesem Moment sah Juliette die Silhouette ihres Beschützers im Seitenfenster. Oh ja, so könnte mein Traummann aussehen, dachte sie.

Jetzt wies Shay nach draußen. “Kommt Ihnen die Gegend hier bekannt vor?”

Juliette brachte es nicht fertig, das altehrwürdige Gebäude in Parknähe anzuschauen, das der Stammsitz ihrer Familie war und jetzt als Firmenzentrum diente. “Nein, überhaupt nicht.”

Einen Moment lang hatte sie ein schlechtes Gewissen, den gut aussehenden Mann neben sich anzulügen, aber dann wies sie den Gedanken von sich. Sie hatte ihn schließlich nicht darum gebeten, ihr zuhilfe zu kommen. Die Initiative war von ihm ausgegangen. Und wenn ein Mann wie er so etwas anbot, welche Frau hätte da ablehnen können? Sie war zwar sehr konservativ erzogen worden, aber ihre Träume und Sehnsüchte unterschieden sich nicht von denen anderer junger Frauen ihres Alters.

Jetzt fiel ihr Blick auf seine Oberschenkel, die sich schlank und sehnig unter der engen Jeans abzeichneten. Schon von seinem Äußeren her beeindruckte sie dieser Mann mehr als alle Salonlöwen der feinen Gesellschaft, die sie in New Orleans kennengelernt hatte. Ein Jammer, dass er nur eine flüchtige Bekanntschaft bleiben würde! Sie seufzte.

“Das war aber ein verdammt tiefer Seufzer.”

“Ach ja, alles kommt mir im Moment so kompliziert vor.”

“Kein Wunder, wenn man sich an nichts mehr erinnern kann.” Voller Verständnis fügte er hinzu: “Sie sind ja auch in einer besonders kritischen Situation. Ich hoffe, ich kann Ihnen bald helfen.”

Er wollte ihr also nur helfen! Juliette hatte schon gehofft, dass er sie attraktiv fand und sich deshalb um sie kümmerte. Aber er spielte nur den barmherzigen Samariter und würde versuchen, sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Der Gedanke machte sie niedergeschlagen.

Schon plagte er sie weiter mit Fragen. “Überlegen Sie noch mal, warum könnten Sie heute Abend allein in den Park gegangen sind?”

“Ich wollte weg”, antwortete sie, ohne zu überlegen.

“Warum wollten Sie weg?”

Sie fühlte sich unbehaglich und mied seinen kritischen Blick. “Das weiß ich nicht”, log sie.

Lügnerin! Du weißt genau, dass du vor deiner Zukunft weglaufen willst, warf ihre innere Stimme ihr vor.

Juliette hatte es bei einem langweiligen Dinner mit Geschäftsfreunden am Ende einfach nicht mehr ausgehalten, nachdem sie stundenlang artig Konversation gemacht hatte. Immer die gleichen belanglosen Phrasen austauschen, das gleiche höfliche Lächeln zeigen. Plötzlich war ihr klar geworden, dass es endlos so weitergehen würde. Ihr Bruder hatte ihr Leben bereits verplant. Sie brauchte nur perfekt zu funktionieren, die perfekte Verlobte, die perfekte Gastgeberin zu spielen, später die perfekte Ehefrau. Aber immer perfekt zu sein und nie zu tun, was einem Spaß macht, das hält auf Dauer nicht einmal eine Heilige aus.

 

In letzter Zeit ging Juliette die ganze noble Atmosphäre auf die Nerven. Sie sehnte sich nach lautem Lachen und Musik, nach Ausgelassenheit und bunten Farben. Einmal im Leben wollte sie etwas richtig Aufregendes erleben. Vielleicht würde es die letzte Gelegenheit sein, bevor sie in den Hafen einer arrangierten Ehe steuerte. War das so verwerflich? Ihre Cousine Carlyne war für kurze Zeit ausgebrochen, und sie hatte auch Juliette dazu geraten. “Du musst wenigstens einmal im Leben etwas riskieren. Lass dich überraschen, was alles passieren kann!”

Aber es war leichter gesagt als getan. Juliette hatte einen Ruf zu verlieren. Sie leitete die Wohltätigkeitsstiftung ihrer Familie.

An diesem Abend war sie jedoch geflohen. Sie hatte beim Dinner Kopfschmerzen vorgetäuscht und sich bei den Gästen entschuldigt. Anstatt mit dem Taxi nach Hause zu fahren, hatte sie sich im French Quarter, dem Amüsierviertel von New Orleans, absetzen lassen.

Fasziniert hatte sie die Leute beobachtet, wie sie Mardi Gras, den berühmten Karneval der Stadt, feierten, hatte bunte Kostüme bewundert, den Paraden zugesehen, den Klängen heißer Musik gelauscht. Wie langweilig war ihr eigenes Leben ihr im Gegensatz dazu vorgekommen! Schließlich hatte sie sich in den kleinen Park zurückgezogen, um nachzudenken und von einem romantischen Helden zu träumen, der sie aus ihrem Alltag herausreißen würde. Er sollte ihr Herz im Sturm erobern und ihr ein Leben voller Liebe und Leidenschaft bieten. Was für eine alberne Schwärmerei! Juliette war sich dessen wohlbewusst.

Dann war dieser Mann aufgetaucht. Der erste Eindruck hatte sie fasziniert. Kühn geschwungene schwarze Brauen über strahlend grünen Augen, die an geschliffene Jade erinnerten. Das Gesicht war markant, auf den Wangen hatten sich dunkle Bartstoppeln gezeigt. Sein forschender Blick war ihr durch und durch gegangen. Sie hatte zunächst kein Wort herausgebracht. Immer wieder war ihr durch den Kopf gegangen: Was wäre, wenn ich mich an nichts aus meiner Vergangenheit erinnern könnte, wenn mein Leben heute einen neuen Anfang nähme?

Jetzt, da Juliette neben ihm in seinem Sportwagen saß, musterte sie ihn verstohlen unter ihren langen Wimpern. Sie hatte sich so nach einem romantischen Abenteuer gesehnt, und jetzt schien der Held aus ihren Träumen tatsächlich aufgetaucht zu sein. Ihre Begeisterung machte ihr auch Angst, zumal dieser Mann etwas Gefährliches an sich hatte, aber gleichzeitig war sie zuversichtlich, dass sie ihm trauen konnte.

Seine Stimme riss Juliette aus ihren Gedanken. “Ist es jetzt besser?”

“Was meinen Sie?”

Er drehte an dem Knopf des Gebläses. “Ist Ihnen jetzt warm genug? Ich habe es ganz aufgedreht, damit wir trocknen.”

“Oh ja, vielen Dank.” Sie mied seinen direkten Blick. Auf einmal riet ihr die innere Stimme, lieber ein wenig zurückhaltend zu sein, damit er sich nicht zu viel versprach.

“Sie sind so schweigsam, Rotkäppchen”, bemerkte er kurz darauf. Seine Stimme klang weich und bereits irgendwie vertraut, sodass Juliette ein warmer Schauer überlief.

Es war ein unglaublich gutes Gefühl, neben ihm zu sitzen. Sie fühlte sich sicher, obwohl sie aufgeregt und voller Erwartung war. Als ihr Blick seine Hände am Lenkrad streifte, kamen ihr die gewagtesten Gedanken. Wie würden sie sich anfühlen? Die Vorstellung, dass er sie damit zärtlich streichelte, erregte sie.

“Woran denken Sie?”, hörte sie ihn sagen, während sie ihren erotischen Fantasien nachhing.

“An Liebe im Regen”, rutschte es ihr heraus, und sie war selbst darüber erstaunt.

Sie sah, wie sein Mund für Sekunden offen stand, seine Augen sich weiteten. “Wie bitte?”

“Ich habe gerade ein Pärchen in den Büschen gesehen”, erwiderte sie hastig, um die Situation zu retten. “Die zwei haben sich im Regen geliebt.”

“So?” Er schaute aufmerksam in den Rückspiegel. “Komisch, mir ist gar nicht aufgefallen, dass da zwei …”

Juliette ließ ihn den Satz nicht zu Ende sprechen. “Sie haben vorhin gesagt, es würde mir keiner abnehmen, wenn ich behauptete, ich wäre bei der Polizei. Aber ich könnte doch in Zivil ermitteln.”

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