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Landluft für Anfänger - Sammelband

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist »Landluft für Anfänger«?
  3. Die Autorinnen
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Folge 01
  7. Folge 02
  8. Folge 03
  9. Folge 04
  10. Folge 05
  11. Folge 06
  12. Folge 07
  13. Folge 08
  14. Folge 09
  15. Folge 10
  16. Folge 11
  17. Folge 12

Was ist »Landluft für Anfänger«?

»Landluft für Anfänger« ist ein zwölfteiliger Serienroman, der ein Jahr lang jeden Monat über zwei unterschiedliche Schwestern und ihr Leben auf einem geerbten Hof im Spreewald berichtet. Dieses Collector’s Pack enthält alle 12 Folgen der Serie.

»Landluft für Anfänger« gibt es sowohl als E-Book als auch als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Die Autorinnen

Simone Höft, geboren 1968, und Nora Lämmermann, geboren 1978, trennen – wie die Protagonistinnen ihrer Romanreihe – zehn Jahre Lebenserfahrung, ein Kind und 475 Kilometer Luftlinie zwischen Köln und München. Gemeinsam sind ihnen ein abgeschlossenes Germanistikstudium, die langjährige Arbeit für Film und Fernsehen sowie eine mal mehr mal weniger gut funktionierende WLAN-Verbindung.

»Landluft für Anfänger« ist ihre erste, gemeinsame Romanreihe.

 

»Großstadtmädchen haben’s schwer«
Oder: Wie eine Woche im Oktober das Leben zweier Schwestern verändert. Und ein Leben auf dem Land seinen Anfang nimmt.

Samstag, 5. Oktober

Abbildung

07:30 (Japan Standard Time). Flughafen Tokio. Lufthansa Lounge

OUTLOOKKALENDER VON IRIS NEUBERGER

Termin: Rückflug Tokio–Frankfurt.

Zeit: Sonntag, 06. Oktober, 11:25. Buchungsnummer für Iris und Michael Neuberger: 3J86BV.

Neue Rückflugzeit für Iris Neuberger: Samstag, 05. Oktober, 09:45. Umbuchungskosten: 1300 Euro.

 

Neuer Termin: Montag, 07. Oktober: Alice Glück kündigen. Grund: Schläft mit meinem Mann. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Noch zu finden.

11:20. Berlin. Letzte Tankstelle kurz vor der A 100

Eur 42,50 Super bleifrei
Eur  5,00 Kaffee to go 2x
Eur  1,80 Schokoriegel
Eur  3,70 Pink, Zeitschrift
Eur  9,90 Kondome
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Eur 62,90
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Kartenzahlung Girocard
Sparkasse Berlin, Mia Mann

12:30. Auf der A 15 in Brandenburg

Etwas zu schwungvoll biege ich in die Kurve der Ausfahrt »Vetschau/Burg« ein. Die Reifen von Mattis altem Saab quietschen entrüstet. Im Geiste entschuldige ich mich bei meinem Mitbewohner, weil ich sein Schmuckstück misshandle, und bleibe vor dem gelben Schilderwald stehen. Links geht’s nach Lübbenau, also nach rechts.

12:45. Mitten im Spreewald

Vor mir eröffnet sich die Schönheit des Brandenburger Landes. Die Landstraße schlängelt sich durch Alleen, goldenes Oktoberlicht fällt durch die rot und gelb gefärbten Bäume, die Herbstsonne brennt mit letzter Kraft. Bis zu 23 Grad soll es heute werden. Und das Anfang Oktober! Ich kurble das Fenster ganz herunter und lasse meine Hand im Wind tanzen.

Fast könnte ich gute Laune bekommen, wäre da nicht der gähnend leere Beifahrersitz. Und mein stummes Handy, das ich alle paar Minuten wie eine fast Blinde vor meine Augen halte. Keine SMS, geschweige denn ein Anruf. David hätte wenigstens absagen können. Wir waren doch verabredet, oder nicht? War meine SMS etwa zu vage? Im Geiste rezitiere ich die wenigen Worte, die ich auswendig kenne. (Schließlich habe ich zwei Stunden gebraucht, um die SMS zu verfassen. Und sie seit heute Morgen gefühlte zwanzig Mal gelesen.)

Abbildung SMS von MIA an DAVID

Lust auf einen Landausflug? Ich würde dich um 10 Uhr abholen, wenn du magst. Kuss. (gelöscht)  Meld dich. (gelöscht) Lieben Gruß, Mia.

Nein, nicht zu vage. Vielleicht fühlt er sich bedrängt! Schließlich kennen wir uns erst fünf Wochen und haben die meiste Zeit zwischen ein Uhr nachts und zehn Uhr morgens in (meist meinem!) Bett verbracht. Ist ein Samstagsausflug so etwas wie ein Beziehungsbekenntnis? Habe ich mit meiner SMS eine Grenze überschritten? Oder habe ich mich am Donnerstag in der Bar danebenbenommen, als wir nach der Arbeit in der Redaktion noch mit Patrick einen trinken waren? (Nach der Schwindel-Umdrehungszahl später im Bett zu urteilen, hatte ich mehr als ein Bier intus.) Apropos Bett: Warum ist David danach eigentlich nicht mit zu mir gekommen? Ob er wohl noch eine andere… Mia. Hör auf zu grübeln. Machst du dir eben alleine einen schönen Tag! Schließlich erbt man nicht alle Tage ein Haus im Spreewald!

Wild entschlossen greife ich zu dem Pappbecher neben mir. Igitt, schmeckt kalter Kaffee widerlich! Kaum zu glauben, dass ich doofe Kuh bis elf Uhr auf Davids Anruf gewartet habe, obwohl ich schon seit sieben Uhr (!) nicht mehr schlafen konnte. Und dass ich dann – als ich endlich losgefahren war – an der Tankstelle ZWEI Becher Kaffee (und eine Packung Kondome!) gekauft habe, nur für den unwahrscheinlichen, aber nicht auszuschließenden Fall, dass der Typ sich noch meldet, bevor ich auf der Autobahn bin. Natürlich hätte ich dann so getan, als wäre ich gerade erst aufgestanden, und wäre heimlich umgekehrt. Und natürlich hätte ich das nie Laura erzählen dürfen. Die findet so ein Verhalten verachtungswürdig. Recht hat sie. Arrg.

Ein Traktor biegt vor mir ein, ich bremse scharf und werfe den leeren Becher zu seinem Kollegen in den Fußraum des Beifahrersitzes. (Notiz an mich: Auto UNBEDINGT entmüllen und AUFTANKEN, bevor ich es Matti zurückgebe. Sonst leiht er es mir nie wieder.) Jetzt, mit einer Kriechgeschwindigkeit von zwanzig km/h, rieche ich den Dung von den Feldern. Etwas seltsam ist es ja schon, dass Oma Hedwig ausgerechnet mir ihr Haus vererbt hat. Wir kannten uns doch überhaupt nicht. Ich hätte eher auf meine ätzende Halbschwester Iris getippt. Die kannten sich ja. Aber es kann natürlich sein, dass die es sich mit Oma Hedwig verscherzt hat und enterbt wurde. Wundern würde es mich nicht, wer kann Iris schon ertragen? Also bis auf unseren gemeinsamen Erzeuger Bernd. Na ja, vielleicht war Iris aber auch Papas UND Omas Liebling und hat wertvollen Schmuck und ein volles Bankkonto abgesahnt – und mein Haus stellt sich als eine marode Bruchbude heraus. Meine Mutter ist zumindest der festen Überzeugung, das ganze Erbe sei eine späte Rache von Oma Hedwig, weil Bernd seine Familie erst für den goldenen Westen und dann für uns verlassen hat. Der Brief vom Notar war ein gefundenes Fressen für meine Mutter, um am Telefon mal wieder über Bernd und seine Sippe vom Leder ziehen zu können. (Schließlich hat er uns ein paar Jahre später ebenfalls sitzengelassen.) Bis ihr dann einfiel, dass sie zurück in ihr Seminar musste. Engel-Coaching in der Toskana oder so was! Mehr als den Fakt, dass ich geerbt habe – »das Haus von Bernds Familie, da im tiefsten Osten, sicher total verfallen, von der Frau mit diesem schrecklichen Namen: Hedwig. Ich bitte dich, wer heißt denn so?« –, habe ich als Info von ihr nicht erhalten. Ich hoffe, meine Mutter denkt dran und schickt die Notarunterlagen wie besprochen per Post. Auf dem Foto, das ich noch gefunden habe, sieht das Haus allerdings sehr nett aus. Nur der Name des Dorfes: »Feulenitz« … na ja. Trotzdem: Ein Landhaus, ganz für mich alleine, wär schon super!

Pling, pling.

Eine SMS! Doch noch eine Antwort von David?!

12:35 (MEZ). Flieger Tokio–Frankfurt. Business Class

War das mein Blackberry? Nein, war wohl der vom Nachbarn … Der Typ muss mindestens 130 Kilo wiegen. Wie kann man sich nur so gehen lassen? Ah, mein Rücken tut aber auch weh, muss wohl schief gelegen haben. Gähn. Aber ein Hoch auf die japanischen Schlaftabletten! Ich habe sicher die Hälfte der Zeit geschlafen und dabei nicht an … Michael … gedacht. Hab ich wirklich 1300 Euro fürs Umbuchen ausgegeben? Michael wird sich ärgern. Aber selber schuld. Was musste der auch mit Alice … Nein, stopp, nicht dran denken. Ob ich noch eine Schlaftablette … aber ich will mich ja nicht umbringen. Also besser nicht. Außerdem sollte ich noch ein paar Dinge abarbeiten. Noch drei Stunden bis zur Landung. Am besten fange ich mit den Mails an.

12:37. Flieger Tokio-Frankfurt

Der Immobilienmakler fragt, ob er mir die Wertermittlung für das Haus per Post oder per E-Mail zukommen lassen soll. Natürlich per Mail. Und ja, ich weiß, dass ich nicht die einzige Erbin bin. Das ist aber nun wirklich nicht seine Angelegenheit. Obwohl ich auch nicht verstehe, warum Oma Hedwig die »süße Kleene« von Papa und seiner zweiten Frau zur gleichberechtigten Miterbin ernannt hat. Die haben sich doch überhaupt nicht gekannt. Mia. Ein völlig planloses und unselbständiges Geschöpf, wenn ich mich richtig erinnere. Total verwöhntes Wohlstandskind eben. Aber hier steht es, schwarz auf weiß: »… vererbe ich, Hedwig Rudolph, Haus und Grundstück zu gleichen Teilen an Iris Neuberger und Mia Mann.« (War Oma Hedwig am Ende doch senil?) Na ja, wie auch immer. Ärgerlich, aber die muss ich im Bedarfsfall halt auszahlen. Am besten bringe ich den Anruf bei der,Kleenen’ direkt hinter mich. Könnten uns vielleicht am Freitag in Berlin treffen, wenn ich sowieso in der Hauptstadt bin. Laut ihrer Mutter wohnt sie ja noch dort. – Wo ist denn jetzt mein Nasenspray, das ist immer eine Luft hier …

12:40. Spreewald

Eine Wahnsinnsluft ist das hier. Nicht zu vergleichen mit dem Mief in Berlin. Ich stehe an einer verlassenen Baustellenampel, hinter mir röhrt ungeduldig ein Jaguar. Sicher ein neureicher Berliner mit Wochenendhaus. Ärgert sich wahrscheinlich, weil wir hier mitten in der Pampa auf Gegenverkehr warten. Der soll sich bloß nicht so aufführen. Wer weiß, nachher sind wir Nachbarn, Landhaus an Landhaus! Ich nutze die Zeit und antworte auf die SMS. War leider nur von Laura, hormongeschwängert wie die ist, glaubt sie immer noch an ein David-Happy-End. Na ja, würde ich ja auch gern …

Abbildung SMS von LAURA an MIA

Liebes Rehlein, ich hoffe, Du hast einen romantischen Ausflug mit dem jungen Mann. Bin sehr gespannt, was du erzählst. Von DEINEM Landhaus. Wie aufregend. Vielleicht ist das ja der ideale Ort, um ein Kind zu zeugen? ;-) Bringst du für heute Abend noch zwei Flaschen alkoholfreien Sekt mit? Einen Kuss vom Füchschen.

Früher haben Laura und ich alles zusammen gemacht. Zum ersten Mal Tampons ausprobiert, die erste Zigarette geraucht, sogar beim ersten Zungenkuss habe ich mich mit ihr abgestimmt. Aber sie kann doch nicht allen Ernstes von mir erwarten, dass ich mich schwängern lasse, nur weil sie plötzlich auf Familie machen muss! Und sich außerdem nicht vorstellen kann, dass nicht jeder Mann so bindungswillig ist wie ihr Andreas! Am liebsten wäre ihr natürlich, ich käme mit ihr zurück ins piefige München. Aber das kann sie voll vergessen. Ich sage nur: alkoholfreier Sekt! Damit muss sie klarkommen, wenn sie mich im Stich lässt!

Abbildung SMS von MIA an LAURA

Romantischer Ausflug fällt aus. D. hat sich nicht gemeldet. Komm heute Abend wahrscheinlich alleine. Jetzt gibt es zwei Gründe, sich ordentlich zu betrinken. Und ICH darf ja.

Immer noch rot. Und immer noch kein Gegenverkehr. Schnell noch einen Blick auf die Karte werfen. Lustig, wie die Dörfer hier in der Gegend heißen, Byhleguhre-Byhlen, Raddusch, Straupitz … Und das sind nur die deutschen Namen. Auf den Ortsschildern steht immer noch ein Name auf … ja, was ist das? Irgendwas Slawisches. Polnisch? Hinter mir hupt der Jaguar. Es ist grün. Ist ja gut! Ich werfe die Karte zu dem Handy und den Kaffeebechern in den Fußraum des Beifahrersitzes und starte mit quietschenden Reifen.

13:00

MÜSCHENITZ SAGT ‚AUF WIEDERSEHEN’. Das nächste Dorf muss es sein: Feulenitz. Jetzt werde ich doch langsam nervös. Mein erstes eigenes Haus. Mein erstes Erbe! Ich stelle die Musik leiser. Und höre mein Handy klingeln! David? Jetzt drehe ich aber nicht mehr um! Das kann er knicken. Hm, na ja, nachsehen schadet ja nicht, obwohl, wenn es meine Mutter … Egal. Ich krieche zu Kaffeebecher und Karte in den Fußraum des Beifahrersitzes und ziehe nach einigem Wühlen das Handy hervor. In diesem Moment endet das Klingeln. Mit dem Handy in der Hand tauche ich wieder auf – und steige voll auf die Bremse. Vor mir steht ein Kleintransporter quer auf der Straße! Es knallt.

13:01. Flug Tokio–Frankfurt

Hmm, die,Kleene’ geht nicht dran. Im hippen Berlin schläft man sicher noch. Der Typ neben mir muss Schlaftabletten für eine ganze Elefantenherde eingeworfen haben. Ratzt seit Stunden und senkt sein kahles Haupt immer wieder gefährlich nahe an meine Schulter. Für meinen Geschmack ist der Abstand zwischen den Sitzen hier reichlich klein. (Business Class, hallo?!) Wenn ich den Kopf vorsichtig wegschiebe … Na also. Jetzt beschlägt sein Atem die Fensterscheibe.

Zur selben Zeit quer stehend auf einer Brandenburger Landstraße

Scheiße. Die eingeknautschte Front von Mattis Saab kann ich selbst vom Fahrersitz aus sehen. Matti wird ausflippen. Ich muss mir was überlegen, irgendeine gute Ausrede, in der die Worte »Handy«, »sehnsuchtsvoll erwarteter Anruf von David« und »Fußraum« auf keinen Fall vorkommen dürfen. Welcher Idiot parkt aber auch mitten auf der Fahrbahn? Und wo ist der Mensch überhaupt, dem diese Hässlichkeit von khakifarbenem Lieferwagen gehört? Man muss keine ausgebildete Grafikerin sein, um zu erkennen, dass dieses Logo, das auf der Seite des Transits prangt, eine Geschmacksverirrung ist. Was soll das denn darstellen? Einen Fisch? Vielleicht sollte ich einfach zurücksetzen und abhauen. Den Schaden am Saab könnte ich an meinen Mitbewohner in den nächsten zehn Jahren abstottern, und der Typ hier hat bestimmt eine gute Versicherung. (Im Gegensatz zu mir.) Nein, das ist Fahrerflucht, das kann ich nicht bringen, nachher liegt der Mann bewusstlos auf dem Lenkrad, und neben ihm verblutet seine kleine Tochter. Hier ist ja Niemandsland, wer weiß, wann hier mal jemand vorbeikommt? Mia, hör auf Panik zu schieben. Du hast den Transporter lediglich hinten rechts leicht touchiert! Mattis Saab hat bei deiner schönen Pirouette weit mehr abbekommen. Ob Mama eine Haftpflicht hat, die den Schaden übernimmt? Meinen Vater Bernd kann ich deswegen auf keinen Fall anhauen, und Matti wurde letztens schon wegen meines kleinen Waschmaschinen-Malheurs von seiner Versicherung hochgestuft. Ich höre Bernd schon tönen: 33 Jahre alt und nicht einmal in der Lage, die lebensnotwendigen Versicherungspolicen abzuschließen! – Oh Gott! Ist das Rauch? Scheiße, das ist Rauch! Nix wie raus aus der Karre!!

13:08. Flug Tokio–Frankfurt

»Ja, 18:30 Uhr passt gut. Ich schicke Ihnen und London die Einwahldaten per Mail. Ja, wie immer. Eine Aufstellung der aktuellen Firmenstruktur ist mit Sicherheit hilfreich.« Jetzt schaut die Stewardess schon wieder so mahnend. Soll ich hier etwa sitzen und Däumchen drehen? Nur damit mir wieder der nackte Hintern meiner Assistentin im Kopf rumgeistert? Ich flüstere doch sowieso schon. »Wenn Sie mir das Material gleich mailen, schaue ich es mir sofort an. Feedback bis heute um 17:00 Uhr ist überhaupt kein Problem. Bis dann.« Skype, das ist schon echt praktisch. Jetzt, wo es im Flugzeug endlich WLAN gibt. Oh, Angriff der Saftschubse. (Die werden aber auch immer älter. Na ja, das sollte uns Ehefrauen eigentlich zugutekommen. Hat Lufthansa etwa einen weiblichen Chef?)

»Entschuldigen Sie bitte, aber ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass telefonieren an Bord …«

»Und wie, schlagen Sie vor, dass ich meine wertvolle Arbeitszeit verbringe? Soll ich etwa zwölf geschlagene Stunden Disney Channel schauen? Dieser Cartoon läuft jetzt schon zum dritten Mal! (Ganz zu schweigen von dem Liebesfilm, den ich nun wirklich nicht ertragen kann.) Das ist doch hier die BUSINESS Class, oder?«

»Das geht wirklich nicht gegen Sie persönlich. Diese Vorschrift dient Ihrer eigenen Sicherheit. Die empfindliche Bordelektronik …« Wird EBEN NICHT durch Handyempfang gestört. Das ist bereits wissenschaftlich erwiesen. Vollkommen andere Funkwelle, denke ich. Sage aber schlicht: »Ich telefoniere über Skype.«

»Telefonieren stört die Mitreisenden«, versucht sie dagegenzuhalten. Doch dann folgt ihr Blick meinem und landet auf meinem Nachbarn. Meine Schulter scheint eine magische Anziehungskraft auf seinen Kopf auszuüben. Mit herabhängender Unterlippe schnarcht er mir zärtlich ins Ohr.

»Ein Glas Sekt?« Jetzt hat sie Mitleid. Mitleid. Kann ich nicht ausstehen. Außerdem: Ich trinke nicht, obwohl ich unter diesen doch besonderen Umständen …

»Nein danke.« 0,2 Liter Sekt haben etwa 160 Kalorien. Braucht kein Mensch.

13:10. In Mattis Auto an der Unfallstelle

Mann. Was ist der Typ nur für ein Arsch, dem dieser Lieferwagen gehört. Dem hätte ich einen qualvollen Tod fast schon gegönnt. Leider waren das einzig Tote in seinem Wagen die glupschäugigen Fische im Plastikeimer. (Mia, so was denkt man nicht, das gibt schwarze Flecken auf der Seele. Und schlechtes Karma. Pff, schlechter geht ja wohl schon gar nicht mehr.) Kommt da quicklebendig in seiner lächerlichen Anglerhose und einem Metallica-T-Shirt (!) angeschlendert, begutachtet den Schaden und sagt lakonisch: »Das wird teuer«. (Und will das zwischen UNSEREN Versicherungen klären! Haha.) Richtig wütend ist er aber erst geworden, als ich ihn darauf hingewiesen habe, dass SEIN Auto unrechtmäßig aus dem Feldweg auf die Straße rage und er somit mindestens eine Mitschuld habe. »Und was ist damit?«, hat er gefragt. Ja, was ist damit? Zuerst habe ich nicht kapiert, warum dieser Haufen geborstenes Plastik am Straßenrand ein entlastendes Indiz für den Typen sein soll. Tja. Die Warnschilder muss ich beim Wühlen nach dem Handy wohl auch übersehen haben. Eins zu null für ihn. »Vielleicht können wir das ja unter uns klären, Ihr Auto ist ja auch nicht mehr ganz neu …«, habe ich gesagt und ihn so gewinnend wie möglich angeplinkert. Aber da war nichts zu machen! Erst musste ich mir Beleidigungen anhören. (Ob ich »keene Augen im Kopp« hätte. Und: »Typisch Wessi, immer schön hochnäsig.« Woher will der denn wissen, dass ich …? Na ja.) Und dann outete sich der Typ selbst als Korinthenkacker, als er mit Blick auf meine Füße meinte, barfuß Autofahren ginge gar nicht, das wäre fahrlässig und könne leicht noch `ne Anzeige geben. Er hätte jetzt gerne meine Nummer. Und meine Ausweispapiere. (Normalerweise lächeln Männer, wenn sie nach meiner Nummer fragen. Aber hier komme ich mit Charme nicht weiter. Ich sage nur: Metallica-T-Shirt.) Wo ist denn jetzt mein verdammter Perso? Mia, wie kann man ein Auto innerhalb von knapp zwei Stunden so vermüllen! Jetzt fang bloß nicht an zu heulen. Ah, da ist er ja. Mein Pass. Und meine Visitenkarte: Mia Mann. Bildredakteurin. Beim Magazin PINK. Davon kann der ja wohl nur träumen. Ob ich ihm die auch gebe? Hm, ich bezweifle, dass Pop, Style und Politik den beeindrucken. Wie hoch ist hier auf dem Land eigentlich der Anteil von Rechtsradikalen? – Wenn man von Landeiern spricht: Da kommt noch so einer angefahren. Im Landrover, was sonst, oh je, die scheinen sich zu kennen!

13:20

Der andere Typ macht jetzt Fotos. Kein Rechtsradikaler, sieht ziemlich gut aus, soweit ich das von hier aus beurteilen kann. Ich bin sicher, dass sie über mich reden. Das hippe Stadtmädchen mit ihrem dünnen Sommerkleid hat das Auto ihres Mitbewohners zu Schrott gefahren. (Mattis Saab lässt sich nicht mehr starten.) Mir ist zum Heulen zumute. Und ja, ich friere! Aber ich werde nicht weinen. Die Blöße gebe ich mir nicht. Freizeichen. Wie sag ich’s Matti nur??

14:10 Im Landrover des schönen Fremden kurz vor Feulenitz

Tja. Jetzt habe ich doch geheult. Kaum habe ich Mattis vertraute Stimme gehört, ging’s los. Was soll ich machen, Matti ist irgendwie Heimat. Warum kann ich mich nur nicht in den verknallen? (An Hemdkragen unter Strickpullis sollte man sich doch gewöhnen können.) Matti hat bei meinem Geblubber zuerst überhaupt nichts verstanden. Der Froschmann (er heißt übrigens Maik, was bitte ist das für ein Name!) und sein (wie ich jetzt beim näheren Hinsehen bestätigen muss: ziemlich gut aussehender) Freund haben blöd zu mir rübergeguckt, wie ich da am Straßenrand stand und mir den Triefrotz von der Nase gewischt habe. Ziemlich peinlich. Matti war zum Glück gar nicht sauer, sondern nett wie immer. Ich soll das Auto in eine Werkstatt bringen lassen, der Fahrzeugschein wäre im Handschuhfach. Den Rest könnten wir dann heute Abend bei der Party besprechen. Lauras Abschiedsparty. Da musste ich fast wieder heulen. Zum Glück habe ich Matti. Ich hätte gleich IHN fragen sollen, ob er mich zu meinem Haus begleitet. Nicht David, diesen Idioten, der sich seit (ein Blick auf das Handy) 37 Stunden nicht meldet. Der hat doch eigentlich Schuld an dem Unfall! (Ob dann Davids Haftpflicht zahlt? Wohl kaum. Glaube auch nicht, dass er die unbekannte Nummer war, die vor dem Unfall angerufen hat …) Na ja, das Gute ist: Ohne Auffahrunfall würde ich jetzt nicht im Auto dieses Fremden sitzen, diesem Freund vom Froschmann. Der sieht echt ziemlich gut aus. (Sagte ich das schon?) Braungebrannt und smaragdgrüne Augen, in denen sich die Sonne fast so schön bricht wie auf dem Wasser der kleinen Flüsse links und rechts. Älter als ich und auch als der Froschmann, aber schwer zu schätzen. Einer von diesen jungenhaften Typen, könnte Anfang oder Mitte vierzig sein. Und, im Gegensatz zu dem Idioten mit der Anglerhose, voll der Gentleman. Hat mich ungefragt zur nächsten Werkstatt abgeschleppt (also den Saab, nicht mich …), kutschiert mich jetzt zu meinem Haus (das er anscheinend kennt). Und … ähh … streckt mir gerade seine Karte entgegen, damit ich ihn später anrufen und er mich zum Bahnhof bringen kann, denn mit den Öffentlichen scheint’s hier schwierig zu sein … Torben Kühn. Tierarzt. Wenn das mal kein Name ist. Und wie er lächelt. David kann sich schon mal warm anziehen! – Vielleicht sollten wir einen Quickie auf der einladenden Rückbank dieses Landrovers …? Oder in einem dieser verwunschenen Wäldchen? Ist schon echt hübsch hier. Mist, ich glaub, wir sind schon da. Er biegt ab. Ist das etwa mein Haus?!! Wow. Aber wieso parken wir denn hier? Da liegt ja noch ein Fluss dazwischen. Soll ich da jetzt etwa rüberschwimmen?

14:20. Das Haus der Schwestern in Feulenitz

Wie süß! Mein Haus liegt auf einer Insel und ist nur mit einem Bötchen zu erreichen. Torben hat mich netterweise rübergeschippert, das war fast wie in einer venezianischen Gondel! Und erst das Haus. Das ist der Wahnsinn! Ein altes,  wunderschönes Bauernhaus mit bunten Fensterläden und einer verschnörkelten Eingangstüre. Nach den Fenstern zu schließen, gibt es eine Menge Zimmer. Hier unten muss wohl die Küche gewesen sein. Schöne alte Küchenvitrine, Holzfußboden! Schade, dass ich keinen Schlüssel habe, durch die Fenster kann man ja kaum was sehen.

14:20. Flieger Tokio–Frankfurt. Landeanflug

»Vorläufiger Sachwert (Gebäude, Außenanlagen, Bodenwert): 288.699,84 Euro.« Das wäre ja okay, aber hier kommmt’s: »Unterstellte Modernisierungsmaßnahmen (Verbesserung der Leitungssysteme Strom, Gas, Wasser, Einbau einer neuen Sammel- bzw. Etagenheizung, Wärmedämmung, Einbau von Bädern/WCs, Modernisierung des Innenausbaus, u. a. Decken, Fußböden, Treppenraum, Einbau von isolierverglasten Fenstern …): insg. geschätzte 200 000 Euro«. Allein an Sanierungskosten!! Außerdem liegt das Grundstück im Überschwemmungsgebiet, das gibt noch mal einen Abzug. Marktangepasster Sachwert daher am Ende: schlappe 80 000 Euro. Hätte ich mir denken können, dass der alte Kasten nicht mehr viel wert ist. Ist ja schon damals immer nur beigeflickt worden. Fehlte eben alles. Und nach der Wende hatten die vermutlich auch kein Geld, um das Haus zu sanieren. Aber das Grundstück! Das lohnt sich, trotz oder gerade wegen der Nähe zum Spreewaldfließ. Also, ich denke: gewinnbringend verkaufen.

Was fuchtelt die denn schon wieder so rum? Ach so, ja, der Laaaandeanflug. Ich bin ja gleich fertig.

14:22. Das Haus der Schwestern in Feulenitz

Ich glaub, das könnte man ganz schick renovieren. Den Boden abschleifen, die Fenster neu streichen. Gut, ein paar der alten Möbel müssen raus. Aber sonst? Für ein Wochenendhaus und ausgelassene Partys reicht’s allemal! Hier können ja sicher zwanzig Leute pennen. – Gehört die schnuckelige alte Remise etwa auch noch dazu? Sieht irgendwie bewohnt aus.

14:25. Flieger Tokio–Frankfurt. Über dem Frankfurter Flughafen

Um Martha muss ich mich dann auch noch kümmern, im Testament steht ja: »Einschränkend beschwere ich meine beiden Erben – Iris Neuberger und Mia Mann – mit folgendem Vermächtnis: Martha Dubizak erhält die Remise auf dem Grundstück und lebenslanges Wohnrecht«. Die kühle Martha. Oma Hedwigs Freundin. Im Dorf munkelte man damals, da sei mehr zwischen den beiden als nur Freundschaft. Weil sie zusammen auf dem Hof gelebt haben. (Ts, ts. Potentiell war im Dorf ja jeder irgendeiner Schandtat verdächtig. Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, treiben die Hirngespinste miteinander Unzucht, hat Mama immer gesagt. Apropos Hirngespinst: Ob Torben wohl noch dort wohnt?) Könnte sein, dass Martha nicht aus dem Haus rauswill. Alte Leute sind in diesen Dingen ja manchmal sentimental. Andererseits: Die muss ja bald neunzig sein! Da wäre ein schöner Platz in einer dieser Seniorenresidenzen doch sowieso viel besser für sie.

»Ich muss Sie jetzt wirklich bitten. Wir haben schon vor zwanzig Minuten mit dem Landeanflug begonnen. Inzwischen können wir schon die Rollbahn sehen, das ist jetzt wirklich …«

Ja, ist ja gut. Bevor die mir wieder mit Unfallstatistiken kommt. Ich klappe schon zu. Und lächle. Sie auch. Wenn auch verkrampft.

Abbildung Samstag, 14:45, MMS von MIA an MATTI

Foto von einem dünnen schwarzen und einem weißen, überdimensional dicken Schaf. »Wie bei Shaun das Schaf! Hier wohnt eine ganze Schaffamilie! Süß, nicht?!«

Abbildung Samstag, 16:30, MMS von MIA an MATTI

Foto von Mia, die auf einer Bank vor dem Haus sitzt, hinter ihr rankt rot gefärbter Wein. »Matti, wir ziehen aufs Land! Abgemacht? ;-)«

18:00. Am Bahnsteig mitten im Spreewald

»Tschüs. Und danke noch mal fürs Herfahren!« Ich winke Torben, und er winkt lässig zurück. Werd gleich mal seine Nummer einspeichern. Man weiß ja nie. Vielleicht meld ich mich, wenn ich Mattis Auto hier aus der Werkstatt holen muss. Das war ja schon ein wenig flirty, wie er sich verabschiedet hat. Auch wenn die Fragen nach meiner Halbschwester echt genervt haben. Woher soll ich wissen, wie es der geht? Er meint, Oma Hedwig (dass sogar er sie so nennt!) hätte immer ein Foto von Iris und eins von mir an der Wand gehabt. Wer hat ihr denn ein Foto von mir geschickt? Bernd? In der Remise wohnt anscheinend eine alte Freundin von Oma Hedwig. Das könnte mit Partys dann natürlich schwierig werden. Andererseits: Vielleicht ist sie schwerhörig. Oder lebenslustig. So oder so. Ich muss das heute Abend Matti und Laura alles brühwarm berichten!

18:00. Nobelstadtteil Frankfurt-Lerchesberg. Villa Iris und Michael Neuberger

,Home, sweet home’ war früher. Heute entspannt man eher auf dem Mittelstreifen einer mehrspurigen Schnellverkehrsstraße als bei uns auf dem Sofa. Das Panoramafenster unseres Wohnzimmers bietet mir immer noch einen atemberaubenden Ausblick auf die Skyline der Stadt. Aber seit zwei Jahren donnern im Minutentakt Flugzeuge im Landeanflug auf die Nordwestbahn über unsere Köpfe hinweg. Ts! Ausgerechnet. Hier wohnen die Erfolgreichen. Leute, die über Kapital verfügen, die investieren und Arbeitsplätze schaffen. Eigentlich unverzichtbar für die Stadt.

Dieser Lärm ist wirklich unerträglich. Meinen Blackberry höre ich nur, wenn der Anrufer eine Pause zwischen zwei Maschinen erwischt. So wie jetzt. Vielleicht Mia, die zurückruft? Oh nein. Das ist Michael. Der hat Nerven! Da geh ich jetzt nicht dran. Aber wenn er jetzt … Nein, Iris, den lässt du zappeln … Warum zittert denn meine Hand so blöd! Und wieso klopft mir das Herz bis zum Hals wie bei einem albernen Backfisch? Das muss am Jetlag liegen. Aber wenn … vielleicht will er mir ja sagen, dass ihm alles furchtbar leidtut. Dass er mich anfleht … Na, der kann noch ein bisschen schmoren. Soll auf Knien wieder angerutscht kommen! So leicht bin ich nicht wieder zu … Mist, das Klingeln hat aufgehört. Ich ruf zurück.

Die Nacht von Samstag auf Sonntag

Abbildung

4:00 in der Nacht. Frankfurter Lerchesberg. Iris’ Schlafzimmer

Michael wollte mir also nur mitteilen, dass eine Anfrage vom Coaching Magazin gekommen ist. Ein Artikel zum Cross Cultural Management, und dass ich das einfach besser könne als er. Schleimer! Der hat nur keine Zeit, weil er Besseres zu tun hat. Weil er nämlich meine Assistentin vögeln muss. Iris. Du musst schlafen. – Wie alt ist Alice noch mal? 31! Diese falsche Schlange! Vielleicht treiben sie es in diesem Augenblick gerade miteinander? – Nein, in Tokio ist es jetzt elf Uhr, die sitzen sicher schon im Flieger. Sagt der doch, wir würden das hoffentlich alles wie vernünftige Erwachsene regeln. Entspricht es vielleicht einem vernünftigen Erwachsenen, auf unserer gemeinsamen Dienstreise mit einer zwanzig Jahre jüngeren Frau ins Bett zu gehen, die auch noch meine Assistentin ist?! Na gut, es sind nur zwölf Jahre. Trotzdem: Das sei ja wohl eher ein klarer Fall von »Mann mit Midlifecrisis«, habe ich gesagt. Bestimmt ist sie nach dem Anruf direkt über ihn hergefallen. Hat ihn abge … – Ich muss aufhören, mir das auszumalen! Ob sie noch immer diese Strapse anhat, mit denen ich sie gestern in diesem Etablissement erwischt habe, wie sie gerade auf allen vieren über meinem Mann stand? Ihr kaum verhüllter, praller Arsch, der leider nicht einen Quadratmillimeter Cellulite aufweist, war das Erste, was mir ins Auge stach, als mir der Hotelangestellte – typisch japanisch – höflich lächelnd die Zimmertür öffnete. Hotel kann man den Ort eigentlich gar nicht nennen, an dem sich diese entwürdigende Szene abgespielt hat. Puff passt schon eher. Da mietet man sein Zimmer nämlich stundenweise. Je nach Vorliebe eingerichtet und für vergnügte Stunden zu zweit. Love Hotel, nennen das die Japaner. Love! Liebe! Pah! Ich hab genug gesehen. Ich sag nur: Handschellen, die über dem Bett an Ketten von der Decke baumeln … Zum Glück war noch keiner der beiden … Oh Gott, dass Michael überhaupt auf so was … Ich meine, mit mir war immer nur Blümchensex! Klammer auf: Wann eigentlich das letzte Mal? Klammer zu. Ich hätte mich aber auch nicht mehr gefreut, wäre Michaels Gesicht in einem dieser Zimmer mit Hello-Kitty-Ausstattung neben dem Hintern meiner Assistentin aufgetaucht. Wie der geguckt hat! Und dann sie! Ist von meinem Mann gehüpft, als hätte er sich urplötzlich in eine Seewespe verwandelt. Und dann fragt sie doch tatsächlich meinen Mann, warum ich hier sei?! Das konnte ich ihr sagen. Michael hatte offenbar eine für sie bestimmte SMS mit Uhrzeit und Treffpunkt versehentlich auch an mich geschickt:

Abbildung Zwei Stunden für uns! Machen wir’s wie die Japaner … Heute 14 Uhr im Hotel Shibuya Princess. Kann es kaum erwarten … M.

Und ich hatte mich angesprochen gefühlt. Wie blöd kann ein Mensch eigentlich sein? Hätte ich mir gar nicht zugetraut. Aber da war schließlich sein Herumgedruckse am Vortag im Hotel, von wegen, unsere Beziehung sei ermüdet, und er ertrage das so nicht mehr, und wir müssten reden, oder so. Reden ging gerade nicht wegen des anstehenden Kongress-Vortrags. Aber als gestern Michaels SMS kam, erinnerte ich mich an diesen Moment und hielt seine Nachricht für einen romantischen Vorstoß, albern, aber rührend. Übrigens an unserem Hochzeitstag! Musste noch schmunzeln, weil in Michaels Outlook ein Kundentermin stand. Als Farce für Alice, dachte ich doofe Nuss. Und da mein eigener Terminkalender mir zwei Stunden Pause erlaubte, geistert mir jetzt die Rückansicht meiner Assistentin im Kopf herum. Danke dafür. Aber ich bin ja eine vernünftige Erwachsene. Als solche werde ich am Montag erst mal Alice kündigen. Meine nächste Assistentin wird X-Beine, ein nässendes Ekzem im Gesicht und keinen Hintern haben. Ich brauch noch eine Schlaftablette. Und Ohropax. In einer Stunde geht der Fluglärm wieder los. Wie soll ich morgen nur den Besuch bei meiner Mutter überstehen? Was musste ich vorhin auch ans Telefon gehen … Ach, verdammt, jetzt habe ich vor lauter Paranoia meine Knirschschiene im Bad vergessen.

Berlin. Mias Bad. Hier ist man ebenfalls noch wach.

Ich sitze auf der Toilette und heule. Warum auf der Toilette? Damit David, der in meinem Bett liegt (jippie!), nicht aufwacht und flieht. Weil ihm zum Beispiel einfällt, dass sein Bett zu Hause bequemer ist und er noch leckere Marmelade fürs Frühstück im Kühlschrank hat. (In unserem hier herrscht nämlich gähnende Leere.) Oder, noch schlimmer, weil er mich weinen sieht und denkt: Mein Gott, ist die kompliziert, nichts wie weg. Ist das normal, dass man auch in der Liebe ständig denkt: Bald fliege ich auf? Bald wird er merken, dass ich eine neurotische Spinnerin bin und nur halb so cool wie gedacht? (Und sei es nur, weil ich eine Knirschschiene trage, die ich natürlich NICHT benutze, wenn er hier ist.) Laura findet mein Verhalten auf jeden Fall bedenklich. Die ist jetzt sauer, weil ich Knall auf Fall von ihrer Party abgehauen bin, als David um 23:30 Uhr endlich ein Lebenszeichen gegeben hat (»Bist du zuhause? Könnte in einer halben Stunde da sein. D.«). Kann mir aber auch egal sein. Laura ist ja ohnehin bald weg. Wie Matti. Mein Mitbewohner geht nämlich nach London!!! Und zwar schon in fünf Wochen! (Ob das überraschend kommt? Und ob!) Alle verlassen mich! (Schnäuz.) Hätte mir gleich komisch vorkommen sollen, als Matti auf der Party mit dem Schnaps ankam, der trinkt nämlich normalerweise gar nichts Hartes. Bitte, dann soll er halt jetzt Karriere machen, in UK, als internationaler Anwalt. Deswegen war er auch so gnädig bei dem Autoschaden. Linksverkehr – da braucht er sein Auto gar nicht! (Toll, jetzt ist das Toilettenpapier auch noch alle. Und ja, bevor jemand fragt: Ich wäre mit Einkaufen dran gewesen.) – Scheiße, wer rüttelt denn jetzt an der Tür? Wenn das David ist, war’s das mit uns. Eine verheulte Prinzessin in einem Berg aus verrotztem Toilettenpapier, gehüllt in ein verschlissenes Minnie-Mouse-T-Shirt, die weint, bloß weil ihr Mitbewohner auszieht – die schlägt jeden halbwegs vernünftigen Mann in die Flucht! Oh Gott … Mein Gesicht ist wirklich total verquollen … vielleicht kaltes Wasser … »Mia? Alles in Ordnung?« Puh. Nur Matti. Gott sei Dank.

4:30. Berlin. Mias Schlafzimmer

Als Matti mein verheultes Gesicht gesehen hat, hat er mich (und Minnie Mouse) erst mal in den Arm genommen und fürsorglich die Küchenrolle aus seinem Zimmer geholt. (Manchmal bin ich doch froh, dass Matti diesen spießigen Unsinn kauft.) Dabei ist er rot geworden (weil ich ahnte, warum die Küchenrolle in seinem Zimmer neben dem Bett stand …). Den Tee hab ich aber abgelehnt. Als ich zurück in mein Zimmer wollte, hat er mich plötzlich ganz ernst angesehen und gesagt, vielleicht täte uns ein wenig Abstand ja auch ganz gut. Es hätte ja keinen Sinn, mit einer Frau zusammenzuwohnen, mit der man gerne das Bett teilen würde, aber nie wird … Ach, Matti.

David schläft immer noch wie ein Baby. (Und das, obwohl ich mir im Dunkeln erst den Fuß an meiner Nähmaschine angehauen habe und dann über den Fön gefallen bin.) Ob David wohl hier einziehen würde? Und ob er wohl merkt, wenn ich mich ankuschle? (Natürlich nackt und ohne Minnie-Mouse–Shirt, schließlich führen wir eine wilde … ja, was eigentlich? Affäre? Beziehung? Wenn das mit uns ‚was Längeres’ wird, sollte ich zumindest mal andeuten, dass ich Intimrasur bei Männern nicht so wirklich … Oh, jetzt regt sich was … Hallo!)

Montag, 7. Oktober

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11:45. Berlin. Großraumbüro, Magazin PINK

Wie kann auf einen so schönen Sonntag (Highlight: Mauerparkflohmarkt mit David, dabei ein Kleid erstanden!) ein sooo fürchterlicher Montag folgen! Es ist Viertel vor zwölf, ich sitze hellwach auf meinem Drehstuhl in der Redaktion und versuche, den bösen Blicken auszuweichen, die David mir aus drei Metern Entfernung zuwirft. (Gäbe es doch Trennwände in unserem schönen Großraumbüro!) Was ich verbrochen habe? Das möchte ich auch gern wissen. Patrick sollte die Giftpfeile zu spüren bekommen, schließlich ist er der hinterhältige Verräter. Gibt der doch glatt Davids Kolumnenidee als seine eigene aus! Nur weil er Druck von oben kriegt und dringend seine Onlineseite aufmotzen muss. David findet, ich hätte was sagen müssen. Schließlich wäre ich Donnerstagabend in der Bar dabei gewesen, als David Patrick brühwarm von seiner Idee erzählt hat. Aber Patrick vor versammelter Mannschaft in der Redaktionssitzung bloßstellen? David hätte ja auch selbst … Aber klar, der war erst mal sprachlos. Die spitze Bemerkung von unserem Chefredakteur war aber auch total erniedrigend: »Sehr schöne Idee, Patrick. Hinter fremden Türen. Wie lebt man in der Hauptstadt? Eine Spurensuche in 32 Wohnungen. Das ist innovativ. Zeitgemäß. Abwechslungsreich. David, kommt von Ihnen ausnahmsweise auch noch was? Oder ruhen Sie sich auf Ihrer Neueinstellung noch ein wenig aus?«

Oh, Terminanfrage.

Von: Patrick
An: Mia
Betreff: Terminanfrage
Bist du schon verabredet oder wollen wir gemeinsam Mittag machen? Um 12:30? Soll ich dich »abholen«?

Soll ich da jetzt zusagen? David wird denken, ich verbrüdere mich mit dem Feind. Andererseits, das ist doch eine gute Gelegenheit, die Sache anzusprechen. Unter vier Augen ist doch viel vernünftiger. Aber abholen? Das geht auf keinen Fall! (Ist eh albern, sitzen wir doch alle – bis auf den Chef – in einem Raum!)

Von: Mia
An: Patrick
Betreff: Re:Terminanfrage
Gern. Lass uns unten am Ausgang treffen. Ich muss vorher noch Geld holen.

So. Das ist doch gut. Dann kann ich jetzt noch in Ruhe …

Von: Patrick
An: Mia
Betreff: Re:Re:Terminanfrage
Nicht nötig, ich lade dich ein. Komme dich abholen!

Jetzt streckt der auch noch den Daumen nach oben. Shit.

11:50. Frankfurt. Büro Neuberger & Neuberger

»Tut mir leid. Sie kennen unseren Tagessatz. Der ist nicht verhandelbar. Auf Wiederhören!« Klick. Gespräch beendet. Dieses Entengesicht hat sie ja wohl nicht alle! Vertut meine Zeit damit, mein Honorar herunterhandeln zu wollen! Die weiß wohl nicht, mit wem sie es zu tun hat? Sind wir hier auf dem Basar, oder was?! Was für ein Wochenbeginn! Frau Michels, die Sekretärin, sieht mich auch schon ganz mitleidig an. Hat natürlich sofort kapiert, dass irgendwas ist, als sie mir einen Milchkaffee bringen sollte. Mit Vollmilch. Trinke ich sonst nie, sechzig Kalorien, sagt die App! Pures Hüftgold. Muss ich heute Abend wieder einsparen. Aber dass Alice es gewagt hat, hier überhaupt noch mal aufzukreuzen! Wollte reden! Hab ich mich zusammengerissen! »Das trifft sich gut«, hab ich ganz kühl gesagt. Und: »Ich nehme an, du möchtest, dass wir dir die Kündigung aussprechen. Verstehe ich. Ich denke, das lässt sich machen. Und, ach ja, das Zeugnis schreibst du dir am besten selbst. Ich will dir keine Steine in den Weg legen, Alice. Ich unterschreib’s dir dann.« Zum Glück klingelte gerade das Telefon, bevor ich an meinem Wunsch erstickt wäre, ihr mit dem nackten Arsch ins Gesicht zu springen. Klammer auf: Wieso hab ich’s auf einmal ständig mit nackten Hintern? Muss dringend meine Gedanken wieder in den Griff kriegen. Klammer zu. Und dann brauchte ich irgendwas Tröstliches zur Beruhigung. Milchkaffee ist immer noch besser als Schokolade. Mein Gott, ich hab sie so unterstützt! Was schreibe ich als Kündigungsgrund? Wenn nicht ‚sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz’, dann vielleicht ‚unerlaubte Nebentätigkeit während der Arbeitszeit’? Hör auf, Iris, das ist nicht witzig! Wieso muss ich überhaupt meine Zeit mit dieser Sache vergeuden? Ich schreib Michael ne Mail. Soll der sich kümmern. Terminerinnerung Outlook: Telefonkonferenz mit den Frankfurtern. In fünf Minuten. Wo sind die Unterlagen? Ach, hier. Das Telefon schon wieder. »Ja? Ja, das geht schnell. Stellen Sie Herrn Dr. Spreitz durch!«

Von: Iris
An: Michael
Betreff: Kündigung
Michael, setzt du bitte Kündigungsschreiben für Alice auf? Danke. Iris.

Von: Michael
An: Iris
Betreff: Terminanfrage
Hallo Iris. Lass uns doch gemeinsam Mittag essen. 12:45 bis 13:30 sieht in deinem Kalender gut aus. Habe schon mal einen Tisch für zwei bei Luigi bestellt.

Hmm, was das wohl heißt? Na, von mir aus. Zugesagt.

Berlin. Großraumbüro, Magazin PINK. Nach der Mittagspause

Mir ist schlecht. Und das nicht nur wegen des vielen Glutamats. Ich habe gerade für Ente süß-sauer und zwei Frühlingsrollen mein Schweigen verkauft. Patrick ist schon ein gewiefter Hund. Meinte einfach nur eiskalt: »So läuft das eben.« Ihm wären seinerzeit auch so einige Ideen ‚von oben’ weggeschnappt worden. Ob ich denn glaube, unser Chef hätte alle Texte selbst geschrieben, unter denen sein Name steht? Unten wird gearbeitet und oben abgesahnt. Man müsste halt irgendwann selbst oben ankommen. So einfach wäre das Spiel. Außerdem: Wer nur EINE Idee hätte, sei doch sowieso verloren. Und letztendlich geht es doch vor allem um ein gutes Magazin. Außerdem könne ich mich ja nun wirklich nicht über Seilschaften beschweren, oder müsse er mich daran erinnern, wer mich für den Job vorgeschlagen hat? Meine Vertragsverlängerung stünde ja auch demnächst an. (Wohl wahr. Über die zerbreche ich mir auch schon seit Wochen den Kopf. War das eigentlich eine Drohung?) Mann, wenn David mich noch länger so anstarrt, ist mein Herz wirklich bald ein durchlöcherter Käse. Vielleicht sollte ich mal einen Kaffee … Den Glutamatgeschmack aus dem Mund spül… Na, toll, jetzt geht David in die Küche. Kann der Gedanken lesen?

Ah!!! Mann, Mia Mann, du Sensibelchen! Jetzt erschrecke ich schon zu Tode, nur weil mein Handy klingelt … Was ist denn das für eine Vorwahl?

»Hallo? Ja, hier ist Mia Mann. Ach, der Saab, ja … Samstag? Ja, das geht, da kann ich ihn holen. Wie viel kostet denn jetzt …? … Ach, die Stoßdämpfer waren vorne auch … (schwitz) … Ja, ein altes Modell, klar, das ist schwierig … (schluck) … Okay, das heißt …?« Oh Gott. So viel? »Bitte? Ja, für den Schaden dieses Maik Nowak komme ich auch auf.« Grrr.

Zur selben Zeit in Frankfurt

Wenn ich Schnaps tränke, würde ich mir jetzt einen genehmigen. Aber ein Rennie tut’s auch. Dieses Mittagessen ist mir auf den Magen geschlagen. Hab mir zu viel Essig über den Salat gegossen. Und aus Versehen auch den Mais gegessen, was ärgerlich ist. Hundert Gramm haben 81 Kalorien, sagt die App. Das ist viel, wenn man nur 1236 Kalorien am Tag darf. Allerdings war ich so schockiert über das, was Michael gesagt hat, dass ich vielleicht direkt alles wieder verbrannt habe. Michael sagte nämlich, dass er Alice als seine persönliche Assistentin einstellt, sollte ich ihr kündigen! Er findet es unvernünftig, so viel Know-how zu diesem Zeitpunkt einfach gehen zu lassen (wir kommen gerade kaum mit der Arbeit hinterher). Und ich sei doch sonst so professionell und auf Effektivität bedacht. Natürlich hat Michael Recht. Und ich verachte mangelnde Selbstdisziplin. Aber allmählich verstehe ich, dass es so etwas wie »Mord im Affekt« gibt.

18:30. Berlin. Feierabendverkehr. Mit Fahrrad an der Ampel

Toll, Laura geht nicht ran. Ich könnte nach diesem Höllentag jetzt echt Rückendeckung gebrauchen! Gegen sechzehn Uhr hat David aufgehört, mich mit seinen Blicken zu steinigen, und ist in die nächste Phase übergetreten: ignorieren. Jetzt bin ich Luft. So viel Luft, dass man schon mal übersehen kann, dass ich direkt hinter der Türe stehe! Ich kann seinen Ärger ja verstehen, aber ein bisschen kindisch ist es schon. Es ist doch nur ein Job! Man müsste einfach aussteigen aus diesem ganzen Scheiß. Aus diesem dämlichen Karrierekarussell, wo jeder gegen jeden arbeitet. Einfach nicht mehr mitmachen. Auswandern. Das ist doch alles zum Kotzen. Ihhh, was ist denn so nass an meinem Bein?

»Äh. Entschuldigung.«

»Wat’n, junget Frollein?«

»Ihr Hund, der pinkelt an mein Fahrrad.« (Und an meine Strumpfhose. Die in meinen 50er-Jahre-Lieblingsstiefeln stecken … Ahh!)

»Haste jehört, Luna? Bei Fuß, sach ick!« Halbherzig zieht die Dame an der Leine, der röchelnde Mops krallt sich in den Asphalt, fest entschlossen zu beenden, was er angefangen …

»Äh, könnten Sie ihn vielleicht …«.

»Komm jetzt. Luna. Luna!« Zerr. Krallen knirschen auf dem Asphalt. Im Weggehen: »Dreckiger wird dit Fahrrad dadurch aber auch nicht mehr.«

Ah ja. Berlin. Immer wieder reizend. Na ja, zum Glück keiner von diesen Pitbulls. Da riskiert man ja gleich doppelt einen Krankenhausaufenthalt: durch Hund und Herrchen. Ahh, jetzt wäre ich auch noch fast überfahren worden! Wofür braucht die schöne, arme Hauptstadt Fahrradwege, wenn wir die parasitären Hartz-IV-Kreativen ganz einfach mittels gutbetuchter Mercedesfahrer ins Jenseits befördern können?

19:15 Uhr. Berlin. Gemüseabteilung Edeka

Klopapier nicht vergessen. (Auch, um meine Schuhe sauber zu machen. Die haben echt was abgekriegt. Blöder Köter.) Ich hasse einkaufen. Man schleppt zwei Tüten voll mit dem immer gleichen Gedöns in den vierten Stock, nur um dann festzustellen, dass man auf nichts davon wirklich Lust hat. Was esse ich denn? Karotten aus Israel, Paprika aus Marokko? Praktisch. Wenn man schon selbst nicht mehr in der Welt herumkommt, dann wenigstens das Gemüse, das man isst. Ach, egal. Wenn jetzt mein nicht vorhandenes Vermögen für den Auffahrunfall draufgeht, nur weil dieser Froschmann seine Karre generalüberholen lässt, kann ich mir eh kein Bio mehr leisten. Ich kauf einfach `ne Tiefkühlpizza. Tomaten lagen ja noch in der Küche. Die sahen eigentlich noch gut aus. Wann hab ich die denn gekauft? Vorletzten Freitag?

20:30. Frankfurt. Büro Neuberger & Neuberger

»Iris?« Ah, der Kopf meines Mannes erscheint in der Tür. »Ich mach jetzt Schluss, wie sieht’s bei dir aus …? Sollen wir zusammen heim… heimfahren?«

»Ähh, nee, ich …«

Pling!

ERINNERUNG OUTLOOK

Anruf Fabienne. Wg. Mathetest nachfragen und evtl. Nachhilfe organisieren.

»Ich hab noch zu tun. Wollte auch noch Fabienne anrufen. Mathe, du weißt ja. (Er nickt, aber seinem Gesicht sehe ich an, dass er keine Ahnung hat. Und trotzdem glaubt unsere Tochter, dass er sich mehr um sie sorgt als ich.) Ich komm nach.«

»O. k., dann … bis später.«

»Ja, bis dann.«

Er steht noch unschlüssig in der Tür, aber ich habe mich schon wieder demonstrativ der Arbeit zugewendet. Habe heute genug Zeit mit seinem Ausrutscher verschwendet. Man muss das jetzt auch nicht unnötig hochspielen, Michael wollte am Sonntagabend gleich aus unserem gemeinsamen Schlafzimmer ausziehen. Das ist doch albern. Jetzt ist er gegangen. Hoffentlich ist dieser Eiertanz bald vorüber. Da leidet doch auch die Arbeit.

Pling!

ERINNERUNG OUTLOOK

Anruf Mia Mann. Wg. Erbe und Hausverkauf.

Ah, richtig, aber zuerst Fabienne. Nachdem ich mir einen Joghurt (fettarm!) aus dem Kühlschrank geholt habe. Ich komme gleich um vor Hunger.

20:33. Küche in Mias WG

Telefon! Au, ah, jetzt ist mir die Pizza auf den Boden gekippt. Scheiße. Na ja, alles, was kürzer als fünf Sekunden auf dem Boden lag, kann man noch essen, heißt es. Also aufkratzen. Oh je. Das ist bestimmt meine Mutter. Dazu hab ich jetzt keinen Nerv. Laura könnte mal zurückrufen. Matti ist auch nicht da, arbeitet seinen Nachfolger ein. An seine Abwesenheit muss ich mich wohl gewöhnen. Na, wenigstens kann ich jetzt die zweite Staffel von Girls streamen, ohne dass er mir mit geistigem Eigentum kommt! Das wäre ja Diebstahl, und dumm außerdem, schließlich würde ich ja selbst im Kreativsektor arbeiten – bla, bla … So. Gabel, Messer, Laptop … Oh je, David ist auf Skype online. Mia, jetzt schalt mal ab. Besser ich mach gleich noch den Wein auf, als Seelentröster.

20:45. Büro Neuberger & Neuberger

Habe im Internat angerufen. Fabienne war einsilbig.

»Ja?«

»Hallo Fabienne. Hier ist deine … Hier ist Mama.«

»Ja. Was willst du?«

»Schön wäre, wenn du mal so was wie,Hallo Mama’ sagen könntest.«

Schweigen am anderen Ende der Leitung. Seufzen an meinem.

»Wie war Mathe?«

Pause. Dann: »Wieso?«

»Wieso,wieso’? Heißt das, du konntest es nicht?«

»Kann dir doch egal sein.«

»Es ist mir aber nicht egal, Fabienne. Ganz und gar nicht egal. Immerhin geht es hier um deine …«

»Boah, Mama, du nervst!« Klick. Aufgelegt.

Jedes Mal, wenn ich mit meiner Tochter spreche, fühle ich mich wie ein Seeungeheuer. Eins mit eitrigen Pocken, von denen sie fürchtet, sie könnten ihr entgegenplatzen, wenn sie auch nur ein Wort zu viel mit mir spricht. Am Telefon kann ich Fabiennes Gesicht nicht sehen, aber ich kann hören, wie sie guckt und die Augen verdreht. Sie hält mich seit ungefähr zwei Jahren für eine Scheiß-Mutter. Natürlich muss das so sein. Fabienne ist sechzehn. In diesem Alter müssen Kinder ihre Eltern entthronen. Aber manchmal frage ich mich, ob meine Tochter es damit nicht etwas übertreibt. Mama meint, Fabienne fühlt sich abgeschoben. Sie fand es nicht gut, dass wir sie auf ein Internat geschickt haben. Aber, Entschuldigung, Fabienne kann doch von Glück sagen, dass sie auf diese Schule gehen darf. Erstklassiges Internat bei London. Sieht aus wie Hogwarts! Kosten: 80 000 Euro im Jahr. Hier hat sie die neunte Klasse geschafft, allerdings nur mit Mühe und Not. Und das liegt nicht daran, dass sie nicht schlau wäre. Reine Leistungsverweigerung. Dass sie mit ihrer Aufmachung (schwarze Kajalbalken, zerrissene Netzstrümpfe mit viel zu kurzem Rock, die Haare gestylt wie ein Wischmopp auf Drogen) überhaupt einen Platz auf so einer guten Schule bekommen hat, verdanken wir nur unseren guten Beziehungen zu den richtigen Leuten. Ich bin von diesem Internat überzeugt. Die kriegen sie in den Griff, ohne dabei Magengeschwüre zu bekommen. Fabienne wird dort weniger Ablenkung haben. Und weniger Gras! Was soll denn sonst aus ihr werden? »Ja, was denn?! Denkst du, ich will so werden wie du?! Wann hast du zuletzt in den Spiegel geschaut?!«, hat sie kürzlich charmanterweise zu mir gesagt. Aber Geld braucht sie schon, für alles Mögliche. Ich frage mich, ob ihr klar ist, dass man es nicht illegal auf dem Balkon anbauen kann.

Es soll ja sinnvoll sein, dass Kinder in der Pubertät so unausstehlich werden. Eltern finden sie dann nämlich so zum Kotzen, dass sie sie leichter loslassen können. Sie leiden dann weniger darunter, dass ihre Schützlinge erwachsen werden. Hab ich mal gelesen. Apropos erwachsen. Mia muss doch auch schon über dreißig sein. Vielleicht hält sie es ja mal für angebracht, ans Telefon zu gehen.

21.00. Mias WG. Wieder auf der Toilette

Schon wieder das Telefon! Verdammt, kann man nicht ein Mal … Wenn das jetzt David … Bitte, lass es David sein! Bitte, bitte, David, hab nachgedacht und sei zu der Überzeugung gekommen, dass du mich doch zu gern hast, um länger sauer auf mich zu sein! (Aua. Jetzt bin ich über meine heruntergezogene Hose gestolpert. Also wirklich, Mia. Wenn dich jemand sieht.) Wo ist denn jetzt das Telefon überhaupt? Ach, wahrscheinlich noch in der Küche. Bitte nicht auflegen! Ich bin schon fast da! Shit, war nicht schnell genug. Soll ich zurückrufen? Hm. Unbekannte Nummer. Schon wieder. David ruft nie mit unterdrückter Nummer an. Aber wenn er’s jetzt doch war? Was mach ich denn jetzt?

21:31. Nur noch im Büro von Iris brennt Licht.

Natürlich war sie nicht zu erreichen. Hängt bestimmt in einem dieser lauten Berliner Wummer-Clubs rum. Am Wochenanfang! Ganz schön still hier. Und ganz schön kalt, irgendwie stimmt was mit der Klimaanlage nicht. Ich sollte jetzt auch mal gehen. Wie mahnte meine Mutter gestern? »Kind, du arbeitest zu viel! Ihr müsst doch auch mal … Es ist nicht gut für eine Ehe, wenn nie Zeit füreinander da ist.« Ha, wenn die wüsste. Zu schöne Mitarbeiterinnen sind nicht gut für die Ehe! Wieso hat Mama das überhaupt gesagt? Sie weiß doch nix! Oder weiß sie etwas?! Woher? Nein, Michael hätte ihr niemals … Oder weil er nicht mitgekommen ist zu ihr? Es ist einfach ihre mütterliche Dauersorge, ich könnte mich übernehmen. Ihr schlechtes Gewissen. Dass sie das nicht mal ablegt! Dreißig Jahre, nachdem … »Ostpocke« haben sie mich damals in West-Berlin genannt … Stopp, Iris, schlechte Erinnerungen gleich Zeitvergeudung. Vorbei ist vorbei. Heute leben doch die meisten deiner reizenden Westberliner Klassenkameraden ein biederes Reihenhaus-Leben oder von Hartz IV. Und du mischst ganz oben mit. Nur die Harten komm’ in’ Garten … Eben! Wenn die Firma laufen soll, müssen Michael und ich viel arbeiten. Das sollte auch meiner Mutter klar sein. Außerdem – sosehr ich an ihr hänge –, sie ist nun wirklich keine Expertin für Ehe-Angelegenheiten. Und schon gar nicht für Beziehungen wie die zwischen Michael und mir. Wir sind eben Eheleute und Geschäftspartner in einem! Da kann man nicht so herkömmlich trennen von wegen Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps, und weil wir so jung nie wieder zusammenkommen, lassen wir den Dienst heute mal Dienst sein. Oder so ähnlich. Wir arbeiten ja an derselben Sache, haben ein gemeinsames Ziel. Dafür haben wir uns damals entschieden!

21:35

Ich frage mich nur, ob Michael das noch weiß.

21:36

Liest Mama eigentlich Frauenzeitschriften? Sie meinte doch gestern tatsächlich, es wäre keine Schande, in Paartherapie zu gehen, wenn es mal nicht so läuft. Therapie. Ich bin doch der Coach. Sich auf die Couch legen, das ist doch was für Weicheier und Narzissten.

Mittwoch, 9. Oktober

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09:08. Berlin. In der Waagrechten bei Frau Blum-Neufeldt

Jetzt schweigen wir schon seit zehn Minuten. Also dieses Kräftemessen kann einem manchmal schon ganz schön auf die Nerven gehen. Sie: sitzend in ihrem Korbstuhl, schräg hinter mir, wie immer adrett gekleidet, mit gespitztem Bleistift in der Hand. Lauernd. Ich: ausgeliefert, weil liegend, auf der Couch vor ihr. Unter meinem Kopf knistert der Küchenkrepp, der wie jeden Mittwoch blütenweiß meiner Geheimnisse und Tränen harrt. Der Mensch, der diese Rollen erfunden hat, muss echt reich geworden sein. So vielseitig einsetzbar! Auch wenn ich in diesem Fall immer noch nicht verstanden habe, ob der Krepp die Couch vor fettigen Haaren oder Körperflüssigkeiten schützen soll. (Die Freude, seine Saugkraft anhand meiner Tränen unter Beweis zu stellen, werde ich ihm heute aber nicht machen!) Auf jeden Fall scheint meine Therapeutin zu glauben, dass der Kopf eines Menschen dreckiger ist als seine Füße, denn die Schuhe dürfen ungeschützt auf die Couch. »Frau Mann, an was denken Sie gerade?«

Ha. Sie hat verloren. Als Erste geredet. Damit ist der Seelenstriptease eröffnet.

09:30. Flieger Frankfurt–München. Economy Class

»Aaah!« Mein Sitznachbar, eine typische Vertriebler-Wurst, hat mir seinen Kaffee auf die Anzughose gekippt! Genau in den Schritt. Kurz vor der Landung. Ich fass es nicht! Das hat man davon, wenn man günstig Economy fliegt! Jetzt starrt der Typ erschrocken auf den Fleck und schnell wieder weg. Ist ganz rot geworden. »Also, oh Gott, das tut mir … Entschuldigung. Haben Sie sich, ich meine, also, haben Sie sich verbrannt? Ich … das übernimmt natürlich meine, ähm, also, die Reinigung, das … die Haftpflicht …« Großer Gott, wie will so einer denn jemals was verkaufen?!

Von wegen Reinigung! Ich teile ihm frostig mit, dass die Versicherung mir außerdem einen neuen Anzug finanzieren muss. Sowie das Taxi, das mich zu einer dieser Boutiquen in der Münchner Innenstadt bringt, dort wartet und mich dann zu dieser Vorstandssitzung karrt, die ich beobachten soll. Ich habe es eilig.

»Ich habe einen wichtigen Termin, und da kann ich wohl kaum so aussehen, als hätte ich mich eingepisst.« Jetzt wird er schon wieder rot, nickt aber eifrig. Er fummelt in seinem Portemonnaie herum und zieht eine Visitenkarte heraus. Mark Frommler. IT-Firma. Vertriebler, hab ich ja gesagt. Ich gebe ihm meine. Mit »International Executive Coach« kann er anscheinend nicht viel anfangen. Ich darf in dem ganzen Stress nicht vergessen, sofort am Flughafen Mia anzurufen. Ich hab’s nicht in mein Outlook eingegeben.

09:40. Berlin. Immer noch in der Waagrechten bei Frau BN

Mein Erbe (‚Haben Sie mal daran gedacht, ein Gutachten anfertigen zu lassen? Wenn das Haus etwas wert ist, sollten Sie damit für Ihre Rente vorsorgen’) haben wir schon durch. Die Frage, ob David als mein neuer Mitbewohner in Frage kommt (‚Vielleicht ist es ganz gut für Sie, mal ganz alleine zu wohnen?’), ebenfalls. Jetzt sind wir bei:

»Sie haben also Angst, David zu verlieren, wenn Sie ihn wegen dieser Sache nicht bei Ihrem Chef rehabilitieren.« (So lautet Frau BNs knappe Zusammenfassung meines vorangegangenen 20-minütigen Monologs.)

»Ja, so ungefähr«, sage ich vage. Woraufhin BN versucht, meiner Angst mit vernünftigen Argumenten beizukommen:

»Wenn Ihr David ein erwachsener Mann ist (ja, wenn) und ihm etwas an Ihnen liegt (auch das keine gesicherte Erkenntnis), dann weiß er Privates und Berufliches zu trennen. Sie haben Ihre Pflicht getan und den Redakteur darauf angesprochen. (Leiter Online, aber wir wollen mal nicht so spitzfindig sein.) Die Herren sollten das auch unter sich klären können.«

»Ja, aber wenn … er nun der Mann meines Lebens ist?« Vernünftige Argumente ziehen bei meiner ausgeprägten Verlassen-werden-Panik einfach nicht. Schon spüre ich, wie sich Tränen in meinem Auge sammeln, und höre den Krepp unter meinem Kopf frohlockend knistern. Aber ich werde nicht weinen!

»Wie lange kennen Sie David jetzt schon?«

»Fünf Wochen.« (Und vier Tage.) Was soll denn diese ketzerische Frage? »Ich bin 33, da kann man nicht mehr ewig so weitertändeln. Wissen Sie, wie viele meiner Freundinnen sich schon mit künstlicher Befruchtung rumschlagen? Andere haben in meinem Alter schon geheiratet, mindestens ein Kind bekommen und eine eigene Firma gegründet.«

»Mit ‚anderen’ meinen Sie sicher …« Ja, genau. Die. Diese Ich-habe-alles-im-Griff-bin-glücklich-verheiratet-verdiene-scheiße-viel-Geld-und-spreche-vier-Sprachen-Übertochter! Meine verdammte Halbschwester! Mist, jetzt heule ich doch! Oh nein, klingelt da jetzt etwa mein Handy?!

09:50 Flughafen München

Ist das zu glauben, die geht schon wieder nicht ans Telefon. Schläft die um diese Zeit etwa noch? »Hier ist die Mailbox von Mia Mann. Bitte hinterlass mir eine Nachricht, ich rufe zurück!« Genau, Mia Engelsstimmchen Mann. Ruf mich zurück. Ich sprech dir jetzt auf die Mailbox. Hoffe, hier ist kein Funkloch. Die Ansage klang so brüchig.

09:51. Berlin. Hektisches Suchen in der Senkrechten bei BN

Shit, Shit, Shit! Telefon nicht leise gestellt. Schnell wegdrücken. Strafender Blick von Frau BN. Ich weiß genau, was sie denkt: Sie schüttelt innerlich den Kopf und findet, das ist ein Zeichen dafür, dass ich mich selbst nicht ernst nehme. Weil ich nicht dafür sorge, dass ich in meiner wichtigen Therapiestunde nicht gestört werde. Jetzt hab ich auch total den Faden verloren, und bestimmt ist die Stunde sowieso gleich um.

»Wir waren bei Ihrer Halbschwester.« (Ach ja, ätzend.) BN reicht mir ein Kleenex, ich schnäuze und nehme brav wieder die Waagrechte ein.

»Sie sollten nicht immer das Wunschbild, das Ihr Vater von seiner ersten Tochter auf Sie projiziert, annehmen. Das hatten wir doch schon besprochen … Wären Sie denn gerne wie Ihre Halbschwester?« Hm. Tausche Humor, Klamottengeschmack und ein Leben voller Alkoholexzesse gegen langweiligen Mann, nerviges Kind und eine spießige Karriere? Nääh.

»Sehen Sie. Lernen Sie doch erst mal, sich selbst anzunehmen.« Hahaha. Dann fang ich mit achtzig an, mein Leben zu planen. Wenn ich überhaupt so alt werde. Als hätte BN meine Gedanken erraten, fragt sie: »Hatten Sie in letzter Zeit mal das Gefühl, Ihr Herz bliebe stehen?«

»Nein, das letzte EKG war ja auch in Ordnung.« (Nicht zu glauben, dass ich tatsächlich einen Tag und eine Nacht lang mit Dioden an meinem Körper rumgelaufen bin. Nur weil ich Angst hatte, nachts macht es ‚zack’, und ich bin weg.) Ich höre sie Notizen machen und spüre, dass sie auf die Uhr sieht. Schweigen. Dann klappt sie den Block zu.

»Frau Mann, hier müssen wir es für heute leider stehen lassen. Denken Sie doch in Ruhe noch mal nach, und treffen Sie erst mal keine übereilten Entscheidungen. Wir sehen uns am Mittwoch.« Ich stehe auf, und sie streckt mir ihre Hand entgegen. »Auf Wiedersehen!« Rührend, wie nervös sie plötzlich ist. Ob den Therapeuten eigentlich klar ist, dass sie bei den kurzen Momenten des Hallo- und Auf-Wiedersehen-Sagens jedes Mal ihre eigene Kompetenz in Frage stellen, weil wir dann einen kurzen Einblick in IHRE menschlichen Unzulänglichkeiten bekommen?

10:05. Berlin. U-Bahn, Linie 2

Puh. Ich könnte direkt wieder ins Bett. Ich sollte meine Therapie dringend auf den Abend verlegen, das macht doch keinen Sinn, um kurz nach zehn von den eigenen Urängsten gebeutelt und emotional ausgelaugt im Büro aufzuschlagen. Umso besser, dass ich mich heute im Intranet für ‚Home office’ eingetragen habe. Dann muss ich auch David nicht sehen, außerdem spare ich mir zwei Mal Umsteigen. Unglaublich, dass sie mir jetzt schon zum dritten Mal das Fahrrad geklaut haben. Selbst Kinderwägen werden hier in Hausfluren angeschlossen, mit dem Erfolg, dass sie nun einfach angezündet statt weggeschleppt werden. Am Helmholtzplatz ist deswegen vor Kurzem fast mal ein Haus abgebrannt. In was für einer Welt leben wir eigentlich?!

»Sie haben eine neue Nachricht. Erste Nachricht …«

Albern, jetzt habe ich schon wieder Herzklopfen. Mann, Mia, es kann sich doch nicht alles in deinem Leben um diesen Typen drehen … Ist es … Äh, nein … Das klingt eher wie die Mitteilung einer Außerirdischen mit Bronchitis: »Rausch, rausch, rausch, krtz krtz krtz, Schrieb bekommen, krtz krtz rausch, ruf zurück, krtz rausch, Freitag in Berlin, krtz krtz piiiiiiiiep (Aua!), Nummer, krtz rausch, krtz null drei. Neuberger Consulting Frankfurt.« Wer ist Neuberger Consulting? Bestimmt verwählt. Nummer: unbekannt. Sind die das, die mich seit ein paar Tagen terrorisieren?

»Bitte alle aussteigen. U-Bahn endet hier. Zur Weiterfahrt steigen Sie bitte in den Wagen am Bahnsteig gegenüber …« Na, super.

Dafür kommen wir in den Genuss einer Vorstellung ‚Dorfmädchen in der Großstadt’. Versucht die doch tatsächlich den Junkie zu wecken, damit er das Umsteigen nicht verpasst.

»Entschuldigen Sie, hier ist Endstation … (Er macht die Augen auf.) Sie müssen umsteigen, da drüben.« (Sie zeigt auf den anderen Bahnsteig.) – »Geh scheißen.« (Augen wieder zu.)

Ja, wie gesagt, hier in Berlin steht Nächstenliebe hoch im Kurs.

16:30. Berlin. Mias Küche. Home office

Ups. Stimmt. Ich hatte versprochen, mich für das Cover-Shooting um eine Assistenz zu kümmern, die Aufhelllicht und Bounceboard hält. Verpeilt. Ist jetzt aber auch kein Grund, gleich so ausfällig zu werden, Zicke von Fotografin. Tut ihren Fotos ja vielleicht mal ganz gut, so steril wie die sonst sind. Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich diesen Job mache. Ich bin kein Organisationstalent, hasse telefonieren und male und bastle am liebsten selbst. (Deswegen sitze ich auch in der Küche, die Matti immer aufräumt. Auf dem Tisch in meinem Zimmer müsste ich erst eine Fläche für den Computer freischaufeln.) Außerdem war das von Patrick, als er mir den Job vor einem Jahr schmackhaft gemacht hat, doch eine gnadenlose Untertreibung: »Ein bisschen Archiv musst du auch machen.« Seit DREI Wochen bin ich mit der »Verschlagwortung des stetig wachsenden Bildbestandes« beschäftigt. Kotz. Ich weiß echt nicht, ob ich ein weiteres Jahr durchhalte. Aber klar, wovon sonst leben. Und wer kündigt schon freiwillig bei PINK! Und verpasst Events wie dieses:

www.facebook.com/events

PINK created an event: Halfway through the week-Party.

Going: 45 (unter anderem David)

Shit, dafür wollte ich doch noch Ohrringe zum neu erstandenen Kleid kaufen. Das schieb ich schnell dazwischen. Brauch jetzt eh mal `ne Pause.

17:45

Shit, die Strumpfhose hat ja total Laufmaschen! Das hätt ich mal checken sollen, bevor ich in die Stadt bin. Die Dinger von dm halten doch erfahrungsgemäß nie länger als einen Abend. Jetzt muss ich noch mal los. Ob ich kurz Mattis Fahrrad …?

19:30

Puh. Vollkommen verschwitzt. Scheiß vierter Stock. Mit Arbeit brauch ich jetzt nicht mehr anzufangen, hab auch total Kohldampf. Aber: Hat sich gelohnt, hab bei H&M noch Schnäppchen gemacht. Wahrscheinlich Frustkauf wegen der schockierenden Spiegel in der Umkleide. Hab ich echt so schlimme Cellulitis? Denke mal, das liegt an dem fiesen Licht. Oder muss ich etwa doch langsam mit Sport anfangen? Uähh.

20:30. »On the road« auf dem Frankfurter Lerchesberg

Ich liebe es, wenn der Schweiß rinnt. Da spürt man förmlich, wie die Pfunde schmelzen. Und die Aggressionen … Aber langsam, Iris, immer schön aerob laufen. Nur so verbrennt man richtig. Nicht, dass sich die Plackerei am Ende nicht gelohnt hat. Ist ja jetzt nicht so, dass ich nur wegen Alice jogge, ich habe mich einfach in letzter Zeit sportlich ein wenig hängen lassen. Der E&W-Systems-Fall war doch sehr anstrengend. Der Blackberry! Wenn man vom Teufel spricht. Mr. Johnson von der E&W Systems! Wie spät ist es jetzt in New York? Gehe da jetzt nicht ran, ich kann schließlich nicht ins Telefon keuchen. Rufe zurück, wenn ich zu Hause bin. Wollte heute allerdings auch noch den Artikel fertig schreiben. Biege ich da vorne rechts oder links ab? Eigentlich ist es egal, wo ich mich der Lächerlichkeit preisgebe. Nicht, dass ich hier nach sechzehn Jahren viele Nachbarn kennen würde. Trotzdem. Ich bin sicher, dass ich joggend und in durchschwitzten Sportklamotten eine mäßig würdige Figur abgebe. Aber ich kann schlecht im Armani-Anzug trainieren. Wenigstens ist es dunkel, sonst müsste ich im Stadtwald … WUIWUIWUIWUIWUIWUIWUIWUI! Aaaaah! Hilfe! Jetzt bin ich tatsächlich gegen ein Auto gerannt. Wieso parken die ihren Wagen auch halb auf dem Bürgersteig?! Haben die keine Garage?! Vergiss das mit dem,aeorb laufen’, Iris. Nichts wie weg hier! Michaels Affäre macht mich fahrig. Ich bin nicht naiv und weiß, dass Seitensprünge in den meisten Ehen an der Tagesordnung sind. Vielleicht hat Michael auch vorher schon mal …? Warum einen das so kränkt? Ich sollte mich nicht so anstellen. So was geht vorbei wie ein Magen-Darm-Infekt. Und dann ist alles wieder beim Alten. Aber dass er ausgerechnet mit meiner Assistentin … Und dass ich sie täglich im Büro ertragen muss! Wenigstens kommt sie am Freitag nicht mit nach Berlin. Vielleicht hat Mama Recht, und wir sollten ein wenig an unserer Beziehung arbeiten… Ob ich einfach Sushi für uns beide bestelle? Als Überraschung, wenn Michael vom Squash kommt? Kalorienmäßig wäre das okay, und wenn ich ein Mal eine Ausnahme mache und später esse … Uff, Runde beendet. Ich hätte ein Licht anlassen sollen, das Haus sieht nicht gerade anheimelnd aus, wie es da klotzig in der Dunkelheit aufragt.

22:00. Frankfurter Lerchesberg. Iris’ offene Küche

Michael und Thorsten gehen doch sonst nach dem Squash keinen trinken. Wo bleibt der denn? Oder ist er bei … Nein … Das kann doch nicht … Mir ist auf jeden Fall der Appetit vergangen. Ich stell den blöden Fisch jetzt in den Kühlschrank. Oder werf ich den gleich in den Müll? Sushi soll ja die Libido … dann bin ich nachher noch schuld, wenn Michael einen Assistentinnen-Rückfall hat! Iris, ich bitte dich. Das hat fünfzig Euro gekostet. Also Kühlschrank. So. Jetzt mach ich mir einen Mate-Tee, dann der Anruf bei E&W, dann der Artikel. Ob ich noch mal bei Mia …, nein, ich mach mich ja zum Hampelmann. Treffen wir uns eben nicht in Berlin.

22:10. Ein Club in Berlin Kreuzberg

Da ist David. Steht cool an der Bar. Mit Kim Ji-Young aus der Moderedaktion. Dass die auf ihn steht, ist eh das offenste Geheimnis der Welt. Ich hol mir erst mal ein Bier. Ich bin ja nicht nur wegen ihm hier.

22:15. Im Gedränge an der Bar

Warum unterhält er sich denn mit der? Ich seh doch an ihrem Gesicht, dass die keinen Plan hat, wovon David redet. Und was hat die überhaupt für ein albernes Glitzerteil an?

»Willste jetzt was? Oder stehst du hier nur so?« Ach so, ja.

»Ein Becks. Danke.«

22:50. Ein Bier später

Das ist doch albern, Mia. Du kannst doch nicht den ganzen Abend hier rumstehen und David auf Schritt und Tritt beobachten. Das fällt selbst Außenstehenden auf. Gerade lehnte sich ein Typ zu mir rüber (offensichtlich schwul) und sagt mit Blick auf David: »A hoißes Schätzle isch der scho! Gell?« Die Schwaben nerven echt.

23:00

Laura hat Recht, Privatleben geht vor Job, wir lassen uns von den Kapitalisten und Karrieristen nicht unser Leben versauen. Was habe ich davon, mit 45 in einem schicken Büro, aber ohne Familie dazusitzen? Eben. Ich sag’s Patrick jetzt. Stell ihm ein Ultimatum: Entweder korrigiert er die Sache, oder ich sag’s dem Chef. Vorher aber besser noch einen Klaren.

23:20. Zweieinhalb Biere und einen Schnaps später

Oh je. Patrick war erst echt ungläubig und dann echt sauer. Ich sehe mich schon ab morgen auch noch das alte Archiv ordnen. Aber er hat gesagt, er regelt die Angelegenheit. Eigentlich kann ich stolz auf mich sein. Ich, Mia Mann, habe Zivilcourage gezeigt! Jetzt kann ich David wieder unter die Augen treten. Jippie! Einen Gin Tonic hab ich mir jetzt echt verdient!

23:28

David geht auf Toilette, das ist doch eine gute Gelegenheit. Ob mein Lippenstift noch …? Egal, zu spät.

00:20. Zweieinhalb Biere, einen Schnaps und einen Gin Tonic später

Hmpf. Das hatte so gut angefangen. Ich lässig zu ihm hin, Aufeinandertreffen Höhe Kondomautomat, sanft-rotes Licht.

Ich, gebrüllt: »Hallo.«

»Hey! Na?«

»Ich hab’s Patrick gesagt.«

»Was gesagt?«

»Dass ich dem Chef Bescheid gebe. Wegen deiner Kolumne.«

Irritiertes: »Okay?!«

Während ich noch versuche klarzumachen, dass uns so eine Lappalie ja nicht von unserer Beziehung abhalten sollte, meinte er nur, er hätte das mit Patrick längst geklärt. Das hätte er in den letzten Tagen ja auch mal erwähnen können … War er dann gar nicht sauer auf mich? Hätte ich mir das mit Patrick etwa sparen … Na ja. Aber dann hat er mich angelächelt und gesagt: »Trotzdem süß von dir.« Und hat mich GEKÜSST! (Gut, ich habe mit Augenaufschlag und dem Keck-an-die-Wand-lehn-Trick nachgeholfen.) Wir haben sicher zehn Minuten geknutscht, und er durfte meinen Busen streicheln. (Es ist doch von Vorteil, bei Körbchengröße 80 B – oder eher A – keinen BH tragen zu müssen.) Trotzdem: Bei Gelegenheit muss ich ihm mal zeigen, dass Küssen nicht unbedingt ‚Er spielt Propeller in meinem Mund, und ich versuche mit meiner Zunge nicht zwischen die Rotorblätter zu kommen’ bedeutet. Aber: Männer sind halt nicht perfekt. Der Sex mit ihm ist dafür eins a.)

Als wir dann eine Pause gemacht haben und er von meinem Gin Tonic getrunken hat, dachte ich, ich frag ihn jetzt einfach. Man wird ja nicht jünger.

»Ich such übrigens einen neuen Mitbewohner.«

»Ach ja? Was ist mit diesem Anwalt?«

»Matti zieht aus. Ich dachte, also, vielleicht hast du ja …«

»Ja, klar. Ich denk mal drüber nach.«

»Echt?« Jippiee. Er kann es sich vorstellen!!!

»Na ja, ich kann nichts versprechen, aber …« Klar, wir kennen uns ja auch erst fünf Wochen und vier Tage, da muss man schon noch mal in sich gehen. Dachte ich. Aber dann sagte er: »… aber vielleicht fällt mir ja jemand ein.« Jemand? Ich dachte: du. Also: er. Also: wir. So als Paar.

Ab da ging’s bergab, erst kam die ultimative Beleidigung: »Ich bin ja echt froh, allein zu wohnen, man ist ja nicht mehr zwanzig. Aber ihr Mädchen tickt da wahrscheinlich anders.«

Und dann die schlechteste Idee aller Ideen überhaupt: »Hey. Lisa, suchst du nicht eine Wohnung?!« Wollte David mir doch glatt die Praktikantin ans Bein binden. Nur weil die gerade vorbeilief. Das kann ja wohl nicht sein Ernst sein, die ist maximal 25! Vielleicht wohne ich nicht gerne alleine, aber ich bin doch keine Studentensammelstelle!! Und wahllos schon mal gar nicht! Und jetzt steh ich hier und muss ihren blöden »Wie-hip-wohnst-du-wirklich«-Persönlichkeitstest über mich ergehen lassen:

»Also, wo sagtest du, liegt die Wohnung genau?«

»Kastanienallee.«

»Prenzlberg ist doch out. Wohnt man jetzt nicht eher in Neukölln?« Ja. Mann. Aber ich wohne ja, im Gegensatz zu dir, Püppchen, auch schon seit zehn Jahren hier.

»Na ja, okay. Welcher Stock?«

»Vierter. Altbau. Parkett. Balkon. Badewanne.«

»Wow.« Tja, da sagst du nichts mehr, was? Laura und ich haben damals den Vermieter regelrecht bestochen.

»Aber `ne Spülmaschine hast du schon? Und `ne Waschmaschine. Mir wäre wichtig …«

Ich brauch dringend mehr Alkohol.

00:30. Zweieinhalb Biere, drei Schnäpse und eineinhalb Gin Tonic später

So. Ich bin betrunken. David tanzt, seit er von der Toilette zurückgekommen ist. Und zwar mit Kim Ji-Young. Grr. Er hätte ja mal mich fragen können … Egal. Was die können …

00:33. Bar

Scheiße. Beim ersten Lied ausgerutscht. Mit Gin Tonic in der Hand. Peinlich. Gibt das Flecken? Kim Ji-Young hat mir hochgeholfen. Besser, ich kauf mir mal `ne Tüte Chips.

1:20

Ann-Kathrin redet wirklich viel. Ich bin müde.

1:20. Iris’ Schlafzimmer

Ein Uhr vorbei, und Michael ist immer noch nicht da. Ist jetzt wohl klar, wo er sich rumtreibt. Hab sein Bettzeug vorhin ins Gästezimmer geworfen und dann wieder zurückgeholt. Ich weigere mich, dieses Klischee der betrogenen Ehefrau zu erfüllen. Frage mich aber, wie Ehemann und Assistentin mit so wenig Schlaf effektiv arbeiten wollen. – Oh, Moment, war das … ja, der Schlüssel. Und das … die Schuhe. Wieder hingeschleudert. Der Mann kehrt heim. Jetzt geht er wie immer in die Küche, trinkt ein Glas Wasser, dann kommt Toilette und Zähneputzen. Müsste demzufolge in zehn Minuten hier eintrudeln. Besser, ich stell mich schlafend.

1:35

Das kann doch nicht wahr sein! Ist der hier auf Zehenspitzen reingeschlichen, hat vorsichtig sein Bettzeug gepackt und ist ins Gästezimmer gezogen. Wie erniedrigend. Wieso kommt er dann überhaupt heim!! Wenn er hier nicht schlafen will! Die Alkoholfahne und das Parfüm habe ich trotz seiner Abendtoilette gerochen. Ahh! Wenn das so ist, buche ich das gemeinsame Hotelzimmer in Berlin um. Kein Bedarf, mit Michael und seinen feuchten Träumen ein Bett zu teilen. Brauch jetzt dringend eine Rennie für den Magen und eine Schlaftablette für den Kopf!

1:55. Straße in Berlin

Abbildung SMS an DAVID

Hab dich nicht mehr gefunden. Geh jetzt heim. Ruf an, falls du nachkommen magst. Würd mich freuen. (gelöscht) Sonst bis morgen im Büro. Mia.

4:30. Mias Bett

Is mir schlecht. David ist doof. Hat sich nicht gemeldet. Ich muss mir unbedingt die Praktikantin von der Backe halten. Ich hab der doch hoffentlich nicht zugesagt?

Freitag, 11. Oktober

Abbildung

9:00. Flieger Frankfurt–Berlin

Wünschen Sie eine Penisvergrößerung? Nein danke. Spam-Mails sind wirklich ein Ärgernis. Ab in den Müll damit. Oder vielleicht sollte ich Michael … Ich weiß ja nicht, was für Ansprüche Alice hat … Pfui, Iris, verrenn dich nicht. Du musst heute den ganzen Tag und auch noch den Abend mit deinem untreuen Ehemann verbringen. Er sitzt neben mir und studiert das Handelsblatt. »Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Einen Tee, oder …« Die Saftsch …, pardon, die Flugbegleiterin, hat ein perfektes Dienstlächeln aufgesetzt.

»Einen Kaffee für mich, gerne. Schwarz. Und einen Orangensaft für meinen Mann.« Michael trinkt auf Flügen immer Orangensaft. Aber dann höre ich von links: »Keinen O-Saft heute. Kaffee für mich, bitte. Mit Milch.« Kaffee für Michael?! Also doch Aufputschmittel. Tja, das kommt davon, wenn man die Nächte durchzecht … oder eher fi… Aaaah! Ich hätte Michael alleine zu der Tagung fahren lassen sollen. Hätte er eben beide Vorträge gehalten. Aber so was haben wir bisher immer gemeinsam gemacht. Es geht um die Firma, da muss man persönliche Befindlichkeiten zurückstellen. Vielleicht findet sich heute Abend im Hotel eine Gelegenheit, ihn zu fragen, wie er sich das nun alles in nächster Zukunft vorstellt. Übrigens ist Michael mir zuvorgekommen. Er hatte das Zimmer bereits umgebucht. Das hat mir nun doch einen kleinen Stich verletzt. Dabei verabscheue ich Sentimentalität.

10:30. Berlin. Büroräume, Magazin PINK. Toilette

Was für ein hinterhältiger Arsch! Hat er das gemeint mit: Ich regle die Angelegenheit?? Selbst zum Chef zu rennen und mich anzuschwärzen? Lässt mich Patrick einfach vom Chef feuern! Darf er das überhaupt? Patrick behauptet, meine Stasiqualitäten (der übertreibt echt maßlos!) wären angeblich nicht der Grund, auch wenn er persönlich von mir enttäuscht sei. Aber meine Arbeitsleistung sei einfach nicht ausreichend, deshalb sähen sie sich leider nicht in der Lage, meinen Vertrag zu verlängern. Sascha, der Chef, sähe das genauso. Ich käme nie vor zehn Uhr ins Büro (woher will Patrick das wissen, der ist nie vor elf Uhr da!) und sei eine Chaotin im Organisieren, erst gestern gab es wieder eine Beschwerde (ich kann mir schon denken, von wem) … Arrg! (Aua. Mia, wenn du mit der Faust gegen die Tür schlägst, schadest du nur dir selbst.)

»Mia?« (Na toll. Die Praktikantin, die hat mir gerade noch gefehlt.)

»Hab dich grad reingehen sehen. Du, ich wollte nur mal fragen, klappt das jetzt mit der Wohnung? Oh. Weinst du? Hey? Mach doch mal auf.«

»Alles super. Kannst wieder gehen.«

»Hast du deine Tage? Meine Mutter …«

»Wirklich alles gut.«

»Also, ich mein nur, wenn wir zusammenwohnen, ich helfe gerne. Ich finde, wir sollten keine Zweck-WG …«

»Lisa.«

»Ja?«

»Hau ab!«

Ups. Diesmal gegen die Tür getreten. Scheint seine Wirkung nicht verfehlt zu haben. Lisa ist weg. Soll SIE doch für Patrick katalogisieren. Bei A wie Arschloch kann gleich sein Foto rein.

22:00. Hotel-Restaurant in Berlin-Mitte

Ich habe mir etwas gedünstetes Gemüse bestellt. Was soll man um diese Zeit, bitte schön, sonst essen? Michael hat sich für ein monströses Steak entschieden. Da hätte ich auch Appetit drauf, aber ich kann gut auf das verzichten, was mir die Waage morgen anzeigt, wenn ich meiner Lust nachgebe. Ich nippe an der Weinschorle. Michael räuspert sich. »Ich bin froh, dass du … Dass alles gut gelaufen ist heute.« Ich schlucke ein Stück Möhre herunter. Ein Gespräch! Ich könnte jetzt zum Angriff übergehen, aber ich sage betont salopp: »Wir sind eben ein eingespieltes Team, oder?« Michael nickt.

»Ich weiß, dass das alles nicht leicht ist für dich, Iris.« Ich merke, dass sich irgendetwas in mir zuschnürt. Der Appetit auf Steak ist verschwunden, und auch das Stück Spargel, das schon auf der Gabel steckt, schiebe ich nur pro forma in den Mund. Weil ich es nicht wieder zurücklegen will. Ich beiße zwei-, dreimal fest drauf und zwinge mich, es runterzuschlucken.

»Es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren hast. Wirklich. Ich wollte es dir sagen, aber es war nie … Ich wollte erst … Vermutlich war es ein Freudscher, dass ich dir aus Versehen die SMS geschickt hab. Ich wollte, dass du es endlich weißt.«

»So lange ging es ja nun auch noch nicht. Eine Woche …«, sage ich schnell. Ich kann Mitleid wirklich nicht ertragen. Michael guckt erstaunt. »Ich verstehe nur nicht, warum es ausgerechnet meine Assistentin sein musste. Du siehst doch noch gut aus, du hättest sicher viele jüngere Frauen gefunden, um, du weißt schon, dein Mütchen zu kühlen.« Was rede ich da eigentlich?!

Kurzes Schweigen. Dann sagt Michael: »Iris, ich glaube, du verstehst da was nicht.«

»Also, im Allgemeinen habe ich eine ganz gute Auffassungsgabe, oder? Dass Männer ab und zu mal eine kleine Bettgeschichte …« Ich breche ab. Erstens, weil ich da gerade ein haarsträubendes und noch dazu frauenfeindliches Klischee bemühe. Zweitens, weil Michael so komisch guckt.

»Iris.«

»Michael?«

»Ich liebe Alice.«

BOFF. Voll in die Magengrube. Mir entfährt ein kleiner hysterischer Lacher. Ich sollte mit der Weinschorle aufpassen. Habe trotz Schlaftabletten wenig geschlafen in den letzten Nächten. Übermüdet verliert man schneller die Fassung. Oh Gott. Hat er das wirklich gesagt? Ich ertappe mich dabei, dass ich meinen Ehemann anstarre.

»Und was soll das jetzt heißen?«

22:00. Ein paar Kilometer weiter, auf Mias Bett

Laura meinte, da wäre das letzte Wort noch nicht gesprochen. Ich sollte doch selbst noch mal mit dem Chef reden. Mein Gefühl sagt mir, da ist nichts mehr zu machen. Genauso schnell, wie du drinnen bist, bist du auch wieder draußen. Na ja, vielleicht ist es besser so. Ich wollte ja nie so wirklich Karriere … Wenn nur nicht der Rest meines Lebens auch wie ein Kartenhaus zusammenfallen würde. Oh, wer schreibt?

Abbildung SMS von LAURA an MIA

Danke, Rehlein, fürs Packenhelfen. Ist jetzt alles verstaut. Kommst du morgen zum Winken? Ich drück dich. L. P.S.: Wir haben noch Kisten übrig. Die kann Matti gerne haben.

AHHHH!

22:30. Berlin. Iris’ Hotelzimmer

Wieso tut er mir das an? Bedeutet ihm das alles, was wir zusammen aufgebaut haben, überhaupt nichts mehr? Denkt er, ich habe überhaupt keine Gefühle? Ich meine, es stimmt schon. Gefühlsduselei und ich, wir sind einander noch nicht vorgestellt worden. Aber gerade habe ich das Zahnputzglas fallen lassen, weil ich so gezittert habe. Die Ohnmacht ist unerträglich. Man bringe mir Kampfer oder eine Waffe, mit der ich Michael und Alice einen möglichst schmerzhaften Tod bereiten kann. Als hätte es nicht gereicht, dass das Wort »Liebe« im Zusammenhang mit dieser falschen Schlange gefallen ist. Nein, das Ganze musste noch durch die Offenbarung getoppt werden, dass Alice morgen hier angereist kommt, damit mein Ehemann ein verliebtes Berlin-Wochenende mit ihr verbringen kann. Er hat seinen Rückflug storniert (Kosten: 500 Euro. Plus eine neue Knirschschiene für mich nach dieser Nacht) und hat ein anderes (vermutlich wahnsinnig romantisches) Hotel gebucht. Ein bisschen Abstand täte uns gut, hat er zu seiner Rechtfertigung gesagt. Damit wir bald in Ruhe überlegen können, wie es weitergehen soll. Aaaah! Ich werde kein Auge zumachen. Ich brauche eine Schlaftablette! Nein, zwei!

2:30. Mias Bett

Ich muss jetzt endlich schlafen, schließlich muss ich morgen um sieben Uhr raus. Nur um Mattis blödes Auto zu holen. An einem Samstag. Den Saab hätte er mir wirklich schenken können, schließlich habe ich ihn damals ausgesucht, er hätte einen praktischen Toyota genommen (das geht gar nicht!). (Mia, sei froh, dass Matti bei seiner Kfz-Versicherung angegeben hat, er wäre gefahren. Sonst hättest du statt der 500 Euro Selbstbeteiligung knappe 3000 Euro an Matti überweisen müssen! Und woher hättest du die genommen? Eben.) Na ja, jetzt holt ihn irgend so ein Typ am Montag ab, hat Mattis Angebot in den Kleinanzeigen gesehen. Mein Leben passt auch in eine Kleinanzeige: Hübsches Mädchen Hübsche Frau sucht vorzeigbares Leben. Volles Programm: Karriere, Freunde, Mann. Und bald auch Wohnung: Denn wenn der Job weg ist, kann ich mir die Wohnung auch bald abschminken. Zumal unten am Schwarzen Brett eine Nachricht vom Vermieter hing: Sanierungsplan. Wenn ich überhaupt drinnen bleiben darf, gibt das eine saftige Mieterhöhung. Und – hier stellt sich wieder die Frage – wovon soll ich die bezahlen?

David, dieser Schleimer, kann mich auch mal kreuzweise. Kurz nach meiner Kündigung war das die nächste Mail, die mich im CC erreicht hat:

Von: David
An: Patrick
CC: Mia, Leonie, Manuel
Betreff: Kolumne
Klingt super, Patrick. Genauso machen wir’s. Kolumne im Heft und online Videos als Ergänzung. Freu mich! David.

Verräter.

Samstag, 12. Oktober

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9:40. Autobahnausfahrt Boblitz/Calau

Pling! Der Blackberry kann grad mal die Klappe halten. ‚In einer Stunde Check-in Tegel, Rückflug nach Frankfurt’, will er mir sagen. Das Gerät weiß nicht, dass diese Erinnerung für mich nicht mehr relevant ist.

»In fünfhundert Metern nehmen Sie die Ausfahrt! Nehmen Sie die Ausfahrt!«

Genau. Ich befinde mich nämlich etwa eine Stunde Fahrtzeit südlich von Berlin. Ausfahrt Vetschau/Burg. Hoppla, nicht so schnell in die Kurve! Muss wohl so eine Art Kurzschluss gewesen sein heute Morgen. Der Wecker klingelte zur gewohnten Zeit, ich wollte noch ein paar Unterlagen durcharbeiten, frühstücken und dann zum Flughafen. Aber dann … vielleicht machen das die vielen Schlaftabletten, die ich zurzeit schlucke. Bin schon schlecht aus dem Bett gekommen. So ein stechender Schmerz in der linken Schläfe. Und als ich nach der Dusche an dem kleinen Tisch da im Hotelzimmer saß, fing auf einmal mein Herz an zu rasen. So schlimm war’s noch nie. Unregelmäßiger, völlig irrer Galopp. Dann Schnappatmung, ich bekam keine Luft, Engegefühl im Brustkorb, die Zimmerwände schienen näher zu kommen. Panik. Ich bin raus auf den Balkon, hab mich gezwungen, ruhig zu atmen, und dann heulte ich plötzlich los. Konnte nichts dagegen machen. Zum Glück hat mich keiner gesehen! Ich hab mir das Weinen schon vor langer Zeit abgewöhnt. Ich hatte immer das Gefühl, als wenn mit den Tränen die Kraft aus meinem Körper liefe. Ich hab mich mühsam zusammengerissen, meine Sachen gepackt und ausgecheckt. Wollte auf keinen Fall Michael begegnen, schon gar nicht in diesem Zustand. Bin mit dem Taxi Hals über Kopf los. Weg, nur weg. Erst ging es Richtung Flughafen. Aber dann lief alles wie von selbst, wie ferngesteuert. Hab mich zu meiner Leihwagenfirma kutschieren lassen, und jetzt sitze ich in einem schicken Porsche Panamera, der mich gerade mit 170 Sachen direkt in meine Vergangenheit befördert. Allein die gelben Wegweiser. Boblitz, Lübbenau … der Spreewald. Ist das zu fassen? Ich hab Feulenitz und das alles vor so langer Zeit hinter mir gelassen. Und jetzt gurke ich völlig kopflos in einer Gegend herum, in der mich nichts erwartet als ein altes, baufälliges Haus, das Fließ und Gurken. 700 Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt. Bin ich meschugge geworden? Was will ich hier?

9:40. Regionalexpress in Richtung Cottbus

Regionalexpress – was für eine Tortur! Es stinkt nach Erbrochenem (Dorfpartymäuse der letzten Nacht), Urin (defektes Klo) und süßlichem Frauenparfüm. Während die Verursacher der ersten beiden Müffelherde nicht anwesend zu sein scheinen, ist der Ursprung der dritten Ingredienz eindeutig zu lokalisieren: eine Frauengruppe vor mir. Die Flasche Sekt, die sie sich innerhalb der letzten halben Stunde hinter die Binde gekippt haben, sorgt dafür, dass jetzt auch wirklich jeder Reisende in diesem Regionalexpress über das kleinste Detail einer Krampfaderentfernung bestens informiert ist. Ich kam kaum durch, weil viele Frauen viel Gepäck brauchen. Habe mich also auf meinem Weg zur Toilette (vergebens, weil eben defekt) über Berge von geschmacklosen Koffern gequält. Und höre jetzt den Quallen zu, wie sie mit schrillen Stimmen und unter dem Klirren von Sektgläsern über Quappen reden. Wegen solcher Leute sollte man über ein Alkoholverbot im Bahnverkehr nachdenken. Ihren Ausführungen zufolge sind Quappen-in-Aspik anscheinend irgendeine Spreewald-Spezialität. Würg. Wenigstens hab ich jetzt keinen Appetit mehr. Muss echt dringend auf Toilette! Und bin außerdem saumüde, mit leichtem Kater, hab, wenn’s hochkommt, vier Stunden gepennt. Zum Glück haben mich Laura und Andreas mit ihrem Umzugswagen noch zum Bahnhof gefahren. Oh Gott, noch zwanzig Minuten!

10:10. Im Porsche auf der Landstraße

»Wenn möglich, bitte wenden«. Was hat denn diese Navitrulla plötzlich? Ich war vielleicht seit Ewigkeiten nicht mehr hier, aber viel verändert hat sich nicht, und deshalb weiß ich auch, dass das der richtige (oder zumindest der kürzeste) Weg ist! So schön hatte ich es allerdings nicht in Erinnerung. Aber gut, reizvolle Landschaften gehören ja auch nicht unbedingt zu den Hauptinteressen einer Sechzehnjährigen. Mama hat ja bis heute Sehnsucht nach den ‚Lebensadern des Spreewaldes’. »Wenn möglich, bitte wenden«. Hab vielleicht beim Verstellen der Anzeigegröße was an der Route verstellt. Besser, ich schalt die mal ab, das nervt vielleicht. »Wenn möglich, bitte we …« Ah, Scheiße, jetzt ist das Navi abgestürzt, diese dämlichen Saugknöpfe, was ist denn das für eine Qualität … Wenn das jetzt unter die Bremse rutscht! Besser, ich hole … Wo ist denn … Ah hier, hab’s! Was ist das denn da vorne? Scheiße, ein Trecker! Und eine Schlange dahinter! Bremsen, Iris, BREMSEN! Aaaaaaah! Es knallt!

10:11

Na großartig! Panamera knutscht Landrover. Ziemlicher Bums. Mit Airbag und allem Pipapo. Das gibt ein Schleudertrauma. Und wer Schuld hat, ist absolut eindeutig. Da komm ich nicht raus. Wenigstens keine größere Karambolage, soweit ich sehe, die vor dem Landrover fahren weiter. Wär ich bloß nicht … Der vor mir steigt aus. Dann zieh ich mich mal warm an und öffne die Tür.

»Sind Sie verletzt?«

»Nein, Sie?« Was für ein absurder Dialog.

»Nein.« Ein Glück.

»Ja, ich …«

»Sie sind zu schnell gefahren.« Sehr scharfsinnig! Brauchst gar nicht so galant die Sonnenbrille abzunehmen.

»Also …«

Die Worte bleiben mir im Halse stecken. Denn entgegen blitzen mir zwei smaragdgrüne Augen. Die ich nur zu gut kenne, auch wenn sie damals noch von Pickeln umrahmt waren … Torben!

10:15. Im Linienbus auf ebenderselben Landstraße

Ruhe. Unglaubliche Ruhe. Die Schnattertanten wurden zum Glück von ihrem Taxi abgeholt. Ich sitze jetzt im Linienbus, als einziger Fahrgast (ungelogen). Gott sei Dank kam der Bus gleich, wer weiß, wie oft die sonst am Wochenende fahren – bei der Nachfrage! Ich könnte die Landschaft draußen nach wie vor berückend finden, hätten sich zu dem Druck auf der Blase und zu der bleiernen Müdigkeit nicht auch noch Kopfschmerzen gesellt. Vielleicht war es doch keine gute Idee, aus lauter Frust den Restbestand an Prosecco in Lauras Wohnung zu leeren? Warum bremsen wir denn jetzt? – Oh. Unfall. Das muss hier wohl eine typische Gefahrenstrecke sein. Ha, diesmal hat es eine dieser Berliner Bonzenkarren erwischt. Ist voll auf so ’nen Geländewagen geknallt. – Äh. Wieso kurbelt denn der Busfahrer jetzt sein Fenster runter, können wir nicht einfach weiter … Ich mein, gut, es ist nicht meine private Kutsche, aber … Ich muss ECHT pinkeln! – Hey, der Landrover sieht aus wie der von …

»Torben, brauchste Hilfe?«

Er ist es! Wie witzig. Diesmal hat’s den Helfer in der Not höchstpersönlich selbst erwischt. Und das ist wohl die blöde Schnalle, die ihm draufgefahren ist. Wieso stehen die denn voreinander und starren sich nur an? Jetzt dreht sich die Schnalle um … Moment, das ist doch …

»… Mein Pummelchen! Ist das zu … Hab dich fast nicht erkannt! Nach all den Jahren!«

Pummelchen! Das war doch früher! Dachte immer, dass dieser Anzug meine Problemzonen ganz gut kaschiert? Hoffe, Torben guckt nicht so genau hin.

»Lass dich mal anschauen! `Ne Frau von Welt biste geworden!«

Und du siehst wahnsinnig gut aus! Jetzt sag doch um Himmels willen was, Iris! Du musst ja wirken, als hättest du dein Gehirn zu Hause vergessen! Ob mein Kopf was abbekommen hat bei dem Aufprall?

»Mensch, ich muss dich jetzt einfach mal in den Arm nehmen!«

Und jetzt werde ich auch noch knallrot!

Da draußen umarmt Torben meine bescheuerte Halbschwester! Was macht die denn hier? Und warum hat die immer noch die gleiche unmögliche Frisur! Ist die hier auf Verwandtenbesuch, oder … Die wird doch nicht etwa zu meinem Haus …? Oh Gott. Torben guckt her, ich ducke mich besser.

»Hey, ist das nicht Mia? Deine Schwester?« Shit. Er klopft ans Fenster. »Mia?« Ich tauche auf und hebe die Hand zum Gruß, als wäre es ganz normal, mitten in der Pampa als einziger Fahrgast eines Linienbusses zwischen den Sitzen zu ‚verschwinden’ (als wären hier Raubüberfälle, Schusswechsel und Bombenhagel an der Tagesordnung). Peinlich. Iris steht die Kinnlade aber auch auf …

10:45. Landrover. Beifahrersitz

Na toll. Jetzt sitze ich ausgerechnet mit der herzallerliebsten Mia Jungspund in Torbens Auto. Ihr Auftritt war aber auch echt filmreif. Wie sie Torben direkt von der Bustreppe aus in die Arme geflogen ist. Hat ihn umarmt, als würden SIE sich seit Jahrzehnten kennen … Und wie sie sich über den doppelten Auffahrunfall amüsiert haben! Sehe die Schlagzeile schon vor mir: »Irre Halbschwestern aus der Stadt gefährden das Leben unserer Landbevölkerung«. Na ja, wenigstens das mit dem Porsche ging reibungslos. Der ADAC hat ihn abgeholt, und die Mietwagenfirma hat mir versprochen, bis heute Abend einen neuen Wagen zu bringen. Oh, Püppchen beugt sich vor. Wie die aussieht. Hatte die nicht vor acht Jahren das Gleiche an? Zumindest ihre Stiefel sind original aus den Fünfzigern. Jetzt macht sie auch noch den Mund auf: »Das ist echt nett, dass du mich zur Werkstatt fährst, Torben.«

»Das ist doch kein Problem. Mit dem Bus hättest du noch zwanzig Minuten laufen müssen.«

Ja, das hätten ihre ausgelatschten Schuhe sicher NICHT ausgehalten! Was soll denn dieser Augenaufschlag, flirtet die etwa mit dem? Typisch Torben, immer um Deeskalation bemüht: »Ihr habt euch also acht Jahre nicht mehr gesehen.«

Nein, und es hätten gern auch noch mehr Jahre werden dürfen.

10:50. Landrover. Rückbank

Wie die mich giftig beobachtet im Seitenspiegel. Kotzt mich eh an, dass ich hinten sitzen muss. Ich bin doch kein Kleinkind. Außerdem hab eindeutig ICH die längeren Beine. Und wie die sich aufgeführt hat in ihrem Businessdress. Kaum, dass ich aus dem Bus ausgestiegen war, schmettert die mir entgegen: »Ach, sieh an. Du lebst also doch noch.«

War wohl angepisst, weil ich Torben kenne. Ich hab ganz cool reagiert: »Guten Tag. Mia Mann. Kennen wir uns?« Da ist der blöden Schnalle erst mal alles aus dem Gesicht gefallen.

»Iris Neuberger, Schätzchen. Deine Halbschwester. Ich dachte, in deinem Alter funktioniert das Gedächtnis noch etwas besser.« Das sollte wohl eine schnippische Gegenwehr sein. Ich hab gleich noch einen draufgesetzt.

»Kommt immer drauf an, wie gerne ich mich an etwas erinnern möchte. Und wie sehr es sich verändert hat.« Daraufhin guckte sie säuerlich. Treffer.

»Wie auch immer, an den Erbschein, den du bekommen hast, wirst du dich ja bestimmt noch erinnern.«

»Klar.« Muss sie ja nicht wissen, dass ich den nie zu Gesicht bekommen habe.

»Ich hab keine Ahnung, was Oma Hedwig sich dabei gedacht hat, das Haus uns beiden zu vererben«, setzte sie im Oberlehrerinnen-Ton fort. »Aber da müssen wir jetzt durch. Ich bin netterweise bereit, den Verkauf zu regeln.«

Wie gütig. Grrr! Hätt ich mir gleich denken können, dass die nicht leer ausgeht. Ganz toll! Ein Haus gemeinsam mit DER zu erben! Das hätte mir meine Mutter am Telefon ja ruhig noch sagen können. Ich kann nicht glauben, dass sie dieses winzige, aber nicht ganz unwichtige Detail vergessen hat. Obwohl, meiner Mutter ist alles zuzutrauen, dreht sich doch alles eh nur um sie. Trotzdem. Es reicht, wenn mir die Kapitalistenschweine meine Wohnung in Berlin wegschnappen. Dieses Haus bekommen sie NICHT! – Gott sei Dank, da vorne ist die Werkstatt. Meine Blase war kurz vor der Aufgabe. Wie nett Torben in den Rückspiegel lächelt, als er sagt: »Da steht das Schmuckstück. Sieht aus wie neu. Sollen wir auf dich warten, Mia, und dann in Kolonne …?«

»Ähm, eigentlich dachte ich …«

»Klar, Berlin kann nicht ohne dich. Das wilde Leben. Am besten, ich geb dir einfach meine Karte, und wir telefonieren, sobald ich einen Verkäufer …« Moment, ich lass mich von der doch nicht abschieben!

»Danke, sehr freundlich. Aber ich möchte doch noch zu meinem Haus.«

»Unserem.«

»Ich verkaufe nämlich nicht.«

Ich knalle die Tür zu und gehe eilig Richtung Werkstatt, denn – noch ein paar Sekunden länger, und es hätte ein Unglück gegeben …

11:10. Landrover. Beifahrersitz

Torben schaut mich an. Er grinst. Ich lächle und sage: »Also, meine sechzehnjährige Tochter ist auch nicht schlimmer.«

»Du hast eine Tochter?«

»Ja, auch wenn sie unsere Verwandtschaft alle paar Tage gerichtlich prüfen lassen will.«

Torben lacht. Ein lautes, sympathisches, herzliches Lachen. Es umfängt einen wie ein warmer, kuscheliger Mantel … räusper, vielleicht ein bisschen zu warm für mich, denn irgendwas in mir drin fängt an zu schmelzen … Zwei Jugendliche fahren mit ihren Fahrrädern vor.

»Hast du denn … Kinder?«

Er schüttelt den Kopf.

»Weißt du noch, wie ich dich hier aufgelesen habe, als du mit dem Fahrrad …«

Und ob ich das noch weiß … Scheiße, jetzt werde ich schon wieder rot! Was reißt denn jetzt das Püppchen so genervt die Tür auf und wirft sich wieder auf die Rückbank? Hat man nicht mal fünf Minuten Ruhe vor der!

»In diesem Kaff haben Werkstätten anscheinend keine EC-Kartenlesegeräte. Ich muss noch den Schaden von dem Unfallgegner zahlen, ich brauch also ´ne Bank. Oder hat von euch zufällig jemand 850 Euro Cash?«

»Äh, nee, tut mir leid, Mia, mein Gespartes liegt auf dem Konto.« Torben lacht. Ich seufze und zähle aus meinem Geldbeutel vier Zweihundert-Euro-Scheine und einen Fünfziger.

»Die krieg ich aber wieder. Plus Zinsen.« Jetzt steht dem Jungspund aber die Klappe offen. Zumindest für eine knappe Sekunde.

»Keine Sorge, kann ich dir gleich am EC-Automat ziehen.«

»Haben wir keinen«, meldet sich Torben wieder zu Wort.

»Was?« Das heißt ‚wie bitte’, die hat echt keine Manieren.

»Einen EC-Automat. In Feulenitz«, ergänzt Torben für die Begriffsstutzige. Hat die sich alle Gehirnzellen in Berlin weggekifft?

»Okee …? Dann überweis ich halt.« (Na hoffentlich!)

Zack, Tür wieder zu. Wir sind wieder allein.

»Läuft wohl gut, dein Geschäft?« Ist das ein irritierter Blick, den Torben mir da zuwirft? Wieso ist mir das vor ihm jetzt peinlich? Anstatt einer Antwort klingelt mein Telefon. Michael. Was soll’s. »Was willst du? Nein, die Unterlagen von London habe ich gerade nicht da. Ich bin unterwegs.« Ich lege einfach wieder auf. Seitenblick von Torben.

»Bist du aufgeregt, das Haus … nach so vielen Jahren …?«

Ich zucke die Schultern. Und denke: Ja, bin ich. Sehr sogar. Kindisch. Schweigend sitzen wir nebeneinander im Auto. Durch das offene Fenster höre ich den Wind durch die rot gefärbten Baumkronen wehen. Dahinten grasen ein paar Pferde. Ich bin zu Hause.

11:30. Auf dem Fließ vor dem Haus der Schwestern

»Nein, Feulenitz mit ‚e’ wie Emil, nicht wie die Fäule, … ja, im Spreewald, genau. Okay, gut, Sie bringen das Auto? In etwa einer Stunde. Vielen Dank.« Das ist doch nicht zu glauben. Nicht genug, dass wir uns zu zweit in diesen Kahn quetschen müssen. Jetzt telefoniert die auch noch. Ich bin doch nicht ihr Chauffeur. Wie funktioniert denn das überhaupt mit diesem Stecken hier? Reinstechen ins Wasser und abstoßen, hat Torben gesagt, bevor er zu einer dringenden Pferdekolik aufgebrochen ist (igitt). Eigentlich sind es ja nur ein paar Meter bis zum anderen Ufer, aber so einfach ist das nicht, irgendwie treibe ich ab,… »Ich übernehm’ mal besser.« Oh, Madame hat aufgelegt. Und spielt schon wieder die Besserwisserin. »Bitte, wenn du meinst, du kannst es besser.« Shit. Kann sie wirklich. Ein paar Mal beherzt ins Wasser gestoßen, schon legen wir an.

Ich springe von Bord. Das soll sie mir erst mal nachmachen. Oh, eine Gans. Wir haben also auch Federvieh … »Ja, hallo, du Gans …« Ahhhh!! Die beißt. Hilfe! Ein gemeiner Gänserich-Angriff!!!

11.35

»Spinnst du?« Springt die wie von der Tarantel gestochen zurück ins Boot!

»Entschuldige, aber hast du gesehen, wie der auf mich zugeschossen kam? Allein diese Warnschreie.«

»Ach, stell dich nicht so an.« Ich habe definitiv keine Zeit, den Rest des Tages auf dem Wasser zu verbringen. Uhh. Wie ist denn Mia hier einfach so aus dem Kahn … Scheiße, jetzt bin ich etwas unelegant am Ufer abgerutscht und auf den Knien gelandet, toll, das gibt Grasflecken … Ahh, der Gänserich!! Pickt der mir auf den Kopf! Der ist ja aggressiv! »Mia, den Stecken! Schnell!«

»Wieso? Stell dich nicht so an.«

Das findet die wohl lustig. »Mia!«

»Bist du blöd, dann treib ich hier ab …«

»Dann wirf halt das Seil her, ich halt dich fest.«

11:37

Wie die da rumfuchtelt mit diesem Stecken. Und dieses Kampfgeschrei. »Wahaaahh!!! Wahaaahh!!« Man könnte meinen, sie wäre früher Teil eines Indianderstammes und nicht Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik gewesen. Na ja, scheint gewirkt zu haben. Das Viech macht sich schnatternd vom Acker. Wer lacht denn da so doof? Oh nee, ne? Maik Nowak, Froschmann und Unfallgegner, schippert auf seinem Fischerkahn vorbei.

»Hallo. Die haben’s hier eben nicht so mit Eindringlingen.«

»Sehr witzig. Zufällig gehört das Grundstück mir.«

»Uns. Aber wir verkaufen.« (Arrg, die Besserwisserin hört mit.)

»Tun wir nicht, aber keine Sorge, die Generalüberholung Ihres Autos ist schon bezahlt.« (Hoffentlich petzt Iris nicht gleich, dass ich mit ihrem Geld … Nein? Ein Wunder.) »Iris, hättest du die Güte, mich wieder an Land zu ziehen? – Danke.«

Mist. Diesmal fällt mein Abgang weniger elegant aus.

»Der Anlegesteg ist da drüben!«, spottet es auch schon vom Wasser her. Schon recht, du Arsch. Ich ziehe das Boot zu dem Anleger und binde es an. Hey, was stakst die denn schon auf das Haus zu? Und wieso hat die einen Schlüssel dafür?

»Wieso hast du denn einen Schlüssel?«

»Ich gehöre zur Familie.«

Hmpf. Schnell hinterher.

11:45. Im Haus

Von drinnen ist das Haus noch viel toller als von außen. Ich versuche, betont lässig zu bleiben, aber das übersteigt meine kühnsten Träume!! Das sind doch tatsächlich locker zehn Zimmer! Zwei Stockwerke, eine alte Holztreppe, und auch wenn hier in vielen Zimmern PVC liegt, dadrunter ist doch sicher Holzboden, so wie das knarrt!! Im Sonnenlicht tanzt der Staub, den ich und meine verstockte Halbschwester aufwedeln. Überall stehen Möbel, größtenteils mit weißem Leinen abgedeckt. Das kenne ich sonst nur aus Filmen! Ich zieh mal den Rollladen hoch. Wow, vor dem Fenster fließt direkt die Spree, da steht sogar eine kleine Holzbank unter dem Fenster! Und daneben ist der Anlegesteg.

Die ist offensichtlich beeindruckt. Sieht halt die Schäden nicht … Aber ich muss auch sagen, besser in Schuss, als ich nach dem Gutachten erwartet habe. Nur das Bad und die Küche hatten schon bessere Zeiten, aber das käme ja eh alles raus … Das Haus sollten wir loskriegen. Oh, der Blackberry. Das ist London.

Jetzt telefoniert sie schon wieder so wichtig …

»Hello, Mr. Child. Lovely to hear from you, yes … pardon? … Sorry, I couldn’t understand … Hello? … Mr. Child?« Scheiße, kein Empfang. Ich geh mal raus.

Zehn Minuten später

So, da muss ich nachher unbedingt noch eine Mail nachschicken. Wie spät ist es denn? Fast halb eins. Der Mietwagen sollte gleich kommen, und dann sollte ich auch mal fahren. Genug mit der Gefühlsduselei … Wo ist denn jetzt das Püppchen? Ah, auf der Bank am Fluss, wie romantisch.

»Also, mein Mietwagen sollte gleich hier sein. Ich geb dir meine Karte. Lass es dir durch den Kopf gehen, und ruf mich dann an.«

Wie jetzt? Die meint wohl, sie kann hier alles entscheiden? Hier ist nicht die Wallstreet, auch wenn sie sich mit ihrem Blackberry so aufführt. Holt die allen Ernstes mit einer routinierten Handbewegung aus dieser geschmacklosen Handtasche ein noch geschmackloseres Etui raus und reicht mir ihre Visitenkarte. (Allein das Leinenpapier kotzt nur so: Ich bin reich!!! Und diese prätentiöse Schrift!) Ja, und jetzt soll ich wohl einen Knicks machen und dann höflich davontrippeln? Denkste, Puppe! Was du kannst, kann ich schon lange. Ich hab nämlich auch ’ne Karte.

»Ruf DU doch MICH an!«

Shit! Wo hab ich diese blöden Karten denn bloß hingesteckt …

Was kramt die denn da ewig in diesem gammligen Jutebeutel rum? (Und was steht dadrauf?,Home is where my heart is’. Aha.) Ah, jetzt hat sie was gefunden. Sie ist ganz rosa angelaufen. Fast so wie das pinke Ding, das sie mir da hinhält. Das ist … das soll eine Visitenkarte sein? Total zerknittert! Himmel, und den abgekauten Nagellack seh’ ich ja jetzt erst! Auch pink. Da kriegt man ja Augenkrebs!

»Und auf dem Festnetz bist du zu erreichen, ja?«

Jetzt wird sie noch röter. Schämt sich vielleicht jetzt doch, dass sie nie ans Handy gegangen ist.

»Also, die Bürofestnetznummer … die stimmt gerade nicht so. Besser auf dem Handy.«

Reißt sie mir die Karte wieder weg, kramt erneut in dem grauen Sack, holt einen Kugelschreiber hervor, kritzelt eine Handynummer auf die Karte und streicht die andere Nummer durch. Will die mich veräppeln?

»Liebes, die Handynummer habe ich schon. Und ich kann nicht gerade behaupten, dass du dort besser zu erreichen bist.«

»Woher willst du denn das wissen?«

»Weil ich dich x-mal angerufen hab?«

Hm. Jetzt werfe ich auch einen Blick auf ihre Karte. »International Executive Coach. Neuberger Consulting«. Neuberger Consulting, war das nicht … Ha, alles klar, dann ist sie für diesen »Unbekannte Nummer«-Telefonterror verantwortlich! Wie albern, sich mit dem Firmennamen zu melden! Die soll sich bloß nicht so haben!

»Ich habe eben auch Termine.« Ha, lässige Antwort! Frau Blum-Neufeldt ist doch zu etwas nütze! »Sonst schreib mir halt `ne Mail.« Ach nee, Scheiße, die Adresse gilt ja auch nicht …

Reißt die mir WIEDER die Karte weg und kritzelt so ´ne gmx-Adresse drauf.

»Du arbeitest da aber schon noch? Bei … äh … PINK« (wie sonst hätte dieses … äh, was ist das eigentlich, ah … Magazin (!) heißen sollen).

»Klar, wieso? Bist du blöd? Wir haben gerade Schwierigkeiten mit der Telefon- und Internetanlage. Und wir wollen die Sache ja schnell klären, nehme ich an. Ich behalte das Haus auf jeden Fall.«

»Okay. Dann zahl mich aus. 140 000. Ich schick dir meine Kontodaten.«

140 000? Schluck! 140 könnte ich ihr anbieten. Doch Gott scheint ein Einsehen zu haben, denn von irgendwoher tönt eine raue Stimme: »Das Haus wird nicht verkauft! Und jetzt bringt gefälligst meinen Kahn wieder hier rüber!« Nee, das ist nicht Gott, am anderen Flussufer steht eine alte Frau.

Ah, Martha. Die muss gute Ohren für ihr Alter haben, wenn sie unser Gespräch von dort aus mitbekommt … Na, umso besser, dann kann ich den Verkauf auch gleich mit ihr besprechen. »Hallo Martha … Warte, ich komme dich holen.«

Das ist also die Freundin von Oma Hedwig. Ganz schön herrschaftlich, wie die Alte da in dem Kahn sitzt und sich von Iris kutschieren lässt. Geschieht Iris recht, dass sie jetzt die Chauffeuse geben muss! Ich wüsste nur zu gern, womit sie die arme Alte zutextet. Redet auf die ein wie ein Maschinengewehr! Oops. Iris Worte scheinen die Alte auf jeden Fall ziemlich wütend zu machen, springt die mitten in der Fahrt auf, bringt damit den Kahn zum Wackeln und herrscht Iris an! Ruhig, aber mit lauter, gut hörbarer Stimme. Ob Iris drüben all ihren Anstand verloren habe? Drüben? Die meint doch nicht etwa … den Westen?

»Solche Albernheiten kannst du dir sparen, Mädchen! (Mädchen, hihi!) Ist das zu glauben. Kommt hier nach einer halben Ewigkeit wieder an und will mich aus meinem eigenen Haus werfen.« Ich fasse es nicht, hat Iris etwa versucht, der Alten eine Abfindung anzudrehen, damit die aus der Remise auszieht? Iris ist zumindest ganz stumm geworden und stochert mit dem Stecken im Wasser rum. Aua, jetzt wirft die Alte mir das Seil vor die Füße und streckt mir ihre Hand entgegen, damit ich ihr aussteigen helfe. Die hat Hände wie Schmirgelpapier. Und wie die mich von oben bis unten mustert. »Ich nehme an, du bist die kleine Mia.« Klein?! Ich nicke trotzdem. »Wasch dir die Hände. Wir essen in einer halben Stunde!«

Kurz darauf, in Marthas Küche

Die ist ja schlimmer als die Vorsteherin des bayerischen Hortes, in den mich meine Mutter als Kind abgeschoben hat!! Hat blöd auf meine Fingernägel geglotzt und gesagt, ich soll mir erst mal die Hände waschen. Okay, der Nagellack könnte mal wieder neu, aber das heißt ja wohl nicht, dass ich nicht fähig bin, hygienische Standards einzuhalten! Gut, hier scheint zwar alles tipptopp gewienert zu sein, aber das ist doch das reinste DDR-Museum! Würde jetzt echt lieber mit Torben irgendwo in einer Dorfkneipe sitzen als hier mit meiner verhassten Halbschwester in einer alten Oma-Küche. Wie zwei angezählte Boxer lauern wir in unseren Ecken, funkeln uns ab und an böse über die blank gewienerte Holzplatte hinweg an und – unglaublich, aber wahr – schälen Gemüse! Außer dem Ticken der Küchenuhr und dem mehr oder weniger gleichmäßigen Schaben der Schäler ist nichts zu hören. Ich habe auch NICHT vor, das zu ändern. Ich habe der nichts mehr zu sagen.

Ist das zu fassen, dass ich mich unter Marthas eisernem Blick gleich wieder wie das sechzehnjährige Ostmädchen fühle? Lasse mich in die Küche komplimentieren, als wäre ich ein ungezogener Backfisch und nicht eine gestandene Frau! Und das vor Mia. Jetzt sitze ich hier, in dieser Küche, die tatsächlich so aussieht, als hätte es den Mauerfall nie gegeben. Und schäle brav Gurken, die Martha vor mich auf den Tisch geknallt hat. Die Kleene hat aber auch ihr Fett weggekriegt. Wie hält die überhaupt den Schäler? Ist sie Linkshänderin oder hat sie seit Jahren keine Kartoffel mehr gesehen?

Außerdem: Von selbst kochen war vorhin nicht die Rede! Sind wir etwa ihre Küchensklaven? Oh je, da kommt der Drache wieder …

Was legt die denn jetzt wortlos so einen Zettel hin. Ist das in Sütterlin geschrieben? Wer soll das denn lesen??? Hey!

»Hey! Ich hatte das Papier zuerst in der Hand! Lass los!«

»Lass du doch los!« Martha schaut uns entgeistert an, ja, gut, das war vielleicht ein wenig kindisch. Aber: Ich habe gewonnen. Also, was steht da jetzt? … »Verpflichten sich die Erben …« Wie bitte? Das ist jawohl nicht ihr Ernst, wir sollen … Mensch, wer ruft denn jetzt schon wieder an! »Ja, bitte?« Ah, der Mietwagen, endlich. »Nein, den können Sie vor dem Fließ parken. Ja, Moment. Ja, ich kann Sie sehen …« Bitte, was ist DAS denn? Sind jetzt alle verrückt geworden?

Einige Minuten später, vor dem Haus mit Blick auf die andere Fließseite

Hihi. Ein goldener Twingo. Gut, ich würde da auch nicht unbedingt einsteigen wollen. Aber Iris hat echt einen an der Waffel. WIE die sich über das Fahrzeug aufregt. Brüllt über den Fluss das ganze Dorf zusammen. Die soll doch froh sein, dass ihr jemand hier ein Auto auf dem Silbertablett serviert. Will die nachher etwa noch mit mir zurückfahren …? Das kann die sich aber so was von abschminken. Das Gezeter muss man sich mal reinziehen.

»Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich in dieses knallfarbene Bonbon einsteige! Ich habe eine S-Klasse bestellt! Das ist auch in meiner Kundenakte vermerkt.«

»Das tut mir jetzt leid, aber …«

»Also, mit so etwas fahr ich nicht. Das können Sie wieder mitnehmen.«

»Wie Sie meinen …? Aber ich bin jetzt extra aus Cottbus hierhergefahren …«

»Ja, dann kommen Sie eben noch mal.«

»Vor morgen klappt das aber nicht.«

Torben, der gerade mit seinem Auto angekommen ist, schaut auch ganz ungläubig vom anderen Ufer. Und lacht, weil jetzt ein Schaf Iris attackiert. Tja, kaum hatte sich die Gans beruhigt …

Mann, das wird mir echt zu blöd. Wenn ich wieder zu Hause bin, wechsle ich die Mietwagenfirma. Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass die mir so eine Peinlichkeit anbieten wollen. Ich führe doch kein Manikürestudio! Hey, ich bin keine Sommerwiese! Kann dieses dämliche Schaf jetzt mal seine Zähne aus meinem Hosenbein nehmen? Ich mach mich doch hier zum Affen, der blöde Autolieferant grinst auch schon schadenfroh. »Ja, sehr komisch, so ein Schaf. Machen Sie lieber Ihre Arbeit ordentlich. Also, dann morgen. Um acht Uhr will ich das Auto vor meiner Tür haben!« Ahh, jetzt klingelt das Handy wieder. »Ja?«

Ist das hier ein Freiluft-Büro oder eine One-Woman-Comedy-Show? Jetzt stakst sie – wie auf einem Catwalk – auf ihren Pfennigabsätzen wichtig telefonierend am Flussufer entlang. Und das Schaf folgt ihr blökend!! Wie süß! Ein Ehepaar im Kanu, das gerade vorbeigeschippert kommt, kriegt auch noch sein Fett weg. Bei dem Spektakel hätte ich jetzt beinahe den Schrieb vergessen, den Mylady vor Schreck auf dem Tisch hat liegen lassen. Schnell zurück ins Haus …

Am Tisch in Marthas Küche

Was steht da?

»Das Erbe gilt unter der Bedingung, dass die beiden Erbinnen ein Jahr lang in dem Haus wohnen. Sollte sich nur eine von beiden dazu bereiterklären, fällt ihr das ganze Erbe zu. Lehnen beide diese Bedingung ab, geht das Haus an die Dorfgemeinde über.«

Das kann doch nicht … Wie soll denn … Oh, die Furie kehrt zurück.

»Iris, wir sollen beide hier wohnen.«

»Hab ich gelesen. Ich bleibe!«

»Gut, dann bleibe ich auch!«

Freitag, 25. Oktober

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20:00. Berlin. Mias WG

Ich hatte nicht gecheckt, dass Iris mit,Ich bleibe!’ nur eine Nacht gemeint hat. (»Liebes, ich meinte doch nicht für immer! Das kannst du dir vielleicht nicht vorstellen, aber es gibt Leute, die haben Verpflichtungen!«) Gnagnagna. Aber jetzt mach ich keinen Rückzieher mehr. Ich wollte ja anfangs auch nur ein Sommerfrische-Wochenendhaus. Aber als ich dann da so lag in diesem Oma-Daunenbett in diesem (meinem!!) riesigen Haus, das Zimmer halb erleuchtet vom Mondlicht … da dachte ich mir: Warum eigentlich nicht? Na ja, genau genommen war es so: Ich bin drei Stunden lang zwischen Bett und Fenstersims hin- und hergelaufen, weil nur am Fenster Empfang war und ich irgendwie gehofft habe, David würde sich melden, um mich wegen des Rausschmisses bei PINK zu trösten … Hat er natürlich nicht. Dafür hat Laura eine MMS von ihrer neuen Wohnung geschickt und Matti eine SMS mit der Info, die anderen Mieter rechneten durch die Sanierung mit einer Mieterhöhung um zweihundert Euro … Und DANN hab ich gedacht: Warum eigentlich nicht? Was ihr könnt, kann ich schon lange! Dann ziehe ich eben hierher! Wer hat das schon – ein eigenes Haus im brandenburgischen Venedig! In einem Anfall von Größenwahn habe ich direkt am nächsten Tag ganz cool Resturlaub eingereicht. Musste ab sofort nicht mehr in die Redaktion. Hat sich einen ganzen Tag lang super angefühlt, bis eine kleine unwichtige Frage anfing, sich mit schnipsenden Fingern ziemlich penetrant zu melden. Ich erst ganz arglos: Ja, bitte, kleine Frage? Und die so ganz heimtückisch: Ja, also, ich wollte mal wissen … Mia, wovon willst du da im Spreewald noch mal genau leben? Na ja, äh … vielleicht schreibe ich irgendwann meine Memoiren: ‚Mein Leben als Gurkenzüchterin’? Nee, wohl eher nicht. Aber vielleicht braucht Torben (ist der jetzt eigentlich verheiratet?) ja eine Gehilfin in seiner Tierarztpraxis …? Mia! Du lebst nicht in einer Vorabendserie! Außerdem kannst du nicht mal einen Kanarienvogel von einem Wellensittich unterscheiden. Aber, ach, irgendwas wird sich schon finden. Wer wagt, gewinnt. Sagt man doch so. Wobei: Meine bayrische Oma hält es mit einer anderen Redensart: »Wirf deine alten Schuhe nicht weg, ehe du neue hast.« Schluck. Ach, egal. Denn ich HABE ja neue Schuhe: Erstens hab ich ein Erbe, das sonst verfällt. Zweitens ist da noch mein Arbeitslosengeld. Drittens hab ich mich. Und ich bin nicht Iris, die sich nix Besseres vorstellen kann, als in ihrem spießigen Armanianzug-Leben in Frankfurt zu versauern. So. Und deshalb: Es gibt keinen Grund, mich am Berliner Asphalt festtackern zu lassen, bis ich zu Staub zerfalle. Morgen geht’s los!

Nachtrag: Außerdem kann ich jederzeit zurück nach Berlin, wenn ich keine Lust mehr auf Waldeinsamkeit, die komische Alte und ihre Kartoffelpuffer hab (aber die war’n echt der Hammer!). Ich hoffe nur inständig, dass mir dieser Froschmann nicht die ganze Zeit über den Weg läuft!

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Mia: Wer hilft noch beim Kistenschleppen? Samstag, den 26.10. Frankfurter und Bier als Belohnung.

Marlene: Für dich immer.

Pia: Du gehst? Buhu …

Lisa: Kann nicht, aber tausend Dank für die Wohnung. Ich zieh mit meiner besten Freundin ein. Wird voolll retro!!!

David: Komme. Kann aber nicht lang. Sry.

Laura (private Message): Rehlein, bist du dir wirklich sicher? Was ist denn mit deiner Halbschwester? Hast du jetzt das ganze Haus für dich??

20:00. Iris’ Villa in Frankfurt-Lerchesberg

Was Mia noch nicht weiß, ist, dass ich hier auf gepackten Koffern sitze. Das hat sie sich so gedacht, dass ich ihr so einfach das Feld überlasse. Typisch Westmädchen. Die macht am Ende so einen lächerlichen Laden mit regionalen Erzeugnissen und Räucherstäbchen aus dem Haus meiner Großmutter. Irgendwas, was sowieso zum Scheitern verurteilt ist. Aber ich habe andere Pläne. Natürlich ziehe ich jetzt nicht richtig in den Spreewald. Für irrationale Entscheidungen ist meine Halbschwester zuständig. Ich denke: Oma Hedwigs Knebelschrieb lässt sich sicher dehnbar auslegen. (Wenn er überhaupt juristisch haltbar ist. Da muss Dr. Röder ran, wenn er wieder gesund ist. Magendurchbruch, unschöne Sache.) Die Idee für das Haus ist mir noch in der einen Nacht gekommen, die ich da in der Pension verbracht habe. Vielleicht war’s der viele Sauerstoff vom Wald, aber plötzlich dachte ich: »Businesscoaching-Seminare im Spreewald«! Dann bin ich eingeschlafen. Zum ersten Mal seit langer Zeit ohne Tablette. Das gleichmäßige Plätschern des Fließ vorm Fenster hat gewirkt wie ein magisches Schlafliedchen. Kein Fluglärm! Aber vielleicht lag’s auch an dem einen Bier, das ich noch mit Torben getrunken hatte (an der schlechten Matratze sicherlich nicht). Jedenfalls habe ich jetzt diesen Plan. Michael bedenkt mich seitdem immer mit so einem eigenartigen Blick. Aber die Konkurrenzanalyse gibt mir Recht. Ich spreche von der geschäftlichen. Meinen Status im Vergleich mit Michaels Konkubine Alice möchte ich derzeit nicht analysieren. Ich denke da – wie stets – strategisch: Mach dich rar, und du bist der Star. Dass ich jetzt öfter mal im Spreewald sein werde, die ehelichen Zügel loslasse – das wird sich auszahlen. Wollen wir doch mal sehen, was sich aus dem Haus machen lässt!

OUTLOOKKALENDER

Businessplan Spreewald vorbereiten.

Schriftliches OK von Michael einholen.

Oma-Hedwig-Knebel-Schrieb durch Dr. Röder prüfen lassen, wenn wieder fit. Für alle Fälle.

Mia rausekeln. (Erledigt sich von alleine)

Diät-Produkte einkaufen. Kann mich auf keinen Fall von Kartoffelpuffern und anderen Kalorienbomben ernähren.

Neue Joggingschuhe. (Nie wieder Pummelchen!)

Das erste Rezept aus Marthas Küche

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Mia: Schmeckt einfach wunderbar! Frisch und würzig wie ein bunter Herbstwald!

Iris: Hat auch einen ähnlichen Brennwert wie ein Herbstwald, fürchte ich …

Kartoffelpuffer mit Pilzsoße und Gurkensalat (für drei Personen)

Kartoffelpuffer

600 g Kartoffeln

2 Zwiebeln

3 Eier

2 EL Haferflocken

Salz/Zucker

Leinöl zum Braten

Geschälte Kartoffeln und Zwiebeln mittelgrob reiben und Flüssigkeit ausdrücken. Eier verquirlen, mit allen anderen Zutaten vermischen. Mit Salz und Zucker vorsichtig abschmecken. Leinöl in der Pfanne erhitzen (Achtung, nicht zu heiß werden lassen, Öl darf nicht rauchen!), und Masse portionsweise darin goldgelb braten. Kartoffelpuffer auf Küchenkrepp abtropfen lassen und heiß servieren.

Pilzsoße

40 g Butter

3 Schalotten

500 g gemischte Pilze der Saison

¾ l Fleisch- oder Gemüsebrühe

1 EL weißer Balsamico-Essig

Salz und Pfeffer

1 Eigelb

120 g Sauerrahm

Zwiebel fein hacken und in der Butter anschwitzen. Geputzte, in Scheiben geschnittene Pilze dazugeben und anbraten. Mit Brühe und Essig aufgießen, 15 Minuten köcheln lassen, Eigelb hineinrühren und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Abschließend mit dem Sauerrahm verfeinern.

Gurkensalat

1 große Salatgurke

80 g Sauerrahm

1 EL Essig

Dill, Petersilie, Schnittlauch (fein gehackt)

1 EL Leinöl

Salz, Pfeffer, Zucker

Die Gurke in feine Scheiben hobeln. Sauerrahm mit Essig, Leinöl und Kräutern verquirlen. Mit Salz, Pfeffer und Zucker abschmecken. Alles miteinander vermischen.

Nora Lämmermann
Simone Höft

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Folge 02

 

»Wirklich Landei?«
Wie ein regenreicher November, zwei verliebte Schafe und eine Horde Handwerker die beiden Stadtpflanzen auf die Probe stellen

Montag, 28. Oktober

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Personalausweis Mia Mann
Gegenwärtige Adresse:
Berlin. Kastanienallee 40 (überklebt)
Feulenitz. Kaupen 10 (in Schönschrift notiert)

Donnerstag, 31. Oktober

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10:50. Haus der Schwestern. Erdgeschoss. Küche

Seit Montag bin ich ganz offiziell Bürgerin von Feulenitz. Würde mein Vater nicht glauben, dass ich, der Nichtsnutz unter seinen beiden Töchtern, mich in weniger als drei Tagen umgemeldet und den Nachsendeantrag bei der Post gestellt habe. Ich wollte aber auf keinen Fall Scherereien mit dem Arbeitsamt riskieren, nicht, dass die mir wegen einer verspäteten Wohnsitzummeldung noch das ALG kürzen. Denn ohne das Geld sähe es bald ziemlich düster aus bei mir. Außerdem: Ich meine es ernst mit dem Umzug. Meine Therapeutin, Frau BN, hat Recht: Es gibt einen Grund, warum ich mir diese Herausforderung gesucht habe. Soll die nervige, kleine Stimme in mir ruhig jeden Tag fragen: ›Welchen denn, Mia, welchen?‹ Manchmal erschließt sich der Sinn einer Entscheidung erst im Nachhinein. (Sagt Frau BN. Und ich bete einfach, dass sie Recht hat.) Und bis dahin stelle ich mich diesem Schritt mit ganzer Kraft. Die war auch gleich von Anfang an nötig: Sind am Samstagnachmittag zu viert hier aufgeschlagen und haben bis weit nach Einbruch der Dunkelheit Kisten mit dem Kahn über das Wasser geschippert. Mit dem Sofa wären wir um ein Haar untergegangen! Mein Ex-Mitbewohner Matti hat geschimpft, weil er das Sofa erst vor ein paar Wochen in Berlin in den vierten Stock tragen musste! (Ich hatte mich bei einer Wohnungsauflösung am Zionskirchplatz unsterblich in das gute Stück verliebt!) Pia, Marlene und ihr Freund sind dann Sonntagfrüh nach einem ausführlichen Frühstück (in meinem eigenen Garten!) abgefahren, Matti hat noch bis Sonntagabend mit mir Ikea-Regale aufgestellt, Lampen angebracht und die Waschmaschine in der Küche wieder angeschlossen. Schade, dass David nicht dabei war, die anderen waren ganz begeistert von meinem neuen Reich! Am Montag wollte ich dann schnell die Ummeldung in Lübbenau über die Bühne bringen. Da war ich aber schief gewickelt! Von hier nach Lübbenau zu kommen, ist total umständlich – zumindest mit den Öffentlichen. Hier gibt es genau eine Bushaltestelle, die zwei Mal (!!) am Tag angefahren wird. Dann fährt der Bus allerdings nicht direkt nach Lübbenau, sondern in die entgegengesetzte Richtung nach Burg! Dort musste ich dann in einen anderen Bus nach Vetschau umsteigen und in Vetschau den Zug nach Lübbenau nehmen. Totaler Umweg! Das nächste Mal fahre ich mit dem Rad, durch den Wald sind es gerade mal neun Kilometer von hier bis Lübbenau. Angeblich geht es mit dem Kahn am schnellsten, aber das gilt wohl nur für geübte Fahrer, mir reicht das Gestochere über unser Flüsschen. Nach der Odyssee habe ich mich erstmal mit einem Kaffee in der späten Oktobersonne belohnt, in einem netten Café direkt an der Spree! – Apropos Kaffee, den brauch ich jetzt wirklich, um in die Gänge zu kommen. Schlafe hier fast noch länger als in Berlin, weil es so still ist! Gab in den letzten Tagen aber auch wenig Gründe, sich frühzeitig aus dem Bett zu schälen, es hat seit Montagabend ohne Unterlass geregnet. Ich fand’s super gemütlich. So konnte ich in aller Ruhe Kisten auspacken, Bilder aufhängen und überall rumstöbern. Hab schon ein paar Schätze in Oma Hedwigs Inventar gefunden! Mein Ankleide- und Schlafzimmer liegt im ersten Stock – mit Blick nach hinten in den Garten. Noch etwas provisorisch eingerichtet mit Matratze auf dem Boden und meiner Ikea-Kleiderstange, die unter dem Gewicht meiner Klamotten ächzt. Aber mein 50er-Jahre-Spiegel passt hierhin wie die Faust aufs Auge! Ein Zimmer auf der vorderen Seite habe ich zu meiner Studierstube erkoren. Mit meinem Küchentisch als Arbeitsplatz und einer kleinen Leseecke. Die anderen Zimmer habe ich erstmal so gelassen wie sie sind, nur aus dem hinteren habe ich ein paar reizende Sessel in Altrosa über den Flur in meine Studierstube gezerrt. Die passen sehr gut zu der alten goldenen Tapete, meinem dänischen Designtisch und dem Sofa. Ob das mal Oma Hedwigs Schlafzimmer war? Scheint so, als hätte sie zumindest in den letzten Jahren nur noch im Erdgeschoss gewohnt. Im ersten Stock gibt es weder Heizung noch fließendes Wasser im Bad. Aber in einem der unteren Zimmer, in dem noch Oma Hedwigs altes Bett steht, ist ein Nachtspeicherofen. Und aus der Dusche in dem kleinen Bad unter der Treppe kommt Wasser – wenn auch nur kaltes! Ein Glück, dass in der Küche ein alter Kachelofen steht, der – als hätte er nur auf Gäste gewartet – mit Holz bestückt ist. Damit lässt es sich in der Küche wunderbar warm einheizen!

So, während der Kaffee kocht, könnte ich eine Eisdusche nehmen. Und dann sollte ich dringend mal einkaufen. Hab wohl alle Vorräte aus Berlin verputzt und das Brot hier … aua … nein, das ist hart wie Stein. Besser, ich fahr gleich los, solange die Regenpause anhält. Sollte eh mal das Haus verlassen, habe seit Tagen niemanden gesehen (Oma Hedwigs alter Freundin Martha geh ich lieber aus dem Weg, so streng wie die immer guckt). Da kriegt man doch einen leichten Lagerkoller.

11:00 Badezimmer. Erdgeschoss

Oder Wahnvorstellungen. Dachte gerade, ich höre eine Männerstimme. Würde mich nicht wundern, wenn hier Menschen vor Stille und Einsamkeit durchdrehen.

Bibber. Der Hand-Test sagt, das Wasser ist nach wie vor eisig. Also schnell das Minnie-Mouse-Shirt abgestreift und die Qual der Körperreinigung hinter sich gebracht …

»Hier rechts sind die Zimmer, mit denen fangen wir an …« Habe ich mir das jetzt auch eingebildet? Da draußen redet doch jemand … »Und hier ist das Bad … Oh, entschuldigen Sie!« Ahh!! Eindringlinge! Eins, zwei, drei, nein vier männliche Augenpaare glotzen auf meinen spärlich ausgestatteten Vorderbau! Schnell verschränke ich meine Arme vor der Brust und blaffe diejenige an, die hinter den Männern zum Vorschein kommt: meine Halbschwester Iris, die tut, als wäre ich der Eindringling, und sagt: »Was machst du denn hier?«

Was für eine blöde Frage. »Ich dusche.«

Na, das sehe ich. Ich meinte auch eher so grundsätzlich. Eigentlich bin ich nach unserem ersten Zusammenstoß davon ausgegangen, dass sich Prinzesschen zurück nach Berlin verkrümelt. Ihr patziges »Ich bleibe hier« war doch nur eine pubertäre Reaktion. Aber nein, sie sagt: »Ich wohne hier. Wie angekündigt. Und was willst du hier?«

Na, umbauen. Das hatte ich Mia doch auf ihrer Mailbox hinterlassen. Hat sie die wieder mal nicht abgehört? Ich sage also: »Ich baue um. Ich hatte dir erst eine E-Mail geschickt, aber nur eine seltsame Out-of-office-Reply bekommen, von wegen ›Ich bin nicht mehr für PINK tätig. Bitte wenden Sie sich bei Fragen an …‹«.

Scheiße. Was schreibt die denn an meine alte Arbeitsadresse! Die hatte ich doch extra durchgestrichen, als ich Iris meine Visitenkarte gegeben habe! Jetzt ist ja glasklar, dass ich nicht mehr für das Magazin arbeite und ihr die Karte nur gegeben habe, um aufzutrumpfen! Wie die drauf ist, hat sie diese Info (›Die kleine Mia hat keinen Johob!‹) sicher gleich unserem Vater gesteckt … Ich brauche ein wenig Zeit, um die in mir aufkeimende Panik zu verdrängen, und höre so nur noch, wie Iris sagt: »… habe ich beschlossen, aus dem Haus ein Seminarzentrum zu machen. Ich hätte dich mit 40 000 Euro ausbezahlt.«

Seminarzentrum? »Für Priester?«, frage ich etwas verdutzt. »Na, det wär ja mal was. Kuttenträger uff unseren Kähnen.« Der Männerverein grinst. Soweit ich das hier überblicke, sind die nicht Iris’ Harem, sondern ihre Handlanger in Sachen Luxussanierung.

»Ich werde hier Seminare für Führungskräfte aus der Industrie geben.« Muss ich der wirklich alles dreimal erklären? »Hier unten entstehen ein repräsentabler Speiseraum sowie ein heller Aufenthaltsraum …« Dass ich langfristig vorhabe, oben Schlafzimmer einzurichten, und dass ich das Dach ausbauen möchte, erwähne ich erstmal nicht. Würde Mademoiselle nur überfordern.

Wie? Ist die bescheuert? Will hier Anzugträger einfliegen lassen, ohne mich zu fragen? »Dazu brauchst du meine Einwilligung. Du hättest mich anrufen müssen.«

»Habe ich. Mehrmals. Wie gesagt. Mailbox.«

Mist, hier ist einfach kein Empfang. Jetzt hilft nur noch das Totschlagargument. »Ich bin dagegen. Und ohne mich kannst du gar nichts. Schließlich gehört das Haus auch mir.« Langsam wird das kalt hier so oben ohne. Einer der Handwerker hat das wohl auch gemerkt und reicht mir grinsend ein Handtuch. (Der scheint okay zu sein und ist ungefähr so alt wie ich.) So ein untersetzter Typ mit Schnurrbart und fisseligem Zopf im Nacken sagt mit einem Seitenblick auf mich: »Also, wenn sich das hier auswächst, könnwa auch verschieben. Die bisherigen Kosten müsstense aber trotzdem blechen und klar, det ick’n Ausfallhonorar berechne …«

Das wäre ja noch schöner. Ich bin doch vor fünf Tagen nicht umsonst von Frankfurt hierher und zurück gebrettert, um den Umbau schnellstmöglich in die Wege zu leiten! »Nein, Herr Schnurrer, machen Sie sich keine Sorgen, es bleibt bei Montag als Baubeginn.« Und zu Mia: »Wir werden uns schon einigen. Es ist ja genügend Platz. Und nach ein paar Wochen siehst du die Landromantik sicher mit anderen Augen. Und dann reden wir noch mal.« Frage mich wirklich, wie sie sich das hier vorstellt. So wie der vorhin die Gesichtszüge entgleist sind, hatte ich mit meiner Vermutung Recht und Prinzesschen hat keinen Job mehr. Da wird sie das Geld bestens gebrauchen können.

Ich will gerade zur Gegenattacke blasen, da sagt einer von denen (ziemlich jung, trägt, obwohl fast November ist, ein Muscleshirt mit nix drüber, will wohl seine kräftigen Oberarme zeigen): »Da brennt was auf dem Herd …«

»Mein Kaffee!!« Da stürmt Prinzesschen wie ein aufgescheuchtes Reh in den Flur und präsentiert der Welt ihren Knackarsch. Trägt die keine …? Doch, aber die winzige Unterhose ist im Begriff, von den Pobacken aufgefressen zu werden. Die Herren bemühen sich nicht einmal, ihr Starren zu verbergen.

Scheiße. Hoffentlich ist das Gummidings der Espressokanne noch heil. Hier in der Pampa krieg ich das nie ersetzt! – Au. Das Ding ist scheißeheiß. Mia. Beruhig dich. Ich sollte mir jetzt erstmal was anziehen. Und dann was zum Essen einkaufen. Ungefrühstückt, ohne Kaffee und halbbekleidet diskutiert es sich schlecht. Als hätte der Typ, der mir das Handtuch gereicht hat, meine Gedanken gelesen, hält er mir eine Bäckereitüte hin: »Brötchen zum Kaffee?« Ich greife zu, bedanke mich bei Ernesto (so stellt sich der nette Spender vor) und verschwinde fröstelnd in den ersten Stock.

12:20. In der Küche

So ein Brötchen ist besser als nix. Dankenswerterweise war der junge Mann so gnädig, mir auch eins anzubieten. Solange der Statiker auf sich warten lässt, hab ich auch Ruhe, es zu essen. Beruhigt meinen Magen, der im Begriff ist, sich in seiner eigenen Säure aufzulösen. Hat heute Morgen den Kürzeren gezogen, als ich entschieden habe, ihm im nüchternen Zustand Aspirin und Kaffee zuzumuten. Aber ohne meine beiden Freunde hätte mein hämmernder Kopf sich geweigert anzuspringen. Und ohne meinen Kopf schaffe ich dieses ganze Stressprogramm nicht. Frankfurt – Feulenitz – Frankfurt – Berlin – Köln – London – Feulenitz innerhalb von fünf Tagen. Habe es nicht mal hinbekommen, Fabienne in London zu treffen, dabei habe ich meine Tochter seit zwei Monaten nicht gesehen. Höre Mama schon wieder schimpfen: ›Du musst dich mehr um Fabienne kümmern, Iris. Jetzt habt ihr sie schon auf dieses Internat abgeschoben, ein Kind in dem Alter braucht doch seine Mutter …‹ Ich bin mir nicht so sicher, ob Fabienne das genauso sieht. Ihr ist eigentlich in jeder Hinsicht ihr Vater lieber als ich. Ob Michael sie mal angerufen hat? Ob er ihr von Alice erzählt hat? Nein, das bringt er dann doch nicht. Oder? Wie auch immer, wenn ich morgen in London bin, treffe ich Fabienne. Ürgs, was klebt denn hier? Ist hoffentlich nur Marmelade! Puh, in dieser Küche herrscht hygienischer Ausnahmezustand. Da kann eine vierköpfige Männer-WG nicht mithalten. Überall stapelt sich Geschirr. Mia weiß anscheinend nicht, dass das Wort ›Spüle‹ von spülen kommt. Oh, es fängt an zu tröpfeln. Sind die Autofenster zu?

12:35. Mit Retro-Klapprad auf der Landstraße im Nirgendwo

Gut. Es regnet. Na, ich bin ja nicht aus Zucker. Wenn hier nur endlich mal ein Wegweiser wäre. Weit und breit nichts als Wasser und Bäume. Ich hoffe, ich fahre in die richtige Richtung. Lange pack ich das nicht mit dem Klapprad. Was muss dieser blöde Tante-Emma-Laden im Dorf auch zu haben! Und was muss diese blöde Kuh von Iris hier auftauchen! Wie viel hatte die gesagt, wollte sie mir zahlen? 40 000? Ich sollte bei unserem letzten Zusammentreffen noch 140 000 hinblättern, um sie auszuzahlen. Die will mich doch über den Tisch ziehen! – Ihh, ist das nass.

12:50. Im Haus der Schwestern. Küche

Mittlerweile schüttet es wie aus Kübeln, und Martha treibt in Regenschutz-Vollmontur die Schafe in den Stall. Mit Anfeuerungsrufen auf Sorbisch. Auf ihre Wurzeln hat sie ja immer Wert gelegt, die Martha. Das gibt man auch im Alter nicht auf. Aber ob das mit den Viechern noch sein muss, sollte sie sich allmählich mal überlegen. Zumal sich der Stall in einen schönen hellen Seminarraum plus Arbeitszimmer verwandeln ließe. Na, erstmal hat der Bautrupp hier ja genug zu tun. Der, den alle Andi nennen, guckt immer so komisch. Ist das etwa der Andi, der die Kruse im Unterricht früher immer zur Weißglut gebracht hat? – Ah, so wie Herr Schnurrer jetzt durch den Regen läuft, ist der Typ, der gerade mit dem Kahn ankommt, der Statiker. Endlich. Ebenfalls in wetterfester Kleidung. Die Spreewälder kennen ihr Wetter.

13:30. Supermarkt in Burg. Vor dem Dosenregal

Was glotzen die denn hier alle so? Haben die noch nie einen nassen Menschen gesehen? Gut, bei jedem meiner Schritte erzeugen erst meine mit Wasser vollgesogenen Socken ein schmatzendes Geräusch in den Schuhen, und dann quietschen die Sohlen schrill auf dem Fliesenboden, und wahrscheinlich hängen mir auch die Haare wie Spaghetti vom Kopf. Aber sonst? Muss mich diese Teenagergruppe da drüben am Kühlregal deswegen unentwegt anstarren? So sieht man eben aus, wenn man sechs Kilometer durch strömenden Regen geradelt ist. Jetzt hebt der eine sein T-Shirt hoch und zeigt seine Hühnerbrust. »Kannst dich auch gerne bei mir zu Hause umziehen!« Gegacker. Ach so. Sehr witzig. Das ist ja klar, dass die hier prüde sind. Als ich angekommen bin, habe ich mir, versteckt hinter dem Einkaufswagenhäuschen am Eingang, mein klitschnasses T-Shirt vom Leib gezerrt und gegen meinen trockenen Pulli getauscht. Den hatte ich klugerweise beim ersten Schauer ausgezogen und in den wasserdichten Rucksack gepackt. Dachte eigentlich, mich hat niemand gesehen. Egal. Aus Berlin bin ich weit Schlimmeres gewöhnt als diese pubertierenden Dorfjugendlichen (und Burg ist definitiv ein Dorf, wenn auch das größte in der Gegend). Also mal sehen, was ich brauche. Am besten wäre, ich nehme gleich eine ganze Palette Dosentomaten. Wer weiß, wann ich wieder hierherkomme. Stellt sich allerdings die Frage, wie ich die auf dem Fahrrad transportieren soll. Ob ich ein Taxi nehme? »Sie wissen schon, dass Sie hier alles nass machen?« Welches Landei regt sich denn jetzt wieder auf? Ich drehe mich um und will schon zurückblöken, da grinst mich Torben an. »Hallo.«

»Hallo!« Hat der gerade auf meinen Busen geguckt?

»Mal wieder den fahrbaren Untersatz zu Schrott gefahren? Oder mit dem Cabrio unterwegs?«

Ich lache. »So ähnlich. Lässt sich zumindest falten.«

14:00. In Torbens Landrover

Torben fährt mich heim, und er hat extra die Heizung für mich voll aufgedreht. Umhüllt von der kuscheligen Wärme hier drinnen, wirkt der Regen draußen geradezu gemütlich. Mein Klapprad ist im Kofferraum verstaut, meine Einkäufe auch. Torben hat mich aufgezogen, ob ich einen plötzlichen Kriegsausbruch oder sonstige Versorgungsengpässe befürchte. Wegen der Menge an Vorräten und weil ich fast nur Haltbares gekauft habe. – Schade, wir sind schon da.

»Hast du Besuch?«

»Ich? Wieso?«

»Na, wegen der Autos.«

»Nee, das ist Iris. Mit irgendwelchen Handwerkern.«

»Ah, stimmt, der Ausbau. Geht das heute schon los?« Woher weiß er denn davon? Stehen er und Iris in regem Kontakt? Torben steigt aus und hebt mein Fahrrad und die Einkaufstüten aus dem Kofferraum.

»Schaffst du’s alleine mit dem Kahn?«, ruft er von hinten. Logisch. Was denkt der denn?

14:15. Im Haus der Schwestern. Küche

»Hallo Torben!« Ich freue mich genau fünf Sekunden lang, als meine alte Jugendliebe in der Küche erscheint. Eine gut aussehende Überraschung mitten in der Baubesprechung. Dann erscheint meine Halbschwester in Gestalt einer nassen Katze hinter ihm im Türrahmen. Der, der Andi heißt, scannt die zwei Einkaufstüten, die Torben jetzt abstellt, und zieht die falschen Schlüsse. »Sieh an, der Meister bringt Verpflegung!« Torben grinst und zwinkert Andi zu. Der Kollege Lutz, Mitte fünfzig und mit lustigen Schweinsaugen, beäugt Mia und sagt: »Mensch, Andi, det is nich für dich, det is doch für die Dame!« Bingo. Torben hatte mal wieder die zweifelhafte Ehre, zum »Ritter zur Rettung Mias« auserwählt worden zu sein. Jetzt starren alle meine Halbschwester an. Zum zweiten Mal heute. Kein Wunder. Hatte die vorhin nicht einen BH oder so was an? Durch diesen Pulli sieht man ihre Brustwarzen aus fünf Metern Entfernung!! Ich räuspere mich. »Lieferservice?«, grinse ich Torben an.

»Mia hat gerade beinahe ’ne Fährmannsrolle gemacht …« Torben grinst zurück. »Tückische Untiefe.«

Also, das ist total übertrieben! Ich habe mich und das Boot ein wenig ins Schwanken gebracht, aber das lag nur daran, dass unverhofft eine Stelle so tief war, dass mir beinahe der Stecken weggerutscht wäre und ich schnell nachfassen musste. Ich hätte es gut auch ohne Torben geschafft! Wieso schaut er denn so seltsam?

»Du hattest also doch Besuch!« Wie kommt der denn darauf?

»Na, wegen des Geschirrs …«

Ach so. Nee, das dreckige Geschirr ist von mir … Ich hatte halt nur keine Zeit … Was grinst denn Iris jetzt so blöd?! Ich wette, die hat seit Jahren kein Spültuch mehr angefasst!

»Hab schon gehört, ihr baut um«, wendet sich Torben wieder mir zu. »Wann geht’s denn los?« Bevor ich antworten kann, krakeelt Andi schon los. »Na, wie jesacht, Montag, Meister! Det jibt Staub wie in zehn Jahren im Krematorium, kannste glooben. Erst die Wände und denn fachjerechte Wärmedämmung, Einbau ’ner ordentlichen Heizungsanlage, Elektrik muss neu und sanitäre Anlagen ooch, un’ allet vom Feinsten, nech? Det wird sportlich bis Ende des Jahres!«

Ende des Jahres? Heißt das etwa, die wollen hier zwei Monate …??

»Hoffentlich klappt die Rummelbude nich schon vorher zusammen. Mit uns drunter …«, brummt der Älteste der Truppe, Rainer. Torben sieht sich um. »Ist wirklich nötig, dass renoviert wird. Wenn der erste Frost kommt, wird’s nicht nur kalt. Da kann’s auch mit den alten Leitungen schwierig werden.«

Na toll. Iris sieht mich mit so einem Siehste-Blick an.

»Aber billig ist das nicht …«, setzt Torben noch eins drauf.

Ist Torben eigentlich nur mit reingekommen, um mir in den Rücken zu fallen? Iris guckt schon wieder so triumphierend. Soll ich jetzt etwa noch dankbar sein? Andererseits: Seit ich aus Torbens Auto gestiegen bin, friere ich wie ein Schneider und gäbe einiges für eine heiße Dusche. Trotzdem, ich sollte zeigen, wer hier das Sagen hat (oder zumindest bis heute früh noch hatte): »Jetzt, wo ich dank dir so viele Vorräte habe«, sage ich zu Torben, »vielleicht möchtest du zum Essen bleiben. Oder wird diese Besprechung hier tagesfüllend?«

»Nee, keene Sorge. Wir machen gleich wech hier. Mensch, Torben, det war ne Einladung zum romantischen Dinner«, ruft Lutz grinsend von hinten. »Von sonner schönen Dame!« Iris guckt säuerlich, und mich überfällt für einen Moment Panik: Was habe ich außer Spaghetti mit Tomatensoße noch im Repertoire? Irgendwie bin ich deshalb auch fast ein wenig erleichtert, als Torben sagt: »Ich muss leider gleich weiter. Verdacht auf Moderhinke auf dem alten Gubatz-Hof.« Moderhinke? Was soll das denn sein?

»Tja, noch nie ’n Schaf gesehen, aber gleich einen auf Landwirt machen, wa? Aber die aus Berlin wissen ja immer allet besser. Und Kohle hamse, um hier allet schick zu machen.« Dieser Andi erntet einen bösen Blick von Iris. Die fühlt sich eindeutig angesprochen.

»Aber wir könnten später im Schlangenkönig was essen, da ist heute Halloween-Party«, nimmt Torben den Faden wieder auf. Wer sagt’s denn! Torben bittet mich um ein Date! »Gern«, sage ich, und Iris’ Gesicht schrumpelt.

»Iris, was meinst du? Eine Welcome-Back-Party? Bist du am Abend noch da?«

Wie? Soll die etwa auch mit? Und was heißt hier »welcome back«?

Haha. Die Prinzessin fällt aus ihren rosaroten Wolken. Hat  wohl gedacht, das wäre ein Date. Welcome back ist zwar ein wenig übertrieben, aber ich bleibe ja tatsächlich über Nacht. Und etwas Warmes essen sollte ich heute auch noch. Außerdem kann ich die Kleene unmöglich alleine auf Torben loslassen. »Gut, warum nicht«, höre ich mich sagen.

»Schön, dann bis später.« Torben küsst erst Mia und dann mich auf die Wange. Warum macht mein Herz denn da einen blöden Hüpfer? Meine Halbschwester sorgt dafür, dass ich schnell wieder in der Realität lande: »Weißt du auch schon, dass Iris hier so ein Dingsbums für ihre Manager aufmachen will?«, fragt sie, und: »Findest du, das passt hierher?«, setzt Mademoiselle noch einen drauf. »Sie meint ein Seminarzentrum«, sage ich, bevor Torben nachfragen kann. »Für Managercoaching-Seminare.«

Torben runzelt die Stirn. »Findest du, das passt hierher?«, fragt er. Strike!

19:20. Wellnesshotel Spreewald in Burg. Iris’ Zimmer

Natürlich finde ich, das passt hierher. Ausgezeichnet sogar. Ist vielleicht ein bisschen ab vom Schuss. Das sagt zumindest Michael. Aber ich denke, das ist ja gerade das Gute. Die Ruhe. Keinerlei Ablenkung. Die große Therme in der Nähe. Das passt alles wunderbar! Aber natürlich, wenn man nach 28 Jahren zurückkommt, hat man gefälligst keine Pläne im Gepäck zu haben. Weggegangen, Platz vergangen. Jetzt soll ich wohl erstmal kleine Brötchen backen. Na ja, kann mir eigentlich auch egal sein, was Torben davon hält. Soll ich mich noch umziehen? Aber ich habe nichts außer dem blauen Anzug von Hugo Boss dabei. Und den brauche ich morgen für den Termin. Ach, ich geh ja eh nur kurz in diese Kaschemme. Schließlich will ich morgen in aller Herrgottsfrühe nach London. GZU Group und nachmittags mein Töchterlein treffen. Würde ja lieber hier essen, in einem ordentlichen Restaurant. (Darf nicht vergessen, mit denen einen Deal zu machen wegen der Unterbringung meiner Klienten.) Ob ich noch Lippenstift …? Papperlapapp. Prinzesschen hübscht sich sicher für zwei auf.

20:00. Pension »Schlangenkönig«. Gaststätte

Torben ist schon da. Er sitzt am Fenster an einem der schweren Holztische. Sein weißes Hemd trotzt der geschmacklosen Halloween-Dekoration, die sich über die rustikale Einrichtung der Gaststätte ergossen hat. Schon als Teenager hatte ich die Vermutung, dass Torben ein Kuckuckskind sein muss, mit seinen vornehmen Gesichtszügen passt er einfach nicht in diese Bauerndumpfheit. In der Kneipe hat sich in den knapp dreißig Jahren meiner Abwesenheit nicht viel verändert. Noch immer die gleiche abgeschabte Einrichtung. Nur über der Theke, wo früher Honecker auf die Trinkenden herablächelte, grinst jetzt ein Gerippe. Wohl für die Halloweenparty. Ich muss unbedingt den Abgang machen, bevor diese Albernheit beginnt! Auf den ersten Blick zähle ich gut dreißig Kürbisse, die mit den Pfeffer-Salz-Essig-Öl-Zahnstocher-Arrangements auf den Tischen um die Aufmerksamkeit der Gäste buhlen. Ich muss Michael Recht geben: Die Sterne eines Restaurants stehen im umgekehrten Verhältnis zu der Anzahl der Gegenstände auf den Tischen. Das hieße in diesem Fall … lieber nicht darüber nachdenken. Gut, dass ich für meine Klienten mit dem Restaurant im Wellness-Hotel eine Alternative habe. Hier ist auch wirklich nichts los. Bis auf den Stammtisch, an dem ein Henker (ist das etwa Andi?) und drei andere Gruselgestalten Karten spielen, sind gerade mal zwei Tische besetzt. Jetzt hat Torben mich gesehen. Und winkt. Na dann. Auf in den vergnüglichen Abend. Mit Schwester und Jugendliebe.

»Hallo Iris.« – »Hallo Torben.« Er küsst mich wieder auf die Wange, einmal links, einmal rechts. Und rückt mir den Stuhl zurecht! Trotz der wenig stilvollen Umgebung fühle ich mich hofiert. Wann hatte ich dieses Gefühl zuletzt? Iris, hör auf, du klingst wie eine verschrumpelte Gouvernante! Ich bin Mitte vierzig und muss mich durchaus NICHT wundern, wenn ein Mann mir den Hof macht! Trotzdem irritiert es mich, mit welcher Ruhe Torben mich ansieht. Er scheint voll und ganz hier zu sein. Für einen Moment sitzen wir uns einfach nur gegenüber und schauen uns in die Augen. Ich senke den Blick als Erste – was ist nur mit mir los? Blickkontakt halten gehört doch zum kleinen Einmaleins, das ich meinen Klienten beibringe, wenn es darum geht, in einer Situation die Führung zu behalten!

»Privat oder geschäftlich?«, holt mich Torben aus meinen Gedanken zurück. Wie? Unser Treffen? Erst als Torben auf meinen Blackberry deutet, den ich auf die Plastiktischdecke gelegt habe, verstehe ich, was er meint. Meine Dauererreichbarkeit. Ich lächle sauer. »Das kommt bei mir aufs Gleiche raus. Mein Mann und ich führen die Firma gemeinsam.«

»Funktioniert das gut? Sich den ganzen Tag im Büro zu sehen und dann noch zu Hause … (er lacht) … im Bett?« Oh Gott. Muss der denn so direkt …? Ich könnte antworten: Bei Alice und meinem Mann scheint das zumindest kein Problem zu sein! Aber ich werde Torben sicher nicht mit der Affäre meines Gatten behelligen.

»Darf’s schon was zu trinken sein?« Ein Glück, die Bedienung. »Torben, ein Pils wie immer?«

»Ja, danke, Marlies.« – Marlies?

»Und für Sie?«

»Ähh …« Ist das etwa DIE Marlies? Die ehemals beste Freundin meiner Mutter? Ich riskiere einen Blick. Ja, das ist sie! Wieso wundert es mich, dass sie noch hier wohnt? Und wieso habe ich das deutliche Gefühl, dass dieses Wiedersehen alles andere als freudig wird? »Ein Wasser. Still. Danke«, versuche ich erst einmal die Normalität zu wahren. Vielleicht erkennt sie mich ja gar nicht. Als Torben mich schmunzelnd ansieht, füge ich etwas pampig hinzu: »Ich muss noch fahren.« Das war keine gute Idee, denn Torben fragt überrascht: »Wohnst du denn gar nicht hier in der Pension?«

Und mit »Nein, ich wohne in Burg, im Wellness-Hotel Spreewald« bringe ich die Lawine ins Rollen.

»Dann habt ihr euch also noch gar nicht …?«, Torbens Zeigefinger wedelt zwischen Marlies und mir hin und her. Jetzt schaut Marlies mich genauer an. Eine Ahnung huscht über ihr Gesicht.

»Iris?«

»Hallo Marlies.«

»Du siehst … anders aus.«

»Ich bin fast dreißig Jahre älter.« Und wiege zehn Kilo weniger. Mein Lachen fällt etwas künstlich aus.

»Ich meine eher … so schick. Na ja, es hieß ja, du wärest jetzt eine erfolgreiche Geschäftsfrau.«

»Und du? Dir gehört jetzt der Schlangenkönig? Glückwunsch.«

»Hilft wenig, wenn die Gäste alle schick im Wellnesstempel wohnen.« Die Spitze sitzt. Zum zweiten Mal heute verliere ich im Blickkontakthalten.

»Ich hoffe, du findest bei uns etwas nach deinem Geschmack.«

Damit knallt Marlies die Speisekarte vor mir auf den Tisch und geht die Getränke holen. Mit verschwitzten Händen lassen sich die klebrigen Seiten der Karte noch schlechter öffnen. Rinderbrust mit Meerrettichsauce, Grützwurst mit Sauerkraut, Schweinefleisch-Gurken-Pfanne, Blutwurst gebraten, Kesselgulasch, Hackfleisch-Buletten, Schnitzel, Steak mit Pommes. Gibt es hier nur Fleisch? Alles weit über meinem Kalorienlimit.

»Tut mir leid. Ich dachte, ihr hättet euch schon gesehen …«, versucht Torben das Gespräch wieder aufzunehmen. Kneedel, Leinöl und Sahnequark, Karpfen, Hecht, Zander aus der eigenen Fischerei mit Kartoffeln und Gemüse. In Fett gebraten oder gedünstet mit Spreewaldsoße, da ist Sahne drin, also auch fettig. »Hat ja niemand so richtig verstanden, warum sich deine Mutter, nachdem ihr rübergemacht hattet, nie mehr gemeldet hat. Marlies und deine Mutter, das waren doch beste Freundinnen.« Ich glaube, ich nehme einfach eine Vorspeise. »Iris?« Ich blicke hoch. Wieder sehen mich diese smaragdgrünen Augen so verständnisvoll an. Das muss ein Hypnosetrick sein, denn plötzlich sprudelt es einfach aus mir heraus.

»Ich glaube, meine Mutter hat sich geschämt, dass sie trotz Marlies’ Warnung an Bernd festgehalten und die große Liebe beschworen hat. Als wir im Westen ankamen, hatte mein Vater längst eine andere. Na ja, wer naiv ist, glaubt eben auch mit vierzig noch an die wahre Liebe.« Upps, habe ich jetzt von mir selbst gesprochen? Torben schaut mich auch so komisch an. Ich nehme einen großen Schluck Wasser. Mit Kohlensäure, na toll. Schon kriege ich Schluckauf. Wo bleibt denn eigentlich das Produkt dieses späten Ehebruchs?

20:20

Auftritt Engelchen. Alle Köpfe drehen sich nach ihr um. Am Stammtisch wird getuschelt. Ts, kein Wunder, sie trägt eine Art, äh, ja, was ist das? Ein Dschungeltarnanzug? Dieser Einteiler mit Leopardenmuster könnte ja direkt aus den Achtzigern kommen! Ist das Seide? Na, wohl eher Polyester. Und ohne Träger, wenn das mal gut geht mit Mias Hühnerbrust. Mehr als 75 A ist das nicht. Sie winkt Torben mit einer Euphorie, als wäre sie der Star eines 50er-Jahre-Films!

Iris schaut schon wieder so zitronig. In ihrem Alter sollte man aufpassen, welche Gesichtsfalten man ausbildet. Torben sieht dafür umso besser aus. Mit weißem Hemd. Und, mhhh, einem männlichen Aftershave, riecht besser als der Kuhstall-Duft von heute Nachmittag. »Hallo Mia. Du siehst gut aus.« Danke. Hat sich die letzte Stunde Kleiderentscheidungskampf also gelohnt, denke ich erleichtert. Und sage: »Tut mir leid, dass ich so spät bin.«

›Tut mir leid, dass ich so spät bin.‹ Plinker, plinker. Musste erst fünf verschiedene Outfits ausprobieren, plinker, plinker. Ich sollte doch auf Alkohol umschwenken, sonst überlebe ich diesen Abend mit der Doppelpackung ›Mia – Marlies‹ nicht. Und wieso bekommt sie eigentlich ein Kompliment? Ich wette, der gesamte Inhalt ihres Kleiderschranks kostet nicht halb so viel wie mein heutiger Anzug. Sie schiebt sich an Torben vorbei auf die Bank.

»Ist dasne Weinschorle?« – »Nein, Mineralwasser.« Mia verzieht das Gesicht. »Bist du krank?«

»Ich muss noch fahren.« Was ist so unüblich daran, an einem Donnerstagabend keinen Alkohol zu trinken?

»Wollt ihr jetzt bestellen?« Marlies guckt, als hoffe sie, wir würden einfach aufstehen und gehen. Dem Glückskind Mia fällt das natürlich nicht auf. Sie trällert fröhlich: »Ach, hallo … Welche Rotweine habt ihr denn?« Gibt meine kleine Halbschwester jetzt etwa den Connaisseur? Da ist sie bei Marlies aber an der falschen Adresse. Würde sich Mia mit Wein auskennen, wüsste sie allein durch das Interieur dieser Lokalität, dass es hier bei Wein nur um den Alkoholgehalt gehen kann. Wie kann Marlies nur von dieser Absteige leben?

»Wir haben Spätburgunder und Merlot.« Ja, Mialein, brauchst nicht so erwartungsvoll zu gucken, da kommt nichts mehr, das ist die Auswahl. Jetzt hat sie’s kapiert und sagt: »Und als Flaschenwein?«

Marlies seufzt genervt: »Spätburgunder und Merlot.«

Prinzessin lässt sich nicht beirren. »Wollen wir eine Flasche zusammen nehmen?« Das Partygirl möchte wohl vorglühen. So nannte Fabienne den Zustand, wenn sie sich zu Hause mit ihren Freundinnen mit Alcopops betrunken hat.

»Ich passe«, antworte ich lakonisch.

»Ich auch. Bin mehr so der Biertyp«, grinst Torben.

»Gut, dann nehme ich ein Glas von … dem Merlot.« Dem Null-acht-fünfzehn-Wein. Gute Wahl.

»Und zum Essen?« Torben lässt mir den Vortritt, während sich Prinzessin in die Speisekarte vertieft.

»Ich hätte gerne einen kleinen Salat, aber bitte ohne Dressing. Ich mache ihn selbst an. Habt ihr Öl und Essig?« Marlies deutet wortlos auf das Tischpotpourri. Ach ja, stimmt. »Und die Tomatensuppe, ist die mit Sahne? Ja? Nein, dann nehme ich die Fischsuppe, die ist doch klar? Gut, danke. Und, ach: Bitte kein Weißbrot. Habt ihr Dinkelbrot? Nein? Dann kein Brot für mich, bitte.«

Sind wir hier bei Harry und Sally? Täuscht sie jetzt auch gleich einen Orgasmus vor? Ich würde jede Wette eingehen, Iris’ letzter Sex liegt gut ein paar Monate zurück. Vom Höhepunkt ganz zu schweigen. Die Bedienung verdreht auch die Augen. »Ich nehme ein Steak, mit Bratkartoffeln. Und bitte viel Kräuterbutter.« So. Soll Iris ruhig ihre Senioren-Schonkost zu sich nehmen. Torben atmet aus und bestellt Rinderbrust mit Meerrettichsoße. Der Arme. Bereut sicher schon, seinen Abend mit uns zu verbringen. Iris tippt schon wieder auf ihrem Blackberry rum. Das ist doch zwanghaft! Torben wendet sich zu mir. »Was arbeitest du denn so, Mia?« Shit. Das musste ja kommen.

»Bildredakteurin. Was auch immer man sich darunter vorstellen soll«, kommt mir eine Stimme aus dem Hintergrund zuvor. Ich erschrecke, denn hinter mir steht der Tod! Ach nein, das ist der Froschmann, Maik Nowak, mein Unfallgegner. Er trägt ein bescheuertes Halloweenkostüm! Obwohl, sieht eigentlich ganz süß aus. »Und für den Fall, dass es damit nicht klappt, scheint die Dame an einer Stripteasekarriere zu arbeiten, wie man hört. In- und Outdoor«, setzt Maik noch eins drauf, worauf ich mein Urteil sofort wieder revidieren möchte. Vom Stammtisch aus prosten mir Robin, der Jungspund unter den Handwerkern, jetzt mit Zombie-T-Shirt statt des Muscleshirts, und ein Skelett zu, das ich beim näheren Hinsehen als einen der Teenager aus dem Supermarkt identifiziere. »Muss hart sein, wenn im eigenen Leben so wenig passiert«, versuche ich Maiks Attacke trotz meiner rot glühenden Ohren zu parieren. Torben erlöst mich und fragt ernsthaft interessiert nach den Aufgabengebieten eines Bildredakteurs. Unter dem argwöhnischen Schweigen meiner reizenden Halbschwester erläutere ich die Hauptaufgaben in meinem ehemaligen Job, wobei ich das Archiv geflissentlich unter den Tisch fallen lasse und so tue, als gäbe es keinen spannenderen Beruf auf der Welt. PINK sagt hier allerdings niemandem was.

»Und das geht von hier aus?«, fragt Torben beeindruckt nach.

Nun ja, wenn man den Job noch hätte … Das scheint sich auch Iris zu denken, so wie die schaut. Deswegen antworte ich schnell: »Ich mach das inzwischen freiberuflich.« Und zu Iris: »Deswegen die Out-of-Office-Reply. Aber morgen muss ich nach Berlin.« Uff. Scheint, als hätte Iris das geschluckt. Und das mit Berlin ist nicht einmal gelogen. Wenn die Herren denken, ich gehe morgen in die Redaktion, ist das ihre eigene Interpretation. Ich muss ja nicht ausdrücklich erwähnen, dass morgen nur der Umzug von Matti stattfindet. Trotzdem könnten wir jetzt langsam mal das Thema wechseln.

»Maik, bei deinem Blatt würd ick zwar ooch nich kommen, aber wir wären denn mal so weit.« Gott sei Dank. Der Stammtisch der Gruselvereinigung rettet mich.

»Bleibt ihr nachher noch?«, fragt der Tod, nachdem er mit einer lässigen Handbewegung die Skatrunde besänftigt hat. »Um zehn beginnt hier die Party. – Vampirzähne gefällig?«

Torben und ich lehnen dankend ab. Aber klar, wer noch mit einem Teddy im Bett schläft (ich war heute kurz in Mias Zimmer), …

»Ich nehm welche.«

freut sich auch über Plastikzähne.

21:50. Der DJ alias Glöckner von Notre Dame baut sein Pult auf

»Schnaps?«, frage ich in die Runde. Nach diesem zähen Gespräch und der ordentlichen Portion Fleisch könnte ich einen Grappa vertragen. Torben hat Iris und mir aufgeschwatzt, dass wir morgen zusammen nach Berlin fahren, da Iris von dort den Flieger nach London nimmt. Eine echte Macherin. Immer unterwegs in der Weltgeschichte.

»Definitiv.« Torben gibt der Bedienung ein Zeichen.

»Für mich nicht. Danke. – Ich zahle, bitte!«

War ja klar, wenn der Spaß losgeht, macht sich Iris vom Acker. Was schluckt die denn da immer für Pillen? Das ist mir bei unserem Essen mit Martha letztens schon aufgefallen.

Der Salat war natürlich doch mit French Dressing. Jetzt rebelliert mein Magen. Außerdem die Blicke von Marlies den ganzen Abend. Kein Wunder, wenn mir das sauer aufstößt.

»Drei Kurze, bitte!«, ruft Torben der Bedienung zu.

»Ich möchte nicht …«, wehrt die Spaßbremse ab.

»Warst doch früher nicht so zimperlich!« Uhh, die Bedienung hat Iris aber gefressen. War meine Halbschwester etwa früher eine Partyqueen? Kaum zu glauben. »Zahlst du für deine Tochter?«

»Fabienne? … Äh …« Meint Marlies etwa … Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder?

Tochter! Wie bitte? Sehe ich etwa aus wie sechzehn, oder was?

»Wir sind Schwestern. Halbschwestern. Mia Mann. Ich wohne jetzt Kaupen zehn.«

Anstatt Mias Hand anzunehmen, sagt Marlies: »Ach, du bist die Irre, die das Auto meines Sohnes zu Schrott gefahren hat.« Und an mich gewandt: »Ich dachte, ihr wolltet verkaufen.«

»Nein, ich habe mich entschlossen, ein Seminarzentrum aufzumachen«, erwidere ich stoisch.

»Für Lehrer?«

»Nein, Manager.«

»Aha. Dann bist du der große Bauauftrag.« Na, hier scheinen ja alle bereits Bescheid zu wissen.

Hier wissen offenbar echt alle außer mir Bescheid. Marlies sagt säuerlich: »Na, falls ihr Catering braucht …«

»Klar.« Iris ist eine schlechte Heuchlerin. Das hieß eindeutig: Nie im Leben. Deinen Fraß kann ich meinen Managern nicht anbieten. Hat die Bedienung auch kapiert. »Zehn Euro zwanzig«, sagt sie dementsprechend kühl.

»Kann ich mit Visa zahlen? Die Bedienung schüttelt den Kopf, und Iris wühlt lange in ihrem Geldbeutel.

Mist, hab ich jetzt nur … ich will Marlies nicht noch weiter reizen. Nein, ich hab’s nicht kleiner. »Hab’s leider nicht kleiner. Mach fünfzehn.«

Will die mit einem Hunderter bezahlen und wirft mit Trinkgeld um sich! Zweites Fettnäpfchen in zwanzig Sekunden. Während die Bedienung zum Wechseln an die Theke geht, erhebt Torben sein Schnapsglas und rettet die Situation:

»Auf euch. Auf Mias Neuanfang in und Iris Rückkehr nach – Feulenitz.«

Ist ja gut. Dann trinke ich das eben. Uhh, brennt das. Oh Gott! Jetzt geht die Musik los. Ich muss weg. Schleunigst.

00:00. Wellness-Hotel in Burg

Abbildung SMS von IRIS an Tochter FABIENNE

Fabienne, bin morgen um 15 Uhr in diesem Café in der Nähe deiner Schule. Freu mich auf dich, Mama.

Von: Iris
An: Michael
Betreff: GZU Group Meeting London
Schickst du mir bitte noch mal den Geschäftsbericht? Danke. Iris.

2:30. Schlangenkönig. Die Stühle stehen schon auf den Tischen

Torben, Maik und ich sind die Letzten. Als der DJ loslegte, wollte ich mich schleunigst vom Acker machen. Klang, als hätte jemand das Bayern-3-Programm der letzten zehn Jahre aufgenommen, ein Straßenfeger nach dem anderen. Außerdem haben mich, »Bernds Westkind«, alle so blöd angeglotzt. Vor allem Marlies, Maiks Mutter, war irgendwie reserviert zu mir. Wahrscheinlich, weil sie früher mit Iris’ Mutter befreundet war. Sah aber auch nicht sehr herzlich aus, wie sie mit Iris umging, was da wohl passiert ist? Aber nach dem dritten Glas Wein wurde es dann sehr lustig. War denen vollkommen wurscht, wie die anderen getanzt haben. Vor allem dieses Mädchen. Wie hieß die? Anja? Hatte zwar unmögliche Tussi-Klamotten an, war aber total ungezwungen. Alle haben mitgegrölt zu irgendwelchen DDR-Songs. Noch nie gehört. Maik hat mich dann zum Tanzen aufgefordert, sozusagen zur Versöhnung, weil mich die Kerle vom Stammtisch immer wieder mit meinem Striptease aufgezogen haben. Und weil Torben mich bei unserem Autounfall damals so angegangen ist. Ist ein richtig guter Tänzer, der Froschmann. Alle Achtung. Jetzt ist Torben auf der Toilette. Und Maik räumt hinter dem Tresen auf. »Gibt’s noch einen für den Heimweg?«, frage ich. »Für eine so zierliche Person schluckst du aber ziemlich viel. Ich möchte nicht schuld sein, wenn du im Fließ ertrinkst. Oder wieder einen Unfall baust.«

»Zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Pils.« Den Spruch habe ich heute Abend gelernt. »Ich begrüß dich dann morgen als Wasserleiche, wenn du mit deinem Kahn zur Arbeit fährst.« Maik schaut ernst und sagt: »Das ist nicht witzig. – Mist. In drei Stunden muss ich wieder raus.« Trotzdem schenkt Maik sich und mir noch einen Kurzen ein, und wir stoßen an. Kleidergeschmack hat er zwar keinen, dafür aber schöne warme Rehaugen. »Wollen wir?« Das ist Torben. Ich nicke und mache einen ungalanten Abgang vom Barhocker. Bin doch schon ziemlich betrunken. Ich hake mich bei Torben unter. »Tschüs.« Maik hebt hinterm Tresen nur die Hand aus dem Spülwasser.

3:00. Im Kahn auf dem Fließ vor dem Haus der Schwestern

Scheiße. Regnet es hier eigentlich nur? Torben hat mir seine Jacke geliehen und stakt uns (das Wort habe ich inzwischen gelernt) routiniert auf die andere Seite. Angeblich, um mich sicher nach Hause zu bringen. Vielleicht aber auch …? Was stehen denn da für dunkle Berge auf unserer Seite? Blökende Berge. Das sind … die Schafe! Warum sind die denn noch draußen? Martha treibt sie doch sonst Stechuhr-pünktlich um neunzehn Uhr in den Stall?

3:15. Vor der Haustür

Nicht nur die Schafe, auch die beiden Gänse sind überfordert durch den Matsch gestakst. Waren ganz aus dem Häuschen. Torben meint, das wären Gewohnheitstiere, die kommen nicht damit klar, wenn sich der Tagesablauf ändert. Den Gänsen mussten wir nur die Tür öffnen, die sind in den Stall geschossen und haben sich schnatternd ihr Zuhause zurückerobert. Die Schafe waren da etwas träger. Torben und ich mussten die nassen, müffelnden Wesen geradezu in den Stall schieben. Aber als die ersten beiden drin waren, folgten die anderen brav. Herdentrieb. Martha muss wohl im Wohnzimmer eingeschlafen sein. Als Torben nach ihr geschaut hat, kam sie ihm etwas fiebrig vor, zum Arzt wollte sie aber nicht. Torben hat mir das Versprechen abgenommen, morgen früh nach ihr zu sehen, bevor ich mit Iris nach Berlin fahre. Okay. Für Torben würde ich so einiges machen. Und jetzt? Jetzt stehen wir vor meinem Haus. Klitschnass und außer Atem. Bis auf das Licht in Marthas Remise ist es dunkel. »Willst du deine Jacke zurück?« Er schüttelt den Kopf und lächelt. »Bin ja eh schon nass.« Ich lache. Wieso zieht er mich jetzt nicht einfach in den Stall? Und wir streifen einander die nassen Klamotten vom Leib? Seine Augen blitzen. Ob er das Gleiche denkt? »Gute Nacht, Mia.« Er küsst mich. Auf die Wange. Ganz nah an meinem Mund. Also eigentlich nur knapp verfehlt. Ich will mehr! Möchte ihn an mich reißen. Doch Torben winkt nur, dreht sich um, und dann verschluckt ihn die Nacht. In meinen Ohren rauscht es. Oder ist das das Fließ? Puhh, bin ich betrunken.

Freitag, 1. November