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Landluft für Anfänger - 03

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist »Landluft für Anfänger«?
  3. Die Autorinen
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Samstag, 14. Dezember
  7. Sonntag, 15. Dezember - dritter Advent
  8. Montag, 16. Dezember
  9. Dienstag, 17. Dezember
  10. Mittwoch, 18. Dezember
  11. Donnerstag, 19. Dezember
  12. Freitag, 20. Dezember
  13. Samstag, 21. Dezember 2013
  14. Sonntag, 22. Dezember - vierter Advent
  15. Montag, 23. Dezember
  16. Dienstag, Heiligabend
  17. Dienstag, 31. Dezember - Silvester
  18. Das dritte Rezept aus Marthas Küche
  19. In der nächsten Folge

Was ist »Landluft für Anfänger«?

»Landluft für Anfänger« ist ein zwölfteiliger Serienroman, der ein Jahr lang jeden Monat über zwei unterschiedliche Schwestern und ihr Leben auf einem geerbten Hof im Spreewald berichtet. Die Serie gibt es sowohl als E-Book als auch als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Die Autorinnen

Simone Höft, geboren 1968, und Nora Lämmermann, geboren 1978, trennen – wie die Protagonistinnen ihrer Romanreihe – zehn Jahre Lebenserfahrung, ein Kind und 475 Kilometer Luftlinie zwischen Köln und München. Gemeinsam sind ihnen ein abgeschlossenes Germanistikstudium, die langjährige Arbeit für Film und Fernsehen sowie eine mal mehr mal weniger gut funktionierende WLAN-Verbindung.

»Landluft für Anfänger« ist ihre erste, gemeinsame Romanreihe.

 

»Rosenkrieg zur stillen Zeit. Oder: Rettet das Geflügel!«
Wie ein Haus voller Hühner die schwesterlichen Streithähne erneut gegeneinander aufbringt. Und sie am Ende dem Geist der Weihnacht erliegen.

Samstag, 14. Dezember

Abbildung

12:00. Auf der Wiese vor dem Haus der Schwestern

BOFF. Soeben hat ein Schneeball mit einem dumpfen Schlag die Welt zum Stillstand gebracht. Zumindest ich halte den Atem an und wundere mich, dass die Millionen von Schneeflöckchen nicht augenblicklich aufgehört haben, daunengleich Richtung Erdboden zu taumeln. Sie müssten zitternd in der Luft verharren – und ängstlich darauf warten, im nächsten Moment wieder dorthin geschickt zu werden, wo sie hergekommen sind. So wie ich. Dabei hat der Morgen so federleicht angefangen! Als ich heute aus dem Bett – oder vielmehr von meiner Matratze – gesprungen bin, habe ich gleich gerochen, dass etwas anders war. Und als ich das Laken, das in meinem Schlafzimmer die Gardinenfunktion übernommen hat, zur Seite geschoben hatte, machte mein Herz einen freudigen Hüpfer. Denn da draußen bot sich mir ein unvergleichliches Bild, eine Zauberlandschaft wie aus dem Märchen. Der Wald hinter unserem Haus, die Wiese und alle Bäume und Sträucher waren überzuckert von einer glitzernden weißen Puderschicht, und vor meinem Fenster tanzten unzählige Schneeflocken ein fröhliches Ballett. Ich war fast erstaunt über die Stille, als ich das Fenster öffnete. Zuerst traute ich mich kaum, mit der Fingerspitze in die Zauberwelt da draußen vorzudringen. Aber nachdem ich die prickelnde Kühle des Schnees auf meiner Hand gespürt hatte, gab es kein Halten mehr. Ich bin direkt raus. Im Minnie-Mouse-Shirt. Ich wollte unbedingt die Erste sein, die ihre Füße in die Vollkommenheit der jungfräulichen Schneedecke versenkt! Wie Sterntalerchen tanzte ich barfuß mit den wirbelnden Flocken um die Wette. Ich glaube, ich sang auch dazu. Laut. (Strawberry Fields Forever von den Beatles) Dann zog jemand die Plattennadel von der Scheibe. Gerade, als ich mich mit ausgebreiteten Armen immer schneller um mich selbst drehte, sauste Iris an mir vorbei. Vielmehr: Mein Blick sauste an Iris vorbei. Sie stand festgemauert vorne zwischen Marthas Remise und dem Haus. Soweit ich es erkennen konnte, schwindelig wie mir war, als ich schwankend stehen blieb, starrte sie mich an, als hielte sie mich für irre. Klar, eine wie Iris lässt sich nicht durch profane Dinge wie frisch gefallenen Schnee in kindliche Euphorie stürzen.

Vielleicht war es der Drang, das Gefühl von Peinlichkeit abzuwehren, das Iris mit ihrem abschätzigen ›Wie-kindisch-kann-man-sein-Blick‹ in mir auslöste. Keine Ahnung. Es geschah jedenfalls ganz von selbst, dass meine Hände in den Pulverschnee griffen, blitzschnell ein mehr oder weniger perfekt gerundetes Geschoss zusammenpappten und es, ehe ich richtig nachdenken konnte, durch die Luft flitzen ließen. Es traf. Aber nicht Iris, die sich reaktionsschnell wegduckte, sondern Martha, die ein Stückchen hinter Iris stand! BOFF. Das war vor einer gefühlten Unendlichkeit. Tatsächlich sind nur wenige Sekunden verstrichen, seit ich meinen eigenen Untergang besiegelt habe. Ich kann kaum hinsehen, als sich Martha, der Inbegriff einer der humorfreien Märchenhexen, mit den Fingerspitzen die schmelzenden Schneekrümel aus ihrem weißen Haar über der Stirn zieht. Deshalb mache ich für einen winzigen Augenblick die Augen zu und harre des Donnerwetters. Es kommt … nix. Stille. Hat Martha sich für einen schweigenden Abgang entschieden? Sähe ihr auch ähnlich. Das hätte so was Abstrafendes und wäre ganz klar ein stummer Befehl, dass man hinterherwetzen und sich entschuldigen soll. Zaghaft öffne ich meine Augen wieder und brauche einen Augenblick, um zu begreifen, was ich sehe … BOFF. Aua!

Der hat gesessen. Mitten auf die Stirn. Mia steht da, als hätte ihr jemand mit einem nassen Handtuch auf den Kopf gehauen. Unseren geschockten Blicken begegnet Martha – die Schützin – mit hochgezogenen Augenbrauen. »Was?! Ihr habt wohl gedacht, eine alte Frau kann sich nicht zur Wehr setzen? Dann zieht euch mal warm an!« Weder Mia noch mir fällt eine Erwiderung ein, dafür setzt Martha noch einen drauf und heftet ihren Blick streng auf Mia, die eher für eine Kindergeburtstags-Übernachtungsfeier gekleidet ist als für einen Wintermorgen im Spreewald. »Besonders du! Zieh dir was an! Du holst dir ja den Tod, und wer soll sich dann um die Tiere kümmern?«

Als wäre das sein Stichwort, hören wir ein helles, lautes »Mähhh«!, und aus dem Schafstall streckt mein kleines Pflegekind – unser vier Wochen altes Lamm – seinen flauschigen Kopf. Es schnüffelt an dem unbekannten, kühlen Weiß, dann macht es ein paar vorsichtige Schritte in den Schnee. Und beginnt, aufgeregt blökend auf allen vieren gleichzeitig in die Höhe zu springen! Wenigstens einer versteht mich!

Boing, boing, boing. Wie ein Gummiball springt das kleine Schaf durch die unberührte Landschaft. Mia grinst mich an wie ein Honigkuchenpferd und ruft: »Guck mal!« Ich verziehe keine Miene und erwidere: »Unser kleines › Baby‹ ist genauso verrückt wie seine Ziehmutter.« Damit meine ich Mia. Ich habe den Schafstall seit unserer Schicksalsgeburt nicht mehr betreten.

Ich bin so verzückt, dass ich für einen Moment vergesse, dass meine Füße inzwischen rot gefroren sind. Doch als mein Lämmchen nach einer Runde Übermut schnell wieder in den Stall zu seiner Mutter verschwindet, die an der offenen Stalltür steht und blökt, tänzle auch ich auf den Eiszapfen, die sich meine Füße schimpfen, wieder ins Haus. Zumindest versuche ich es, denn auf halbem Wege ruft mich das fleischgewordene › Arbeit ist das ganze Leben‹-Mahnmal zurück: »Wenigstens reintragen helfen könnte Madame, wenn sie die anderen schon für sich jagen lässt!« Schnell springe ich zurück (»Ich hab dich nicht darum gebeten, Iris!«), grabsche mir eine Einkaufstüte und flüchte ins Warme. Ich spüre meine Füße nicht mehr, wahrscheinlich brechen sie mir gleich unterhalb der Knöchel ab!

14.00. In der Küche. Zwei feindliche Lager am Küchentisch

»Kannst du die Musik ausmachen? Ich kann mich nicht konzentrieren«, blökt Iris von der Bank aus. Beim Knobeln hat sie den besseren Platz direkt neben dem Kachelofen bekommen. Seitdem versuchen wir beide hier zu arbeiten. Ich am Businessplan für meinen Gründungszuschuss und Iris an ihren seltsamen Seminaren mit Furcht einflößenden Titeln wie › Weiterentwicklung von Führungskräften: Teambildung und Leistungssteigerung‹. Ich finde, Iris selbst sieht eher mitgenommen aus.

»Und ich kann mich ohne Musik nicht konzentrieren«, kontere ich. Iris schaut streng. »Dann nimm Kopfhörer.« – »Nimm du doch Ohropax.« Wieder dieser Blick. – Na gut. Ich pfriemle meine Kopfhörer aus meiner Tasche, setze sie auf und schaue wieder durch das Küchenfenster nach draußen. Ich kann mich nämlich so oder so nicht konzentrieren. Auf der Wiese begrüßen jetzt auch die anderen Schafe den ersten Schnee: Meine kleine Ronja stapft stolz – schließlich hat sie ja das neue weiße Land entdeckt! – neben ihrer Mutter, Lovis, her. Iris fand es natürlich albern, dass ich nicht nur dem frisch geborenen Lamm einen Namen gegeben habe, sondern nach der dramatischen Geburt auch den Rest der Herde und die Gänse taufen wollte. Bei den Turtelgänsen war die Sache sofort klar: Herr und Frau Brangelina! Ein unzertrennliches Vorbildpaar wie Brad Pitt und Angelina Jolie! Den anderen Schafen scheinen ihre Namen noch nicht so geläufig zu sein. Nur meine kleine Ronja, die kommt, wenn ich sie rufe, und stupst mich mit ihrer Schnauze an, damit sie ein Leckerli bekommt. Seit zwei Wochen füttere ich Ronja mit so genanntem Aufzuchtfutter sowie Heu und Wasser in einem von Martha eingerichteten Lämmerschlupf zu. Hierfür hat Martha den Eingang einer Box mit einem extra Balken versehen, unter dem sich nur Ronja durchzwängen kann, so dass die größeren Schafe ihr nichts wegessen. Sie ist jetzt etwas über vier Wochen alt. Martha sagt, Zeit, sie zu entwurmen und zu impfen, aber ich mag Torben nicht anrufen. Wir haben uns zuletzt bei der Geburt gesehen. Und da habe ich mich wegen meiner unerwiderten Avancen so blöd gefühlt, dass ich mich jetzt nicht darum reiße, ihn wiederzusehen.

Was gestikuliert Iris denn jetzt schon wieder so hektisch? Ich nehme die Stöpsel wieder aus den Ohren. »Was ist?« –

»Das Gekrache nervt.« Jetzt höre ich es auch: Das Vollwert-Knäckebrot, das ich gerade zwischen meinen Zähnen zermahle, macht ganz schön viel Lärm.

»Ich hab diese staubtrockenen Dinger nicht eingekauft«, stoße ich hervor und atme dabei – wie zum Beweis – einige dieser trockenen Brösel aus. Iris schaut von ihrem Bildschirm auf und sieht mich abschätzig an. »Du hast überhaupt nicht eingekauft.«

Gnagna. Iris tut so, als wäre es eine echte Heldentat, ein paar Tüten zu schleppen! Das nächste Mal übernehme ich freiwillig. Die Dinge, die Iris anbringt, sind nämlich alles andere als Aufzuchtfutter. Fettarme Milch (0,3 Prozent, ich wusste gar nicht, dass es so was gibt!), › Du darfst‹-Käse (schmeckt wie nasser PVC-Boden), Eiweißbrot (geht’s noch?). Nudeln, Schokolade, Eier, weiches Weißbrot, Wein, Bier – Fehlanzeige! Von diesen Knäckebrotdingern kann man eine ganze Packung essen, ohne das Gefühl zu bekommen, satt geschweige denn befriedigt zu sein! Kein Wunder, dass Iris ausgebrannt ist. Sie behauptet, sie müsse sich hier erholen, sitzt aber trotzdem den ganzen Tag vor dem Rechner oder steht im Flur und zetert die Handwerker an. Und sieht dabei aus wie eine wandelnde Leiche. Nur die ersten zwei Tage nach der Lammgeburt hat sie im Hotel verbracht – und angeblich geschlafen. Wenigstens trägt sie jetzt nicht mehr rund um die Uhr Businessanzug! Ihren Blackberry hält sie aber immer noch – wie ein Dreijähriger seinen Schnuller – die ganze Zeit fest umkrallt. Obwohl der seit Tagen keinen Mucks von sich gibt. Wartet sie auf eine Nachricht von ihrem Mann? Ich frage mich schon ein wenig, was die für eine Beziehung führen. Oder ist das einfach ausgeprägte Businessfrauen-Geltungssucht? Vielleicht ist sie deshalb so geräuschempfindlich, weil sie das RRRRIING ihres kleinen Freundes vermisst.

Ich jedenfalls wundere mich nicht, dass mein Gehirn bei diesem Low-Carb-Food auf Sparflamme läuft. Ich brauche jetzt einen Kaffee, sonst stehe ich das nicht durch. Iris hat mir eine Excelvorlage für meinen Gründungszuschuss von der anderen Tischseite gemailt. Vor der sitze ich jetzt seit zwei Stunden und frage mich: Was um alles in der Welt ist eine Rentabilitätsvorschau?

Mit ihrer Hibbeligkeit treibt Mia mich noch in den Wahnsinn. Wirklich ärgerlich, dass die Küche nach wie vor der einzige beheizte und halbwegs begehbare Raum ist. Die Heizungen kommen erst im neuen Jahr – und bis dahin ist Wärme nur hier am Kachelofen und um den Preis ständiger Diskussionen mit Mia zu haben. In den anderen Zimmern fehlt der Putz an den Wänden, weswegen überall im Haus nackte Kabel und Rohre an den rohen Wänden emporkriechen. In den letzten zwei Wochen hat die Installationsfirma Lukas hier ihr Unwesen getrieben, unterbrochen von mehreren Tobsuchtsanfällen meinerseits. Unter anderem wegen falsch verlegter Rohre, nicht funktionierender Bauwasseranschlüsse und weil mich Diskussionen, die von der Gegenseite mit Handwerkerlogik befeuert werden, zur Weißglut treiben: ›Wieso befindet sich denn dieses Rohr hier in diesem Zimmer?! › Na, weil ick det da hinjebaut habe. Und weil ick det jemacht habe, jehört det auch so. Weil, sonst hätt ick det ja nich jemacht‹. Inzwischen sind alle Rohre ordnungsgemäß verlegt, nur die Anschlüsse im Bad fehlen noch – fließend Wasser gibt es daher nach wie vor nur in der Küche. Was dazu führt, dass Mia und ich uns hier auch regelmäßig beim Zähneputzen und bei der Katzenwäsche über den Weg laufen. (Martha ist so nett und lässt uns ab und zu in der Remise duschen.)

»Gibt’s keinen Kaffee mehr?« Oh, Prinzesschen hat eine Versorgungslücke entdeckt. Dieser beleidigt-vorwurfsvolle Ton. Fast könnte ich meinen, Fabienne stehe vor mir. Das gleiche Anspruchsdenken.

»Falls es dir nicht aufgefallen ist, trinke ich keinen Kaffee mehr. (Leider. Aber strenge Fern-Verordnung von Doktor Budde.) Und da ich keinen Kaffee mehr trinke, habe ich auch keinen gekauft. Weil, wie gesagt …«

… bin ich die Einzige, die einkauft! Iris klingt wie eine Schallplatte mit Sprung!

»Wenn du diese Tätigkeiten immer an dich reißt!«

Jetzt bin ich gespannt, wie es in der Prinzesschenlogik weitergeht. »Wenn du mir nicht immer zuvorkommen würdest, hätte ich schon längst mal eingekauft. Aber eben dann, wenn es in meinen Lebensrhythmus passt.« – »Und wann, ...

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