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Land im Sturm

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Teil I – Die Ungarn
    1. Die Johannisnacht
    2. Die Tochter des Vogts
    3. Gottes Zorn
    4. Hedwig
    5. Bischof Ulrich
    6. Der Mauersturm
    7. Ottos Schlacht
    8. Hedis Dorf
    9. Das Meer sehen
  8. Teil II – Die Wenden
    1. Die Söldner
    2. Erik der Fischer
    3. Alles Asche
    4. Lubeke
    5. Das weiße Gold
    6. Die brennende Stadt
    7. Sturm auf die Wendenburg
    8. Der Samariter
  9. Teil III – Der große Krieg
    1. Feldmarschall von Werth
    2. Der Überfall
    3. Auf der Flucht
    4. Nächtlicher Schusswechsel
    5. Die Wegelagerer
    6. Olga
    7. Nachtangriff
  10. Teil IV – Napoleon und Preußen
    1. Das geheime Diner
    2. Der unerwartete Gast
    3. Der alte Zopf muss ab
    4. Der Krieg kommt näher
    5. Das Muttersöhnchen
    6. Der Besuch
    7. Der Aufruf des Königs
  11. Teil V – Revolution
    1. Entlassungen
    2. Revolution in Paris
    3. Bei den Fischers
    4. Der Einbruch
    5. Die ungehorsame Tochter
    6. Aufstand in Wien
    7. Der Tanzabend
    8. Revolution
    9. Mit dem Rücken an der Wand

ÜBER DIESES BUCH

Bayern, AD 995: Weil er zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt wird, flieht der junge Schmied Arnulf vor seinen Verfolgern über die Berge. Mitten im Wald trifft er auf Hedwig, die von feindlichen Ungarn verschleppt wurde, aber entkommen konnte. Gemeinsam wandern sie nach Augsburg, wo sie in die Ereignisse um die große Ungarnschlacht König Ottos verwickelt werden. Dabei verlieben sie sich – und legen den Grundstein einer Familie, deren Nachkommen durch manchen Sturm gehen müssen, bevor sie fast tausend Jahre später die Staatsgründung des Deutschen Reiches miterleben …

Über den Autor

Ulf Schiewe wurde 1947 im Weserbergland geboren und wuchs in Münster auf. Er arbeitete lange als Software-Entwickler und Marketingmanager in führenden Positionen bei internationalen Unternehmen und lebte über zwanzig Jahre im Ausland, unter anderem in der französischen Schweiz, in Paris, Brasilien, Belgien und Schweden. Schon als Kind war Ulf Schiewe ein begeisterter Leser, zum Schreiben fand er mit Ende 50.

www.ulfschiewe.de

Ulf Schiewe

Land im Sturm

Roman

Vignette

 

Für

Sandra

TEIL I

Die Ungarn

Vignette

 

Der junge Arnulf, Sohn eines Hufschmieds im Welschen, ahnt an jenem Sommerabend des Jahres 955 noch nicht, was ihm bevorsteht. Schon bald wird er sich wünschen, die Tochter des Vogts hätte nie ein Auge auf ihn geworfen.

Wir befinden uns in den Alpen, genauer gesagt: im unteren Inntal, durch das die alte Römerstraße flussaufwärts bis Innsbruck führt, bevor sie sich dort nach Süden wendet und über den großen Pass den Weg nach Italien öffnet. Es ist die übliche Route deutscher Herrscher, die mit ihren Kriegern nach Süden ziehen, um ihre Macht über die Lombarden durchzusetzen. Arnulfs Heimatdorf liegt auf der Südseite des Inns und ist von welschen Bauern bewohnt, den Nachkommen romanisierter Kelten. Sie beherrschen die Sprache ihrer bajuwarischen Herren, aber untereinander ist immer noch das Romanische geläufig.

Es ist Ende Juni, die Heumahd ist eingebracht, das Getreide steht hoch. Man hofft auf gutes Wetter für die Weizenernte. An diesem Abend begeht die Dorfgemeinschaft wie jedes Jahr das Johannisfest. Auf den Höhen der nachtschwarzen Berge glühen die Feuer wie winzige Lichter zu Ehren des Heiligen, der den Christus ankündigt. Und gleichzeitig, auch wenn die Priester es nicht mögen, wird wie zu Urzeiten die Sommersonnenwende gefeiert, mit Singen, Tanzen, Bocksprüngen und allerlei Schabernack zum Austreiben der bösen Geister. Ein überschwängliches, fröhliches Fest.

Und damit beginnt die Geschichte.

DIE JOHANNISNACHT

Den ganzen Nachmittag über waren die Männer damit beschäftigt gewesen, nicht weit vom Flussufer Holz für ein gewaltiges Feuer zusammenzutragen und aufzuschichten. Alle im Dorf hatten dafür gespendet. Die Kinder hatten davorgestanden und ungeduldig gewartet, dass es dunkel wurde. Die Johannisnacht war für sie das aufregendste Ereignis des Jahres. Zum Glück blieb der Himmel klar. Das Wetter würde ihnen nicht den Spaß verderben.

Und nun war es endlich so weit. Flammen loderten in den Nachthimmel. Funken stoben davon wie winzige Glühwürmchen. Das brennende Holz zischte, knackte und knisterte. Alle hatten sich versammelt. Die Kinder tobten rund ums Feuer, Hunde bellten erregt, und die Mütter mussten immer wieder eingreifen und ihre Jüngsten ermahnen, sich nicht zu nahe ans Feuer zu wagen. In einem großen Kessel dampfte ein Gemüseeintopf. Jeder durfte seinen Napf füllen und sich ein Stück vom frischen Brot nehmen, das die Weiber ausgelegt hatten. An einem Tag wie diesem gab es sogar Fleisch. Spanferkel hingen am Spieß, und der Duft trieb einem den Speichel in den Mund. Auch Käse gab es und jede Menge frisch gebrautes Bier.

Nach dem Essen gaben Sackpfeife und Trommeln den Takt vor. Die jungen Leute fassten sich an den Händen und tanzten im Kreis, es wurde geklatscht und gesungen. Ab und zu trieben die Burschen ihren Spaß mit den Mägden. Dann unterbrach Johlen und Kreischen den Reigen. Schmunzelnd schauten die Alten zu, erinnerten sich an die eigene Jugend und ließen sich ihr Bier schmecken. Dabei taten sie, als merkten sie nicht, wenn sich heimlich ein Pärchen ins Dunkel der Büsche verzog. Schließlich war Johannisnacht, und überall in den Dörfern im Flusstal ging es ähnlich zu. Kein Wunder, wenn im Frühjahr nicht nur die Bäume ausschlugen, sondern auch die Säuglingsernte reichlicher ausfiel als sonst im Jahr.

Arnulf bückte sich, um einen angekohlten Scheit zurück in die Lohe zu werfen. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Als er sich umwandte, blickte er in die Augen eines jungen Mädchens. Hoch zu Ross, mit einigem Abstand zum Geschehen, sah sie dem wilden Treiben zu. Lange hielt sie seinen Blick, dann sah sie zur Seite. Es war die junge Dame Gisela. Dass sie ausgerechnet ihn anstarrte, erstaunte ihn und schmeichelte ihm. Aber es erfüllte ihn auch mit Unbehagen, denn der Mann an ihrer Seite war Vogt Eberlin, Herr über mehrere Dörfer diesseits des Flusses, und ihr Vater. Ein Blick auf die geringschätzige Miene, mit der er den Tänzen ums Feuer zusah, ließ ahnen, dass er es gewiss nicht leiden würde, wenn seine Tochter einen wie ihn überhaupt beachtete.

Die Spielleute stimmten ein neues Lied an, als eine der Mägde ihm zurief: »Was stehst du so rum, Arnulf?« Es war Lole, die Tochter eines leibeigenen Bauern. Dem hatte Gott keinen Sohn geschenkt, sondern ihn stattdessen mit vier Töchtern geschlagen. Lole war die jüngste und die wildeste, wie es hieß. So manche Gerüchte rankten sich um sie. Jetzt trat sie dicht an ihn heran, drückte ihm einen feuchten Kuss auf den Mund und packte ihn am Arm. »Komm, tanz mit uns!«

Lachend ließ er sich mitziehen und in die Kette der Frauen einreihen, die sich von Neuem gebildet hatte. Sie hüpften und tanzten und sangen die alten Lieder. Zwischendurch auch deftige Beschwörungen, bei denen sich der Bischof in Brixen vor Scham die Ohren zugehalten hätte, wäre er anwesend gewesen. Dann wieder hielten sie inne, stampften mit den nackten Füßen auf und brüllten Zaubersprüche in die Nacht zur Verbannung der bösen Geister, auf dass Mensch und Vieh gesund blieben und die Neugeborenen heil an Leib und Gliedern zur Welt kommen würden. So war es Brauch.

Unter fröhlichem Gekreische zogen sie noch mehr der jungen Männer in den Kreis. Auch Volkmar, Arnulfs Bruder, war darunter, obwohl er längst verheiratet und seine Frau hochschwanger war. Doch in der Johannisnacht galt das nicht. Da durften die Weiber – und nicht nur die ledigen – über die Stränge schlagen und sich ihre Tanzpartner suchen, wie sie es gerade mochten. Und mit etwas Glück tat eine hübsche Magd in dieser Nacht mehr, als einem schöne Augen zu machen.

Jedes Mal, wenn er im Kreis der tanzenden Weiber beim Umrunden des Feuers an der gleichen Stelle vorbeikam, sah er den Blick der Vogttochter auf sich gerichtet. Das machte ihn ganz zappelig. Oder war es das viele Bier, das er in sich hineingeschüttet hatte? Es nahm ihm die Hemmungen, machte ihn verwegen. Er löste sich aus dem Kreis und wanderte leicht schwankend zu den beiden Reitern hinüber.

Freundlich grinsend verneigte er sich vor dem Edelfräulein. »Herrin Gisela, warum steigt Ihr nicht vom Pferd und tanzt mit uns?«

Als der Pfeifer sah, mit wem Arnulf sprach, vergaß er vor Erstaunen, den Dudelsack zu pumpen, worauf die Melodie mit einem wehleidigen Ton erstarb. Auch der Trommler hörte auf. Und schon blieben die Tänzer stehen, starrten herüber, wunderten sich, warum die Musik verklungen war.

Das Fräulein Gisela hatte bei der unerwarteten Frage ein erschrockenes Gesicht gemacht mit kurzem Seitenblick zu ihrem Vater. Dann aber fasste sie sich und blickte hochmütig auf Arnulf hinab, bevor sie das Gesicht ganz abwandte und so tat, als habe sie ihn nicht gehört.

»Was zum Teufel fällt dir ein, du verdammter Lümmel?«, fuhr der Vogt ihn an. »Noch ein Wort, und ich lasse dich auspeitschen.« Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde er sein Schwert ziehen, aber dann riss er am Zügel seines kostbaren Pferdes. »Komm, Tochter, es reicht jetzt. Wir haben uns diesen gottlosen Unsinn schon lang genug angesehen.«

Er wendete sein Pferd und ritt davon. Gisela folgte ihm. Bevor sie jedoch in der Dunkelheit verschwand, drehte sie sich noch einmal im Sattel um. Hatte sie gegrinst? Arnulf war sich nicht sicher.

Sein Bruder Volkmar packte ihn am Arm. »Bist du dämlich? Du kannst doch nicht den Vogt herausfordern.«

»Ich wollte nur freundlich sein.«

»Zu denen ist man nicht freundlich. Die verstehen das als Anmaßung.« Volkmar legte ihm den Arm um die Schultern. »Nimm dir lieber die kleine Lole vor. Die hat’s auf dich abgesehen.« Er lachte ausgelassen und winkte dem Pfeifer zu. »Was glotzt du so blöd? Spiel endlich weiter!«

Da begann die Musik aufs Neue.

Das Tanzen und Feiern hielt an bis in die frühen Morgenstunden, bis das Feuer fast ganz heruntergebrannt war. Die Alten waren schon vor einer Weile in ihren Hütten verschwunden, wo sie bierselig schnarchten. Auch die meisten Kinder schliefen längst in den Armen ihrer Mütter. Selbst den Älteren fielen die Augen zu. Die Familien zogen sich zurück, und nur die jungen Leute blieben, legten ein wenig Holz nach, erzählten sich Geschichten, lachten und scherzten noch lange in der Dunkelheit.

Schließlich wurde es still. Nur noch ein gelegentliches Flüstern und Kichern war zu hören und ein Rascheln in den Büschen. Einmal auch ein leises Stöhnen aus weiblicher Kehle, das die anderen mit unterdrücktem Gelächter quittierten. Alle waren sich einig, es war ein schönes Fest gewesen.

Arnulf schlief tief und fest, bis seine Mutter Jelscha ihn weckte. »Steh auf, du Faulpelz. Zeit für die Messe.«

Er fuhr hoch und wischte sich schlaftrunken mit der Hand übers Gesicht. Dann schob er das warme Schaffell beiseite und erhob sich. Sein Kopf schmerzte noch von dem vielen Bier. Dorela, Volkmars hochschwangeres Weib, beäugte seinen nackten Oberkörper.

»Zieh dir endlich dein Hemd über«, knurrte die Mutter.

Mit Mutter legte man sich am besten nicht an. Sie hatte eine scharfe Zunge und herrschte über Haus und Hof mit eiserner Hand. Arnulf trat vor die Tür, goss sich Wasser aus dem Viehtrog über den Kopf und zog sich das saubere Leinenhemd über, das seine Mutter ihm gereicht hatte.

Die Hütte der Familie war größer als die meisten anderen im Dorf, hatte aber trotzdem nur einen einzigen, großen Raum, in dem gekocht, gegessen und geschlafen wurde. Der Boden bestand aus festgestampfter Erde, inzwischen hart wie Stein. Ein paar dicke Holzpfeiler und Querbalken trugen das strohgedeckte Dach. An denen hingen Pfannen und Töpfe und ganze Bündel von Kräutern zum Trocknen. Über der offenen Feuerstelle in der Mitte des Raumes war eine Öffnung im Dach, die als Rauchabzug diente. Darunter hingen ein paar Schinken vom Schlachtfest im letzten Herbst. An der Seite und im hinteren Bereich befanden sich Bettstellen – die meisten offen, denn für Prüderie war in der Wohnenge kein Platz. Im Winter schlief sogar der Knecht im Haus, ansonsten in der Scheune. Nur die Lagerstatt von Arnulfs Eltern war mit einem Vorhang vor neugierigen Blicken geschützt. In einer Ecke waren Bretter bis zum Dach angebracht, auf denen die Käselaibe reiften, die Jelscha an abwechselnden Tagen herstellte, an denen die Milch nicht für Butter oder anderes gebraucht wurde.

An einer Seite führte eine niedrige Tür in den Stall. Darin befand sich der ganze Reichtum der Familie – ein Maultier, zwei Milchkühe und ein Zugochse kauten dort an ihrem Heu. Daneben war ein Schweinekoben, in dem eine Sau ihre Ferkel säugte. Ein paar Ziegen besaßen sie auch, und im Hof pickten Hühner die Körner auf, die Jelscha ihnen hingeworfen hatte. Sie hatte schon die Kühe gemolken und die Tiere gefüttert. Auf der anderen Seite des Hofs befanden sich Vater Linards Schmiedewerkstatt, ein Geräteschuppen und die Scheune, frisch gefüllt mit dem duftenden Heu der ersten Mahd. Und neben dem Stall türmte sich der Mist, den sie im Herbst vor der Aussaat auf die Felder fahren würden. Ein alter Hirtenhund bewachte den Hof, aber in Wirklichkeit lag er meist faul im Schatten der Scheune.

Es gab im Inntal durchaus noch freie Bauern, aber die waren im Laufe der Zeit weniger geworden. Immer mehr hatten sich unter den Schutz der Kirche oder eines Adeligen gestellt – manche gezwungenermaßen nach Ernteausfällen oder weil ein Grundherr ihnen das Leben schwermachte, andere freiwillig. Sie besaßen ihr Land nicht länger, sondern pachteten es. Und natürlich gab es viele, die ihr Dasein als Leibeigene fristeten, ein Stückchen Land zur Eigenversorgung bestellten und ansonsten Frondienste zu leisten hatten.

Vater Linard war in jungen Jahren als freier Hufschmied ins Dorf gekommen und inzwischen der Dorfälteste. Auch er hatte etwas Land gepachtet, denn die Schmiede allein hätte die Familie nicht ernähren können. Dazu war das Dorf zu klein. Die meisten Bewohner waren leibeigene Bauern der Vogtei, die kaum etwas besaßen. Vor allem keine Pferde zum Beschlagen, höchstens einen Esel und vielleicht ein Maultier, um Lasten zu tragen und Karren zu ziehen. Und wenn sie zu ihm kamen, dann selten mit Silbermünzen. Leistungen wurden im Tauschgeschäft ausgehandelt.

Nein, gute Schmiedeaufträge kamen eher von der nahe gelegenen Burg der Vogtei, die zum Bistum Brixen gehörte. Die wurden wenigstens mit echtem Silber entlohnt. Die Krieger des Vogts brachten ihre Gäule, um die Hufeisen zu erneuern. Es gab Waffen auszubessern, Helme auszubeulen oder neue Speerspitzen zu schmieden. Manchmal wurde Linard auch zur Burg bestellt, wo es zwar eine kleine Schmiede gab, aber niemanden, der damit umgehen konnte.

Das Land, das die Familie pachtete, war nicht das beste, und es lag ein Stück weit entfernt auf höherem Grund, denn die saftigsten Äcker in den Auen behielt das Bistum für sich. Pächter mussten sich mit Hanglagen zufriedengeben, die schwerer zu pflügen waren, oder mit Feldern weiter oben am Wald, wo Wildschweine gern die Feldfrucht ausgruben. Wenigstens waren die höher gelegenen Äcker vor Überschwemmungen sicher. In Linards Jugend hatte es einmal ein schreckliches Hochwasser gegeben, das selbst das Dorf überflutet hatte, obwohl es etwas höher lag als die Uferauen.

Zusammen mit Arnulfs Onkel, der letztes Jahr verstorben war, und Jöri, dem alten Knecht, hatten sie in den Jahren genug erwirtschaftet, um nach den Abgaben an das Bistum und dem Einlagern des Saatguts immer noch alle Mäuler stopfen und Wintervorräte anlegen zu können. Sogar eine weitere Weide für das Vieh hatten sie vor ein paar Jahren gepachtet. Nein, im Gegensatz zu den Leibeigenen im Dorf, deren Kinder zerlumpt herumliefen und nicht selten hungrig zu Bett gingen, konnten sie nicht klagen.

Arnulfs Bruder Volkmar trug gerade etwas Feuerholz ins Haus. »Na, wie war’s mit Lole?«, feixte er.

»Wir haben getanzt, das ist alles.«

»Ach, Arnulf, was bist du doch für ein Träumer. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, musst du zupacken.«

Arnulf grinste spöttisch. »So wie du mit Dorela?« Mit der Hand deutete er einen gewaltigen Bauch an. Beide wussten, dass die Heirat im letzten Winter nicht ganz freiwillig zustande gekommen war.

Volkmar lachte. »Na ja. Keiner ist vor Unfällen gefeit«, meinte er und verschwand im Haus.

Sein Bruder war ein paar Jahre älter als er und würde eines Tages das Land übernehmen, das die Familie bewirtschaftete. Er war ein handfester Kerl. Und immer in Bewegung. Manchmal konnte er aufbrausend sein, meist aber war er guter Dinge. Seine junge Frau, obwohl gerade schwer mit Kind, war eine gute Arbeiterin und geschickt im Spinnen und Nähen. Sie würde ihm eine tüchtige Hilfe sein. Vater Linard hatte versucht, dem Ältesten das Schmieden beizubringen, aber ohne Erfolg. Stundenlang am Amboss zu stehen, das war nichts für Volkmar. Mit seinem Los als Bauer dagegen war er zufrieden. Bei jedem Wetter war er unterwegs, packte gleich an, was zu tun war, und klagte nicht über die harte Arbeit.

Arnulf, gerade zwanzig geworden, schlug ganz nach seinem Vater. Nicht nur körperlich. Während sein Bruder von stämmigem Wuchs wie die Mutter war und auch deren rotblondes Haar geerbt hatte, war Arnulf dunkelhaarig wie Linard, hatte dessen hochgewachsene Statur und die gleichen blauen Augen. Und auch die stille, nachdenkliche Art. Natürlich musste er auf den Feldern helfen, aber weit mehr liebte er es, das heiße Eisen zu formen. Er mochte den Geruch der brennenden Holzkohle, die Hitze der Esse und den zischenden Dampf, der aufstieg, wenn sie den glühenden Stahl im Wassertrog abschreckten.

Arnulf war noch nicht ganz wach. Gedankenverloren beobachtete er die Hühner im Hof und blickte dann zum Himmel auf. Das schöne Wetter vom Vortag war einem verhangenen Himmel gewichen. Wenigstens regnete es nicht. Ein bisschen Regen würde dem Getreide nicht schaden. Nur wenn wie letztes Jahr das schlechte Wetter nicht aufhören wollte, dann sah es nicht gut aus für die Ernte.

Seine Schwester Braida steckte den Kopf aus der Hütte. »Kommst du endlich essen?«

Sie trug eine mürrische Miene zur Schau, wie meistens in letzter Zeit. Es muss das Alter sein, dachte Arnulf. Oder weil trotz ihrer sechzehn Jahre noch kein Bräutigam in Sicht war. Sie sei einfach zu hässlich, hatte sie ihm anvertraut mit einem Gesicht, als sei es das Ende der Welt. Wer will schon eine dürre Vogelscheuche heiraten?, hatte sie gejammert. Nicht einmal richtige Brüste habe sie, nicht so wie die anderen Mädchen. Und außerdem hasse sie die roten Haare und die Sommersprossen, die sie von der Mutter geerbt hatte.

Ein Glück, dass Braida vorsichtig genug war, so etwas nicht in Jelschas Gegenwart zu sagen, sonst hätte es Maulschellen gesetzt. Arnulf mochte seine kleine Schwester und fand sie überhaupt nicht hässlich. Im Gegenteil. Sie hatte etwas Elfenartiges. Wie eine Fee aus den Märchen. Doch was half es, ihr das immer wieder zu sagen, wenn sie es nicht glauben wollte?

Nach dem hastigen Morgenmahl – gekochter Hirsebrei mit etwas Honig, damit er nicht so scheußlich schmeckte – machten sie sich auf den Weg zur Messe. Die Frauen hatten ihre einzigen, aus grobem Leinen genähten Sonntagskleider angelegt, mit einem Wolltuch um Kopf und Schultern. Die Männer kamen im sauberen Hemd und mit Stiefeln an den Füßen statt der Holzschuhe, die sie bei der Feldarbeit trugen, die widerspenstigen Haare mit dem Holzkamm gebändigt und im Nacken zusammengebunden.

Nur Vater Linard fehlte. Er fühle sich nicht gut, hatte er gesagt, spüre eine Erkältung im Anzug und etwas Fieber. Das sei wohl eher dem vielen Bier zu verdanken, hatte Jelscha ungerührt gebrummt. Doch Arnulf machte sich Sorgen, denn sein Vater war keiner, der sich wegen einer Erkältung gleich ins Bett legte.

Ein kühler Wind strich übers Land. Die graue Wolkendecke, die über dem Tal hing, verbarg die Gebirgsgipfel zu beiden Seiten des Inns. Heute war der Gedenktag des heiligen Johannes. Die Welschen waren fromme Leute. Schon zu Römerzeiten waren sie Christen geworden. Und so nahm das ganze Dorf samt den Kindern an der Messe teil und versammelte sich vor der Kirche.

Den größeren Jungs musste man ein paarmal die Ohren lang ziehen, bevor sie still waren. Eine richtige Kirche war es nicht, nur eine kleine Kapelle. Im Grunde nicht mehr als ein überdachter Schrein mit einem geschnitzten Kruzifix im Inneren und ein paar brennenden Kerzen. Das für die Messe nötige Gerät brachte der geweihte Mönch für gewöhnlich mit. Der wohnte in der Vogtei und diente dort eigentlich als Schreiber. Für einen richtigen Pastor reichte es nicht in der Dorfgemeinde.

Dieser Mönch, ein dürrer Kerl mit einem gewaltigen Adamsapfel, stellte sich vor die Versammelten und hielt ihnen gleich zu Anfang eine lange Predigt über die Versuchungen des Teufels, über die Verruchtheit heidnischer Bräuche, über die Sünden der Ausschweifung und der fleischlichen Lust. Er rief sie auf, in sich zu gehen und Buße zu tun für die wilde Nacht, die sie durchfeiert hatten.

Einige machten düstere Gesichter. Ob aus Schuldbewusstsein oder weil ihnen noch der Kopf vom Bier dröhnte, war nicht ersichtlich. Aber die meisten nahmen die Predigt gleichmütig hin, wohlwissend, dass der gute Mann ihnen in den kommenden Wochen mit großem Genuss die Beichte abnehmen würde und sich alles, was sich in der Johannisnacht zugetragen hatte, haarklein würde erzählen lassen. Arnulf wusste von einigen, die sich einen Spaß daraus machten, die vermeintlichen Verfehlungen noch verruchter und gewürzter darzustellen, als sie wirklich gewesen waren.

Danach sprach der Mönch über den heiligen Johannes, dessen Festtag heute gefeiert wurde, und wie er Jesus Christus vorangegangen war, um ihn als das Licht der Welt zu verkünden. Zuletzt murmelte er ein paar auswendig gelernte Formeln auf Lateinisch, die niemand verstand, vielleicht nicht einmal er selbst. Dann beging er das heilige Sakrament des Abendmahls, legte Hostien auf die Zungen jener, die gerade nah genug standen, und trank den Wein in einem Zug aus. Zuletzt wurde das Vaterunser gebetet, dann packte er eiligst sein heiliges Gerät zusammen und machte sich davon.

Vater Linards Zustand hatte sich verschlechtert, als sie wieder daheim waren. Seine Stirn war heiß und die Stimme heiser. Jetzt machte sich Jelscha doch Sorgen um ihren Mann, packte ihn in warme Schaffelle und gab ihm einen Kräuteraufguss zu trinken. Plötzlich sah man ihm sein Alter an, das Grau an Bart und Schläfen, die Falten im Gesicht. Erschöpft und verbraucht sah er aus, obwohl nicht älter als fünfzig.

»Komm her, Arnulf. Ich muss mit dir reden«, sagte er.

Der nahm sich einen dreibeinigen Hocker und setzte sich zu ihm. Er konnte sich denken, worum es ging.

»Was ist bloß in dich gefahren, Junge, die Tochter des Vogts zum Tanz aufzufordern?« Linard schüttelte den Kopf und seufzte.

Arnulf schlug die Augen nieder. »Ich wollte nur freundlich sein, Vater. Außerdem hat sie mich die ganze Zeit angestarrt.«

»Denkst du etwa, Edelfräulein vergnügen sich mit Bauern beim Tanz? Wir sind nichts für diese Leute. Und dass sie dich angestarrt hat, hast du bestimmt nur missverstanden. Bilde dir bloß nichts ein. Das bringt Unglück für die ganze Familie.«

»Dieser Eberlin ist ein Schwein«, verteidigte Volkmar seinen jüngeren Bruder. Er mochte den Vogt nicht. Bei ihm war der Mann nie Vogt oder Herr, sondern immer nur der Eberlin oder der verdammte Eberlin. »Er musste unserem Arnulf nicht gleich mit der Peitsche drohen.«

»Sprich nicht so von deinem Herrn«, erwiderte Linard. Sie alle wussten, dass Volkmar ein Hitzkopf war, und fürchteten, dass er einmal zu viel sagen würde. Und das in falsche Ohren. »Unser Vogt betrachtet es als Herabsetzung, dass er sich hier um uns arme Bauern kümmern muss. Sein eigenes Land hat man ihm genommen.«

»Geschieht ihm recht«, knurrte Volkmar gehässig. »Aber woher willst du das wissen?«

»Ich weiß es von den Händlern, die hier durchziehen. Die, die mir das Roheisen verkaufen.«

»Und was sagen die?«

»Ihr wisst, nach Herzog Bertholds Tod hat der König die Luitpoldinger übergangen und seinen Bruder Heinrich zum Herzog gemacht. Ausgerechnet einen Sachsen. Ihr könnt euch vorstellen, was da los war.«

»Na und?«, fragte Volkmar. »Was hat das mit Eberlin zu tun?«

Linard schloss einen Augenblick die Augen, als ob das Sprechen ihm Mühe bereitete. Doch dann legte er die Hand auf Volkmars Arm und wollte schon fortfahren, als Jelscha hinzutrat und ihrem Mann einen Becher mit Wasser reichte. »Lasst euren Vater in Ruhe«, sagte sie. »Ihr ermüdet ihn.«

Linard trank einen Schluck. »Ist schon gut, mein Herz. Es ist nur eine Erkältung. Mehr nicht.«

»Du willst mal wieder nicht auf mich hören«, brummte sie und ging zur Feuerstelle hinüber, wo sie Dorela half, das Mittagsmahl zu bereiten.

Linard blickte lächelnd auf ihren gebeugten Rücken, dann nahm er den Faden wieder auf. »Nun zu deiner Frage, mein Sohn. Der Eberlin ist ein Vetter der Luitpoldinger und hat den Unverstand gehabt, sich mit Heinrich anzulegen. Und der hat ihm kurzerhand alles genommen. Jetzt ist er nur noch Vogt von den paar Dörfern hier. Und er muss die Erträge, die wir ihm schulden, an den Bischof von Brixen abliefern. Deshalb hasst er uns. Wir erinnern ihn täglich an seine Niederlage.«

Arnulf wusste nicht viel von solchen Dingen. Nur, dass dieser König Otto hieß und aus fremden Landen stammte, aus dem fernen Norden. Er hatte ihn sogar einmal gesehen, vor vier Jahren, als er mit seinem Heer auf dem Weg nach Italien vorübergezogen war. Einige seiner Krieger hatten im Dorf Halt gemacht, um Proviant zu erstehen. Man hatte sie kaum verstehen können, so seltsam war ihre Sprache. Im Grunde war es gleichgültig, wer sich gerade König nannte. Es hatte keine Bedeutung für die Menschen hier am Inn.

»Was musste er sich auch gegen den Bruder eines Königs auflehnen?«, sagte Arnulf. »Nicht sehr klug, würde ich sagen.«

»Ach, weißt du«, erwiderte der Vater, »wenn einer wie Eberlin einem Luitpoldinger die Treue geschworen hat, so wie schon seine Vorfahren, dann muss es ihm arg gegen den Strich gehen, einem Fremden zu dienen, auch wenn der ein Bruder des Königs ist.«

»War das der Grund für den Aufstand gegen Otto?«, fragte Volkmar. »Dass er die Luitpoldinger abgesetzt hat?«

Linard nickte. »Zum Teil. Aber der eigentliche Aufrührer war sein Sohn Liudolf.«

»Der eigene Sohn wollte ihn absetzen?«

»Weil er Angst hatte, sein Erbe zu verlieren. Ihr seht, sogar in den Familien der Großen gibt es Streit«, sagte Linard mit einem Augenzwinkern. »Söhne gegen Väter.«

Volkmar lachte. »Vor uns brauchst du dich aber nicht zu fürchten.«

Linard lächelte matt. »Das will ich auch hoffen.«

»Lasst euren Vater endlich in Ruhe«, schimpfte Jelscha und strich ihrem Mann die verschwitzten Haare aus der Stirn. »Er soll schlafen, damit er schnell wieder gesund wird.«

»Nur eines noch, mein Herz.« Linard wandte sich noch einmal an Arnulf. »Es gibt Schmiedearbeit auf der Wehrburg. Sie erwarten mich morgen. Aber so, wie es mit mir steht, musst du an meiner Stelle gehen. Pack dir Werkzeug ein und melde dich gleich morgen früh beim Verwalter des Vogts. Er wird dir erklären, was zu tun ist.«

Arnulf nickte. »Geht in Ordnung, Vater.«

Er erhob sich und wollte die Hütte verlassen, als seine Mutter ihn beiseitenahm. »Sieh zu, dass du dieser Gisela aus dem Weg gehst. Überhaupt, halte dich von den Hochwohlgeborenen fern. Grüß schön höflich und halte die Augen niedergeschlagen. Hast du verstanden?« Sie tätschelte ihm liebevoll die Wangen.

»Keine Sorge, Mutter.«

Söhne gegen Väter. Dieses Gespräch fiel Arnulf wieder ein, als er in der Nacht in seinem Bett lag und auf den Schlaf wartete. Er verstand sich gut mit seinem Vater. Vielleicht weil sie beide gerne in der Werkstatt arbeiteten. Volkmar dagegen stritt sich gelegentlich mit Linard, besonders, was Pflügen, Aussaat und Ernte betraf. Sein Bruder hatte diese bestimmende Art, meinte alles besser zu wissen. Genau wie Mutter.

Nur kam er damit selten durch, denn seine hitzigen Ausbrüche prallten an Linards ruhigem Wesen ab. Linard war die stille Autorität, nicht nur in der Familie, auch im Dorf. Nur in Haus und Stall, da mischte er sich nicht ein. Das war Jelschas Reich. Und wehe, einer kam ihr dabei in die Quere.

Jelscha hatte es nie leicht gehabt. Von früher Jugend an hatte sie gearbeitet und zwischendurch Kinder geboren. Vier davon waren ihr weggestorben. Zwei schon gleich nach der Geburt, eines mit drei Jahren. Zuletzt war noch ein Nachzügler gekommen, ein Mädchen. Mierta hatten die Eltern sie genannt, und ein wahrer Engel war sie gewesen. Alle hatten sie geliebt. Aber auch Mierta war mit fünf Jahren einem schlimmen Fieber zum Opfer gefallen. Tags zuvor noch munter, drei Tage später war sie tot. Jelscha war untröstlich gewesen. Es hatte Arnulf im Herzen wehgetan, seine Mutter so weinen zu sehen.

Aber den anderen Familien ging es nicht besser. Arnulf fragte sich, warum. Alte Leute verschieden, junge wuchsen nach. Das war das Leben. Wenn die Ernte schlecht war, Hungersnot herrschte und die Leute aus Schwäche starben, das konnte man verstehen. Auch wenn einer auf der verbotenen Jagd verunglückte, von einem Felsen stürzte oder im Fluss ertrank. Dann hatte er eben nicht aufgepasst. Oder wenn in einem bösen Streit plötzlich die Messer blitzten. Warum aber starben so viele kleine, unschuldige Kinder? Die hatten doch Gottes besonderen Schutz verdient. Warum ließ er sie sterben?

Trotz allem hatte Jelscha sich nie unterkriegen lassen. Die Toten wurden beweint und begraben, das Leben ging weiter, es wartete nicht auf Trauernde. Auch sonst war jeder Rückschlag für sie ein neuer Ansporn. Sie schuftete von früh bis spät, molk die Kühe, fütterte die Tiere, kümmerte sich ums Essen, stellte Käse her, den sie gegen andere Notwendigkeiten tauschte, half auf den Feldern, nähte Kleider, flickte zerrissene Hosen, stopfte Socken. Zwischendurch verteilte sie Ohrfeigen oder heilte Wunden. Und hatte immer noch Zeit, sich die Kümmernisse ihrer Kinder anzuhören oder ihrem Linard Ratschläge zu erteilen, selbst wenn er sie nicht danach gefragt hatte. Untätig kannte Arnulf seine Mutter nur, wenn sie sich am Abend müde aufs Lager fallen ließ und im Nu ihr leises Schnarchen zu hören war.

Einst hatte das ganze Inntal dem keltischen Stamm der Breonen gehört. Sie hatten Eisenerz aus den Bergen geholt und waren Meister der Schmiedekunst gewesen. Für die römischen Legionen hatten sie Panzer und Schwerter geschmiedet. Das hatte Vater erzählt, damit sie ihre stolze Herkunft nicht vergaßen. Obwohl das Inntal schon lange zum Herzogtum Baiern gehörte, waren noch bis in die Zeiten ihrer Urgroßväter breonische Adelige führend gewesen. Doch inzwischen waren viele neue Rodungen entstanden und das Tal immer mehr von bajuwarischen Bauern durchsiedelt worden. Auch die Fürsten waren jetzt Baiern, obwohl ganze Landstriche, wie auch ihre Gegend, der Kirche gehörten.

Immerhin gab es noch viele Dörfer, in denen die Welschen überwogen. Welsche. So wurden sie etwas verächtlich von den Baiern genannt. Wenn ein Stück Vieh gestohlen oder ein Wild unerlaubt erlegt worden war, suchte man den Schuldigen gern bei den Welschen. Was blieb einem also übrig, als sich anzupassen? Im Dorf hielten die meisten noch an ihrer Sprache und den alten Namen fest, aber Vater Linard hatte darauf bestanden, seinen Söhnen bajuwarische Namen zu geben. Das würde für die Baiern nicht so fremd klingen und den beiden vielleicht das Leben erleichtern. Es war nicht auszuschließen, dass die romanische Sprache eines Tages ganz verschwinden würde, denn die Herren mochten es nicht, wenn man sich in einer Sprache unterhielt, die sie nicht verstanden.

Bevor Arnulf der Schlaf übermannte, kam ihm die Tochter des Vogts in den Sinn. Es war dumm gewesen, sie in seiner übermütigen Bierlaune anzusprechen, das sah er ein. Aber dass seine Eltern so in Sorge darüber waren, stachelte seine Neugierde eher noch weiter an. Sie war hübsch, diese Gisela, trug im Vergleich zu den Dörflern kostbare Kleider. Wie anders ihr Leben doch war. Gewiss hatte sie Mägde und Diener, die ihr jeden Wunsch von den Augen ablasen. Obwohl der Turm, in dem der Vogt hauste, nicht wirklich wohnlich aussah. Besonders im Winter musste es in dem alten Gemäuer schrecklich zugig und kalt sein. Aber wahrscheinlich wohnte sie gar nicht im Turm, sondern im Haupthaus der Burg.

Früh am Morgen sah Arnulf nach seinem Vater. Die Mutter hatte es Linard bequem gemacht, aber seine Stirn war heiß, und er konnte kaum sprechen. Als Jelscha ihm ihren Kräuteraufguss einflößen wollte, winkte er ab. »Noch mehr von dem Zeug, und ich bin nur noch am Pinkeln«, krächzte er schwach und schloss die Augen.

Sie legte ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn, murmelte zärtliche Ermunterungen wie zu einem Kind und küsste ihn auf die Wange. Dann sah sie Arnulf an, und in ihren Augen stand tiefe Besorgnis. Sie wussten, dass ein solches Fieber nicht auf die leichte Schulter zu nehmen war.

Arnulf schlang hastig seinen Brei herunter, denn es war Zeit, dass er sich auf den Weg machte. Am Brunnen füllte er seine Feldflasche und lud das nötige Werkzeug in eine lederne Tasche. Auf der Wehrburg gab es zwar diese kleine Schmiede, aber niemand schien so recht dafür verantwortlich zu sein. Nicht, dass es ihm nachher an Werkzeugen fehlte.

Jelscha nötigte ihm einen Beutel mit Brot und Käse für seine Brotzeit auf. Dann schlang er sich den Tragriemen der schweren Tasche über die eine Schulter, warf sich eine dicke Lederschürze über die andere und nahm zur Sicherheit noch einen schweren Hammer mit.

So beladen marschierte er los. An den Füßen trug er heute seine einzigen Lederstiefel, denn auf der Wehrburg des Herrn wollte er nicht in den alten Holzschuhen herumtrampeln. Schließlich war er der Sohn des Dorfältesten.

Über den Bergen hingen immer noch dunkle Wolken. Das Gras war nass, denn in den frühen Morgenstunden hatte es kurz geregnet. Arnulf war nicht der Einzige, der den Weg zur Burg eingeschlagen hatte. Mehr als ein Dutzend Leibeigene waren schon unterwegs, um ihren Frondienst zu leisten. Allerdings nicht auf den Feldern. Stattdessen arbeiteten sie seit dem Frühjahr hart an der Erweiterung der Wehranlage. Ein tiefer Graben war ausgehoben und das Erdreich dahinter zu einem hohen Wall aufgeschichtet worden. Junge Baumstämme waren zu Pfählen gespitzt und auf den neuen Wall gepflanzt worden.

Es war eine Anordnung des Herzogs, seitdem die Ungarn im letzten Jahr wieder für Angst und Schrecken gesorgt hatten. Zum Glück waren sie nicht bis ins Inntal vorgedrungen. Der Vogt hatte nicht viele Krieger, aber mit Hilfe einer Schar wehrhafter Bauern und einer guten Befestigung würde er sich halten können, sollte es den Ungarn in den Sinn kommen, hier einzufallen.

»He, Arnulf, warte auf mich!« Es war Duri, der Flussfischer, der sich beeilte aufzuschließen. Er trug einen Weidenkorb über der Schulter. »Hast du auf der Burg zu tun?«

»Nägel schmieden oder so was. Mein Vater schickt mich. Und du? Bringst du ihnen deinen Fang?«

Duri nickte. »War nicht viel in der Reuse heute Morgen, nur ein paar Äschen, aber ich hatte Glück mit der Angel. Zwei schöne Forellen für die junge Dame. Die wird sich freuen.«

»Sie isst gern Fisch?«

»Das tut sie. Und sie entlohnt mich gut dafür.«

»Sag mal, glaubst du wirklich, die Ungarn kommen bis hierher? Hier gibt’s doch nichts zu holen.«

»Na ja, da ist immerhin Innsbruck. Und dann die Klöster. Die Kühe deiner Mutter kämen ihnen auch gelegen, würde ich sagen. Die essen gern blutig rohes Fleisch, hab ich gehört.«

»Der Vogt mit seinen paar Leuten wird sie wohl kaum aufhalten können.«

»Ich sag dir, Arnulf, die kann keiner aufhalten. Das sind Ausgeburten des Teufels. Die tragen sogar Hörner auf dem Kopf und haben Augen wie glühende Kohlen. Und kleine Kinder rösten sie am Feuer.«

»Ach, komm!«

»Ich schwör’s. Ich war im letzten Herbst mit den Flößen bis nach Regensburg. Da hab ich ’ne Menge Leute getroffen, die haben mir das erzählt. Keiner kann gegen diese Wilden bestehen. Die kommen in riesigen Scharen. Und wenn sie ihre Pfeile abschießen, verdunkelt sich der Himmel. Die ganze Arbeit, die wir uns hier mit der Wehrburg machen, das ist alles umsonst. Die reiten einfach drüber, sag ich dir.«

»Kein Pferd kann über Wall und Graben springen.«

»Die schon.«

Arnulf glaubte ihm nicht wirklich. Und doch … Man hörte schlimme Dinge von diesem Reitervolk. Unbesiegbar sollten sie sein. Schon seit mehr als fünfzig Jahren fielen sie ab und zu ins Reich ein und hinterließen jedes Mal eine Blutspur der Verwüstung. Wie die Heuschrecken in der Bibel, so wüteten sie. Zum sprichwörtlichen Schrecken der Kinder waren sie geworden. Wenn du nicht gehorchst, holen dich die Ungarn, sagten die Mütter. Dabei zitterten sie selbst vor Angst, denn die fremden Reiter hatten den Ruf, keine Frau ungeschändet zurückzulassen.

Als hätte er Arnulfs Gedanken erraten, sagte Duri: »Du weißt, was sie mit den Weibern machen, oder? Nach jedem ihrer Raubzüge werden im Jahr darauf tausende kleine Ungarn geboren. Wenn das so weitergeht, werden wir bald selbst zu Ungarn.«

Arnulf musste lachen. »Jetzt spinnst du aber.«

»Du wirst sehen«, sagte Duri. »Eines Tages.«

Inzwischen waren sie angekommen. Auf einer kleinen Anhöhe stand ein breiter steinerner Turm. Grau und verwittert hob er sich gegen das dunkle Grün des Tannenwaldes ab, der sich den Berghang hinaufzog. Eine Holztreppe, die man bei einem Angriff hochziehen konnte, führte in den ersten Stock. Im Inneren musste es ziemlich düster sein, denn statt Fenstern gab es nur die Schlitze einiger weniger Schießscharten. Unterhalb des Turms standen im Halbkreis ein paar strohgedeckte Holzhäuser – Ställe, Vorratsschuppen, Werkstätten und auch eine Backstube, wie Arnulf wusste. Eines dieser Häuser war höher und breiter als die anderen. Das war das Herrenhaus.

Wall und Graben rund um Turm und Gebäude waren jetzt wesentlich verstärkt und in ihrem Umfang erweitert worden, damit im Kriegsfall auch die Leute aus den umliegenden Dörfern hier Zuflucht finden konnten. Ob sie bei einem Ungarnangriff überhaupt die Zeit dazu haben würden, war eine andere Frage. Aber so lautete die Anordnung des Herzogs. Überall im Land waren auf ähnliche Weise solch einfache Wehrburgen entstanden.

Duri verabschiedete sich und ging zum Herrenhaus hinüber, während Arnulf im Rund der Einfriedung stehen blieb und sich umsah.

Die Flanken des Walls waren mit Grassoden gesichert, damit der Regen das Erdreich nicht wegschwemmen konnte. Überall waren die Leibeigenen bei der Arbeit. Hammerschläge dröhnten über den weiten Burghof, denn an einigen Stellen wurden noch die Latten aufgenagelt, die die Pfähle der Palisade zusammenhielten. Woanders war man schon dabei, Wehrgänge anzubringen, von denen aus der Feind mit Pfeilen beschossen werden konnte. Der Tordurchlass war in Stein gemauert. Darüber ragte ein hölzerner Turm mit Kampfplattform.

»Was stehst du rum und glotzt? Hast du nichts zu tun?«, fuhr ihn jemand auf bairisch an.

Arnulf erkannte den Mann als einen von Eberlins Kriegsknechten. Die kamen öfter ins Dorf, um Waffen ausbessern oder ihre Pferde beschlagen zu lassen. Nicht selten versuchten sie, mit den Mädchen anzubandeln. Es war nicht lange her, da hatte es Streit gegeben. Einer der Dörfler war niedergestochen worden. Nach einer Untersuchung hatte ausgerechnet die Familie des Toten eine Buße entrichten müssen. Das war es, was der Vogt unter Gerechtigkeit verstand.

»Linard, mein Vater, schickt mich. Es soll was zu schmieden geben.«

»Dann sprich am besten mit dem Waffenmeister. Das ist der große Kerl da drüben. Meinhard heißt er.«

»Ist der neu hier?«

»Seit dem Frühjahr. Wie auch ein paar andere Kameraden. Wir sind jetzt zwanzig Mann auf der Burg. Du kannst deinen Leuten sagen: Kein Jagen mehr in den Wäldern! Wir erwischen jeden.« Er grinste gehässig.

Das Wildern war ein ewiges Ärgernis für den Vogt, wie sie alle im Dorf wussten. Dabei half in schweren Zeiten ein Rebhuhn oder ein Hase im Topf, den Hunger zu stillen. Einen Hirsch zu erlegen war ohne Hundemeute ziemlich schwer. Trotzdem versuchten es einige immer wieder und riskierten dabei harte Strafen. Auch Volkmar und Arnulf hatten schon gewildert. Zum Glück konnte man sich darauf verlassen, dass im Dorf alle den Mund hielten.

»Bei uns wildert keiner«, erwiderte Arnulf.

»Und das soll ich dir glauben? Wir haben letztens wieder Blutspuren gefunden.«

»Muss ein Wolf gewesen sein oder ein Luchs.«

Arnulf ließ den Söldner stehen und ging zu der Stelle, wo dieser Meister Meinhard gerade Anweisungen gab. Es dauerte eine Weile, bis er Zeit für Arnulf hatte. Der Mann war schon etwas älter, aber kräftig gebaut mit Händen wie Schaufeln. Seine Haare hingen ihm wirr in die Stirn, und ein blonder Bart fiel ihm bis auf die breite Brust. Meinhards stahlgraue Augen musterten Arnulf argwöhnisch, als der sich vorstellte.

»Deinen Vater kenne ich«, brummte Meinhard. »Wieso kommt er nicht selbst?«

»Er ist krank, Herr, und schickt mich.«

»Du bist doch noch ein halbes Küken. Kannst du überhaupt schmieden?«

»Klar kann ich schmieden«, erwiderte Arnulf. »Das liegt unserer Familie im Blut. Meine Vorfahren haben schon für die Römer geschmiedet.«

»Ha! Der ist gut. Für die Römer geschmiedet …« Meister Meinhard lachte gutmütig, wobei Arnulf sah, dass ihm ein Zahn fehlte. »Wenn du so gut schmieden kannst, wie Sprüche klopfen, dann will ich es mit dir versuchen. Wir brauchen Nägel, dicke Nägel, und jede Menge davon. Da drüben in der Schmiede liegen noch einige rum, damit du siehst, was gebraucht wird. Also mach dich an die Arbeit.«

Arnulf ging zu der kleinen Schmiede hinüber, die an einer Seite offen und von einem wackeligen Dach gegen Regen geschützt war. Er legte seine Tasche ab und sah sich um. In einem Holzbottich fand er einige fertig geschmiedete Nägel, etwa drei Zoll lang und mit breitem Kopf. Überall lag angerostetes Roheisen in allen Größen und Formen herum. In einer Ecke fand er einen Haufen Stangeneisen, jedes mit regelmäßigen Einkerbungen. Das war sein Rohmaterial für die Nägel. Und der Amboss wies die nötigen Löcher dafür auf. So weit, so gut.

Holzkohle war genug vorhanden. Zumindest für einen Arbeitstag. Er machte sich daran, das Feuer in der Esse anzuzünden. Bald züngelten die Flammen, und er stellte die Luftzufuhr so, dass die Kohle gleichmäßig anbrennen konnte. Eigentlich hätte er es sich sparen können, Werkzeug mitzubringen. Es war alles vorhanden, was er brauchte.

Bald schon legte er noch etwas Kohle nach und betätigte den Blasebalg. Das Feuer war das Wichtigste. Nur eine gute Glut würde das Eisen so erhitzen, dass er es formen konnte. Als es so weit war, schob er ein paar Eisenstangen zwischen die glühenden Kohlen und arbeitete weiter mit dem Blasebalg, um die Hitze zu erhöhen.

Es wurde ihm langsam warm neben der Esse. Er entledigte sich seines Hemdes, band sich die Schürze um und zog seine dicken Lederhandschuhe an. Dann holte er eine der Stangen aus dem Feuer, legte sie auf den Amboss und begann das Ende mit dem Hammer zu bearbeiten, bis es zu einer konischen Spitze geformt war. Die trennte er an der Kerbe ab und steckte sie in eines der Nagellöcher. Die Stange kam zurück in die Glut. Mit ein paar Hammerschlägen stauchte er das überstehende Ende zu einem flachen Nagelkopf. Ein Schlag auf den Amboss ließ den fertigen Nagel aus dem Loch springen.

Auf diese Weise arbeitete er weiter und hatte bald schon den halben Bottich mit Nägeln gefüllt.

Wenn er gehofft hatte, die Tochter des Vogts würde sich zeigen, so wurde er enttäuscht. Auch von ihren Brüdern war nichts zu sehen – angeblich hatte der Vogt Söhne in Arnulfs Alter. Dafür ließ sich gegen Ende des Morgens der Vogt selbst im Burghof blicken. Er trug eine feine, knielange Tunika, Reitstiefel, sein Schwert an der Seite und ein Wolfsfell um die Schultern, denn es war ein kühler Tag.

Ohne die verdrießliche Miene, die ständig auf seinem Gesicht zu liegen schien, wäre er mit der hohen Stirn und der geraden Nase ein gutaussehender Mann gewesen. In Meinhards Begleitung machte Vogt Eberlin die Runde, um einen Blick auf die Arbeiten zu werfen, ließ hier und da eine Anmerkung fallen oder gab seinem Missfallen Ausdruck. Schließlich blieben sie auch vor der Schmiede stehen. Arnulf wagte kaum, den Blick zu heben. Der Vogt hatte ihn erkannt, so viel ließ sich aus der missbilligenden Miene entnehmen. Doch er sagte nichts, und gleich darauf gingen sie weiter.

Zur Mittagsstunde hielt Arnulf schweißgebadet inne, um sich auszuruhen und etwas zu essen. Er wollte schon weiterarbeiten, als Meister Meinhard kam, um seine Nägel zu begutachten. »Gute Arbeit. Ich sehe, du kannst tatsächlich schmieden. Übrigens, wenn es dir an Holzkohle fehlt, nimm dir ein Maultier aus dem Stall und hol dir vom Köhler im Wald, was du brauchst. Der rechnet dann mit uns ab. Du weißt, wo du ihn findest?«

»Natürlich.«

Sein Blick strich über Arnulfs Schultern und Oberarme. »Ich sehe, du bist ein kräftiger Bursche. Kannst du eigentlich mit Schild und Speer umgehen?«

Arnulf zögerte, dann schüttelte er entschieden den Kopf. »Nein, Herr. Mit Waffen kenne ich mich nicht aus.«

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn er und Volkmar hatten wie andere Jungs mit stumpfen Speerschäften gespielt. Sogar kleine Schilde hatte Linard ihnen gemacht. Und Reiten hatten sie auf dem Maultier der Familie gelernt. Aber richtige Waffen besaßen sie natürlich nicht, das war den Bauern nicht erlaubt. Stattdessen waren aus dem Spiel später ernsthafte Übungen mit harten Kampfstäben geworden, denn in unsicheren Zeiten war es gut, wenn man Besitz und Familie zu verteidigen wusste. Arnulf war also nicht ungeübt. Er war sogar besser als sein älterer Bruder. Doch das musste der Waffenmeister ja nicht wissen. Auch dass er mit dem Bogen umgehen konnte, behielt er für sich. Denn Bogenschützen kamen schnell als Wilddiebe in Verdacht.

»Bist du sicher?« Meinhard sah ihn scharf an. »Wir könnten nämlich noch ein paar Kämpfer gebrauchen.«

Arnulf schüttelte erneut den Kopf. »Wir sind nur Bauern und Handwerker, Herr, keine Krieger.«

Er wollte sich nicht in die Gruppe der wehrhaften Bauern zwingen lassen, die neben den Söldnern die Burg zu verteidigen hatten. Die mussten regelmäßig den Kampf auf den Wällen oder in der Schildwand proben. Vorzugsweise wurden dazu freie Bauern und Pächter verpflichtet. Wahrscheinlich, weil sie ihr Land mit mehr Überzeugung verteidigten als Leibeigene. Nein, als Krieger sah er sich nicht. Außerdem würde ihm das zu viel von seiner Zeit in der Werkstatt stehlen.

Der Waffenmeister betrachtete ihn immer noch misstrauisch, aber dann fiel ihm etwas anderes ein. »Sag mal, kannst du eigentlich Speerköpfe schmieden?«

»Klar, warum nicht?« Arnulf hatte das zwar noch nie selbst versucht, aber dem Vater schon oft dabei zugesehen. »Wie viele braucht Ihr?«

»Nun, drei Dutzend haben wir in der Waffenkammer. Aber das würde ich gern verdoppeln. Und Beschläge für Schilde brauchen wir auch noch. Du oder dein Vater, wenn er wieder gesund ist, ihr werdet noch eine Weile zu tun haben.«

Arnulfs Augen leuchteten. Speerköpfe waren vielleicht eine Herausforderung, aber besser als das langweilige Nägelschmieden. »Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Meister Meinhard.«

»Sie müssen nicht schön aussehen, aber solide sollen sie sein. Nicht, dass sie beim ersten Stoß gegen Brünne oder Schild zerbrechen, hast du verstanden?«

Roheisen war brüchig und enthielt Schlacken vom Schmelzen des Erzes, die das Werkstück schwächten. Nur durch sorgfältiges Schmieden erhielt man so etwas wie brauchbaren Stahl. »Keine Sorge, Herr«, sagte Arnulf bestimmt. »Ich weiß, was zu tun ist.«

»Und nicht zu schwer sollen sie sein. Ich bring dir nachher einen Speer als Vorlage. Die nötigen Schäfte besorge ich dir auch.«

»Glaubt Ihr denn wirklich, dass die Ungarn kommen?«

»Das weiß keiner. Aber es ist besser, sich darauf vorzubereiten. Ansonsten bete zu Gott, dass sie uns verschonen.«

»Meint Ihr, der Vogt und Eure Männer, Ihr könnt sie aufhalten?«

Meinhard zuckte mit den Schultern. »Aufhalten wohl kaum. Dazu bräuchten wir ein ganzes Heer. Ich denke aber, die Burg werden sie umgehen und weiterreiten, um leichtere Ziele auszuplündern. Auf dem Rückweg aber, wenn sie schwer mit Beute beladen sind, dann sind sie verwundbar, dann können wir sie in einen Hinterhalt locken.«

»Das heißt, Ihr lasst sie einfach durchziehen und Dörfer verwüsten?«

»Weißt du was Besseres, Bürschchen?«, knurrte Meinhard gereizt. »Warum denkst du eigentlich, dass wir die Wehrburg erweitern?«

»Als Zuflucht.«

»Ganz recht. Im Notfall, immer vorausgesetzt, wir bekommen früh genug Wind von ihrem Kommen, sollen so viele von euch Bauern untergebracht werden wie möglich. Sicher auch deine Familie. Und alle Männer, auch du, werden helfen müssen, die Burg zu verteidigen. Hast du verstanden?«

Arnulf senkte den Blick und nickte. »Natürlich.«

»Und dafür brauche ich Speere. Also mach dich an die Arbeit!«

Nun, dagegen war nichts einzuwenden, im Gegenteil. Jede Speerspitze würde ein Silberstück bringen. Und vielleicht würde er dann doch noch die edle Gisela zu Gesicht bekommen.

DIE TOCHTER DES VOGTS

Als Arnulf verschwitzt und schmutzig von der Arbeit nach  Hause kam, dunkelte es bereits. Schon von Weitem beschlich ihn das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Auf dem Hof war es ungewöhnlich still. Auf einer Bank vor der Hütte saß sein Bruder vornübergebeugt und hatte den Kopf in die Hände gestützt. Arnulf erschrak. Das konnte nur eines bedeuten.

»Was ist los?«, fuhr er seinen Bruder an. »Vater ist doch nicht tot?«

Der sah auf und schüttelte den Kopf. »Nein, ist er nicht. Aber es geht ihm schlecht. Mutter macht sich große Sorgen.«

Arnulf war erleichtert und beklommen zugleich. Er betrat die Hütte. Im Inneren herrschte trübes Halbdunkel. Nur das Kochfeuer und ein Kienspan an der Schlafstatt der Eltern verbreiteten etwas Licht. Die schwangere Dorela stand am Feuer und rührte schweigend in einem Topf. Sie sah ihn an und hob hilflos die Schultern. Auf dem Lager lag Linard, nur mit einem Leinenhemd bekleidet. Braida und Jelscha hockten daneben. Seine Schwester warf ihm einen kurzen Blick zu, dann beugte sie sich vor und wischte dem Vater den Schweiß von der glühenden Stirn. Jelscha saß ganz still und hielt Linards Hand umklammert. Ihr Gesicht war nass von Tränen.

Arnulf hockte sich ans Fußende und betrachtete besorgt den Kranken. Linards Hemd war durchgeschwitzt. Die geschlossenen Augen lagen in dunklen Höhlen, die bärtigen Wangen waren so hohl, als habe das Fieber alles Fleisch weggebrannt. Das Atmen schien ihm große Mühe zu bereiten, denn in der Brust rasselte und pfiff es wie in einem alten Blasebalg. Einmal öffnete der Vater blinzelnd die Augen, nickte seinem Sohn zu, schloss sie wieder. Es war schrecklich, ihn so schwach zu sehen – Linard, der sonst nie krank war. Gerade deshalb fürchteten sie nun das Schlimmste.

Jelscha wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht, seufzte und kam so mühsam auf die Beine, als trüge sie eine schwere Last. Mit zitternden Händen machte sie sich daran, die Wadenwickel zu erneuern, mit der sie das Fieber ihres Mannes zu senken hoffte. Arnulf hatte sie noch nie so mutlos und niedergeschlagen gesehen.

»Lass mich das machen, Mutter.« Er stand auf und nahm ihr das feuchte Tuch aus der Hand.

Sie klammerte sich an ihn und begann zu schluchzen. »Ich ertrage es nicht«, flüsterte sie. »Nicht das.«

Er legte die Arme um ihren weichen Leib. Sie roch nach Holzkohle, Kuhmilch und ranziger Butter. Dazu der ganz eigene, süßliche Geruch, der ihm seit frühester Kindheit vertraut war. Schwach und klein kam sie ihm auf einmal vor. Sie, die immer die Starke gewesen war. Nie hatte er an ihrer unbändigen Kraft gezweifelt. Aber vielleicht war sie auch nur so stark gewesen, weil immer ein Kerl wie Linard an ihrer Seite gestanden hatte. Nun war ihre Welt erschüttert und ins Wanken geraten.

Er wollte ihr sagen, sie solle sich nicht sorgen, hatte sie doch Söhne, die sich immer um sie kümmern würden. Doch dann hielt er die Worte zurück. Denn noch lebte der Vater, und an den Tod zu denken war, als würde man ihn heraufbeschwören.

»Vater ist unverwüstlich«, flüsterte er ihr zu. »Mehr als wir alle zusammen. Bald erholt er sich, du wirst sehen.«

Mit rotgeweinten Augen sah sie zu ihm auf und nickte. »Ich hoffe es.«

Volkmar betrat die Hütte. Auch er umarmte seine Mutter. Die Gegenwart ihrer Söhne schien sie ein wenig aufzumuntern. Sie fasste beide bei den Händen und zog sie hinüber zu Linards Bett. »Kommt. Wir wollen beten.«

Sie knieten auf dem Boden, auch Dorela, trotz ihres schweren Bauchs. Sie fassten sich an den Händen und flehten zu Gott, ihnen den Vater nicht zu nehmen. Jelscha versprach, noch am gleichen Abend eine Ziege zu schlachten und als Blutopfer darzubieten. Eine heidnische Tradition. Aber schaden würde es nicht, denn war nicht auch in der Bibel vom Opferlamm die Rede?

Die ganze Nacht über lösten sie sich ab, kühlten dem Vater die Stirn, wechselten die Wadenwickel, hoben seine Schultern, wenn er wieder einen dieser schrecklichen Hustenanfälle bekam, bei denen er fast zu ersticken drohte, und flößten ihm lauwarmen Kräuteraufguss ein, damit er nach all dem Schwitzen nicht austrocknete.

Am nächsten Morgen ging es Linard kaum besser, aber auch nicht schlechter. Das gab ihnen Hoffnung. Unausgeschlafen und mit Kummer im Herzen machte Arnulf sich auf den Weg zur Wehrburg. Er hätte daheimbleiben und der Mutter beistehen sollen, aber sie konnten es sich schlecht leisten, das Silber auszuschlagen, das seine Arbeit einbrachte, oder gar den Unmut des Vogts herauszufordern.

Das trübe Wetter der vergangenen Tage war davongezogen. Es war warm, und weiße Wölkchen segelten auf dem weiten Himmelsblau. Darunter prangten die Berge im lichten Grün des Laubwaldes oder im dunklen, fast schwarzen Grün der Tannen in den höheren Lagen. Ganz oben glitzerten die felsigen Spitzen des Gebirges in der Sonne. Ein wenig nagte das Schuldgefühl an ihm. Denn insgeheim war er froh, dem Krankenlager und den Sorgenmienen der Frauen entflohen zu sein und frische Luft zu atmen.

Unterwegs traf er auf Lole, die sich zu den Feldern der Vogtei begab, um ihren Frondienst zu leisten.

»Wo hast du gesteckt?«, fragte sie mit einem kecken Lächeln. »Hab dich seit der Johannisnacht nicht mehr gesehen.« Sie hatte wohlgeformte Waden und Brüste, die einen ständig zum Hinstarren verleiteten. Was ihn ärgerte, denn im Grunde lag ihm nichts an Lole.

»Ich arbeite auf der Burg. Muss Speerspitzen schmieden.«

Sie machte große Augen. »Wirklich? Erst weiten sie die Wehrburg aus, und jetzt sollst du Waffen schmieden? Dann ist es also wahr, dass die Ungarn kommen.«

Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«

Sie fasste ihn am Arm. »Müssen wir Angst haben?«

»Falls sie kommen, lauft so schnell wie möglich zur Wehrburg. Da seid ihr in Sicherheit. Oder versteckt euch im Wald.«

Sie sah ihn zweifelnd an. »Ach, ich glaube nicht, dass sie kommen. Hier waren sie doch noch nie. Überhaupt, was sollten sie hier schon stehlen?«

»Deine Jungfräulichkeit«, entfuhr es Arnulf, ehe er sich zurückhalten konnte. Warum zum Teufel hatte er das gesagt? Natürlich hatte man Geschichten gehört, dass sie angeblich alle Weiber schändeten. Aber darüber machte man keine Scherze. Am liebsten hätte er sich die Zunge abgebissen. »Entschuldige, Lole.«

Aber es schien sie nicht sonderlich zu kümmern. Im Gegenteil. Mit einem anzüglichen Grinsen trat sie ganz dicht an ihn heran. »Wenn schon, dann lass ich sie mir lieber von dir stehlen, Arnulf.«

Ihre unverblümte Annäherung machte ihn verlegen, und er trat einen Schritt zurück.

»Hab ich dich jetzt erschreckt?«, fragte sie und lachte ausgelassen.

»Ich muss gehen, Lole. Keine Zeit zum Reden.« Er nickte ihr kurz zu und nahm seinen Weg wieder auf.

»Lass dich mal wieder sehen«, rief sie ihm hinterher. Ihre Stimme klang enttäuscht.

Er hob nur kurz die Hand, ohne sich umzusehen. Blöd kam er sich vor. Volkmar hätte das bestimmt ganz anders gemacht. Der hätte die Gelegenheit genutzt und sich einen Kuss gestohlen. Wenn nicht mehr. Aber Arnulf war nicht Volkmar. Er war zurückhaltender, was Mädchen anging. Überhaupt war er nicht so ein Heißsporn wie Volkmar, der oft loslegte, ohne nachzudenken.

Möchte wissen, warum die mir nachstellt, fragte er sich ärgerlich. Weiß sie denn nicht, dass es verboten ist, mit einer wie ihr zu liegen? Und eine Leibeigene zu heiraten kam schon gar nicht in Frage. Das ging nur mit Zustimmung ihres Herrn. In dem Fall würden auch die Kinder ihr Leben lang Leibeigene sein. Wer wollte denn so was?

Den ganzen Vormittag über war er nachdenklich und niedergeschlagen. Linard ging ihm nicht aus dem Sinn, wie er schweißgebadet auf dem Lager lag und sich die Seele aus dem Leib hustete. Mit seinem Vater hatte ihn schon immer viel verbunden. Mit ihm konnte er sich verständigen, ohne viel zu sagen. Sein Tod würde ein großes Loch in die Familie reißen. Und ohne Linard würden sie auch nicht die Arbeit schaffen, die Hof und Werkstatt ihnen abverlangten. Volkmar würde noch einen Knecht finden müssen, zumal Jöri langsam alt wurde.

Als Erstes schmiedete Arnulf noch mehr Nägel, denn die vom Vortag waren zur Hälfte aufgebraucht. Am frühen Nachmittag – er hatte nach seiner Brotzeit gerade wieder mit der Arbeit begonnen – bemerkte er, wie die junge Gisela ihr Pferd aus dem Stall zog. Ein hübscher Apfelschimmel, edel aufgezäumt. Einer der Pferdeknechte half ihr in den Sattel. Arnulf unterbrach für einen Augenblick die Arbeit. Sie musste ihn gesehen haben, schließlich machte sein Hämmern genug Lärm. Aber sie verschwendete keinen Blick an ihn und ritt ohne Begleitung zum Tor hinaus.

»Mach den Mund zu und starr dem Mädel nicht nach!«, knurrte plötzlich Meinhard neben ihm. »Wann fängst du endlich mit den Speerköpfen an? Wir brauchen jetzt keine Nägel mehr.«

»Sie reitet allein?«, fragte Arnulf. »Wohin?«

»Was weiß ich? Sie will ihr Pferd in Bewegung halten. Was geht’s dich an?«

»Nur so. Ach, übrigens: Ich muss Holzkohle besorgen.«

»Dann geh in den Stall und lass dir ein Maultier geben.«

Der Pferdeknecht half ihm, eines der Tiere aufzuzäumen und geflochtene Tragekörbe auf dessen Rücken zu schnallen. Damit zog er los. Zwei Leibeigene aus dem Dorf wechselten ein paar Worte mit ihm, dann schritt er durchs Tor. Das Maultier folgte brav.

Ein vielbegangener Pfad führte zum Meilerplatz, der tief im Wald lag, ein Stück weit den Berghang hinauf. Arnulf war schon oft dort gewesen, um Holzkohle für die heimische Werkstatt zu holen. Der Weg führte zunächst zwischen hohen Buchen hindurch. Hier lag der Wald still. Nur das Hämmern eines Spechts war zu hören, und die rauen Schreie einer Krähe, die sich gestört fühlte. Später wurde das Unterholz dichter und der Weg steiler. Insgeheim hoffte er, dem adeligen Fräulein zu begegnen, aber sie war nirgends zu sehen.

Der Meilerplatz lag auf ebenem Grund und mitten auf einer kleinen Lichtung, hinter der sich ein dunkler Tannenwald den Berg hinaufzog. Das Plätschern eines Bachs war zu hören. Rauch stieg aus dem mit Erdreich bedeckten Meiler. Innen schwelte das Feuer, um Holz in Kohle zu verwandeln.

Der Köhler war ein rauer Kerl unbestimmten Alters. Hinter einem grauen Gewirr von Haar und Bart konnte man das Gesicht kaum erkennen. Sein Hemd war verdreckt und voller Löcher, die Hände klobige Pranken. Er war gerade dabei, ein Holzstück mit dem Eisenkeil und einem wuchtigen Hammer zu spalten. Auf dem Boden lag eine viel genutzte Axt. Ein paar Schritte weiter aalte sich ein Hund in der Sonne, genauso struppig und ungepflegt wie sein Herr.

Der Köhler deutete auf den offenen Schuppen, wo die Holzkohle untergebracht war, neben dem Verschlag, in dem er schlief. »Nimm dir, was du brauchst«, sagte er. »Ist es für Linard?«

»Nein, für den Vogt.«

»Wie geht es deinem Vater?«

»Schlecht. Ein Lungenfieber hat ihn erwischt.«

Der Köhler brummte missmutig. »Daran ist schon mancher verreckt.« Er betrachtete Arnulf aus triefenden Augen. »Nicht, dass ich es ihm wünsche. Dein Alter ist ein guter Mann.« Damit machte er sich wieder an seine Arbeit.

Arnulf füllte die beiden Körbe mit Kohle und machte sich auf den Weg zurück zur Burg.

Kaum hatte er den Buchenwald verlassen, hörte er hinter sich das Geräusch von Pferdehufen. Es war Gisela, die ihn einholte und eilig an ihm vorübertrabte. Erdklumpen flogen von den Hufen. Das Maultier scheute und zerrte am Halfter. Eingebildete Ziege, dachte Arnulf.

Als hätte sie ihn gehört, zog sie plötzlich am Zügel und wendete ihren Gaul. »Ach, du bist’s«, rief sie und grinste. »Der freche Bauernlümmel vom Johannisfest.«

Arnulf blieb stehen. »Ich bin Schmied.«

»Das ist ja wohl kaum zu überhören, so viel Lärm, wie du machst.«

Ihm fiel keine Antwort ein. Überhaupt war seine Zunge wie gelähmt – jetzt, da er zum ersten Mal Gelegenheit hatte, sie richtig in Augenschein zu nehmen. Das Mädchen war eine himmlische Erscheinung. Schlank und feingliedrig, das Antlitz vom Reiten leicht gerötet, die blonden Haare zu einem langen Zopf geflochten, der ihr bis auf den Rücken fiel. Sie trug eine kurze Tunika aus feinem Gewebe über einer bauschigen Reithose. Die kleinen Füße steckten in kalbsledernen Stiefeln. In nichts glich sie auch nur im Entferntesten einer wie Lole.

Doch es war nicht das, was ihn unsicher machte, sondern der spöttische Blick aus blassblauen Augen, die wie Eis schimmerten. Plötzlich schämte er sich seiner schäbigen Kleider und der von der Kohle verdreckten Hände. Und es fiel ihm ein, dass er sich vor ihr hätte verbeugen sollen.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Arnulf, Herrin.«

»Und hast du noch lange zu tun auf der Burg?«

Er nickte. »Noch eine Weile.«

»Dann sehen wir uns ja noch öfter.« Sie zwinkerte ihm lächelnd zu, wendete den Apfelschimmel und ritt davon.

Etwas benommen blickte er ihr nach. Was zum Teufel, war denn davon zu halten?

Am Nachmittag, nachdem das Feuer in der Esse die richtige Hitze entwickelt hatte, begann er mit den Vorbereitungen, um seine ersten Speerköpfe zu schmieden. Während zwei vierkantige Stangen aus Rohstahl so lange in der Glut lagen, bis sie hellrot leuchteten, besah er sich genau den Speerkopf, den Meinhard ihm gebracht hatte. Dann nahm er eine der Stangen heraus und fing an, das Ende auf dem Amboss flach auszuschmieden. Er bog es um und faltete es unter stetigen Hammerschlägen auf sich selbst. Erst brachte er das Werkstück in der Esse erneut zum Glühen, bevor er es mit schnellen Hammerschlägen zusammenfügte und schließlich wieder flachhämmerte. Danach kam es wieder in die Glut, und er machte mit dem anderen Stück weiter.

Zwischendurch musste er immer wieder Holzkohle nachlegen und den Blasebalg betätigen, um die Hitze hochzuhalten. Er arbeitete mit nacktem Oberkörper, denn die Arbeit war schweißtreibend. Einmal fühlte er sich beobachtet. Sofort kam ihm Gisela in den Sinn. Doch als er sich umdrehte, war es Meinhard, der zu ihm herüberblickte. In seiner Begleitung war ein gut gekleideter junger Mann, der älteste Sohn des Vogts. Meinhard winkte Arnulf kurz zu, dann gingen sie wortlos weiter.

Arnulf wandte sich wieder seinem Amboss zu. Warum kam ihm dauernd diese Gisela in den Sinn? Er sollte besser schmieden, als sich mit Mädchen zu beschäftigen – besonders nicht mit adeligen. Außerdem half die Arbeit, nicht über Vaters Zustand nachzugrübeln oder darüber, ob er den Tag überleben würde.

Das wiederholte Falten und Flachhämmern diente dazu, den Rohstahl geschmeidiger zu machen. Es trieb Schlacken und Rückstände heraus, die das Metall sonst schwächen würden. Erst wenn beim Hämmern keine Funken mehr sprühten, konnte er einigermaßen sicher sein, dass das Stück schlackenfrei war. So verwandelte sich das Eisen langsam in brauchbaren Stahl, wurde härter und zugleich elastischer.

Jetzt war es an der Zeit, das Ende der Stange zu einer langen, konischen Spitze mit abgeflachten Flügeln zu formen, der eigentlichen Speerspitze. Das Schwierigste kam zuletzt, nämlich die Tülle, in die der Speerschaft passen und in der er verankert werden musste. Dazu trennte er das Werkstück an entsprechender Stelle von der Stange ab, erhitzte es erneut und hämmerte das glühende Ende zu einem flachen Fächer, den er schließlich rund um einen Dorn bog, bevor er die Enden erneut verschweißte.

Das fertige Stück wurde noch einmal erhitzt, bis es glühte. Arnulf bohrte zwei Löcher in die Tülle für den Nagel, der den Schaft halten sollte, dann wurde die Speerspitze im Wassertrog abgeschreckt, um den Stahl zu härten. Fehlte noch der Schliff der scharfen Kanten, aber das würde er am nächsten Tag erledigen.

»Na ja«, brummte Meinhard, als er die beiden ersten Speerköpfe begutachtete. »Dieser hier ist viel zu dick und zu schwer. Und bei dem anderen ist die Tülle zu eng, meine ich.«

»Die nächsten werden besser«, sagte Arnulf verlegen. »Ich verspreche es.«

Meinhard sah ihn misstrauisch an. »Gib’s zu, du hast mich belogen. Im Grunde hast du das noch nie gemacht, oder?«

Arnulf wurde rot. »Sind sie wirklich so schlecht?«

Mit drohend zusammengezogenen Brauen starrte der Waffenmeister ihn an. Aber dann entspannten sich seine Züge, und er grinste. »Nein, so schlecht sind sie nicht. Also mach weiter. Und morgen bringe ich dir die Eschenschäfte.«

Als Arnulf am Abend heimkam, war das Fieber des Vaters ungebrochen. Der Husten schien fast noch schlimmer geworden zu sein, obwohl er sich etwas zu lösen schien. Zumindest gelang es ihm, ein wenig von dem Brei zu schlucken, den Jelscha für ihn gekocht hatte. Sie wusch seinen ausgemergelten Leib und zog ihm ein trockenes Hemd an. Sie flößte ihm Wasser ein, denn es war stickig in der Hütte, und Linard schwitzte immer noch reichlich. Er ließ alles über sich ergehen und lächelte matt, als sie ihn zärtlich küsste.

Arnulf hatte einen seiner Speerköpfe mitgebracht, um die Arbeit dem Vater zu zeigen. Der schien jetzt ruhiger zu atmen. Er öffnete die Augen und besah sich das Werkstück, fuhr sanft mit den Fingern darüber und murmelte hier und da ein Wort der Beanstandung oder Empfehlung. Bis er wieder husten musste und die Mutter kam und Arnulf vor die Tür schickte.

Draußen hockten Volkmar und Dorela auf der Bank. Neben ihnen der Knecht Jöri. Seine grauweißen Haare standen im starken Gegensatz zu der wettergegerbten Haut. Die drei unterhielten sich leise und in gedrückter Stimmung. Es war ein heißer Tag gewesen, und die milde Abendluft war eine Erleichterung. Hinter den Bergen war die Sonne längst verschwunden, über dem Tal lag die Dämmerung, und nur die Gipfel des Gebirges glühten noch im letzten Licht. Sie redeten über die Ernte. Bisher hatte das Wetter gehalten. Trotzdem lagen Sorgenfalten auf Volkmars Stirn.

»In ein paar Tagen müssen wir das Korn mähen. Aber ohne Vater weiß ich nicht, wie wir es schaffen sollen. Unser Jöri ist nicht mehr der Jüngste, Dorela ist schwanger, und Mutter muss sich um Vater kümmern. Du musst mir helfen, Arnulf. Selbst mit dir wird es kaum reichen.«

»Ich bin nicht krank!«, protestierte Dorela. »Natürlich werde ich euch bei der Ernte helfen.«

»Kommt nicht in Frage. Du bleibst bei Mutter, und keine Widerrede!« Er sah Arnulf an. »Also was ist, Bruder?«

»Ich kann die Arbeit auf der Burg nicht unterbrechen.«

»Nur für ein paar Tage. Bis alles geschnitten und die Garben zum Trocknen aufgestellt sind. Den Rest schaffen wir.«

»Und das Silber, das ich verdiene? Ist das nichts?«

Volkmar wurde ärgerlich. »Natürlich können wir das gebrauchen. Aber wenn das Wetter umschlägt und wir die halbe Ernte verlieren, dann hungern wir im Winter, verdammt nochmal!«

Arnulf nickte niedergeschlagen. »Ich weiß.«

»Ich könnte meinen Bruder fragen«, schlug Dorela vor. Sie war die Tochter eines freien Bauern. »Aber bei uns auf dem Hof ist es nicht anders. In der Erntezeit ist keiner abkömmlich.«

»Und ausgerechnet jetzt zieht der Eberlin auch noch die Leibeigenen ab, um seine verdammte Burg auszubauen. Ich wünschte, der alte Vogt wäre noch am Leben. Der hatte wenigstens ein bisschen Verständnis für uns Bauern.«

Tags darauf meldete sich Arnulf bei Meister Meinhard und bat ihn, der Familie für die kommende Ernte einen der Leibeigenen zu überlassen. Er würde sonst die Speerspitzen nicht schmieden können. »Mein Vater ist schwerkrank, und mein Bruder schafft es nicht alleine.«

»Was geht mich deine Ernte an?«, knurrte Meinhard ungehalten. »Da kann ja jeder kommen. Hier auf der Burg werden alle gebraucht. Und ich bezahle dich fürs Schmieden. Wenn du keine Zeit dafür hast, such ich mir einen anderen.«

Aber Arnulf ließ sich nicht so leicht abweisen. »Mein Vater und ich sind die einzigen Schmiede in der Gegend.«

Meinhards Miene verdüsterte sich. »Denkst du, du kannst mich erpressen, Freundchen? Drei Dörfer weiter flussabwärts ist auch ein Schmied. Dann holen wir uns den.«

»Ich bitte Euch, Herr, helft mir aus!«

»Und was hab ich davon?«

»Meine Mutter macht guten Käse. Davon kann ich Euch etwas abgeben.«

»Käse?« Meinhard kratzte sich am Bart. »Na gut. Dann gib mir dreißig Pfund. Den verteile ich unter meinen Männern. Aber gut gereift, hoffe ich.«

Arnulf schluckte. Dreißig Pfund! Das war eine ganze Menge und einiges wert. »Das ist zu viel. Ich kann Euch zehn Pfund überlassen.«

»Zehn? Dass ich nicht lache!«

Sie feilschten eine Weile und einigten sich schließlich auf zwanzig Pfund. Das waren etwa sieben oder acht Käselaibe nach der Größe, wie seine Mutter sie herstellte. Ein Laib entsprach der Tagesmenge Milch ihrer beiden Kühe. Jelscha würde wütend auf ihn sein, denn sie handelte mit dem Käse und mit ihrer Butter im Tausch gegen andere Notwendigkeiten wie Seife, Wolle, Leinen, Schuhe oder frischen Flussfisch. Manchmal wurden auch die Ausgaben der Werkstatt damit bezahlt, wenn Linard gerade kein Hacksilber mehr hatte für Roheisen oder Holzkohle. Doch was blieb Arnulf anderes übrig? Auf tatkräftige Hilfe für die Ernte konnten sie nicht verzichten.

»Einverstanden. Aber Ihr überlasst mir den Mann für die Dauer der Ernte.«

Meinhard nickte. »Den Käse bringst du mir aber schon morgen. Ich will sehen, wie er schmeckt. Nicht, dass du mir den letzten Dreck andrehst.«

Als Arnulf am Abend von dem Handel berichtete, murrte seine Mutter wie erwartet. Aber Volkmar war zufrieden. »Gut gemacht, Arnulf. Aber ich will den Reto, sag ihm das. Der ist ein guter Arbeiter.«

Dem Waffenmeister war es egal, wen er für die Ernte abstellte, und der Käse mundete ihm auch.

Zur großen Erleichterung der Familie senkte sich in den folgenden Tagen Linards Fieber ein wenig, und auch der Husten löste sich langsam. Aber das war fast noch schlimmer, denn nun zerriss es ihm beim Husten fast die Brust. Zum Glück spuckte er kein Blut. Aber er war noch viel zu schwach, um aufzustehen. Außerdem bestand die Gefahr eines Rückfalls. Der Nachbar, ein kräftiger, noch junger Bauer, hatte sich im letzten Jahr nach einem solchen Lungenfieber viel zu früh wieder an die Arbeit gemacht. Keine Woche hatte es gedauert, und er war gestorben.

Dennoch nahm die Arbeit auf dem Hof langsam wieder den gewohnten Gang. Volkmar und Jöri besserten den Karren aus, den sie für die Ernte brauchten, sahen nach den Feldern, schärften die Sensen und misteten den Stall aus. Jelscha fütterte das Vieh, molk die Kühe, sammelte ihre Milch in einem großen Bottich und machte sich daran, wie jeden zweiten Tag, ihren Käse herzustellen. An den Tagen dazwischen mahlte sie Korn, knetete Teig und buk Brot mit den anderen Frauen im gemeinschaftlichen Backofen des Dorfes. Dorela und Braida kümmerten sich ums Waschen, um den Gemüsegarten, ums Essenkochen und um die Pflege des Kranken.

Mit Bangen beobachteten die Männer täglich den Himmel. Aber das Wetter hielt. Weiterhin blieb es warm und trocken.

Arnulf arbeitete weiter auf der Burg. Seine Speerspitzen wurden immer besser. Eines beunruhigte ihn jedoch, denn schon zweimal, wenn er mit dem Maultier an der Leine durch den Wald zum Köhler gewandert war, war die Vogttochter auf ihrem Apfelschimmel wie durch Zufall aufgetaucht und hatte darauf bestanden, sich mit ihm zu unterhalten. Diesmal saß sie sogar ab und ließ sich auf einem umgefallenen Baumstumpf nieder.

»Komm, setz dich her«, sagte sie.

Die Aufforderung war für Arnulf völlig unerwartet und irgendwie auch unerhört. Schließlich war sie die Tochter des Vogts. Ihm fielen die Worte seiner Mutter ein, sich von den Hochwohlgeborenen fernzuhalten.

»Ich glaube, das gehört sich nicht«, murmelte er verlegen.

»Ach was! Ich verspreche dir, ich beiße nicht.«

Nun, er wollte kein unhöflicher Klotz sein. Zumal sie ihn so einladend anlächelte. Vorsichtig blickte er sich um. Ihr Pferd stand am Wegrand und rupfte an den Gräsern. Daneben das geduldige Maultier. Nichts rührte sich im Wald. Sie waren allein. Das war einerseits gut, andererseits auch nicht. Mit Bedacht ließ er sich, vorsichtshalber drei Fuß von ihr entfernt, auf dem halb vermoderten Stamm nieder.

Gisela schien belustigt über seine Befangenheit. Sie wandte sich ihm unbekümmert zu, beugte sich etwas vor und betrachtete ihn so eingehend, als wollte sie sich sein Gesicht einprägen.

»Was seht Ihr mich so an, Herrin?«

»Na, warum wohl?« Sie lachte ausgelassen. Und ihre Zähne leuchteten weiß. »Weil du mir gefällst, du Dummkopf.«

»Was soll einer Dame wie Euch an mir gefallen?«

»Das verrate ich dir nicht. Könnte dir am Ende zu Kopf steigen.« Spitzbübisch blinzelte sie ihn an. Dann betrachtete sie seine Augen, als wollte sie diese genau untersuchen. »Seltsam. Leute, die blaue Augen haben, sind fast immer blond«, sagte sie. »Jedenfalls haben sie nicht so dunkle Haare wie du. Und doch hast du genauso blaue Augen wie ich. Nur nicht so hell.«

Unwillkürlich fasste Arnulf sich ans Haar. Unter ihrer Musterung fühlte er sich unwohl. »Darüber habe ich noch nie nachgedacht.«

»In meiner Familie gibt es nur Blonde. Aber ihr Welschen seid eben anders.«

Arnulf hätte ihr von seiner rothaarigen Schwester erzählen können, aber er fand es lächerlich, über so etwas zu reden. Stattdessen schwieg er lieber. Vielleicht sollte er jetzt besser aufstehen und gehen.

»In Regensburg war es lustiger als hier«, sagte sie. »Da hatte ich viele Freunde. Und es gab Feste. Am Sonntag nach der Messe traf sich alles am Dom. Regensburg ist eine Bischofsstadt, weißt du.« Darunter konnte sich Arnulf wenig vorstellen, doch fragen mochte er auch nicht. »Hier ist es so langweilig«, fuhr sie fort. »Nichts als Berge, Wald und Wiesen. Und Vaters Kriegsknechte. Ungehobelte Kerle alle.«

»Aber Ihr habt doch Eure Brüder.«

»Ach, die. Die reden nicht mit mir. Für die bin ich nur ein Mädchen. Für meine Brüder zählen allein Pferde und Waffen.«

Sie schwiegen eine Weile. Sicher erwartet sie, dass ich etwas sage, dachte er. Nur, worüber sollte er mit einer Adeligen reden? »Ich sitze gern abends am Fluss«, stieß er schließlich aus lauter Verlegenheit hervor. »Er fließt so ruhig dahin. Man hört die Frösche am Ufer oder schaut den Enten zu.«

»Wirklich?«, erwiderte sie gelangweilt.

Offensichtlich war das nichts für Gisela. Und so schwiegen sie wieder. Verstohlen blickte er sie von der Seite an. Ein Sonnenstrahl, der durch das Laubdach fiel, beleuchtete ihr Gesicht. Auf der Oberlippe waren winzige goldene Härchen zu sehen. Die Wangen waren leicht gerötet, und an dem milchweißen Hals pulste eine Ader. Arnulf ertappte sich dabei, dass er diese Stelle gern geküsst hätte.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, fühlte er sich zunehmend unwohl. Mit diesem Mädchen zu plaudern, als seien sie Gleichberechtigte, das konnte nicht gutgehen. Noch einmal sah er sich verstohlen um. Hoffentlich sah niemand sie beide hier sitzen. Gisela bückte sich und pflückte eines der Gänseblümchen, die im Gras wuchsen. Mit spitzem Finger zupfte sie an den kleinen Blütenblättern.

»Hast du eigentlich eine Liebste?«, fragte sie und sah ihn an.

Er hielt einen Moment den Atem an. Vielleicht hatte die Frage nichts zu bedeuten. Aber Arnulf war nicht auf den Kopf gefallen. Er wusste schon, was es hieß, wenn Mädchen so etwas wissen wollten. Er spürte sein Herz klopfen und ermahnte sich, auf der Hut zu sein.

Gisela begegnete seinem misstrauischen Blick mit Unschuldsmiene. »Nun sag schon! Hast du?«

»Warum wollt Ihr das wissen?«

»Nur so.« Sie lachte ihn an, aber um Mund und Augen lag etwas, das ihm nicht gefiel. »Bestimmt eine aus deinem Dorf. So ein Bauerntrampel.«

Das reichte. Arnulf erhob sich. »Ich geh wohl besser. Man wartet auf mich.«

»Wirklich?« Ihre schönen eisblauen Augen hielten ihn gefangen. »Morgen Nachmittag können wir uns ja wieder treffen«, sagte sie und lächelte. »Hier am gleichen Ort. Dann kannst du mir von deiner Liebsten erzählen. Und was ihr so treibt.«

Bei ihrer letzten Bemerkung war ihm das Blut ins Gesicht gestiegen. »Ich weiß nicht recht, Herrin. Euer Vater … Ich glaube, es ist besser …«

»Ich befehle es!«, sagte sie plötzlich in einem so herrischen Ton, dass er zusammenzuckte. »Ich erwarte dich hier um die gleiche Zeit.«

Arnulf nickte benommen. »Wie Ihr wünscht, Herrin.«

»Und behalt es gefälligst für dich! Muss nicht jeder wissen.«

Er griff nach dem Halfter seines Maultiers. Ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen, wanderte er eilig zurück zur Burg.

Ihr ist langweilig, dachte er, und ich soll wohl ihre Zerstreuung sein. Sie hat nichts Besseres zu tun, als mit mir zu spielen. Sollte er mit Meinhard darüber reden? Nein, lieber nicht. Sie sah zwar aus wie ein Engel, aber sie war bestimmt keiner. Adeligen war nicht zu trauen. Sie würde sich rächen, wenn er sie verriet. Aber vielleicht war seine Vorsicht auch übertrieben, und sie wollte sich nur ein bisschen die Zeit vertreiben. War nichts Schlimmes dabei. Außerdem hatte sie ihm einen Befehl erteilt, dem er sich schlecht verweigern konnte. Er würde eben vorsichtig sein müssen.

Arnulf hatte bereits mehr als ein halbes Dutzend von den geforderten Speerköpfen geschmiedet. Als er am Nachmittag vom Köhler zurückkam, setzte er sich an das Schleifrad, um sie zu schärfen. Das Schleifen erhitzte den Stahl, und zu viel davon würde ihm die Härte nehmen. Deshalb kühlte er das Werkstück immer wieder in einem mit Wasser gefüllten Bottich ab. Besonders mit der schmal zulaufenden Spitze ging er vorsichtig um, und am Ende glättete und schliff er den Stahl mit einem Ölstein zu mörderischer Schärfe. Er setzte den Speerkopf auf einen ausgesuchten, sechs Fuß langen Schaft aus Esche, steckte einen Stahlstift durch die Bohrung und hämmerte die Enden flach.

»Das ist Arnulf, unser junger Schmied«, hörte er Meinhard sagen und blickte von der Arbeit auf.

Neben dem Waffenmeister standen der Vogt und sein ältester Sohn. Der hieß Eberhard, wie Arnulf wusste, und war ein breitschultriger junger Kerl mit kalten, blauen Augen. Der Vogt warf nur einen flüchtigen Blick auf Arnulf und griff nach einem der neuen Speere, die an der Wand lehnten. Er prüfte, ob der Schaft gerade war, und betrachtete dann den stählernen Speerkopf. Mit dem Daumen fuhr er über die geschärften Kanten und besah sich die lange, konische Spitze.

»Hoffentlich brechen die nicht gleich«, brummte er.

»Nein, Herr«, erwiderte Arnulf, etwas verunsichert von der Gegenwart des Vogts. »Das ist gehärteter Stahl.«

Meinhard sprang ihm zur Seite. »Ich wette, die dringen mit Leichtigkeit durch jeden Kettenpanzer«, behauptete er.

Der Vogt nickte und stellte wortlos den Speer zurück. Anscheinend war er mit der Arbeit zufrieden.

»Na ja, Speerspitzenschmieden ist ja keine große Sache«, meinte Eberhard mit geringschätzigem Blick auf Arnulf, während sein Vater noch einen zweiten Speer zur Hand nahm. »Aber was ist mit einem Schwert? Einem richtig guten?«

»Ein Schwert?« Arnulf sah ihn erstaunt an.

Eberhard wandte sich an Meinhard. »Dein Bursche hier kann gewiss den Blasebalg bedienen und auf dem Amboss herumhämmern, aber richtige Schmiedekunst ist was anderes. Ich wette, der hat keine Ahnung, wie man ein Schwert zustande bringt, ohne dass es beim ersten Hieb zerbricht.«

Arnulf wurde rot vor unterdrücktem Zorn. Für den sind wir nur dumme Bauern, fuhr es ihm durch den Kopf. So ein eingebildeter Pinsel! Und doch, in einem hatte der Kerl recht: Ein gutes Schwert zu schmieden, das war etwas anderes als Speerspitzen. Die Klinge musste leicht sein und hart, und doch auch biegsam und geschmeidig. Das erforderte viel Zeit und Arbeit. Nicht umsonst waren Schwerter so teuer. Nur Adelige oder gut bezahlte Söldner konnten sie sich leisten. Die meisten, die in den Krieg zogen, hatten sich mit Speeren zu begnügen.

»Ich weiß sehr wohl, wie man ein Schwert schmiedet«, stieß er hervor und funkelte Eberhard trotzig an. Eine unüberlegte Bemerkung, denn obwohl sein Vater ihm die Sache schon mal erklärt hatte, hatte er natürlich keine eigenen Erfahrungen.

»Sieh an«, rief Eberhard und lachte. »Täusche ich mich, oder wurde ich gerade herausgefordert, Meister Meinhard?« Und zu Arnulf: »Versuch’s. Ich nehme die Wette an. Wenn es dir gelingt, werde ich dich gut bezahlen.«

Arnulf bereute seine vorschnelle Behauptung. Aber dafür war es zu spät. »So ein Schwert schmiedet sich nicht an einem Tag«, sagte er. »Ich bräuchte mehrere Wochen, wenn es gut werden soll. Und vor allem besseren Stahl und nicht diesen minderwertigen Rohstahl hier.«

»Vielleicht kann ich dir welchen besorgen.«

Der Vogt, der bisher geschwiegen hatte, fuhr seinen Sohn jetzt an: »Schluss damit! Du hast schon ein Schwert. Wir haben keine Zeit für diesen Unsinn. Was wir dringend brauchen, sind noch mindestens zwei Dutzend Speerköpfe, wenn nicht mehr. Und dann sind da auch noch Gäule zu beschlagen. Also lass den Burschen gefälligst arbeiten.« Er wandte sich zum Gehen.

Eberhard zog zornig die Brauen zusammen und sandte seinem Vater einen unfreundlichen Blick hinterher. Dann zuckte er mit den Schultern und grinste. »Vielleicht ein andermal.« Er drehte sich um und folgte dem Vogt.

»Was sollte das denn werden?«, zischte Meinhard. »Halt deine vorlaute Zunge im Zaum und leg dich nicht mit Eberhard an. Bei dem kannst du nur verlieren.« Daraufhin stapfte auch er davon.

Meinhard meinte es meist nicht so, wie es sich anhörte, wusste Arnulf. Dennoch sollte ich diesem Eberhard wirklich aus dem Weg gehen, dachte er. Der hat einen so kalten Blick, dass es einem durch und durch geht.

Doch um ein Schwert schmieden zu dürfen, dafür würde er sogar umsonst arbeiten. An besten Stahl zu kommen war allerdings schwer. Und wahrscheinlich nur gegen sündhaft viel Silber. Er nahm sich vor, sich noch einmal jeden Arbeitsschritt genau vom Vater erklären zu lassen. Obwohl selbst Linards Erfahrungen darin bescheiden waren. Arnulf seufzte, nahm sich den nächsten Speerkopf vor und beugte sich wieder über den Schleifstein.

Während der Arbeit wollte ihm die Sache nicht aus dem Kopf gehen. Waffenschmieden war eine besondere Kunst. Schwerter, Helme, Kettenpanzer – das war schon was anderes als Hufe beschlagen und Pfannen schmieden. Aber wenn er wirklich Waffenschmied werden wollte, war hier im Dorf wohl kaum die Möglichkeit dazu gegeben. Er müsste in einer Stadt arbeiten, wo es genug Aufträge gab. Und natürlich Schmiedemeister, bei denen er in die Lehre gehen und alle Kniffe lernen konnte.

Gisela hatte von Regensburg geredet. Wie es da wohl sein mochte? Noble Häuser und Edelleute in feinen Gewändern, stellte er sich vor. Und dann hatte er noch von einem anderen Ort gehört, von einer Handelsstadt, ebenfalls nördlich des Gebirges. Augsburg hieß sie, oder so. Dort könnte ein guter Schmied seine Waffen an reisende Händler verkaufen und ein Vermögen machen. Das stellte er sich jedenfalls vor. »Meister Arnulf« würde man ihn nennen. Vor seinem inneren Auge sah er ein bemaltes Schild über der Werkstatt hängen mit Hammer und Amboss darauf.

Als er am Abend heimkam, herrschte großer Aufruhr auf dem Hof. Dorelas Wehen waren früher gekommen als erwartet. Jelscha hatte die Männer aus der Hütte verbannt, sogar Linard, obwohl er eigentlich noch zu schwach zum Aufstehen war. Der Knecht Jöri hatte ihm vor der Scheune ein Bett aus Heu gemacht. Und über einem kleinen Lagerfeuer briet er ein Huhn, denn zum Kochen hatten die Frauen keine Zeit.

Schlimm waren die markerschütternden Schreie, die in Abständen aus der Hütte gellten. Es hörte sich an, als ob Dorela mit einem glühenden Eisen gefoltert wurde. Besonders Volkmar zuckte jedes Mal zusammen, wenn er sie stöhnen oder schreien hörte.

Unruhig lief er auf und ab. »Hört ihr das?«, rief er, als Dorela sich wieder die Seele aus dem Leib brüllte. »Wir hätten verdammt nochmal die alte Giuanna rufen sollen. Wie alle im Dorf. Die kennt sich wenigstens aus.«

»Beruhig dich, Sohn«, sagte Linard. »Deine Mutter hat selbst genug Kinder zur Welt gebracht. Und Kälber. Sie weiß, was zu tun ist.«

Arnulf dachte an Miertas Geburt zurück. Er konnte sich nicht erinnern, dass Mutter so herzzerreißend wie Dorela geschrien hatte. Eine Zeitlang war es still. Nur leises Stöhnen drang aus der Hütte, und das beruhigende Gemurmel, mit dem Jelscha versuchte, der Schwiegertochter die Angst zu nehmen, denn es war Dorelas erstes Kind.

Braida kam mit einem Eimer heraus, um frisches Wasser aus dem Brunnen zu holen. Sie sah bleich aus.

»Was geht da drinnen vor?«, fragte Volkmar. »Ist es schlimm?«

Die Schwester sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Ich glaube, ich werde nie heiraten«, murmelte sie und ging zum Brunnen hinüber.

Und kurz darauf schrie Dorela wieder wie am Spieß. Es machte die Tiere unruhig. Der Hund sprang auf und bellte. Sogar die Kühe im Stall regten sich. Volkmar bekreuzigte sich und stürzte zum Eingang der Hütte, vor dem ein alter Sack als Vorhang diente.

Doch er zögerte, als habe er Angst, die Hütte zu betreten. »Mutter!«, brüllte er stattdessen. »Was ist mit ihr? Sie stirbt doch wohl nicht?«

»Verschwinde, Volkmar!«, hörte man Jelscha antworten. »Es geht ihr gut. Wenn ich Hilfe brauche, melde ich mich schon. Also trink dein Bier und lass uns verdammt nochmal in Ruhe!«

Zum Glück hatte Jelscha am Tag zuvor einen Bottich Bier gebraut. Volkmar tauchte einen Becher ein und leerte ihn in einem Zug. Gleich darauf noch einen. Nachdem er auch seinem Vater Bier gebracht hatte, ließ er sich zu Boden sinken und vergrub den Kopf in den Händen. Noch einmal stieß Dorela einen langen Schrei aus, danach wurde es wieder still.

Nach einer Weile hob Volkmar den Kopf und lauschte. Nichts zu hören. Hieß das, sie war tot? Eine Nachbarin hatte es im Frühjahr erwischt. Allerdings nicht bei der Entbindung, sondern einige Tage später. Wöchnerinnenfieber.

Arnulf ging es nicht viel besser als seinem Bruder. Als Jöri ihm etwas von dem gerösteten Huhn anbot, lehnte er dankend ab. Wer konnte in so einer Nacht an Essen denken? Die älteren Männer zeigten sich jedoch unbeeindruckt, tranken Bier und ließen es sich schmecken. Gebärende Weiber, das war ihnen so vertraut wie Sommer und Winter, Regen oder Hagel.

Er suchte sich eine stille Ecke in der Scheune und versuchte zu schlafen. Mit wenig Erfolg. Jedes Mal, wenn eine neue Wehe seine Schwägerin fest im Griff hatte, schreckte er auf. Nun kamen sie in immer kürzeren Abständen. Ob adelige Damen wohl auch so leiden mussten? Natürlich taten sie das. Denn in dieser Beziehung waren alle Weiber gleich, egal welchen Standes. Er versuchte, sich Gisela mit gewaltigem Bauch vorzustellen, wie sie sich wand und stöhnte. Doch es gelang ihm nicht, das Bild in den Kopf zu bekommen, obwohl er oft genug Kühe hatte kalben sehen. Mit so etwas Viehischem konnte er das edle Fräulein einfach nicht in Verbindung bringen.

»He, Arnulf! Es ist so weit.«

Er schreckte hoch. Linard hatte ihn gerufen. Hatte er doch geschlafen? Als Arnulf aus dem Heu kroch, stand seine Mutter auf dem Hof mit einem Bündel im Arm, aus dem es quäkte. Volkmar war aufgesprungen. Der flackernde Schein von Jöris Feuer beleuchtete ihre Gestalten.

Jelscha lachte übers ganze Gesicht. »Du hast einen Sohn, Volkmar.« Sie legte ihm das Bündel in den Arm. »Vorsicht mit dem Köpfchen. Jetzt sieh nach deiner Frau. Es geht ihr gut.«

Volkmar stand da und wagte kaum hinzusehen. Er hielt das Kind, als könnte es jederzeit zerbrechen. Mit einem glücklichen Grinsen verschwand er vorsichtig in der Hütte.

Jelschas grober Leinenrock war voller Blutflecken. Aber wen kümmerte das schon? Mit einem langen Seufzer legte sie sich zu ihrem Mann ins Heu und schmiegte sich an ihn. »Unser erstes Enkelkind«, sagte sie.

Linard legte den Arm um sie und lächelte. »Gut gemacht, mein Herz.«

»Für heute und morgen dürfen sie in unserem Bett schlafen. Hast du was dagegen?«

»Ganz und gar nicht.« Er küsste ihr die Stirn. »Volkmar hat gesagt, wenn’s ein Junge wird, soll er Linard heißen.«

»Das hat dich gefreut.«

»Sehr sogar.«

GOTTES ZORN

Mit bangen Gefühlen machte Arnulf sich am nächsten Morgen auf den Weg zur Burg, denn am späten Vormittag stand ihm seine geheime Verabredung bevor. Das Herz schlug ihm jedes Mal heftiger in der Brust, wenn er daran dachte. Es war wie die Geschichte in der Bibel, die der Mönch ihnen oft genug als Warnung vorhielt, wenn er vom Genuss der verbotenen Frucht sprach und von der Vertreibung aus dem Paradies.

Und doch – sie war so schön, so zierlich. Haare wie Gold, rosige Wangen und blütenweiße Hände, die von keiner Arbeit gezeichnet waren. So ganz anders als die Mädchen im Dorf. Sie zu begehren war gewiss verboten, eine Sünde. Und natürlich war es völliger Unsinn, sich auch nur die leiseste Hoffnung zu machen. Aber wieso hatte sie dann auf dem Treffen bestanden? Was bezweckte sie damit? Es war verrückt und gefährlich, könnte schlimm ausgehen, wenn es herauskäme. Vor allem für ihn. Im Grunde sollte er gar nicht hingehen, das wusste er. Und doch würde ihn nichts davon abhalten.

Mit solchen Gedanken verbrachte er den Vormittag beim Schleifen der restlichen Speerköpfe, ohne so recht etwas zustande zu bringen. Einen hätte er um ein Haar ruiniert.

Schließlich war es so weit. Gisela hatte schon vor einer halben Stunde die Burg verlassen, um auszureiten. Natürlich hatte sie dabei nicht ein einziges Mal in seine Richtung geschaut.

Verstohlen wischte er seine Stiefel sauber, wusch sich sorgfältig Gesicht und Hände, zupfte an seinem Hemd und fuhr sich durch die Haare, um sie ein wenig zu glätten. Eigentlich war die Kohlenschütte noch halb voll. Aber falls einer nachfragte, konnte er wahrheitsgemäß sagen, dass er die nächsten Tage wieder ausschließlich schmieden würde und dafür einen Vorrat anlegen wollte. Mit Flattern im Bauch ging er zum Stall hinüber und belud sein Maultier mit den leeren Tragekörben. Niemand schenkte ihm einen zweiten Blick, als er zum Burgtor hinaus über die Felder und in den Wald wanderte. Zu gewöhnt war man inzwischen an den jungen Schmied auf seinem Weg zum Köhler.

Bald schon befand er sich mitten im Buchenwald. Der Weg stieg langsam an, über ihm die hohen Baumkronen, rechts und links dichtes Gebüsch, dazwischen die aufstrebenden Stangen junger Bäume, die sich dem Licht entgegenreckten. Hier im Wald herrschte sanftes Dämmerlicht. Es war kühler, nicht so warm wie auf den Feldern. Volkmar hatte beschlossen, am nächsten Tag mit der Getreideernte zu beginnen, bevor das Wetter umschlagen konnte. Arnulf hatte Reto Bescheid gegeben, sich bei ihm einzufinden.

Doch all das kümmerte Arnulf wenig in diesem Augenblick. Würde sie am Treffpunkt sein? Vielleicht hatte sie sich nur über ihn lustig machen wollen – über den armen Schmied, der für ihren Vater schuftete? Doch als er um die letzte Wegbiegung kam, sah er sie tatsächlich an gewohnter Stelle warten. Wie am Tag zuvor saß sie auf dem morschen Stamm. Reglos hielt sie ihre Augen auf ihn gerichtet, während er sich näherte, grüßte auch nicht, nickte ihm nicht einmal zu. Wie ein Tölpel kam er sich vor.

»Du kommst spät«, fuhr sie ihn vorwurfsvoll an und zog einen Schmollmund.

»Ich wollte nicht, dass es auffällt.«

»Ja. Besser nicht. Und dies ist auch kein guter Ort.«

Sie erhob sich, fasste die Zügel ihres Apfelschimmels und zog das Tier hinter sich her, tiefer zwischen die Büsche und an mächtigen Buchenstämmen vorbei. Arnulf folgte etwas zögerlich mit dem Maultier an der Leine. Sie bahnten sich einen Weg über altes Laub, durch Unterholz und an Felsbrocken und modernden Baumleichen vorbei, bis sich vor ihnen eine winzige Lichtung auftat. Auf einer Seite, im Schatten der Bäume, ragte ein flacher, halb von Moos bewachsener Fels aus dem Gras. Gisela ließ gleichgültig die Zügel ihres Pferdes fahren und setzte sich darauf.

»Hier sieht man uns nicht«, sagte sie.

Sie hatte immer noch nicht gelächelt, war seltsam ernst, nicht so unbekümmert wie am Vortag. Vielleicht waren ihr ebenfalls Zweifel gekommen. Das Pferd wanderte ein paar Schritte weiter und begann zu grasen. Arnulf band sein Maultier an einen jungen Baum und sah sich um. Kleine blaue Blumen wuchsen auf der Lichtung, und ein paar niedrige Heidelbeerbüsche. Es war still. Seltsamerweise waren kaum Vögel zu vernehmen, als ob die Natur den Atem anhielt. Nun, genauso fühlte er sich selbst.

Vorsichtig schielte er zu Gisela hinüber. Sie trug das Gleiche wie sonst zu ihren Ausritten, eine weite Hose, darüber eine leichte Tunika bis zum Knie, in der Taille von einem verzierten Gürtel gehalten. Diesmal hielt nur ein Band ihr Haar im Nacken zusammen. Ohne ihn anzusehen, löste sie es jetzt, so dass ihr das hüftlange Haar um die Schultern fiel und mit einem Schlag ihre ganze Erscheinung veränderte. Nun sieht sie wirklich wie ein Engel aus, dachte er andächtig.

Mit einem scheuen Lächeln blickte sie zu ihm herüber und wies auf den moosbedeckten Platz neben sich. »Willst du dich nicht zu mir setzen?«

So zielsicher, wie sie die Lichtung gefunden hatte, musste sie den Ort schon vorher ausgespäht haben. Und genau zu diesem Zweck. Der Gedanke ließ sein Herz höherschlagen. Sie rückte zur Seite, um ihm Platz zu machen. Vorsichtig ließ er sich neben ihr nieder. Sein Blick streifte die dichten blonden Strähnen, die ihr ins Gesicht fielen, die hellen Brauen über den Augen, die jetzt nicht mehr wie Eis schimmerten – eher wie der Himmel, wenn er sich an einem klaren Morgen im Fluss spiegelt. Neben ihrer zarten Erscheinung kam er sich klobig und unbeholfen vor.

»Mein Bruder ist letzte Nacht Vater geworden«, sagte er aus purer Verlegenheit, weil ihn die Stille des Waldes fast erdrückte. »Ein Junge.«

»Wirklich? Wie schön«, erwiderte sie. Es klang aber nicht so, als ob ihr die Neuigkeit etwas bedeutete. »Und kommst du gut voran mit deiner Arbeit?«

»Euer Vater scheint zufrieden zu sein.«

»Du kannst ruhig Du zu mir sagen, Arnulf. Zumindest hier im Wald.« Sie grinste verschwörerisch. »Und jetzt sag bitte meinen Namen. Ich will hören, wie er bei dir klingt.«

»Gisela.«

Sie runzelte die Brauen. »Nicht so steif, mein Gott! Ich bin doch kein Hund, den man ruft. Mit etwas mehr Gefühl. Komm, versuch es nochmal.«

Er wiederholte ihren Namen, und noch ein drittes Mal, diesmal inniger, ließ die Gefühle mitschwingen, die er im Herzen trug. Dabei blieb sein Blick an ihren Lippen hängen. Wie sich wohl ein Kuss anfühlen würde?

Sie merkte, wo seine Augen ruhten. Vielleicht konnte sie Gedanken lesen, denn sie wurde rot. »Nun, das war schon besser«, sagte sie und lachte unsicher. »Übrigens, du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet.«

»Welche Frage?«

»Ob du eine Liebste hast.« Ein lauerndes Lächeln lag auf ihrem Gesicht. »Einem wie dir laufen doch bestimmt die Mädchen nach. Nun sag schon.«

Er dachte an Lole. Aber die zählte nicht. »Nein, keine Liebste.«

»Keine einzige? Nicht ein bisschen? Du enttäuschst mich.«

Doch ihr zufriedener Gesichtsausdruck strafte die Worte Lügen. Sie fasste nach seiner rechten Hand und betrachtete sie von allen Seiten, als wollte sie jedes Härchen, jede Schwiele und jede Ader prüfen.

»Du hast starke Hände.«

Unwillkürlich musste er lachen. »Ein Schmied kann kein Schwächling sein. Aber dein Bruder ist doch auch ein kräftiger Kerl. Er hat gestern mit mir gesprochen. Wollte, dass ich ihm ein Schwert schmiede.«

»Eberhard?« In ihrer Stimme klang Verachtung. »Der ist ein Raufbold. Deshalb behält Vater ihn in der Nähe. Damit er keinen Unsinn anstellt.«

»Du hast noch einen Bruder, oder?«

»Noch zwei. Unser Berthold ist mir der Liebste. Er ist vierzehn und dient als Knappe bei meinem Onkel.«

»Und deine Mutter?«

»Sie starb bei Bertholds Geburt. Ich habe keine Erinnerung an sie.«

»Und was ist mit dem dritten Bruder?«

Sie hielt immer noch seine Hand. »Gerhard? Der ist in Regensburg. Er versucht, sich beim Herzog lieb Kind zu machen. Vater hofft, dass Heinrich uns die Ländereien zurückgibt, die er uns genommen hat. Außerdem soll Gerhard einen Ehemann für mich finden.«

»Einen Ehemann?« Arnulf zog seine Hand zurück.

»Enttäuscht dich das?«

»Nein«, erwiderte er rasch. »Warum sollte es?«

»Es klang aber so.«

»Es geht mich doch gar nichts an.«

»Schade.« Sie schob die Unterlippe vor. »Ich dachte, du machst dir was aus mir.«

»Doch.« Er sah sie an. »Merkt man das denn nicht?«

Arnulf fühlte sich überrumpelt. Eigentlich hatte er so etwas nicht sagen wollen. Seine Gefühle zu zeigen, das stand ihm nicht zu. Verlegen starrte er auf den Waldboden vor seinen Füßen.

Sie blieben eine Weile stumm, dann spürte er plötzlich sanfte Finger an seiner Wange. Er blickte in ihre hellen Augen, die ihn ernst ansahen, und auf ihre leicht geöffneten Lippen.

Arnulf war kein Draufgänger wie sein Bruder Volkmar, aber er hatte genug Erfahrung, um zu wissen, wann ein Mädchen geküsst werden wollte. Noch einen winzigen Augenblick zögerte er, dann legten sich seine Hände wie von selbst um Giselas schlanke Hüften. Sie rückte näher, ließ es geschehen, dass er sie an sich zog. Ihre Lippen berührten sich ganz leicht, eher zögerlich. Dann sah sie ihm in die Augen und lächelte.

Arnulf fasste sich ein Herz und küsste sie von Neuem. Sanft zuerst, dann ein wenig drängender. Er spürte, wie sie seinen Kuss erwiderte, sich an ihn schmiegte, und hielt sie fester umschlungen. Ihre Lippen waren so unglaublich weich, auch ihr schlanker Leib in seinen Armen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er ihre Zungenspitze spürte. Für Momente war ihm, als ob die Baumkronen über ihren Köpfen sich im Kreise drehten. Sie war nicht das erste Mädchen, das er küsste, aber so wie jetzt hatte er sich noch nie dabei gefühlt.

Langsam löste er sich von ihr, um Atem zu holen. War es möglich? Hier saß er mit der Tochter des Vogts im Arm. Nicht zu glauben!

Auch Gisela war sichtlich erregt. Ihre Wangen hatten sich gerötet, ihre Brust hob und senkte sich. War dies ihr erster Kuss gewesen? Sie hielt sich immer noch an ihm fest und lehnte einen Augenblick lang die Stirn an seine Schulter. Dann blickte sie zu ihm auf und lächelte verträumt.

»Das war schön. Tu es nochmal!«

Arnulf hatte seine Scheu verloren. In diesem Augenblick war sie nur ein junges Mädchen und keine hochwohlgeborene Vogttochter mehr. Und wie ein Mädchen, das man begehrt, fasste er sie auch an. Wenn dies die verbotene Frucht war, von der sie in der Bibel sprachen, dann wollte er mehr. Gisela stöhnte unter seinen Berührungen, bog den Kopf zurück. Er küsste ihren Hals, während sich ihre Hände in seine Schultern krallten. Aber nur kurz, dann stieß sie ihn vor die Brust und sprang auf.

Ihre Augen glänzten feucht vor unterdrückter Erregung, und ihr Gesicht glühte, als ob eine innere Hitze von ihr Besitz ergriffen hätte. Sie holte tief Luft und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Wie schön sie doch war.

»Ich werde jetzt besser gehen.«

Sie zupfte an ihrer Tunika, wischte sich mit der Hand über den Hosenboden, falls dort etwas von dem Moos hängengeblieben war, und band das lange Haar zu einem losen Nackenknoten.

»Sehen wir uns wieder?«, fragte Arnulf.

Sie zögerte. Schließlich nickte sie. »Morgen. Um die gleiche Zeit.« Sie ging zu ihrem Pferd, das sich mit gespitzten Ohren zu ihr umgedreht hatte, und zog sich in den Sattel.

»Warte. Ich begleite dich.«

»Lieber nicht«, rief sie über die Schulter und stieß dem Pferd die Fersen in die Seiten. »Morgen treffen wir uns wieder.«

Arnulf sah zu, wie sie sich unter Zweigen bückte und das Tier vorsichtig durch die Büsche lenkte. Schon bald waren beide im Wald verschwunden. Auch das dumpfe Geräusch von Hufen auf altem Laub verlor sich rasch.

Er blieb noch eine Weile auf dem Felsen sitzen. War es wirklich geschehen?

Als er am Abend heimkam, war es schon dunkel. Er hatte sich noch lange in der Schmiede beschäftigt, denn bei Tageslicht traute er sich nicht unter die Augen seiner Mutter, als könnte sie ihm ansehen, mit wem er sich im Wald herumgetrieben hatte. Beim Essen seiner Bohnensuppe redete er kein Wort, warf auch nur einen kurzen Blick auf Dorelas Säugling, um den alle so viel Aufhebens machten, und legte sich gleich schlafen.

»Was ist denn mit dem los?«, wollte Volkmar wissen, der dem Bruder gern von seinem Tagewerk erzählt hätte.

»Lass ihn!«, erwiderte Jelscha. »Wenn du den ganzen Tag am Amboss gestanden hättest, wärst du auch müde.«

»Ist die Ernte etwa keine Arbeit?«, brummte Volkmar. Aber dann ging er noch einmal vor die Tür, um zu sehen, ob das Wetter hielt.

Obwohl Arnulf Müdigkeit vortäuschte, gelang es ihm lange nicht einzuschlafen. Die verbotenen Zärtlichkeiten im Wald waren ihm noch allzu deutlich in der Erinnerung. Immer wieder erschien ihm Giselas Gesicht vor Augen. Er spürte ihre Lippen, ihren warmen Atem, den Duft ihrer jungen Haut. Noch ganz benommen war er von dem Gedanken, dass die Tochter des Vogts ausgerechnet einen wie ihn geküsst hatte. Nicht nur einmal. Sogar mit Leidenschaft, wie er sich einbildete. Einen Dörfler weit unter ihrem Stand.

Gleichzeitig sagte ihm der Verstand, dass es besser war, sich nichts darauf einzubilden. Gisela war jung und gelangweilt. Vielleicht einfach nur neugierig, wie es war, mit einem jungen Mann anzubändeln, sich seinen Küssen hinzugeben. Viel Gelegenheit dazu bot sich unter der strengen Aufsicht ihres Vaters sicher nicht.

Außerdem würde man bald einen noblen Bräutigam für sie finden, am besten eine möglichst nützliche Verbindung für den Vogt. Wie es sich eben gehörte für eine junge Dame von Rang. Ihn würde sie darüber im Nu vergessen. Was am Morgen geschehen war, war im Grunde nur ein flüchtiger Traum, noch dazu ein gefährlicher. Nicht auszudenken, wenn man sie erwischte. Gisela würde man zur Strafe einsperren. Ihm aber drohte die Peitsche am Schandpfahl, wenn nicht Schlimmeres. Und seiner Familie? Er dachte an Eberhards kalte Augen, und ihn schauderte. Nein, es musste bei diesem einzigen Mal bleiben. Morgen würde er ihr das erklären. Das nahm er sich fest vor.

Am nächsten Vormittag sah er sie mit ihrem Bruder ausreiten. Eberhard besaß einen prächtigen Rappen, den er hervorragend beherrschte. Er trug sein Schwert an der Seite. Wozu überhaupt? Gefahren gab es hier nicht.

Zu verabredeter Stunde wartete Arnulf am Treffpunkt vergeblich. Aber das hatte er schon erwartet. Trotzdem war er enttäuscht. Irgendwie aber auch erleichtert. Vielleicht hatte sich die Sache nun von selbst erledigt.

Doch tags darauf, am Nachmittag, schlenderte Gisela zu seiner Schmiede herüber und tat, als ob sie ihm bei der Arbeit zusehen wollte.

»Besser, du kommst nicht her«, murmelte er beunruhigt.

»Warum nicht? Mein Pferd muss bald neu beschlagen werden. Da darf ich doch wohl mit dem Schmied reden.«

Arnulf legte sein Werkstück in die Glut der Esse und wischte sich mit einem Leinenlappen, den er im Gürtel stecken hatte, den Schweiß von der Stirn. Dabei blieb ihm der Blick nicht verborgen, mit dem sie seine nackten Arme und Schultern bedachte.

»Aus dem Beschlagen wird vorerst nichts«, sagte er. »Nicht, bevor ich mit den Speerköpfen fertig bin. Und das dauert noch eine Weile.«

Sie blickte sich kurz um, aber niemand schien ihnen Beachtung zu schenken. »Tut mir leid wegen gestern«, sagte sie leise und schenkte ihm ein herzerwärmendes Lächeln. »Morgen können wir uns wieder treffen. Um die gleiche Zeit.«

»Vielleicht sollten wir das besser lassen«, gab er ebenso leise zurück. »Es ist zu gefährlich.«

Ihre Brauen zogen sich zusammen. »Hast du etwa Angst?«

»Hättest du keine an meiner Stelle? Dein Bruder trägt ein großes Schwert mit sich herum. Außerdem hat das Ganze doch überhaupt keinen Sinn. Du bist Vogt Eberlins Tochter, und ich …«

»Ach, so ist das«, zischte sie. »Da erlaube ich dir ein einziges Mal, mich zu küssen, und schon hast du genug von mir.«

Arnulf sah einen der Arbeiter eine Karre über den Hof schieben. »Nicht so laut, Gisela!«, flüsterte er. »Am Ende hört man uns noch. Und es ist überhaupt nicht so, wie du denkst. Ganz im Gegenteil.«

Ihre eisblauen Augen funkelten ihn wütend an. »Wehe, du kommst morgen nicht. Sonst sage ich meinem Bruder, dass du mich beleidigt hast. Du weißt, was dir dann passiert.«

Damit drehte sie sich um und stolzierte davon. Arnulf starrte ihr nach. So war das also. Dachte sie etwa, er wäre ihr völlig ausgeliefert?

Nun, in gewisser Weise war er das wohl. Außer er schmiss alles hin und verzichtete auf die Arbeit und den Lohn. Aber wie sollte er das seinen Eltern erklären? Hinschmeißen ging nicht. Und den Zorn ihres Bruders oder ihres Vater herauszufordern, das ging noch viel weniger. Sie wusste das natürlich. Missmutig holte er sein Werkstück aus dem Feuer und begann, wild darauf herumzuhämmern.

Doch sein Zorn legte sich bald wieder. Natürlich würde er sie treffen – aber nur, um mit ihr zu reden. Er musste sie davon überzeugen, dass alles Weitere blanker Irrsinn war.

Es regnete in der Nacht und noch einmal in den frühen Morgenstunden, so dass die Felder in der Morgensonne dampften, als Arnulf vor die Hütte trat. Die Feuchtigkeit würde schnell verschwinden und die Erntearbeiten nicht behindern. Volkmar schien gut voranzukommen. Jedenfalls beklagte er sich nicht mehr über mangelnde Hilfe.

Dorela hatte nur noch Augen für ihr Neugeborenes. Anscheinend hatte sie mehr Milch als nötig und klagte über Schmerzen in den geschwollenen Brüsten. Zumindest half sie beim Kochen und Backen. Auch Linard ging es besser. Er bot an, sich um die Tiere zu kümmern, während Jelscha mit den anderen Männern bei der Ernte war. In ein paar Tagen würden sie die trockenen Garben aufladen und mit dem Ochsenkarren in die Scheune fahren. Dann konnte man durchatmen.

Als Arnulf am späten Vormittag die versteckte Lichtung betrat, war Gisela noch nicht da. Er band sein Maultier an einen Baum und ließ sich auf dem bemoosten Felsen nieder. Er hatte sie an diesem Morgen noch gar nicht zu Gesicht bekommen. Vielleicht hat sie es sich anders überlegt, dachte er mit Bedauern. Denn trotz der guten Vorsätze konnte er es kaum abwarten, ein wenig Zeit in ihrer Nähe zu verbringen. Dann wieder redete er sich selbst gut zu. Dies musste wirklich das letzte Mal sein. Er würde sie überzeugen.

Endlich hörte er Pferdehufe durchs Unterholz stapfen, und kurz darauf bog sie Zweige auseinander und führte ihr Pferd auf die Lichtung. Es anzubinden war ihr offenbar lästig. Sie ließ es frei grasen. Wieder hatte sie das Haar gelöst, und in der Sonne, die durchs Laub fiel, umgab es Haupt und Schultern wie eine helle Lohe. Ihr Anblick verschlug ihm die Sprache. Kaum hatte er sich von dem Felsen erhoben, da flog sie ihm an den Hals.

»Verzeih mir wegen gestern. Ich war gemein zu dir.«

Ihr weicher Leib in seinen Armen und die wohligen Laute, mit denen sie den ersten langen Kuss begleitete, ließ ihn die guten Vorsätze vergessen. Er ließ es geschehen, als sie ihn bei der Hand nahm und ins Gras zog, wo er sich neben sie legte. Ganz dicht schmiegte sie sich an ihn und küsste ihn mit Hingabe. Dann ließ sie sich auf den Rücken fallen und seufzte zufrieden. Arm in Arm lagen sie im Gras und starrten eine Weile in den Himmel. Er wollte mit ihr reden, aber es eilte ja nicht.

»Hast du eigentlich schon mal …«, fragte sie. »Du weißt schon.«

Verwundert erwiderte er: »Nein. Und du?«

»Ich? Bist du verrückt? Natürlich nicht. So was tut man nur, wenn man verheiratet ist.«

»Warum fragst du mich dann?«

»Ich dachte, bei euch Bauern nimmt man es nicht so genau. Gib’s zu, auf dem Johannisfest ging es ziemlich wild zu.«

»Denkst du, wir rammeln wie die Tiere auf der Weide?«

»Etwa nicht?« Sie lachte ausgelassen. Sie starrte zu den Baumwipfeln auf. »Vielleicht sollten wir weglaufen, du und ich«, fabulierte sie verträumt. »Für dich stehlen wir Eberlins Pferd und reiten zusammen über die Berge nach Italien. Da ist es wenigstens warm.«

Arnulf lächelte über so viel Unsinn. »Und wovon leben wir?«

»Das ist mir gleich.« Sie rollte sich auf ihn und küsste ihn. Sie war leicht wie eine Feder, und doch erregte es ihn, ihren Leib auf sich zu spüren. »Mir graut davor, irgendeinen alten Kerl zu heiraten, nur weil mein Vater es so will«, murmelte sie und schlang ihre Arme um seinen Hals, schmiegte sich an ihn, so dass er durch sein Hemd die kleinen Brüste wie eine unerträglich süße Liebkosung spürte.

Mit einem Mal hörten sie einen Hund bellen.

Gisela fuhr hoch und lauschte erschrocken. Noch einmal ließ sich das Bellen vernehmen, diesmal näher, und dann Männerstimmen, die nach dem Tier riefen.

»O mein Gott! Der Jagdhund meines Vaters.« Sie war bleich vor Schreck geworden, kroch hastig ein paar Schritte weg von Arnulf, als hätte er plötzlich den Aussatz bekommen. »Er wird uns finden.«

Da brach der Hund auch schon durchs Gebüsch, ein großer, schlanker Jagdhund, und sprang schwanzwedelnd auf Gisela zu. Arnulf kam erschrocken auf die Füße. Schritte ließen sich hören, Männerstiefel, die durchs Herbstlaub stapften.

Giselas Gesicht war zu einer Maske der Furcht erstarrt. Plötzlich, zu Arnulfs Entsetzen, schrie sie laut um Hilfe, riss Gras aus, schmierte sich Dreck ins Gesicht und über ihre Tunika. Was zum Teufel tat sie da?

»Vater! Bist du das?«, rief sie mit weinerlicher Stimme. »Hilf mir! Der Kerl will mir Gewalt antun!« Jetzt zerrte sie auch noch an ihrer Tunika, bis der Kragen riss.

Arnulf stand einen Moment lang wie erstarrt, konnte nicht glauben, was er da sah und hörte. So eine feige, erbärmliche Lüge!

Aber da brach auch schon ihr Bruder durchs Unterholz. Er trug einen Speer in der Faust. Ausgerechnet einen, den Arnulf geschmiedet hatte. Und hinter ihm der alte Wildhüter.

»Eberhard!«, kreischte Gisela. »Eberhard, hilf mir!«

Der zögerte keinen Augenblick. Für ihn war die Lage mehr als eindeutig. Rot vor Wut schleuderte er den Speer. Kaum fünf Schritte trennten ihn von Arnulf. Die Waffe hätte den jungen Schmied unweigerlich getroffen, wenn er sich nicht gerade noch zur Seite geworfen hätte. Die Spitze verfehlte ihn um Haaresbreite und bohrte sich in den Stamm eines jungen Baumes.

Sofort riss Eberhard das Schwert aus der Scheide, um sich auf diesen verfluchten Dörfler zu stürzen, der es gewagt hatte, Hand an seine Schwester zu legen.

Für Arnulf ging es um sein Leben. Er wollte weglaufen, packte dann aber den Speerschaft, riss die Spitze aus dem Stamm und parierte im letzten Augenblick den Schwerthieb, der ihm sonst den Schädel gespalten hätte. Im Hintergrund hörte er Gisela kreischen und sah, wie sie sich in die Arme ihres Vaters warf, der nun ebenfalls aufgetaucht war. Es war ein unerwarteter, schrecklicher Albtraum, der über ihn hereingebrochen war. Er musste sich verteidigen, sonst würde er hier auf dieser Lichtung sterben.

Schon musste er Eberhards nächsten Hieb abwehren. Zumindest hatte er jetzt den Speerschaft wie einen Kampfstab gepackt und den richtigen Stand gefunden. Unbewusst ging er zum Gegenangriff über. Natürlich nur mit Schaft und stumpfem Ende, denn er wollte Eberhard nicht verletzen.

Der Wildhüter wich vor den beiden zurück. Giselas Pferd riss den Kopf hoch, wieherte ängstlich. Der Vater hielt die Tochter im Arm und feuerte seinen Sohn an. Er versuchte gar nicht erst einzugreifen, vollkommen überzeugt, dass Eberhard den verdammten Schmied rasch erledigen würde. Doch beide wurden eines Besseren belehrt, denn Arnulf ließ sich nicht so leicht besiegen. Im Gegenteil. Er teilte aus und drängte Eberhard zurück.

Jetzt fiel ihn der Hund an und riss ihm eine Wunde in die Wade. Doch ein schneller Speerstoß, und das Tier kroch jaulend und schwer getroffen außer Reichweite. Nun war Blut geflossen. Darüber erfasste Eberhard blinde Wut, und er stürmte vor, um Arnulf das Schwert in den Leib zu rammen. Doch der wich kühl zurück und schwang den Speerschaft hart gegen die Schläfe seines Gegners. Wie ein gefällter Baum brach Eberhard zusammen und rührte sich nicht mehr.

Aber noch war es nicht zu Ende. Denn nun stürzte sich der Vogt selbst mit blanker Klinge und wutverzerrtem Gesicht auf den vermeintlichen Peiniger seiner Tochter. Wie konnte dieser Bauer es wagen, auch noch seinen Sohn niederzuschlagen?

Arnulf war einen Augenblick lang vom Wildhüter abgelenkt, der seinen jungen Herrn beschützen wollte. Erst spät bemerkte er, dass der Vogt mit dem Schwert ausholte und auf ihn zugerannt kam. Die mörderische Klinge wäre ihm in die Schulter gefahren, hätte er sich nicht im letzten Moment geduckt und dem Vogt das stumpfe Ende des Speers gegen die Brust gestoßen, um ihn aufzuhalten. Vogt Eberlins Hieb ging ins Leere.

Doch leider war es das falsche Ende des Schafts gewesen, mit dem Arnulf zugestoßen hatte. Der scharfe Stahl bohrte sich so tief in des Vogts Brust, dass die Spitze am Rücken blutig wieder austrat. Zu seinem Entsetzen sah Arnulf, wie der Vogt mit Augen, die fast aus den Höhlen traten, zurückwankte, wie ihm die Waffe aus der Hand glitt und er ächzend, mit dem Speer in der Brust, auf den Rücken fiel.

»Vater!«, kreischte Gisela, wollte sich auf den tödlich Getroffenen stürzen, wich dann aber zitternd vor Arnulf zurück, der bestürzt vor ihr stand. Tränen schossen ihr aus den Augen. »Du hast sie umgebracht, du Bastard!«, schrie sie. »Du verdammter Mörder!«

Arnulf starrte auf den Vogt, dessen Augenlicht langsam brach. Das Herz schlug ihm wie wild im Hals – von der Anstrengung, noch mehr aber vor Schreck und vor Entsetzen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie Eberhard sich zu regen begann. Panik erfasste ihn. Er musste weg! Weg von diesem unseligen Ort. Doch sie würden ihn verfolgen. Er würde sich verteidigen müssen. Ohne nachzudenken, packte er den Speerschaft und zog daran, bis die Spitze sich mit einem schmatzenden Geräusch aus dem Fleisch des Toten löste.

Sein Blick fiel auf Giselas Apfelschimmel, der unruhig auf der Lichtung tänzelte. Das Pferd sah aus, als ob es jederzeit die Flucht ergreifen wolle. Auch das Maultier zerrte unruhig an seinem Strick. Arnulf packte die Zügel des Schimmels und schwang sich in den Sattel. Den Speer hielt er dabei fest umklammert. Der Gaul bockte und versuchte, ihn abzuwerfen, doch Arnulf hatte ihm schnell seinen Willen aufgezwungen.

Das Letzte, was er wahrnahm, bevor das Pferd lospreschte, war der Wildhüter, der versuchte, dem benommenen Eberhard aufzuhelfen, und Gisela, die sich schluchzend auf ihren Vater warf. Dann brachen Ross und Reiter durchs Gebüsch und suchten sich einen Weg zwischen Felsen und umgestürzten Bäumen.

Unter den hohen Buchen wurde die Gangart leichter, und der Schimmel beschleunigte. Arnulf legte den Kopf an den Hals des Tieres, um den Ästen auszuweichen, die über ihn hinwegpeitschten. Einmal hätte es ihn beinahe aus dem Sattel gefegt. Etwas riss ihm dabei die Wange auf. Warmes Blut lief ihm am Hals herab. Aber schon hatten sie den Weg erreicht und galoppierten bergauf in Richtung Meilerplatz. Der Köhler starrte die plötzliche Erscheinung mit offenem Maul an, als sie an ihm vorbeigaloppierten und um die nächste Biegung verschwanden.

Immer höher wand sich der Weg, bis das Pferd müde wurde, mit Schaum vor dem Maul zu keuchen begann und schließlich nicht mehr konnte.

Arnulf saß ab, band die Zügel an einen Baum und ließ sich am Wegrand nieder, um irgendwie zur Besinnung zu kommen. Die Wange blutete noch. Auch das Bein tat weh, wo der verdammte Köter ihn erwischt hatte. Er ließ sich auf den Rücken fallen und starrte in die Baumwipfel.

Was für ein Albtraum! Er hatte einen Mann getötet. Nicht irgendeinen, ausgerechnet den Vogt. Nun war er vogelfrei. Sie würden ihn jagen bis ans Ende der Welt. Und natürlich würden sie ihn finden und am Hals aufhängen, bis er tot war. Wie hatte das nur geschehen können? Und vor allem, was sollte er jetzt tun?

In Arnulfs Kopf herrschten Panik und wirres Durcheinander. Ein Gedanke jagte den anderen. Immer wieder hatte er dieses schreckliche Bild vor Augen. Der Vogt, der mit dem Schwert ausholte, der nackte Stahl, der ihm in die Brust drang. Wie leicht er zwischen die Rippen gefahren war. Mitten ins Herz. Ausgerechnet die Speerspitze, die er eigenhändig geschmiedet hatte. Es hatte nicht einmal sonderlich geblutet. Nur aus dem Mund des Vogts war Blut gequollen, als er schon im Gras lag. O mein Gott im Himmel, er hatte den Vogt getötet!

Was würde Jelscha dazu sagen? Wie konnte er jemals wieder vor seine Mutter treten oder seinem Vater in die Augen sehen? Er dachte an Gisela, wie schmählich sie ihn verraten hatte. War es aus Angst vor dem Vater gewesen? Oder hatte er ihr im Grunde nichts bedeutet, war nur ihr Zeitvertreib gewesen? Wie dem auch sei, der Verrat schmerzte.

Wie hatte man sie überhaupt gefunden? Waren die Männer auf der Jagd gewesen? Hatte der Wildhüter dem Vogt eine Hirschspur zeigen wollen? Der Hund musste Giselas Geruch aufgenommen haben und war der Fährte gefolgt.

Und jetzt war er zum Mörder geworden. Von der verbotenen Frucht hatte er kosten wollen, aber nun hatte Gott ihn für immer aus dem Garten Eden vertrieben. Als Gesetzloser würde er fortan leben müssen, ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Menschen. Wenn es ihm überhaupt gelang, seinen Verfolgern zu entkommen. Besonders grausam war die Erkenntnis, dass er niemals mehr in sein Dorf zurückkehren, nie mehr seine Familie wiedersehen konnte.

Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, stand auf und band das Pferd los. Mit dem Tier am Zügel wanderte er auf dem Bergsteig weiter, bis er an einen Felsvorsprung kam, der einen guten Blick ins Tal bot. Unten rechts lag sein Dorf. Es sah so klein aus von hier oben. Und so wohlgeordnet. Er konnte den Hof seiner Eltern erkennen. Links die Burg und ihre Umwallung. Auf halbem Weg dorthin ließen sich winzige Gestalten ausmachen, die ein beladenes Maultier hinter sich herzogen. Das mussten Gisela und Eberhard sein, ganz ohne Zweifel. Und der Wildhüter. Auf dem Maultier lag die Leiche des Vogts. Arnulf musste schlucken. Würde Gott ihn dafür in alle Ewigkeit verdammen?

Langsam klärte sich sein Hirn. Er musste überlegen, wie es nun mit ihm weitergehen sollte. Sobald Eberhard in der Burg angekommen war, würde er Männer um sich sammeln. Mit einem Dutzend Kriegsknechten und mit Bluthunden würde er ihn verfolgen, versuchen, seine Fährte aufzuspüren. Was war zu tun?

Er hätte gern das Pferd behalten. Schnell wie der Wind könnte es ihn an einen anderen Ort tragen. Doch das war eine falsche Hoffnung, denn in Wirklichkeit war es für ihn nutzlos. Im Gebirge war das Tier nicht zu gebrauchen. Und im Tal – selbst wenn er es schaffen sollte, sich unbemerkt an Dorf und Burg vorbeizuschleichen – würde jedermann gleich erkennen, dass ein so edles Tier nicht einem wie ihm gehören konnte. Man würde ihn als Pferdedieb aufgreifen.

Kurzerhand warf er dem Apfelschimmel die Zügel über den Hals und klatschte ihm mit lauten Gebrüll heftig auf die Kruppe. Erschrocken machte sich das Tier davon. An einer abschüssigen Stelle blieb es stehen und wandte den Kopf. Arnulf warf einen Stein nach ihm. Daraufhin trollte es sich, bis es im Wald verschwunden war. Es würde den Weg zum Stall schon finden.

Ihm wurde bewusst, dass er noch den Speer in der Hand hielt. Beim Anblick der blutverschmierten Klinge lief ihm ein Schauer über den Rücken. Mit weitem Schwung holte er aus und schleuderte das verdammte Ding ins Tal. Irgendwo, weit unten, verschwand die Waffe im Gebüsch des Hangs. Nun fühlte er sich besser.

Unter ihm lag das langgestreckte Inntal. Für ein paar Tage würde er sich hier auf dem Berg verstecken können. Aber was dann? Nach Innsbruck? Oder flussabwärts in Richtung Kufstein? Zu gefährlich. Eberhard würde nicht aufgeben. Seine Reiter würden in allen Dörfern nach ihm fragen.

Wenn er es genau betrachtete, durfte er sich überhaupt nicht ins Tal trauen, sollte vor allem die wichtigen Straßen vermeiden. Besser vielleicht übers Gebirge nach Italien. Aber nein, das würde er nicht schaffen. Durchs Hochgebirge ohne gute Kleidung, vernünftige Schuhe, Proviant und Feuerstein? Unmöglich. Er hatte keinen Bogen, um zu jagen, kein Zelt als Unterschlupf. Nichts als das Messer an seinem Gürtel.

Vielleicht nach Norden ins Achental. Aber auch das war gefährlich. Er würde den Inn überqueren müssen. Natürlich nachts. Schwimmen konnte er. Sollte er vielleicht bei dem Einsiedler Ratold Schutz suchen, der gegenüber auf dem Georgenberg eine Kapelle errichtet hatte? Der würde ihm Zuflucht gewähren. Aber auch dort würde er nicht lange bleiben können.

Da fiel ihm Augsburg ein. Sich in einer Stadt als Schmied niederzulassen, davon hatte er vor Kurzem erst geträumt. Das war vielleicht das beste Ziel. Er würde heimlich den Inn überqueren, über den Umlberg steigen, den er gut kannte, und entlang des Höhenkamms dem Bach des dahinter liegenden Seitentals bergaufwärts bis zur Quelle folgen. Dann über die Wasserscheide, wo ein anderer Bach entsprang, der nach Westen floss. Er war dort schon einmal gewesen. Ein Schäfer hatte ihm erzählt, dieser Quellbach würde sich zu einem großen Fluss ausweiten, der nach Norden in die Ebene floss, Isar genannt. Im Isartal würde niemand nach ihm suchen. Und der Weg nach Augsburg ließe sich von dort leicht erfragen.

Ein Weg voller Gefahren, aber doch der aussichtsreichste. Nur, diese Nacht würde er noch hier ausharren und irgendwo ein Versteck finden müssen. Vielleicht auch länger, bis sich alles ein wenig beruhigt hatte. Er würde sich von Beeren ernähren und von Wurzeln.

Arnulf folgte dem Pfad durch den Wald, der immer weiter anstieg, schmaler und steiniger wurde, manchmal fast ganz unter Farnkraut verschwand, um dann wieder zwischen Gras und Felsbrocken aufzutauchen. In dieser Gegend kannte er jeden Weg und Steg. Oft waren er und Volkmar hier auf verbotener Jagd unterwegs gewesen.

Unter dem Blätterdach des Waldes war es schwül und stickig geworden. Der Aufstieg brachte ihn ins Schwitzen. Nach einer Weile kam er an einen kleinen Bach, der sich sein Bett durch den bewaldeten Hang gegraben hatte und in kleinen Kaskaden talwärts floss. Arnulf stillte seinen Durst und ruhte sich etwas aus. Dann wanderte er wieder ein ganzes Stück talwärts, in entgegengesetzter Richtung, dafür aber im Bachbett, um die Spürhunde zu verwirren. Weiter unten verließ er den Bach und marschierte entlang des Hangs, bis er an einen anderen, ihm bekannten Bach kam. Von dort kletterte er wieder bergauf, ebenfalls im Wasser. Das waren die Schliche der Wilderer, um Verfolger ins Leere laufen zu lassen.

Nicht weit von hier, tief im Wald unter einem mächtigen Felsen, kannte er eine Höhle, die ihm gut als nächtliche Unterkunft dienen konnte. Sein Bruder und er hatten dort oft übernachtet, manchmal einen Hasen am Feuer gebraten, den sie mit der Schlinge gefangen hatten. Aber der Ort war zu bekannt. Also kletterte er weiter.

Es war immer noch schwül. Der Schweiß lief ihm in Strömen herab. Inzwischen war der Laubwald zuerst Fichten und dann Tannen gewichen. Nur spärlich drang noch Licht durch die Zweige. Hier gab es keinen Pfad, und der Hang wurde immer steiler. Arnulf kletterte über Felsen und Wurzeln, zog sich an Strünken hoch. Schließlich öffnete sich der dunkle Tannenwald zu einer halbwegs ebenen Alm, zu der man auch über andere Wege gelangen konnte. Manchmal graste hier Vieh im Sommer.

Unter den Tannen verborgen, blieb Arnulf hocken und ließ vorsichtig den Blick in alle Richtungen schweifen. Als er zum felsigen Gipfel des Berges aufsah, erschrak er. Denn der größte Teil des westlichen Himmels hatte sich schwarz zugezogen. Schon fegte ein scharfer Windstoß durch die Tannen. Offensichtlich war ein Gewitter im Anzug. Tiere waren nicht zu sehen. Auch kein Mensch. Sehr einsam war es hier oben, fast unheimlich. Besonders unter dem drohenden Himmel und den Windböen, die sich jetzt häuften.

Ohne die Deckung der Tannen zu verlassen, umging Arnulf die Lichtung und kletterte weiter bergauf. Auch hier gab es keinen Pfad – nur den mit Nadeln bedeckten Waldboden, Äste, die ihm den Weg versperrten, Felsen und Geröll, armdicke Wurzelstrünke, an denen er sich hochzog. Nun sah er Blitze zucken, und Donner grollte in der Ferne.

Immer unwegsamer wurde das Gelände, bis der Nadelwald ganz aufhörte und in mannshohes Latschengestrüpp überging. Ein kleines Rudel Gämse schreckte bei seinem Anblick hoch und galoppierte davon. Er kletterte weiter in der Hoffnung, irgendwo einen Unterschlupf zu finden. Unter ihm lag das Tal so dunkel, dass er außer ein paar winzigen Lichtern kaum noch etwas erkennen konnte. Er blickte zum Gipfel empor. Dort oben gab es nur Moos, Geröll und nackten Fels. Keine Höhle in Sicht. Er beschloss, zurückzugehen und sich ein geschütztes Fleckchen am Waldrand zu suchen.

Ein greller Blitz leuchtete so nah auf, dass es ihn blendete. Der gleichzeitige Donnerschlag zerriss ihm fast die Ohren. Der Himmel über ihm war schwarz. Nur im Osten war noch ein heller Streifen zu sehen. Jetzt zuckten überall Blitze, und eine gewaltige Sturmböe fuhr durch die Tannenwipfel, die sich gefährlich bogen. Im Gehölz weiter unten krachte es, als ob ein Baum umgefallen wäre. Es war mit einem Mal empfindlich kalt geworden. Der Wind auf freier Fläche hatte eine solche Kraft, dass es Arnulf fast umwehte und er den Hang hinunterzustürzen drohte. Abgerissene Latschenzweige wirbelten ins Tal, Staub peitschte ihm ins Gesicht.

Gewitter im Gebirge konnten gefährlich sein, das wusste er. Er musste sich beeilen, in den Schutz der Bäume zu gelangen. Im Unterholz, im Windschatten eines Felsens, würde er einigermaßen sicher sein.

Die ersten Tannen waren nicht mehr als hundert Schritt unter der Stelle, auf der er sich befand, als sich ein ungeheures Rauschen näherte und über die schwankenden Tannenwipfel heranraste. Zuerst hielt er es für Regen. Doch dann trafen ihn die ersten Hagelkörner. Sie waren groß wie Erbsen, manche sogar wie Taubeneier. Sie trafen ihn am Kopf, an den Schultern und den erhobenen Armen mit einer Wucht, dass er fürchtete, sein letztes Stündlein sei gekommen.

Er stolperte, wäre in seiner Hast, den Waldrand zu erreichen, fast den Hang hinabgestürzt. Blut tropfte ihm von der Stirn. Er hielt die Arme über dem Kopf, um sich gegen den Hagel zu schützen, konnte kaum etwas sehen. Blitze schlugen ein, Donner riss den Himmel in Stücke. Der Hagel sammelte sich an freien Stellen, immer mehr, fast schon zu einer daumendicken weißen Schicht.

Es war eisig kalt geworden. Arnulf, der nur ein einfaches Hemd trug, fror erbärmlich. Fast hatte er die ersten Tannen erreicht, da schlug hangaufwärts der Blitz in eine einzeln stehende Tanne ein. Sie loderte plötzlich wie eine Fackel, brach in zwei Teile, von denen einer ihn auf dem Weg nach unten nur knapp verfehlte. Der Einschlag hatte Geröll gelöst, das krachend ins Tal donnerte.

Zuerst trafen ihn ein paar kleinere Steine schmerzhaft im Rücken, dann knallte ihm ein größerer Brocken an den Kopf. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er stürzte und rutschte den Hang hinunter, wo er sechs Fuß vor dem dicken Stamm einer Tanne liegen blieb.

Während das Gewitter um ihn herum tobte, prasselten immer mehr Hagelkörner herab und bedeckten ihn schließlich mit einer weißen Eisschicht, bis sein regloser Leib auf dem unebenen Hang kaum noch als Mensch zu erkennen war.

HEDWIG

Der Abend dämmerte. Dies war Hedwigs liebste Stunde. Denn die Arbeit auf den Feldern war getan, die Bauern kehrten hungrig und müde ins Dorf zurück, die Weiber trieben Kühe und Ziegen in den Stall. Und die Jugend nutzte die Zeit bis zum Abendmahl, um am Gemeinschaftsbrunnen zu schwatzen. Hedwig, zum Leidwesen ihrer Mutter, war immer als Erste dabei, wenn die Mädchen nach der Feldarbeit nichts Besseres zu tun hatten, als den jungen Burschen schöne Augen zu machen.

In Wirklichkeit nannte niemand sie Hedwig. Für alle im Dorf war sie nur die Hedi. Allein ihre Mutter bestand darauf, sie bei ihrem vollen Namen zu nennen. »Hedwig, es wird Zeit, dass du aufstehst!« – »Hedwig, du hast die Tiere noch nicht gefüttert!« – »Hedwig, geh jetzt Unkraut jäten!« – so ging es von früh bis spät. Nein, sie war nicht die Fleißigste, das wusste sie selbst. Aber den ganzen Tag arbeiten, das war so öde.

Hedi war keine klassische Schönheit. Aber dennoch recht ansehnlich und vor allem beliebt bei dem jungen Volk, wegen ihres fröhlichen Wesens und ihrer Schwatzhaftigkeit. Und bei den jungen Männern, weil sie so etwas Appetitliches an sich hatte. Der liebe Gott hatte sie mit Gaben ausgestattet, die einem Kerl den Kopf verdrehen konnten, mit Rundungen an den rechten Stellen und Lippen, die zum Küssen taugten. An Festtagen tat sie nichts lieber, als im Tanz ihre Zöpfe fliegen zu lassen. Besonders wenn Heiner sie an den Hüften packte und im Kreis herumschwenkte.

Es gab aber auch Mädchen im Dorf, die Hedi ihre Beliebtheit bei den jungen Kerlen neideten und die einen wie Heiner gern für sich selbst gewonnen hätten.

Ihre Mutter sah es nicht gern, dass sie Umgang mit diesem Habenichts hatte. Denn Heiner war der Sohn einer verarmten Familie, die nicht mehr als ein paar winzige Äcker, einige Ziegen und Schafe ihr Eigen nannte. Im Grunde waren sie kaum mehr als Leibeigene, denn ihr Land gehörte dem fernen Kloster. Nicht einmal die Pacht konnten sie aufbringen, und sie mussten den Großteil ihrer mageren Erträge abliefern, noch dazu Frondienst leisten. Es war der Mildtätigkeit der Mönche zu verdanken, dass man sie nicht schon längst von ihrer dürftigen Scholle verjagt hatte. Neben Heiner, dem Ältesten, gab es noch sechs Geschwister in der Familie. Das bisschen Land, das die Eltern bewirtschaften, reichte kaum zum Leben, und so hatten sie die allergrößte Mühe, die Mäuler ihrer Kinder zu stopfen.

Heiner war also nicht gerade der Traum einer Schwiegermutter. Doch Hedi war verrückt nach ihm. Denn trotz seiner bescheidenen Herkunft war er der Anführer der Dorfjugend. Ein gutaussehender, selbstbewusster Bursche mit einem frechen Grinsen, das Mädchenherzen höherschlagen ließ, wo immer er auftauchte. Und natürlich wussten alle im Dorf, dass er im Wald häufig wildern ging, obwohl es verboten war. Er tat dies nicht allein aus Spaß an der Jagd, sondern um seinen Beitrag zu leisten, die Familie durchzubringen.

Natürlich war er nicht der Einzige, der den heimischen Kochtopf gelegentlich mit Reh oder Wildschwein füllte. Die Mönche, denen der Wald gehörte, beschäftigten zwar einen Wildhüter, aber ihnen lag es mehr an Pacht und Abgaben, als den gelegentlichen Jagdfrevel aufzuklären. Und so war das Leben in Hedis Dorf ganz erträglich. Das heißt, solange die Ernte nicht ausfiel. Aber darum musste man sich in diesem Jahr keine Sorgen machen. Das Korn stand gut und war zur Hälfte schon eingefahren. Bald würde es ans Dreschen gehen.

»Hedwig!«, klang plötzlich eine schrille Stimme über den Dorfplatz. »Komm sofort nach Hause!«

Hedi tat, als hätte sie die Mutter nicht gehört, und fuhr fort, mit ihren Freundinnen Trude und Oda über Trudes anstehende Heirat mit einem Bauern aus dem Nachbardorf zu schwatzen. Fest- oder Hochzeitsvorbereitungen waren wichtige Themen unter den Mädchen, nur noch übertroffen von Gerüchten über verbotene Liebschaften. Kein Wunder, dass sie sich nicht losreißen konnte.

»Hedwig! Komm jetzt endlich! Und vergiss das Wasser nicht!«

Hedi verdrehte genervt die Augen und machte sich mit einem Seufzer daran, den hölzernen Schöpfeimer in den Brunnen hinabzulassen.

»Lass mich das machen«, hörte sie eine Stimme hinter sich. Heiner war neben sie getreten und nahm ihr den Schöpfeimer aus der Hand.

Sie ließ ihn gewähren und sonnte sich in seinem Lächeln. Dabei entging ihr nicht Brunis neidischer Blick. Die dunkelhaarige Tochter des Dorfältesten war in allem ihre Konkurrentin und hätte ihr gerne den Heiner ausgespannt. Schon allein, um sie zu ärgern.

Heiner füllte ihre beiden Eimer mit frischem Brunnenwasser. »Soll ich dir tragen helfen?«, fragte er.

»Lieber nicht. Ich krieg schon genug Ärger.«

Er half ihr, die Holzstange, an der die vollen Eimer hingen, auf die Schultern zu heben, ohne dass etwas überschwappte. »Sehen wir uns nachher?«, raunte er ihr noch zu.

»Aber klar«, flüsterte sie. »Nach dem Essen.«

Mit einem letzten Blick auf Bruni trat sie den Heimweg an. Sie wusste, dass aller Augen ihr folgten, und gab ihren Hüften einen Extraschwung, während sie barfuß über den Dorfplatz schritt, trotzdem vorsichtig genug, um nichts zu verschütten. Aber darin war sie geübt, denn Wasserholen war eine ihrer vielen Aufgaben.

Hedi war siebzehn Jahre alt und das dritte Kind ihrer Eltern. Wie bei vielen Familien hatten nicht alle Geschwister überlebt, doch sie hatte einen älteren Bruder, der dem Vater bei der Feldarbeit half, und eine zwölfjährige Schwester.

Sie hockten um den Tisch und löffelten Bohneneintopf in sich hinein, als Hedi eintrat. Mal wieder Bohnen, seufzte sie innerlich und stellte die Wassereimer in eine Ecke.

»Wo bleibst du nur wieder, Kind?«, schalt die Mutter. Sie füllte Eintopf in einen Napf und schob ihn an Hedis gewohnten Platz. »Kannst du nicht einmal tun, was man dir sagt? Und am Tisch sitzen, wenn wir essen?«

»Soll sie doch die Reste aus dem Topf kratzen, wenn sie zu spät kommt«, sagte ihr Bruder Ulfbert nicht ohne ein hämisches Grinsen.

Hedi streckte ihm die Zunge raus und begann zu essen.

Die Mutter war knapp über vierzig, sah aber von der Arbeit so verhärmt aus, dass man sie mindestens zehn Jahre älter geschätzt hätte, und so hager, dass ihr Hals Falten warf und ihre müden Brüste unter dem groben Leinen des Kittels schlaff herunterhingen. Hedi fragte sich, wie sie so viele Kinder bekommen hatte, denn noch nie hatte sie gesehen, dass die Eltern so etwas wie Zärtlichkeiten ausgetauscht hätten.

So will ich nicht leben, schwor sie sich. Nur schuften von morgens bis abends und kein bisschen Freude. Keine Aufmerksamkeit, keine Zärtlichkeit. Nein, sie wollte einen Mann, der sie liebte, und dem auch sie alle Liebe schenken würde. Einen, den sie bewundern konnte, der sie zum Lachen brachte und ihre Fantasie beflügelte. Nicht wie ihr Vater, der kaum ein Wort sprach, und wenn, dann nur mürrische Anweisungen gab.

»Ich hab dich schon wieder mit diesem Jungen gesehen«, klagte die Mutter. »Das ist kein Umgang für dich. Schon hundertmal hab ich dir das gesagt. Wann hört das endlich auf?«

»Ach, der Heiner ist in Ordnung«, meinte Ulfbert, während er mit vollem Mund an einem Stück Brot kaute. »Der weiß immer, wo man am besten Fallen aufstellt, um ein paar fette Hasen zu fangen.«

»Ihr sollt nicht wildern. Eines Tages erwischen sie euch noch.«

Ulfbert lachte. »Mich bestimmt nicht, Mutter.«

»Besser, du meidest diesen Heiner. Der stiftet euch alle zu Unsinn an.«

Der Vater sagte wie immer nichts, sondern kratzte sorgsam seinen Napf leer. Dann goss er sich einen Becher Bier in die Kehle und rülpste laut. Er war ein großer Mann mit starken Armen. Früher hatte er mal Kriegsdienst für die Grafschaft geleistet. Aber das war lange her.

»Wolfram«, fuhr die Mutter ihn an. »Sag endlich auch was dazu. Oder willst du deine Tochter an diesen Hungerleider verschenken?«

Doch der Vater zuckte nur gleichmütig mit den Schultern.

»Hast du etwa vor, den Heiner zu heiraten?«, fragte Hedis Bruder erstaunt.

»Kümmere dich um deinen eigenen Kram.« Hedi schob ihren Napf zurück. Der Hunger war ihr vergangen. »Müsst ihr immer auf mir herumhacken?«

»Niemand hackt auf dir herum«, sagte ihre Mutter. »Aber es wird Zeit, dass du aufhörst, mit diesem Jungen herumzulaufen. Überhaupt mit deinen Träumereien. Im Dorf zerreißen sie sich schon das Maul über dich.«

»Wer zerreißt sich das Maul?«

»Dein Vater und ich werden dir bald einen vernünftigen Ehemann aussuchen. Einen mit einem guten Stück Land und einer Herde Rinder. Und bis dahin hör auf, dich wie eine Hure zu benehmen.«

»Wie bitte?« Hedi sprang auf.

»Du hast mich gehört«, ereiferte sich ihre Mutter. »Ich seh doch, wie du mit den jungen Kerlen schäkerst. Und besonders mit diesem Heiner.«

»Das muss ich mir nicht anhören«, rief Hedi und wandte sich zur Tür.

»Hiergeblieben!« Die Stimme der Mutter klang jetzt wirklich erbost. »Wo willst du hin? Das ist keine Zeit, um noch draußen herumzustreunen.«

»Ich streune nicht herum.«

Zum Erstaunen der übrigen Familienmitglieder mischte sich zum ersten Mal der Vater ein. »Willst du dem Mädel jeden Spaß verderben?«, ließ er sich in seinem grollenden Bass vernehmen. »Lass sie gehen. Die Freude am Leben wird ihr noch früh genug vergehen.«

»Aber …« stammelte die Mutter überrascht.

Hedi nahm die Gelegenheit wahr, sich schnell davonzumachen, bevor man es sich anders überlegte.

Draußen war es dunkel geworden. Hedis Elternhaus war wie alle Bauernhütten im Dorf aus Holz und mit Stroh gedeckt, Wohnraum und Stall unter einem Dach. Gegenüber eine alte, wackelige Scheune und ein Geräteschuppen, der zur Hälfte als Verschlag für die Hühner diente. Daneben der Misthaufen. Das kleine Gehöft stand etwas abseits, aber nicht weit vom Dorfplatz entfernt.

Hedi schlüpfte zwischen Scheune und Stall hindurch in eine grasbewachsene Gasse, die zwischen anderen Hütten verlief. Eine Hure hat sie mich genannt, dachte sie wütend. Nur weil ich nicht so bin wie sie.

Wie war die Mutter nur so blass und freudlos geworden? So zänkisch. Und wie hielt der Vater es überhaupt mit ihr aus? Hedi träumte von einer schöneren Welt, denn ein Leben wie ihre Eltern wollte sie nicht führen. Heiner war kein wohlhabender Bauernsohn. Aber wer war das schon in einem Dorf, wo man nur mit harter Arbeit über die Runden kam? Heiner war eben Heiner. Und sie war verliebt.

Die Nacht war angenehm warm. Ein bleicher Halbmond war aufgegangen und beleuchtete schwach die Dächer. Hier und da drang Licht aus einer Tür. Ein Geruch von warmem Kuhmist lag in der Luft. Aus einem Stall drang das Grunzen eines Schweins, und irgendwo bellte ein Hund. Aber zu sehen war niemand.

Sie schlich sich um ein paar Gehöfte herum, bis sie sich von hinten wieder dem Dorfplatz näherte. Dort stand die große Gemeindescheune, in der die trockenen Garben fürs Dreschen lagerten. Niemand würde hier ein Stelldichein vermuten. Durch eine Hintertür gelangte sie hinein.

Im Innern war es so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Und es roch nach Heu und nach frischem Stroh. Fast hätte sie vor Schreck aufgeschrien, als jemand nach ihr griff. Aber es war Heiner. Sie spürte es gleich an der Art, wie er sie umarmte und an sich zog.

»Du riechst so gut«, murmelte er und küsste ihren Hals. Sein kurzer Bart kitzelte sie, und sie kicherte leise. Dann fuhr sie ihm mit den Händen durchs Haar und fand seine Lippen. Ein himmlischer Kuss. Sie verging vor Wonne.

»Komm«, sagte er und zog sie mit sich.

Sie folgte ihm vertrauensvoll. Langsam begannen ihre Augen sich an die Dunkelheit in der Scheune zu gewöhnen. Ein wenig Mondlicht, das durch eine Luke unter dem Giebel fiel, ließ sie ungefähr ahnen, wohin er sie führte: in eine rückwärtige Nische, wo er für sie beide ein Nest im Heu gemacht und mit einer alten Decke ausgelegt hatte. Mit einem glücklichen Seufzer ließ Hedi sich rückwärts ins weiche Heu sinken.

Bei Heiner fühlte sie sich wohl und geborgen. Trotzdem verspürte sie ein nervöses Kribbeln im Magen, eine ungewohnte Anspannung. Denn sie hatte sich kurzerhand entschlossen, heute alles mit sich machen zu lassen. Nicht nur aus Wut über ihre Mutter, sondern weil sie einfach nicht länger warten wollte. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich heimlich trafen. Bisher hatte sie ihre Jungfräulichkeit tapfer verteidigt. Aber heute hatte sie genug davon. Heute wollte sie schwach sein, wollte sich gehen lassen, endlich spüren, was es hieß zu lieben. Und sollte sie ein Kind bekommen, umso besser. Denn dann konnte man ihr den Heiner nicht mehr nehmen. Sie würden heiraten und für immer vereint sein.

Heiner legte sich zu ihr, umarmte und küsste sie. Seine Küsse waren so leidenschaftlich. Sie spürte die Kraft seiner Arme, und der männliche Geruch seiner Haut erregte sie. Doch sie beherrschte sich und schob ihn von sich, obwohl es ihr schwerfiel.

»Liebst du mich?«, flüsterte sie in der Dunkelheit, die sie beide umfing.

»Das weißt du doch, Hedi.« Seine Stimme klang heiser. Auch er war erregt. Er drängte sich an sie, legte eine Hand auf ihre Brust.

Aber sie schob die Hand wieder weg. »Mehr als Bruni?«, fragte sie.

»Bruni, diese Schlange? Die kann doch keiner leiden.«

»Aber mich, mich kannst du leiden, oder?«

»Mehr als das. Viel mehr als das. Ich bin verrückt nach dir.«

»Verrückt genug, um mich zu heiraten?«

Sie spürte, wie er stutzte. Einen Augenblick lang schwieg er. »Heiraten?«, sagte er dann. »Aber ich bin arm, Hedi. Wovon sollen wir leben?«

Hedi wusste, wie es um seine Familie stand, dass er ihr nichts bieten konnte. Jedenfalls nichts, was eine Mutter für ihre Töchter erwartete. Aber daran wollte sie nicht denken. »Irgendwie wird es schon gehen«, flüsterte sie, legte ihren Arm um ihn und zog ihn an sich. »Wenn du mich nur liebst.«

Sie spürte, wie Heiner heftiger atmete. Er schien zu merken, wie anders sie heute war, so viel leidenschaftlicher. Sie umfasste sein Gesicht, sog an seinen Lippen und schob ihm sogar die Zunge in den Mund – etwas, was sie zuvor noch nie getan hatte. Sie griff nach seiner Hand, drückte sie auf eine ihrer Brüste. Ein Schauer fuhr ihr durch den Leib. Sie stöhnte leise, während sie den Unterleib an ihn presste. All das schien ihn ganz verrückt zu machen, so dass seine Hand nach ihrem Rocksaum suchte und er warme, nackte Haut zu fassen bekam.

»Warte«, flüsterte sie und riss sich das leichte Leinenkleid vom Leib, das sie in diesen warmen Sommertagen trug.

Dann ließ sie sich wieder aufs Heu zurücksinken und sah ihn mit großen Augen an, erwartungsvoll und ängstlich zugleich.

Da lag sie in ihrer ganzen nackten Schönheit vor ihm. Arme und Beine von der Arbeit wohlgeformt und kräftig, die Taille schlank, die Hüften breit, der Busen üppig. Heiner stockte der Atem, als er sie zum ersten Mal so sah. Ihre Schenkel zitterten ein wenig, als sie sich zaghaft für ihn öffneten. Sie fasste ihn am Arm, um ihn näher zu sich heranzuziehen.

»Bist du dir sicher?«, fragte er mit belegter Stimme. Heiner mochte ein Draufgänger sein. Aber er liebte seine Hedi und wollte nichts tun, was sie später bereuen könnte.

»Ja«, hauchte sie. »Du etwa nicht?«

»Doch.« Er streichelte ihre Brust und strich ihr fast andächtig über den nackten Leib. Sie erschauerte unter den Berührungen.

In der Ferne wurde ein Geräusch hörbar. Es klang wie dumpfe Hufschläge, die sich langsam näherten. Von mehreren Pferden, vielleicht einem Dutzend. Doch die beiden achteten nicht darauf, ja, bemerkten es nicht einmal, so gefangen waren sie in den Gefühlen dieses magischen Augenblicks, in dem sich ihre Liebe zum ersten Mal erfüllen sollte. Erst als die Hufschläge lauter wurden, begleitet vom Schnauben der Pferde und dem Klirren der Beschläge und den Stimmen von Männern, da schreckten sie hoch und lauschten.

Auf dem Dorfplatz schien der Teufel los zu sein. Pferde wieherten schrill, Männer riefen etwas in einer unverständlichen Sprache. Dazwischen die Bauern aus dem Dorf, die empört aus ihren Hütten gerannt kamen. Plötzlich ein seltsames Surren, gefolgt von Schmerzensschreien. Heiner ahnte gleich, was das war. Wer auch immer da draußen angekommen war, schoss mit Pfeilen auf die Dörfler.

»Was ist das?«, rief Hedi zutiefst erschrocken und tastete nach ihrem Leinenhemd.

Heiner sprang auf. Er zog hastig seine Hose hoch, die er schon fast abgestreift hatte. »Versteck dich im Stroh!«, raunte er und lief halbnackt zum Scheunentor, um zwischen den Latten hinauszuspähen.

Aber Hedi hörte nicht auf ihn, sondern streifte sich ihr Leinenhemd über und folgte ihm, starrte ebenfalls zwischen den Latten hindurch. Was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Krieger waren von ihren Gäulen gesprungen, hielten Fackeln in den Fäusten und blitzende Klingen. Aber es waren Krieger, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Keine Baiern, das war klar. Sie trugen konische Helme, am Rand mit Pelz verbrämt, Lederpanzer und bauschige Hosen. Ihr dunkles Haar war zu Zöpfen geflochten, und sie trugen dicke Schnauzbärte im Gesicht. Ungarn? Ja, es mussten Ungarn sein.

Sie sah auch, dass drei der Bauern am Boden lagen. Pfeile ragten ihnen aus Brust und Rücken. Einer schrie erbärmlich und versuchte davonzukriechen. Eine Bäuerin, die vor Entsetzen kreischend zu ihm gelaufen kam, wurde von den Fremden zu Boden gerissen. Zwei von ihnen hielten sie fest, während ein dritter sich mühte, ihres Gestrampels Herr zu werden, damit er sie besteigen konnte.

Heiner hatte genug gesehen. »Schnell! Wir müssen weg. Durch die Hintertür.«

Hedi war schon auf halbem Weg, als das Scheunentor mit lautem Krachen aufflog. Erschrocken hielt sie an und drehte sich um. Einer der fremden Krieger, ein großer Kerl mit breiten Schultern, stand im Eingang, Fackel in einer Hand, Schwert in der anderen. Er runzelte die Stirn, als er Heiner vor sich sah, der ein paar Schritte zurückwich, aber stehen blieb, da er merkte, dass Hedi immer noch in der Scheune war. Als wollte er sie mit seinem Leib schützen.

Ein Grinsen flog über das Gesicht des Ungarn, als er im Hintergrund die halbnackte Hedi entdeckte. Er hielt die Fackel hoch, um besser sehen zu können, rief etwas in seiner Sprache nach draußen und trat einen Schritt vor.

Hedi hätte weglaufen sollen. Aber sie sah, wie Heiner nach einer Heugabel griff, die an der Wand lehnte. Im Grunde nur ein langer Ast mit einer gebogenen Gabelung am Ende. Es war Irrsinn, sich diesem Krieger entgegenzustellen, aber Heiner tat es. Er tat es für sie. Wie konnte sie ihn im Stich lassen? Sie blickte wild um sich und suchte selbst nach einer Waffe. Zwei Schritte weiter am Boden lag ein Dreschflegel. Sie bückte sich und packte ihn.

Als sie sich aufrichtete, sah sie Heiner unerwartet angreifen. Er hätte dem Ungarn fast ein Auge ausgestochen, wenn der nicht im letzten Augenblick den Kopf weggedreht hätte und zurückgesprungen wäre. Aber der Mann ließ sich von Heiner und seiner Heugabel nicht beeindrucken. Im Gegenteil, er grinste, als ob ihm die Herausforderung Spaß machte.

Mit einem fast lässigen Rückhandschwung schlug er die Heugabel zur Seite. Dann ließ er zu Hedis Horror die Klinge mit aller Wucht in Heiners Schulter fahren. Der schrie gellend auf. Blut spritzte aus der schrecklichen Wunde, die Heugabel fiel ihm aus den Händen. Er brach in die Knie. Und Hedi kreischte wie von Sinnen. Sie wollte auf den Ungarn losgehen, aber ihre Beine waren wie Blei.

Der Ungar lachte, holte erneut aus und stieß Heiner das Schwert in die Brust. Der packte die nackte Klinge mit beiden Händen, als wollte er sie herausziehen. Ein Blutschwall kam ihm über die Lippen, dann traf ihn ein Stiefel, der Stahl glitt aus seinem Fleisch, und er fiel röchelnd zur Seite.

Hedi war halb wahnsinnig vor Schreck und Schmerz und Grauen. Sie schrie gellend auf wie ein verwundetes Tier. Statt wegzulaufen, ließ sie den Dreschflegel fallen und warf sich neben ihrem sterbenden Geliebten auf die Knie. Sie umfing sein Haupt mit zitternden Händen, starrte ungläubig auf das viele Blut, das aus seiner Schulter pumpte. Heiners Augenlider flatterten, und seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas sagen.

Doch schon wurde sie brutal auf die Füße gezerrt. Ihre Wangen waren nass, sie war halb blind vor Tränen. Sie wollte sich wehren und war doch kaum fähig dazu, völlig überwältigt von dem plötzlichen Horror, der über sie hereingebrochen war. Sie konnte auch nicht verhindern, dass der Kerl, mit der Fackel in der Linken und dem blutigen Schwert unterm Arm, ihr mit einem Ruck das Hemd vom Ausschnitt bis zum Nabel aufriss. Vor ihr seine schrecklichen Augen, die gierig auf ihre nackten Brüste starrten. Offensichtlich gefiel ihm, was er sah, denn er grinste lüstern. Sie trat nach ihm und wollte sich befreien. Aber er hielt sie fest am Handgelenk gepackt und rief nach ein paar Kameraden.

Doch sie kamen nicht. Der Anführer der Ungarn rief ihm einen scharfen Befehl zu, dem sich der Krieger fast widersetzt hätte. Aber da keiner der Kameraden ihm zu Hilfe kam und sie stattdessen in aller Eile Hühner jagten und sich daran machten, Ziegen zu schlachten, ließ er Schwert und Fackel fallen, nahm ein Seil von der Scheunenwand und fesselte Hedi die Hände hinter dem Rücken. Sie schrie und strampelte und machte es ihm nicht leicht, aber am Ende siegte seine Stärke. Zuletzt legte er ihr eine Schlinge um den Hals und band sie an einen tragenden Pfosten.

Die Ungarn – es musste sich um einen Spähtrupp handeln – beeilten sich, schleunigst weiterzukommen. Vielleicht waren ihnen sogar bairische Reiter auf der Spur. Jedenfalls durchsuchten sie ein paar Hütten nach Wertvollem, doch viel war in so einem Dorf nicht zu holen. Im Grunde ging es ihnen nur um Proviant, denn sie waren offenbar seit Tagen unterwegs und ausgehungert. Hastig luden sie einige Säcke Korn und Bohnen auf den Rücken zweier Ersatzpferde, die sie mitführten. Dazu frisch geschlachtetes Fleisch, aus dem noch das Blut tropfte.

Die geschändete Bäuerin hatte sich ächzend davongeschleppt. Auch die meisten anderen Dörfler, die im ersten Moment versucht hatten, ihr Hab und Gut zu verteidigen, waren davongelaufen. Die wenigen Alten, die geblieben waren, standen schreckstarr dabei und sahen hilflos zu, wie man ihr Dorf plünderte.

Hedi konnte die Augen nicht von Heiners blutigem Leichnam wenden, der vor ihr auf dem Boden der Scheune lag. Ihrer Kehle entrangen sich Laute, als wäre sie selbst zu Tode verwundet. Sie flüsterte seinen Namen, als könnte er sie hören, als weigerte sie sich, zu begreifen, dass er tot war.

Die Ungarn stiegen auf ihre Pferde. Bevor er ebenfalls aufsaß, kam der Krieger, der Heiner erschlagen hatte, zurück in die Scheune und band Hedi vom Pfosten los. Ohne ihre Handfesseln zu lösen, zerrte er sie hinter sich her zu seinem Pferd und hob sie wie einen Sack Mehl bäuchlings über den Sattel. Hedi kreischte vor Angst. Dann stieg er hinter ihr auf und folgte seinen Kameraden, die das Dorf bereits verlassen hatten.

Hedis Mutter rannte fassungslos und tränenüberströmt ein paar Schritte hinter ihm her. Dann blieb sie stehen. Hinter ihr versuchte Ulfbert seinem Vater, der einen Schwertstreich am Arm abbekommen hatte, auf die Beine zu helfen.

Der Spähtrupp, der Hedi verschleppt hatte, ritt trotz Dunkelheit in westlicher Richtung weiter. Für Hedi war es eine Qual, wie ein Sack Korn über dem harten Sattel zu liegen. Bei jedem Ruck stöhnte sie auf, denn der Vorderzwiesel drückte ihr schmerzhaft in den Bauch. Langsam löste sich jedoch der Nebel in ihrem Hirn, und sie überlegte fieberhaft, wie sie sich aus ihrer Lage befreien könnte.

Sie waren noch nicht weit gekommen, da stemmte sie sich am Sattel hoch und ließ sich fallen. Sie schlug hart auf dem Boden auf und schrammte sich das Gesicht blutig. Sie rappelte sich auf und versuchte zu fliehen.

Doch ihr Peiniger setzte ihr nach und fing sie gleich wieder ein. Er nötigte sie, auf eines der Ersatzpferde zu steigen. All ihr Klagen und Weinen half nichts. Mit den Händen an den Sattel gefesselt, war sie völlig hilflos. Sie starb fast vor Angst, wusste nicht, was man mit ihr vorhatte, ahnte aber Schreckliches, wenn sie an die arme Frau dachte, die man vor ihren Augen vergewaltigt hatte. Sie war keine geübte Reiterin und fand es schwierig, sich den Bewegungen des Tiers anzupassen, schlug immer wieder unangenehm mit Steiß oder Becken auf. Sie hatte Angst, vom Pferd zu rutschen und dann an den gefesselten Händen mitgeschleift zu werden.

Bauernhöfe und Dörfer auf dem Weg mieden die Ungarn, sondern hielten sich ans flache Moos oder folgten einsamen Wegen durch die Wälder. In einer Waldlichtung hielten sie schließlich an. Sie machten Feuer und brieten etwas von dem geraubten Fleisch. Auch Hedi, die mit gefesselten Händen an einen Baum gelehnt saß, warfen sie ein Stück zu. Doch ihr Magen war nur ein einziger Knoten. Essen war unmöglich.

Schließlich erhob sich der große Kerl, der sie gefangen hatte, vom Lagerfeuer und kam auf sie zu. Sein Bart glänzte vom Bratfett, und er stank nach Pferd. Er zerrte an ihrem zerrissenen Hemd und griff grinsend nach ihren Brüsten. Als sie sich verweigern wollte, schlug er ihr mit der flachen Hand so hart ins Gesicht, dass ihr die Tränen kamen. Zitternd vor Angst ließ sie zu, dass er sich brutal an ihr vergnügte. Es tat weh und war so ganz anders, als sie es sich mit Heiner erhofft hatte.

Der Kerl grunzte, als er sich in sie ergoss. Sie fühlte sich besudelt. Sein Atem und überhaupt alles an ihm ekelte sie an. Sie spuckte ihm ins Gesicht, nur um erneut seine Faust zu spüren. Diesmal schlug er so hart zu, dass sie die Besinnung verlor.

Als sie wieder zu sich kam, lag ein anderer Kerl auf ihr. Und dann noch einer. Danach nahm sie kaum noch wahr, wie viele sich ihrer bedienten. Sie war zu schwach, um noch zu reagieren oder Widerstand zu leisten.

Irgendwann ließen sie Hedi in Ruhe und legten sich schlafen.

Sie rollte sich auf die Seite, krümmte sich zusammen und weinte bitterlich. Das Lachen der Kerle klang ihr noch in den Ohren. Die Nacht war kühl, so dass sie fror. Alles tat ihr weh – die Schwellungen im Gesicht, wo man sie geschlagen hatte, die Arme, an denen man sie rau vom Gaul gezerrt hatte, die gefesselten Handgelenke, ihr Steiß vom Reiten. Aber vor allem ihr Intimstes, das wie Feuer brannte.

Sie fühlte sich unendlich misshandelt und erniedrigt, wie ein wertloses Stück Fleisch. Besonders als ihr Peiniger sich am frühen Morgen noch einmal ihres geschundenen Leibes bediente. Was konnte sie anderes tun, als einfach dazuliegen und ihn machen zu lassen? Dabei sah sie immer wieder Heiner vor sich, wie er blutend in die Knie sank, seine brechenden Augen, als er versuchte, noch etwas zu sagen. Sie wusste nicht, was größer war: ihre Angst und Verzweiflung oder ihr Hass gegen diese Männer.

Bald ging es weiter. Mit der Sonne im Rücken, also nach Westen. Manchmal in scharfem Ritt, dann wieder gemächlicher. Dabei waren die Ungarn vorsichtig, achteten darauf, nicht gesehen zu werden. Hedi verstand, dass sie die Gegend ausspähten, wahrscheinlich nach Burgen und Befestigungen suchten, wo sich bairische Krieger aufhalten könnten. Dabei schien ihnen die Gegend nicht fremd zu sein. Hedi erinnerte sich, gehört zu haben, dass Ungarn schon häufiger das Land nördlich der Alpen heimgesucht hatten.

Inzwischen hatte sie gelernt, sich besser im Sattel zu halten. Sie fragte sich, wie lange die Kerle sie noch mitschleppen wollten. Aber vielleicht sollte sie froh sein, dass sie überhaupt noch am Leben war. In ihrem zerrissenen Hemd war sie halb nackt. Doch vor ihren Peinigern empfand sie keine Scham mehr. Warum auch? Das Einzige, was sie noch bewegte, war der Gedanke, wie sie diese Gefangenschaft und Tortur irgendwie überleben könnte.

Mittags stießen sie auf einen breiten, schnell dahinfließenden Fluss. Sein Bett war voller Kieselsteine wie ein Bergstrom, obwohl nicht besonders tief. Ohne Schwierigkeiten ließen die Ungarn ihre Pferde ans andere Ufer waten. Dann ging es weiter.

Am Abend fanden die Männer wieder eine abgelegene Stelle mitten im Wald, wo sie unbemerkt lagern konnten. Und alles vom Abend davor wiederholte sich.

Hedis Unterleib fühlte sich an wie rohes Fleisch. Schmerzen konnte sie noch spüren. Ansonsten aber war sie abgestumpft und teilnahmslos geworden, ließ alles über sich ergehen. Außerdem war sie nachher so übermüdet, dass sie wie tot in einen tiefen Schlaf fiel, trotz der Nachtkühle und des steinigen Bodens, auf dem sie lag.

Kaum graute der Morgen, waren die Männer auf den Beinen. Hedi hatte nicht mehr den Mut oder die Kraft aufzustehen. Inzwischen war ihr alles gleich. Mochten sie mit ihr tun, was sie wollten, sie hatte genug und würde sich nicht mehr rühren. Sollen sie mich doch umbringen, dachte sie. Alles war ihr gleichgültig geworden, selbst ihr eigenes Leben. Besser sterben, als noch einen einzigen Tag so weiterleben zu müssen.

Doch die Kerle ließen sie in Ruhe. Anscheinend hatten sie genug von ihr. Sie aßen von ihrem Proviant und stiegen auf die Gäule. Ohne sich umzublicken, ritten sie davon und ließen sie allein im Wald zurück.

Hedi blieb wie betäubt liegen. Stundenlang rührte sie sich nicht vom Fleck. Jede Bewegung fiel ihr unendlich schwer. Sie fühlte sich leer und im Innern tot. Sie dachte an Heiner und was sie hatte mitansehen müssen. Das Herz lag ihr starr und hart wie ein gewaltiger Felsbrocken in der Brust, so dass sie glaubte, ersticken zu müssen.

Sie versuchte zu schlucken, aber ihre Zunge war wie festgeklebt. Wenigstens der Durst half ihr, langsam wieder die Umgebung wahrzunehmen. Ein sanfter Wind rauschte in den Bäumen. Durch die Wipfel schimmerte Sonnenlicht. Vögel zwitscherten. Doch der hässliche Schrei einer Krähe ließ sie sofort wieder zusammenzucken. Sie bekam es mit der Angst zu tun. Ihr wurde klar, dass sie mutterseelenallein war, irgendwo in einem Wald, und dass sie keine Ahnung hatte, wie sie nach Hause kommen sollte.

Vielleicht würde sie das Opfer wilder Tiere werden – von Bären oder Wölfen. Und was war mit Waldgeistern oder untoten nächtlichen Wanderern? Ihr schauderte. Fast wünschte sie sich die verdammten Ungarn zurück. Auch der Hunger machte sich jetzt bemerkbar. Was konnte sie essen? Sollte sie nach Beeren suchen? Sie versuchte, auf die Füße zu kommen, aber die Beine versagten ihr den Dienst. Erschöpft ließ sie sich gegen den Baumstamm sinken, neben dem sie gelegen hatte, und hielt sich den dumpf schmerzenden Leib.

Irgendwann, am Nachmittag, hörte sie Schritte im Laub. Da kam jemand durch den Wald. O Gott, ein Mann! Panik erfasste sie. Plötzlich war sie auf den Beinen.

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