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Land des Todes

Über die Autorin

Alison Croggon, geboren 1962 in Australien, ist eine preisgekrönte Dichterin, deren Werke in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht wurden. Sie ist außerdem Fantasy-Bestsellerautorin (Pellinor-Saga), schreibt Theaterstücke und ist Theaterkritikerin für eine Tageszeitung. Croggon lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Melbourne. Für weitere Informationen besuchen Sie: www.alisoncroggon.com.

Alison Croggon

LAND DES TODES

Roman

Aus dem australischen Englisch
von Michael Krug

BASTEI ENTERTAINMENT

So stand in Himmels prächt’ger Sonne ich,

Und in der Hölle grellem Licht;

Mein Geist vernahm gemischte Tön’,

Aus Engelslied und Dämons Gestöhn’;

Was meine Seel’ davon hat mitgetragen,

Nur meine Seel’ allein vermag’s zu sagen.

Mein Trost, Emily Brontë

Es gibt wohl hier und da auf Erden eine Art Fortsetzung der Liebe, bei derjenes habsüchtige Verlangen zweier Personen nacheinander einer neuen Begierde und Habsucht, einem gemeinsamen höheren Durste nach einem über ihnen stehenden Ideale, gewichen ist: aber wer kennt diese Liebe? wer hat sie erlebt? Ihr rechter Name ist Freundschaft.

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen, und wer viel lernt, der muss viel leiden.

Prediger 1,18

I ∗ HAMMEL

I

Nach dem letzten langen Winter musste ich so weit wie möglich weg aus der Stadt.

Erschöpfung und Abscheu erfüllten mein Leben. Ich war ihrer überdrüssig, der endlosen, im Lampenschein der Kaffeehäuser geführten Gespräche mit überkultivierten Ästheten, wie ich selbst einer bin. Ebenso überdrüssig war ich meiner Wohnung mit ihren ausgesucht geschmackvollen Kunstwerken sowie des beständigen Stroms geistreicher Besucher, des andauernden Kampfs um Reputation zwischen den kleingeistigen Literaten, des hinterhältigen Neids und des boshaften Klatsches.

Zudem war da noch die Sache mit dieser Dame: Eine unkluge Verstrickung war ihrerseits in unbändige Leidenschaft umgeschlagen und hatte mir beträchtliches Ungemach bereitet. Sie ist mit dem Generalsekretär der Schriftstellerinnung vermählt, einem Mann von gehörigem Einfluss in der literarischen Welt, und wäre die Liebschaft noch weitergegangen, hätten meine Zukunftsaussichten erheblichen Schaden erleiden können. Diese Affäre hatte im vergangenen Jahr zu einer starken Beanspruchung meiner Nerven geführt, woraufhin mir mein Arzt zu einer Erholungskur geraten hatte.

Kurz spielte ich mit dem Gedanken, mich an Bord eines Schiffes zu begeben und die schillernden Hauptstädte der großen, weiten Welt zu besuchen, doch das schien mir meinem gegenwärtigen Leben zu ähnlich zu sein. Dann erinnerte ich mich daran, wie fasziniert ich als Junge von den wilden Menschen der Schwarzen Berge und von den zugleich düsteren und romantischen Landschaften des Nordens gewesen war. Vielleicht konnte ich das, was ich brauchte, in meinem eigenen Land finden   ...

Ich stellte Erkundigungen an und sicherte mir letztlich über den Verwandten eines Freundes die Möglichkeit, ein Haus in Elbasa zu pachten, einem Weiler inmitten der Nordebenen. Man teilte mir mit, dass es für eine Wohnstätte im Hinterland ungewöhnlich luxuriös ausgestattet sei und einem Spross des nördlichen Königsgeschlechts gehöre, der seinerseits woanders zu leben schien. Aber der Besitzer hatte das Anwesen nicht dem Verfall überlassen: Ein tüchtiges Ehepaar hielt es in Schuss und würde mir als Diener zur Verfügung stehen, sollte ich die Pachtmöglichkeit wahrnehmen.

Und so begab es sich, dass ich in den frühen Stunden eines frostigen Frühlingsmorgens einen Hansom kommen ließ und die lange Reise zum Nordplateau antrat.

Selbstverständlich hatte ich trotz meines Hangs zu Wissenschaft und Skepsis – ich verachte weibischen Aberglauben – gewisse Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Es kursierten zu viele Geschichten über allzu furchtlose Reisende, die in dem hochmütigen Glauben an die Überlegenheit der Zivilisation in die Wildnis aufgebrochen waren und dann ein tragisches Schicksal erlitten hatten. Deshalb wollte ich den Schutz meiner Person nicht völlig außer Acht lassen. Ich suchte Aron Lamaga auf, den berühmtesten Magier der Stadt, und besorgte mir einige kostspielige Zauber, um mich während der Reise und meines Aufenthalts in meiner abgeschiedenen Residenz zu schützen. Das erschien mir nur vernünftig zu sein.

Aron Lamaga lebt im Magierviertel, und wenngleich manche meiner Bekannten diese Gegend frequentieren, weil sie dem Vernehmen nach die belebtesten Trinkstuben zu bieten hat, muss ich gestehen, dass ich mich ihnen für gewöhnlich nicht anschloss. Die Bevölkerung dort besteht zum größten Teil aus Quacksalbern, Scharlatanen, Eigenbrötlern, Geisteskranken und Verbrechern. Selbst die Polizei wagt sich mit stillschweigendem Einverständnis nicht in diesen Bezirk. Was nicht nur daran liegt, dass jenes verwirrende Labyrinth schmaler Gassen, dunkler Werkstätten und sonderbar baufälliger Gebäude Gefahren für unachtsame Fremde birgt, sondern auch daran, dass in diesem Viertel die Naturgesetze nicht gelten – zumindest habe ich das gehört.

So sagt man, Stadtpläne böten kein zuverlässiges Geleit: Straßen, die an einem Tag belebte Verkehrsadern seien, gäbe es am nächsten schlicht nicht mehr; Bauwerke, die noch am Montag hoch und erhaben aufragen, könnten sich am Dienstag als armselige Hütten oder als unkrautüberwuchertes Ödland präsentieren; und wer sich ganz ohne Führung ins Magierviertel wage, verschwände nicht selten spurlos.

Wenngleich man die Läden anderer bedeutender Zauberer in weniger verruchten Vierteln findet, gilt doch Aron Lamaga gemeinhin als der berühmteste Vertreter seines Berufsstands. Selbst der Premierminister verlässt sich auf seine astrologische Kunst und sucht, so munkelt man, auch bei bestimmten heiklen wie geheimen Staatsangelegenheiten seinen Rat, beispielsweise, wenn er sich diskret einer unbequemen Person entledigen will. Es heißt, Lamaga sei unerreicht darin, Leute verschwinden zu lassen. Und es heißt auch, er sei sogar in der Lage, die Erinnerung an einen Menschen so vollständig auszulöschen, als hätte eben dieser Mensch nie existiert, selbst bei jenen, die ihn sein Leben lang gekannt und geliebt hatten. Aus selbigem Grund sei der Magier daher auch in der Unterwelt sehr gefragt. Ich vermag nicht zu sagen, ob es sich dabei lediglich um düsteren Klatsch handelt, doch ob wahr oder nicht, aufgrund seines Rufs ist Lamaga zweifellos ein Mann, den man besser fürchtet.

Insofern verspürte ich durchaus Beklommenheit, als ich einen Führer anheuerte und in die überfüllten Straßen des Magierviertels einbog, um Lamagas Herrenhaus aufzusuchen. Doch ich gestehe, ich war auch äußerst neugierig. Allerdings erwies sich meine Begegnung mit dem Zauberer als recht unspektakulär. Statt der exotischen Kammer, die ich erwartet hatte, ausgestattet mit Samtvorhängen in Hülle und Fülle, erfüllt von Weihrauchgeruch, die Wände von Sigillen überzogen und gesäumt von Zauberbüchern, Glaskolben und ähnlicher magischer Gerätschaft, wurde ich in einen überraschend profanen Raum geleitet, wie er jedem meiner wohlhabenderen Bekannten hätte gehören können. Ein ganz gewöhnliches Gesellschaftszimmer, wenngleich gemütlich eingerichtet und mit Zeichnungen und Gemälden an den Wänden, die Lamaga als einen Kunstsammler von beträchtlichem und kundigem Geschmack auswiesen.

Der Mann selbst war gekleidet wie ein reicher Händler. Er war etwas stämmig und besaß ein unscheinbares Gesicht, womit ich meine, dass man auf der Straße an ihm vorbeigelaufen wäre und ihn für einen von Hundert anderen ehrbaren Bürgern gehalten hätte. Rein gar nichts an seinem Erscheinungsbild lieferte einen Hinweis auf seinen Beruf. Höflich lauschte er meinem Begehr, nickte verständig und ersuchte mich dann, kurz zu warten. Bald kehrte er mit einem kleinen Samtbeutel zurück. Darin befanden sich ein Silberring, in dessen Innenseite geheimnisvolle Zeichen graviert waren und den er mich anwies, ständig zu tragen, sowie eine Ampulle aus Glas mit einer Pipette. Die Ampulle enthielt eine smaragdgrüne Flüssigkeit.

»Wo immer Sie schlafen, müssen Sie einen Tropfen auf Ihr Kissen träufeln«, erklärte Lamaga. »Und auch auf die Schwelle jeder Außentür. Das wird Sie vor den meisten bösen Einflüssen beschützen, denen Sie mit einiger Wahrscheinlichkeit im Hinterland begegnen könnten.«

»Den meisten?«, fragte ich, während ich die Ampulle eingehend begutachtete. Sie zeugte zweifellos von ungewöhnlich erlesener Handwerkskunst.

Eine kaum wahrnehmbare Regung – möglicherweise Verärgerung über meine Frage – huschte über seine Züge, und für einen Augenblick beschlich mich das bange Gefühl von Gefahr, als wäre ich unwissentlich einem schlafenden Tiger zu nahe gekommen. »Ich kann Sie nicht vor Ihrem eigenen unbesonnenen Verhalten beschützen«, erwiderte er förmlich. »Wenn Sie mit gesundem Menschenverstand handeln, vermeiden Sie ungewöhnliche Schwierigkeiten.«

Damit stand er auf, und das Gespräch war beendet. Ein wenig enttäuscht – schließlich hatte ich mir von diesem Besuch etwas mehr Aufregung erhofft – übergab ich ihm eine beträchtliche Menge Silber und ließ mich von seinem überaus honorigen Butler aus dem Haus komplimentieren.

Meine Reise nach Elbasa verlief alles in allem ereignislos.

Ich fuhr mit der Bahn zur Endstation der Strecke am fernen Ende der Tiefebene. Dort mietete ich eine Kutsche, die mich zum Nordplateau bringen sollte. Gewiss kann man sich vorstellen, mit welchem Interesse ich durch die offenen Vorhänge der Fenster beobachtete, wie die grünen und fruchtbaren Ebenen meiner Heimat in die steinige Schönheit des Hinterlands übergingen. Aus den gut gepflasterten Verkehrsadern der Stadt wurden erst ländliche Fahrwege für Wagen und schließlich Straßen, die bisweilen kaum mehr als Trampelpfade darstellten.

Am ersten Tag der Reise in der Kutsche begannen wir, in höhere Gefilde vorzudringen. Nach und nach verschwanden die Linden, Birken und Eichen der Tiefebene, um Nadelbäumen und niedrigen, vom Wind gezeichneten Dornenbüschen und Gestrüpp das Feld zu überlassen. Das Wetter war klar und kalt, der Himmel eisblau. Ich spürte, wie mir leichter ums Herz wurde, je weiter wir uns von der Stadt entfernten.

Gegen Mittag des zweiten Tages erreichten wir das Nordplateau. Wir hielten an einem Gasthof für ein hastiges Mittagessen. Als ich aus der Kutsche stieg, schaute ich auf, und es verschlug mir den Atem: Es war mein erster Anblick der überwältigenden Schwarzen Berge, die sich bisher nur als Schatten am Horizont abgezeichnet hatten, ummantelt von Legenden. Ihre schiere Präsenz war ehrfurchtgebietend: ihre Felswände türmten sich in den fernen Himmel, diesige Wolken verhüllten ihre Gipfel, ihre dunklen Hänge fielen mit einer starren, merkwürdig schamlosen Schönheit zum Nordplateau hin ab, dem Land des Todes, das sich grau und flach unter einem dünnen Schneeanstrich vor mir erstreckte.

Elbasa liegt in der Mitte des Plateaus an der Hauptstraße, die durch diese Region verläuft, und stellt folglich einen der bedeutenderen Orte in diesem Teil des Landes dar.

Als ich im Zuge meiner Reiseplanung betonte, keinerlei Nähe zu einer Ortschaft zu wünschen, da ich alles Städtische hinter mir zu lassen gedächte, lachte mein Freund Grosz, der mir meine Unterkunft vermittelt hatte, herzlich und versicherte mir, dass ich in einer Region, in der die meisten Dörfer höchstens aus einem halben Dutzend Häuser beständen, wohl kaum auf etwas treffen würde, das ich als Ortschaft bezeichnen würde.

»Mein lieber Hammel«, sagte er, als er sich wieder beruhigt hatte. »Ich weiß, dass du im Gegensatz zu mir noch nicht durch das Land des Todes gereist bist. Du magst den Namen vielleicht für pathetisch halten: Ich versichere dir, das ist er nicht. Es gibt kaum weniger düstere Anblicke als jene trostlose Landschaft von Friedhöfen! Vergiss nicht, der Norden ist die Wiege der Vendetta, der Blutrache. Dort hat der Tod eine andere Bedeutung; die Menschen leben unter seinem Zepter, und der Tod ist ihre Währung. Die Landschaft ist, das versichere ich dir, von höchst romantischer Schönheit, doch es ist eine ausgesprochen herbe Schönheit. Dort wirst du dem Leben in seiner rauesten Form und unbemäntelten Blöße begegnen! Eh du dich versiehst, wirst du dich nach den überlaufenen Straßen der Stadt sehnen!« An der Stelle grinste er sogar.

Ich hielt Grosz damals zugute, dass er angeheitert und daher nicht vollends verantwortlich für seine Worte war. Und doch erwiderte ich etwas säuerlich, dass ich mir vor allem wohltuende Abgeschiedenheit wünsche und sehr wohl in der Lage sei, die eigene Gesellschaft zu genießen. Und dass ich darüber hinaus, zumal ich auf einem Landsitz aufgewachsen war, durchaus mit den raueren Sitten und eigenen Gesetzen vertraut sei, die in der Provinz herrschten.

Nach wie vor lächelnd lehnte sich mein Freund vor und stieß mich in die Rippen. »Dann lass mich dir zumindest eines dieser eigenen Gesetze eindringlich ins Gedächtnis rufen«, sagte er. »Im Gegensatz zu den Bauernmädchen der Tiefebene sind die Mädchen im Land der Toten nicht zu haben. Sie haben einen hohen Preis.«

»Dessen bin ich mir vollauf bewusst«, erwiderte ich knapp.

»Tja, vergiss es nicht«, mahnte mich Grosz, nun deutlich ernster. »Ich kenne dein Naturell, Hammel. Und ich schwöre dir, nie habe ich solche Augen gesehen, wie man sie bei manchen der Hochland-Frauen findet. Aber allein sie anzublicken, ist gefährlich. Und ich rede hier nicht nur von Messern. Flüche bedeuten auf dem Plateau etwas völlig anderes …«

Einen Augenblick lang wurde mir bewusst, dass er es wirklich ernst meinte, und mich schauderte. Plötzlich erinnerte ich mich lebhaft daran, wie ich vor etwa einem Jahr einen Zauberer des Hochlands in der Stadt gesehen hatte. Er trug den Stab seines Berufsstandes, ansonsten jedoch lediglich die schmucklose Kluft eines Hochlandhirten. Er hatte einen stummen kleinen Jungen bei sich, dem die Zunge herausgeschnitten worden war, wie es vor einigen Jahrhunderten alle Zauberer zu tun pflegten. Wie viele altertümliche Traditionen war auch dies ein Brauch, dem man im Land des Todes nach wie vor frönte. Mich schauderte beim Anblick des verstümmelten Knaben, und ich fragte mich, weshalb ich noch nie gehört hatte, was mit solchen Jungen geschah, wenn sie ihren Zweck erfüllt hatten und erwachsen geworden waren: Tötete man sie oder setzte man sie aus? Oder erhielten sie gar eine Belohnung für ihre Dienste und führten fortan ein unbescholtenes, wenngleich schweigsames Leben?

Das Auftreten des Zauberers wirkte dermaßen hochmütig, dass es fast an Ungehörigkeit grenzte, und er ging mit den weit ausholenden Schritten eines Menschen, der an weite Räume gewöhnt ist. Mir fiel auf, dass ihm die Leute trotz des dichten Gedränges, das auf der Straße herrschte, aus dem Weg gingen. Seine funkelnden Augen wanderten unstet umher, der Mund war verächtlich verzogen. Als ich an ihm vorbeischlenderte, wobei ich ihn ob meiner Neugier anstarrte, trafen sich unabsichtlich unsere Blicke, und mir schoss eine eisige Kälte ins Herz. Einen Atemzug lang glaubte ich fast, er hätte mich gestochen. Erfüllt von einem wachsenden Grauen gelang es mir, ihn zu passieren, danach bog ich förmlich im Laufschritt um die nächstbeste Ecke. Dort hielt ich inne, rang nach Luft und konnte mir die Panik nicht erklären, die so kurz Besitz von mir ergriffen hatte.

Ja, ein jeder wusste von den Flüchen der Zauberer des Hinterlands und von den Blutgesetzen. Doch genau das war mit ein Grund dafür, weshalb ich unbedingt dorthin wollte – um die wilden Gebräuche in jenen Gefilden mit eigenen Augen zu sehen. Mein Freund hatte mir erzählt, das Leben dort beschränke sich auf das Notwendigste: Jede Handlung wurde mit dem Siegel des Todes unterfertigt, und die Hinterländler, Männer wie Frauen, gehorchten dessen unerbittlichen Gesetzen bedingungslos. Dort, so meinte mein Freund und wurde lyrisch wie so oft nach mehreren Gläsern Wein, erfahre das Leben seine wahre, obsidianschwarze Bedeutung.

»Aber halte dich von den Frauen fern«, warnte er mich erneut und sah mich über sein Glas hinweg aus schmalen Augen an. »Es sei denn, du möchtest in jenes tragische Getriebe geraten. Denn ist man erst einmal mit den Gesetzen des Nordens in Konflikt geraten, gibt es kein Entrinnen mehr.«

Diese Unterhaltung rief ich mir ins Gedächtnis, während ich die Schwarzen Berge bestaunte, deren düsteres Gewicht mir selbst aus der Ferne das Herz schwer werden ließ. Einen Augenblick lang bedauerte ich meine Entscheidung, zum Plateau gereist zu sein. Ich stand kurz davor, meinem Kutscher aufzutragen, zu wenden und zurück nach Süden zu den Obstgärten meiner Jugend zu fahren. Doch etwas in mir – vielleicht der Gedanke an den unausgesprochenen Hohn meines Freundes, sollte ich schon so bald zurückkehren – lehnte sich gegen mein Zaudern auf. Und so schwieg ich und zog nur den Kopf ein, um durch den niedrigen Eingang des Gasthofs zu treten, in dem ich mein einfaches Mittagsmahl genießen sollte.

Ich traf zwei Tage später in Elbasa ein. Es herrschte kalter, durchdringender Regen. Das Plateau – oder was ich durch die grauen Wasserschleier davon sehen konnte – präsentierte sich besonders trostlos und unfreundlich. Meiner Stimmung war das nicht förderlich. Ich fragte mich, was mich beseelt haben mochte, diesen trübseligen Teil der Welt zu besuchen, während ich stattdessen in einem der Vergnügungsboote der Wasserstadt liegen oder durch die unvergleichlichen Kunstwerke in den Museen der Stadt des Lichts hätte schlendern können.

Wir passierten mehrere kleine Dörfer, von denen jedes, wie mein Freund es beschrieben hatte, aus höchstens einem halben Dutzend Gebäuden bestand. Die Häuser hatte man aus dem schwarzen Basalt jener Gegend errichtet, und es handelte sich vorwiegend um bescheidene Behausungen mit grauen Schrägdächern aus Schiefer. Meiner Einschätzung nach konnten nur wenige der Gebäude mehr als zwei oder drei schlichte Räume beinhalten. Trotz des von meinem Freund versprochenen Komforts fragte ich mich, ob das Haus, das mich in Elbasa erwartete, wohl meinen Ansprüchen genügen würde, und meine Zuversicht schwand.

Das einzig Interessante entlang der Straße waren die Steintürme, die sich außerhalb mancher Dörfer fanden. Wie mahnende Finger zeigten sie himmelwärts, besaßen als Fenster lediglich glaslose Schlitze und erstreckten sich bisweilen über vier Geschosse. Dennoch waren die Gebäude eher schmal; der Durchmesser ihrer Fundamente konnte nicht mehr als zehn Schritte betragen. Ich wusste, dass dies die Odu waren, Zufluchtsstätten, in denen jemand, über dem die Blutrache als drohendes Schwert schwebte, unbehelligt leben konnte, allerdings ausgeschlossen von der menschlichen Gesellschaft. Nur nachts, in den Stunden der Gnade, durften sich die Unseligen hervorwagen, um sich Nahrung zu beschaffen. Fasziniert fragte ich mich, wie viele arme Gestalten ihr Dasein in der Dunkelheit dieser ungemütlichen Orte fristeten und ob ein solches Leben wirklich besser war als der schnelle Tod durch eine Kugel auf einer verwaisten Straße.

Der Frühling musste auf dem Nordplateau erst noch Einzug halten: Die Obstbäume standen verkümmert und bar jeglicher Blüten da, das flache Gras präsentierte sich welk und gelblich. Das einzige Grün stammte vom dunklen Blätterkleid einiger zottiger, allein stehender Kiefern. Einsame Ziegen und feuchte Hühner machten sich lustlos an den Misthaufen der Dörfer zu schaffen, und vereinzelt sah ich plumpe Frauen, die, von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt, ihren Haushaltspflichten nachgingen. Außerhalb jedes Dorfes lag ein schlichter, unumzäunter Friedhof mit von Steinen umsäumten Gräbern. Recht häufig erblickte ich neben der Straße einzelne Denkmäler, stets errichtet fernab jeglicher Wohnstätten – graue Steinhaufen, dunkel vom Regen. Nach einigen weiteren Meilen vorbei an diesen wehmütigen Zeichen beschlich mich allmählich das Gefühl, durch ein einziges, endloses Begräbnisfeld zu reisen.

Auf der Straße passierten wir nur sehr wenige Menschen. Gelegentlich begegnete uns ein dunkel gekleideter Wanderer, der stoisch vor sich hinstapfte, den Kopf gegen den Regen eingezogen, ein Gewehr über den Rücken geschlungen, die Waffe in Sackleinen gehüllt, um sie vor der Feuchtigkeit zu schützen. Ich starrte missmutig und gelangweilt aus dem Fenster der Kutsche und fror, während ich zunehmend bedrückter wurde.

Wir fuhren gerade an einem weiteren einsamen Wanderer vorbei, als dieser beiläufig zur Kutsche aufschaute und kurz meinem Blick begegnete. Mir stand der Atem still: Obwohl es sich um einen jungen Mann handelte, der auf die dunkle Weise der Menschen des Hinterlands durchaus gut aussehend zu nennen war, wirkte er wie ein wandelnder Leichnam. Seinen Augen fehlte es an jeglichem Glanz, seine Züge präsentierten sich blass und regungslos wie behauener Marmor. Dabei strömte ihm der Regen über das Gesicht, als wäre er tatsächlich eine Statue. Mein Herzschlag beschleunigte sich, als mir das weiße Band auffiel, das er um den rechten Arm trug. Dies also war einer der Toten; meine erste Begegnung mit einem derjenigen, die unter dem Zeichen der Vendetta wandelten. Das Band um seinen rechten Arm wies darauf hin, dass er »seinen Mann« getötet hatte, sich aber noch im Gnadenmonat befand. Nach Ablauf des Monats würde er das Band am linken Arm tragen, und dann konnte ihn der Tod bei Tageslicht jederzeit ereilen. Es sei denn, er suchte Zuflucht in den Odu, dazu verdammt, nie wieder die Sonne zu sehen.

Ich beobachtete, wie seine einsame Gestalt in der Ferne entschwand, zutiefst berührt von der tragischen Schönheit jenes Mannes. Wie ein Engel des Todes durchwanderte er diese Landschaft des Todes. Und zum ersten Mal begann ich, die Worte meines Freundes über das Nordplateau wirklich zu verstehen. Doch paradoxerweise munterte mich diese Begebenheit auf: Vielleicht würde ich in dieser gottverlassenen Gegend doch etwas finden, das mein Interesse weckte.

Kurz vor Einbruch der Abenddämmerung rollte meine Kutsche klappernd auf den winzigen Platz in der Ortsmitte von Elbasa. Einige verirrte Sonnenstrahlen kämpften sich durch einen Riss in der niedrigen Wolkendecke und verliehen der Szenerie spärliche Wärme. Während sich mein Kutscher in den Regen hinauswagte, um sich nach dem Weg zum Haus zu erkundigen, betrachtete ich durch das Fenster des Gefährts missmutig die Ortschaft. Auf einer Seite des Platzes befand sich eine Schenke, auf der anderen ein Gebäude, das ich für das Haus des Bürgermeisters hielt. In der Mitte stand eine uralte, verkümmerte Linde, ein trister Abklatsch seiner üppigen Vettern im Süden. Darunter erblickte ich einen verwitterten Steinsitz neben einem Teich mit dunklem, vor faulendem Laub strotzendem Wasser. Ein schmuddeliges Ladengeschäft sowie Häuserreihen mit geschlossenen Fensterläden vervollständigten den traurigen Eindruck.

Nach fast einer Woche des Reisens konnte ich es kaum erwarten, die Kutsche zu verlassen und mich in einem gemütlichen Haus niederzulassen. Ich sehnte mich nach einem heißen Bad, einem tüchtigen Schrubben meines Rückens durch meinen Diener und einem anschließenden Glas Madeirawein an einem knisternden Feuer, bevor ich mich dankbar in ein behagliches Bett fallen ließe. Dass es mir gelang, all das tatsächlich auch zu bekommen, versetzte mich in beträchtliches Erstaunen, wie ich gestehen muss.

Der Bericht meines Freundes erwies sich als zutreffend: Das Haus, das ich für die Frühlingsmonate gepachtet hatte, war nach den Maßstäben des Nordplateaus in der Tat luxuriös zu nennen. Es lag etwas außerhalb der Ortschaft in einem angenehmen Winkel auf einer niedrigen Anhöhe, die in diesen Gefilden einem Hügel noch am nächsten kam. Um die üblichen Kiefern, die es vor den rauen, häufig von den Bergen herabwehenden Winden schützten, konnte es nicht umhin. Man nannte es das Rote Haus, weil es nicht das allgegenwärtige Schieferdach besaß, sondern freundlich wirkende Lehmziegel, die jemand, der offenbar keine Mühen und Kosten gescheut hatte, aus dem Süden eingeführt haben musste. Während ich neugierig aus der Kutsche spähte, beobachtete ich, wie das letzte Licht des Tages das Dach berührte und es nachgerade erleuchtete, und ich empfand es als wundersam, so etwas in dieser tristen Landschaft aus Grautönen zu sehen. Außerdem bemerkte ich buttergelbes Licht, das durch die Fenster nach draußen fiel, und meine Stimmung hob sich.

Im Haus lernte ich das Paar kennen, das es instand hielt, einen wortkargen, aber höflichen Mann namens Zef und dessen Gemahlin Anna. Beide kleideten sich adrett und besaßen untadelige Manieren. Sie stammten aus der Umgebung, hatten jedoch eine gute Ausbildung genossen. Wenngleich das Haus nicht groß war – es mochte aus vielleicht sechs bis sieben Haupträumen bestehen –, vermittelte es ein Gefühl von Ordnung und Wohlstand, das mir in den letzten Tagen bereits ein wenig fremd geworden war, zumal ich mich an Herbergen mit niedrigen Dächern und Matratzenlager gewöhnt hatte, die eher durch ihre vielfältige Fauna als durch ihre Bequemlichkeit im Gedächtnis blieben. Zur Abrundung meiner Zufriedenheit stellte sich heraus, dass Anna eine bemerkenswerte Köchin war: Sie bereitete an jenem Abend aus Kaldaunen und Zwiebeln ein Gericht zu, das die Seele ebenso nährte wie den Leib.

Man kann sich vorstellen, wie ich mich dazu beglückwünschte, eine solche Oase der Zivilisation in diesem wilden Landstrich gefunden zu haben, und mit welcher Erleichterung ich mich in jener Nacht zwischen die frischen Leinenlaken bettete. Und so überdachte ich, bevor ich in wohlverdienten Schlaf fiel, mit neuer Begeisterung die Möglichkeiten, die meine neue Lage bot.

II

Am Vormittag nach meiner Ankunft fühlte ich mich im Anschluss an ein hervorragendes Frühstück aus Blutwurst und Kutteln so weit von den Strapazen meiner Reise erholt, um meine Umgebung mit einigem Wohlwollen zu begutachten.

Es half, dass der Morgen nach mehreren Tagen strömenden Regens klar und hell anbrach. Der fahle Sonnenschein des beginnenden Frühlings gleißte blendend auf den Pfützen und verwandelte das nasse Gras in ein Meer von zitternden Prismen. Ich starrte aus dem Schlafzimmerfenster, während ich mich ankleidete. Das Fenster wies zur Rückseite des Hauses, die einen winterlichen Gemüsegarten und den obligatorischen, armseligen Obstgarten beherbergte. In der Ferne konnte ich die Schwarzen Berge erkennen, die sich an diesem Tag deutlich sichtbar präsentierten, wenngleich Nebel ihre karstigen Höhen verhüllte. Ich ertappte mich dabei, die schwermütigen, aber wunderschönen Balladen meiner Kindheit über die Hirten im Land des Todes zu summen. Die Lieder ließen mich an den Jungen denken, den ich am Vortag gesehen hatte: Er konnte das volle Mannesalter noch nicht erreicht haben, doch sein Gesicht schien auf eine Weise alterslos zu sein, als hätte der Tod ihn bereits aus dem Strom der Zeit gehoben.

Ich inspizierte meine Unterkunft, wofür mir am Vorabend die Kraft gefehlt hatte, und wurde in meinem Gefühl, es wirklich gut getroffen zu haben, noch bestärkt. Es war in der Tat alles perfekt. Die Küche war groß und gut bevorratet, die Ausstattung erwies sich als modern und praktisch angeordnet. Es gab ein freundliches, überraschend geschmackvolles Esszimmer, einen offiziellen Salon, ein an mein Schlafzimmer im Obergeschoss angrenzendes Wohnzimmer und unten im vorderen Bereich des Hauses ein ansprechendes Frühstückszimmer, welches das Morgenlicht einfing. In diesem Raum stand ein eleganter Mahagonischreibtisch, zweifellos das feinste Möbelstück im Haus.

Diese Stube nahm ich umgehend als mein Arbeitszimmer in Beschlag; ich hatte mehrere Projekte mitgenommen, die ich in meiner Zeit hier abzuschließen hoffte, darunter das beinah vollständige Manuskript des Gedichtbands, den ich S… versprochen hatte. Ich musste an die Dame denken, die mich zu einigen der Gedichte inspirierte. Bald schon ist der Jahrestag unserer ersten Begegnung, und ich erwäge meinen Band – der meine erste Veröffentlichung werden sollte – Land des Todes zu nennen. Ich gestehe, mich überkam ein Moment der Schwäche, als ich mich an bestimmte Gesten, eine bestimmte Haltung ihres Kopfes erinnerte, durch die ihr anmutiger Hals besonders gut zur Geltung kam. Ja, einen Augenblick lang spielte ich sogar mit dem Gedanken, ihr das Buch zu widmen – wenngleich ich nur die Initialen angeben konnte –, doch ich verwarf die Idee schon im nächsten Moment, da man dies als Beweis einer Leidenschaft auffassen würde, die meinerseits mittlerweile erkaltet war und zu der ich nicht zurückkehren wollte.

Nach Mittag fühlte ich mich rastlos und verbrachte einige Zeit in der Küche. Dort unterhielt ich mich mit Anna, da ich zunehmend neugieriger auf die Geschichte dieses Hauses wurde, das so untypisch für die Wohnstätten war, die ich auf dem Plateau gesehen hatte. Sie erzählte mir, dass der Eigentümer, den man nur als Damek kannte, nicht weit entfernt wohnte, weniger als zwei Meilen.

»Nun denn!«, sagte ich. »Als pflichtbewusster Pächter sollte ich ihm meine Aufwartung machen.«

»Ich fürchte, Herr, dass er nicht zu Hause sein könnte«, rief Anna und schien mir dabei ein wenig verwirrt zu sein.

»Es wäre nur höflich«, beharrte ich. »Und wenn er nicht zu Hause ist, habe ich nicht mehr als meine Zeit vergeudet. Ich habe das Gefühl, ein Spaziergang würde mir guttun.«

»Ich glaube, Herr, das Wetter wird bald umschlagen«, erwiderte Anna. »Aus den Bergen kann im Handumdrehen ein Sturm aufziehen, und das mit einer Heftigkeit, an die Sie als Mann aus der Tiefebene nicht gewöhnt sind. Und auch wenn der Weg nur kurz sein mag, es ist kein Vergnügen, in einem Unwetter zu wandern.«

Sie sah aus, als wollte sie noch etwas hinzufügen, doch stattdessen wandte sie sich wieder ihren Töpfen zu. Dieser Wortwechsel schürte meine Neugier; ich hatte das Gefühl, dass Anna etwas vor mir verbarg. Ich trat hinaus, um die Luft zu riechen, und stellte fest, dass sich der Himmel klar und blau präsentierte, ohne jegliche Anzeichen einer Trübung. So begab es sich, dass ich kurze Zeit später ungeachtet weiterer Versuche seitens Anna, mich davon abzubringen, das Haus verließ. Ich war im Besitz einer genauen Wegbeschreibung – und ich achtete darauf, für den Fall einer unverhofften Begegnung mit einheimischen Zauberern oder dergleichen den Silberring zu tragen. Ich folgte einem Weg, der wenig mehr als ein Ziegenpfad war und sich durch struppige Kohlfelder in Richtung der Schwarzen Berge wand.

Ich passierte ein Dutzend trauriger Denkmäler – die bröckeligen Steinhaufen, die anzeigen, wo einen unglückseligen Menschen der Tod ereilt hatte –, was ich als ungewöhnlich viel für einen solch ärmlichen Ziegenpfad empfand. Dann fiel mir ein, dass mir mein Freund erzählt hatte, vor zwei Jahrzehnten habe in Elbasa eine Vendetta gewütet. »Eine Vendetta kann sich über Generationen erstrecken«, sagte er. »Doch in diesem Fall fand man eine Möglichkeit, sie zu beenden, bevor jeder Mann im Dorf getötet wurde.«

Anfangs entwickelte sich mein Unterfangen ohne Frage zu dem erbaulichen Spaziergang, den ich geplant hatte, doch als ich mich meinem Ziel näherte, erkannte ich, dass die Warnung meiner Haushälterin durchaus begründet gewesen war. Die Temperatur sank abrupt, der Wind wurde unangenehm böig, und zu meinem Erschrecken sah ich, dass eine unheilverkündende, dunkelviolette Wolkenbank den Himmel mit erstaunlicher Geschwindigkeit verschlang. Ich wickelte mich enger in meinen Mantel und eilte weiter, hielt besorgt Ausschau nach dem Haus, das laut meiner Wegbeschreibung demnächst zu meiner Linken auftauchen sollte. Erleichtert erspähte ich einen Lichtschimmer in der zunehmenden Dunkelheit des nahenden Unwetters – es war erst Mitte des Nachmittags, doch die Sonne war völlig verzehrt worden, sodass es beinah Nacht zu sein schien. Ich beschleunigte die Schritte und erreichte den Eingang eines großen Bauernhauses in dem Augenblick, als die ersten Regentropfen zu fallen begannen.

Auf mein anfängliches Klopfen antwortete niemand. Verwirrt versuchte ich es erneut und wurde besorgt, weil es nun richtig zu schütten begann, großzügig durchsetzt mit Hagel. Ich dachte, der ohrenbetäubende Donner habe mein Klopfen vielleicht übertönt, und machte beharrlich weiter. Nach einigen Minuten begann ich zudem zu brüllen, doch obwohl in einem oberen Fenster Licht brannte, blieb die Tür fest verschlossen. Schließlich gab ich auf, schüttelte mir das Wasser aus den Augen und sah mich nach einem behelfsmäßigen Unterstand um; vielleicht würde sich das Unwetter rasch verziehen, und ich könnte wieder den Rückweg antreten. Wie ich feststellte, gab es einige Nebengebäude, vielversprechender erschien mir jedoch zu sein, dass ich hinter dem Haus einen kleinen Innenhof entdeckte. Vielleicht hielt sich dieser Mann, Damek, – so er zu Hause war – ja irgendwo im hinteren Bereich des Hauses auf und hatte mich aufgrund des Gewittertosens schlichtweg nicht gehört. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und lugte über die Mauer. Ich entdeckte ein Fenster und durch das Fenster den an der Wand flackernden Widerschein eines mächtigen brennenden Kamins.

Mittlerweile war ich völlig durchnässt und fror – verlockt durch den angenehmen Vormittag hatte ich lediglich einen leichten Mantel angelegt. Ich vergaß, wie laut der Sturm war, und wurde von einer vernunftwidrigen Wut erfasst. Wie konnte es jemandem dermaßen an Mitgefühl mangeln, dass er einen Reisenden unbeachtet vor der Tür stehen ließ? Zumal bei solchem Wetter! Obendrein im Hochland, wo die Pflichten gegenüber einem Gast als heilig galten, als Ehrensache, als Angelegenheit auf Leben und Tod! Ich kletterte auf ein altes Regenfass, hievte mich über die Mauer und ließ mich in den dunklen Hof hinab.

Kaum hatte ich den Boden berührt, erkannte ich, dass ich einen schweren Fehler begangen hatte: Ein regelrechter Höllenhund, der sich bislang still verhalten hatte, stürmte aus den Schatten hervor und bellte, als wollte er die Toten wecken. Wäre ich nicht in blinder Panik zur Tür gehechtet, hätte er mir wohl die Kehle herausgerissen; stattdessen fügte er mir einen höchst schmerzhaften Biss ins Bein zu. Es hätte mein Ende bedeuten können, wäre die Hintertür versperrt gewesen, doch zu meinem großen Glück war sie es nicht, und ich stürzte samt dem knurrenden Hund wie ein nasser Sack mitten in eine riesige Küche.

Jemand zog den Hund von mir, wenngleich erst, nachdem er mich ein weiteres Mal gebissen hatte, und scheuchte das Tier mit einem Stock zur Tür hinaus. Ich saß da und rang nach Luft. Und während ich mich von dem Schrecken des Angriffs erholte, wurde mir klar, dass ich in schmachvoller Weise auf dem Boden kauerte und meine blutende Wade umklammerte. Ein kräftig gebauter, hemdsärmeliger Mann mit schwarzen, buschigen Brauen, eindeutig ein Diener, stand über mir und betrachtete mich ohne besondere Freundlichkeit im Blick.

»Wer, zum Henker, sind Sie?«, verlangte er zu erfahren.

Ich versuchte, die kargen Scherben dessen aufzuklauben, was von meiner Würde noch übrig war.

»Mein Name ist Hammel.« Ich bemühte mich, meine Schmerzen nicht zu beachten, und untersuchte meine Stulpen, die sich bedauerlicherweise als blutbefleckt erwiesen. »Ich wollte meinem Verpächter meine Aufwartung machen, und das ist der jämmerliche Lohn dafür. Ich habe an der Vordertür geklopft, aber niemand hat geantwortet, und in meiner Verzweiflung, dem Unwetter zu entfliehen, wollte ich es hinten versuchen …«

Der Mann lächelte spöttisch und wandte sich wortlos ab. Angefacht von den jüngst durchlebten Schrecken entflammte mein Zorn erneut.

»Auch wenn Ihr Master nicht zu Hause ist, so ist das keine Entschuldigung für derart armselige Gastfreundschaft!«, empörte ich mich. »Sie bringen Schande über seinen Namen. Und Sie können sicher sein, dass er davon erfahren wird, Sie Hundesohn. Ich werde dafür sorgen, dass er Sie auspeitschen lässt.«

Der Mann drehte sich zurück zu mir, und zu meinem Erstaunen sah ich, dass ein teuflisches Lachen in seinen Augen funkelte. »Und was ist mit Ihren Manieren? Sie poltern hier uneingeladen herein und besudeln meinen Boden?«

Seine Unverschämtheit verschlug mir die Sprache; ich saß da, öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch. Da jedoch hockte er sich hin und untersuchte, ohne mich eines Blickes zu würdigen, mein Bein. Er grunzte.

»Sie haben Glück«, befand er und richtete sich wieder auf. »Percha hätte Ihnen an die Gurgel gehen können. Aber das ist nur ein Kratzer; den überleben Sie.« Er öffnete einen Schrank, holte einen Lappen hervor, goss Wasser aus einem Krug in eine Schüssel und reichte mir beides. »Da. Machen Sie sich sauber.«

Wie benommen nahm ich die Gegenstände an mich, immer noch fassungslos ob seiner Unhöflichkeit. Letztlich fand ich meine Zunge wieder. »Haben Sie gehört, was ich gesagt habe, Sie Hund? Ihr Master wird davon erfahren!«

»Und wen bitte nennen Sie einen Hund?« Die Belustigung war völlig aus seinem Blick gewichen, und ich begann, mich vor ihm zu fürchten. Einige Atemzüge lang musterte er mich unverwandt.

»Nun gut, ich nehme an«, meinte er schließlich, »ein Narr zu sein stellt keine tödliche Beleidigung dar, auch wenn es eigentlich so sein sollte. Ich vermute, Sie sind mein Pächter; geistlos genug dafür sehen Sie jedenfalls aus. Ich hatte weder das Verlangen, noch war es nötig, Sie kennenzulernen, und ich wünschte, Sie würden heimkehren. Leider ist das derzeit unmöglich, weil sich dieser Sturm nicht vor dem Ende der Nacht verziehen wird. Aber da Sie gekommen sind, um mir die Ehre zu erweisen, halte ich es für wenig ratsam, mir Schimpfwörter an den Kopf zu werfen.«

Dieser Mann, den ich für einen ungehobelten Diener gehalten hatte, war also der Herr Damek persönlich, mein Verpächter! Oder handelte es sich um einen garstigen Scherz? Was tat der Herr des Hauses in der Küche, gekleidet wie ein Bauer? Ich sah davon ab, mit ihm zu streiten; vor meinem inneren Auge zog unvermittelt das unbehagliche Bild der zahlreichen Steinhaufen vorüber, die ich während meines Spaziergangs gesehen hatte.

Ich stammelte eine Entschuldigung, doch der Mann bedachte mich nur mit einem verächtlichen Blick und forderte mich auf, mich vom Boden zu erheben. Er kehrte zum Tisch zurück, wo er eine Büchse gereinigt hatte, bevor ich ihn dabei unterbrochen hatte, und schenkte mir keinerlei weitere Beachtung. Zittrig stand ich auf und suchte mir einen Sitzplatz, so weit wie möglich von meinem Gastgeber entfernt, aber nah genug am Feuer, um mich zu trocknen. Ich säuberte meine Wunden, die arg schmerzten, und bereute meine übereilte Entscheidung von diesem Morgen bitterlich. Darob beschloss ich, künftig auf Anna zu hören; es versprach, eine lange, unbehagliche und wenig unterhaltsame Nacht zu werden.

III

Meine Ahnung wurde nicht enttäuscht.

Auch nachdem mir unangenehm heiß wurde, blieb ich am Feuer sitzen, wagte nicht, mich zu bewegen, lauschte dem Unwetter draußen und warf verstohlene Blicke zu meinem mürrischen Gastgeber und durch die Küche. Es war ein großer Raum und einst unverkennbar das Herz eines wohlhabenden, soliden Heims: Aber alles, von den gesprungenen Tellern, die sich lieblos auf einer Anrichte stapelten, bis hin zu den dreckigen Fenstern und Wänden und den Traufen voller Spinnweben, zeugte von Vernachlässigung. Den Eindruck wurde durch die rauchende Öllampe, die den Großteil des Raums in Schatten tauchte, noch verstärkt. Die einzige andere Beleuchtung stammte vom Kamin, der ein höllisch rotes Licht ausstrahlte.

Ab und an unternahm ich unruhig den Versuch, eine Unterhaltung zu beginnen, was mein Gastgeber entweder ignorierte oder mit einem Grunzen quittierte. Er reinigte seine Büchse zu Ende, ölte sie, baute sie wieder zusammen, verstaute sie in einem an der Wand hängenden Gestell und entnahm daraus eine andere. Dabei sah er mich an.

»Sie können sich ruhig ein wenig nützlich machen und ein Holzscheit ins Feuer legen«, schlug er vor.

Wieder war ich verblüfft von seiner Unhöflichkeit, wagte jedoch nicht, ihm zu widersprechen, und tat, wie mir geheißen. Da öffnete sich eine von mir bislang unbemerkte Tür am gegenüberliegenden Ende der Küche, und eine junge Frau trat ein. Das Letzte, was ich in diesem Haus zu sehen erwartete, war ein weibliches Geschöpf. Etwas verwirrt sprang ich auf die Beine und verneigte mich.

Auf Anhieb fiel mir auf, dass es sich um eine ausgesprochen hübsche Frau handelte. Sie besaß langes schwarzes Haar, schmutzig und ungekämmt zwar, aber dicht; große braune Augen in einem blassen, zierlichen Gesicht; und einen vollen, weichen Mund. Allerdings wurde ihre äußere Erscheinung von ihrem schlampigen Kleid und ihrer sauertöpfischen, trotzigen Miene beeinträchtigt. Sie schrak zusammen, als sie mich erblickte, dann entlockten ihr meine Verbeugung und meine gestammelte Begrüßung lediglich ein spöttisches Lächeln.

»Sei höflich zu unserem Gast, Lina«, ergriff mein Gastgeber das Wort. Er klang belustigt. »Du musst deine schlechte Erziehung ja nicht so offenkundig zur Schau stellen. Das ist Herr Hammel aus der Stadt, der derzeit im Roten Haus wohnt.«

Lina drehte sich um und bedachte Damek mit dem wohl hasserfülltesten Blick, den ich je in einem menschlichen Gesicht gesehen habe. Dann setzte sie sich auf eine Bank am Feuer und verhielt sich weiter so, als gäbe es mich gar nicht, obwohl ich mich kaum anderthalb Meter von ihr entfernt befand.

Nun fühlte sich meine Lage doppelt ungemütlich an; und erschwerend kam hinzu, dass ich äußerst hungrig wurde. Letzteres Problem jedoch wurde prompt gelöst, als Lina nach einigen barschen Befehlen von Damek verdrießlich einen schwarzen Eisentopf über die Kochstelle schwang und etwas Suppe aufwärmte. Diese servierte sie lieblos in einst feinen Porzellanschalen, die mittlerweile, wie alles in der Küche, Sprünge und Kratzer aufwiesen.

Ich dankte meiner Gastgeberin, wofür sie mich mit einem verächtlich-finsteren Blick bedachte. Damek lachte.

»Vergeuden Sie für die keinen Atem«, riet er mir.

Lina kam dem Einwand, der mir auf der Zunge lag, mit einem üblen Fluch zuvor. Doch zu meinem Verdruss drehte sie sich mir statt Damek zu. »Halten Sie sich bloß nicht für was Besseres«, sagte sie zu mir. »Ich kenne Leute Ihrer Art. Er mag ein Teufel sein, aber Sie sind nur eine stinkende Laus.«

Völlig entgeistert von ihrem unprovozierten Angriff ertappte ich mich dabei, wie ein Narr zu stammeln, bevor ich mich auf meine Mahlzeit konzentrierte. Ihr unverhohlener Hohn schmerzte meine Eitelkeit. Ich fragte mich, ob sie verrückt war oder zu der Sorte Frau gehörte, die grundsätzlich alle Männer hasste. Eine Zeit lang bildete das Schaben von Löffeln auf Geschirr die einzigen Geräusche im Raum.

Zur Auflockerung versuchte ich, ein Gespräch in Gang zu bringen, zumal mein launenhafter Gastgeber nun beinah herzlich wirkte; aber alles, was ich sagte, verwandelte Damek in eine Gelegenheit, Lina zu piesacken. Wenn sie überhaupt etwas erwiderte, dann auf eine Weise, die meine Meinung von ihr noch weiter sinken ließ. Ja, sie gebärdete sich derart unwirsch und rüpelhaft, dass ich bald den starken Wunsch verspürte, sie zu schlagen, und fast zu dem Schluss gelangte, sie verdiene die Behandlung, die ihr widerfuhr. Ich fragte mich, ob Damek durch ihre ständige Gesellschaft so griesgrämig geworden war.

Die Suppe schmeckte überraschenderweise köstlich, doch meine Gastgeberin nahm meine Komplimente mit Gleichgültigkeit auf. Natürlich erwartete ich inzwischen nichts anderes mehr.

»Zufällig«, ergriff Damek mit einem boshaften Blick zu Lina das Wort, »habe ich die Suppe gekocht. Lina ist zu nichts nütze. Außer in einer Hinsicht, und selbst das muss man aus ihr herausprügeln.«

Lina erwiderte nichts, und ich stellte fest, dass ich sie wider besseres Wissen zu verteidigen versuchte.

»Mein Herr, es ist ungehobelt, so etwas über eine Dame zu sagen …«, setzte ich an.

»Eine Dame?«, fiel mir Damek ins Wort und lachte. »Ich dachte, inzwischen wüssten selbst Sie es besser.«

Lina sprang von ihrem Stuhl auf, verschüttete ihre Suppe auf den Tisch und stürzte sich auf Damek, kratzte nach seinen Augen. Er schlug ihr mitten ins Gesicht, ein übelkeiterregender Hieb, der sie halb durch den Raum schleuderte. Anfangs lag sie so still, dass ich einen Augenblick lang fürchtete, sie wäre tot; dann jedoch rührte sie sich und rappelte sich auf Hände und Knie. Das Haar hing ihr kreuz und quer ins Gesicht wie Rattenschwänze. Ihre Lippe blutete.

»Du Sohn einer verkommenen Hure!«, stieß sie hervor.

Sie sagte es mit solcher Gehässigkeit, dass ich glaubte, Damek würde augenblicklich verstummen, doch stattdessen sah er mich komplizenhaft an. Ich fühlte mich auf Anhieb angewidert.

»Sehen Sie?«, sagte der. »Es besteht ein gewisser oberflächlicher Reiz, das räume ich ein, aber im Inneren ist sie völlig verdorben.« Er wandte sich an Lina. »Geh zurück in dein Zimmer, sonst verpasse ich dir die Tracht Prügel, die du verdienst.«

Sie schrak so vor ihm zurück, dass ich sie plötzlich bemitleidete, dann sammelte sie sich und verließ den Raum. Dameks Blick folgte ihr, bis sich die Tür hinter ihr schloss.

»Tja«, meinte er und drehte sich wieder mir zu, ohne die geringsten Anzeichen von Verlegenheit erkennen zu lassen. »Da sehen Sie die Vorzüge des Ehelebens. Ich rate Ihnen, sich nicht darauf einzulassen.«

»Sie ist Ihre Frau?«, entfuhr es mir voll unwillkürlichem Erstaunen. Ich war von der Szene, die ich soeben bezeugt hatte, dermaßen entgeistert, dass ich kaum wusste, was ich sagte.

Damek ließ sich zu keiner Antwort herab. Ich gab alle Versuche auf, gesellig zu sein, und starrte missmutig ins Feuer. Jegliches Zeitgefühl war mir entglitten, doch mittlerweile herrschte draußen Dunkelheit, deshalb schätzte ich, es war früher Abend. Der Sturm, der das häusliche Knistern des Feuers übertönte, zeigte keinerlei Anzeichen, sich legen zu wollen. Mein Spaziergang, die aufeinanderfolgenden Schrecken des Tages und die Hitze in der Küche verschworen sich miteinander, um mich schläfrig zu machen, und ich ertappte mich dabei, einzunicken. Ich fragte mich, wohin ich mich betten sollte, wenn ich die Nacht hier verbringen musste, was unausweichlich zu sein schien.

Etwa eine Stunde hatte ich so verbracht, als draußen der Hund anschlug. Ich überlegte gerade, welcher andere Reisende das Pech haben mochte, in diesem verfluchten Haus nach Beistand zu suchen, als sich die Tür öffnete und für kurze Zeit einen mit Hagel und Regen vermischten Windstoß hereinließ, der beinah die Lampe ausblies. Ebenfalls herein kam ein von Alter und Rheumatismus so geplagter Mann, dass er schwer gebeugt lief und dabei den Hund verfluchte. Er trug schwere Gewänder, und von seinem Mantel strömte Wasser auf die Bodenplatten.

Der Mann besaß eines der unangenehmsten Gesichter, die ich je gesehen hatte: All seine Züge schienen zu einem lippenlosen Mund zusammenzulaufen, der sich als schmale Linie abzeichnete, die unzählige Jahre Verbitterung, Arg und Neid ausdrückten. Die Augen lagen dicht beisammen, als wollten sie über seiner Nase Ränke schmieden. Hellblaue Netzhäute trieben in einem Geflecht von Blutgefäßen, während die Nase so rot war, dass sie schon purpurn wirkte. Später sollte ich herausfinden, dass dies mehr von seinen Trinkgewohnheiten denn von der Kälte herrührte.

»Eines Tages erschieße ich diese verdammte Töle«, raunte der Alte. »Bei den Göttern, ich schwör’s, ich knüpfe sie auf …«

Da erblickte er mich, verstummte jäh und drehte sich mit einer wortlosen Frage im Gesicht Damek zu.

»Mein Pächter, Hammel«, erklärte Damek gleichgültig. »Hammel, das ist mein Leibdiener Kush.«

Kush bedachte mich mit einem mürrischen Blick und fuhr mit seinem Geschimpfe fort, während er seine triefnassen Gewänder ablegte und sich nah zum Feuer begab. »Ich hab Ihnen ja gesagt, dass ein Unwetter kommt, Master Damek. Aber haben Sie auf mich gehört? Hat es Sie gekümmert? Sie doch nicht. Ich hätte in alle vier Winde verweht oder von einem Blitz geröstet werden können. Da draußen herrscht eine Nacht, die man weder Mensch noch Tier zumuten sollte. Aber nein, Ihnen passt es ja nur, wenn …«

»Hör mit dem Gewinsel auf, Mann«, fiel Damek ihm unwirsch ins Wort. »Jetzt bist du ja zu Hause. Hast du den König gesehen?«

Der alte Mann fasste in seine Brusttasche und warf einen prall gefüllten Lederbeutel auf den Tisch. »Da. Werden Sie glücklich damit.«

Mich erschreckte der Ausdruck von Lust, der über Dameks Züge huschte. Er ließ den Beutel so schnell in seiner Tasche verschwinden, dass ich die Bewegung kaum wahrnahm. Dann wurde ihm plötzlich bewusst, dass ich ihn beobachtete, und er schleuderte mir einen feindseligen Blick zu. Rasch senkte ich den Kopf; ich verspürte nicht den geringsten Wunsch zu erfahren, welchen ruchlosen Geschäften er nachging. Unser Neuankömmling musterte mich argwöhnisch von der Seite, dann nahm er sich den Rest der Suppe, den er mit widerlichen Schlürf- und Schmatzlauten aß.

Mittlerweile war ich meiner Lage durch und durch überdrüssig. Noch nie in meinem Leben wollte ich einen Ort so inständig verlassen wie diesen; hätte der Regen nur ein wenig nachgelassen, ich wäre vermutlich das Wagnis eingegangen, mich in der Dunkelheit zu verirren, nur um diesem schrecklichen Haus zu entfliehen. Schließlich teilte ich meinem Gastgeber mit, dass ich zu schlafen wünschte. Gereizt befahl er Kush, mich in ein Zimmer zu bringen. Der alte Mann zündete eine Kerze an und führte mich erst einen unbeleuchteten Gang hinab, dann eine enge Treppe hinauf, wobei er ohne Unterlass vor sich hinbrummte. Auf einem Flur öffnete er eine Tür zu einem Zimmer mit einem schmalen Bett, einem Waschtisch samt schimmelbefallenem Spiegel und einem Schrank. Die Luft im Raum erwies sich als muffig, als wäre er seit Jahren nicht mehr gelüftet worden, und es roch eindringlich nach Moder. Zudem herrschte in der Kammer eine klirrende Kälte. Kush wollte mich im Stockfinsteren zurücklassen, doch ich verwickelte ihn in eine langwierige Diskussion und bestand darauf, dass die Kerze bei mir zu verbleiben hätte. Letztlich beugte er sich widerwillig meinem Wunsch und ertastete sich den Weg zurück nach unten.

Ich vergewisserte mich, dass sich der Silberring, den mir der Zauberer gegeben hatte, sicher an meinem Finger befand, und wünschte, ich hätte die Ampulle nicht zurückgelassen, als ich an jenem Vormittag aufbrach. Ich stellte die Kerze auf dem Waschtisch ab, suchte meine Streichhölzer und legte sie daneben – ich fühlte mich in diesem Haus alles andere als sicher, und ich wollte nicht ohne Licht dastehen, sollte sich etwas Seltsames ereignen.

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