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Land der wilden Sehnsucht

1. KAPITEL

Vancouver, Kanada

Blaine erkannte sie sofort, als sie die Hotellounge betrat. Der Portier mit dem schmucken Zylinderhut hielt ihr lächelnd die Tür auf. Wer wollte es ihm verdenken? Diese Frau forderte einen Mann geradezu heraus.

Warum Blaine so sicher war, dass nur sie es sein konnte, wusste er nicht. Sein Instinkt sagte es ihm, obwohl er sich völlig andere Vorstellungen von ihr gemacht hatte. Die beruhten jedoch auf der Beschreibung, die Mark seiner Mutter gegeben hatte – in dem einzigen Brief, der Monate nach seiner Hochzeit mit der Kanadierin angekommen war. Wie auch immer … Das Gefühl, diese Frau zu kennen, war so stark, dass Blaine geradezu davon überwältigt wurde. Dabei warf ihn doch sonst nichts so leicht aus der Bahn.

Das lag zum Teil daran, dass Marks Schilderung ihr durchaus nicht gerecht wurde. Sie war schön. Kein anderes Wort hätte das besser treffen können. Ihr schlanker Körperbau versprach, dass sie auch im Alter noch so gut aussehen würde. Außerdem strahlte sie etwas Edles aus, eine vornehme Kühle, die sofort auffiel. Eigentlich entsprach sie nicht Marks Geschmack. Sie wirkte elegant, aber auf eine feine, zurückhaltende Art. Sie war erst seit kurzer Zeit Witwe, und anscheinend sollte die stilvolle Aufmachung über ihre innere Leere hinwegtäuschen.

Blaine hatte einen Platz gewählt, von dem aus er sie beobachten konnte, ohne sofort bemerkt zu werden. Dann war er vielleicht in der Lage, sich ein besseres Bild von der Fremden zu machen, die Mark geheiratet hatte. Vorläufig versuchte er jedoch noch, Marks Beschreibung mit dem, was er jetzt sah, in Einklang zu bringen. Eigentlich sollte sie blond, klein und zierlich sein. Gut, sie trug Pumps mit hohen Absätzen, und die Frauen von heute wechselten ständig die Haarfarbe, aber trotzdem …

Dass es sich nicht um seine Schwägerin handeln könnte, schloss Blaine trotz der Abweichungen von vornherein aus. Es musste Marks Witwe Amanda sein, obwohl der Name, so hübsch er auch war, nicht zu ihr passte. Ob Mark sich einen seiner Scherze erlaubt hatte? Von früh auf hatte er Spiegelfechtereien geliebt und sich in eine Scheinwelt hineingeträumt und Halbwahrheiten und schamlose Lügen so geschickt vermischt, dass es andere zur Verzweiflung trieb. Ihr Vater hatte einmal die Befürchtung geäußert, Mark könnte ein Psychopath sein. Ein hartes Urteil von einem arglosen Mann wie Desmond Kilcullen. Es ließ sich allerdings nicht bestreiten, dass Mark zwischen wahr und unwahr nicht unterscheiden konnte. Wie er auf andere wirkte, war ihm gleichgültig. Er dachte nur an sich selbst. Das hatten Blaine und sein Vater, so bitter es auch war, schließlich akzeptieren müssen.

Und sein Geschmack bezüglich Frauen? Mark hatte sich nur für hübsche Püppchen interessiert, deren Reize auf den ersten Blick erkennbar waren. Andere Eigenschaften, wie Wärme, Kameradschaft, Seelengröße oder Verstand, bedeuteten ihm dagegen nichts. Er bevorzugte blonde Glamourgirls, die seine Zwillingsschwester Marcia boshaft als „Strohköpfe“ bezeichnete. Die einzige Ausnahme bildete Joanne Barrett, Hilarys Wunschbraut für ihren Sohn, mit der sich Mark verlobt hatte, um sie dann skrupellos zu verlassen. Die Frau, die er schließlich geheiratet hatte, stellte eine verblüffende Abweichung von seinen Vorlieben dar.

Als sie einen Moment stehen blieb und sich umsah, stand Blaine auf und winkte ihr zu. Joanne kann sich wahrlich nicht mit ihr messen, dachte er, jedenfalls nicht, was das Aussehen betrifft.

Sie bemerkte ihn, lächelte aber nicht, und Blaine verzog ebenfalls keine Miene. Wenn es um sie ging, war sein Herz aus Stahl.

Sie kam auf ihn zu, schlank und biegsam, ohne nach rechts oder links zu sehen. Die bewundernden Blicke, die man ihr von allen Seiten zuwarf, schien sie nicht zu registrieren. Schöne Frauen gewöhnten sich offensichtlich schnell daran, ständig beachtet zu werden.

Vancouver, herrlich gelegen zwischen Bergen und Meer, würde ihm wenig Unterhaltung und kaum Vergnügen bringen. Das bedauerte Blaine, obwohl er sich bei diesem kalten, regnerischen Wetter ohnehin nicht wohlfühlte. Außerhalb des Hotels war es bitterkalt, und es wehte ein scharfer Wind. Er kam von einer großen Rinderfarm am Rand der endlosen inneraustralischen Wüste, der sengend heißen roten Simpson Desert. Hier hatte er nur eine bestimmte Aufgabe zu erledigen. Er musste den Leichnam seines Halbbruders in sein Heimatland überführen und seine Witwe dorthin einladen, damit sie an der Beerdigung teilnehmen und endlich die Familie kennenlernen konnte, die sie während ihrer kurzen zweijährigen Ehe ignoriert hatte.

Das wird sie jetzt nicht mehr tun, dachte er. Schließlich durfte sie ein nicht unbeträchtliches Erbe erwarten, auf das niemand freiwillig verzichtete. Außerdem wollte man zu Hause gern wissen, warum Mark sich so seltsam verhalten hatte. Seine Mutter Hilary, seine Schwester Marcia und die so grausam verlassene Joanne warteten zu Recht auf eine Erklärung.

Blaine selbst konnte darauf verzichten. Marks Handlungen hatten ihn nie überrascht … so wenig wie seinen verstorbenen Vater, der die beiden letzten Jahre seines Lebens als Krüppel im Rollstuhl verbracht hatte. Seine Wirbelsäule war bei einem fatalen Sturz vom Pferd so schwer verletzt worden, dass zwei Operationen nichts geholfen hatten. Auch sein Gedächtnis funktionierte seitdem nicht mehr. Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, was an jenem Tag passiert war und warum sich seine Lieblingsstute Duchess so heftig aufgebäumt und ihn abgeworfen hatte.

Obwohl sie entsetzlich nervös war, versuchte Sienna, Gelassenheit auszustrahlen, während sie auf ihn zuging. Das war also Blaine Kilcullen, Marks Bruder. Sie hätte ihn in jedem Fall erkannt, auch wenn er nicht so lässig den Arm erhoben hätte. Es hatte beinahe gebieterisch gewirkt, als wäre er gewohnt, dass man jeden Wink von ihm beachtete. Gebieterisch, jedoch nicht überheblich. Die Autorität, die er vermittelte, wirkte natürlich.

Er war sehr groß, viel größer als Mark – wohl knapp ein Meter neunzig –, hatte breite Schultern, schlanke Glieder, kurzum eine überaus athletische Figur. Er sah ausgesprochen eindrucksvoll aus, aber Luzifer war vor seinem Höllensturz auch ein strahlender Engel gewesen!

Erinnerungen an Marks vernichtendes Urteil über seinen Bruder wurden in Sienna wieder wach.

„Schön wie der Teufel und genauso tödlich.“

Mark hatte das mit ungezügelter Wut – ja, mit Hass gesagt. Solche Ausbrüche waren sein großes Problem gewesen. Überhaupt hatte er einige Eigenschaften gehabt, die Sienna von Anfang an missfielen. Eben noch liebenswürdig und charmant, konnte er im nächsten Augenblick kalt und abweisend sein, als hätte sich ein Fenster geschlossen. Es war unmöglich gewesen, einen Grund für seinen plötzlichen Sinneswandel zu erkennen.

Mark hatte Blaine alle Schuld an seinem Unglück gegeben. Das hatte so trostlos und bitter geklungen, dass Sienna nicht ganz ausschließen konnte, dass es der Wahrheit entsprach.

„Wegen Blaine musste ich meine Heimat, mein Land verlassen. Mein Vater starb, aber Blaine hatte uns längst auseinandergebracht. Er wollte mich ausbooten, und das ist ihm auch gelungen. Er war eifersüchtig auf Dads Liebe zu mir und hat mich ihm systematisch entfremdet. Ich war nie gut genug, erfüllte nie die an mich gestellten Anforderungen. Eher schneit die Simpson Desert ein, als dass ich noch einmal mit meinem Bruder spreche.“

Dazu war es tatsächlich nicht mehr gekommen, denn ein Skiunfall hatte sein Leben beendet. Trotz aller Warnungen hatte er die Piste verlassen und war gegen einen Baum geprallt. Sie selbst und Amanda waren Augenzeugen gewesen. Sie würde das entsetzliche Bild wohl niemals loswerden. Aber so war Mark gewesen. Er hatte gern den jungen Macho gespielt, vielleicht, um sich vor einem ständig überlegenen Bruder zu beweisen. Manchmal hatte sie sogar den Verdacht gehabt, er könne Selbstmordabsichten haben. Anzeichen dafür hatte es gegeben, doch dann waren ihr wieder Zweifel gekommen, ob ihre Angst nicht übertrieben sei. Schließlich war sie keine Psychiaterin.

„Amanda?“ Der Mann streckte ihr seine schmale, tief gebräunte Hand entgegen. Wieder einmal musste sie für Mandy den Kopf hinhalten. Sie hatte es inzwischen so oft getan, dass sie sich erschöpft fühlte.

„Es tut mir leid, Mr Kilcullen.“ Sein Händedruck war kurz und fest, aber sie reagierte unerwartet stark auf die Berührung, was sie zutiefst verunsicherte. „Leider konnten wir Sie nicht mehr rechtzeitig erreichen. Ich bin Sienna Fleury … Amandas Cousine. Amanda hat mich gebeten, sie zu vertreten. Ein plötzlicher Anfall von Migräne … sie leidet immer wieder darunter.“

„Ich verstehe.“

Obwohl er höflich blieb, spürte Sienna deutlich, dass Amanda sofort in seiner Achtung gesunken war.

„Bitte erlauben Sie mir, mein aufrichtiges Beileid auszudrücken.“ Sienna sprach mit leiser, sanfter Stimme. „Ich hatte Mark gern.“ Das entsprach zwar nicht der Wahrheit, aber sollte man über die Toten nicht nur Gutes sagen?

Zu Beginn hatte sie sich die größte Mühe gegeben, Mark gernzuhaben, dabei war ihr ein bestimmter Ausdruck in seinen Augen immer unheimlich gewesen. Dafür hatte sich ihre Cousine unsterblich in ihn verliebt und die angeblich feindselige Einstellung der Familie Mark gegenüber auf sich übertragen.

„Danke, Miss Fleury.“

Ihre leise Stimme und ihr kanadischer Akzent gefielen Blaine. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. War in Marks Brief nicht merkwürdig viel von Amandas Brautjungfer die Rede gewesen? Hilary hatte sich damals sehr darüber gewundert.

Sienna hatte ihn weiter beobachtet, und die Veränderung in seiner Haltung entging ihr nicht. Was mochte der Grund dafür sein? Nach Marks Aussage waren die Brüder erklärte Feinde gewesen. Amanda hatte ihm geglaubt und keinen Versuch gemacht, seine Familie kennenzulernen oder eine Aussöhnung herbeizuführen. Sie hatte sogar hartnäckig dafür plädiert, Marks Tod zu verschweigen, aber damit hätte sie alle Anstandsregeln verletzt. Sienna hatte ihren Vater, Lucien Fleury – einen der bekanntesten Maler Kanadas –, gebeten, an Amandas Stelle in Australien anzurufen.

„Sie war schon immer schwierig … unsere arme kleine Mandy“, hatte er gesagt und damit noch untertrieben. Sonst neigte er nicht dazu, die Dinge zu beschönigen.

Amanda war seine Nichte. Seine Schwester Corinne und ihr Mann waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Siennas Eltern, Lucien und Francine, hatten die verwaiste fünfjährige Amanda zu sich genommen und gemeinsam mit der anderthalb Jahre älteren Sienna und ihrem vergötterten Bruder Emile großgezogen. Er war inzwischen ein angesehener Architekt und lebte in New York.

Blaines tiefe Stimme, in der ein harter Unterton mitschwang, riss sie aus ihren Gedanken. Er sprach ein sehr gepflegtes Englisch ohne australischen Akzent.

„Sollen wir vor dem Essen etwas trinken?“ Er sah sie mit seinen hellen Augen durchdringend an, ohne zum Ausdruck zu bringen, was er von ihr und ihrer unrühmlichen Rolle als Amandas Vertreterin hielt.

„Gern.“

Was hätte sie sonst erwidern können? Sie empfand ihn als genauso bedrohlich, wie Mark ihn beschrieben hatte. Doch er trauerte um seinen Bruder, deshalb musste sie nachsichtig mit ihm sein.

Blaine half Sienna aus dem Kaschmirmantel und nahm ihr auch den gelben Schal ab, den sie um den Hals getragen hatte. Sie war lange nicht mehr in diesem eleganten Hotel gewesen und sah sich erfreut um. Die Einrichtung war betont europäisch: Wandverkleidungen aus dunkel glänzendem Holz, bequem aussehende Polstermöbel, hier und da einige antike Stücke, aufwendiger Blumenschmuck und wertvolle Bilder in der Halle und in den Fluren.

Blaine rückte ihr einen Stuhl zurecht. Sie setzte sich hin und strich ihr langes sienafarbenes Haar zurück.

„Was möchten Sie trinken?“ Er schien von ihrer schimmernden Haarpracht wie gebannt zu sein, wandte sich schließlich aber der Bar zu, die eine ganze Wand einnahm.

„Vielleicht einen Weinbrandcocktail.“ Lieber hätte sie allerdings gar nichts genommen.

Blaine entschied sich für einen Cognac. Sienna vermied es, ihn direkt anzusehen, denn er war unleugbar der aufregendste Mann, der ihr je begegnet war, trotz seines strengen Gesichtsausdrucks. Trauerte er um seinen Bruder? Machte er sich Vorwürfe? Dachte er daran, was er versäumt hatte?

Er hatte einen maßgeschneiderten dunklen Anzug an und dazu eine Seidenkrawatte umgebunden, die ihr ausnehmend gut gefiel. In Rancherkleidung würde er wahrscheinlich genauso gut aussehen, ging es ihr durch den Kopf. Große, schlanke Männer konnten alles tragen. Seltsamerweise besaß er keinerlei Ähnlichkeit mit Mark. Der hatte mittelblondes Haar und dunkelbraune Augen gehabt und war nur einen Meter fünfundsiebzig groß gewesen. Blaine Kilcullen war wirklich ein schöner Mann. Das volle Haar fiel ihm in die Stirn, die dichten Brauen wirkten fast schwarz und standen im krassen Gegensatz zu seinen hellen Augen, die an glitzerndes Eis denken ließen.

Die Getränke wurden gebracht. Sienna wusste, dass die Unterhaltung schwierig sein würde, zumal sie das Ganze eigentlich nichts anging. Amanda war Marks Witwe. Es wäre ihre Aufgabe gewesen, den Abgesandten von Marks Familie zu empfangen. Leider hatte sie sich wieder auf die übliche Art herausgeredet. Wenn es ihr passte, wurde sie hysterisch. Darin hatte sie es im Lauf der Jahre zur Perfektion gebracht. Da sie unglücklicherweise auch die typischen körperlichen Symptome herbeizaubern konnte, hatte man ihr immer wieder nachgegeben und ihr Verhalten mit dem frühen Verlust ihrer Eltern erklärt. Später musste man dann begreifen, dass sie ihre Zustände bewusst herbeiführte und sogar genoss.

Auch heute hatte sie mit tränenüberströmtem Gesicht beteuert, dass sie außerstande sei, Marks grausamen, skrupellosen Bruder zu treffen.

„Er wollte Marks Leben zerstören, Sienna. Erwartest du, dass ich mit diesem australischen Hinterwäldler die Friedenspfeife rauche? Ausgeschlossen!“

Mark hatte den Hass auf seinen Bruder geradezu kultiviert. Er hatte ihn – allerdings immer nur in Andeutungen, ohne Beweise vorzubringen – für den Verlust seiner Heimat verantwortlich gemacht. Seinen Erzählungen zufolge wohnten die Kilcullens in einem schlossartigen Gebäude am Rande der Simpson Desert, irgendwo am Ende der Welt. Sienna hatte im Internet gelesen, wie atemberaubend sich die Wüste veränderte, wenn es regnete. Es war ein faszinierendes Naturwunder!

Mark war anderer Ansicht gewesen. „Kanada gefällt mir“, hatte er gesagt. „Und es liegt weit weg von Australien.“ Dann konnte er sich plötzlich in wahre Wutanfälle hineinsteigern. Einmal hatte Sienna vorgeschlagen, Mark zu einem Psychiater zu schicken. Amanda war daraufhin hysterisch geworden, und Sienna hatte, wie üblich, nachgegeben.

Siennas Cousine hatte Mark nicht in Vancouver, sondern in Paris kennengelernt, wo er in einem Hotel hinter der Bar stand. Amanda und Sienna waren dort Gäste gewesen.

„Ich arbeite nur zum Spaß“, hatte er lachend erklärt. „Hier begegnet man den schönsten Frauen.“

Spaß zu haben war Marks Lebensmotto gewesen. Jung und gut aussehend, war es ihm nicht schwergefallen, je nach Laune Gelegenheitsjobs zu finden. Feste Anstellungsverhältnisse hatte er abgelehnt. Amanda, selbst flatterhaft, war ihm auf den ersten Blick erlegen. Sienna, als die Ältere und Vernünftigere, war zurückhaltender geblieben – trotz seines bemerkenswerten Charmes.

Niemand war sonderlich überrascht, als Mark den Cousinen einen knappen Monat später nach Vancouver folgte und sich der Familie vorstellte, die ihn unausgeglichen fand und nur aus Rücksicht auf Amanda respektierte. Die schlug alle guten Ratschläge in den Wind, was sie besser nicht getan hätte, wie sich bald herausstellte.

Ein halbes Jahr später waren Amanda und Mark verheiratet. Siennas Vater hatte die Hochzeit im kleinen Kreis ausgerichtet. Von Marks Verwandten war niemand gekommen, dafür umso mehr vonseiten der Fleurys. Amanda war schon vor der Hochzeit schwanger gewesen, was niemand wusste, und hatte wenig später eine Fehlgeburt erlitten.

Sienna hatte sich oft gefragt, ob Mark ihre Cousine wegen des Babys geheiratet hatte. Zugegeben, Amanda war hübsch und konnte lustig sein, wenn sie wollte, aber hatte er sie wirklich geliebt? Sienna bezweifelte es. Wahrscheinlich hatte er sie nur benutzt. Die Fleurys waren angesehen und wohlhabend. Aus Lucien war ein bekannter Maler geworden, Francine galt als kompetente Dermatologin, und Emile hatte als junger Architekt Karriere gemacht.

Seltsamerweise hatte es Mark nie an Geld gefehlt. Er schien über eigenes Vermögen zu verfügen und wirklich nur aus Spaß zu arbeiten. Einmal hatte er gefragt, ob er nicht Partner in der Galerie werden könne, aber das hatte Sienna rundweg abgelehnt. Sie fühlte sich in Marks Nähe nicht wohl. Er verunsicherte sie, und etwa ein Jahr nach der Hochzeit kam der Grund dafür heraus. Sienna dachte nicht gern an den beschämenden Abend zurück.

Seitdem hatte sie Mark verachtet …

2. KAPITEL

„Hoffentlich fühlt sich Ihre Cousine morgen wieder so gut, um mit mir zusammenzukommen, Miss Fleury. Ich muss sie unbedingt persönlich sprechen.“

„Natürlich“, erwiderte Sienna und dachte bei sich: Eher herrscht allgemeiner Weltfrieden, als dass Amanda ihr Bett verlässt.

„Weshalb ist sie nun eigentlich nicht erschienen, Miss Fleury?“

„Bitte … nennen Sie mich Sienna.“ Sie nippte an ihrem Cocktail. Die Wirkung, die von Blaine Kilcullen ausging, irritierte sie. Er schien magische Kräfte zu besitzen. Bei anderen Männern blieb sie eher gelassen, jedenfalls sagte man das von ihr.

„Also gut … Sienna.“ Er lächelte flüchtig, was seinem Gesicht für einen Moment den strengen Zug nahm. „Sienna … so heißt selten eine Frau. War Ihre Haarfarbe der Anstoß für die Namensgebung?“ Er ließ den Blick auf ihrem langen rotbraunen Haar und dem Mittelscheitel, durch den die Gleichmäßigkeit ihres ovalen Gesichts betont wurde, ruhen. Ihre bernsteinfarbenen Augen, die von dichten Wimpern gesäumt waren, erinnerten ihn an die Klarheit von Sherry.

„Eine Idee meines Vaters“, antwortete sie und lächelte ebenfalls. „Der Flaum auf meinem Kopf muss schon bei der Geburt diesen Ton gehabt haben, den Maler so gern verwenden, und mein Vater ist Maler … sogar ein ziemlich bekannter. Lucien Fleury“, setzte sie stolz hinzu.

„Dann hat er Marks Mutter angerufen, um ihr den Unfall mitzuteilen?“ Blaine gewann allmählich einen Überblick.

Sienna stutzte. Marks Mutter? Warum nicht unsere Mutter? „Ja“, bestätigte sie. „Amanda war so verzweifelt, dass wir ihr ein starkes Beruhigungsmittel geben mussten.“

Das entsprach nicht der Wahrheit, denn sie war betrunken gewesen. Sie hatte sich immer öfter in einen Alkoholrausch geflüchtet, um der Wirklichkeit zu entgehen.

„Ich sollte mir vielleicht mal die Bilder Ihres Vaters ansehen“, sagte Blaine zu ihrer Überraschung. „In meiner Familie gab es schon immer begeisterte Kunstsammler. Meine Großtante Adeline lebt in Melbourne wie in einem kleinen Privatmuseum. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, erneuert sie ihr Versprechen, mir alles zu vererben.“

„Würde Sie das freuen?“ Immerhin war er Rancher, zwar kultiviert und weltläufig, aber doch ein Mann, der in der wilden Natur lebte. „Nicht jeder findet an alten Kostbarkeiten Gefallen.“

„Ich schon, aber wer weiß, wo das alles einmal landet.“ Sienna beobachtete ihn beim Sprechen. Er hatte einen schönen Mund mit leicht hochgezogenen Winkeln. „Ich würde die weniger wertvollen Sachen wahrscheinlich verschenken. Wir haben eine weitverzweigte Familie, aber das dürfte Ihnen unbekannt sein.“

„Leider ja.“ Sienna wich seinem Blick aus. „Vielleicht sollte ich Sie daran erinnern, dass Amanda die Witwe Ihres Bruders ist.“

„Meines Halbbruders“, verbesserte er sie und überraschte sie damit von Neuem. Mark hatte nie etwas davon gesagt. „Meine Mutter starb an Malaria, als ich sechs Jahre alt war. Sie besuchte mit meinem Vater die Kaffeeplantage eines Freundes in Neuguinea. Beide hatten sich vorschriftsmäßig impfen lassen, aber bei Mum wirkte die Spritze nicht. Ich erinnere mich noch gut an sie. Sie war eine schöne Frau. Dad hatte anlässlich ihrer Hochzeit bei einem italienischen Maler ein Porträt bestellt, das immer im großen Salon hing. Es wurde nie abgenommen.“

Auch nicht, als die zweite Mrs Kilcullen ins Haus kam? fragte sich Sienna. Das war sicher nicht leicht für sie gewesen. Im Übrigen stellte sie mit Kennerblick fest, dass auch ihr Gegenüber ein lohnendes Modell abgab. Ihr Vater hätte ihn meisterlich porträtiert, aber wohl kaum den Auftrag dafür bekommen.

„Sie werden durch das Gemälde also ständig an Ihre Mutter erinnert“, sagte sie teilnahmsvoll. „Es tut mir leid, dass Sie sie so früh verloren haben. So einen Verlust vergisst man nie. Ich habe ein sehr inniges Verhältnis zu meiner Mom. Ein Leben ohne sie wäre unvorstellbar für mich.“

„Danken Sie dem Schicksal, dass Sie noch beide Elternteile haben“, sagte Blaine und sah ihr tief in die Augen.

Was hatte dieser Blick zu bedeuten? Versuchte er etwa, die Tiefen ihrer Seele zu ergründen?

„Mein Vater starb vor einigen Jahren“, stellte er nach kurzem Schweigen fest, und ein schmerzlicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Meine Großtante ist der Ansicht, dass er noch einmal heiratete, um mir eine Stiefmutter zu geben.“ Dass Adeline statt „Stiefmutter“ die Bezeichnung „Kinderfrau“ gewählt hatte, verschwieg er. Jeder in der Familie wusste, dass Desmond Kilcullen nur aus Vernunftgründen zum zweiten Mal eine Ehe eingegangen war.

„Mark hat nie erwähnt, dass Sie beide Halbbrüder waren. Wenn er von Ihnen sprach, musste man immer den Eindruck gewinnen, Sie seien … nun ja, richtige Brüder.“

„So?“ Blaine bemühte sich um einen gleichgültigen Ton. Er konnte sich gut vorstellen, was Mark erzählt und was er damit angerichtet hatte. Er war von Neid und Bitterkeit zerfressen gewesen. „Mark war mit der sympathischen Tochter von der Nachbarranch verlobt, als er plötzlich ohne ein Wort von zu Hause verschwand. Er ging an Bord eines Frachtflugzeugs, das Maschinenteile transportiert hatte und gerade wieder abheben wollte. Wenn ich Ihre Miene richtig deute, haben Sie auch davon nichts gewusst.“

„Ich bin Amandas Cousine“, erinnerte sie ihn noch einmal. „Bitte vergessen Sie das nicht.“

„Aber Sie stehen einander sehr nahe, nicht wahr?“

Die Frage war ihr unangenehm.

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