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Laguna Morta

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© 2016 Bernd W. Wuthenow

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-5495-7
e-Book: 978-3-7345-5496-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Die Staffelei hob sich gegen die tiefstehende Sonne kaum ab. Sie stand einsam auf der Terrasse, von der der Blick weit nach Westen ging. Die Sonnenstrahlen malten ein Bild aus Licht und Wärme darauf. Das Wechselspiel der Farben war wie ein Bild der Natur. Die Abendsonne tauchte den rauen Fels in rotes Licht und verwandelte ihn in einen blühenden Rosengarten. Aber es war nur ein Trugbild. Der bretonische Küstenabschnitt war rau, zerklüftet und ausladend.

Für Louis, der diese Bleibe mit Bedacht aus einer Fülle von Angeboten ausgewählt hatte, war die abgeschiedene und unwirtliche Lage geradezu perfekt. Sie konnte gar nicht einsam und menschenfeindlich genug sein. Als er nach langer Suche, die unauffällig vonstattengehen musste, auf dieser Terrasse gestanden hatte, hatte er gewusst, dass er am Ziel angekommen war. Hinter ihm ragte eine Felswand wenigstens 30 Meter auf. Sie kragte sogar um einiges über, so dass es schien, als erdrücke sie alles unter sich. Der Fels begrenzte die Sicht nicht nur von der Seite, sondern auch von oben. Auf dem Felsvorsprung war gerade noch Platz für die Hütte und die Terrasse, dann fiel der Fels hundert Meter tief in Sprüngen steil und zerklüftet bis ins Meer ab, dessen Wellen sich heftig am Gestade brachen.

Der alte Bretone hatte nicht viel Aufheben gemacht. Er wolle zu seiner Familie, hatte er gesagt, die nie hier gewesen sei und nicht verstanden habe, was er inmitten dieser Einöde verloren habe. Er hatte Louis die Gegend gezeigt, den Schlüssel übergeben, den Umschlag mit dem mageren Salär genommen und war dann von dannen gezogen. Einen Notar brauche es nicht, hatte er gesagt. Niemand werde ihm sein neues Domizil streitig machen. Louis war das nur recht. Er war nicht der Mann, der Spuren hinterließ.

Hundert Meter weiter westlich gab es einen kleinen Pfad, der bis zu einer natürlichen Felsplattform hinunterführte, die in das Meer überging. Im Sommer hatte der alte Bretone dort manchmal Angler gesehen, die vom Dorf dorthin kamen, aber inzwischen war wohl auch dieser Platz dem Vergessen anheimgefallen, denn Louis hatte von der Terrasse aus noch nie einen Menschen bemerkt. Nie hatte er jemanden den unscheinbaren Weg, der hinter einem Felsvorsprung begann und steil zur Hütte heraufführte, gehen sehen.

Er hatte alles Geröll entfernt, bis der nackte Fels übrig geblieben war, auf dem sich keine Spuren abbildeten. Die Staffelei hatte er fest am Fels verankert. Der ewige Wind rüttelte und knarzte daran herum, konnte ihr aber nichts anhaben.

Außer der Staffelei hatte es ursprünglich nichts gegeben, was der Malerei diente, keine Farben, keine Leinwand – und vor allem keinen Maler. Sie war sein Markenzeichen, tatsächlich aber war sie nichts weiter als eine Täuschung. Als er sich beim Bürgermeister angemeldet hatte, hatte er sich kauzig gegeben, wortlos einen falschen Pass vorgelegt und auf die Frage nach seiner Profession erklärt, er sei ein unbekannter Kunstmaler, der die raue Schönheit der bretonischen Küste liebe und hoffe, hier Ruhe und Muße zum Malen zu finden. Der Bürgermeister hatte es hingenommen. Spinner dieser Art kamen und gingen, und bei diesem hier würde es vermutlich nicht anders sein.

Eigentlich hatte er sich nicht anmelden wollen, aber es war nicht auszuschließen, dass jemand nach dem alten Bretonen suchen oder auf ihn aufmerksam werden würde. Wenn er hierherkam, musste er schließlich durch das Dorf bis zu dem Felsvorsprung oberhalb der Hütte fahren und den Wagen dort abstellen. Irgendwann würde das jemandem auffallen. Sich unverfänglich zu geben, war ein Teil seiner Tarnung.

Sein Einzug war der von Stunden gewesen. Der alte Bretone hatte alles Mobiliar dagelassen, und Louis hatte es wie selbstverständlich übernommen. Allein die Schaffung eines kleinen Nebengelasses im Fels hatte einige Zeit in Anspruch genommen. Es gab Dinge, die hatte er besser nicht unmittelbar bei sich.

Am schwierigsten war es, das Dieselaggregat herzuschaffen. Er hatte es zerlegen und in Einzelteilen hinauftragen müssen. Er hatte es im Schutze der Dunkelheit getan. Inzwischen arbeitete es zuverlässig in einer Felsspalte hinter dem Haus, und die Geräusche gingen in dem ewigen Rauschen der zerklüfteten Küste unter.

Als er nach seinem Einzug den Küstenabschnitt untersucht hatte, war ihm ein gefährlich steiler Felsvorsprung aufgefallen, der zu einer vorgelagerten Klippe gehörte, an der sich das Wasser brach. Dahinter hatte sich tatsächlich eine Höhle befunden, in der das Wasser relativ ruhig war. Es war weit und breit der einzige Ort, an dem man bei einigermaßen ruhigem Wetter von der Küste wegkam. Er hatte sein Glück kaum fassen können, denn damit war die Frage, wie er im Ernstfall von hier wegkam, geklärt. In der Höhle lag inzwischen ein solides Boot mit Motorantrieb.

In Toulon kaufte er einigen Malern unfertige Bilder ab, die er zusammen mit Farben, Pinseln und Paletten in seine Hütte trug. Er mischte Farben an und ließ die Kompositionen antrocknen, löste sie mit Terpentin wieder, mischte neue Farben an und ließ wieder alles trocknen. Mehr hielt er für seine Tarnung nicht für nötig.

Nahezu den ganzen Sommer verbrachte er damit, sein neues Domizil in Besitz zu nehmen und sicher zu machen. Zwischendurch nahm er nur drei Aufträge an, die ihn nach Italien und Deutschland führten. Sie nahmen jeweils nur wenige Tage in Anspruch. Einen vierten Auftrag lehnte er ab, weil er zu schlecht instruiert wurde. Seine Recherchen hatten auch ergeben, warum. Er hinterließ keine Spuren, und an der zerklüfteten bretonischen Küste würde niemand nach ihm suchen, nicht einmal seine Auftraggeber. Sie kannten seine Identität nicht, und niemand wusste, wo er sich aufhielt. Wenn er sich nach einem Einsatz zurückzog, war es, als verschwinde er gleichsam von der Welt.

1

Marius verließ das Haus durch den Seiteneingang und lief vor bis zur Piazzetta San Marco. Hier kannte er jeden Quadratzentimeter. Die Luft war mild, und von der Lagune wehte eine leichte Brise herüber. Die Straßenhändler hatten ihre Stände bereits aufgebaut. Es schien, als sei das willkürlich geschehen, tatsächlich aber lag dem ein genauer Plan zugrunde. Drüben auf der Piazza San Marco, zwischen der Basilika und dem Museo Corrér war es noch geordneter. Jeder fliegende Händler wollte seine Geschäfte in unmittelbarer Nähe von Dom und Campanile machen. Aber das ging nur, wenn alle das ausgeklügelte System von wechselnden Standorten und vorgegebenen Zeiträumen einhielten. Grundsätzlich klappte das, und wenn es einmal nicht klappte, wurde rüde nachgeholfen.

Er überquerte die Piazza San Marco, wo das bunte Gewimmel der Touristen bereits in vollem Gange war. In der Frühe musste ein Kreuzfahrtschiff eingetroffen sein, denn überall drängten sich bleiche Gesichter um Stadtführer, die Schirme oder ähnliche Utensilien als Erkennungszeichen hochhielten.

Er lief bis zum Postamt in der Orseolo dell’Ascensione. Sein Gefühl sagte ihm, dass es wieder ein guter Tag werden würde. Die Venezianer mochten den Trubel nicht und mieden San Marco, er hingegen stürzte sich mit Wonne in das Gewimmel. Es konnte gar nicht quirlig genug sein, denn das kam seiner Profession entgegen.

Marius war ein Taschendieb, und er liebte seinen Beruf. Er hatte das Handwerk in den Gassen Venedigs erlernt und betrieb es inzwischen mit einer gewissen Perfektion. Er kannte die Stadt wie seine Westentasche und konnte im Labyrinth von Gassen und Brücken in Windeseile untertauchen. Stets war er längst verschwunden, wenn eines seiner Opfer den Verlust bemerkte.

Er gehörte nicht zu den gewissenlosen Kollegen, die unterschiedslos jeden bestahlen; er beschränkte sich auf Opfer, die sich anboten, indem sie sorglos mit offenen Handtaschen durch die Gassen flanierten oder ihre Jacken achtlos irgendwo aufhängten und auf alles achteten, nur nicht auf ihre Geldbörsen. Es genügte ihm vollkommen, sich auf die zu konzentrieren, die es nicht besser verdient hatten.

Seine Taktik wechselte. Manchmal nutzte er sich plötzlich bietende Gelegenheiten aus, die zu verlockend waren, um sie vorüberziehen zu lassen, in kurzen Gassen etwa, in denen er sofort flüchten und die Geldbörsen ins Wasser werfen konnte, kaum dass er das Bargeld herausgenommen hatte. Manchmal folgte er seinem Opfer auch durch die Stadt, wie ein Leopard seinem Opfer folgt, und wartete auf einen passenden Augenblick. Es war wie ein Spiel aus Kindheitszeiten, jemandem zu folgen, bis er entweder zugreifen konnte oder durch seine Anhänglichkeit auffiel und besser aufgab.

Am Postamt hinter der Piazza San Marco holten sich erstaunlich viele Touristen Bargeld aus dem Automaten. Es war ein idealer Ort, um ein Opfer auszumachen. Während er den Geldautomaten im Auge behielt, wechselte er ständig den Standort. Er blieb nie länger an einem Punkt. Nach spätestens drei Minuten postierte er sich woanders, um nicht aufzufallen.

Er beobachtete drei Mädchen mit großen Sonnenbrillen und kurzen Röckchen, die fortwährend kicherten. Er sah, dass es nicht lohnte. Sie waren zu dritt und legten ihre Geldbörsen auf den Grund ihre Taschen, die sie anschließend verschlossen. Er ließ die Mädchen vorbeilaufen, wechselte vom Vorplatz in die Einmündung der Calle di Preti und lehnte sich an eine Hauswand.

Wenig später sah er eine fette Frau auf sich zukommen. Sie wälzte sich gleichsam durch die Menschenmenge. Sie trug einen Sommerhut mit breiter Krempe, hatte eine geflochtene, offene Tasche bei sich und achtete nicht auf ihre Umgebung, als sie einen ansehnlichen Stapel Bargeld aus dem Automaten zog und danach in Richtung Markusplatz davonging. Sie watschelte mehr, als dass sie ging. Marius folgte ihr und konnte nicht anders, als ihr auf die dicken Waden und die Hornhaut an den nackten Fersen zu sehen. Die Frau überquerte den Markusplatz, wobei es schien, als pflüge sie durch die Menschen, und wechselte neben dem Dom in die Calle di Angelo. Jetzt lief er dichter auf, um sie in dem Gedränge nicht zu verlieren. Sie bog jetzt in die Calle di Rimédio ein und blieb auf der Brücke vor dem Hotel Colombina stehen, um Atem zu schöpfen, als drei Asiaten auf sie zukamen, die keine Anstalten machten auszuweichen. Marius wusste, dass das die Gelegenheit war, auf die er gewartet hatte. In dem Augenblick, da die Asiaten die massige Frau anrempelten, was diese mit einem derben englischen Fluch quittierte, griff Marius zu, zog blitzschnell die Scheine aus der Geldbörse und warf das Leder in den Rio de Palazzo.

Obwohl er sofort die Gasse wechselte, hörte er die Frau noch immer fluchen. Wenn sie den Verlust bemerken würde, würde ihr Verdacht auf die drei Asiaten fallen.

Es war ein wundervolles Gefühl, plötzlich unverdientes Geld in den Händen zu halten. Er kostete es aus und ließ sich Zeit. Auf Umwegen kehrte er zur Piazza San Marco zurück. Als er in die Calle di Canonica einbog, konnte er sein Glück kaum fassen. Am Rande eines Straßenrestaurants saß ein Mann, der sich weit vorgebeugt und seiner ordinär lachenden Begleiterin den Arm um die Schulter gelegt hatte. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt, als besprächen sie Konspiratives, und redeten laut durcheinander. Der Blick des Mannes wurde von der Frau verdeckt, und über ihrem Stuhl hing ein knappes Herrenjackett, wie es jetzt Mode war. Als Mario an den Dreien vorbeigelaufen war, hing es vier Stühle weiter und war seines Inhalts entledigt. Er verschwand in einem Ledergeschäft nebenan und legte das Portemonnaie in die Auslage, nachdem er das Bargeld herausgenommen hatte. In Sekundenschnelle hatten 900 Euro ihren Besitzer gewechselt.

Er beschloss, sein Glück nicht weiter herauszufordern und zu Hause ein wenig zu auszuruhen. Er bewohnte eine kleine Wohnung unterm Dach im Palazzo Malipiero, einem renovierungsbedürftigen, ständig muffig riechenden Gebäude aus dem 15. Jahrhundert am Rio de Fontego, aus dem es sommers wie winters nach Fisch roch. Im Sommer glich sein Domizil einer Gluthölle, und im Winter war es nasskalt. Aber es kostete nicht viel und war direkt vom Treppenhaus zu erreichen. Er musste nicht den Umweg über die Wohnung der Wirtin, der neugierigen Witwe Patrona nehmen, die unter ihm wohnte.

Die Haustür knarrte, als er sie aufschob. Abgestandene Luft schlug ihm entgegen. Die Witwe Patrona lüftete nur ungern. Man lade Diebe nicht noch ein, pflegte sie zu sagen.

Er durchquerte die Halle und stieg die Treppe hinauf. Die Stufen knarrten. An der Wohnungstür seiner Vermieterin roch es nach gekochter Milch und Kernseife. Sie hatte den Fernseher laut gestellt und hörte wahrscheinlich Nachrichten.

Seine Wohnung bestand aus einem Zimmer mit Kochnische, einem Schlafraum, einem kleinen Flur und einem winzigen Bad sowie einer kleinen Kammer. Mehr brauchte er nicht. Er betrat den Flur und streifte sich die Schuhe und die Jacke ab. Dann verstaute er seine Beute in einem Karton, den er danach wieder unter den Dielen im Wohnzimmer versteckte. Anschließend gönnte er sich ein Schläfchen.

Marius arbeitete allein, auch wenn er damit gegen eine Grundregel seiner Profession verstieß. Die Plätze, an denen er arbeitete, waren immer quirlig voll. Stets konnte er irgendwo verschwinden, und seine Opfer hatten in dem Gewirr von Gassen, Kanälen, Hauseingängen und Booten keine Chance, ihn zu erkennen oder gar zu verfolgen. Die Vorsichtsmaßnahme eines Gehilfen war unnötig. Nur gelegentlich zog er mit Luigi los.

Manchmal saßen sie abends an der Pier der Piazzetta San Marco und sahen der untergehenden Sonne zu. Während sich Marius zurückhielt, schwadronierte Luigi immer drauflos. Luigi war nicht nur ein geschickter Taschendieb, viel geschickter und ungleich draufgängerischer als er selbst, vor allem aber war er ein Träumer. Er träumte vom großen Geld und von Anerkennung, am besten als Politiker. Manchmal spann er sich sogar seine Berufung als Nachfolger der venezianischen Dogen zusammen. Er konnte spinnen wie kein Zweiter und wurde nicht müde, seiner blühenden Fantasie freien Lauf zu lassen. Aber er war ein liebenswerter Träumer. Seit er Loretta hatte, die drüben in Murano mit dem Glas zu tun hatte, das sie sich bei ihrem Hungerlohn nie würde leisten können, hatte er Halt gefunden und war mittlerweile zu so etwas wie einer Lebensplanung übergegangen. Er hatte sogar schon erwogen, für Loretta seine Profession aufzugeben. Sie dachten schon ans Heiraten und Kinderkriegen. Nur noch diese eine Saison wollte er durchhalten.

Drei Tage später, in denen Marius sehr erfolgreich gewesen war, aber auch beinahe einer Streife der Carabinieri in die Hände gefallen wäre, trafen sie sich auf der Via Garibaldi. In der untergehenden Augustsonne beobachteten sie die flanierenden Mädchen. Luigi hatte ein Baguette mitgebracht und Marius eine Flasche Rotwein. Sie zogen sich in einen Hauseingang zurück, und Luigi schwadronierte munter drauflos. Zwischen zwei Bissen redete er von einer weißen Yacht, die an der Riva di Ca’ di Dio festgemacht hatte. Er schwärmte sofort drauflos. Es stecke wahrscheinlich mehr Kohle in dem Pott, als er in Säcken nach Hause tragen könne, orakelte er.

Marius war die Yacht bisher nicht aufgefallen. Er schüttelte missbilligend den Kopf. Wie konnte Luigi nur so naiv sein? Der Pott fahre nicht mit Kohle, und üppig Geld werde es darauf nicht geben, erwiderte er. Wer sowas fahre, benutze Kreditkarten.

Marius hatte es immer nur auf Bargeld abgesehen. Den übrigen Inhalt seiner Beute ließ er immer sofort verschwinden. Er nahm weder Handys noch Schmuck. Sowas machte von Hehlern abhängig, offenbarte die Profession und war deshalb riskant. Der Ertrag seiner Arbeit genügte ihm vollkommen. Außer Luigi und Loretta wusste niemand, wovon er lebte.

Für einen Diener habe er entschieden zu wenig Fantasie, behauptete Luigi. Und wahrscheinlich rieche er das große Geld genauso wenig wie das kleine.

Sie vermieden es grundsätzlich, den Begriff Taschendieb zu verwenden. Er schien ihnen für die Kunst, die sie zelebrierten, entschieden zu gewöhnlich. Sie seien Diener, behaupteten sie immer, Diener ihrer Kunst.

Das große Geld rieche nicht, es stinke, konstatierte Marius. Es entsetzte ihn, dass sich Luigi für die weiße Yacht tatsächlich zu interessieren schien. Er könne doch nicht erwarten, dass …

Nur mal schauen, fiel ihm Luigi ins Wort. Interessiere es ihn denn gar nicht, wie diese Geldsäcke lebten? Reize es ihn nicht, denen etwas von dem wegzunehmen, wovon sie im Überfluss hatten? Die würden es nicht mal merken, wenn er sich dort drüben an ihrer Kasse die Taschen füllen würde. Mehr wolle er ja gar nicht. Nur so ein kleines Andenken vielleicht, so als Draufgabe, als Souvenir von der für sie unerreichbaren Welt des richtig großen Geldes.

Marius’ Überzeugung stand sofort fest: Er sei ein Spinner, gab er zurück, der besser die Pfoten davon lasse. Das könne nicht gut enden.

Während er es aussprach, überlegte er bereits, wie er Luigi diese fixe Idee ausreden konnte. Es gab Grenzen. Sie waren Taschendiebe, sie nahmen aus Taschen und stiegen nirgendwo ein. Sie erleichterten leichtsinnige Touristen um ihr Geld, aber sie baldowerten nichts aus. Er sei ein Diener, besser vergesse er das nicht, mahnte er. Das Risiko eines solchen Vorhabens, das sich in seinem kleinen Spinnerhirn festgesetzt habe, sei unüberschaubar. Er solle an Loretta denken. Was denn aus ihr werden solle, wenn man ihn erwische und im Kielraum in siedendem Öl röste?

Luigi kam nicht mehr dazu, zu antworten, denn plötzlich wurde die Haustür, vor der sie saßen, aufgerissen und ein Mann erschien mit einem Besen in der Hand und forderte sie lautstark und unmissverständlich auf, sofort den Treppenabsatz zu verlassen. Hier lungere niemand herum. Der Mann war groß und tätowiert und machte nicht den Eindruck, als ob er nur drohen wollte, denn als die beiden Freunde nicht gleich reagierten, holte er sofort aus.

Sie machten, dass sie fortkamen. Man sah in Venedig das Herumlungern in Hauseingängen nicht gern. Wortlos liefen sie zur Riva di Ca’ di Dio hinüber. Es war inzwischen dunkel geworden, und der Strom der Passanten war schon erheblich ausgedünnt.

An der Pier lag Luigis Objekt der Begierde. Beim Anblick der weißen Yacht mit den drei Schiffsdecks, den getönten Scheiben und dem glänzenden Lack kam Luigi erneut ins Schwärmen. Menschenskind, das wäre doch was, wenn sie …

Marius schnitt ihm kurzerhand das Wort ab. Das solle er vergessen, und am besten sofort, mahnte er. Aber natürlich wusste er, dass sich Luigi von ihm nicht würde abhalten lassen, das durchführen, was sich in seinem Kopf festgesetzt hatte. Er wolle nichts mehr davon hören, sagte er. Er mache ja sowieso, was er wolle. Loretta werde ihn eine Weile beweinen, und die Welt werde vergessen, dass es ihn gegeben habe.

Luigi lachte. Es klang, als keckere ein Specht. Die Welt werde wegen des Paukenschlages aufhorchen, man werde ihn hochleben lassen, man werde … Weiter kam er nicht, denn plötzlich hielt ihm jemand von hinten die Augen zu. Es waren die kleinen, schlanken Hände einer zierlichen Frau. Sie drängte, sich jetzt zwischen den beiden Männern hindurch und küsste Luigi, während sie ein Bein um ihn schlang. Sie war schlank, klein und hatte große, neugierige Augen, die alles zu sehen schienen. Es war Loretta, Luigis große Liebe. Sie war heißblütig und leidenschaftlich und hatte immer gute Laune. Sie hatte das Haar hochgesteckt, und trug ein kurzes, braunes Sommerkleidchen mit kleinen bunten Blüten, das ihr gut stand.

Luigis Frage, wie sie ihn denn gefunden habe, quittierte sie mit der Bemerkung, dass sie ihn überall finde. Er brauche sich vor ihr gar nicht zu verstecken und solle es am besten erst gar nicht versuchen. Sie wisse nämlich alles über ihren Schlaufuchs. Dann wandte sie sich Marius zu und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, während sie sagte, dass sie ihn knuddeln müsse.

Sie setzten sich am Durchgang zum Campo Zaccaria unter die Markise eines Restaurants und bestellten Weißwein. Marius ließ es zu, dass Loretta das Gespräch sofort an sich zog; sie schwatzte und schwatzte, während sie immer wieder Luigi liebevoll übers Haar strich. Es schien ihm, als nehme sie Luigi nicht ernst. Vielleicht hatte die Beziehung der beiden inzwischen eine gewisse Abkühlung erfahren, aber einem Außenstehenden fiel das nicht auf.

Nachdem der Kellner den Wein gebracht hatte, sah Loretta ihm nach, bis er verschwunden war. Sie sei heute wieder einmal ganz plump belogen worden, sagte sie übergangslos, während sie mit dem Finger den Rand des Weinglases nachzog. Überhaupt sei es erstaunlich, wie oft einen die Lüge anspringe. Sie merke es inzwischen oft, dass gut zu lügen mehr als nur ein gutes Gedächtnis erfordere. Es nütze überhaupt nichts, wenn das Entlarven schon vorher erfolge.

Wenn man es bemerke, sei es doch gut, warf Luigi ein.

Loretta schüttelte heftig den Kopf. Dabei löste sich ihre Frisur und ihr langes schwarzes Haar legte sich wie ein Schleier um ihr schmales Gesicht. Marius konnte sich von dem Anblick gar nicht lösen. Loretta mochte oberflächlich und naiv sein, vor allem aber war sie schön und begehrenswert. Er starrte sie an, wie man jemanden anstarrt, den man gefahrlos anhimmeln kann, weil er unerreichbar ist. Sie wolle nicht immer belogen werden, hörte er sie sagen, und sie verstehe nicht, weshalb ausgerechnet sie so oft belogen werde, ausgerechnet sie, und warum es viele der dreisten Lügner so schlecht täten.

Sofort hakte Luigi ein. Woran man denn die Lüge und vor allem den Lügner als solchen erkenne, wollte er wissen. Schließlich sei ja wohl niemand ein Pinocchio, dem beim Lügen die Nase aus dem Gesicht wachse.

Mit ihm könne man aber auch gar nicht ernsthaft diskutieren, gab Loretta zurück und versetzte ihm einen Klaps gegen den Hinterkopf.

Die Frage nach dem Pinocchio sei vollkommen ernsthaft gemeint.

Marius lächelte. Er stellte sich vor, dass Luigi genau dies passierte, denn er selbst nahm es mit der Wahrheit s nicht so genau. Der Lügner, sagte er, spare beim Reden an Details. Die Feststellung mündete in allgemeine Heiterkeit. Loretta und Luigi sahen sich vergnügt an, und Marius ahnte sofort den Grund: Für gewöhnlich war er nämlich alles andere als redselig, sondern geizte mit den Worten.

Es dauerte, bis sich die Heiterkeit legte.

Das sei wohl deshalb so, nahm Loretta schließlich den Faden wieder auf, weil der Lügner, und selbstverständlich auch die Lügnerin, weniger Redezeit brauche. Es sei dann später ganz einfach weniger zu reproduzieren. Sie wüssten schon: Lügen und Gedächtnis …

Marius warf Luigi einen unzweideutigen Blick zu, und Luigi steuerte eine Erfahrung eigener Art bei. Natürlich habe er auch schon mal gelogen, bekannte der, selten zwar und harmlos und natürlich mit ganz schlechtem Gewissen, aber das tue ja wohl jeder.

Er kam aber nicht weiter, weil Marius jetzt einwarf, dass er das nun aber wirklich nicht glauben könne.

Sie lachten, und Luigi versetzte ihm einen Klaps. Was er habe sagen wollen, erwiderte er, sei nicht die unter seinen Freunden sattsam bekannte Tatsache, dass er eine ehrliche Haut sei, sondern dass der Lügner eher von „man“ spreche als von sich selbst. Die Frage, ob es denn jemandem in der Runde auch schon so gegangen sei, ging in allgemeiner Heiterkeit unter.

Von der Vaporettostation kamen Leute herüber. Sie lachten, schwatzten und liefen vorbei. Vom Campanile schlug die Turmuhr.

Marius wollte das so absolut nicht stehen lassen. Es komme doch immer auf das Motiv an, räumte er ein, nachdem es wieder ruhig um sie herum geworden war. Wer lüge, um Konflikte zu vermeiden, handele doch wohl vernünftig, genauso wie einer, der schwindele, um jemanden zu schützen.

Es erstaunte ihn, dass Loretta ihm sofort beipflichtete. Das sei schon richtig, sagte sie, während sie heftig nickte, aber wenn jemand lüge, um sich zu bereichern oder sich einfach nur Ärger zu ersparen, sei das genau so schäbig wie die Lüge um der Lüge oder eine Verheimlichung um des persönlichen Vorteils willen.

Marius sah sie erstaunt an. Das sei ja mal ein Satz, sagte er. Er bleibe dabei, dass lügen unter gewissen Umständen legitim sei, weshalb es nicht grundsätzlich schlimm sei, dass der abgrundtief ehrliche Luigi manchmal so heftig lüge, dass sich die Balken des Dogenpalastes bögen.

Luigi knuffte ihm die Schultern, sagte aber nichts.

Es lohne demnach, sich Gedanken darüber zu machen, woran man die Lüge und den Lügner erkenne, setzte Marius fort, denn das Motiv könne noch so edel sein, es verpuffe, wenn die gut gemeinte Lüge als solche erkannt und der Lügner enttarnt werde. Es sei nämlich nicht das Motiv, das man erkenne, sondern das, was als wahr vorgetragen tatsächlich falsch sei.

Loretta setze ihr Glas so heftig ab, dass Wein auf den Tisch schwappte. Ihr Blick verunsicherte ihn. Aber offenbar galt die Tiefe des Blickes nicht ihm, denn sie setzte damit fort, dass ihre Schwester zum Beispiel eine grottenschlechte Lügnerin sei. Wenn sie lüge, lästerte sie, sei das leicht zu erkennen, denn sie verstricke sich in Widersprüche, spreche mit höherer Stimme und meide Blickkontakte.

Marius hatte einen ganz anderen Blickkontakt im Sinn, als er Luigi empfahl, seine Fistelstimme künftig im Zaum zu halten. Den Klaps gegen den Hinterkopf nahm er lächelnd hin.

Genau das habe sie auch schon erlebt, behauptete Loretta, wenngleich natürlich nicht an Luigi. Auch habe sie festgestellt, dass ein Lügenmaul die Augen verdrehe, sich im Gesicht und am Hals kratze und ekelhaft oft die Lippen lecke.

Sie lachten. Laut hupend legte ein Vaporetto an und entließ einen neuen Schwung Menschen auf die Pier. Eine Gruppe Asiaten strömte in das Restaurant, und es wurde unruhig.

Loretta nahm den Faden wieder auf. Sie habe übrigens festgestellt, dass der Lügner perfekt wirken wolle und selten sage, dass er sich an etwas nicht genau erinnern könne. Das komme wohl daher, dass vergessen von Details und falsches reproduzieren von Erlogenem in eine Schublade passten.

Zumindest sei das naheliegend, bekräftigte Luigi. Er habe übrigens bemerkt, dass derjenige, der besonders miserabel lüge, Text und Mimik oft nicht zusammenbringe, also nicke und gleichzeitig nein sage.

Loretta erwiderte, dass sie das auch schon bemerkt habe. Sie breitete die Arme aus und stieß dabei ihr Glas um. Sie murmelte etwas Unverständliches und wischte die Pfütze mit einer Serviette weg. Es passe oft einfach nicht zusammen, setzte sie fort, und wirke außerdem komisch. Solch einer lächele auch dann, wenn es gar nichts zu lächeln gebe. Außerdem verschränke ein Lügenbeutel oft die Arme und werde rot im Gesicht.

Es entstand eine Pause. Dann sprachen sie darüber, wie viele Menschen sie kannten, die beim Lügen rot wurden. Das Ergebnis war verblüffend.

Marius fand es erstaunlich, wie viel es zu dem Thema zu sagen gab, wollte es nun aber dabei bewenden lassen. In ihrem Urteil waren sie sich offenbar einig: Man konnte die Lüge erkennen und von der Wahrheit trennen, wenn man auf die Anzeichen achtete.

Dann sprachen sie noch über dies und das und lachten viel. Das Gespräch blieb an der Oberfläche, und die Themen wechselten schnell. Und als der Kellner in immer kürzeren Abständen danach fragte, ob sie noch einen Wunsch hätten, brachen sie auf.

2

Mitten in der Nacht klopfte es leise an Marius’ Tür. Es war wie das Tropfen eines Wasserhahnes und erreichte ihn irgendwann. Mehrere Gedanken schossen ihm gleichzeitig durch den Kopf: Dass die Carabinieri auf ihn aufmerksam geworden waren, dass Luigi ihn bequatschen wollte oder seine Vermieterin ihn brauchte. Aber das Klopfen war schwach, geradezu so, als wollte der nächtliche Besucher niemand anderen auf sich aufmerksam machen. Folglich waren es weder die Witwe Patrona noch Carabinieri, von denen eine solche Zurückhaltung nicht zu erwarten gewesen wäre. Er erhob sich und ging zur Tür. Jetzt hörte er das leise Stimmchen Lorettas. Als er wortlos die Tür öffnete, fiel ihm Lorette in die Arme. Sie zitterte am ganzen Leib. Durch ihr dünnes Jäckchen spürte er ihre Angst. Er schloss die Tür und wartete. Er ließ ihr Zeit, während er fieberhaft überlegte, weshalb sie so verstört war, dass sie ihn nachts aufsuchte. Sie stand zitternd da, krallte sich an ihm fest und weinte.

Schließlich löste er sich behutsam von ihr. Er hielt sie an den Schultern und sah ihr in die Augen, die ihn gerötet und angstgeweitet ansahen. Er war jetzt hellwach.

Was denn los sei, fragte er.

Loretta sank an der Tür auf den Boden herab. Sie wisse es nicht, hauchte sie. Luigi sei nicht nach Hause gekommen.

Er sah sie verwundert an. Aber sie seien doch gemeinsam losgegangen. Vor Stunden schon.

Loretta nickte heftig. Er sei noch mal los, sagte sie, nur was schauen. Sie habe ihn nicht zurückhalten können.

Er kannte das. Wenn Luigi sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, waren nichts und niemand auf der Welt in der Lage, ihn davon abzuhalten. Er war dann wie ein Terrier auf Beutezug.

Er begann zu rechnen. Es war jetzt zwei Uhr durch. Sie hatten sich vor mehr als vier Stunden getrennt. Sein Gefühl sagte ihm, dass etwas passiert sein musste. Er sei bestimmt versumpft und hocke längst zu Hause, versuchte er sie zu beruhigen, aber er ahnte, dass das nicht stimmte und ihr außerdem nicht half.

Luigi versumpfe nicht, schluchzte sie

Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. Der Spinner wird doch nicht … Sollte es tatsächlich kein Hirngespinst gewesen sein, dem Luigi nachgehangen hatte? Wenn er tatsächlich noch mal wegwollte, dann wahrscheinlich nur aus diesem einen Grund. Er sollte es ihr sagen, aber wenn sich seine Vermutung später als Unsinn herausstellen würde und Luigi tatsächlich nur wegen eines banalen Streits mit Loretta abgehauen war, würde Luigi ihm die Offenbarung seiner Mutmaßung vielleicht nicht verzeihen.

Als sich ihre Blicke trafen, spürte er, dass sie in seinen Gedanken wie in einem offenen Buch las. Sie hatte eine feine Antenne für Stimmungen und erkannte sofort, dass er eine Erklärung haben könnte. Er wisse doch, wo Luigi sei, rief sie mit schreckgeweiteten Augen. Sofort verlegte sie sich aufs Flehen und rutschte auf den Knien zu ihm herüber. Er sei doch Luigis bester Freund und wisse, wo er sei. Das sehe sie ihm an. Er lüge nun wirklich gerade miserabel. Ihre großen braunen Augen flehten ihn an. Er müsse es ihr sagen.

Er hockte sich ihr gegenüber und nahm ihre Hände in seine. Dann schüttelte er den Kopf. Er wisse es nicht. Wirklich nicht, bekräftige er, aber er sah, dass sie ihm nicht glaubte. Offenbar log er tatsächlich schlecht.

Er habe doch eine Idee, flehte sie. Das sehe sie an seinen Augen. Sie seien das Lesebuch der Seele. Luigi verschwinde nicht so einfach, und er bleibe auch nicht einfach so fort. So lange schon gleich gar nicht. Er wolle ihr wohl nicht helfen.

Er fühlte sich plötzlich hilflos. Doch, sagte er, das wolle er, aber er dürfe sie nicht noch mehr ängstigen. Und wahrscheinlich denke er sowieso nur dummes Zeug.

Es half nichts. Loretta schlang ihre Arme um seinen Hals. Sie sei so voller Angst, gestand sie unter Tränen. Andeutungen machten es noch schlimmer. Er müsse ihr sagen, was er wisse.

Er wand sich wie ein Aal. Widerstreitende Gedanken balgten sich in ihm. Ob es sein könne, dass sie, nun ja, dass sie …

Sie sah ihn mit großen Augen an. Dass sie sich mit Luigi gestritten habe, vollendete sie seinen Satz. Meine er das allen Ernstes? Sie schüttelte den Kopf. Nein, ganz im Gegenteil, sie hätten sich geliebt, heftig, und … na ja, er wisse schon, aber auch das habe ihn nicht davon abgehalten, loszuziehen. Er habe das öfter gemacht, sei aber nach ein, zwei Stunden immer zurückgewesen.

Als er nicht reagierte, weil er viel zu erschrocken war, verlegte sich Loretta neuerlich aufs Flehen. Marius, rief sie, er wisse doch etwas. Er müsse es ihr sagen. Luigi sei sein Freund. Er müsse ihm helfen. Sie sah ihn mit ihren großen Augen flehend an, dann legte sie ihm die Hände auf die Unterarme und drückte sie. Bitte! Als das nicht half, rutschte sie auf Knien dicht an ihn heran und schlang ihre Arme um ihn.

Er spürte am Druck der Arme ihre Angst. Er musste es ihr sagen, dachte er, und er tat es, verpackte es aber in eine Vermutung.

Loretta begriff auch so. Ihr Entschluss stand sofort fest. Sie sprang auf und hastete drauflos. Gemeinsam liefen sie zur Riva di Ca’ di Dio an der Ponte dell’Accademia. Loretta hastete und zog ihn mit sich. Die Frage, wohin sie denn um Himmels Willen wolle, ließ sie unbeantwortet. Sie sah sich nicht einmal um. Auf der Piazzetta war um diese Zeit, anders als auf der Piazza San Marco, die nie zu schlafen schien, keine Menschenseele.

Als er merkte, dass sie allein waren, ahnte er, was sie vorhatte. Er schloss zu ihr auf. Sie solle warten, sagte er bestimmt. Das, was sie vorhabe, sei wahrscheinlich gefährlich. Ob sie sich mal umgesehen habe? Sie seien weit und breit die einzigen Menschen.

Loretta hielt inne, drehte sich zu ihm und umschlang ihn. Ob es so unauffälliger sei?

Das nicht, dachte er, aber schöner. Eng aneinander geschmiegt erklärte er ihr, was sie tun mussten. Schließlich löste sie sich von ihm, hakte sich bei ihm ein, und dicht aneinandergeschmiegt liefen sie langsam weiter in Richtung der weißen Yacht. Marius spürte ihre Wärme, und er fand, dass er gerade dabei war, seine Freundschaft zu Luigi zu entweihen. Er hatte bisher jede körperliche Nähe zu Loretta vermieden, und nun fühlte er ihren zerbrechlichen Körper durch ihr dünnes Jäckchen. Aber es musste sein.

Ihr gefalle diese Art der Tarnung, sagte sie, ohne ihn anzusehen. Dann sprachen sie kein Wort mehr, bis sie die Ponte dell’Accademia erreicht hatten. Dort hielten sie inne und umarmten sich. Loretta atmete schwer. Während er nach San Marco blickte, betrachtete Loretta die weiße Yacht mit den drei Schiffsdecks, den getönten Scheiben und dem glänzenden Lack.

Was sie sehe, wollte er wissen.

Loretta schien ein Gespür für das Wesentliche zu haben, denn sie beschränkte sich auf wenige Sätze: Einen weißen Protzdampfer sehe sie, hell erleuchtet, mit heruntergelassener Gangway. Am Eingang stehe jemand. Er sei kaum zu sehen, weil ihn der Schatten von innen fast verdecke.

Und was sehe sie nicht?

Ihr Atem stockte, bevor sie sagte: Luigi.

Er strich ihr übers Haar. Es war mehr als nur eine Geste der Tarnung, es war die Entäußerung des Gefühls, dass sie ihm leid tat. Es würde aussichtslos sein, ihr zu sagen, dass es keinen Sinn hatte, hier zu stehen und die Yacht anzustarren.

Plötzlich riss sie sich los, lief zur Gangway und verschwand in der Yacht. Marius stockte das Herz. Wie unvernünftig und verzweifelt musste sie sein, dass sie sich so töricht verhielt? Was wollte sie auf dem Schiff?

Er lehnte sich tief über die Brüstung der Ponte dell’Accademia und hoffte, mit dem Grau der Nacht zu verschmelzen. Er fühlte sich hilflos. Sein Gefühl des Selbstschutzes hinderte ihn daran, ihr zu folgen. Er musste warten. Wahrscheinlich würde man sie anhören und mit freundlichen Worten wegschicken. Als sie aber nach drei Minuten noch immer nicht zurück war und er das Gefühl hatte, beobachtet zu werden, verließ er die Brücke und trat im Schatten des Geländers an den Rio dei Greco heran. Loretta würde über die Brücke kommen. Er würde sie hören und beruhigen. Er konnte nichts tun, als zu warten.

Plötzlich hörte er ein seltsames Klatschen. Er kannte das Geräusch noch aus seiner Kindheit. Wenn seine Großmutter die Wäsche an das Ufer des Canale geschlagen hatte, hatte es genau so geklungen. Er sah sich um, aber da war nur die undurchdringliche Schwärze der Nacht. Es dauerte mehr als einen Augenblick, bis er das Dunkel des Wassers von dem darin schwimmenden Gegenstand unterscheiden konnte. Dann aber erschrak er, weil er erkannte, dass weniger als einen Meter von ihm entfernt im Rio dei Greco ein lebloser Körper lag, dessen grauer Blouson sich über dem Wasser aufwölbte. Er hielt sich an einer Stange fest, die aus dem Canale ragte und beugte sich soweit vor, dass er den Stoff zu greifen bekam und den Körper an sich heranziehen konnte. Als er ihn umdrehte, sah er in das Gesicht. Weit aufgerissene Augen sahen ihn kalt an. Der Anblick machte ihn fassungslos. Auch wenn sich seine Sinne dagegen wehrten und das Gesicht schemenhaft blieb, so war er doch fest davon überzeugt, dass das, was vor ihm im Rio dei Greco an der Ponte dell’Accademia lag, Luigis Leiche war. Noch ehe er es richtig begriff, drehte sich der Leichnam wieder um, und eine Hand schlug ihm plötzlich entgegen, die seltsam verkrampft wirkte. Er versuchte, sie zu öffnen, um an ihr die Leiche aus dem Canale zu ziehen. Es war wie ein Reflex, er musste es tun. Plötzlich hatte er ein kleines Stück Plastik in der Hand, das sich wie der Speicherstick eines Computers anfühlte. Er steckte seinen Fund achtlos in die Jackentasche und versuchte, den Körper an sich heranzuziehen. Dabei passierte es: Er strauchelte. Um sich abzufangen, musste er die Hand loslassen. Der tote Körper rutschte in die ursprüngliche Lage zurück und entfernte sich langsam vom Ufer. Er konnte ihn nicht mehr greifen und musste hilflos zusehen, wie er in der Schwärze der Nacht versank.

Plötzlich hörte er leise Schritte über das Pflaster huschen. Er drückte sich in den Schatten der Ponte dell’Accademia und sah Loretta, die sich langsam entfernte. Leise rief er nach ihr. Als sie sich umwandte, verließ er für einen Augenblick den Schatten, winkte ihr und legte einen Zeigefinger auf den Mund. Ihre Augen weiteten sich, aber sie sagte nichts, sondern kroch neben ihn, keinen Augenblick zu früh, denn plötzlich hörten sie Schritte, schwere und schnelle Schritte. Loretta presste sich an Marius, der sich lautlos erhob und sie mit sich zog. Sie huschten zu einem kleinen Steg zwischen dem Palazzo und dem Rio dei Greco bis zu einem Mauervorsprung und verschmolzen dahinter mit dem rauen Mauerwerk.

In diesem Augenblick erschienen auf der Ponte dell’Accademia zwei Männer, die sich suchend umsahen. Einer von ihnen trug eine Stange. Sie warfen sich einige Sätze zu. Die Sprache klang hart und abgehackt und war Marius unbekannt. Die Männer liefen mehrmals über die Brücke, als suchten sie jemanden, dann betraten sie genau die Stelle, an der er eben noch gestanden hatte, und hantierten am Wasser.

Marius drückte Loretta ganz dicht an die Hauswand. Der Schatten hatte sie aufgenommen. Aus Richtung der Brücke hörte er Geräusche plätschernden Wassers und Wortfetzen, aber schon nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei und die Stille der Nacht legte sich wieder über sie.

Loretta fand als erste die Sprache wieder. Was das zu bedeuten habe, wollte sie flüsternd wissen. Er antwortete nicht. Stattdessen legte er ihr einen Zeigefinger auf die Lippen, und als er sah, dass sie nickte, zog er sie mit sich. Sie balancierten den schmalen Grat zwischen dem Rio dei Greco und dem Palazzo entlang, immer an die Hauswand geschmiegt. Er suchte den Durchgang, den er wiederholt benutzt hatte. Als er ihn schließlich fand, zog er Loretta erbarmungslos mit sich. Sie liefen und liefen, und erst am Campo San Maria Formosa hielten sie inne.

Loretta keuchte. Sie war völlig erschöpft. Er zog sie zur Stufe eines Hauseingangs hinunter und nahm sie in die Arme. Dann berichtete er ihr, was er gesehen hatte.

Es erstaunte ihn nicht einmal, dass sie nickte.

Man habe sie auf dem Schiff freundlich empfangen, erzählte sie stockend, nachdem sie ein Weilchen still geweint hatte. Eine der düsteren Gestalten habe sie wegschicken wollen, aber dann sei jemand in einem weißen Anzug gekommen, der sie freundlich angehört habe. Er habe sie über Luigi ausgefragt, durchaus geschickt und in fehlerfreiem Italienisch. Was das für ein Landsmann gewesen sei, wisse sie nicht. Die Männer, die sie wegschicken wollten, seien hingegen Slawen gewesen, da sei sie sich sicher. Die Flüche auf der Brücke seien wohl von ihnen gewesen. Der Mann im weißen Anzug habe bedauert, ihr nicht helfen zu können. Dann habe er sie zur Gangway gebracht. Sie solle auf sich aufpassen, habe er sie ermahnt, Venedig sei voll von Strolchen.

Langsam wandten sie sich dem Palazzo Malipiero zu. Marius fühlte sich hilflos und schuldig.

3

Die ganze Nacht hindurch weinte Loretta. Es war ein stilles Weinen. Krampfhaft hielt sie ein Tuch, mit dem sie sich die Tränen und die zerlaufene Schminke abwischte. Sie hatte aus Luigis Plan, die Yacht zu entern, die falschen Schlussfolgerungen gezogen, denn als sie wieder reden konnte, klagte sie ihn an. Er sei ein Beziehungskiller gewesen, lamentierte sie unter Tränen, ein Sittenstrolch und gar ein egoistischer Drecksack. Es war ihre Verzweiflung, die sie diese ungerechten Worte finden ließ, und schließlich wich die Anklage einem hilflosen Wimmern.

Während sich Loretta, vom Weinen geschüttelt, an ihn lehnte, reifte in Marius ein Gedanke. Er musste etwas tun. Er konnte nicht einfach abwarten. Deshalb nutzte er den Moment, als Loretta im Bad verschwand, und verließ für einen Augenblick die Wohnung. Er rief bei der Post an. Im Canale an der Ponte Greco liege ein Toter, sagte er. Als die unvermeidliche Frage folgte, wer er denn sei und wie man ihn erreichen könne, legte er auf.

Er war kaum in die Wohnung zurückgekehrt, als Loretta auch schon auf ihn zustürmte und sich an ihn klammerte. Sie zitterte. Er dürfe sie nicht verlassen, flehte sie, keinen Augenblick und nie wieder. Sie habe solche Angst gehabt. Als sie seine Schritte gehört habe, habe sie geglaubt, jetzt kämen Luigis Mörder auch zu ihr.

Das Bild, das Loretta vor ihrem geistigen Auge zu haben schien, schockierte Marius. Offenbar trauerte sie nicht nur um Luigi, sondern versuchte auch, eine ganz tief sitzende Angst zu beherrschen. Er versicherte ihr deshalb, dass er sie nicht mehr allein lassen werde, obwohl ihm das überhaupt nicht möglich war.

Sie saßen in der Küche. Das Grün der Herduhr schuf ein diffuses Licht. Die Geräusche des Hauses hatten sich in der nahezu vollkommenen Stille der Nacht aufgelöst.

Als es zu dämmern begann, fasste er sich ein Herz und fragte Loretta, wieso sie geahnt habe, dass der Tote im Canale Luigi gewesen sei. Die Frage hatte ihn die ganze Nacht hindurch beschäftigt. Loretta hatte so seltsam reagiert, und es schien ihm, als sei ihr bereits bewusst gewesen, was passiert war.

Sie sah ihn aus verweinten Augen an und sagte etwas vollkommen Unfassbares: wegen des Schuhs.

Er verstand nicht, was sie meinte. Er ahnte es nicht einmal. Sie war fahrig, und ihr Blick huschte unstet hin und her. Als sie nichts weiter sagte, fragte er kopfschüttelnd, was sie denn meine.

Ihr Versuch einer Antwort erstickte in einem Weinanfall. Er musste lange warten. Schließlich putzte sie sich geräuschvoll die Nase. Am Ausgang der Yacht habe ein schwarzer Müllsack gestanden, sagte sie stockend. Den habe sie gesehen, als sie hinauskomplimentiert worden sei. Er sei zwar zugeschnürt gewesen, aber es habe der Teil eines Schuhs herausgeragt, der …

Ein neuer Weinkrampf schüttelte den zierlichen Körper. Sie konnte nicht weitersprechen

Aber er hatte genug gehört, um zu ahnen, was Loretta meinte. Das, was sie entdeckt und bisher für sich behalten hatte, musste ein Schock für sie gewesen sein. Und es schien ihm geradezu unfassbar, dass sie über diese Entdeckung und die grausige Erkenntnis, die darauf sofort gefolgt sein musste, bisher geschwiegen hatte. Stattdessen hatte sie sich mitziehen lassen wie eine willenlose Gliederpuppe.

Ganz vorsichtig hakte er nach. Sie meine tatsächlich …

Sie nickte heftig. Mit einer Energie, die er ihr nicht zugetraut hätte, richtete sie sich auf und funkelte ihn an. Luigi habe die gelben Sneakers mit den abgelatschten Sohlen geliebt. Es gebe überhaupt keinen Zweifel, dass es sein Schuh gewesen sei. Als sie ihn gesehen habe, habe sie sofort gewusst, dass, dass …

Ein erneuter Weinanfall unterbrach sie.

Aber es gebe tausende solcher Schuhe, gab er vorsichtig zu bedenken.

Loretta blieb indes dabei. Ja, vielleicht, aber nur einen linken Schuh, dessen Sohle vorn angeschmort und hinten links abgewetzt sei und außerdem ein Loch habe, das von einem rostigen Nagel stamme, den sich Luigi einmal im Arsenale auf der Flucht eingetreten habe. Eine Woche lang habe er nicht laufen können. Es gebe überhaupt keinen Zweifel. Das sei sein Schuh gewesen, und da Luigi nicht drangehangen habe, sei ja wohl klar, was passiert sein müsse.

Er sagte nichts.

Loretta sah auf. Und die Jacke, fügte sie hinzu. Er wisse doch selbst, dass Luigi einen grauen Blouson gehabt habe, wie, wie … Die restlichen Worte gingen in Tränen unter.

Seine Zweifel begannen sich aufzulösen. Er sah die Augen vor sich, die ihn aus dem Wasser des Canale angestarrt hatten. Er hatte den schemenhaften Anblick des im Wasser liegenden Gesichts vor sich und erkannte plötzlich, dass Loretta mit allem recht hatte. Sie war eine gute Beobachterin. Luigi war tot, weil er in die weiße Yacht eingestiegen war, die er so neiderfüllt angeschmachtet hatte, als wolle er sie kapern. Dabei hatte er nur das Abenteuer gesucht und seine Neugier befriedigen wollen. Er hatte die überzogene Neugier eines unbedeutenden Taschendiebs mit seinem Leben bezahlt. Nie mehr würde er durch diese Tür treten und munter drauflos fabulieren oder träumen wie ein kleines Kind. Bei dem Gedanken kamen ihm die Tränen.

Ob er jetzt verstehe, wie beschissen sie sich fühle, fragte Loretta.

Er war außerstande, etwas zu erwidern. Seine plötzliche Trauer lähmte seine Stimme. Er zog Loretta an sich und presste die Augen zusammen, die voller Tränen waren und wie Feuer brannten.

Sie schwiegen lange. Marius war Loretta dankbar dafür.

Eine Tür knallte, dann polterten Schritte die Treppe hinunter. Das Haus erwachte zum Leben. Das war das Profane an der Situation: Sein Freund Luigi war tot, er hatte würdelos wie ein toter Fisch im Canale gelegen, Loretta weinte sich seinetwegen die Augen aus dem Kopf, und das Leben ging trotzdem weiter, als sei nichts passiert. Nichts hielt es auf.

Was denn nun werde, fragte Loretta, während sie ihr Tuch krampfhaft an sich presste.

Marius erklärte es ihr.

Vom Palazzo Malipiero bis zur Wachstation der Gendarmerie war es nicht weit. Trotz der frühen Stunde hatte sich der Strom der Touristen bereits über die Stadt zu ergießen begonnen. Auf dem Platz vor der Kirche San Zaccaria baute ein Obsthändler seinen Stand auf, und ein Maler brachte seine Staffelei in die richtige Lage. Aus dem Rio del Vin hinter der Kirche wehte eine Brise herüber, die nach Fisch roch. Es würde wieder ein heißer Tag werden.

Loretta hatte ein mulmiges Gefühl, obwohl sie sich genau zurechtgelegt hatte, was sie sagen wollte, denn sie würde auf sich allein gestellt sein. Marius, der auf der Riva degli Schiavoni auf sie warten wollte, hatte ihr seine Beweggründe erklärt, und sie hatte sie akzeptiert. Notgedrungen, hatte sie betont, damit er sie nicht auch noch allein lasse.

Schüchtern betrat sie die Wachstation. Am Empfang saß ein bärtiger Mann mittleren Alters in blauer Uniform. Er musterte sie aufmerksam, aber nicht unfreundlich. Was sie denn herführe, fragte er mit dunkler Stimme.

Sie war so voller Angst, dass sie sicher war, man müsse es ihr ansehen. Außerdem befürchtete sie, viel mehr zu sagen, als gut sein würde, Deshalb kam sie sofort zur Sache. Sie wolle eine Vermisstenanzeige aufgeben, sagte sie.

Der Mann nickte, griff nach einem Formular und fragte, wen sie denn vermisse.

Sie hatte befürchtet, in einem Vernehmungszimmer jede Kontrolle über sich zu verlieren. Dass sie gleich hier am Tresen Auskunft geben sollte, war ihr deshalb ganz angenehm. Ihren Freund, Luigi Lorenzo, sagte sie wahrheitsgemäß. Er sei seit gestern spätabends verschwunden. Zuletzt sei er mit ihr am Rio dei Greco in der Nähe der Ponte dell’Accademia gewesen. Dort hätten sich ihre Wege getrennt. Sie blickte zu Boden, bevor sie ergänzte, dass sie sich gestritten hätten.

Der Carabinieri ließ den Stift sinken. Sie vermisse ihren Freund nicht, stellte er missbilligend fest. Sie wisse nur nicht, wo er abgeblieben sei. Das sei ja wohl ein Unterschied.

Sie fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Sie wisse, wollte sie herausschreien, dass Luigi tot sei, sie habe ihn schließlich im Rio dei Greco liegen sehen, im dunklen Wasser und mit dem Gesicht nach unten. Aber das konnte sie nicht sagen, sondern musste sich stattdessen mit Allgemeinplätzen begnügen. Sie merkte jetzt, was für ein geradezu unseliger Plan es war, auf diese zweifelhafte Weise das Wissen der Polizei abzuschöpfen.

Sie vermisse Luigi wirklich, beharrte sie, und es sei ja nun wirklich ganz anders, als er denke. Das fühle sie.

Soso! Sie fühle es. So wie man Bauchweh fühle oder Kummer.

Sie funkelte den Carabinieri wütend an. Sein Misstrauen gab ihr Kraft. Es gebe vielleicht eine Leiche mehr in Venedig, sagte sie mit fester Stimme, und er wolle nicht einmal wissen, wen sie vermisse. Das sei unfassbar.

Der Carabinieri nickte und klatschte mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Na dann wolle er mal, sagte er, und es klang, als käme es ihm auf eine Lügengeschichte mehr oder weniger nicht an. Wie denn der Vermisste heiße?

Sie sagte Luigis Namen. Er hörte sich unwirklich an, fand sie, fast wie der Name eines Fremden. Sie wisse, dass ihm etwas zugestoßen sei, beteuerte sie. Es sei schließlich nicht das erste Mal, dass sich ein junger Mensch mit Liebeskummer in einen Canale stürze, und er solle sie gefälligst ernst nehmen.

Der Carabinieri sah sie gutmütig an. Liebeskummer, was, fragte er. Der vergehe. Es werde zumindest besser, so viel sei sicher. Dann begann er das Formular auszufüllen. Er stellte nur wenige Fragen und versagte sich jetzt wenigstens jedes weiteren Kommentars. Allerdings behauptete er, während sie das Formular unterschrieb, ohne es zuvor gelesen zu haben, dass sie wohl sicher sein könne, dass sich ihr Luigi nicht zu Tode befördert habe. Vielleicht liege er längst zu Hause im Bett und warte auf die Versöhnung. Es sei nämlich weder ein liebestoller Galan in einen Canale gefallen, noch habe es überhaupt in dieser Nacht einen aufzuklärenden Todesfall gegeben. In einer solchen Nähe zur Gendarmerie wäre so etwas gewiss nicht verborgen geblieben. Der Streit habe sie ja schließlich beinahe an hiesiger Schwelle auseinandergetrieben. Sie könne also mit einer gewissen Berechtigung davon ausgehen, dass sie ihren, wie hieß er doch gleich, ach ja, ihren Luigi schon in Kürze wegen des derben Spaßes, den er mit ihr treibe, die Augen auskratzen könne.

Dabei grinste er unverschämt. Was er denn angehabt habe, der Streittreiber?

Sie erschrak, denn sie wusste es nicht. Während sich Luigi fertig gemacht hatte, hatte sie sich im Bett geräkelt. Einen grauen Blouson, sagte sie schließlich. Und Jeans. Und gelbe Sneakers.

Der Carabinieri notierte sich das. Und sonst so?

Was denn das sei, sonst so?

Na unter dem Blouson?

Sie musste raten. Ein dunkles Shirt.

So, dunkel. Also schwarz?

Nein. Blau.

Dunkelblau?

Sie nickte. Es ärgerte sie, dass sie dem Mann, der sie und ihre Geschichte noch immer nicht ernst nahm, auf den Leim gegangen war. Sie hatte nicht bedacht, dass diese Fragen kommen würden, obwohl sie zu erwarten waren. Sie hatte sich nicht richtig vorbereitet und ungeschickt gelogen. Es war ihr klar, dass sie deshalb den Mann ablenken musste. Ob Luigi wirklich nicht gefunden worden sei, fragte sie deshalb.

Der Carabinieri grinste. Nein, aber was nicht sei, könne ja noch werden.

Loretta war viel zu entsetzt, um etwas entgegenhalten zu können. Wenn es stimmte, was der bärtige Mann gesagt hatte, war Luigis Leiche nicht gefunden worden. Eine Leiche blieb indes in einem Canale nie lange unentdeckt. Folglich musste in der Zwischenzeit etwas passiert sein. Aber sie hatte sich nun mit ihrer Vermisstenanzeige festgelegt und konnte jetzt nicht einfach hinzufügen, dass sie oder gar Marius einen Toten im Rio dei Greco gesehen hatten, der vielleicht ihr Luigi gewesen war. Jedes Wort würde es nur noch schlimmer machen.

Weil sie sich keinen Rat mehr wusste, beschloss sie, vorsichtshalber den Rückzug anzutreten. Sie schob Luigis Ausweis und ihre Handynummer über den Tresen. Sie freue sich, wenn man sie informierte, sagte sie. Dann verließ sie wortlos die Wachstation und ging in Richtung der Lagune. Am Durchgang zur Riva degli Schiavoni blieb sie stehen und atmete tief durch. Sie hatte plump gelogen und war wahrscheinlich durchschaut worden. Und sie schämte sich, weil sie im Tode nicht zu Luigi gestanden, sondern ungeschickt eine allzu durchsichtige Geschichte präsentiert hatte, deren Wahrheitsgehalt gegen Null ging.

Marius war nirgends zu sehen. Seinetwegen hatte sie gelogen, und nun stand er nicht einmal zu ihr. Enttäuscht folgte sie dem Gedränge der Menschen, das sich wie ein Lavastrom in Richtung Piazzetta San Marco ergoss. Babylonisches Stimmengewirr erfüllte die Luft, das in San Marco sommers Tag für Tag allgegenwärtig war. Sie lief durch die Gassen in Richtung des Palazzo Malipiero, und die Gedanken schwirrten unsortiert in ihrem Kopf umher wie ein Wespenschwarm. Ihr war, als liefe sie vor sich selbst davon.

Als sie über die Ponte Rimédio lief, piepste ihr Handy. Marius wollte wissen, wo sie blieb. Er bat sie, zur Ponte del Paglia zu kommen, wo er, wie es verabredet war, auf sie wartete. Sofort ärgerte sie sich über sich selbst. Sie war gedankenverloren an ihm vorbeigelaufen.

Marius saß scheinbar entspannt in der Sonne und hatte einen Espresso vor sich. Sie setzte sich neben ihn und überschüttete ihn sofort mit Vorwürfen. Was er denn glaube, schimpfte sie. Wie es sich denn anfühle, jemanden zu benutzen? Ob es denn schön gewesen sei, sie vorbeilaufen zu sehen?

Das sei sie nicht.

Das sei sie doch. Ganz sicher sei sie das.

Er winkte ab. Dann habe er sie eben nicht gesehen. Was daran so schlimm sei?

Sie habe angenommen, es interessiere ihn, was ihr widerfahren sei, fauchte sie kratzbürstig. Schließlich habe sie für ihn gelogen. Ungeschickt übrigens. Er habe es wohl nicht abwarten können wegzukommen?

Sie sah, dass er den Kopf schüttelte. Es sei besser, sie spare sich die Vorwürfe auf, sagte er dann. Er sei nämlich auch nicht untätig gewesen. Dann fragte er, wer beginnen solle.

Seine Stimme erschreckte sie. Sie klang kalt wie nach einer heftigen Enttäuschung. Er hatte etwas erfahren, dachte sie bestürzt. Er solle anfangen, schlug sie vor. Doch dann kam ihr der Gedanke, dass sie es hinter sich haben wollte. Sie wolle beginnen, schob sie deshalb nach.

Marius nickte.

Stockend begann sie zu berichten. Marius hörte aufmerksam zu und unterbrach sie nicht ein einziges Mal. Aber er ließ nicht erkennen, was er dachte, und selbst als sie geendet hatte, sagte er nichts, sondern sah sie nur an, als sehe er durch sie hindurch. Der glasige Blick verunsicherte sie. Was er denn plötzlich habe, fragte sie zaghaft. Ob er denn überhaupt noch zuhöre?

Er reagierte mit einer Gegenfrage. Ob sie dem Carabinieri glaube? Ob ihm zu trauen sei?

Sie wusste es nicht. Irgendwo müsse Luigi schließlich geblieben sein, sagte sie stockend. Sie wisse doch, was sie gesehen habe.

Marius nickte. Es passe zusammen, sagte er. Er glaube zu wissen, wo Luigi sei.

Sie glaubte, sich verhört zu haben. Was kam denn jetzt? Hatte er sich geirrt und die Leiche im Rio dei Greco war gar nicht Luigi gewesen? Für einen Augenblick schöpfte sie Hoffnung. Er solle es verdammt noch mal sagen, schnauzte sie.

Marius trank seinen Espresso. Dann schaute er sie an. Die Yacht sei heute Nacht ausgelaufen, sagte er ausweichend.

Sie fühlte sich, als sei sie getäuscht und missbraucht worden. Das sei ja nun wohl wirklich keine Antwort auf ihre Frage, gab sie zurück. Die Erkenntnis sei ja wohl auch nicht wirklich erstaunlich. Schließlich habe Luigi das Protzschiff geentert und sei dafür nun sein Leben lang tot. Außerdem habe das eine ja wohl mit dem anderen aber auch gar nichts zu tun. Dann sah sie ihn mit großen Augen an, weil ihr plötzlich Zweifel daran kamen, ob Marius überhaupt zu ihr hielt.

Sie solle mitdenken, forderte er sie auf.

Sie fuhr wütend hoch. Ob er nun vollends spinne, giftete sie. Er solle ihr sofort sagen, was er wisse. Sie habe seit Luigis Verschwinden eine Scheißangst und er spiele intellektuelle Spielchen mit ihr.

Die Yacht stamme aus Griechenland, sagte Marius ausweichend. Sie gehöre einem Russen, und Luigi sei unter Garantie mitgefahren.

Sie fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Das sei doch Quatsch, begehrte sie auf. Er habe doch wie eine tote Ratte im Canale gelegen.

Marius aber blieb dabei. Er sei mitgefahren.

Sie stemmte die Hände heftig in die Hüften. Sie verstand nicht, wie Marius so etwas vollkommen Unfassbares behaupten konnte. Das sei Luigi nie und nimmer, gab sie zurück. Ob er noch nie was von seiner Seekrankheit gehört habe? Luigi habe sich die Seele aus dem Leib gekotzt, wenn er nur den Canal Grande hinaufgefahren sei. Selbst die Fahrt in einem Vaporetto sei schon eine Zumutung für ihn gewesen.

Und doch sei es so.

Sie sah ihn verunsichert an. Woher er denn das nun wisse?

Vom Hafenmeister. Er habe die Passagierliste.

4

Commissario Barroso hatte schlechte Laune. Er hatte miserabel geschlafen, war mit seiner Frau Valerie wegen einer Nichtigkeit in Streit geraten und hatte deshalb die Wohnung in der Calle Varisco am Palazzo Widmann ohne Frühstück verlassen. Er hasste es, ohne Frühstück fortzugehen, und er hasste es vor allem, mit Valerie zu streiten. Ihre Unstimmigkeiten nahmen zu, wie ein Sturm, der heraufzieht und stärker und stärker wird, ohne dass ihn eine Kraft eindämmen kann. Er wurde ihrer nicht Herr. Er sah sie nicht kommen, verstand ihre Anlässe nicht und hatte nie die richtigen Antworten parat. Er wusste nur eines: So ging es nicht weiter.

Er war ein kleiner Mann, was ihn aber nicht störte. Er war jetzt über fünfzig und ohne jede Illusion. Er versah seine Arbeit, ohne für sie zu brennen, und hatte nur noch das Ziel, ohne allzu großen Aufwand bis zur Pensionierung durchzuhalten.

Er warf einen Gruß in das Vorzimmer der Wachstation, in dem drei Carabinieri beschäftigt taten und seinen Gruß einstimmig erwiderten. Er deutete nur ein Nicken an und ging in sein Büro. Es lag parterre und ging auf den Rio dei Greco hinaus. Jetzt im Sommer roch es aus dem Canale manchmal faulig nach Fisch, und es trieben Wasserpflanzen an der Oberfläche, die sich vom Grund gelöst hatten. Dieses Phänomen nahm zu; es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis der Canale versandete.

Auf dem Schreibtisch lag die Kopie einer Vermisstenmeldung, der ein Foto beigeheftet war. Der Bengel war höchstens fünfundzwanzig, und dafür, wirklich vermisst zu werden, entschieden zu jung. Er würde sich wieder anfinden, wahrscheinlich schon in Kürze. Wenn Mädchen ihre Gespielen vermissten, war das kein Fall für die Carabinieri, sondern für einen Therapeuten.

Als ihm Katharina Musani einen Stapel Akten brachte und mit einem breiten Grinsen auf seinen Schreibtisch legte, hatte er von dem Tag schon genug, obwohl er kaum begonnen hatte. Akten beeinträchtigten inzwischen sein Wohlbefinden, und es fehlte wahrscheinlich nicht mehr viel, bis sie bei ihm allergische Reaktionen auslösen würden. Sie waren rot, höchst geduldig und verfolgten ihn ausgesprochen penetrant.

Weshalb sie denn so unverschämt grinse, fragte er. Katharina Musani aber antwortete nur mit einem noch breiteren Grinsen und verließ das Büro. Sie war ihm von der Verwaltung als Hilfskraft zugeteilt worden, weil seine Assistentin Carlota krank war. Er zählte die Tage, bis sie zurückkam. Es würde noch mindestens zwei Wochen dauern, hatte sie ihm mitgeteilt, die Frage aber, woran sie denn leide, unbeantwortet gelassen. Natürlich ging ihn das nichts an, aber er hätte es gern gewusst, weil Carlota nicht den Eindruck machte, als sei sie tatsächlich arbeitsunfähig. Sie war jung und flippig und genoss das Leben.

Er beschloss, dass ihn die Akten jetzt nicht interessierten, schob den Stapel energisch von sich fort und öffnete das Fenster. Sofort erfüllte muffiger Geruch den Raum. Grummelnd schloss er das Fenster wieder und ging zu den Carabinieri in das Vorzimmer. Er sagte ihnen, dass er unterwegs sei, ließ die Frage, wohin er denn wolle, unbeantwortet und verließ die Wachstation.

Draußen empfing ihn die milde Luft des ausgehenden Sommers. Es würde wieder heiß werden. Er zog das Jackett aus, krempelte die Ärmel auf und machte sich auf den Weg zur Piazza San Marco.

Derzeit war er mit einem Fall von Glasdiebstahl beschäftigt, der ihn langsam, aber sicher zu ärgern begann, weil er sich missbraucht vorkam. Aus einer Galerie waren hochwertige Glasfiguren verschwunden, obwohl die Alarmanlage in Betrieb gewesen war und der Nachtwächter seine Runden gemacht hatte. Im Grunde war der Fall unerklärlich. Commissario Barroso hatte allerdings längst eine Erklärung parat: Nach seiner Ansicht konnten nur Schlampigkeit oder eine gehörige Portion krimineller Energie im Spiel gewesen sein. Weil er keine Lust hatte, für die Versicherung die Arbeit zu machen, hielt er sich inzwischen mit den Ermittlungen zurück, tat aber so, als ermittle er vehement. Hinter diesem Spannungsverhältnis konnte er sich gut verstecken, wenn er schlechte Laune und keine Lust zur Arbeit hatte. Die Tage, an denen das so war, häuften sich inzwischen. Manchmal zählte er schon die Monate bis zur Pensionierung, obwohl es noch so deprimierend viele waren.

In der Calle della Chiesa trank er einen Espresso und beobachtete die Frauen, die vorbeiliefen. Dabei musste er an Valerie denken. Sie hatte sich in ihrem Wesen verändert. Einst war sie sanft gewesen und harmoniesüchtig und war jedem Streit aus dem Weg gegangen. Inzwischen hatte sie sich jedoch zu einem kratzbürstigen Biest entwickelt, mit dem nicht zu reden war. Manchmal kam es ihm vor, als habe eine in ihrer Art völlig andere Zwillingsschwester in sein Leben Einzug gehalten, um es ihm zur Hölle zu machen. Die Veränderungen in Valeries Wesen waren mittlerweile unübersehbar und ließen sich nicht mehr ignorieren. Sie hatten ihre Ursache darin, dass sich ihr Kinderwunsch nicht erfüllen wollte. Darüber war mit ihr nicht zu reden. Jeden Versuch würgte sie sofort ab, als sträubte sie sich gegen eine verfrühte Lebensbeichte. Sie schaute kleinen Kindern genauso interessiert hinterher wie er leichtbekleideten Frauen. Wohin das führen würde, ahnte er seit einiger Zeit, und die Phase, sich dagegen zu sträuben, hatte er inzwischen hinter sich.

Er entschloss sich, etwas zu essen, kaufte in einer Osteria ein Baguette und lehnte sich, langsam kauend, an das Geländer der Ponte Greco. Er beobachtete die vorüberhastenden Touristen und dachte daran, dass ausgerechnet hier der Junge abhanden gekommen war, den seine Gespielin als vermisst gemeldet hatte. Mehr wusste er nicht mehr, er hatte sogar den Namen vergessen.

Er beobachtete den Menschenstrom, der sich unaufhaltsam über die Brücke wälzte wie ein breiter Tausendfüßler. Er sah dem bunten Gewimmel zu und fragte sich, wohin die Menschen eigentlich wollten. Hier hinten befanden sich nur noch der Park Giardini Publici und das Arsenale, und beides zog die Touristen für gewöhnlich nicht an.

Als er von der Unruhe um sich herum genug hatte, warf er die Papiertüte mit dem Rest seiner zähen Mahlzeit in den Canale und machte sich auf den Weg zur Galerie. Unterwegs rief Katharina an und wollte wissen, wo er stecke. Er herrschte sie an, dass sie das nichts angehe. Dann aber besann er sich, denn es konnte nicht schaden, zumindest den Eindruck zu erwecken, dass er ermittle, denn wahrscheinlich war es gar nicht Katharina, sondern jemand anderer, der sich für seinen Aufenthalt interessierte. Also sagte er, wohin er unterwegs war, und verneinte die Frage, ob er am Mittag den Vize Questore aufsuchen könnte. Wahrscheinlich nicht, schränkte er vorsichtshalber, er gehe nämlich einer Spur nach. Der Glasklau, sie wisse schon. Bevor sie etwas erwidern konnte, beendete er das Gespräch.

In der Galerie mit dem unergründlichen Namen „Cacerva“ wurde er bereits erwartet. Der Besitzer empfing ihn statt eines Grußes mit der unfreundlichen Frage, warum es der Polizei denn nicht gelinge, den Täter zu finden. Commissario Barroso sah an dem fetten Mann mit den öligen Haaren herunter. Er konnte ihn nicht ausstehen, weil er eine unerträgliche Mischung von Unterwürfigkeit und Aggressivität ausstrahlte, die ihn schlichtweg anwiderte. Zu derart dummen Fragen sei er heute noch nicht aufgelegt, herrschte er den Mann an. Es sei ihm doch persönlich scheißegal. Das, was er wirklich wolle, müsse er bei der Versicherung einfordern. Dass die noch nicht reagiert habe, sei entweder ein Zeichen für einen falschen Versicherungsvertrag oder noch Schlimmeres.

Der fette Mann war so verblüfft, dass ihm eine Erwiderung im Hals steckenblieb. Wortlos wandte er sich ab und ging, oder besser watschelte, einer riesigen Ente ähnlich, davon.

Commissario Barroso sah ihm erleichtert nach. Wahrscheinlich würde sich der Mann über ihn beschweren, aber das war ihm gleichgültig. Mittlerweile war er nämlich davon überzeugt, dass hier etwas nicht stimmte. Die Respektlosigkeit des fetten Mannes hatte ihn von Anfang an misstrauisch sein lassen. Außerdem war es tatsächlich ein nicht zu unterschätzendes Achtungszeichen, dass die Versicherung den Schaden bisher noch nicht reguliert hatte.

Er vernahm an diesem Vormittag sechs Personen, die in der Galerie gearbeitet hatten. Das Ergebnis war deprimierend. Niemand hatte eine Erklärung dafür, wie sich der Diebstahl ereignet haben könnte. Die Alarmanlage war weder ausgestellt noch unterbrochen worden. Alle Türen und Fenster waren gesichert. Erst am Morgen, als die Räume gereinigt worden waren, hatte man sie abgestellt, aber zu diesem Zeitpunkt war in jedem der Räume bereits Personal gewesen. Die Überwachungsanlage war allerdings schon vor Wochen ausgefallen, so dass es keine Aufzeichnungen gab, und Nachtwächter beschäftigte man nicht.

Er ließ sich die Liste der abhandengekommen Exponate geben. Die Skulpturen waren durchweg neu gewesen und erst vor wenigen Wochen aus einer berühmten Manufaktur von Murano geliefert und in die Inventarlisten aufgenommen worden. Es hatte keine Zwischenhändler gegeben.

Inzwischen weigerte er sich, von einem Diebstahl auszugehen. Die sich daraus ergebende Konsequenz, die sich geradezu aufdrängte, ließ ihn misstrauisch sein, denn sie machte erklärbar, weshalb er sich im Kreise drehte.

Kurzerhand bat er, ihm die Akten der Exponate ins Büro zu schicken, und es machte ihn wütend, dass das rigoros abgelehnt wurde. Es seien Unikate, lautete die lapidare Begründung, und bei der Polizei sei ja auch schon das eine oder andere abhanden gekommen. Nicht nur Papier, man kenne das ja.

Er sah den Grund überhaupt nicht ein und verlangte kurzerhand, dass ihm die Akten ausgehändigt wurden. Jetzt und hier. Alle und sofort. Der fette Mann stöhnte, und als er aufbegehren wollte, drohte er damit, kurzerhand das ganze Archiv zu beschlagnahmen und die Galerie so lange zu schließen, bis er wisse, wo sich die Exponate befänden. Als er zur Bekräftigung seiner Entschlossenheit das Handy aus der Tasche zog und den fetten Mann fragte, ob er etwa daran zweifele, dass es genau so kommen werde, und dann auch noch ankündigte, die Sache dem Richter schmackhaft zu machen, übrigens einem ganz scharfen Hund, der sich nach Wirtschaftsstrafsachen regelrecht die Finger lecke, weil er sich mit ihnen so richtig austoben und wunderbar profilieren könne, gab der fette Mann seinen Widerstand auf und holte die Akten.

Es waren fünfzehn grüne Mappen von enttäuschender Inhaltslosigkeit: Jeweils drei Fotos, ein Zertifikat der Endkontrolle der Manufaktur, ein Kaufvertrag und eine Versicherungspolice. Die Exponate waren breit gestreut: Vasen, Skulpturen von Tänzerinnen, Tiere und Kugeln. Gemeinsam war ihnen nur der jeweils exorbitante Preis, den er geradezu unverschämt fand. Nie würde er für Glas, das er gar nicht gebrauchen konnte, so viel Geld ausgeben.

Valerie hatte ihm von Zeit zu Zeit in den Ohren gelegen, diese Verweigerungshandlung aufzugeben, schließlich gab es im Haushalt ihrer Eltern verschiedene und allesamt mehr oder wenig hässliche Glasprodukte aus den Manufakturen Muranos, aber er hatte sich immer standhaft geweigert, die Wohnung mit etwas zu bestücken, das kein Schmuck und außerdem im Dunstkreis seines Jähzorns extrem gefährdet war.

Er blätterte die Heftchen durch. Als er schließlich die letzte Seite umgeblättert hatte, war ihm klar, dass ihm nichts auffallen konnte, auch wenn er noch so systematisch vorgehen würde. Es war Zeitverschwendung. Wenigstens aber fragte er sich, was alle Exponate miteinander verband, und befasste sich daraufhin mit den Zertifikaten der Manufaktur. Als er das elfte durchgesehen hatte, fiel ihm schließlich doch noch etwas auf: Jedes Zertifikat trug die Unterschrift derselben Person. Natürlich musste das nichts zu bedeuten haben, aber es machte ihn stutzig, weil er den Namen heute früh schon einmal in einem anderen Zusammenhang gelesen hatte.

Er rief Katharina Musani an. Er musste warten und glaubte schon, sie habe sich zu einem vorgezogenen Mittagsschläfchen zurückgezogen, als sie doch noch abnahm. Sie bestätigte seine Annahme: Die Frau, die heute früh ihren Freund vermisst gemeldet hatte, war die gleiche, die die Protokolle unterschrieben hatte. Er spürte, dass das wichtig sein könnte, sein Instinkt sagte ihm indes, dass es vermutlich nicht lohnen würde, dem nachzugehen. Aber da es der erste Hinweis war, den er überhaupt bisher gefunden hatte, und er derzeit nichts Besseres vorhatte, ließ er sich die Vermisstenanzeige aufs Handy schicken und bat Katharina, die Anschrift Loretta Panginis herauszubekommen.

Es bedurfte nur eines Anrufs in der Manufaktur, um Gewissheit zu haben, dass die vermutete Personenidentität tatsächlich bestand. Dann machte er sich auf den Weg.

5

Loretta machte sich noch immer Hoffnungen. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn. Wenn Marius recht hatte, und es hatte den Anschein, dass er recht haben würde, war Luigi wohl von dieser Welt gegangen. Aber sie war noch nicht davon überzeugt, sondern klammerte sich an den Gedanken, dass kein Grund dazu bestanden hatte, einen Toten auf die Passagierliste eines Schiffes zu setzen. Dass sein Name darauf stand, war demzufolge immerhin ein Lichtblick und machte deutlich, dass die Kerle, die sich ihres geliebten kleinen Taschendiebs bemächtigt hatten, keine Profis waren. Es war zumindest eine Spur, die zu verfolgen nicht von vornherein aussichtslos war. Was sie aber schier verzweifeln ließ, war der Umstand, dass sie nicht wusste, was sie tun konnte.

Sie hatte Marius gebeten, sie allein zu lassen, weil sie nachdenken wollte. Und weinen, bis sie keine Tränen mehr hatte. Sie hatte in der Manufaktur angerufen und mitgeteilt, dass sie krank sei, aber Hoffnung habe, in zwei, drei Tagen wieder fit zu sein. Dann hatte sie sich in ihre kleine Wohnung zurückgezogen und still in sich hinein geweint.

Luigi war ein verrückter Kerl, ein Tagträumer und ein Spinner, vor allem aber ein liebenswerter Kerl gewesen, mit dem man herrlich lachen und heulen konnte. Er hatte ihr gutgetan wie kein anderer Mann vor ihm. Aber sie hatte ständig auf ihn achten müssen. Es war kein Tag vergangen, an dem sie nicht Angst wegen seiner Art gehabt hatte, die andere als Kühnheit oder gar Unverfrorenheit angesehen hätten und die doch nichts weiter gewesen war als naive Unbedarftheit. Sie kannte ihn besser: Luigi war nichts weiter als ein großes Kind gewesen. Aber auch das hatte ihn liebenswert gemacht. Sie hatten sich geliebt, ganz unbekümmert und frei. Und sie hatten von einer sorglosen Zukunft mit vielen Kindern geträumt, die sie haben wollten, wenn es ihm gelungen wäre, den großen Wurf zu tun.

Nun hatte er ihn getan und war vermutlich deshalb gestorben. Sie wusste nicht, was sie glauben sollte. Noch weigerte sie sich anzunehmen, dass er wirklich tot war. Marius konnte sich geirrt haben. Vielleicht aber hatte er tatsächlich wie eine tote Ratte zwischen all dem Unrat und dem Tang, den der Wind im Sommer aus der Lagune in Richtung Inseln drückte, im Canale gelegen, wovon Marius überzeugt zu sein schien. Zwar war Luigi ein Strolch gewesen, ein Kleinkrimineller, der unterschiedslos von jedem nahm, von dem er nur nehmen konnte, der skrupellos und draufgängerisch war, aber ein solches Ende hatte er trotzdem nicht verdient.

Bei dem Gedanken an die im Kanal schwimmende tote Ratte erfasste sie wieder ein Weinkrampf. Was für ein unpassender Vergleich. Plötzlich schämte sie sich dieses Gedankens.

Als sie Stunden später wieder klar denken konnte, begann sich eine Einsicht in ihr festzusetzen: Das Leben würde weitergehen, es hatte keinen Sinn, auf Luigis Rückkehr zu hoffen. Ihre Barschaften waren ein kleines Polster. Sie musste ihr Leben irgendwie weiterführen.

Es ging immer irgendwie weiter.

Als es an ihrer Tür klingelte, erschrak sie heftig. Tausend Gedanken schossen ihr gleichzeitig durch den Kopf, von denen der, Luigis Mörder könnte sich nun auch ihrer bemächtigen wollen, am stärksten war. Sie konnte nicht auf dem Bett liegenbleiben, sondern musste sich verstecken. Aber ihre Neugier, über die Luigi immer gelästert hatte, war mächtiger als ihre Angst. Sie sagte sich, dass sich ein Mörder vermutlich nicht ankündigen würde wie ein Briefbote.

Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür, um durch den Spion zu sehen. Dabei stieß sie mit dem Fuß gegen einen Besen, den sie im Flur hatte stehen lassen und der jetzt polternd umfiel.

Frau Pangini, hörte sie den Mann sagen, der vor der Tür stand und ein kleines Kärtchen dicht an den Spion hielt, das wie eine Kreditkarte aussah. Er sei Commissario Barroso und komme wegen ihrer Vermisstenanzeige.

Ihr Herz machte keinen Hüpfer, weil sie plötzlich Angst bekam, ihre Lügen könnten offenbar geworden sein. Sie fühlte sich zudem außerstande, Details ihrer Aussage zu reproduzieren. Aber sie brannte darauf zu erfahren, ob es möglicherweise doch neue Erkenntnisse oder vielleicht sogar Hoffnung gab. Die Polizei konnte nicht wissen, dass Marius und sie Luigi gefunden hatten. Sie musste nur dabei bleiben, dass sie Luigi vermisste. Schließlich war das keine Lüge; sie vermisste ihn tatsächlich, nur eben auf eine andere Weise. Widersprüche konnte sie auf ihre Aufgeregtheit und Angst um ihren Liebsten zurückführen.

Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, öffnete die Tür einen Spaltbreit und ließ sich den Ausweis geben, den sie ausgiebig studierte. Dann musterte sie den Commissario. Eigentlich sah er ganz nett aus, fand sie, also hatte sie vermutlich nichts zu befürchten. Sie klinkte die Kette aus und ließ den Mann herein.

Der Commissario sah sich ungeniert um. Dann wandte er sich ihr zu und wollte wissen, ob Luigi auch hier wohne. Ihr Instinkt ließ sie die antrainierte Lüge sagen, Luigi habe noch immer eine eigene Wohnung. Das heiße, verbesserte sie sich, als ihr klar wurde, dass das vermutlich nie mehr geschehen würde, er habe mit ihr zusammenziehen wollen. Dann unterbrach sie sich, sah den Commissario unsicher an und fragte ihn, ob sie sich Hoffnung machen könne.

Der Commissario hob die Schultern. Es gebe keine neuen Erkenntnisse. Leider.

Sie war enttäuscht. Was er dann hier wolle?

Er habe einige Fragen.

Ihre Unruhe wuchs. Was konnte es sein, das der Mann von ihr wissen wollte? Sie hatte inzwischen erste Einzelheiten dessen, was sie dem Carabinieri gesagt hatte, vergessen und bezweifelte, dass es ihr gelingen würde, Widersprüche zu vermeiden. Der Mann sah zwar ganz nett aus, dumm war er aber sicher nicht. Er nickte erst einmal nur, wobei sie ein Lächeln andeutete. Eigentlich habe sie schon alles gesagt, was sie wisse, erklärte sie zaghaft.

Sie gingen in die Küche, und Loretta bot Kaffee an, den der Commissario dankbar annahm. Während sie hantierte, bemerkte sie aus den Augenwinkeln, dass er sie musterte. Sofort ahnte sie, dass er nach Anzeichen von Unruhe suchte.

Schließlich begann der Commissario das Gespräch. Er könne leider nichts zum Verbleib von Luigi sagen, sehe aber keinen Anlass zur Besorgnis. Die meisten Vermissten kämen früher oder später mehr oder weniger reumütig zurück. Sie könne davon ausgehen, dass es bei ihrem Freund nicht anders sein werde. Nichts spreche dagegen.

Während er auf sie einredete, musste er bemerkt haben, dass sie ihn misstrauisch ansah, denn nun fragte er immerhin, ob sie oft Streit gehabt hätten, wie lange sie schon ein Paar seien, was Luigi für ein Mensch sei und ob sie eine Vorstellung davon habe, wo er sich derzeit aufhalten könne. Er gab sich durchaus Mühe, aber sie spürte, dass es ihn nicht wirklich interessierte, denn er gab sich mit Allgemeinplätzen zufrieden. Aber das ließ sie immerhin hoffen, dass sie sich nicht verriet.

Schließlich kam er auf den eigentlichen Grund seines Besuchs zu sprechen. Mit wachsendem Erstaunen nahm sie zur Kenntnis, dass sich der Commissario für die Arbeitsabläufe in der Manufaktur interessierte. Auch wenn er betonte, dass nichts gegen sie vorliege, war sie sofort misstrauisch. Traue keinem Bullen, hatte Luigi immer gesagt. Vermutlich hatte er recht damit gehabt, nur mit dem Unterschied, dass Luigi wegen seines Metiers allen Grund zur Vorsicht gehabt hatte.

Mit der gebotenen Zurückhaltung beantwortete sie die ersten Fragen. Erst verstand sie den Zusammenhang nicht, dann aber begriff sie, dass das Interesse des Commissarios Exponate betraf, die aus einer Galerie gestohlen worden waren. Davon hatte sie schon gehört, es war Pausenthema gewesen, als sie mit Gina am Canale degli Angeli ihr Baguette gegessen hatte. Sie konnte nicht glauben, dass alle diese Exponate tatsächlich durch ihre Hände gegangen waren. Sie sagte das auch.

Der Commissario lenkte sofort ein. Es sei wahrscheinlich Zufall, aber er habe nach etlichem Papierkram, den er gelesen habe, den Eindruck gewonnen, sie sei mit der Endkontrolle befasst gewesen. Er wolle auch nur wissen, wie die Prozesse abliefen. Lorettas Frage, warum er sich nicht in der Manufaktur ein Bild mache, ließ ihn einen Augenblick zögern. Das sei ihm zu offiziell, erklärte er schließlich. Er wolle es aus erster Hand und sozusagen inoffiziell erfahren.

Sie erklärte es ihm. Alle Exponate, die einen gewissen Wert hatten, müssten geprüft werden, ob sie in Ordnung waren: Dass die Farbe stimme, der Schliff korrekt sei und keine Einschlüsse oder Haarrisse das Produkt unbrauchbar machten. Mehr sei dazu nicht zu sagen. Ihre Arbeit sei weiß Gott keine intellektuelle Herausforderung.

Der Commissario bedankte sich, leerte seine Tasse und verließ die Küche. Er finde allein hinaus, sagte er und zog die Tür hinter sich zu. Sie hörte seine Schritte auf der knarrenden Treppe noch eine Weile, dann war wieder Ruhe.

Er hatte keine Neuigkeiten über Luigi gehabt, dachte sie enttäuscht. Wahrscheinlich war von der Polizei nichts zu erwarten. Man würde nicht ermitteln, sondern darauf warten, dass sich die Erkenntnisse von selbst einstellten. Wenn sie etwas erfahren wollte, musste sie selbst handeln.

Sie versuchte, Marius zu erreichen, aber er ging nicht an sein Handy. Wahrscheinlich erleichterte er gerade unaufmerksame Touristen um einen Teil ihrer Habe.

Sie sah auf den Rio del Muti hinaus. Das Licht spiegelte sich nicht im Wasser. Es spiegelte sich nie, weil die umgebenden Gebäude zu hoch und zu dicht an den Canale gebaut waren und keinen Sonnenstrahl herunterließen. Die Gedanken begannen sich zu formen und bündelten sich schließlich zu einer Frage.

Dann fasste sie einen Entschluss.

Marius war nicht entgangen, dass Loretta versucht hatte, ihn anzurufen. Aber er wollte jetzt nicht mit ihr reden. Sie würde darüber hinwegkommen, dass Luigi nicht mehr lebte. Der Schleier des Vergessens würde sich darüberlegen, die Erinnerungen würden verblassen und nur einige wenige übrig lassen, Erinnerungen an schöne Tage und wilde Nächte. Sie würde jemand anderen kennenlernen und glücklich sein, mindestens so glücklich wie mit Luigi. Loretta war oberflächlich und ging verschwenderisch mit ihrer Liebe um. Um sie musste er sich keine Gedanken machen.

Als die Dämmerung sein kleines Zimmer erfasste, lag er auf dem Bett und dachte darüber nach, was er tun konnte. Er wollte wissen, weshalb Luigi sterben musste. Und er wollte wissen, wo seine Leiche geblieben war. Er war es seinem Freund schuldig. Das Bild, wie Luigi mit dem Rücken obenauf gelegen hatte, und das Gefühl, wie er die tote Hand gespürt hatte, würde er nicht mehr loswerden. Er musste dem nachgehen.

6

Der Wind, der von der Adria kam, war heftig und wölbte das Meer auf. Gischt spritzte gegen die Pier, und das Wasser begann, über die Ufer zu treten. Wenigstens aber hatte der Regen aufgehört. Die Piazza San Marco lag bereits unter Wasser, und in den angrenzenden Gassen war es nicht anders. In aller Eile hatte man Stege aufgestellt, über die sich ein unablässiger Strom von Passanten ergoss, einander bedrängend und ohne gegenseitige Rücksichtnahme.

Es gab immer mal wieder Hochwasser in Venedig, meist im Winter. Derartige Folgen von heftigen Unwettern waren im Sommer hingegen selten. Gegen die Folgen konnte niemand etwas tun. Das Wasser konnte mit Macht in die Lagune eindringen und die Inseln überfluten, wie es seit Jahrhunderten geschehen war. Die Venezianer hatten sich daran gewöhnt und trugen Gummistiefel oder liefen barfuß.

Als der Wind nach Stunden, die ewig anzudauern schienen, in Richtung Festland abzog, hinterließ er eine Schneise der Verwüstung. Dachziegel lagen in den Gassen, auf der Piazza San Marco waren die Musikerhäuschen weggeweht worden, und die Plastikstühle lagen verteilt, als hätte eine Riese sie achtlos weggeworfen, Scheiben waren eingedrückt und Boote an Land gehoben worden. In Murano war eine Werkhalle zusammengestürzt und hatte drei Arbeiter unter sich begraben. Die Aufräumarbeiten würden andauern, aber die Venezianer waren immer schon guten Mutes gewesen.

Am frühen Morgen machte sich Loretta zur Manufaktur auf. Sie hatte sich schon nach zwei Tagen ohne ihre Arbeit zu langweilen begonnen. Außerdem hatte sie am zweiten Tag schon etwas weniger an Luigi gedacht als am ersten. Erst war ihr das gar nicht aufgefallen, schließlich aber hatte sie es bemerkt und kurzerhand als ein gutes Zeichen genommen. Das Leben ging weiter.

Langsam ging sie zur Haltestelle der Vaporetto. Sie ließ sich Zeit, weil sie es nicht eilig hatte. Fontamenta Nuove war ein Knotenpunkt. Hier trafen sich die Linien nach Murano und Burano, Schiffe gingen nach San Miguel, zum Flughafen und nach San Marco. Hier pulsierte das Leben, und sie tauchte ein, kaum dass sie die Calle Ruzini verlassen hatte und an die Pier getreten war. Sie sog die würzige Luft ein, die in der Lagune schon lange nicht mehr so klar gewesen war. Der Sommer war diesig gewesen und die Wärme hatte seit Wochen wie eine Glocke über der Stadt gelegen. Jetzt aber schien es, als habe der Regen die Luft gewaschen und abgekühlt.

Am Eingang flirtete sie mit Miguel, dem Pförtner. Der Mann, der sich nicht damit abfinden konnte, mehr als die erste Lebenshälfte hinter sich zu haben, mochte das, also tat sie ihm den Gefallen. Seine Frau war vor zwei Jahren nach einer jammervollen Quälerei an Krebs gestorben. Seitdem war er schwermütig und lachte immer seltener. Loretta wusste, dass sie ein ganz kleiner Lichtblick in seinem Leben war. Warum sollte sie ihm nicht das Herz erwärmen. Sie flirtete gern, und Luigi hatte das nicht gestört.

Miguel war eine unerschöpfliche Quelle von Informationen. Er wusste, was in der Manufaktur geschah. Wer Details brauchte, und Loretta brauchte sie wie jede Frau, wandte sich am besten an ihn. Er empfing sie mit der Frage, ob sie schon davon gehört habe.

Sie sah ihn neugierig an. Wovon denn, wollte sie wissen, was solle sie denn gehört haben?

Na, dass die Bullen in der Manufaktur herumkromerten. Offenbar entging es ihm nicht, dass Loretta heftig erschrak. Also wisse sie da was?

Die Neuigkeit erschütterte sie. Gestern erst hatte sie der Commissario auf diese seltsamen Exponate angesprochen und nun durchleuchtete man bereits die Manufaktur. Es war überhaupt keine Frage: Der kleine Commissario hatte sie belogen. Von wegen inoffiziell und aus erster Hand. Sie nickte, schüttelte dann aber heftig den Kopf und besann sich ihres widersprüchlichen Verhaltens, dass sie als Lügnerin entlarven könnte, und sagte ihm, was sie wusste. Wenn die Exponate in der Galerie abhandengekommen seien, seien sie ja wohl hier ordnungsgemäß rausgegangen, schloss sie.

Miguel kniff ein Auge zu. Natürlich, sagte er, natürlich sei das genau so. Die Polizei irre sich, wie sie sich immer irre.

Die Süffisanz seines breiten Lächelns ärgerte sie sofort, weil Miguel die Logik offenbar nicht erkannte. Glaube er am Ende, dass sie etwas damit zu tun habe, fragte sie rundheraus.

Er hob die Schultern. Eigentlich nicht, bekannte aber, ob das allen so gehe, wisse er nicht. Man munkele ja viel in so einem Laden.

Sie munkele ihm gleich eine, gab sie kratzbürstig zurück. Dann wandte sie sich zum Gehen.

Der Tag hatte schlimm begonnen, dachte sie, er konnte nur besser werden. Aber sie sollte sich geirrt haben, denn es kam noch schlimmer. Kaum hatte sie ihr Sommerkleidchen gegen den grauen Arbeitskittel getauscht, der sie so unvorteilhaft kleidete und uniform machte, als ihr mitgeteilt wurde, dass sie zum großen Chef kommen solle. Loretta schwante nichts Gutes.

Der große Chef, der Kaufmann im Unternehmen, war ein ausgesprochen unangenehmer Mensch. Er hatte so gar nichts von dem Charme italienischer Männer, die laut bis zur Poltrigkeit, übertrieben selbstbewusst und eitel, aber vor allem sehr charmant und zuvorkommend waren. Der Chef war alles andere als das und obendrein auch noch klein, dick und hässlich. Er achtete nicht auf sich, trug sein wirres Haar ungebändigt, fasste sich ständig an irgendwelche Körperteile, als prüfe er, ob sie noch da waren, und trug eine ausgesprochen unpassende Garderobe, als lege er es darauf an, der italienischen Männermode den Kampf anzusagen oder sie zumindest geflissentlich zu ignorieren. Man sagte ihm nach, von Glas keinen blassen Schimmer zu haben, dafür aber ein begnadeter Kaufmann zu sein. Da sie die Fähigkeiten eines Menschen für gewöhnlich nach dem Äußeren beurteilte, konnte sie sich das überhaupt nicht vorstellen, aber immerhin war es eine Tatsache, dass er die Manufaktur aus tiefroten Zahlen ...

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