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Giulia Conti

Lago Mortale

Ein Piemont-Krimi

Atlantik

1

Der Lago d’Orta lag spiegelglatt in der Sonne, die zackige Bergkette im Norden des Sees verschwamm im Hitzedunst. Ein Schwan trieb langsam über das Wasser, reglos, wie von unsichtbarer Hand gezogen. In die Stille hinein begann eine Kirchturmglocke zu schlagen, zwölf lange, dunkle Töne, ein kurzer, heller. Halb eins.

Simon trank einen Cappuccino auf seiner Terrasse und sah auf den See hinaus, der in dem hellen Licht glänzte wie Weißblech. Er überlegte, ob er schwimmen gehen sollte. Sein Haus im kleinen Dorf Ronco, wo er seit einigen Jahren lebte, war früher ein Bootshaus aus Naturstein gewesen, das er zu einem großzügigen Wohnhaus ausgebaut hatte, und so waren es nur wenige Schritte ins Wasser.

Auf der Mauer vor ihm kauerten zwei Eidechsen in der Sonne, regungslos, wie winzige Krokodile. Er mochte die blitzschnellen Tiere mit den langen Schwänzen und verharrte unbeweglich auf seinem Stuhl, um sie nicht zu verjagen. Bei den Temperaturen vermied man ohnehin am besten jede Bewegung.

Noch nie hatte Simon eine solche Hitze an seinem See erlebt. Der August war immer sehr heiß, auch wenn man hier noch in Alpennähe war, der gewaltige Monte Rosa in Sichtweite. Aber dieser Sommer war ungewöhnlich. Seit Monaten hatte es nicht geregnet, und es wurde von Tag zu Tag heißer. Si muore di caldo, man stirbt vor Hitze, sagten die Leute im Dorf, die in Wetterdingen eigentlich nicht zimperlich waren, denn wer hier lebte, kannte eiskalte Wintertage, Regenfluten, wilde Stürme, Hochwasser und tropische Temperaturen. Manchmal bauten sich finstere Wolkenberge über den grünen Hügeln rund um den See auf, um jäh wieder zu verschwinden und der Sonne Platz zu machen; ganz plötzlich brachen Stürme aus, prasselten Regenschauer oder Hagel nieder.

Simon schaute über das silbrig glitzernde Wasser nach Süden, wo sich eine kleine, rundum dicht bebaute Insel wie ein Schiff aus dem See erhob. In der Ferne war schemenhaft ein Segelboot zu erkennen, sehr groß und sehr weiß. Es schien stillzustehen, aber Simon war klar, dass das täuschte. Denn das Wasser dort im Süden war dunkler, fast schwarz und leicht gekräuselt, und diese wellige Fläche trieb langsam nach Norden auf Ronco zu. Simon hatte mit den Jahren gelernt, den See zu lesen, und wusste: Das war der Mittagswind. Er kam immer von Süden, trieb die Yacht bestimmt schon vor sich her und würde die Hitze in Kürze auch in Ronco erträglicher machen.

Bald, wenn die Mittagspause vorbei war, würden sich die Seepromenade und die hölzernen Badestege mit Leben füllen. Aus den alten Häusern kämen die Sommergäste – Deutsche, Franzosen und Schweizer, Familien und Paare, ältere Leute und Kinder –, die im August Trubel in das am Ende einer langen Sackgasse gelegene und außerhalb der Saison vollkommen aus der Welt gefallene Dorf brachten. Oben auf dem Parkplatz, wo die Uferstraße endete und alle ihr Auto abstellten, gab es jetzt keine Lücke mehr. Die rund sechzig Einheimischen, die hier das ganze Jahr über lebten, nahmen den Auftrieb mit Gelassenheit, obwohl sie kaum von ihm profitierten. Die meisten der schönen Häuser am Ufer gehörten Ausländern, die nur hin und wieder an den See kamen und ihre Domizile in der übrigen Zeit an Sommertouristen vermieteten.

Simon rückte mit seinem Stuhl ein Stück weiter in den Schatten des Sonnenschirms und trank noch einen Schluck von seinem Cappuccino, das beständige Brummen der Hornissen über sich wie immer ignorierend. Seit Wochen schon schwirrten sie am Dachgiebel seines alten Steinhauses fieberhaft hin und her. Dem regen Flugverkehr nach zu urteilen mussten es Hunderte sein, die sich dort oben in einem Mauerloch eingenistet hatten. Gestern hatte sich eine von ihnen durch ein offenes Fenster in sein Arbeitszimmer im ersten Stock verirrt. Das riesige Tier war ungestüm und laut brummend durch den Raum geflogen, schließlich gegen ein Fenster geknallt, dann benommen über den Holzboden gekrochen. Simon hatte die Hornisse totgetreten und aus dem Fenster in den See geworfen.

Es war nicht nur die Mittagshitze, die ihm zu schaffen machte. Am Abend war er spät ins Bett gegangen, hatte nicht schlafen können. Er hatte sich eine Weile hin und her gewälzt, mit einem Ohr stets darauf lauschend, ob Nicola in dieser Nacht noch nach Hause kam. Die junge Frau war die Tochter seiner früheren Freundin und lebte seit ein paar Monaten bei ihm. Schließlich war er wieder aufgestanden und hatte noch ein Glas Wein getrunken. Jetzt war ihm etwas flau, und wie immer in diesem Zustand meinte er, nicht ausschließen zu können, auf der Stelle sterben zu müssen. Plötzlicher Herztod. Das war eine Obsession von ihm. Dabei war er ein sportlicher Typ und ziemlich gut in Form, nur sein Herz spielte manchmal kurzzeitig verrückt, pochte heftig oder stolperte. Mit seinen vierundfünfzig Jahren war er auch noch nicht wirklich alt, und natürlich fühlte er sich, wie so viele, mindestens zehn Jahre jünger. Eigentlich war er auch nicht sonderlich wehleidig. Wenigstens glaubte er das, auch wenn Luisa, seine italienische Freundin, die er in Frankfurt kennengelernt hatte und die nach wie vor dort lebte, das anders sah. Wenn sie überhaupt noch seine Freundin war, wie er sich im selben Moment fragte.

Jetzt stand er doch kurz entschlossen auf, setzte seine Kappe ab, zog sein Hemd aus und sprang kopfüber ins Wasser. Vielleicht müsste er doch nicht sterben. Jedenfalls würde er nun erst mal seine übliche Strecke kraulen, gute fünfhundert Meter, die er jeden Tag zurücklegte, manchmal noch mehr.

Im ersten Moment war das Wasser noch frisch, aber je länger er schwamm, umso wärmer fühlte es sich an. Und so weich wie das keines anderen Sees, in dem er jemals geschwommen war. Nur an schlechten Tagen wie heute fragte er sich, ob das womöglich den Schwermetallen zu verdanken war, die sich, tief unter ihm, am Grund des Sees befanden, Ablagerungen aus der Zeit, als er eines der sauersten Gewässer der Welt gewesen war. Dafür hatte als Erste eine nah am Ufer gelegene große Kunstseidefabrik gesorgt. Dann folgten die Metallbetriebe, die in der Hügellandschaft rund um den idyllischen See mehr oder weniger versteckt angesiedelt waren, und die nach dem Krieg einen beispiellosen Aufschwung erlebten und über Jahrzehnte hinweg ihr Abwasser in ihn entsorgten. Bis es vor fast dreißig Jahren, lange bevor Simon den Ortasee für sich entdeckt hatte, zu einer spektakulären Rettungsaktion kam. Tonnenweise Kalk wur de herangeschafft und das übersäuerte Wasser damit neutralisiert. Tatsächlich hatte sich der See, in dem Simon nun seine Runde zog, wieder erholt und zählte mit seinem glasklaren Wasser inzwischen zu den saubersten in Italien.

Mit kräftigen Zügen schwamm Simon einen Dreieckskurs von Boje zu Boje. Er war ein Wassermensch – Schwimmer, Segler, Mitglied im Ruderclub am See. Immer schon hatte er viel Sport getrieben. Als Jugendlicher spielte er im Verein Fußball, war Rennrad gefahren, hätte vielleicht sogar eine sportliche Karriere machen können, aber dann hatte der Journalismus ihn gepackt. Schon als Schüler schrieb er gelegentlich Artikel für eine Frankfurter Lokalzeitung, und daraus war schließlich sein Beruf geworden, neben dem für anderes nicht mehr viel Platz war. Bis er vor ein paar Jahren seinen festen Job bei der Zeitung in Frankfurt gekündigt, das Haus in Italien gekauft und sich damit seinen Traum vom Leben am Wasser erfüllt hatte.

Er kraulte zum Haus zurück, stieg die Badeleiter hoch, griff sich ein Handtuch und rubbelte damit über seinen noch vollen, rotblonden Haarschopf. Die Brise aus dem Süden war am Haus angekommen und kühlte seinen tropfnassen Körper. Es ging ihm jetzt viel besser. Das Schwimmen hatte ihn hungrig gemacht, und er überlegte, was er sich zu essen machen könnte. Im Kühlschrank gab es noch ein paar mit Ricotta und Spinat gefüllte Ravioli aus dem schlichten Pastageschäft in Omegna, dem Industriestädtchen an der Nordspitze des Sees. Beim Einkaufen dort konnte man zusehen, wie die Nudeln mit großen Maschinen hergestellt wurden, um sie dann für einen Spottpreis zu erwerben. Mit ein bisschen Butter und Salbei würde das eine schmackhafte Mahlzeit ergeben.

Als Simon das Handtuch über die Terrassenbrüstung zum Trocknen hängte, ging sein Blick noch einmal über den See. In der Mitte, vielleicht fünfhundert Meter entfernt, zog jetzt ein großes Segelboot vorbei. Es musste das sein, das er kurz zuvor noch bei der Insel gesehen hatte. Der Südwind hatte die weiße Yacht hoch nach Norden getrieben, und sie war nun auf der Höhe von Ronco angelangt. Ein stattliches Großsegel, eine weit aufgeblähte Fock. Das schlanke, wohl fast zehn Meter lange Boot machte vor der Brise stetig Fahrt. Simon meinte, auf dem Großsegel den Schriftzug Dynamic 24.5 zu erkennen, ein wunderschönes, schnelles Boot eines italienischen Herstellers, das er selbst gerne besessen hätte. Aber irgendetwas stimmte nicht. Es war niemand zu sehen, der die Yacht steuerte. Sie war leer.

Die Pasta konnte noch einen Moment warten. Simon holte sein uraltes Fernglas, ein Erbstück seines Vaters, das auf dem See mit seinen überschaubaren Ausmaßen – dreizehn Kilometer lang und maximal zweieinhalb Kilometer breit – noch einigermaßen seinen Dienst tat, und nahm das Boot ins Visier. Es war tatsächlich eine Dynamic, und es musste das Firmenschiff von Zanetti sein.

Der weltweit erfolgreiche Hersteller und Designer von Haushaltswaren war in Omegna zu Hause, und die Zanetti-Yacht war in Seglerkreisen ein großer Name. In wenigen Tagen, an Ferragosto, dem Höhepunkt des italienischen Sommers, würde sie wahrscheinlich wieder einen Sieg einfahren. Dann startete am Lago d’Orta die Sommerregatta, der Cusio Cup, an dem sich die bedeutenden Industriebetriebe der Region immer werbewirksam, aber auch getrieben von sportlichem Ehrgeiz mit ihren firmeneigenen Schiffen beteiligten.

In den letzten Jahren ging es dabei etwas bescheidener zu, und die Zahl der Teilnehmer war geschrumpft. Denn die satten Zeiten der Metallindustrie in der Region waren vorbei. La crisi, die italienische Wirtschaftskrise, gepaart mit der Konkurrenz aus Fernost, hatte sie ins Mark getroffen, und viele Firmen, erst kleine Familienbetriebe, dann auch solche mit großen Namen, hatten dem nicht standgehalten.

Zanetti schien allerdings unangefochten, auch Alessi florierte, und Lagostina schmiedete ebenfalls in Omegna weiter seine Töpfe und Pfannen, aber der Hersteller eines der italienischsten aller italienischen Produkte, Bialetti, hatte die Produktion dort aufgegeben. Seine Moka, die achteckige Espressokanne, blubberte zwar nach wie vor in vielen Haushalten auf dem Herd, wurde inzwischen jedoch in Rumänien produziert. Vor ein paar Monaten war Simon auf dem Begräbnis von Renato Bialetti gewesen. Der mit über neunzig Jahren Verstorbene hatte die Kanne in der Nachkriegszeit mit geschicktem Marketing zu einem Welterfolg gemacht, und in einer Moka als Urne war der alte Herr auf seinen Wunsch auch beigesetzt worden. Die aufgegebene Fabrik in Omegna stand nun schon seit einiger Zeit leer, und mit dem großen Firmennamen war auch die Bialetti-Yacht vom Lago d’Orta verschwunden.

Das war so eine Geschichte, wie sie die deutschen Redaktionen, für die Simon noch immer hin und wieder als freier Journalist arbeitete, gerne nahmen. Bis zu seinem plötzlichen Ausstieg war er Polizei- und Gerichtsreporter bei den Frankfurter Nachrichten gewesen. Aber er hatte ein paar Wirtschaftskenntnisse, Überreste einiger lange zurückliegender betriebswirtschaftlicher Semester, und auf die griff er in seiner neuen Heimat zurück, verlegte sich auf sporadische Berichterstattung aus der italienischen Handelswelt. Die Bialetti-Geschichte hatte er mit einigen Hintergrundinformationen angereichert und an verschiedene Zeitungen geschickt, aber nur sein Stammblatt, der Schotter, ein monatlich erscheinendes unkonventionelles Wirtschaftsmagazin, das ehemalige Kollegen von ihm vor einiger Zeit mit überraschend großem Erfolg lanciert hatten, druckte seinen Text vollständig ab. Die übrigen Publikationen hatten sich auf die Anekdote beschränkt und sie kurz und knapp in der Rubrik Vermischtes gebracht. Was ihn erstaunlich kaltließ. Simon war ohnehin nicht so schnell in Rage zu bringen, aber wenn man früher bei den Frankfurter Nachrichten seine Reportagen gekürzt hatte, war er doch manchmal aus der Haut gefahren. Er konnte sich das leisten, weil er ein renommierter Journalist war. Seine Wirtschaftstexte hingegen überließ er ziemlich ungerührt ihrem redaktionellen Schicksal. Meistens las er sie sogar nicht einmal, wenn sie erschienen waren. Sie waren ein Job, den er mit professioneller Routine, aber leidenschaftslos erledigte.

2

Simon ließ das Segelboot nicht aus den Augen. Da war etwas im Heck, aber er konnte nicht erkennen, was es war, auch dann nicht, als er versuchte, das alte Fernglas schärfer zu stellen. Die Dynamic hielt weiter Kurs nach Norden, auf Omegna zu. Dann durchbrach ein Hupen die Mittagsstille. Dreimal hintereinander und sehr laut. Simon setzte den Fernstecher ab. Es hupte wieder, noch drängender als zuvor.

Erst jetzt sah Simon, dass die alte Azalea, eines der drei Verkehrsschiffe, die den Sommer über regelmäßig auf dem Lago d’Orta verkehrten, der Dynamic entgegen und gefährlich nahe kam. Die allerdings machte keine Anstalten, dem vorfahrtberechtigten Passagierschiff auszuweichen. Einen Moment sah es so aus, als ob auch der Kapitän der Azalea entschlossen war, seinen Kurs zu halten, aber dann drehte er entgegen den seemännischen Verkehrsregeln mit einem abrupten Manöver ab und ließ das Segelboot passieren.

Der ungewohnte Lärm hatte ein paar neugierige Sommergäste aus ihrer Siesta aufgeschreckt und an das Seeufer gelockt, und auch der Holzsteg war mittlerweile von einem Paar belegt, das sich auf Handtüchern in der Sonne ausgestreckt hatte und offenbar durch nichts vom Bräunungsvorgang abzulenken war.

Simon beobachtete weiter mit bloßem Auge das Geschehen auf dem See. Die Azalea war wieder auf Kurs gegangen und steuerte jetzt den Anlegesteg in Ronco an. Mit dem ruhigen Lauf der Dynamic war es allerdings vorbei. Von der Heckwelle der Azalea erfasst, stand sie kurz mit flatternden Segeln im Wind, bis der Baum auf die andere Seite schlug und sie heftig ins Torkeln geriet. Für einen Augenblick glaubte Simon, dass sie kentern würde, obwohl er wusste, dass sie ein Kielboot war, das nicht kentern konnte.

Es hielt ihn nicht länger auf seiner Terrasse. Er musste wissen, was da los war. War das Segelschiff wirklich führungslos unterwegs und deshalb der Azalea nicht ausgewichen? Nur so konnte er es sich erklären. Mit seinem Kajak, das an dem kleinen Strand neben seinem Haus lag, wäre er in wenigen Minuten bei der Zanetti-Yacht.

Einen Moment später paddelte er mit dem schlanken Boot los. Der Wind hatte schlagartig nachgelassen, und Simon war schnell, aber je näher er der Yacht kam, desto langsamer wurde sein Schlagrhythmus. Die Dynamic lag nur noch leicht schaukelnd auf dem Wasser, ganz sacht schlugen die Segel am Mast hin und her. Noch immer war niemand an Deck zu sehen, auch sonst lag der See wie ausgestorben in der Mittagshitze, nirgendwo ein Schiff, außer der Azalea, die schon tief im Süden auf der Höhe der Insel angelangt war. Schwimmer wagten sich ohnehin selten so weit hinaus auf den See.

»C’è nessuno? Serve aiuto?« Simon bekam keine Antwort auf seine Rufe. Es schien niemand da zu sein, der Hilfe benötigte. Das Boot war offenbar tatsächlich leer. Aber konnte er sich da sicher sein? Simon war kein ängstlicher Typ, aber das scheinbar führungslose Boot war ihm doch ein wenig unheimlich. Vorsichtig paddelte er noch etwas näher heran.

»Hallo, ist da jemand?«, wiederholte er seine Frage.

Es tat einen lauten Knall. Für einen Moment hatte der Wind aufgefrischt, eine Bö war in die Segel gefahren, und der Baum mit dem Großsegel mit Wucht wieder auf die andere Seite geschlagen. Simon paddelte jetzt nicht mehr, ließ das Kajak gemächlich auf die Yacht zutreiben, zögerte. Sollte er sie wirklich betreten? Was ging ihn das überhaupt an? In was mischte er sich da ein? Wie immer siegte seine Neugier.

Er machte noch ein paar leichte Schläge mit dem Paddel, dann hatte er das Segelboot erreicht und legte vorsichtig seitlich an. Es knirschte und rumorte. War da doch jemand auf dem Boot, der ihm nur nicht antwortete? Simon spitzte die Ohren und wanderte mit den Augen an der Bordwand entlang. Nichts zu sehen. Er riss sich zusammen; so leicht verlor er üblicherweise nicht die Nerven, und als Segler waren ihm die Geräusche der Wanten und Schoten doch eigentlich vertraut. Er gab sich einen Ruck, vertäute sein Kajak an der Reling und schwang sich auf die Yacht.

Der erste Schritt brachte ihn zu Fall. Er war auf dem feuchten Deck ausgerutscht, fiel der Länge nach hin und stieß sich dabei heftig den Knöchel. Einen Moment blieb er liegen, benommen von dem Sturz, dann rappelte er sich schnell wieder auf. Er musste die Situation im Griff behalten. Sein Fuß tat weh, und er rieb sich den Knöchel. Blut. Seine Finger waren blutverschmiert. Das konnte nicht sein Blut sein. So heftig war der Stoß nicht gewesen. Aber woher kam es dann? Simon blickte nach unten. Er war nicht auf nassem Boden, sondern in einer Blutlache ausgerutscht.

Sein Blick ging wieder hoch und ins Heck des Bootes. Nicht weit von ihm entfernt lehnte dort seitlich an der Bordwand eine Gestalt, der Kopf auf die Brust gesunken. Ein Mann. Hatte er sich gerade bewegt? Einen Augenblick lang fürchtete Simon, er würde sich gleich aufrichten und auf ihn losgehen, oder ein Angreifer, der diesen Mann niedergeschlagen hatte, könnte auftauchen. Simon blieb regungslos, dabei jedoch sprungbereit wie eine Katze. Er hatte gelernt, sich in gefährlichen Situationen zuallererst defensiv zu verhalten, Ruhe zu bewahren und sich einen Überblick zu verschaffen. Noch traute er der Situation nicht, aber hier brauchte jemand Hilfe, das war klar.

Er sah genauer hin. Der Mann war tief in das Bootsheck hineingerutscht, lag dort in sich zusammengesunken, wie tot. Konnte das einer der Zanettis sein? Das Gesicht war nicht zu erkennen. Vielleicht war er ohnmächtig. Die Yacht war hier an Deck nicht besonders groß, mit einem schnellen Schritt war Simon bei dem Mann. Nun sah er auch, dass die Pinne an dessen Knie hängen geblieben war. Das war der Grund, warum das Boot Kurs gehalten hatte, bis es fast mit der Azalea zusammengestoßen war.

Simons Herz schlug wieder langsamer. Er kannte das. Wenn es wirklich brenzlig wurde, überkam ihn eine eigenartige Ruhe. Jetzt sah er auch die klaffende Wunde seitlich am Kopf, aus der das Blut geflossen war. Auch am Baum und am Segel gab es Blutspuren.

War das ein Segelunfall? Womöglich war der Baum gegen den Kopf des Mannes geschlagen. So konnte es gewesen sein, dachte Simon. Wenn es viel Wind gab, man eine Halse fuhr und den Baum nicht unter Kontrolle hatte, konnte das durchaus passieren. Auch ein Freund von Simon war auf diese Weise bei einem Sturm auf dem Chiemsee umgekommen.

Innerhalb von Sekunden registrierten Simons scharfe, adrenalingetränkte Sinne jetzt jedes Detail. Der Mann im Heck war braun gebrannt und athletisch, sein Outfit sportlich und teuer, das Logo der Edelmarke unter dem Blut auf seinem Hemd noch zu erkennen. Um die dreißig Jahre mochte er alt sein, schätzte Simon, während er neben ihm in die Hocke ging. Das alles passte auf die beiden Zanetti-Söhne. Er legte vorsichtig zwei Finger an den Hals des Mannes und suchte seinen Puls. Nichts. Dann hob er dessen Kopf an und sah ihm ins Gesicht. Es war Marco. Marco Zanetti. Seine Augen standen weit offen. Er war tot. Simon hatte in seinem Reporterleben schon viele Leichen gesehen, und sein Blick dafür war untrüglich. Ohne lange zu zögern, griff er zu seinem Handy und alarmierte die Carabinieri.

 

Es dauerte nur wenige Minuten, bis sich das Schnellboot der Polizei in hohem Tempo von Norden her näherte, aber Simon kam es vor wie eine Ewigkeit. Noch nie hatte er eine so lange Zeit auf so engem Raum mit einer Leiche verbracht. Noch dazu mit einem Toten, den er kannte. Nicht sehr gut, jedoch so gut, dass ihn sein Tod sehr berührte. Beim Warten schweifte sein Blick auf der Yacht umher. Sie war in perfektem Zustand, alles penibel aufgeräumt. An der seitlichen Bordwand war eine rote Segeltasche fixiert, eine von diesen praktischen knallbunten und wasserfesten, die auch Simon benutzte. Sie stand offen, und eine schlanke, elegante Thermoskanne lugte heraus, ohne Zweifel eines der edlen Zanetti-Produkte. Darunter, nicht weit von der Leiche entfernt, lag eine Sonnenbrille, auch ein teuer aussehendes Modell mit breiten Bügeln, in die mit Gold die Initialen M.Z. eingraviert waren. Sie musste Marco von der Nase gerutscht sein, als ihn der Baum getroffen hatte oder was immer auf diesem Boot passiert war.

Simon überlegte, wann er dem jungen Mann aus der Fabrikantenfamilie zuletzt begegnet war. Sie liefen sich einige Male im Segelclub von Omegna über den Weg, und Marco war ihm sympathisch gewesen. Er war ein Star im Club, hatte in den letzten Jahren fast alle wichtigen Regatten gewonnen. Auch Simon segelte gelegentlich mit seinem Freund Tommaso bei kleinen Regatten des Clubs mit, immer ohne den Hauch einer Siegeschance. Nach einer der Wettfahrten, die Marco wie stets gewann, hatte Simon mit ihm ein Bier in der Bar des Clubs getrunken, sie hatten ein paar Worte miteinander gewechselt, wahrscheinlich war es ums Segeln und um ihre Boote gegangen, aber näher gekommen waren sie sich nicht.

 

Das Polizeiboot war nun nicht mehr weit entfernt. Die Carabinieri waren zu dritt an Deck, trotz der Hitze alle drei sehr korrekt und schnittig in Uniform und mit Sonnenbrille auf der Nase. Erst knapp vor dem Segelboot nahm der Polizist, der das Boot steuerte, das Gas zurück; mit einer eleganten Kurve und mächtiger Heckwelle näherten sie sich der Dynamic und legten mit tuckerndem Motor auf Simons Seite an.

»Sie haben uns gerufen?«

»Ja, hier im Boot liegt ein toter Mann. Ich kenne ihn, und Sie werden ihn sicher auch kennen. Es ist Marco Zanetti.«

»Ist das Ihr Kajak? Kommen Sie bitte rüber auf unser Boot.«

Es war eine freundliche, aber bestimmte Aufforderung an ihn, den potentiellen Tatort zu verlassen. Wahrscheinlich wollten die Carabinieri ihn schnell loswerden. Das kannte Simon, und er würde sich dem nicht widersetzen. Aber er würde Mittel und Wege finden, trotzdem an der Sache dranzubleiben, dachte er. Wie immer.

Simon wechselte behände über die Reling auf das Polizeiboot und wurde dort von einem Carabiniere mit einer strengen Geste empfangen, fast so, als würde er in Gewahrsam genommen. Womöglich verdächtigten sie ihn, kam ihm jetzt in den Sinn. Dann würden sie ihn wohl doch nicht so schnell loswerden wollen.

Einer der Polizisten hatte inzwischen seine Uniformjacke ausgezogen, ging an Bord der Yacht, verschaffte sich einen Überblick, ließ dann schnell und routiniert die Segel herunter.

»Es stimmt, der Mann ist tot. Es ist Marco Zanetti«, rief er seinen Kollegen zu. »Wir nehmen das Schiff ins Schlepptau.«

Der Carabiniere am Steuer des Polizeibootes warf dem Mann auf der Yacht ein Tau zu, das der sofort fachmännisch am Bug des Segelschiffs befestigte. Dann sprang er mit einem sportlichen Satz zurück auf das Polizeiboot.

»Ihr Kajak schleppen wir mit ab«, wandte er sich an Simon. »Sie kommen mit uns aufs Revier.«

3

Simon wartete jetzt schon eine Stunde auf dem Revier von Omegna. Er hatte Hunger und er war erschöpft. Sein Hemd war verschwitzt, seine Sneaker waren noch immer voller Blut. Nur seine Hände hatte er in einem schäbigen kleinen Badezimmer waschen können. Die Carabinieri ließen sich Zeit. Was wollten sie von ihm? Sollte das eine Zeugenbefragung werden, oder verdächtigten sie ihn, mit dem Tod von Marco Zanetti etwas zu tun haben? Simon starrte entnervt an die Wand des Wartezimmers.

Das Augustblatt des Polizeikalenders, der dort hing, zeigte eine tief dekolletierte Gina Lollobrigida und einen lächelnden Vittorio de Sica in Polizeiuniform. Auf diese Kalender war Simon zum ersten Mal vor vielen Jahren in Süditalien gestoßen, als jemand sein Auto aufgebrochen und er das angezeigt hatte. Damals hatte er eine Ewigkeit in einem augustheißen Wartezimmer auf dem Revier gesessen, bis endlich ein junger Polizist seinen Fall, mit einem Finger in eine altertümliche Schreibmaschine tippend, aufnahm. Auch an der Wand dieses Reviers hatte so ein Kalender gehangen. Der war damals allerdings sehr viel martialischer gewesen. Offenbar hatte sich da etwas verändert, und es war ein schöner Gedanke, fand Simon, dass heutzutage auch die Polizei Augen für die Schönheiten des Kinos hatte.

Endlich ging die Tür zum Wartezimmer auf, und der Carabiniere, der das Polizeiboot gelenkt hatte, rief Simon zu sich. Nachdem sie in Omegna angekommen waren, war er alleine mit ihm den kurzen Weg hoch zu dem hinter dem Marktplatz gelegenen Revier gegangen, während seine Kollegen im Hafen bei der Dynamic geblieben waren. Auf der Fahrt mit der Yacht im Schlepptau hatten die jungen Männer nicht mehr mit ihm gesprochen, und unterwegs mit dem Carabiniere zum Revier schien es Simon, als ob nicht viel dazu fehlte, dass er ihm Handschellen anlegte.

Jetzt nahm er seine Personalien auf, nicht umständlich wie damals in Süditalien, sondern schnell und routiniert. »Ihr Vorname, Signor Strasser, ist Simon oder Simone?«

»Simon.« Zu weiteren Erläuterungen sah er gegenüber diesem Carabiniere keinen Anlass. Seine Eltern hatten ihn Simon getauft, aber seine italienische Mutter hatte ihn immer Simone gerufen, was ihm als kleiner Junge peinlich gewesen war, weil der italienische Männername ihn in Deutschland zu einem Mädchen machte und er deshalb den Spott seiner Altersgenossen hatte ertragen müssen. Das saß tief, und bis heute legte er daher Wert darauf, Simon genannt zu werden, auch wenn er nun in Italien lebte.

»Und Sie haben also die deutsche und die italienische Staatsangehörigkeit?«, fragte der Carabiniere in einem Ton, als ob allein schon diese Tatsache etwas Anrüchiges hatte.

»Ja, meine Mutter war Italienerin, mein Vater Deutscher. Ich bin aber in Frankfurt aufgewachsen.« Wie immer, wenn seine halbitalienische Herkunft zum Thema wurde, meinte Simon, sich sofort für sein nicht ganz perfektes Italienisch entschuldigen zu müssen. Er war nicht zweisprachig aufgewachsen, hatte sich erst spät auf seine italienischen Wurzeln besonnen und die Sprache dann als Erwachsener gelernt. Seine Mutter, die sich das Deutsche erstaunlich schnell angeeignet hatte, hatte zwar aus Simon Simone gemacht, aber sonst fast nie mit ihm und seinem Bruder Italienisch gesprochen, außer wenn sie wütend war oder ihnen Kinderlieder vorsang. Simon warf ihr das später vor, obwohl er wusste, dass das ignorant war. Ihr Versäumnis war dem angestrengten Bemühen geschuldet, sich in ihrer neuen deutschen Heimat kulturell vollkommen einzufügen, und wenn ihr selbst das schon nicht wirklich gelang, wollte sie zumindest ihren Söhnen diese Chance geben.

Es war Anfang der sechziger Jahre gewesen, Wirtschaftswunderzeit, als seine Eltern sich begegnet waren. In Rimini. Ausgerechnet, sagte Simon immer, wenn es um dieses Ereignis ging. Seinen Vater hatte das Südweh über die Alpen getrieben, auf einem alten Motorrad, mit dem er gerade so über den Brennerpass und bis an die Adria gekommen war. Tatsächlich fand er im Sehnsuchtsort der Deutschen die erträumte Francesca, und sie war ihm nach Frankfurt gefolgt. Es gab ein Foto seiner Eltern am Strand von Rimini, das Simon in einer Schublade in seinem Haus in Ronco aufbewahrte. Seine schöne Mutter im quietschgelben Strandkleid, braun gebrannt, sein damals schon etwas dicklicher Vater in kurzen Hosen und mit Strohhut, natürlich ein gelato in der Hand, beide strahlend. Viel war von diesem Glück in Germania nicht geblieben, seine Mutter fühlte sich dort nie ganz heimisch. Sein Vater hatte es im Nachkriegsdeutschland zu etwas gebracht. Zwei Söhne hatten Simons Eltern in die Welt gesetzt, aber es schwer miteinander gehabt, und beide waren früh gestorben. Hinterlassen hatten sie ihnen ein stattliches Erbe, Simon aber vor allem die alte Sehnsucht nach Italien und die ewige Zerrissenheit.

Der Carabiniere sah von seinem Computer auf und blickte ihn an. Undurchdringlich, hätte Simon gesagt, wenn ihm diese Beschreibung nicht so abgegriffen vorgekommen wäre. »Sie waren also mit Marco Zanetti zusammen auf dem Boot?«

»Nein, natürlich nicht. Er war alleine. Ich habe das Boot von meiner Terrasse in Ronco aus beobachtet und bin dann mit meinem Kajak dahin gepaddelt, um zu sehen, was da los ist. Die Yacht ist ja vorher fast mit der Azalea zusammengestoßen. Sie sollten den Kapitän dazu befragen.«

»Wir entscheiden selbst, wen wir befragen, dazu brauchen wir Ihre Ratschläge nicht, Signor Strasser. Sie behaupten also, Sie haben das Segelboot von Ihrem Haus aus beobachtet, sind dann dorthin gefahren, haben den toten Zanetti an Bord entdeckt und uns dann alarmiert? Sie haben viel Blut an Ihren Schuhen. Kann es nicht doch sein, dass Sie mit ihm auf dem Boot waren und dass Sie mit ihm gestritten haben? Dabei ist es dann zu Handgreiflichkeiten gekommen, und Sie haben ihm einen tödlichen Schlag versetzt.«

»Nein.« Auch Simons Ton war nun scharf. »Wie ich Ihnen bereits gesagt habe: Ich habe Marco Zanetti tot auf seiner Yacht gefunden. Sie haben ja mit eigenen Augen gesehen, dass ich mit meinem Kajak da war. Ich weiß natürlich nicht, was auf dem Boot passiert ist. Vielleicht war es einfach nur ein Segelunfall, der Baum hat ihn am Kopf erwischt …«

»Sie müssen uns nicht auf die Sprünge helfen, Signor Strasser. Wir finden schon selbst heraus, was auf dem Boot passiert ist.«

In diesem Moment ging die Tür auf, und Maresciallo Carla Moretti kam herein.

»Buongiorno, Simone.« Die Polizistin ging schwungvoll auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. »Tutto a posto?«

Simon war sofort aufgestanden und Carla, die auch in ihrer eng geschnittenen dunklen Uniformhose und in hellblauem Polizeihemd bella figura machte, entgegengegangen. Der Carabiniere, der das Protokoll aufnahm, blickte von seinem Schreibtisch aus erstaunt zwischen seiner Vorgesetzten und Simon hin und her.

»Ich habe schon gehört«, sagte Carla Moretti lächelnd mit ihrer sehr tiefen Stimme. »Sie waren mal wieder vor uns am Tatort. Immer mit der Spürnase vorneweg. Sie haben sich also kein bisschen verändert.«

Simon und Carla waren alte Bekannte. Sie hatten sich vor zwei Jahren kennengelernt, als Simon sich mehr oder weniger zufällig in den Fall eines ertrunkenen Arztes hatte verwickeln lassen, ein Unglück, das sich als Mord entpuppte und an dessen Aufklärung er mitgewirkt hatte.

Carla Moretti war noch schmaler geworden, seit Simon sie zum letzten Mal gesehen hatte. Sie war vielleicht Mitte dreißig, schätzte er, hatte tiefschwarzes, sehr kurzes Haar, eine Stupsnase, grüne Augen und eine außergewöhnlich hohe Stirn, die sie nicht unbedingt schöner, ihr Gesicht aber erst wirklich interessant machte. Früher hätte man eine Frau wie sie apart genannt, dachte er. Sie gehörte zu den Italienern, die ihn stets mit »Simone« ansprachen, ob bewusst oder aus Unwissenheit, wusste er nicht, aber bei ihr gefiel ihm das, er las es als Zeichen der Akzeptanz und Vertrautheit.

»Hat Franco Sie auf frischer Tat ertappt, Simone?«, fragte Carla sichtlich amüsiert. Sie schien ihre Leute gut zu kennen. Dann wandte sie sich an den Carabiniere, der sich jetzt förmlich hinter seinem Computer zu verstecken schien. »Senta Franco, Signor Strasser ist Journalist, er war früher Polizeireporter bei einer großen deutschen Zeitung, eine echte Spürnase. Eigentlich müssten Sie sich an ihn erinnern. Er hat uns schon vor zwei Jahren bei der Aufklärung eines Falls auf die Sprünge geholfen, als es um diesen Arzt ging, der in Pettenasco ermordet worden ist.«

Auf die Sprünge geholfen – Simon freute sich insgeheim, dass Carla Moretti die gleiche Redensart wählte, die der Carabiniere zuvor benutzt hatte, um ihn in die Schranken zu weisen.

Die Polizistin nahm eine Notiz aus ihrer Hosentasche und wurde ernst. So kannte Simon sie, als eine Frau, die stets ohne Umschweife zur Sache kam. »Sie waren also Zeuge dieses Vorfalls auf dem See, Simone, und haben Marco Zanetti auf seiner Yacht gefunden. Der Kollege hier hat Sie ja sicher schon dazu befragt. Ist Ihnen denn etwas auf dem Boot aufgefallen, bevor Sie uns gerufen haben?«

»Ihr Kollege war mehr damit beschäftigt, mich als Mörder zu überführen.« Simon warf Franco nun ebenfalls ein Lächeln zu. »Aber um Ihre Frage zu beantworten: Nein, mir ist nichts aufgefallen. Ich war auf meiner Terrasse in Ronco und habe das Ganze erst mal von da aus beobachtet. Das sah aus wie eine Geisterfahrt. Ich wollte wissen, was da los ist, bin mit dem Kajak zur Yacht gepaddelt und habe Marco tot aufgefunden. Da ist mir allerdings auch nichts aufgefallen. Jedenfalls nichts, was Sie und Ihre Leute und die Spurensicherung nicht auch sehen werden.«

»Dann lassen wir die Spurensicherung erst mal ihre Arbeit machen«, sagte Carla. »Ich werde jetzt der Familie die traurige Nachricht überbringen. Und Sie, Simone, fahren nach Hause. Ich glaube, auch der Carabiniere ist damit einverstanden.« Carla schenkte dem Kollegen hinter dem Computer noch ein ironisches Lächeln, dann wandte sie sich erneut an Simon: »Ich melde mich morgen wieder bei Ihnen, Simone. Vielleicht fällt Ihnen ja doch noch etwas ein, was Sie bemerkt haben. Wie kommen Sie denn zurück nach Ronco?«

»Das Kajak des Signore liegt unten am Hafen«, kam ihm Franco zuvor. »Ich kann ihn ja mit dem Streifenwagen dorthin bringen.«

Das soll wohl eine Entschuldigung sein, dachte Simon. »Danke, nein, ich finde den Weg schon alleine.«

 

Die Zanetti-Yacht war am Hafen nicht mehr zu sehen, wahrscheinlich war sie von der Spurensicherung weggebracht worden. Aber Simons Kajak lag ruhig im Wasser, dort, wo es die Carabinieri vor rund zwei Stunden an der Hafenmauer festgebunden hatten. Er machte das Boot los. Gut sieben Kilometer waren es bis Ronco, und eigentlich hatte er keine Lust auf diese lange Fahrt, hungrig und erschöpft, wie er war.

Missgestimmt paddelte er los, aber dann tat es ihm doch gut, stimmte ihn gelassener und entspannter. Er fuhr direkt am Ufer entlang, zunächst noch mit unregelmäßigen Schlägen, dann wurde sein Takt ruhiger und gleichmäßiger. Er mochte die Geräusche, das helle Glucksen, wenn er das Paddel eintauchte, das Rauschen des Kajaks im Wasser. Mit winzigen Bewegungen konnte er es lenken und genoss es, die Verbindung von Körper und Boot zu spüren.

In Ronco ließ er das Kajak auf den Strand gleiten. Es ging ihm jetzt besser, aber er musste dringend etwas essen. Auch wenn ihn der Tod von Marco berührte, war ihm der Leichenfund nicht auf den Magen geschlagen. Simon war nicht abgebrüht, aber er hatte seine Gefühle im Griff. Natürlich war es etwas anderes, wenn man am Tatort auf einen Toten traf, den man kannte. War es denn überhaupt ein Tatort? Was war da passiert? Es hatte doch alles nach einem Segelunfall ausgesehen. Aber Simons Instinkt sagte ihm, dass irgendetwas nicht stimmte.

Er würde sich nun erst mal seiner Pasta widmen. Der Gedanke an das Geschehen auf dem See ließ ihn allerdings für den Rest des Tages nicht los.

4

Am nächsten Morgen wachte Simon schon um sechs Uhr auf. Die Stunden im ersten Tageslicht waren in diesem heißen August die schönsten. Das Dorf schlief noch, und die über den Hügeln der anderen Seeseite aufgehende Sonne überzog Ronco mit einem rosafarbenen Schimmer. Ein leichter Windzug ging über den See und bewegte ihn sanft; die Wellenkämme blinkten silbern. Simon war schon im Wasser gewesen und saß nun fast ein wenig fröstelnd auf der Terrasse in der noch angenehm kühlen Morgenluft.

Er sah auf den See hinaus und dachte an Marco Zanetti. Sein Tod ließ ihn nicht los. Schon als er aufgewacht war, waren ihm die Szenen vom Vortag wieder vor Augen gekommen, die führungslose Yacht, der blutüberströmte Tote im Heck. Was war da passiert? Er würde versuchen, im Lauf des Tages mehr zu erfahren. Bestimmt würde auch Carla Moretti sich melden und ihm mehr über das Geschehen auf dem See berichten. Jedenfalls würde er nichts überstürzen, auch wenn sein Wissensdrang noch so groß war.

Gelassenheit war schon immer sein größter Trumpf gewesen. Natürlich war in seinem alten Job als Polizeireporter Geschwindigkeit ein wichtiger Faktor, es war entscheidend gewesen, wer von den Kollegen die Nase vorn hatte, als Erster am Tatort war, zuerst an eine entscheidende Information herankam. Auch Simon war immer schnell gewesen, und wenn er einmal eine Fährte aufgenommen hatte, war er davon nicht mehr abzubringen. Aber er hatte gelernt, Ruhe zu bewahren und geduldig zu sein, und er wusste, dass er damit letztlich am ehesten an sein Ziel kam.

Im Dorf war es noch ganz still; auch die Hornissen schienen noch nicht zur Arbeit angetreten zu sein. Das war ein Gedanke wider besseres Wissen, denn Simon, der sich gefragt hatte, wie er das Nest über seiner Terrasse loswerden könnte, hatte sich vor einiger Zeit im Internet über diese Insekten kundig gemacht. Hornissen schliefen nicht, nur manchmal verharrte auf einmal der gesamte Schwarm für kurze Zeit unbewegt. Vielleicht war das gerade der Fall. Es waren eigentlich friedliche Tiere, hatte er bei seiner Recherche gelernt, die einem nichts taten, wenn man ihre Kreise nicht störte.

Dennoch hatten die meisten Leute im Dorf Angst vor den calabroni, genauso wie vor den harmlosen Schlangen, die an manchen Tagen im See unterwegs waren, aussahen wie große Regenwürmer und ihre kleinen Köpfe aus dem Wasser reckten wie Brustschwimmer. Simon belächelte die Furchtsamkeit seiner Nachbarn etwas, aber er musste zugeben, dass die schiere Größe der Hornissen einen tatsächlich erschrecken konnte, und als er das Insekt in seinem Arbeitszimmer tottrat, hatte er das gewissermaßen im Affekt getan. Er nippte an seinem Cappuccino und biss in eine Brioche vom Vortag. Anders als Wespen hatten Hornissen keinen Appetit auf Marmelade und Schinken und ließen ihn in Ruhe frühstücken.

Nicola schlief noch oben in ihrem Zimmer. Über lange Zeit war die junge Frau nicht Teil seines Lebens gewesen, aber dennoch war sie wie eine Tochter für ihn, und umgekehrt war auch er ein Vater für sie. Einen anderen hatte sie nicht, denn ihr leiblicher schlich sich schon vor ihrer Geburt aus ihrem Leben. Simon hatte in ihren ersten Lebensjahren dessen Stelle eingenommen, bis Nicolas Mutter, als er sich nach ein paar Jahren von ihr trennte, den bis dahin innigen Kontakt zwischen ihm und ihrer kleinen Tochter strikt unterband.

Dann tauchte Nicola im vorletzten Jahr überraschend bei ihm in Italien auf, kurz nach ihrem Abitur. Ganz selbstverständlich. Sie war ohnehin eine beherzte junge Frau, keine, die lange zögerte, und sie fing schnell Feuer für Italien. Das Land kam ihrem Temperament entgegen, sie lernte Italienisch mit großer Leichtigkeit, sprach es inzwischen fast perfekt und ganz ohne Akzent, und sie blieb schließlich dort. Es war eigenartig. Simon fand diese durch und durch deutsche junge Frau viel italienischer als sich selbst. Sie hatte begonnen, in Pavia Kunstgeschichte zu studieren, war dort in eine Wohngemeinschaft gezogen. Aber es war dann wohl einiges schiefgelaufen. Ihre in Köln lebende Freundin hatte sich von ihr getrennt, vielleicht weil die Entfernung zwischen ihnen zu groß war, und Nicola hatte ihr Studium in Pavia abgebrochen.

Nun lebte sie seit ein paar Monaten bei ihm. Wenn man das so nennen konnte. Hatte sie anfangs seine Nähe gesucht, ging sie seit einiger Zeit ganz in ihrer eigenen Welt auf, erzählte nicht mehr viel von sich und verkehrte in einer Szene von jungen Aussteigern, vor allem Deutsche und Schweizer, die sich in einem verlassenen Haus in einem Dorf auf der anderen Seeseite einquartiert hatten.

Tagsüber jobbte sie in einer Bar an der Piazza im wunderschönen Orta San Giulio, dem Touristenmagnet am See, und verdiente sich damit ihr eigenes Geld. Simon hatte ihr einen alten Fiat Panda geschenkt, mit dem sie immer unterwegs war. Gestern war sie spät mit ihrem Hund, einem jungen Terrier, den sie Buffon genannt hatte und der nie von ihrer Seite wich, nach Hause gekommen, begrüßte Simon nur kurz und war sofort in ihr Zimmer verschwunden.

Sie lebten nicht in Unfrieden miteinander, aber es war, als hätte sich eine Milchglasscheibe zwischen sie geschoben. Vor zwei Jahren, als sie ihn nach den vielen Jahren der Trennung zum ersten Mal in Ronco besucht hatte, war sie wie eine Naturgewalt in sein Leben zurückgekehrt.

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