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Lächle und gib niemals auf

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Ein Wort vorweg
  8. Was ich vorher sagen möchte
  9. 1 – Aufwärmtraining
  10. 2 – Mario
  11. 3 – 13. Januar 2011
  12. 4 – Schlechte Nachrichten
  13. 5 – Warten und lernen
  14. 6 – Ein erster Lichtblick
  15. 7 – Wenn die Dinge sich verändern
  16. 8 – TED
  17. 9 – Geben und Nehmen
  18. 10 – Fight The Stroke
  19. 11 – Call for Brain
  20. Nachwort von Giacomo Rizzolatti – Wir stehen erst am Anfang
  21. Dank
  22. Kontakte
  23. Tafelteil

Über dieses Buch

Francesca freut sich auf ihr erstes Kind, die Schwangerschaft verläuft unproblematisch, bis kurz vor der Geburt bei einer Routineuntersuchung auffällt: etwas stimmt nicht im Gehirn ihres Babys. Mario hatte schon im Mutterbauch einen Schlaganfall erlitten, seine linke Körperhälfte war gelähmt – die Ärzte machten den jungen Eltern keine Hoffnung. Doch die beiden finden ein modernes Training, das die Spiegelneuronen in Marios Gehirn aktiviert – Schritt für Schritt lernt Mario laufen …

Über die Autorin

Francesca Fedeli, ihr Mann Roberto D’Angelo und ihr kleiner Sohn Mario sind Gründungsmitglieder des Vereins Fight the Stroke, der junge Schlaganfallpatienten unterstützt. Ihr Vortrag »Die Krankheit unseres Kindes ist eine Lektion fürs Leben« auf der TED Global 2013 verbreitete sich über die ganze Welt. Francesca arbeitete in den Bereichen Marketing und Corporate Social Responsibility und vertrat im Jahr 2014 Italien als Eisenhower Fellow for Innovation.

Francesca Fedeli

Lächle und gib
niemals auf

Wie wir gegen den Schlaganfall
unseres kleinen Sohnes kämpften

Aus dem Italienischen von
Claudia Amor

Ein Wort vorweg

Liebe Leseratten, Neugierige und Wissensdurstige, wenn Sie diese Worte lesen, haben Sie das Buch wahrscheinlich schon erworben. Womöglich sind Sie auch an seinem Titel oder dem schönen Foto auf dem Buchumschlag hängen geblieben und lesen jetzt vorsichtig mal rein, um zu sehen, ob es Ihnen gefällt …

An einem schwülen, sonnigen Herbsttag saßen Roberto, Francesca und der kleine Mario an einem Tischchen vor der Bottega Falai in New York und fragten mich, ob ich bereit wäre, ein Vorwort zu verfassen. Zu einer der unglaublichsten wahren Geschichten, die je erzählt wurden. Der Geschichte ihrer Familie.

Zuerst war ich mir nicht sicher, ob ich als Musiker das denn könne. Aber als ich nach Beendigung der Aufnahmen, die mich nach New York geführt hatten, nach Mailand heimgekehrt war, erhielt ich das Manuskript. Ich las es, und obwohl ich die ganze Geschichte bereits kannte, musste ich so hemmungslos weinen, wie es mir seit langer Zeit nicht mehr passiert war – allerdings vor Freude.

Die ganze Woche sah ich mir in Dauerschleife das Video der TED-Konferenz an, bei der die Familie aufgetreten war. Ich war so begeistert von ihrer Geschichte, dass ich jedem, der mir über den Weg lief, die Geschichte von Mario und seinen Eltern erzählte.

Das hängt wohl damit zusammen, dass meine Spiegelneuronen jedes Mal, wenn ich die drei traf, kräftig arbeiteten und riesige Mengen jener Liebe speicherten, die aus Marios Augen funkelte wie die Sonne vom Himmel.

Vielleicht können Sie es kaum noch erwarten, mit dem Lesen zu beginnen? Ich wünsche es Ihnen, denn ich wünsche jedem das große Glück, die Bekanntschaft von drei außergewöhnlichen Menschen zu machen.

Saturnino, Bassist des italienischen Sängers Jovanotti. Seine Musik half Roberto und Francesca in schweren Zeiten.

Was ich vorher sagen möchte

Hallo, liebe Leserin, lieber Leser,

eines muss ich gleich vorweg sagen: Diese Geschichte wird Ihnen einen Schlag versetzen. Auch mich hat es hart getroffen, damals, vor vier Jahren. Aber ich bin noch am Leben. Das, was Ihnen diese Geschichte Zeile für Zeile vor Augen führen wird, ist nichts im Vergleich zu dem, was ich abbekommen habe. Dennoch werden auch Sie es ganz deutlich spüren.

Versuchen Sie einfach, sich für diese Geschichte zu öffnen. Ich glaube nicht, dass Ihre Emotionen Sie augenblicklich überrollen werden, zumindest nicht auf den ersten Seiten. Es wird wohl ein Weilchen dauern, bis Ihr Herz weich wird. Bei meinem hat es jedenfalls lange gedauert.

Sicher, wenn Sie lesen, wie sich mein Sohn Mario nach einem Leidensweg von zweieinhalb Jahren plötzlich auf die Beine stellt und seine ersten Schritte macht, werden Sie eine Gänsehaut bekommen. Für mich kam dieser Augenblick einem Wunder gleich. Aber er traf mich auch wie ein Peitschenhieb. Und dieser Schlag spornte mich dazu an, genauer nachzudenken über unseren Weg und über den Perspektivenwechsel, den das Leben mir abverlangt hatte.

Möglicherweise durchzuckt es Sie aber auch schon etwas früher, wenn Sie miterleben, wie Mario seine linke Hand nach einem Stift ausstreckt, den wir ihm hinhalten. Oder wenn Sie miterleben, wie glücklich er ist, wenn wir auf Reisen gehen. Mit ziemlicher Sicherheit wird es Ihnen manchmal auch ein wenig den Hals zuschnüren, denn ich bin überzeugt, dass dies, trotz allem, eine schöne Geschichte ist. Ich will auf keinen Fall, dass diese Geschichte rührselig wird und man händeringend nach einem Wunder ruft. Stattdessen wünsche ich mir, dass sie Sie inspiriert, mit uns weiterzugehen auf unserem Weg.

Zunächst müssen Sie aber etwas Geduld haben. Sie müssen mit uns aushalten, dass eine Mutter ihre wahren Gefühle anfangs unter Verschluss hält und sich nicht dem unkontrollierbaren Sturm von Scham, Bestürzung, Angst und Verzweiflung hingibt, der über sie hereinbricht. Schließlich gab es am Anfang etwas viel Wichtigeres und Dringenderes zu tun: Wir mussten Mario helfen. Dazu war es notwendig, den Kopf einzuschalten und die Kontrollsoftware zur Problembewältigung zu aktivieren. Einen wissenschaftlichen Ansatz zu wählen: Problem – Erkenntnis – Lösung. Weich werden konnte man danach, vielleicht. So fühlte ich damals. Oder vielmehr fühlte ich nicht.

Aber Achtung: Ich bin weder Ärztin noch Wissenschaftlerin. Auch mein Mann Roberto nicht. Die Lösungen, die wir vorschlagen, versuchen wir zuerst an uns selbst zu testen, das scheint uns am vernünftigsten. Alles, was wir heute wissen, haben wir unterwegs gelernt, unter großem Einsatz unseres gesunden Menschenverstandes. Wir haben uns eingearbeitet, viel gelesen, mit Experten gesprochen und unsere Schlüsse meist aus der direkten Erfahrung gezogen.

Also, wenn Sie wollen, können wir jetzt beginnen. Und womit beginnt man besser als mit einem Namen: Mario.

Es hätte uns eigentlich sofort klar sein müssen, wohin das führen würde. Wir hatten uns auf den Namen Mario geeinigt. Das war kein Name für kleine Könige oder Collegestudenten. Mario hießen für uns Maurer, Bauern – Menschen, die mit beiden Beinen auf der Erde stehen und Werte haben. Mario heißen Leute, die sich jeden Zentimeter ihres Weges unter Schweiß erarbeiten. In diesem Namen steckt das Schicksal eines Kämpfers.

Mario begann seinen Kampf, noch bevor er geboren wurde, drinnen in meinem Bauch, wo er mich so heftig trat, dass es mir den Atem nahm. Und sein Gegner war übermächtig: der Schlaganfall.

Ein Schlaganfall ist für das Gehirn gleichbedeutend mit dem, was für das Herz ein Infarkt ist. Damit das Gehirn funktioniert, muss das Blut darin frei fließen können. Wird der Blutfluss unterbrochen, verliert das Gehirn seine einzige Energiequelle und schützt sich, indem es den betroffenen Bereich abschaltet.

Wenn man das auch nur wenige Sekunden zu spät merkt, sind Millionen von Gehirnzellen bereits zerstört und es entstehen irreversible Schäden. Greift man aber sofort ein, können die Schäden eingedämmt werden.

Weltweit wird alle zwei Sekunden ein Mensch von einem Schlaganfall heimgesucht. Alle sechs Sekunden stirbt jemand daran. Der Schlaganfall schert sich weder um das Geschlecht noch um das Alter seiner Opfer. Man muss noch nicht einmal geboren sein: Ein Schlaganfall kann auch im Mutterleib eintreten. Tatsächlich ist das Risiko für den Menschen in dieser Lebensphase am höchsten. Der Schlaganfall ist eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern. Von tausend Neugeborenen erleiden zwei bis drei einen Schlaganfall. Und er ist die häufigste Einzelursache für Behinderungen auf der ganzen Welt.

Unser Sohn Mario ist leider Teil dieser verfluchten Statistik. Als eines von diesen zwei oder drei Kindern musste er schon mit einer Behinderung ins Leben starten.

Das ist also seine Geschichte. Nach einer äußerst schwierigen Schwangerschaft, der mehrere Fehlgeburten vorangegangen waren und die ich fast vollständig im Bett liegend verbracht hatte, teilte man uns zehn Tage nach Marios Geburt mit, dass er während der Geburt einen Schlaganfall erlitten hatte, bei dem die rechte Gehirnhälfte geschädigt worden war. Und diese Schädigung würde zu einer Beeinträchtigung der linken Körperhälfte führen.

Der Schock traf uns mit voller Wucht, das können Sie sich sicher vorstellen. Aber dann: Stopp! Mein emotionales Nervensystem schaltete augenblicklich ab. Es gibt Teile dieser Geschichte, die selbst für mich immer noch unergründlich sind. Vielleicht gelingt es mir eines Tages, noch etwas tiefer zu graben. Lange Zeit fiel mir das unglaublich schwer. Teilweise ist das auch jetzt noch der Fall.

Für uns gibt es keine Bilder einer sorglosen Ankunft auf dieser Welt und kein Idealbild von Mutterschaft, das war mir nicht vergönnt. Denn das Leben hat meinen Mann Roberto und mich dazu auserkoren, in erster Linie Kämpfer zu sein und erst danach Marios Eltern.

Auch die Entscheidung, unseren Sohn gesund zu machen, für seine Normalität zu kämpfen und gegen die Vorurteile, die es gegen sein Anderssein gibt, stellte sich, wie Sie bemerken werden, irgendwann ganz automatisch ein. Sie werden nicht eine einzige Sekunde erleben, in der wir innehalten und uns fragen, wie es weitergehen soll. Sie werden mich nicht weinen sehen. Und ich versichere Ihnen, Grund zum Weinen hätte ich zur Genüge gehabt.

Das alles war blockiert. Auch Roberto reagierte sofort mit einer Gegenfrage, als wir von dem Schlaganfall erfuhren: »Dann wird er also nicht Auto fahren können?« Das war vielleicht eine groteske Reaktion, aber jedenfalls eine, die zu seinem praktischen Wesen passte. Er war zwar noch unfähig, Wut zu empfinden, aber er konnte staunen, und er konnte Schmerz und eine Verzweiflung fühlen, die vor allem ein großes Fragezeichen hervorbrachte.

Sie werden uns nicht erleben, wie wir verzweifelt versuchen, die Tiefen unseres Gemütszustandes zu ergründen. Angst? Bestürzung? Ein zu harter Schlag, um überhaupt etwas zu empfinden? Es gab nur Stille. Und eine abrupte Rückkehr zur Vernunft: lesen, überlegen, wissen, berechnen, messen, vertiefen. Eine fast schon obsessive Beobachtung von Marios natürlichen Bewegungsabläufen: Welchen Finger steckt er in den Mund, welche Hand streckt er in die Luft, an welcher Stelle seines Körpers spüre ich die meiste Kraft, wohin kann er mir mit dem Blick folgen, aus welcher Richtung vernimmt er Geräusche am besten? Eine wissenschaftliche Herangehensweise.

Dagegen fehlen all die Fragen, die normalerweise eine Mutter beschäftigen: Wird er Musik mögen? Werde ich ihn zum Tennis oder lieber zum Schwimmen anmelden? Wird er Astronaut, wenn er groß ist? Stattdessen: Wird er Auto fahren können?

Denn schlussendlich, dachte ich, zählt einzig und allein eines: dass Mario ein unabhängiges Leben führen kann und gesund ist.

Aber ich habe mich geirrt. Unabhängigkeit und Gesundheit allein reichen nicht aus, wenn du es nicht schaffst, deinem Sohn die Freude am Leben zu vermitteln.

Wie Sie sicher schon bemerkt haben, bin ich kein sentimentaler Mensch, aber diese Sache ist mir wirklich unter die Haut gegangen: Erst als Roberto und ich begannen, das Leben mit Mario zu genießen und ihn in alles mit einzubeziehen, was uns Freude macht – Reisen, Musik, Bücher, Freunde –, konnte er anfangen, gesund zu werden. Buchstäblich Schritt für Schritt kam er auf die Beine und wurde zu dem fröhlichen Kind, das er heute ist. Davor war ihm das nicht gelungen. Vielleicht war es noch zu früh, und die vielen Therapien hatten einfach noch nicht angeschlagen. Vielleicht hätten sie ohne den richtigen Ansatz aber auch niemals angeschlagen.

Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Es ist nicht nur eine Geschichte, die von der unermesslichen Liebe eines Vaters und einer Mutter zu ihrem Sohn handelt, sondern auch das Ergebnis unserer ganz persönlichen Suche. Es gibt Vorgänge im Geist und im Umfeld eines Patienten, die die Medizin noch nicht mitberücksichtigt, die sich für uns aber als essenziell erwiesen haben. Oder besser gesagt: als Lösung unseres Problems. Und deshalb möchte ich diese Erfahrungen mit Ihnen teilen, so wie ich es bereits 2013 auf dem Podium der TEDGlobal-Konferenz in Edinburgh getan habe, vor Tausenden von Menschen. TED ist eine Konferenzreihe, die sich mit Innovation, Kreativität und der Verbreitung von Ideen beschäftigt. Persönlichkeiten wie Bill Gates oder Bono haben schon TED-Talks gehalten. Sie verbreiten sich in Windeseile rund um die digitale Welt, die Videos werden vieltausendfach geteilt und angesehen, es ist eine wunderbare Möglichkeit, Wissen und Erfahrungen zu teilen.

Mir geht es dabei nicht um persönliche Eitelkeiten. Ich glaube einfach, dass die schönsten Geschichten solche sind, die anderen Menschen helfen können. Es wäre egoistisch, sie für sich zu behalten. Sie haben keine Ahnung, wie sehr es mir nach der Diagnose geholfen hätte, ein Buch wie dieses zu lesen. Und jedes Mal, wenn ich eine »neue Mutter« eines Schlaganfall-Babys treffe, frage ich mich: Welchen Programmierfehler müssen die Eltern dieser Geschöpfe haben, wenn sie es in Hunderten von Jahren Evolution nicht geschafft haben, ihre Erfahrungen zusammenzutragen? Warum gibt es so wenig Fortschritt im Kapitel »Eltern von Schlaganfallkindern«? Es gibt natürlich keinen Programmierfehler, sondern nur ein übermächtiges Problem, das für die beteiligten Institutionen (Kliniken, Universitäten, Pharmaunternehmen, Krankenkassen) viel zu unbequem und zu wenig lukrativ ist. Und dieses Problem wird unter Ärzten, Forschern und Eltern viel zu selten besprochen.

Daher habe ich beschlossen, ihm die Stirn zu bieten, diesem Problem. Natürlich war – und ist – das nicht einfach. Nicht nur, weil es schwierig ist, sich selbst zu therapieren, seine eigenen Gefühle wahrzunehmen und sie mit anderen zu teilen, sondern aufgrund der Nebenwirkungen, die das Schwimmen gegen den Strom mit sich bringt. Als Eltern eines »unbequemen« Patienten muss man sich doppelt abmühen, um eine richtige Diagnose zu erhalten oder in einem Reha-Zentrum aufgenommen zu werden.

Seit Marios Geburt sind mittlerweile vier Jahre vergangen, und hier ist sie: die Geschichte von Mario und seinem, beziehungsweise unserem, Kampf. Darsteller: mein Sohn, mein Mann, ich, ein Ärzteteam, Physiotherapeuten, die neuesten wissenschaftlichen und technischen Erkenntnisse, unsere Hobbys, das Reisen, die Musik, die TED-Konferenz, das Abenteuer von Fight The Stroke und die Hartnäckigkeit, mit der dieses Projekt am Leben erhalten wird.

Diese vier Jahre erscheinen mir wie ein halbes Leben. Dabei stehen wir gerade erst am Anfang.

1
Aufwärmtraining

In meinem Leben gibt es mehrere »Vorhers« und »Nachhers«.

Vor Mario gab es eine lange Zeit, in der ich glaubte, niemals Mutter zu werden. Ich mochte Kinder, aber ich hatte kein großes Interesse daran, selbst eines zu bekommen.

Ich hatte ziemlich früh, mit Anfang dreißig, eine leitende Stelle im Marketing übernommen. Meetings, Briefings und Präsentationen auf allen Unternehmensebenen und bei verschiedenen internationalen Konzernen standen auf der Tagesordnung. Es gab viele Reisen, Projekte, Kampagnen, damit immer mehr Produkte verkauft werden konnten, vom Milchpulver bis hin zur Kreditkarte. Als ich mich zum ersten Mal mit dem Thema Mutterschaft auseinandersetzte, ging es um eine berufliche Angelegenheit: Wie konnte man die Bedürfnisse dieser Zielgruppe am besten befriedigen?

Ich hatte nur meine Arbeit im Kopf.

Über ein Kind nachzudenken hätte für mich eine Ablenkung bedeutet. Bei internationalen Konzernen geht es aber nur um Leistung und Ergebnisse. Und wer abgelenkt ist, erzielt keine besonders guten Ergebnisse.

Bei meinem Mann Roberto war das anders. Bei ihm machte sich der Wunsch, eine Familie zu gründen, früher bemerkbar.

»Lass uns doch ein Kind bekommen«, sagte er.

Aber ich spielte auf Zeit: »Warten wir noch ab.«

»Was willst du denn abwarten?«

»Warten wir einfach noch ein bisschen.«

Einige Jahre lang ging das immer so weiter. Und Roberto, der sich ebenfalls im Sog des IT-Konzerns befand, für den er arbeitete, der dauernd auf Reisen und immer in der Firma eingespannt war – Roberto wartete.

Wir arbeiteten und warteten. Bloß keine Ablenkung.

Wenn ich jetzt an diese Jahre zurückdenke, muss ich zugeben, dass ich das ein oder andere bereue. Besonders leid tut es mir um all die Zeit, die so schnell vergeht, während du den Blick auf den Boden heftest. Schließlich willst du genau sehen, wohin du trittst, und dich möglichst flink zwischen den Hindernissen entlang deines Weges bewegen. Außerdem ist eine Schwangerschaft mit vierzig etwas anderes als mit zwanzig oder dreißig. Aber das wird dir erst danach bewusst.

»Wir adoptieren einfach ein Kind«, überlegten wir uns irgendwann. Es war eine etwas naive Idee, vielleicht oberflächlich und ohne genau zu wissen, was sie bedeutete, aber sie war ehrlich und kam von Herzen. Wir konnten zwar selbst Kinder bekommen, aber uns gefiel die Vorstellung, einem Kind eine Chance zu geben, das bereits auf der Welt war. Vielleicht einem schwarzen Kind mit krausem Haar und hellen Handflächen. Wir hätten es in den Arm genommen und ihm gezeigt, dass die Welt ein besserer Ort sein kann als das, was es bisher erlebt hat. Und wir wären glücklich gewesen.

Also begannen wir, die trübseligen Büros der zuständigen Behörden abzuklappern. Graue Prozeduren, graue Psychologen, bilderlose graue Zimmer, deren einziger Schmuck die Papierstapel auf den Schreibtischen waren. Und viele, viele Fragen, die darauf abzielten, tief unter die warme Decke unserer Vorstellung von Familie zu schauen.

»Würden Sie auch ein Kind wollen, das aus einem südamerikanischen Land stammt und mit seiner alkoholabhängigen Mutter in einem Pappkarton gelebt hat?«

Die Psychologin sah uns an, ohne uns wahrzunehmen. Sie stellte die Frage nur, damit sie die erwartete Antwort bekam. Die einzig erlaubte Antwort. Aber wir wussten nicht, was wir antworten sollten. Wir hatten nicht darüber nachgedacht. Was war jetzt mit dem schwarzen Kind, das uns lachend in die Arme springt?

»Würden Sie ein Kind wollen, das misshandelt wurde und das bereits einen langen Weg durch Waisenhäuser und Sozialeinrichtungen hinter sich hat, mit dem Risiko, dass es Jahre dauern wird, bis es wieder Vertrauen zu Menschen fasst?«

Musste man die Angelegenheit wirklich so betrachten? Hm. Vielleicht schon. Aber möglicherweise ist es doch etwas weniger tragisch, als Sie es hier darstellen, Frau Doktor? »Würden Sie ein HIV-positives Kind akzeptieren?«

Du lieber Himmel, dachten wir. Wo sind wir denn hier gelandet, in einem Verhör? Hatten wir es mit einer Psychologin oder einem Staatsanwalt zu tun? War es vielleicht ein Verbrechen, ein Kind adoptieren zu wollen? Wir dachten, es wäre etwas Schönes, etwas Gutes. Etwas, das gute Menschen tun. Warum hielt sie uns Tintenklecksbilder vor die Nase wie in einem Woody-Allen-Film? Was wollte sie von uns hören?

»Würden Sie auch ein behindertes Kind akzeptieren?«

Es wäre sicher schwer, aber ja. Wir wollten etwas Gutes tun, aber offensichtlich war das nicht genug.

Das Tribunal sagte Nein. Auf dem Bescheid stand schwarz auf weiß, dass wir kein geeignetes Paar für die Adoption eines Kindes wären. Es war eine schwere Niederlage, die uns am Ende dieses sonderbaren, sinnlosen und schmerzhaften Verfahrens traf.

Aber so traurig und enttäuscht wir auch waren, wir mussten zugeben, dass wir tief im Inneren auch ein wenig erleichtert waren. Womöglich stimmte es ja, dass wir nicht bereit waren. Wir hatten unser Innerstes erforscht, wir hatten uns die schwierigsten Fragen gestellt, auf die wir keine Antwort wussten und die uns wie eine unnötige Quälerei erschienen. Wir wussten nicht, dass der Hürdenlauf für uns erst begonnen hatte. Dass wir gerade erst die Aufwärmphase hinter uns hatten.

»Ich bin schwanger.«

Das war Anfang 2009, und ich war so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben.

Wirklich, denn wenn es dir passiert, ist es, als würdest du plötzlich erwachen. Und du erkennst, dass du es mehr willst als alles andere. Obwohl du früher gedacht hast, du wolltest es nicht.

In der Arbeit durchlebte ich gerade eine schwierige Phase, also empfand ich diese Schwangerschaft als ein Stück Freiheit, als ein Geschenk an meine Familie, für Roberto und mich. Ich weiß nicht, warum viele Frauen das anders sehen wollen, warum viele sich als Gefangene zwischen Beruf und Familie betrachten.

Nach dem dritten Monat ließen wir eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen, an einem Montag Anfang des Sommers. Aber den neunten Monat erreichten wir nicht, das Baby schaffte es nicht. Der Schmerz, der dann kam, war eine weitere Etappe unserer Trainingsphase.

Wir hatten es uns nicht ausgesucht, zu Soldaten auf dem Schlachtfeld des Lebens und der Medizin zu werden. Das entsprach bei Gott nicht unserer Philosophie, ganz im Gegenteil! Höchstens bei der Arbeit, da benutzten wir gelegentlich eine etwas aggressivere Terminologie – Angriff, Verteidigung, Ziel, Strategie, Taktik, Rivale, Eroberung –, aber dabei handelte es sich lediglich um Metaphern. Kriegerisches Denken und Reden waren nie unser Ding. Roberto hatte seinerzeit sogar aus Gewissensgründen die Wehrpflicht verweigert, und auch ich stellte mich immer gegen jede Form von Gewalt.

Wie dem auch sei, auf unserem Weg begegneten wir zahlreichen Trainingspartnern. Das war weder geplant noch gewollt, aber unvermeidlich. So war es eben.

Im Oktober war ich wieder schwanger. Im Dezember, in der neunten Woche, verlor ich das Kind. Wieder eine Fehlgeburt, das Baby hatte einen genetischen Defekt. Ich erinnere mich an jenen Tag so genau, wie man sich an das Jahr des Niedergangs des Römischen Reiches erinnert. Ich durchlebte eine graue Zeit, eine Art Mittelalter mit Hindernissen.

Ich begann zu glauben, dass ich nicht dazu geschaffen war, Kinder zu haben. Weder geeignet, welche zu adoptieren, noch selbst Mutter zu werden. Was mir in jener Zeit noch so alles im Kopf herumschwirrte, kann man sich leicht vorstellen.

Und dann kam der Unfall.

Es war Anfang April 2010. Nach meiner zweiten Fehlgeburt hatte ich beschlossen, den Job zu wechseln. Zu viele Reisen. Vielleicht hatte das alles ja mit dem vielen Stress zu tun. Mit einem gesünderen Lebensstil würde sich alles von allein lösen.

Roberto und ich hatten immer schon gerne Ausfahrten mit dem Motorrad gemacht. Gewöhnlich nahmen wir auch unsere Dackelhündin Gina mit, die zerzaustes weiches Fell, ziemlich viele Jahre auf dem Buckel und ein Leistenproblem hatte. Gemeinsam setzten wir uns auf die schwarze Harley und fuhren los.

Aber an jenem Abend geschah es, dass irgendein Kerl ein Stoppschild nicht beachtete und wir unter sein Auto rutschten. Als ich die Augen öffnete, sah ich nur Robertos angsterfülltes Gesicht und hörte, wie er aus Leibeskräften schrie. Da erst wurde mir klar, dass mein Kopf eingeklemmt war. Um ein Haar wäre ich unter die Reifen des Autos geraten.

Es gibt ein Davor, in dem ein Mensch existiert, und ein Danach, in dem er nicht mehr existiert. An jenem Tag hätte ich beinahe von dem einen Zustand in den anderen gewechselt, und Roberto hätte alles mitansehen müssen. Zum Glück ging die Sache dann doch noch recht glimpflich aus: ein abgebrochener Hundezahn und ein paar kaputte Klamotten. Und Robertos Lieblingsjeans mussten wir wegwerfen.

Wir ließen das Motorrad reparieren, und einen Monat später saßen wir wieder im Sattel. Unser Mantra war: hinfallen, aufstehen, neu starten. Das nächste Mal wird es besser laufen.

Ein sehr effizientes Training für das, was kommen sollte.

2
Mario

Ich erinnere mich noch gut an die Hitze auf meiner Haut, als Roberto mich vom Büro abholen kam. Die schwüle Mailänder Juliluft, die langsamen Schritte, der offene oberste Jeansknopf und das T-Shirt, das mir lose um die Hüften hing.

Wir hatten beschlossen, alles kontrollieren zu lassen, was möglich war, und bis zu diesem Zeitpunkt schien alles, was wir kontrollierten, in Ordnung zu sein. Die zweitausend Euro teure Chorionzottenbiopsie ließ uns wissen, dass es sich um einen »männlichen Fötus ohne auffällige Chromosomenanomalien« handelte.

Für die meisten Eltern war das schlicht eine gute Nachricht, wenngleich ziemlich mies kommuniziert, weil zu nüchtern und im Telegrammstil, aber für uns waren es genau die richtigen Worte. Denn nach zwei Fehlgeburten bleibt dir die Vorfreude irgendwann im Hals stecken.

Es war nicht mehr so wie beim ersten Mal. Es ging nicht mehr nur darum, sich im Büro die Panini mit Prosciutto zu verkneifen, mit der Ausrede, zur Vegetarierin mutiert zu sein, eigentlich aber aus Angst vor Toxoplasmose, oder das Gemüse vor dem Verzehr zu desinfizieren. Ich musste darauf gefasst sein, neun Monate lang krank zu sein und auf jedes Detail zu achten. Wie ich mich bewegte, was ich in jeder Sekunde tat und wie jede meiner Handlungen dem Baby, das in meinem Bauch lebte, schaden könnte.

Im dritten Monat war noch nichts passiert, was nicht passieren sollte. Ein wichtiges Ziel war erreicht. Nur ein einziges Mal waren wir im Hochsommer ins Krankenhaus von Fermo geeilt. Wir waren im Urlaub bei unseren Eltern in Ascoli, als ich plötzlich Blut verlor. Ich hatte Angst, Herzrasen, Schmerzen und noch mehr Angst, aber am Ende war es nichts Schlimmes. Wir konnten es kaum glauben: Zwölf Wochen sind eine wichtige Schwelle in einer Schwangerschaft, vor allem, wenn man schon ein bisschen älter ist.

Und dann, im Oktober, versetzte uns der Gynäkologe einen neuen Messerstich: »Zentrale Placenta praevia

»Was heißt das?«

»Das bedeutet, dass Ihre Plazenta nicht an der normalen Stelle an der Gebärmutterwand anliegt, sondern im unteren Teil der Gebärmutter.«

Bei meiner Vorgeschichte mit zwei Ausschabungen nach Fehlgeburten war dies eine häufig auftretende Komplikation.

»Ich verstehe nicht ganz, was meinen Sie mit zentral?«, fragte ich den Gynäkologen.

»Die Placenta praevia wird nach der Lage der Plazenta im Verhältnis zum inneren Muttermund klassifiziert. Von einer zentralen Placenta praevia sprechen wir, wenn die Plazenta den inneren Muttermund völlig verdeckt«, dozierte der Arzt gewissenhaft.

»Und wie kommt dann das Kind heraus?«

Nur nicht aufregen, dachte ich. Es ist nur eine Frage des »Wie«. Sagt mir, was ich tun muss, und ich tue es.

»Genau da liegt das Problem. Die Plazenta besteht aus einem Gewebe, das nicht dehnbar ist. Es passt sich nicht an die Veränderungen der Umgebung an. Bei einer Placenta praevia ist es unausweichlich, dass es parallel zur Ausdehnung des unteren Gebärmutterbereiches oder bei einer Öffnung des Muttermundes zu einer Ablösung der Plazenta kommt.«

Dann unterbrach er sich. Sosehr ich auch versuchte, ihm zu folgen, es gelang mir nicht. Seine Worte verpufften, noch bevor ich sie fassen konnte.

Der Doktor seufzte, als er begriff, dass er mir die Sache mit anderen Worten erklären musste.

»Im zweiten Schwangerschaftsdrittel ist die Diagnose Placenta praevia relativ häufig. In vielen Fällen bewegt sich die Plazenta in den folgenden Wochen weiter, sodass sie sich im letzten Drittel doch noch in der richtigen ...

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