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Lady Omegas letzter Flug

1. KAPITEL

„Nargor, das könnt Ihr nicht machen! Das Schicksal unseres Volks hängt von dieser Quelle ab!“, flehte der Kämpfer seinen Kriegsmeister an. „Wenn Ihr das Wasser vergiftet, um damit Léardiens Horden aufzuhalten, tötet Ihr auch jeden von uns, der davon trinkt – und Ihr macht das Land für lange Zeit unfruchtbar!“

„Schweig, Luwinn“, herrschte Nargor ihn an und betrachtete das Glasfläschchen in seiner Hand, das mit einer blassgrünen Flüssigkeit gefüllt war. „Ein Tropfen auf tausend Maß genügt, um zehntausend Feinde zu töten, und ich gebe ihnen zehn Tropfen auf hundert Maß, um sicher zu sein, dass tausend Feinde vernichtend geschlagen werden.“

„Und wie viele Tausend unseres Volks werden …“

Rriinnnnggg.

„… wenn Ihr das tut?“, bohrte Luwinn nach. Nargor war sein Kriegsmeister, und er schaufelte sich sein eigenes Grab, indem er an Nargors Weisheit zweifelte. Doch er konnte nicht einfach zusehen, wie der mächtige Krieger einen verheerenden Fehler beging.

„Es ist ein kleiner Preis für einen großen …“

Rriinnnnggg.

„… ich nicht zulassen“, widersprach Luwinn und stellte sich Nargor in den Weg. Der griff nach seiner monströsen Streitaxt, holte aus und …

Rriinnnnggg.

„Warum geht denn da keiner ran?“, fragte Steph. „Das klingelt doch laut genug.“

„Weil das dein Handy ist!“, erwiderte Vanessa. Ihre Freundin war manchmal wirklich verpeilt. „Die Bewohner von Loboor leben in einer Zeit ohne Elektrizität. Da geht’s noch zu wie bei uns im finstersten Mittelalter.“

„Oh, ich dachte, das gehört zu diesem Hörspiel dazu“, murmelte Steph achselzuckend. „Du weißt, mit diesem Fantasyzeugs kenne ich mich nicht so gut aus.“

Rriinnnnggg.

„Ja, das weiß ich. Immerhin hast du mich beim ersten Teil von Herr der Ringe auch mit Fragen gelöchert.“

Steph grinste breit. „Womit ich von den Teilen zwei bis vier verschont geblieben bin, weil du keinen von den Filmen mehr in meiner Gegenwart sehen wolltest.“

„Es sind nur drei Teile, weil es auch nur drei Bücher sind“, korrigierte Vanessa sie und stellte den CD-Player auf Pause, da im Hintergrund noch immer Stephs Handy klingelte, die ihre Handtasche durchwühlte.

Rriinnnnggg.

„Das sind drei zu viel“, konterte sie und nahm rasch das Gespräch an, ehe ihre Freundin noch etwas darauf erwidern konnte. „Ja, hallo? Mom? … Bist du das, Mom? Ich höre dich nur ganz leise. … Aha … Aha … Nein, jetzt am Wochenende kann ich nicht … Ja, wir sind auf dem Weg zur Cosmic Comic Convention … im Hollywoodland Hotel … Heute sind wir den ganzen Tag dort, weil Felicity ihren ersten Comic vorstellt und … Doch, du kennst Felicity, schlank, groß, lange rote Haare … Die ist ja schon im Internet bekannt mit ihren Zeichnungen, und jetzt geht es richtig los, mit Verlag und allem. … Ja, genau die … Okay, ich melde mich dann … mach’s gut, Mom.“

Sie legte auf. „Sind wir noch auf dem richtigen Weg, Vanessa?“

„Ich verfahre mich schon nicht, Steph“, gab Vanessa ein wenig gereizt zurück. „Nur weil mein Navigationsgerät kaputt ist, werden wir nicht gleich in Tokio ankommen, wenn ich an der nächsten Ecke versehentlich falsch abbiege.“

„Wenn du wenigstens ein Smartphone hättest, dann könntest du dir die Strecke darüber anzeigen lassen.“

Vanessa deutete auf den Schoß ihrer Beifahrerin. „Was du da vor dir liegen hast, nannten die Leute früher Stadtplan. Und da in letzter Zeit nicht einfach komplette Straßen und Häuserblocks verschoben worden sind, komme ich mit dem Ding immer noch ans Ziel. Hauptsache, du hältst den Plan so, dass ich sehen kann, wo wir sind.“

Steph schüttelte den Kopf. „Das ist doch bloß ein Gewirr aus Linien und Rechtecken, wie soll sich da jemand zurechtfinden?“

„Zum Beispiel so“, sagte Vanessa und machte eine Kopfbewegung, die ihre Freundin dazu aufforderte, nach vorn zu sehen.

Sie schaute in die angedeutete Richtung und rief erstaunt: „Da drüben ist ja schon das Hollywoodland Hotel! Das ging jetzt aber schnell!“

Vanessa nutzte die rote Ampel an der Kreuzung, um Steph anzuschauen und dabei vielsagend eine Braue hochzuziehen. „Ist das alles, was dir dazu einfällt?“

„Na ja, das ist ein traditionsreiches und sehr großes Hotel, und an diesem Wochenende …“ Sie unterbrach sich. „Erwartest du jetzt ernsthaft von mir, dass ich die Fremdenführerin spiele?“

„Ich meinte damit nicht deine Bemerkungen zum Hotel.“

Einen Moment lang blickte Steph ziemlich ratlos vor sich hin, dann ging ihr ein Licht auf. „Oh, sorry. Das hast du wirklich super gemacht, dass wir uns nicht einmal verfahren haben und dass wir so früh da sind. Da können wir bestimmt noch gute Plätze ergattern.“

Vanessa winkte ab und fuhr los, da die Ampel auf Grün umgesprungen war. „Felicity hat uns bestimmt zwei Plätze ganz vorn reserviert … jedenfalls will ich das hoffen“, fügte sie nach einer kurzen Pause an und zeigte nach rechts. „In die Schlange stelle ich mich nämlich ganz sicher nicht.“

Vor dem Haupteingang hatte sich eine so lange Warteschlange gebildet, dass die Besucher der Convention auch noch um die nächste Ecke bis über die rückwärtige Einfahrt zum Parkhaus hinaus dicht gedrängt standen und darauf warteten, endlich eingelassen zu werden.

„Guck dir das an“, sagte Steph, während Vanessa der Beschilderung in Richtung Parkhaus folgte. „Da sind alle Superhelden von Marvel, DC und dem ganzen Rest versammelt. Und natürlich die Star-Wars – Fans und alle anderen.“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Irgendwie schon witzig, dass erwachsene Männer und Frauen sich verkleiden und sich dann noch in der Öffentlichkeit zeigen.“

„Das sind halt richtige Fans. Die gehen in ihrem Hobby auf“, meinte Vanessa. „Und seit Big Bang Theory im Fernsehen läuft, sehen die Leute wenigstens mal, dass diese Fans keine Spinner sind, sondern intelligente Menschen mit anspruchsvollen Jobs, die hier einfach nur ein bisschen Spaß haben wollen.“

„Ja, ich glaube, das ist den meisten Leuten bloß nicht klar. Die sehen immer nur jemanden in einem Kostüm und halten ihn deswegen gleich für einen Spinner.“

„M-hm, zum Beispiel einen Spinner, der nächste Woche bei einem von diesen Ignoranten eine riskante Hirnoperation durchführen muss.“

Sie hatte die Parkhauseinfahrt erreicht. Dort war in der Schlange wenigstens eine ausreichend große Lücke geblieben, dass die Fahrzeuge passieren konnten.

„Oh Mann, hier gibt’s ja kaum noch freie Plätze“, staunte Steph, als sie das erste Parkdeck erreichten.

„Gut, dass Felicity daran gedacht hat, uns den reservierten Parkplatz zu ihrem Zimmer zu überlassen“, gab Vanessa zurück. „Welchen Platz hatten wir noch gleich?“

Ihre Freundin schlug sofort die Mappe mit den Unterlagen für die Convention auf und begann eilig zu blättern. „Warte … ah, hier.“ Sie schaltete die Innenbeleuchtung an, um besser erkennen zu können, was auf dem Ausdruck von Felicitys E-Mail vermerkt war. „Platz 4.112 steht hier.“

„Also im vierten Untergeschoss.“ Vanessa entdeckte das Hinweisschild für die tiefer gelegenen Parkdecks und bog ab.

Nachdem sie ihren Platz gefunden hatten und ausgestiegen waren, sah Steph zur Decke. „Ich möchte lieber gar nicht darüber nachdenken, wie viele Tonnen Beton und Stahl da über unseren Köpfen hängen.“

„Dann denk auch nicht drüber nach“, hielt Vanessa dagegen und verzog mürrisch das Gesicht. Ihr war selbst nicht ganz wohl bei dem Gedanken, was aus ihnen werden würde, sollte irgendwo da oben etwas passieren. Sie hatte auch so schon Mühe genug, sich das nicht auszumalen, da musste nicht noch jemand anders davon anfangen zu reden, auch nicht ihre Freundin.

Um so schnell wie möglich von hier wegzukommen, ging sie zügig mit ihrem Gepäck voran in Richtung Aufzug – aber nicht so schnell, dass sie ängstlich wirkte. Sie fuhren bis ins Erdgeschoss, wo sie sich mitten im Trubel der Convention-Besucher wiederfanden. Riesige, aufrecht gehende Echsenwesen, bei denen man lange suchen musste, ehe man die Sehschlitze des Kostümträgers entdeckte, silberne und goldene Roboter, wüste Kriegergestalten mit wallenden Mähnen und langen, funkelnden Klingen liefen dort kreuz und quer durcheinander, sodass es fast unmöglich war, sich auf einen Einzigen von ihnen zu konzentrieren und dessen Kostüm noch genauer zu betrachten.

„So dürfte es wohl auf einem intergalaktischen Flughafenterminal aussehen“, meinte Vanessa, der es nun wieder besser ging, nachdem sie die Tiefgarage verlassen hatten.

„Ein bisschen so wie bei Men in Black“, fand Steph amüsiert und warf ihrer Freundin ein Lächeln zu. „Und das Beste ist, dass das für alle hier das Normalste auf der Welt ist.“

„Bis auf die japanische Reisegruppe da drüben“, meinte Vanessa, die sich ein Lachen verkneifen musste, da sie eine Gruppe von zehn oder zwölf japanischen Geschäftsleuten entdeckt hatte, die am Schalter des hoteleigenen Autoverleihs standen und sich fast schon verängstigt umsahen.

„Die denken bestimmt, sie sind im falschen Film“, sagte Steph und stieß Vanessa an. „Da, guck mal.“ Ein als Godzilla verkleideter Besucher hatte soeben einen der anderen Aufzüge verlassen, und auf der Stelle zückten alle Mitglieder der Reisegruppe ihre Kameras, um das vertraute … „Gesicht“ zu fotografieren. Der menschliche Godzilla blieb stehen und genoss die Aufmerksamkeit, die einige andere Kostümierte ein wenig neidisch dreinblicken ließ. Nachdem die Japaner das Blitzlichtgewitter beendet hatten und sich dankbar zu verbeugen begannen, griff „Godzilla“ nach seinem Hals, öffnete eine Klappe und das Gesicht des Kostümträgers kam zum Vorschein. Plötzlich hielt er eine Zigarre in seiner grünen Pranke und steckte sie sich in den Mund, woraufhin die Japaner erneut wie die Verrückten zu fotografieren begannen.

„Warum fangen sie denn jetzt schon wieder an zu fotografieren?“, wunderte sich Vanessa. „Jetzt ist doch sein Gesicht zu sehen.“

„Ja“, begann Steph und grinste, „aber erinnert dich das nicht an etwas?“

Sie betrachtete die Szene, schüttelte dann aber den Kopf. „Keine Ahnung.“

„Das ist der Ausschnitt aus dem Vorspann vom A-Team, wenn Hannibal in diesem grünen Gummimonster steckt und genau das Gleiche mit der Zigarre macht.“

„Ach, natürlich“, sagte Vanessa und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Da hätte ich auch von selbst drauf kommen müssen.“

„Komm, lass uns zum Empfang gehen, damit man uns bei Felicity anmelden kann.“ Steph dirigierte ihre Freundin in Richtung Foyer zu einer langen Theke, an der gut ein Dutzend Hotelmitarbeiter versuchte, die zahllosen Anfragen der Gäste und Besucher zu beantworten. Es dauerte eine Weile, bis der zu groß geratene Hobbit vor ihnen in der Schlange endlich seinen Zimmerschlüssel erhielt, dann waren sie an der Reihe.

„Guten Tag, meine Damen, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte der Portier, der bisher bei keinem der kostümierten Gäste eine Miene verzogen hatte, dafür aber beim Anblick von Vanessa und Steph verdutzt dreinschaute. Obwohl die Convention erst an diesem Morgen offiziell eröffnet worden war, musste er schon viele Aliens, Superhelden und Superschurken zu Gesicht bekommen haben, dass der Anblick von zwei Fünfundzwanzigjährigen in Jeans und bunten T-Shirts auf ihn sehr außerirdisch wirkte.

„Wir sind mit Felicity Cramer verabredet, würden Sie uns bitte bei ihr anmelden?“, bat Vanessa den jungen Mann, der einen makellos sitzenden dunkelblauen Anzug trug und in dieser Umgebung ganz entschieden fehl am Platz wirkte. „Vanessa Nemsky und Stephanie Bester.“

Der Portier tippte etwas in seinen Computer ein, dann griff er zum Telefon und wählte eine Nummer. Nach einigen Augenblicken sagte er: „Da meldet sich nur die Mailbox.“ Er sah Vanessa an. „Einen Moment bitte.“ Dann wandte er sich der Regalwand hinter ihm mit unzähligen schmalen Brieffächern zu, griff zielstrebig nach einem der Fächer und zog einen Umschlag heraus.

„Vanessa …“, begann er vorzulesen.

„… Nemsky“, ergänzte sie. „Und Stephanie Bester.“

„Ja, dann ist das hier für Sie beide“, erwiderte er und legte ihnen den Umschlag hin, auf dem ihre Namen standen. Es war eindeutig Felicitys Handschrift.

„Danke.“ Vanessa zog ihre Freundin mit sich von der Theke, um dem Nächsten in der Schlange Platz zu machen. Dessen Kleidung war über und über mit alten Computerplatinen besetzt, die untereinander mit verschiedenfarbigen Kabeln und Drähten verbunden waren.

An einem freien Stehtisch gleich neben dem gigantischen Springbrunnen mitten im Foyer setzten sie sich auf zwei Hocker, und Vanessa öffnete den Umschlag.

„Und?“, fragte Steph fast im gleichen Moment.

„Du siehst doch, dass ich den Brief erst noch aus dem Umschlag ziehen und wenigstens einmal lesen muss, bevor ich dir sagen kann, was Felicity uns schreibt.“

„Das sehe ich. Aber wenn du einfach den Brief herausgeholt hättest, anstatt das alles lang und breit zu erklären, dann wüsstest du jetzt schon längst, was drin steht, und du könntest mir eine Antwort geben.“ Stephs Grinsen verhinderte schon im Ansatz, dass Vanessa sich ärgern konnte, die zugeben musste, dass das Argument ihrer Freundin eigentlich gar nicht so verkehrt war.

„Okay“, sagte Vanessa und überflog die Nachricht. „Felicity schreibt, dass sie heute Vormittag noch einen dringenden Termin wahrnehmen muss und dass wir uns erst kurz vor drei sehen können, danach hat sie noch einen anderen Termin, und am Abend gibt es dann ihre Präsentation von Lady Omega … und direkt danach hat sie endlich mehr Zeit, wenn die Reporter ihr ein Loch in den Bauch gefragt haben.“

„Ach, das ist aber schade“, meinte Steph. „Ich hätte mich gern noch vorher etwas länger mit ihr unterhalten.“

„Tja“, sagte Vanessa ein wenig ironisch, „dann können wir uns wenigstens schon mal daran gewöhnen, was es heißt, eine berühmte Freundin zu haben, die keine Zeit mehr für uns hat.“

„Felicity wird immer Zeit für uns haben, auch wenn sie berühmt wird“, hielt Steph dagegen.

Vanessa wollte ihr lieber nicht die Illusion nehmen, daher sagte sie nichts weiter dazu, aber sie hatte so etwas Ähnliches schon einmal mitgemacht, als sie vierzehn oder fünfzehn war. Damals war bei einer Klassenkameradin und guten Freundin eine extreme Hochbegabung festgestellt worden, weshalb sie in rascher Folge zwei Schuljahre überspringen durfte.

Ehe sich Vanessa versah, war ihre Freundin bereits auf der Uni, und auch wenn sie vorher noch so oft beteuert hatte, es werde sich an ihrer Freundschaft nichts ändern, war genau das doch eingetroffen. Sie entfremdeten sich immer mehr, weil sie in völlig verschiedenen Kreisen lebten, sie sahen sie kaum noch, und auch die Abstände zwischen zwei Telefonaten wurden rasch länger und länger – bis die Freundschaft schließlich ganz von selbst eingeschlafen war.

So würde es mit Felicity auch kommen, denn wenn sie erst mal von einer Convention zur nächsten reiste, wenn sie Autogrammstunden in Comicshops gab, wenn sie mit Redakteuren über die Richtung sprach, in die sich ihr Comic ihrer Meinung nach entwickeln sollte, dann … ja, dann blieb keine Zeit mehr für gute Freundinnen.

„Ich bin ja mal auf Felicitys Auftritt gespannt“, redete Steph weiter, die nichts von den düsteren Gedanken ihrer Freundin ahnte. „Sie hätte uns ja wenigstens einweihen können, wie ihre neu erfundene Figur so aussieht und was sie kann. Wir hätten schon nichts verraten.“

„Das wissen wir, und das weiß auch Felicity. Aber wenn doch irgendjemand etwas an die Medien verrät, dann fällt der Verdacht auf uns, obwohl wir damit nichts zu tun hatten.“ Vanessa schüttelte den Kopf. „Ich hätte auch gern irgendwas vorher erfahren, aber so ist es eigentlich viel besser. Wenn ich gar nichts weiß, kann ich auch nicht versehentlich eine falsche Bemerkung machen und Felicity um ihren großen Auftritt bringen.“

„Ich weiß“, meinte Steph. „Du hast schon recht, trotzdem würde man meinen, dass enge Freundinnen sich untereinander mehr vertrauen. Andererseits … ja, stimmt, was du sagst. Wenn ich nichts weiß, kann mir auch niemand was entlocken.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Und was machen wir jetzt?“

Vanessa sah auf ihre Uhr. „Gerade Mittag durch. Dann haben wir noch fast drei Stunden Zeit, bis wir uns mit ihr treffen können.“ Sie schaute sich um. „Lass uns an dem Stand da drüben was essen, danach können wir ja mal einen Blick in den Händlerraum werfen und uns ansehen, wofür die Leute ihr Erspartes ausgeben und welche Händler wieder darauf hoffen, mit ihren Wucherpreisen den dicken Gewinn einzustecken.“

„Gute Idee“, fand Steph, nickte zustimmend und hakte sich bei ihrer Freundin unter.

Es war viel Geduld nötig, in dem überlaufenen Hotelrestaurant überhaupt einmal eine Bestellung aufzugeben. Es verging noch einmal eine halbe Ewigkeit, bis das Essen serviert wurde – das dann auch noch den Eindruck erweckte, als sei es nur einmal für ein paar Minuten in die Mikrowelle gestellt worden.

Der Geschmack der blauen und pinkfarbenen Nudeln und der lila Soße ließ sich am besten als fragwürdig bezeichnen, und nach den Gesichtern der Gäste an den anderen Tischen zu urteilen, waren deren Gerichte nicht schmackhafter. Das Hollywoodland Hotel genoss eigentlich einen guten Ruf, und das galt auch für das Restaurant im Haus, doch heute bekam man unweigerlich das Gefühl, dass der Chefkoch gesagt hatte: „Von den dreieinhalbtausend Leuten kommt sowieso keiner noch mal her, um hier zu essen, also müssen wir uns keine Mühe geben.“

Wenigstens satt waren Vanessa und Steph und zogen weiter.

Der Händlerraum präsentierte sich als eine riesige Halle. Die mobilen Trennwände, die den Raum normalerweise in mehrere kleinere Säle teilten, waren abgebaut. An den unzähligen Ständen gab es schlichtweg alles, was das Sammlerherz begehrte: seltene Originalausgaben beliebter Comicserien, bei denen die Händler kein Problem damit hatten, vierstellige Preise auf der schützenden Plastikhülle zu vermerken; Superheldenfiguren aus Plastik in allen nur denkbaren Posen und Größen; Sammelkarten, mal als Komplettsätze, mal als einzelne Exemplare angeboten; DVDs und alte Videokassetten mit Science-Fiction-Serien, die zum Teil aus der Anfangszeit des Fernsehens stammten; Autogrammfotos von Schauspielern aus Comicverfilmungen; T-Shirts mit originellen und weniger originellen Motiven und vieles mehr.

„Hier kann man sich wirklich arm kaufen“, stellte Steph fest, nachdem sie einen von mehreren Dutzend Gängen hinter sich gelassen hatten. „Und dabei kommt man nicht mal mit drei oder vier großen Einkaufstaschen zurück.“ Sie zeigte auf eine Fernsehzeitschrift aus den Sechzigern, auf dem Titelbild sahen einen Captain Kirk und Mr Spock an; beide Schauspieler hatten das Cover signiert – und auf dem Preisschild waren 350 Dollar notiert.

„Bis ich so viel Geld übrig habe, muss ich ein paar Monate lang sparen“, sagte Steph, „und dann gebe ich das für eine alte Fernsehzeitung aus, die mit zwei Unterschriften verunstaltet worden ist.“

„Na, na, na, junge Frau“, warf der Verkäufer ein, der ihre Bemerkung mitbekommen hatte. „Das sind nicht bloß zwei Unterschriften, das sind die Autogramme von William Shatner und Leonard Nimoy, und die stammen von 1967, als meine Eltern mit mir eine Führung durch die Desilu Studios unternahmen. Sie konnten bei den Dreharbeiten einer Star-Trek – Episode zusehen, und dann holte mein Vater für mich diese Autogramme. Ich war damals erst vier, und so gern ich damit prahlen würde, muss ich gestehen, dass ich keine Erinnerung an diesen Tag habe.“

„Oh, das ist aber eine schöne Geschichte“, meinte Steph mit einem kleinen ironischen Unterton. „So was rechtfertigt natürlich den Preis.“

„Na ja, es fällt mir auch schwer, mich von so einem Erbstück zu trennen, aber hier auf der Messe weiß ich wenigstens, dass es in die richtigen Hände kommt.“

„So ganz geben Sie es ja eigentlich nicht weg“, hielt Vanessa dagegen. „Sie bekommen ja auch was dafür.“

„Ja, ja, das schon“, sagte der Händler ein wenig ungehalten und fuhr sich mit einer Hand gereizt durchs Haar, während er mit der anderen über seinen grauen Bart rieb. „Aber es ist ja auch ein echtes Sammlerstück, das ich nur jemandem überlassen will, der damit so pfleglich umgeht wie ich.“

„Da fällt mir ein“, fuhr Steph fort. „Mein Freund ist ein Experte, was die Serie angeht, und von ihm weiß ich, dass es in den Desilu Studios nie irgendwelche Führungen gab, bei denen man sich von den Schauspielern Autogramme holen konnte. Seltsam, nicht wahr?“

„Ihr Freund müsste dann aber ein paar Jahre älter sein als Sie, wenn er das so genau wissen will. Ich war schließlich selbst dabei, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen“, knurrte der Händler sie an.

„Wie eigenartig. Als Sie gerade davon erzählt haben, da sagten Sie, Sie könnten sich an absolut nichts erinnern.“

„Ich …“, begann er, dann nahm er das Heft an sich und legte es in eine Kiste hinter dem Verkaufsstand. „Sie sehen nicht so aus, als würden Sie zu meinem Kundenkreis gehören“, meinte er schließlich und sah demonstrativ in eine andere Richtung.

„Sie wissen ja, dass Ihre ziemlich dreiste Lüge nicht einfach aus der Welt ist, nur weil Sie mich jetzt nicht mehr ansehen wollen.“

Der Händler zuckte mit den Schultern. „Wollen Sie sich einen Stuhl nehmen und sich an meinen Stand setzen, nur damit Sie jedem Ihre Version der Geschichte erzählen können?“, meinte er herausfordernd.

Steph hielt ihr Handy hoch. „Ich muss doch nur mal schnell was twittern, dann wissen hier gleich alle, was für ein Geschäftsmann Sie sind.“

„Was soll das? Geht es Ihnen um das Heft?“, knurrte der Mann. „Wenn Sie’s unbedingt haben wollen, dann gebe ich Ihnen einen Rabatt. Hundert Dollar, okay?“

Sie schüttelte flüchtig den Kopf. „Ich will das Heft nicht haben. Ich finde nur, Sie sollten Ihren Kunden keinen Bären aufbinden. Der Nächste schwärzt Sie dann vielleicht wirklich auf Twitter an.“

Mit diesen Worten wandte Steph sich von ihm ab und ging zusammen mit Vanessa weiter.

„Woher hast du das gewusst?“, wunderte sich Vanessa. „Du hast keinen Freund. Jedenfalls im Augenblick nicht.“

„War ja auch nur ein Bluff“, erklärte Steph. „Und wie du siehst, ist der Kerl ertappt worden. Aber soll er eben Fantasiepreise auf seine Sachen schreiben, irgendwann findet sich schon jemand, der ihm etwas abkauft. Mir war diese Herz-Schmerz-Geschichte einfach zu dick aufgetragen.“

„Du solltest vielleicht wirklich etwas unternehmen, damit nicht der nächste Interessent ihm die Story abkauft“, schlug Vanessa vor.

„Ach, weißt du, da hätte ich viel zu tun. Hier versucht bestimmt jeder zweite Händler, den Leuten etwas für viel Geld unterzujubeln. Ein paar Unbelehrbare werden das Geld auch ausgeben, aber die meisten hier wissen, ob ein Teil wirklich viel wert ist oder nicht.“

„Dann sollten wir uns auf jeden Fall von Felicity ein Autogramm geben lassen, das wir verkaufen können, wenn sie berühmt geworden ist.“ Vanessa drehte sich um. „Hey, hörst du auch die vielen Sirenen?“

Steph legte den Kopf schräg und lauschte intensiv, da das Stimmengewirr der Besucher im Saal für ein lautes Summen sorgte, so als würden Millionen Bienen durch einen Tunnel fliegen.

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