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Lady Annes Geheimnis

Über das Buch

Sommer 1714. Seit drei Jahren lebt Anne als Zofe am Hof des Kurfürsten Georg Ludwig. Ihre Eltern haben sie zur Vertuschung einer unehelichen Schwangerschaft nach Hannover verbannt und ihr das Kind weggenommen. Nichts will Anne mehr, als nach England zurückzukehren und ihren Sohn zu finden. Als Georg Ludwig zum englischen König ausgerufen wird und mit seinem Hof nach London zieht, bietet sich ihr die erhoffte Gelegenheit. Zugleich wird ihr Geheimnis für sie noch gefährlicher, denn der Vater ihres Kindes zählt zu Georgs erbittertsten Gegnern …

Über die Autorin

Martha Sophie Marcus wurde 1972 im Landkreis Schaumburg geboren, studierte in Hannover Germanistik, Pädagogik und Soziologie und verbrachte anschließend zwei Jahre in Cambridge. Heute lebt Martha Sophie Marcus mit ihrer Familie in Lüneburg. Im Herbst 2016 erhielt sie den Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg in der Sparte »Literatur«.

Martha Sophie Marcus

Lady Annes Geheimnis

HISTORISCHER ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

Im Anhang dieses eBooks finden Sie eine Liste der historischen und fiktiven Personen und ein Glossar der im Roman verwendeten ungewöhnlichen Begriffe.

1. Kapitel

Hannover-Herrenhausen, Juni 1714

Drückende Sommerhitze lag über Herrenhausen. Die Prachtgärten der Herzogin standen in voller Blüte, und zwischen den ordentlich gestutzten Hecken spazierten Damen und Herren, die in ihren bunten Kleidern wandelnden Riesenblumen ähnelten. Sobald der in der Luft liegende Regen kam, würden sie mit trippelnden Schritten vor ihm fliehen und dabei aussehen wie abgerissene Blütenköpfe, die der Wind vor sich hertrieb.

Anne Baynes, die Tochter von Sir Baynes von Madlock Country in Schottland, wandte sich vom Fenster ab. Vor zweieinhalb Jahren hatte ihre deutsche Tante sie an den kurfürstlichen Hof geschickt, und sie war mit dem Vorsatz gekommen, sie alle zu hassen: die eitlen Höflinge, die Mätresse des Kurfürsten, die in Glanz und Gloria in einer Stellung lebte, für die das Volk gewöhnliche Frauen bespuckte, den Kurfürsten selbst, der alle zwang, über das zu schweigen, was er seiner Gemahlin antat, und die Töchter dieser beiden, die als verwöhnte Gänse dahinleben durften, ohne zu erfahren, was echte Sorgen sind.

Und gelegentlich hasste sie den einen oder anderen von ihnen wirklich.

»Anne, wenn du nächstes Mal die angeblich gereinigten Schuhe entgegennimmst, dann sieh richtig hin! Sie sind nicht sauber. Da!«

Luise von der Schulenburg, die älteste Tochter von Kurfürst Georg und seiner Maîtresse en titre Melusine, hielt ihr einen gelben Brokatschuh so nah vor die Augen, als sei sie kurzsichtig, und zeigte auf eine winzige dunkel verfärbte Stelle. Schmutz war es nicht, eher der Schatten eines Flecks, den auch die gründlichste Reinigung nicht hatte entfernen können.

»Ich bitte um Verzeihung, Fräulein Luise. Soll ich den Schuh noch einmal zum Reinigen bringen?«, fragte sie.

Mit der gebotenen Vorsicht schüttelte Luise den bereits frisierten Kopf. »Ich besitze keine anderen Schuhe, die so gut zu diesem Kleid passen, wie du sehr wohl weißt. Und ich werde mich nicht noch einmal umkleiden, nur weil der Schuh einen kleinen Fleck hat. Aber du musst aufmerksamer sein. Be more mindfuller!«

Gehorsam deutete Anne einen Knicks an. »More mindful, Miss Luise. Ohne das ›er‹ am Ende. Ich werde mich bemühen.«

Luises ebenfalls fast fertig angekleidete Schwester Melusine-die-Jüngere lachte fröhlich auf und verriet damit, dass Luise Anne nur aufgezogen hatte.

In der Tat zuckte die Ältere lächelnd mit den Schultern. »Das war doch nur ein Scherz, Annchen. Ich weiß, wie es richtig heißt. Sollten wir die Queen eines Tages doch noch kennenlernen, dann wird sie an unserem Englisch keinen Anstoß nehmen können. Allerdings glaube ich nicht, dass es dazu kommt. In ihrer Thronrede im März hat sie die hannoversche Thronfolge gar nicht erwähnt. Und gestern hat unsere durchlauchte Grandmère einen bösen Brief von ihr erhalten, in dem sie sich in scharfen Worten verbittet, dass ein Mitglied des Hauses Hannover noch zu ihren Lebzeiten nach England kommt. Grandmère war äußerst konsterniert wegen dieser Grobheit.«

Melusine zog eine Schnute. »Ich glaube, Queen Anne ist eine übellaunige, schrullige alte Vettel. Unsere Grandmère Sophie hat dagegen ein geradezu engelhaftes Temperament, wenn du mich fragst. Ich kann verstehen, wenn die Gute darüber verzweifelt, dass man es der Engländerin und ihrem Gefolge nicht recht machen kann. Zeigt Grandmère sich interessiert an der Thronfolge, ist sie in deren Augen gierig und voreilig. Zeigt sie sich vornehm zurückhaltend, sehen sie nur schändliche Gleichgültigkeit darin.«

Anne stellte sich ihre Namensvetterin, die verwitwete und kinderlose Queen Anne, vor, wie sie krank und elend im Bett lag, einsam zwischen ihren Beratern und Ministern. Begegnet war sie ihr nie, aber ihre Eltern hatten sie nach der Königin benannt. Ihre Mutter verehrte Ihre Majestät und hatte früher daheim in Madlock House jede Nachricht aus London aufgesogen und eifrig verbreitet. Etwa siebzehn Schwangerschaften hatte die Queen erlebt. Doch nur fünf ihrer Kinder waren lebend zur Welt gekommen, und nur ein einziges war älter geworden als zwei Jahre. Dieser eine Knabe war am Ende seines elften Lebensjahrs an einem bösartigen Fieber gestorben. Annes Mutter hatte das Unglück der Königin bei jedem Trauerfall mit Tränen in den Augen beklagt. So hatte Anne gelernt, Mitgefühl mit Ihrer Hoheit zu haben, lange bevor sie selbst hatte erfahren müssen, was eine Schwangerschaft und der Verlust eines Kindes bedeuteten. Inzwischen wusste sie es, wenn sie das auch niemandem preisgeben durfte. Ihrer schändlichen Schwangerschaft wegen hatten ihre Eltern sie aus der Heimat verbannt, damit sie das Kind heimlich bei ihrer Tante auf die Welt brachte. Sie fühlte den Schmerz noch, als wäre alles erst kürzlich geschehen.

Mit umso größerer Hochachtung bewunderte sie die Königin dafür, dass sie trotz der schrecklichen Erfahrungen ihr Land gut regiert hatte. England war unter Queen Annes Herrschaft durch alle Turbulenzen hindurch gut gediehen. Doch nun war sie ausgelaugt und musste nicht nur dem nahen Tod, sondern auch der Gewissheit ins Auge blicken, dass ihre Krone bald einem Fremden aufgesetzt werden würde – fremd für sie, und fremd vor allem für ihr Land. Wie konnte ein Mensch so viel Leid ertragen, ohne wahnsinnig zu werden? Der Verlust eines einzigen Kindes war schon schwer genug.

Doch am Hof von Hannover sprach man über solche Fragen besser nicht laut. Es hätte sonst vielleicht ein verfängliches Gespräch darüber aufkommen können, ob es unrecht war, eine Mutter von ihren Kindern zu trennen, wie der Kurfürst es mit seiner geschiedenen Frau und ihren Kindern getan hatte.

Luise stieß einen verächtlichen Laut aus. »Im Vergleich mag Grandmère ein Engel sein. Aber sie ist kompliziert genug, und sie ist alt. Ich kann mir in Wahrheit nicht vorstellen, dass sie noch nach London reist, um auf den Thron zu steigen und Großbritannien zu regieren. Unter uns gesagt habe ich sogar Schwierigkeiten, mir vorzustellen, wie unser Vater diese Aufgabe übernimmt. Obgleich er in seinem Alter zweifellos geeigneter wäre.«

Anne kannte die Art, wie Melusine sich gehetzt im Raum umsah, um sicherzugehen, dass da sonst niemand war, der das Gespräch belauschte. Für eine Zofe wie sie war es das Zeichen, dass sie zur gehörlosen Dienerin werden musste. Daher verkniff sie sich jede sichtbare Gefühlsregung. Dass Luise an der Eignung ihrer Großmutter und ihres Vaters für das ihnen zugedachte Amt zweifelte, durfte auf keinen Fall an die Öffentlichkeit dringen. Wären die Zweifel auch noch so begründet, äußern durfte man sie nicht.

Auf der Kommode lagen Schmuckstücke, die Anne Melusine anlegen musste. Achtsam nahm sie die Halskette auf, als gäbe es für sie nichts Wichtigeres.

Melusine antwortete ihrer Schwester flüsternd: »Das darfst du doch so nicht sagen, Luise. Aber wenn wir schon einmal dabei sind: Mich graust es bei der Vorstellung, dass wir vielleicht bald alle nach England umziehen müssen. Dich denn gar nicht?«

Mit einem Schulterzucken wandte Luise sich ihrem Spiegelbild zu. Ihr üppiges dunkles Haar machte eine Perücke überflüssig. Nur einige zusätzliche Haarteile hatte Anne verwendet, um die Frisur höher aufbauen zu können. Zufrieden zupfte Luise sich die Löckchen zurecht, die ihr Gesicht umspielten. »Wenn Grandmère Königin wird, ist es überhaupt nicht gewiss, dass wir alle nach England mitgehen. Vielleicht wird Vater sich dafür entscheiden, hier in Hannover unsere eigenen Staatsgeschäfte weiterzuführen. Ich neige dazu, das zu glauben. Das Kurfürstentum zu stärken bedeutet ihm schließlich alles. Und solange er nicht dauerhaft in England leben will, wird Notre-tante ganz sicher nicht dorthin ziehen. Aber warum graust es dich auf einmal so davor? Wir haben uns doch immer darauf gefreut, für eine Weile in London zu leben! Es ist sicher aufregender als hier.«

Melusine war ans Fenster getreten, um hinauszublicken. Nun neigte sie den Nacken, um sich ihr Collier anlegen zu lassen. Da sie so hochgewachsen war wie ihre Mutter, musste Anne, die zu den kleinsten Frauen des Hofs gehörte, die Arme weit heben, um der jungen Dame die Kette zu schließen. Sie gab acht, dass das Puder, mit dem sie Melusines Dekolletee geweißt hatte, den Edelsteinen nicht ihren Glanz nahm.

»Eine Stadt zu besuchen ist aber etwas anderes, als seine Heimat aufgeben zu müssen, um dort für immer zu leben. Mir wurde das bewusst, als wir kürzlich glaubten, dass Queen Anne tatsächlich dem Tode nahe sei. Und sie haben dort dieses Gesetz, dass der König oder die Königin das Land nicht verlassen darf«, sagte sie.

»Ach, Melusine! Eins ist ganz gewiss: Du oder ich werden nicht Königin. Daher wird wohl niemand etwas dagegen einzuwenden haben, falls wir England wieder verlassen möchten«, sagte Luise.

Das Collier war verschlossen, und Anne wich zurück, um die passenden Ohrgehänge zu holen. Wie seltsam, dass die jungen Damen schon jetzt darüber nachdachten, aus England zu fliehen, obwohl sie das Land noch gar nicht kennengelernt hatten! Sie selbst konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihr Herkunftsland freiwillig noch einmal verlassen würde, falls es ihr gelang, dorthin zurückzukehren. Gelegentlich träumte sie von der bergigen Küste des Firth of Clyde, die bei jedem Wechsel des Lichts anders aussah und doch in ihrer Mischung aus Schroffheit und sanftem Grün immer wunderschön blieb. Wenn sie erwachte und sich daran erinnerte, wo sie wirklich war, fühlte sie sich beraubt.

»Bist du fest davon überzeugt, dass die Engländer die Thronfolge so einhalten werden, wie es im Act of Settlement steht? Oder hältst du es für möglich, dass sie den Beschluss im letzten Moment ändern?«, fragte Melusine.

»Ich halte in dieser Hinsicht alles für möglich. Vielleicht entscheiden sie sich am Ende doch für ihren schottischen James oder Jakob Stuart. Sie wollen ihn nicht, weil er ein Katholik ist. Aber solche Dinge können sich ändern, nicht wahr? Soweit ich gehört habe, hat der Mann etliche Fürsprecher, obwohl er im Exil lebt. Wer weiß, ob sie nicht noch an Einfluss gewinnen, bevor Queen Anne stirbt?«

Anne war froh, dass man sie nicht nach ihrer Meinung fragte, denn sie hätte nicht gewusst, was sie sagen sollte. Der Wohnsitz ihrer Familie lag im Süden Schottlands, darum wusste sie, dass viele Schotten sich James Stuart auf den Thron wünschten, weil sie sich davon Vorteile für ihr Land erhofften. Doch Annes Vater war Engländer und ihre Mutter Deutsche, und beide hatten ihren Kindern reichlich Schauergeschichten von den despotischen katholischen Stuart-Königen erzählt. Daher empfand sie die eher liberale und gebildete Herzogin Sophie oder ihren Sohn Kurfürst Georg als durchaus kluge Wahl.

Ihre politische Ansicht spielte allerdings gar keine Rolle, wenn sie sich dringend wünschte, dass ein Angehöriger des Hauses Hannover den Thron bestieg. Denn nur gemeinsam mit dem hannoverschen Hof würde es ihr möglich sein, nach England zurückzukehren. Allein konnte sie sich nicht einmal die Reisekosten leisten. Geschweige denn, dass sie gewusst hätte, wo und wie sie ihr Leben fristen konnte. Ihre Familie würde sie nicht aufnehmen, wenn sie ungerufen nach England kam. Und selbst besaß sie nichts. Keine Schränke voller Seidenkleider in allen Farben des Regenbogens, wie die Damen, denen sie diente. Auch keine Juwelen an Samtbändern, aufgezogenen Perlen, Ohrgehänge aus Gold, Schatullen voller Silbermünzen oder Urkunden über Einkünfte aus ihr überschriebenen Landgütern.

Auf all diese Dinge hatte sie früher einmal gute Aussichten gehabt. Dass sie diese Aussichten je zurückgewann, war unwahrscheinlich. Dafür hätte ihr Vater sich an sie erinnern und zu dem Schluss kommen müssen, dass sie ihm als Braut irgendeines vielversprechenden möglichen Schwiegersohns größere Vorteile einbrachte, als es Nachteile und Schwierigkeiten verhieß, sie vom kurfürstlichen Hof nach Hause zu holen. Meine Tochter ist Zofe am Hof unseres zukünftigen Königs, ging geschmeidig über die Lippen und klang eindrucksvoll. Da gab es nichts zu rechtfertigen. Die Tochter musste froh und dankbar für diese Ehre sein.

Sanft schob Anne den vergoldeten Draht durch das Loch in Melusines Ohrläppchen. Seit die junge Dame letztes Mal ungeduldig versucht hatte, den Ohrschmuck eigenhändig anzulegen, war es geschwollen, deshalb war besondere Vorsicht geboten. Anschließend ging Anne um die weiten Röcke herum, um auch das andere Ohr erreichen zu können, während Melusine weiter aus dem Fenster blickte. »Vorsicht, Miss Melusine. Bitte noch einmal stillhalten!«, sagte sie.

Das Fräulein regte sich nicht, bis sie fertig war, dann lächelte sie Anne an. »Danke, Anne. Es hat gar nicht wehgetan. Niemand sonst hat so geschickte Hände wie du. Gerade gestern sagte ich zu Notre-tante, wie einfallsreich und gewandt du im Frisieren geworden bist, und wie zufrieden ich darüber bin, dass wir dich haben. So eine kleine Elfe du auch bist, so groß sind deine Talente.«

Anne spürte, wie sie errötete. Mit Schmeichelei konnte sie noch schlechter umgehen als mit Spott. »Euch und Euren Schwestern behilflich zu sein ist mir eine Freude«, sagte sie.

Luise stieß ein gutmütiges Schnauben aus. »Nun, Miss Fairy, könntest du mir bitte jetzt einmal ganz geschickt die Schuhe überstreifen? Eine Schande, die Sache mit dem Fleck!«

Anne erinnerte sich daran, wie ihre Tante solche Probleme zu lösen pflegte, und betrachtete den Schuh noch einmal. »Habt Ihr noch einen Augenblick Zeit, Miss Luise? Ich habe eine Idee.«

»Eine Idee hat die Fee! Dann rasch!«, sagte Luise.

Aus der Kleiderkammer holte Anne Nähzeug und ein paar Blättchen aus hauchdünnem Goldblech, die vom Besatz eines Kleides abgefallen waren, und ging ans Werk. Kurz darauf präsentierte sie das Ergebnis. »Wie meine deutsche Tante zu sagen pflegte: Einen Schaden zu verzieren ist oft unauffälliger als der Versuch, ihn zu beheben. Was meint Ihr?«

Luise begutachtete zufrieden die Blättchen, neben denen die Unregelmäßigkeit in der Farbe des Gewebes nicht mehr ins Auge stach. »Das Zweitbeste an dir nach deiner Geschicklichkeit ist deine Tante«, sagte sie.

Was Anne zum Lächeln brachte, obgleich sie innig hoffte, dass sie keine Ähnlichkeit mit ihrer Tante Irma hatte. Deren Einfallsreichtum hatte sie nicht davor gerettet, zu einer bitteren alten Jungfer zu werden, die ihre Unzufriedenheit mit Branntwein betäubte.

Die beiden jungen Damen waren fertig angekleidet und bereit, sich zu den anderen menschlichen Blumen in den großen Garten zu begeben. Erleichtert wartete Anne darauf, dass man sie entließ, denn sie hatte noch nicht gefrühstückt und sehnte sich nach einer kleinen Pastete und einem Becher Pfefferminztee. Je nachdem, was die Herrschaften gestern beim Abendessen übrig gelassen hatten, würde es Pastete mit Wild- oder Ei-und-Käse-Füllung oder Obstkompott geben. Sie war so hungrig, dass ihr alles gleich verlockend erschien.

Melusine stieß einen Laut des Entzückens aus und hob die Hand, um anzuzeigen, dass ihr etwas Wunderbares eingefallen war. »Erinnerst du dich an die braunen Samtschuhe, die mir so langweilig geworden sind, Anne? Ich bin sicher, sie würden mir wieder gefallen, wenn du sie mit einem ähnlichen goldenen Besatz verzierst. Und ich könnte sie heute Nachmittag zum Spaziergang mit Notre-tante, Seiner Durchlaucht und Prinzessin Caroline tragen. Sei so gut und erledige das gleich, damit es uns später beim Umkleiden nicht aufhält.«

Ihre Schwester pflichtete ihr bei. »Sie hat recht. Sowohl Seine Liebden als auch Caroline verabscheuen Verspätungen. Notre-tante wäre es peinlich, wenn eine von uns erneut dadurch auffiele. Mach es also lieber jetzt gleich.«

Anne musste ein wenig Bitterkeit hinunterschlucken. Die Fräulein taten, als würde es an ihrer kleinen Handarbeit liegen, ob sie sich an diesem Nachmittag verspäteten oder nicht. Dabei wäre es nicht allzu schwierig gewesen, sich etwas früher von den Spielereien des Tages loszureißen, um am späten Nachmittag pünktlich zum Spaziergang mit ihren Eltern und ihrer inoffiziellen Schwägerin Caroline anzutreten. Doch es stand ihr nicht zu, sie darauf hinzuweisen. Ihr knurrender Magen würde sich gedulden müssen.

»Die Schuhe werden fertig sein, wenn Ihr zum Umkleiden hereinkommt, Miss Melusine«, sagte sie und knickste.

Als die beiden jungen Damen sich zur Tür bewegten, klopfte es laut von außen. Anne öffnete, um die gerade dreizehnjährige und damit jüngste der drei Schwestern einzulassen. »Guten Morgen, Miss Gertrud. Eure Schwestern wollten gerade hinausgehen.«

»Guten Morgen, Anne. Ich darf mit in den Garten, denn ich habe heute Morgen mein Latein und mein Einmaleins so gut aufgesagt, dass ich bis nach dem Mittagessen keinen Unterricht mehr habe.« Ihr rosiges Gesicht strahlte und ließ sie noch niedlicher aussehen als sonst. Sie war eindeutig die Hübscheste von den dreien und wurde vor allem von ihren Eltern verwöhnt. Ganz schwach erinnerte sich Anne an eine Zeit, in der sie selbst eine solche Rolle für ihre Eltern gespielt hatte.

»Darauf dürft Ihr stolz sein, Miss Gertrud«, sagte sie.

»Das kommt, weil sie dieses unglaublich gute Gedächtnis hat«, sagte Melusine. »Sie konnte schon immer verblüffend schnell auswendig lernen.«

Trudchen lachte. »Wenn wir bald nach England umziehen, dann werde ich noch viele neue Wörter lernen müssen. Wirst du dann eigentlich mitkommen, Anne? Oder wirst du wieder bei deiner Tante Irma in Altehorst leben?«

Obwohl diese Frage Anne unaufhörlich beschäftigte, tat sie gelassen. »Die Entscheidung liegt nicht bei mir. Euer Herr Vater wird gewissenhaft abwägen, wer ihn nach London begleiten darf. Damit wird er auch über meine Zukunft bestimmen.«

»Willst du denn gehen? Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich will. Aber ich habe gehört, dass es nicht einmal feststeht, ob Notre-tante mitgehen darf. Wegen … Na, ihr wisst schon«, sagte Gertrud.

Melusine schnaubte empört. »Seine Liebden wird doch nicht ohne sie in ein anderes Land ziehen.«

Ihre ältere Schwester sah es nüchterner und drückte damit auch Annes Zweifel aus. »Wer weiß? Man kann nicht erwarten, dass sich die Engländer mit allem gleich abfinden werden. Einen neuen, fremden König zu respektieren, ist schon eine Herausforderung. Dass er gleich seine Mätresse und ihre Töchter mitbringt, wird sie möglicherweise empören. Anne hat recht: Er wird genau darüber nachdenken müssen, wer ihn begleitet. Am Ende ist es ja auch eine Frage der Kosten.«

*

Knapp drei Jahre zuvor hatte Annes deutsche Tante Irma in einem ihrer klaren Momente geschlussfolgert, dass ihre Jugendfreundin Melusine von der Schulenburg Verwendung für eine junge Gesellschafterin haben könnte, die Englisch ebenso fließend sprach wie Deutsch, und der die englischen Gebräuche und Eigenheiten geläufig waren. Anne war mit ihren damals 17 Jahren etwa im gleichen Alter wie Luise und die nach ihrer Mutter benannte Melusine-die-Jüngere, was passend erschienen war.

Frau von der Schulenburg hatte der Vorschlag zwar gefallen, doch eine reine Gesellschafterin oder weitere Lehrerin hatte sie sich nicht leisten wollen. Durch die Blume hatte sie Irma dabei mitgeteilt, dass außerdem Annes Herkunft für diesen Posten nicht ganz den Ansprüchen genügte. Erst nachdem Tante Irma die besonderen Talente ihrer Nichte beim Arrangieren von Kleidung und Frisuren angepriesen hatte, einigte man sich darauf, Anne zur Probe am hannoverschen Hof aufzunehmen und sie als Zofe und Englischlehrerin der jungen Damen einen doppelten Nutzen erfüllen zu lassen.

In dieser Stellung war sie zu einem der Zwischenwesen geworden, die weder ganz zu den vornehmen Höflingen zählten noch eindeutig zu den Bediensteten. Sie hatte nicht den Rang einer Hofdame, die am Tisch der hochvornehmen Gesellschaft Platz nehmen durfte. Doch sie war auch keine Magd, die sich zu den Küchenhilfen und Holzknechten auf die Bank setzte. Als Tochter eines englischen Baronets stand sie dafür zu weit über diesen einfachen Leuten.

Sie schätzte sich glücklich, dass sie zumindest in ihrer Zwischenwelt nicht allein war und ihre Pastete einsam in einer Besenkammer verzehren musste. Es gab bei Hof noch andere wie sie und daher auch einen Raum, in dem sie einigermaßen würdevoll gemeinsam ihre Mahlzeiten einnehmen konnten. Eine prachtvoll gedeckte Tafel fand man hier zwar nicht vor, doch die Küchendiener servierten das Beste von dem, was die hohen Herrschaften täglich übrig ließen, und sie bemühten sich sogar, die Vorlieben der Anwesenden kennenzulernen.

Als Anne den kleinen Speisesaal an diesem Vormittag betrat, warteten dort bereits Fräulein Gertruds Gouvernante, der derzeitige Musiklehrer der Herzogsfamilie sowie Freiherr Konrad von Oldeshausen auf ein Frühstück. Herr von Oldeshausen war der viertjüngste Sohn eines verarmten Adelshauses und als Lehrer der Wissenschaften für sämtliche Kinder des Hofs angestellt. Mit seiner scharf geschnittenen Nase und dem glatten Gesicht gefiel er vielen Damen, was ihm für Annes Geschmack zu bewusst war.

Die Herren erhoben sich und erwiesen ihr mit einer kleinen Verbeugung ihre Reverenz, während die Gouvernante ihr freundlich zunickte. Herr von Oldeshausen lud sie mit einer weit ausholenden Geste in die Runde ein. Sein dunkler Justaucorps strömte Lavendelduft aus, der trotz seiner Intensität den Geruch von muffiger Holztruhe nicht überdecken konnte.

»Guten Morgen, Miss Anne«, begrüßte er sie. »Setzt Euch zu uns und berichtet, wie es den älteren Damen von der Schulenburg geht. Das junge Fräulein Gertrud hat uns heute schon bewiesen, dass sie brav lernt. Das ist wenigstens etwas, wenn sie schon das geistige Niveau niemals erreichen wird, das die Enkelkinder unseres verehrten Kurfürsten aufweisen. Ich frage mich, welche Rolle die Vererbung hier spielt. Angeblich soll die Mutter unseres Kurprinzen ja eine geistreiche, wenn auch nicht unbedingt kluge Frau gewesen sein.«

Er gehörte zu denen, die es nicht lassen konnten, auf die geschiedene Gemahlin des Kurfürsten anzuspielen, obwohl es unerwünscht war, sie zu erwähnen. Wahrscheinlich fühlte er sich wagemutig dabei und hoffte, für seine Keckheit bewundert zu werden. Anne hatte die Geschichte der armen Sophie Dorothea ausführlich von ihrer Tante gehört und sich fest vorgenommen, bei Hof niemals freiwillig über sie zu sprechen. Die Scheidung lag zwar schon zwanzig Jahre zurück, doch das machte die Angelegenheit im Grunde noch schlimmer. Denn seit jener Zeit hielt Georg Ludwig seine frühere Ehefrau gefangen. Sie musste in einem kleinen Schloss auf dem Land leben und durfte nur wenige Besucher empfangen. Nicht ein einziges Mal hatte er ihr in all der Zeit erlaubt, ihre beiden gemeinsamen Kinder oder später ihre Enkelkinder zu sehen. Das alles, weil sich Sophie Dorothea einen Liebhaber genommen und es nicht geschickt genug verborgen hatte.

Als Kind hätte Anne geglaubt, dass eine Sünderin eben ihre Strafe demütig ertragen musste. Doch seitdem hatte sie erkannt, dass in der Welt wenig Gerechtigkeit zu finden war. Was als Sünde galt, wurde nicht von einer unbestechlichen höheren Weisheit bestimmt, sondern in Wahrheit durch das, was die Mächtigen bequem fanden. Georg Ludwig, der damals noch nicht Kurfürst von Hannover gewesen war, hatte zum Zeitpunkt von Sophie Dorotheas Untreue bereits die Taufe der ersten Tochter gefeiert, die er mit seiner Mätresse Melusine gezeugt hatte. Er hatte seine Gemahlin also für einen Ehebruch bestraft, den er selbst längst vielfach begangen hatte. Und seine Rache beschränkte sich Gerüchten nach nicht auf ihre Verbannung, denn der Geliebte seiner Gemahlin verschwand spurlos. Hinter vorgehaltener Hand wurde gemutmaßt, dass die Herzogsfamilie den Mann hatte ermorden lassen.

Der Musiklehrer hielt Anne den Stuhl, während sie sich setzte. So musste sie sich nicht damit herumärgern, dass ihre Röcke den Stuhl umwarfen, bevor sie Platz nehmen konnte. Ausladend genug waren sie dafür, obwohl ihr Kleid neben denen der Damen »von Qualität« schmal und bescheiden aussah. Essen stand noch nicht auf dem Tisch, doch die Stubenfliegen lauerten schon. Zu Annes Bedauern war es sinnlos, sie zu vertreiben. Der kleine Speisesaal lag nah bei der Küche, und dort standen jetzt im warmen Juni stets alle Türen und Fenster offen. In den Duft von frisch gebackenem Brot mischten sich Fischgeruch und die beißende Note von etwas Angebranntem.

»Ich glaube, ein Mensch von einfachem Verstand, der fleißig lernt, kann am Ende weit klüger werden als ein von seiner Veranlagung her geistesstarker Faulpelz«, sagte sie.

»Ha, ha! Immer für einen weisen Ausspruch gut, unsere Miss. Doch nicht jede schlechte Veranlagung lässt sich durch Fleiß und Willensstärke ausgleichen. Eine höhere Geburt gibt einem Menschen einen großen Vorsprung, der von anderen kaum eingeholt werden kann. Und so ist es schließlich gottgewollt, nicht wahr?«, sagte Herr von Oldeshausen.

Anne fragte sich, ob er wirklich davon überzeugt war oder bloß plapperte. Seine und ihre gottgewollt hohe Geburt hatte sie beide an diesen Tisch gesetzt, wo sie Fliegen auf dem nicht ganz sauberen Tischtuch beobachten und darauf warten konnten, dass man ihnen Essensreste servierte. Während die gleichhohe Geburt Melusine von der Schulenburg und ihre unehelichen Töchter, die man offiziell als ihre Nichten ausgab, in Samt und Seide hüllte und ihnen heiße Chocolate brachte, wann immer sie es wünschten. Nicht dass Anne es ihnen noch immer missgönnt hätte. Doch wenn sie selbst über so viel Geld hätte verfügen können, dann hätte sie Besseres damit anzufangen gewusst. Tausendmal hatte sie sich schon ausgemalt, wie sie in dem Fall nach England zurückgehen und ihren kleinen Sohn zu sich nehmen würde. Gut drei Jahre war es her, seit ihre Familie ihr den Säugling entrissen hatte, und sie schrieben ihr nie, doch sie war sicher, dass der Kleine noch lebte.

Immer wenn sie darüber nachdachte, fühlte sich ihr Herz an wie ein Hohlraum, der in sich zusammenzubrechen drohte. Gerade in der vergangenen Nacht hatte sie wieder von ihrem Sohn geträumt, hatte gespürt, wie er die winzige Hand um ihren Finger schloss. Sie atmete tief durch und verdrängte den Gedanken.

Ein paar von den Fliegen saugten mit ihren hässlichen Rüsseln an Krümeln, die auf dem Tisch lagen. Zwei der dicken Brummer paarten sich. »Natürlich. So ist es gottgewollt«, sagte sie.

Zu ihrem Glück öffnete sich die Tür, von der aus ein Gang in die Küche führte, und ersparte ihr die Fortführung des Gesprächs. Zwei Mägde brachten eine Terrine mit Milchsuppe und Körbe mit Brot und Pasteten herein.

»Guten Morgen, Miss Anne. Für Euch Pfefferminztee?«, fragte eine von ihnen, die Anne an ihre ältere Schwester Catharine erinnerte, obwohl die sie selten so freundlich behandelt hatte.

»Ja, bitte.«

Die Magd stellte ihre Körbe auf den Tisch und nickte Anne zu. »Wir alle genießen den Duft von Eurer Pfefferminze in der Küche. Der Koch gießt sich schon manchmal selbst davon auf, wenn er eine Verschnaufpause macht.«

Anne zwang sich zu einem kurzen Lächeln. »Grüß ihn von mir und richte ihm aus, dass die Köchin meiner Eltern zu Hause eine köstliche Minzsauce zum Lammbraten zubereitet hat.«

»Ich werde es ihm sagen.«

Nach einem pflichtschuldigen Knicks verließen die Mägde den Raum, und für eine Weile genügten Kauen und Schlucken den nimmermüden Kiefern von Herrn von Oldeshausen. Doch dann drängte sich seine Meinung wieder hervor.

»Pfefferminzsoße, ja? Nun, ich habe schon oft gehört, dass die Engländer seltsame Vorlieben pflegen. Ich muss sagen, dass ich selbstverständlich Seiner Durchlaucht und seinem Hause auch dort im Ausland dienen würde. Doch ich wäre auch nicht ganz unglücklich darüber, hier in meinem eigenen Land bleiben zu dürfen. Seit wie vielen Jahren lebt Ihr nun in Deutschland, Miss Anne?«

»Es sind bald vier«, erwiderte Anne.

»Und welches Land haltet Ihr für schöner?«, fragte er.

Anne drehte ihren Zinnteller ein wenig, bis die ansehnlichste Seite der Mahlzeit zu ihr wies. »Solche Vergleiche anzustellen ergibt für mich wenig Sinn. Ein Kind mag den Ort schön nennen, an dem es aufwächst. Doch es sieht ganz andere Dinge als der Erwachsene. Wenn ich heute zurückkehrte, empfände ich gewiss vieles ganz anders.«

Er kaute schon wieder und grunzte seinen Widerspruch daher vorerst nur, bis er schlucken konnte. »Vor vier Jahren wart Ihr doch kein Kind mehr. Wie alt wart Ihr, als Ihr nach Deutschland geschickt wurdet? Sechzehn Jahre?«

Sie bemühte sich, kühl und gleichgültig zu wirken, und nickte. »Auch der Blick einer Sechzehnjährigen verklärt vieles.«

Lachend winkte er ab. »Nun klingt Ihr, als hieltet Ihr Euch heute für alt. Dabei seid Ihr doch noch immer jung. Bezaubernd jung, wenn Ihr mir die Freiheit erlaubt.«

Sie mochte ihm keineswegs irgendeine Freiheit erlauben, aber in Wahrheit scherte es ihn nicht, ob sie ihn aufdringlich fand. Eine der Fliegen ließ sich auf dem Rest seiner Pastete nieder, und sie stellte sich kurz mit Genugtuung vor, auf welchem Dreck sie vorher gesessen hatte. »Ihr solltet mir nicht schmeicheln«, sagte sie.

»Es ist ja nicht geschmeichelt. Und glaubt mir, ich würde gern noch ganz andere Dinge für Euch tun, als Euch nur Eure bezaubernde Jugend vor Augen zu führen.« Nun starrte er sie durchdringend an und hielt dabei sein Messer mit der Spitze nach oben, als wolle er den Fliegen damit eine plumpe Falle stellen.

Die Gouvernante räusperte sich. »Herr von Oldeshausen, verzeiht, aber ehe Miss Anne hereinkam, sprachen wir über den Unterrichtsplan, den Ihr für Fräulein Gertrud geschrieben habt. Wäret Ihr so freundlich, mir mehr darüber zu erzählen?«

Unter halb gesenkten Lidern warf die Gouvernante ihr einen Blick zu. Anne dankte ihr mit der Andeutung eines Nickens und senkte den Blick auf ihren eigenen Teller, den sie sorgsam von allen Fliegen frei gehalten hatte.

*

Als Anne am folgenden Tag von einer Besorgung beim Schneider zurückkehrte, mussten ihre Sänftenträger bei der Ankunft am Schlosstor einem Reiter ausweichen, der sein Pferd noch auf dem Vorplatz aus dem Stand zum Galopp antrieb. Das war rüpelhaft, kam aber vor, wenn jemand das Schloss in großer Eile verließ. An diesem Tag war der rücksichtslose Reiter jedoch nur der Erste von vielen Menschen, die so verbissen an ihr vorüberhasteten, dass sie nicht das Herz hatte, einen von ihnen aufzuhalten und nach dem Grund zu fragen.

Erst auf dem Flur vor ihrer Unterkunft begegnete sie zwei putzenden Mägden, die sie auf den ersten Blick als Unwissende erkannten.

»Oh, Miss Anne, habt Ihr es etwa noch nicht gehört? Die meisten Hofleute und die fürstliche Familie sind im Garten. Die arme alte Herzogin Sophie … Sie ist draußen zusammengebrochen. Vielleicht werdet Ihr dort von Euren jungen Damen gebraucht?«

Ob man sie brauchen würde, wusste Anne nicht, dennoch lief sie hinaus in Herzogin Sophies regennassen Prachtgarten.

Was geschehen war, drang schon als Raunen zu ihr, bevor sie die Menschenansammlung bei einem der Pavillons erreichte. Tot. Einfach zusammengebrochen und gestorben! Anne drängte sich zwischen den Leuten hindurch, soweit die Höflichkeit es zuließ, und erspähte schließlich die kurfürstliche Familie. Georg Ludwig beugte sich über die Bahre, auf die man seine Mutter gebettet hatte. Ihm gegenüber standen sein Sohn Georg August, dessen Gemahlin Caroline und ihre Freundin Gräfin Johanna von Schaumburg-Lippe. Madam Schulenburg und ihre weinenden Töchter hielten sich auf der Seite des Kurfürsten im Hintergrund.

Also war es wahr. Sophie von der Pfalz, die ehemalige Herzogin und Kurfürstin von Hannover, lebte nicht mehr.

In respektvoller Entfernung von Madam Schulenburg und ihren Töchtern wartete Miss Gertruds Gouvernante, die Hände zum Gebet verschränkt. Anne wand sich weiter durch die Menge, bis sie neben ihr stand. »Was ist geschehen?«, flüsterte sie.

Die Lehrerin seufzte kummervoll. »Sie ist mit Prinz Georg August, Prinzessin Caroline und Gräfin Johanna im Garten spazieren gegangen, so wie jeden Tag. Die Prinzessin sagte, sie wäre trotz der Hitze ganz lebhaft gewesen. Dann fing es an zu regnen, und sie beeilten sich, um im Pavillon Schutz zu suchen. Da sackte die Gute auf einmal in sich zusammen und war schon kurz darauf nicht mehr ansprechbar. Was für ein Verlust! Die armen Mädchen. Auch wenn die Herzogin ihre Mutter nicht mochte, war sie ihnen doch herzlich zugetan.«

Anne nickte ernst und schämte sich heimlich dafür, dass ihre Gedanken in diesem Moment nicht nur von Mitgefühl für die Verwandten der würdevollen alten Dame bestimmt wurden.

Denn für sie selbst würde sich der Todesfall möglicherweise als Vorteil erweisen. Herzogin Sophie würde nicht mehr Königin von Großbritannien werden. Damit rückte Kurfürst Georg Ludwig an die erste Stelle der Thronfolge. Und was auch immer andere spekulieren mochten – Anne war sicher, dass er nicht ohne seine geliebte Mätresse und ihre Töchter nach London ziehen würde.

2. Kapitel

Anne war nicht die einzige Engländerin am kurfürstlichen Hof. Viele hatten darauf gesetzt, dass die Krone wie angekündigt den Deutschen zufallen würde. Mit der typischen Begeisterung der Engländer für Wetten aller Art hatten sie beachtliche Einsätze von Zeit, Aufwand und Vermögen riskiert, um frühzeitig ins Spiel um königliche Gunst und Machtpositionen einzusteigen.

Zwei Tage nach dem Tod von Herzogin Sophie stand Anne im Schlafgemach einer Frau, die in diesem Spiel bisher ein glückliches Händchen bewiesen hatte, und arrangierte ihre Frisur. Mit der Zeit hatte sie ein besonderes Geschick dafür entwickelt, das natürliche Haar so um kleine Polster aus falschem Haar zu drapieren, dass niemand den Unterschied feststellen konnte.

Henrietta Howard war keine der Damen, die alles dafür taten, dass ihre Schönheit auf den ersten Blick ins Auge stach. Oft ließ sie ihr feines hellbraunes Haar auch ganz schlicht frisieren, und Schmuck trug sie sparsam. Dennoch war es ihr auf ihre zurückhaltende, aber unterhaltsame Art schon kurz nach ihrer Ankunft gelungen, bei Prinzessin Caroline Kammerfrau zu werden. Außerdem munkelte man, dass auch der Kurprinz selbst ein besonders enges Verhältnis zu ihr hatte. Sogar Madam Howards Ehemann, der sie nach Hannover begleitet hatte, verdankte ihr seinen Posten bei Hof. Es war kein Geheimnis, dass das Einkommen daraus für ihn ein Segen war, da er sein Vermögen in England verspielt und hohe Schulden angehäuft hatte.

Henrietta saß im dunklen Kleid vor ihrer Frisierkommode und beobachtete Annes Handgriffe in dem großen, verschnörkelt gerahmten Spiegel, der darauf thronte. Seit Anne sich ihr als Tochter von Sir Baynes von Madlock Country vorgestellt hatte, sprach die Dame nicht mehr Französisch, sondern Englisch mit ihr. Die deutsche Sprache beherrschte sie nur bruchstückhaft. Weil sie etwas schwerhörig war, sprach sie lauter, als es eigentlich zu ihr passte, und sah ihren Gesprächspartnern durchdringend ins Gesicht, was Anne im ersten Moment eingeschüchtert hatte.

»Madam Schulenburg hat mir ans Herz gelegt, deine Dienste als Coiffeuse in Anspruch zu nehmen. Mir erschien es unpassend, in dieser Trauerzeit besonderen Aufwand mit meiner Garderobe zu treiben. Doch sie überzeugte mich davon, dass es gerade jetzt notwendig ist. Angeblich stehen wir nun, da Seine Durchlaucht in der Thronfolge aufgerückt ist, noch stärker unter Beobachtung und müssen zeigen, dass wir der hohen Ehre in jeder Hinsicht würdig sind. Und Prinzessin Caroline besteht darauf, den Geburtstag ihrer kleinen Töchter zu feiern, gerade weil die Kinder über den Tod ihrer Urgroßmutter traurig sind.« Sie sah Anne über den Umweg des Spiegelbilds verständnisheischend an. Offenbar wollte sie auf keinen Fall in den Verdacht geraten, dass sie ihrer Eitelkeit frönte, während die Herzogin noch im Schloss aufgebahrt lag.

Ohne eine Miene zu verziehen, blieb Anne auf ihre Arbeit konzentriert. »Wir legen einen dunklen Schleier über Euer Haar, um dem Anstand zu genügen. Es wird dennoch genug von der Frisur zu sehen sein, dass niemand Euch für nachlässig halten kann.«

Madam Howard atmete mit einem Seufzen aus. »Gut.«

Eine Weile schwieg die Dame, und ihr verschwimmender Blick verriet, dass sie in Gedanken versunken war.

Mit einem lauten Einatmen tauchte sie wieder auf und verfolgte erneut Annes Bewegungen im Spiegel. »Wirst du zu deiner Familie nach Madlock Country zurückkehren, wenn der Hof nach London zieht? Das ist in der Nähe von Glasgow, nicht wahr? Sicher ist es dort oben an der Westküste hübsch. Ich verbrachte meine Kindheit in Norfolk nahe der Ostküste und erinnere mich gern an unsere Besuche am Meer.«

Dem Hofgeflüster konnte niemand ausweichen, deshalb wusste Anne, dass die junge Henrietta mit ihrer Mutter das Familienanwesen hatte verlassen und nach London ziehen müssen, nachdem ihr Vater bei einem Duell zu Tode gekommen war. Gleich als Madam Schulenburg sie zu Henrietta geschickt hatte, war sie in Gedanken alle Einzelheiten durchgegangen, die ihr über ihre Landsmännin zu Ohren gekommen waren. Würde diese Frau ihr helfen, nach London mitgenommen zu werden? Durfte sie es wagen, an sie zu appellieren, oder gab sie damit zu viel von sich preis? Wenn Madam Howard nicht der Sinn danach stand, ihr zu helfen, konnte sie leicht mit ungnädigen Worten an der richtigen Stelle ihre Chancen zunichtemachen.

Anne beschloss, das Wagnis einzugehen.

»Mein größter Wunsch wäre es, den Hof nach London begleiten zu dürfen, Madam. Im Dienst der Damen von der Schulenburg zu stehen, ist mir eine große Ehre und Freude.«

Henrietta zuckte, als wolle sie sich ihr zuwenden, erstarrte jedoch wieder, um Anne nicht die Haarsträhnen aus der Hand zu ziehen, mit denen sie gerade beschäftigt war. »Haben deine Eltern denn nicht vor, dich bald zu verheiraten? Du bist doch in dem Alter, in dem dieser Schritt erwogen werden muss.«

Anne fühlte einen kleinen Stich, weil Henrietta nur eine höfliche Form wählte, um auszudrücken, dass es für sie höchste Zeit wurde zu heiraten. In den kommenden Jahren würde es mit solchen Anspielungen noch schlimmer werden. Alle würden sie mit zunehmendem Mitleid, Häme oder gar Misstrauen betrachten und sich fragen, warum sie noch nicht verheiratet war. Welcher unsichtbare Makel haftete ihr an? Aber eines Tages, wenn sie die Schwelle zwischen aufblühendem Weib und alter Jungfer endgültig überschritten hatte, würden sie damit auch wieder aufhören. Sie würden sich nicht länger wundern, sondern sie einfach zum leicht wurmstichigen Inventar zählen: ein weiteres vom Heiratsmarkt übersehenes altes Mädchen, das sich immerhin nützlich machte.

»Mein Vater hat mir nichts von solchen Absichten mitgeteilt. Auch er empfindet meine Dienste an diesem Hof als große Ehre und hat es nicht eilig, sie zu beenden.«

Sie spürte ein unangenehmes Zucken unter ihrem rechten Auge, als sie die Worte aussprach. In Wahrheit wusste sie nicht, was ihr Vater über ihren Dienst bei Hof gegenwärtig dachte. Seit er sie damals in Greenock aufs Schiff gebracht und in die Verbannung geschickt hatte, waren nur einige karge Nachrichten von ihrer Familie zu ihr gedrungen, die aus dem Briefwechsel zwischen ihrer Tante und ihrer Mutter stammten. Nach einem Dutzend unbeantworteter Briefe hatte Anne es ihrerseits aufgegeben zu schreiben, weil ihre Tante sich über die sinnlosen Kosten beschwert hatte.

Der einzige Mensch in England, mit dem Anne sich seitdem noch gelegentlich austauschte, war ihr gleichaltriger Freund William Wills. Nur er allein hatte sie nicht vergessen.

Henrietta spitzte mitleidig die Lippen. »Ich will dir deine Hoffnung nicht nehmen, aber ich fürchte, es ist unwahrscheinlich, dass man dich auch in London in Diensten behalten wird. Das hat nichts mit deinen Fähigkeiten oder deinem Charakter zu tun. Du musst verstehen, dass es die Engländer vor den Kopf stoßen würde, wenn der neue König viele eigene Bedienstete und Hofleute mitbrächte und für die verdienstvollen englischen Höflinge keine Posten und Ämter übrig blieben. Und die Kosten … Gerade gestern führte mir die verehrte Frau von Kielmannsegg vor Augen, wie kostspielig und daher schwierig der Umzug für viele hier werden wird.«

Madam Howard meinte es gut, dennoch musste Anne tief durchatmen, damit ihre Hände nicht anfingen zu zittern. Es klang nicht so, als hätte die Dame Lust, ihren Einfluss zu nutzen, um einer kleinen Zofe einen Wunsch zu erfüllen. Anne fühlte ihre Entschlusskraft wanken, ehe sie den Kampf überhaupt begonnen hatte. Was bildete sie sich auch ein? Wie sollte ausgerechnet sie sich unentbehrlich machen? Nichts an ihr war einzigartig. Hier in Hannover mochten die Damen ihre geschickten Hände loben, doch in London warteten gewiss weit Geschicktere und Begabtere auf den neuen Hofstaat.

Anne sah in den Spiegel, um Henrietta zu antworten, und begegnete ihrem eigenen Anblick. Die fleckige Röte ihrer von Natur aus blassen Wangen verriet ihre Verlegenheit. Sie hätte sich jeden Morgen eine dicke Schicht Puder auflegen müssen, um ihr Erröten oder auch nur ihre Sommersprossen zu verbergen, doch die Zeit dafür nahm sie sich nie. Auch Puder und Farbe hätten ohnehin nicht geändert, dass ihre blauen Augen zu groß für das zu schmale Gesicht waren und sie deshalb immer hungrig aussah, obwohl sie genug aß. Immerhin hatten ihre dunklen Brauen eine feine Form – dem half sie nach. Und die weiße Spitzenhaube saß tadellos.

»Natürlich, Madam. Das ist mir bewusst. Verzeiht mir die Anmaßung. Es gibt gewiss viele, die solche Ehre mehr verdienen als ich. Ich würde mich nicht vordrängen wollen.«

»Warst du denn früher schon einmal in London?«

Anne steckte sorgfältig das Haarteil fest, an dem sie später den Schleier anbringen wollte. »Ja, ein Mal. Ich durfte meine Mutter und meine Schwester begleiten, als sie für die Hochzeitsvorbereitungen meiner Schwester in die Stadt gereist sind. Das war vor sechs Jahren. Wir haben drei Wochen dort verbracht.«

Henrietta hob die Brauen. »Um Kleider und Schmuck auszusuchen, nehme ich an? Und haben deine Eltern viele Bekannte in London, die ihr besucht habt?«

»Meine Mutter war vor ihrer Heirat ein Jahr lang Hofdame am Hof von King James, während mein deutscher Großvater als Abgesandter in London weilte. Einige Bekanntschaften waren ihr aus jener Zeit erhalten geblieben, und die besuchten wir. Allerdings muss ich zugeben, dass mir die Tuchhändler, Schneider und Putzmacher stärker in Erinnerung geblieben sind. In dem Alter erschien mir ein schönes neues Kleid als das höchste Glück des Lebens.«

Madam Howard lächelte sanft. »Ach ja, die Jugend. Ich war nicht anders. Schöne Kleider und verstohlene Blicke auf alle ungebundenen Herren, das war das Wichtigste. Die abenteuerlichsten Dinge habe ich mir für meine Zukunft ausgemalt – und hätte mir doch nicht vorstellen können, wie mein Schicksal dann tatsächlich verlief. Oft blicke ich zurück und wünsche mir, dass ich meinem jüngeren Ich ein paar hilfreiche Worte zurufen könnte.«

Anne sah ihr im Spiegel in die Augen und nahm all ihren Mut zusammen. »Verzeiht, wenn meine Frage zu keck sein sollte, Madam. Aber wäre es eher eine Warnung, die Ihr durch die Zeit rufen würdet, oder beruhigende Worte? Seid Ihr mit Eurem Schicksal zufrieden, so wie es verlaufen ist? Oder würdet Ihr Eurem jüngeren Ich raten, einen anderen Weg einzuschlagen?«

Nachdenklich tippte sich die Dame auf die Lippen und musterte Anne. Schließlich seufzte sie. »Madam Schulenburg lobte nicht nur deine Geschicklichkeit, sondern erwähnte auch, dass du verschwiegen und ehrlich bist. Du wirst meine Antwort also für dich behalten?«

Anne ließ die Hände sinken und nickte. »Schweigen fällt mir nicht schwer, seid unbesorgt.«

»Dann will ich es dir sagen. Ich bin zufrieden damit, dass mein Schicksal mich in meine gegenwärtige Position gebracht hat. Und da sich im Leben immer eines aus dem anderen ergibt, muss ich deshalb auch mit dem Weg zufrieden sein, der mich hierher führte. Doch dieser Weg war steinig, und daher wäre es eine Warnung, die ich mir zurufen würde. Und sei es nur, um mein junges Ich besser für das zu wappnen, was es zu überstehen hat. Dann würde die junge Henrietta vielleicht trotz aller Widerstände rechtzeitig eine Münze mehr beiseitelegen und ihrem Kind einen Kuss mehr geben, jeden Tag einige Minuten mehr mit ihm spielen. Und vielleicht würde sie …« Ihr Blick driftete in die Ferne, und ihre Augen glänzten verräterisch.

»Ich habe gehört, dass Ihr Euren Sohn in England zurücklassen musstet. Das ist gewiss schmerzhaft«, sagte Anne.

Madam Howard straffte die Schultern. »Ja, das ist es. Ganz ehrlich: Ich hätte weit lieber einen anderen dort zurückgelassen. Aber nun sprechen wir nicht mehr davon. Mir ist ein guter Rat für dich eingefallen, falls du es ernst damit meinst, dass du nach London mitgenommen werden willst.«

»Es ist mir auf jeden Fall ernst damit, Madam.«

»Ist dir bewusst, dass Madam Schulenburg und ihre Töchter dort möglicherweise nicht mit offenen Armen empfangen werden? Ich könnte mir vorstellen, dass die Engländer lieber eine richtige Königin an der Seite ihres neuen Königs hätten. Gehen wir davon aus, dass es so ist. Dann werden die Damen froh um jeden echten Freund sein müssen, auf den sie sich verlassen können. Und sie werden sich glücklich schätzen über eine Freundin, die sich in London gut auskennt und ihre Erledigungen übernehmen kann, ohne dass sie befürchten müssen, übervorteilt zu werden. Überzeug sie also davon, dass du diese Freundin für sie bist.«

Anne verstand nun, warum Madam Howard nicht nur dem Prinzen, sondern sogar dessen Gemahlin gefiel. »Aber das wäre nicht die Wahrheit. Ich bin in London auch fremd und wüsste nicht, wohin ich mich für diese Erledigungen wenden müsste.«

»Im Gegensatz zu ihnen fällt es dir jedoch gewiss nicht schwer, dich unauffällig und inkognito zu bewegen und die entsprechenden Erkundigungen einzuholen. Ein paar Pennys in die Hand eines gewitzten Blumenmädchens oder Schuhputzerjungen, und du findest dich in der Stadt schnell genug zurecht. Du sprichst doch ihre Sprache. Es ist deine Entscheidung, Miss. Aber an deiner Stelle wüsste ich, was ich täte.«

»Wenn die Lüge entlarvt würde, wären die Damen sehr enttäuscht von mir.«

»Dann tu alles, damit diese kleine Enttäuschung in der Begeisterung über deine Hilfe untergeht. Im Grunde ist es doch kaum eine Lüge, wenn du ihnen tatsächlich entschlossen zur Seite stehst. Dann wird es nicht zählen, ob du vielleicht vorher ein wenig dick aufgetragen hast. In London gewesen bist du schließlich wirklich.«

Annes Herz flatterte, als sie sich vorstellte, Madam Schulenburg und die jungen Damen zu belügen, noch mehr aber bei dem Gedanken, London alleine zu erkunden – bis ihr klar wurde, dass sie ohnehin Wagnisse eingehen musste, wenn es ihr ernst damit war, ihren Sohn zurückzufordern. Doch würde sie es über sich bringen, vor den Damen mit etwas zu prahlen, was keine Grundlage hatte?

»Wenn ich jetzt davon anfange, wie gut ich London kenne, werden sie sich wundern, warum ich das bisher nie erwähnt habe.«

»Haben sie dich denn schon danach gefragt? Tu einfach so, als wäre dir gerade erst aufgegangen, wie schwierig die erste Zeit in London für die Schulenburgs werden könnte. Zuvor hast du es nicht für nötig gehalten, deine Unterstützung anzubieten.«

Anmutig hob Madam Howard die Hand und deutete wedelnd auf ihre Frisur, um zu signalisieren, dass sie das Gespräch beenden wollte. Anne nickte hastig und nahm ihre Arbeit wieder auf.

*

Die hohen Herrschaften des hannoverschen Hofs erhielten ihre Post direkt in ihre Gemächer geliefert, sobald sie im Schloss ankam. Geringere Mitglieder der Gesellschaft schickten ihre Diener in die Stube des zuständigen Hofmeisters, um anzufragen. Die geringsten gingen selbst dorthin. Für Anne gehörte der Gang zu ihren täglichen Gewohnheiten. Sagen musste sie dabei schon lange nichts mehr, es genügte, die Tageszeit zu entbieten. Der Hofmeister hob dann kurz den Kopf, erwiderte den Gruß und schüttelte beinah an jedem Tag bedauernd den Kopf. An diesem Tag jedoch, nachdem Anne den Schleier zur vollen Zufriedenheit von Henrietta Howard auf deren Frisur befestigt hatte, nickte der Mann.

Ein rares Lächeln breitete sich auf Annes Gesicht aus, als sie ihm den Brief abnahm. Daraufhin schmunzelte er. »Ich wünschte, ich hätte jeden Tag einen für Euch, Miss Baynes. Es ist so schön zu sehen, wenn Ihr Euch mal freut.«

Sie dankte ihm mit einem scheuen Nicken und stolperte vor Eile, als sie seine Stube wieder verließ.

Der Absender ihres Briefs war keine Überraschung. Doch es waren Wochen vergangen, seit sie zuletzt von ihm gehört hatte, deshalb sog sie jedes Wort ein, noch während sie zu ihrer Kammer ging.

Greenock, 1. Juni 1714

Liebe Anne,

es ist nun schon eine Weile her, dass ich dir schrieb. Bitte verzeih mir mein langes Schweigen. Vaters Gesundheit lässt in letzter Zeit zu wünschen übrig, und er verlässt sich zunehmend darauf, dass ich Aufgaben für die Reederei übernehme. So lerne ich viel dazu und komme im Land herum, habe jedoch wenig Zeit für mich.

Ich kann mir vorstellen, dass nun, da Ihre Majestät Queen Anne immer häufiger krank darniederliegt, bei euch in Hannover viel über den Umzug nach London gesprochen wird. Hast du denn inzwischen erfahren, ob du zusammen mit den Herrschaften nach England zurückkehren wirst? Du weißt ja, wie sehr ich darauf hoffe, liebste Anne. Kein Tag vergeht, an dem ich mir nicht sehnsüchtig wünsche, dich endlich wiederzusehen.

Wenn der Tag gekommen ist, und seine Hoheit Georg Ludwig in London eintrifft, werde ich auf jeden Fall auch dort sein. Wenn das Glück mit mir ist, wirst du von einer der Fährbarken steigen und mich auf dem Kai begrüßen.

Wie ich oben bereits erwähnte, trete ich in Vaters Fußstapfen, was die Führung unserer Schifffahrtsunternehmungen betrifft. So wenig ich mir seinen Tod herbeiwünsche, so sehr sehe ich doch die Freiheit, die es mir brächte, unsere Geschäfte allein zu führen. Auch weil ich in anderen Entscheidungen, die mein Leben betreffen, keine Rücksicht mehr auf seine Anordnungen und Wünsche nehmen müsste. Du weißt sicher, dass ich dabei auch an dich denke. Meine Abhängigkeit von meinem Vater und der gewiss bevorstehende Widerspruch deiner Eltern hielten mich bisher davon ab, dir die Ehe anzutragen. Doch nun, da der Augenblick näher rückt, an dem du vielleicht mit dem Hof zurückkehrst oder aber allein in Deutschland zurückbleibst, drängt es mich, alle Widerstände zu überwinden und es dennoch zu wagen.

Liebste Anne, ich erwarte nicht, dass du mir gleich dein Jawort gibst. Aber schreib mir doch zumindest so viel: Ist es ganz unsinnig, wenn ich mir eine Ehe zwischen uns erträume? Würdest du mich abweisen, wenn ich dir den Hof machte? Wenn ich zurückdenke, glaube ich, dass wir beide immer Freunde waren und gut miteinander auskamen. Das ist mehr, als viele andere in ihrer Ehe finden. Was meine Gefühle für dich angeht, weißt du ja gewiss, dass sie noch weit über das hinausgehen. Würdest du sie auf gleiche Art erwidern, wäre ich der glücklichste Mensch. Doch ich erwarte nicht, dass es so ist, da kannst du unbesorgt sein.

Ich weiß, dass du noch immer an dein Kind denkst und darauf hoffst, den Knaben wieder zu dir nehmen zu können. Wie ich dir schon früher schrieb, halte ich das nicht für weise. Das Kind hat ja keine Erinnerung an dich und würde sich dir gegenüber vielleicht ganz fremd verhalten. Den Gedanken daran, wie dich das schmerzen könnte, kann ich kaum ertragen.

Doch lass mich dir versichern: Wenn du trotz allem entschlossen bist, den Knaben irgendwann zu dir zu nehmen und für ihn zu sorgen, würde ich dich als dein Ehemann dabei unterstützen. Sollte es sich als zweckdienlich erweisen, würde ich das Kind sogar als meines ausgeben und anerkennen.

Mit Neuigkeiten über den genauen Verbleib des Kleinen kann ich dir bedauerlicherweise nicht dienen. Ich halte es nach wie vor nicht für ratsam, deinen Vater offen danach zu fragen, bevor du selbst hier bist und entscheiden kannst, wie die Folgen zu tragen sind. Vorerst ist es besser, wenn er weiterhin glaubt, dass die ganze Angelegenheit sein Geheimnis ist und er mir gegenüber das Gesicht wahren kann.

Liebste Anne, ich muss nun bald schließen. Lass mich nur noch kurz ein paar Worte über die Unternehmungen der Reederei schreiben: Gerade vor einigen Tagen ist die Sirius aus den Kolonien nach Greenock zurückgekehrt, und ihr Kapitän ist voll des Lobes. Es macht mich stolz, unseren Anteil an diesem florierenden Handel zu sehen, der so viele wundersame und herrliche Waren ins Land bringt. Neben Tabak, Rum und Melasse erhielten wir einige duftende Öle und ungewöhnliche Pflanzen, die bezaubernde Blüten treiben sollen, wenn man sie warm aufstellt. Ich würde dir gern all diese Herrlichkeiten zu Füßen legen.

Wie stets voller Hoffnung

Dein Will Wills

Als Anne den Brief zu Ende gelesen hatte, stopfte sie ihn im Gehen so hastig in ihre Rocktasche, als dürfte niemand sie damit sehen. Ein Antrag! Gerade hatte sie noch darüber nachgedacht, wie es sein würde, eine alte Jungfer zu werden, und nun hatte Will ihr einen Antrag gemacht!

Sie wusste, dass er sich einredete, sie zu lieben. Doch sie hatten sich seit Jahren nicht gesehen, und sie hatte sich verändert. Nur wenig von dem, was ihr in dieser Zeit widerfahren war, hatte sie ihm geschrieben. Sie war nicht mehr dieselbe. Und obwohl er ihr oft geschrieben hatte, war sie nicht einmal sicher, ob sie ihn gleich erkennen würde, wenn sie sich wiederbegegneten. Er war damals noch nicht ganz achtzehn Jahre alt gewesen, mit einem spärlichen Bartansatz und schmalen Schultern. Nun war er zweiundzwanzig und damit vermutlich ein erwachsener Mann. Wie sollte sie aus der Ferne wissen, ob sie ihn heiraten wollte? Wie konnte er überhaupt so zäh an seiner Liebe zu ihr festhalten, obwohl er wusste, dass sie keinen Gedanken mehr an ihn verschwendet hatte, als sie sich Hals über Kopf in einen anderen verliebte? So sehr, dass sie jede Heimlichkeit und Lüge in Kauf genommen und alles hingegeben hatte, was anständige Mädchen nicht vor der Ehe hingeben durften.

Wie eine böse Katze mit ausgefahrenen Krallen sprang sie der Schmerz an, der über die vergangenen vier Jahre allmählich eingeschlafen war. Sie sah ihn wieder vor sich, den lachenden jungen Kerl, an den sie ihr Herz und ihre Jungfernschaft verloren hatte. Ian Drummond. Er war nur ein Jahr älter gewesen als Will, aber seine Schultern waren breiter, seine Bewegungen geschmeidiger, sein Blick frecher, seine Stimme tiefer gewesen. Er hatte sie in einem Augenblick verspottet und ihr im nächsten ins Ohr geflüstert, wie klug und schön er sie fand. Ganz gewiss hatte er sie klug genannt, damit sie nicht bemerkte, wie dumm es war, was sie taten. Heimliche Treffen, tiefe Küsse, Flüstern, nackte Haut. Sein leises, tiefes Lachen, sein Seufzen, seine nimmermüden, zärtlichen Hände.

Sie blieb auf der Treppe zu ihrem Flur stehen und legte eine Hand aufs Geländer, um tief Luft zu holen, weil ihr schwindlig geworden war. Das geschieht, wenn man das Atmen vergisst, schalt sie sich. Atme und komm wieder zu dir. Er ist tot. Du hast es verwunden. Dein Sohn lebt, sein Sohn. Was wird das Beste für das Kind sein?

Auf keinen Fall konnte es das Beste sein, wenn sie darauf verzichtete, ihn wiederzusehen. John. So hatte sie ihn genannt, nach Ians schon lange verstorbenem Vater. Sie wusste nicht, ob außer ihr, ihrer Tante und dem Pastor, der die Geburt und die heimliche Taufe in sein Buch eingetragen hatte, jemand den Namen zur Kenntnis genommen hatte. Auch in ihren Briefen an Will hatte sie nur von dem »Kind« oder dem »Knaben« gesprochen. Konnte er sie wirklich so sehr lieben, dass er sie nicht nur heiraten, sondern den Sohn eines anderen als seinen eigenen anerkennen und ihn damit zu seinem Erben machen würde? Konnte irgendein Mann so selbstlos sein? Wie konnte sie ein solches Angebot ablehnen? Aber was, wenn er sich selbst überschätzte? Wenn er am Ende sie und Johnny nicht lieben, sondern verabscheuen würde?

Sie musste ihm ihre Antwort nicht schreiben. Die Entscheidung ließ sich verschieben. Bis sie Will auf dem Kai an der Themse gegenüberstand, würde sie sich wohl darüber klar geworden sein. Was aber, wenn Madam Schulenburg sie nicht mit nach London nahm? War Will dann nicht ihre einzige Hoffnung?

»Guten Tag, Anne. Fühlst du dich unwohl?«

Taub und blind für ihre Umgebung hatte sie auf den Stufen gestanden wie festgefroren und nicht wahrgenommen, dass Miss Gertrud auf dem Gang am Fuß der Treppe erschienen war.

Mühsam rang sie sich ein Lächeln ab und nickte dem jungen Fräulein zu. »Es ist alles in Ordnung, Miss Gertrud, danke. Ich war nur ein wenig außer Atem.«

»Wirst du heute Nachmittag auch in den Tanzsaal gehen, um unseren kleinen Prinzessinnen Geschenke zu bringen? Luise, Melusine und ich haben schöne Puppen für sie, mit einem ganzen Korb voll Kleider. Ich hatte mich darauf gefreut, sie ihnen zu geben. Aber jetzt habe ich gar keine Lust mehr darauf. Grandmère war sonst immer dabei. Sie wird so sehr fehlen. Nur ein falsches Wort, und wir fangen ganz gewiss alle an zu heulen. Man kann einfach keinen Geburtstag feiern, wenn gerade jemand gestorben ist, den man gern hatte.«

Anne sah Trudchen ins Gesicht und bemerkte die verräterisch geröteten Augen und das leise Zittern der Mundwinkel. Langsam ging sie die Treppenstufen wieder hinab, bis sie ihr gegenüberstand.

»Ich kann mir vorstellen, wie schwer Euch das fallen muss, Miss Gertrud. Eure Grandmère hinterlässt eine große Lücke an diesem Hof, und das wird noch lange schmerzhaft zu spüren sein. Aber ist es nicht auch schön und richtig, das Leben der Allerjüngsten zu feiern, wenn die Ältesten unsere Welt verlassen? Darin liegt doch Hoffnung. Dabei muss ja niemand so tun, als würde er nicht auch trauern. Manchmal kommen Freude und Kummer im Leben eben gleichzeitig. Und nicht selten verstärken sie sich dann gegenseitig. Ihr dürft ruhig weinen, das darf Euch niemand übel nehmen. Sogar den Kindern wird man das erklären können.«

Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, brach die Dreizehnjährige in Tränen aus und ließ sich schluchzend von ihr in die Arme nehmen. »Aber … Aber ich habe das Gefühl, ich dürfte nicht. Weil … Weil sie doch nicht offi… offiziell meine Großmutter war, sondern nur … Wir müssen uns zusammenreißen, hat Notre-tante gesagt. Wir dürfen uns nicht in den Vordergrund drängen. Sonst reden die Leute schlecht über uns.«

Anne tätschelte ihr den Rücken. Noch konnte sie das, weil Trudchen gerade genauso groß war wie sie. Bald würde sie ihr über den Kopf gewachsen sein.

»An das, was Eure Mutter sagt, müsst Ihr Euch halten. Wenn sie nicht möchte, dass Ihr auffallt, dann wendet Euch im Notfall ab oder geht kurz hinaus. Aber verbieten müsst Ihr Euch die Trauer nicht. Herzogin Sophie war Eure Großmutter, und sie hat Euch geliebt, ganz gleich, ob Ihr und Eure Schwestern offiziell ihre Enkeltöchter seid oder nicht. Das konnte jeder sehen.«

*

Obwohl Anne nicht vorgehabt hatte, die Geburtstagsfeier der Prinzessinnen zu besuchen, entschied sie sich nach der Begegnung mit Trudchen anders. Ein eigenes Geschenk hatte sie nicht, doch sie hatte sich beteiligt, als die gehobene Dienerschaft zusammengelegt hatte, um ein Set Puppenmöbel für die dreijährige Amelia und eine schön bemalte Rassel für die einjährige Caroline-Elisabeth zu erstehen. Nun gesellte sie sich zu denen, die Geschenke überreichten und ihre guten Wünsche aussprachen. Die Feierlichkeit war kaum anders inszeniert als eine Audienz bei den erwachsenen Mitgliedern der Herzogsfamilie.

Caroline-die-Ältere, die Mutter der Geburtstagskinder, nahm würdevoll die Reverenzen und Geschenke entgegen, während die Kleinen im Hintergrund, umringt von ihren näheren Verwandten, bei ihren Kindermädchen auf dem Schoß saßen und das neue Spielzeug dargeboten bekamen.

Auch Gertrud gehörte zu denen, die bei den Kindern standen, und zu Annes Erleichterung schien die Freude über die süßen Kleinen dann doch die Trauer um die Großmutter für den Moment zu überdecken. Da es demnach so aussah, als würde ihre Unterstützung nicht gebraucht, überlegte Anne, ob sie gleich wieder gehen sollte. Da kreuzte sich ihr Blick mit dem von Henrietta Howard, die mit den beiden älteren Kindern des Prinzenpaars zusammenstand: dem siebenjährigen Friedrich und der fünfjährigen Anna. Gerade gab sie den beiden einen gefalteten Scherenschnitt, der zu einer Kette von sich an den Händen haltenden Männchen wurde, als sie ihn auseinanderzogen. Diese einfache Kleinigkeit aus Papier faszinierte die beiden mehr als die kostbaren Geschenke, die ihre kleinen Schwestern erhielten. Sie begannen sofort zu untersuchen, wie die Zauberei vonstattengegangen war, und Anne wollte wetten, dass noch im Laufe dieses Tages eine Heerschar kleiner Papiermännchen und -weibchen entstehen würde, die sich mehr oder weniger an den Händen hielten.

Henrietta nickte Anne mit ernster Miene zu – auch sie weiterhin im Zwiespalt zwischen der Heiterkeit des Kinderfests und Ehrfurcht vor der Verstorbenen.

Inzwischen hatten sich auch Madam Schulenburg, Miss Luise und Miss Melusine eingefunden, den Weg bereitend für die ranghöchsten Gratulanten, die ihnen auf den Fersen folgten: der Großvater Kurfürst Georg Ludwig und der Vater Kurprinz Georg August.

Wie alle anderen Anwesenden sank auch Anne in einen tiefen Hofknicks und verharrte lange darin, da sie zu den Rangniedrigsten im Raum gehörte. Als sie sich wieder aufrichtete und zusah, wie Georg August Caroline die Hände küsste, fiel ihr auf, dass die meisten der Versammelten zum Kreis derer gehörten, die auf jeden Fall nach England reisen würden: der Kurfürst als zukünftiger König, seine Mätresse mit ihren Töchtern, der Kronprinz samt Gemahlin, Kindern und bevorzugter Kammerfrau, sowie die Halbschwester des Kurfürsten, Madam Kielmannsegg, und deren Gemahl Johann Adolph. Auch Mustapha und Mehemet, Georg Ludwigs türkische Kammerherren, hatten sich als Gratulanten eingefunden. Sie waren aus den Gemächern ihres Herrn nicht wegzudenken.

Zum ersten Mal kam Anne der Gedanke daran, wie verwaist die Residenz Hannover dastehen würde, wenn die Herrschaften alle nach London zogen. Wie wollte Kurfürst Georg Ludwig es anstellen, dass seine hannoverschen Untertanen ihm treu blieben und ihn weiter als ihren Fürsten achteten, wenn weder er noch seine Familie im Lande lebten?

Der Kurfürst ergriff beide Hände seiner Schwiegertochter und küsste sie sichtlich gerührt auf die Wange. »Diesen Tag feierlich zu begehen ist mir ein großer Trost. Es erinnert mich daran, wie viele aufblühende junge Damen der kommenden Generation an meinem Hof bereits leben. Ich bin zuversichtlich, dass du dafür sorgen wirst, dass deine Töchter ihrer seligen Urgroßmutter alle Ehre machen, meine liebe Caroline.«

Caroline nickte mit Tränen in den Augen. »Unsere hochverehrte Grandmère Sophie war uns stets ein Vorbild und wird es auch in Zukunft bleiben, Eure Exzellenz.«

Der Kurfürst trat zurück, ließ jedoch nur eine ihrer Hände los. »Das zu hören tut mir wohl. Gerade gestern traf ich eine Entscheidung, die sicherstellen wird, dass auch Euer Sohn, unser lieber junger Prinz Friedrich, nach dem Vorbild unserer Vorfahren heranwachsen wird. Mein traditionsbewusster und gewissenhafter Bruder hat eingewilligt, seine Erziehung auch weiterhin hier in Hannover zu verantworten. So kann der Knabe die ungebrochene Verbundenheit mit seinem Stammland lernen und in Ruhe zu einer gefestigten Person heranwachsen, während wir – möglicherweise schon bald – auf den unruhigen Gewässern unserer neuen ehrenvollen Verpflichtungen navigieren müssen.«

Anne beobachtete, wie ein Ruck durch Caroline und ihren Gemahl Georg August ging. Sie wandten sich dem Kurfürsten zu und starrten ihn an. Georg August räusperte sich. »Sollten wir darüber nicht noch eingehend im kleineren Kreis sprechen, Euer Liebden? Es gibt dabei doch einiges zu bedenken.«

Caroline hatte sich weniger im Griff als ihr Gatte. Sie sog scharf die Luft ein und blickte sich zu ihrem Sohn um, der noch mit Henrietta und seiner Schwester beschäftigt war und offenbar die Worte seines Großvaters nicht gehört hatte. Mit gedämpfter Stimme wandte sie sich an den Kurfürsten. »Eure Exzellenz, Ihr könnt doch nicht meinen, dass Friedrich allein hier in Hannover bleiben soll, während wir Euch nach England begleiten?«

Kurfürst Georg Ludwig nickte energisch. »Eben das, meine Liebe. Eben das. Von ›allein‹ kann jedoch keine Rede sein, da, wie gesagt, mein Bruder sich ihm ganz widmen wird. Die beiden werden ein hervorragendes Repräsentantengespann abgeben und unseren Untertanen bestens vor Augen halten, dass sie nicht vergessen sind, sondern dass wir sie mit der Sorge für unseren kostbaren Thronfolger betrauen. Ich habe lange darüber nachgedacht und halte es für eine formidable Lösung.«

Sein Sohn, der eben noch die Augen vor Fassungslosigkeit weit aufgerissen hatte, verengte sie nun. Seine Kiefermuskulatur zuckte, seine Nasenlöcher bebten. »Dann bleiben Caroline, ich und die anderen Kinder ebenfalls hier. Wenn Friedrich hier darauf warten muss, dass er in England gebraucht wird, dann kann auch ich das.«

Der nächste König von England wedelte stirnrunzelnd mit der Hand, als wolle er einen unangenehmen Geruch vertreiben. »Sei nicht albern. Selbstverständlich werden Caroline und du mich begleiten. Was ihr mit den Mädchen tut, überlasse ich euch. Allerdings würde es mich erfreuen, die kleinen Engelchen in meiner Nähe zu wissen.«

Einen Augenblick lang wirkte es, als würde Georg August gleich explodieren wie ein Pulverfass. Dann legte Caroline ihre Hand auf seinen Arm. »Vielen Dank, Eure Exzellenz«, sagte sie. »Wir danken Euch für Eure Umsicht. Gewiss lässt sich alles zufriedenstellend ordnen.«

Woraufhin der Kurfürst freundlich nickte und zu den kleinen Engelchen hinüberging, die, von alldem unberührt, weiterspielten. Anne nahm wahr, wie die Anwesenden behutsam ausatmeten, als hätten sie alle die Luft angehalten. Sie vermutete, dass sie nicht die Einzige war, die sah, wie Caroline und ihr Gemahl einen langen Blick wechselten. Ein ganzes stilles Streitgespräch schien in diesem Blick stattzufinden, und es endete damit, dass Georg August sich abgehackt vor ihr verbeugte und mit strammen Schritten den Raum verließ.

Nach dem spannungsgeladenen Zusammentreffen wollte Anne an diesem Tag lieber nicht weiter nach einer Gelegenheit suchen, sich für die Liste der Mitreisenden zu empfehlen. Fast ein wenig erleichtert verschob sie das Vorhaben.

3. Kapitel

William Wills Tagebuch, 11. Juli 1714

Ich schreibe diese Zeilen nieder, weil mich Dinge beschäftigen, die ich nicht aussprechen darf, die mich jedoch zerreißen, wenn ich weiterhin dazu schweige. Ich habe den Menschen hintergangen, den ich am meisten auf der Welt liebe. Der erste Betrug führte zum zweiten und dritten, und so ging es weiter, so häufte ich Lüge auf Lüge, bis es unmöglich wurde, die Wahrheit wieder ans Licht zu holen.

Gerade fünfzehn Jahre war ich alt, als ich mich in Anne Baynes verliebte. Schon früher fühlte ich mich von ihr angezogen, als wir noch Kinder waren und ich gelegentlich mit ihr und ihren Geschwistern spielen durfte, wenn meine Eltern eine Einladung nach Madlock House erhielten. Anne war so klein und zart, ihr schmales weißes Gesicht so schön, wie ich mir die überirdischen Gesichter von Feen und Nymphen vorstelle. Als ich fünfzehn wurde, verwandelte sich meine Zuneigung in eine Flamme, die mit jedem Besuch, jeder Begegnung mehr zu einem Feuer anwuchs, das mich seitdem verzehrt.

Meine erste Lüge war, ihr das zu verschweigen. Niemand wäre mit meiner Liebe einverstanden gewesen: weder ihre Eltern noch meine noch sie selbst. Wenn ich meine Gefühle eingestanden hätte, hätte man mich einen dummen, verblendeten Knaben genannt und mich von ihr ferngehalten. Ich musste abwägen zwischen der Wahrheit und der einzigen Möglichkeit, ihr Freund zu bleiben. So blieb ich ihr Freund, wenn auch ein schlechter.

Als ihre Eltern sie für ein halbes Jahr nach Inveraray in das Haus von John Campbell, dem Duke of Argyll, schickten, damit sie die Gepflogenheiten eines größeren Herrenhauses kennenlernte, glaubte ich, es könnte keine größere Verzweiflung für mich geben. Sie monatelang nicht sehen zu dürfen erschien mir, als werfe man mich in ein dunkles Verlies. Ich nutzte all meinen Erfindungsreichtum, um einen Grund für eine Reise nach Inveraray zu finden. Mein Herz zersprang mir fast, als ich nach meinem Empfang beim Duke in den alten Burggarten hinausging, wo sie beschäftigt sein sollte.

Ich entdeckte sie auf den ersten Blick zwischen den anderen Frauen, die sich an den Beeten im Kräutergarten zu schaffen machten. Doch es waren nicht nur Frauen dort, sondern auch Männer. Einer von ihnen stand bei Anne und hielt ihr einen Korb, in den sie ihre abgeschnittenen Gewächse legte. Er sah ihr unverschämt direkt in die Augen, während er mit ihr scherzte. Sie lachte, wie ich sie noch nie zuvor hatte lachen sehen – legte den Kopf in den Nacken, entblößte ihre Kehle. Ihr Lachen klang wie eine helle Melodie. Und sie erwiderte seinen Blick, konnte sich gar nicht von ihm losreißen.

Völlig stumpf hätte ich sein müssen, um nicht zu sehen, was zwischen den beiden vorging. Mein Magen hob sich, als müsste ich mich jeden Moment übergeben. Wer war dieser widerliche, diebische Mistkerl? Ich ließ mir meine Wut und Verstörung nicht anmerken und tat, als wäre es noch immer ein sonniger Tag, an dem ich mich freute, meiner liebsten Freundin zu begegnen. Den Mann neben ihr ignorierte ich. Jedes Wort, das wir sprachen, ist mir noch in Erinnerung.

»Will! Was machst du denn hier?« Ihre Wangen waren gerötet, als fühlte sie sich ertappt.

»Mein Vater hat mich geschickt, um Lord John ein Geschäft vorzuschlagen. Die Gelegenheit wollte ich nutzen, um nachzusehen, ob du dich vielleicht langweilst.«

Den Satz hatte ich mir lange überlegt und in Gedanken aufgesagt. Gelassen und munter hatte ich ihn vorbringen wollen. Nun klang meine Stimme hohl, und das änderte sich auch im folgenden, bedeutungslosen Gespräch nicht.

Bevor ich an jenem Tag Inveraray wieder verließ, fand ich den Namen des Mannes heraus: Ian Drummond, von seinem rebellischen Clan auf den Druck des Dukes hin als Geisel in dessen Dienste gestellt.

Ich hätte sie warnen sollen. Aber ich redete mir ein, dass die Tändelei der beiden nur ein harmloses Spiel war. So musste es sein, damit ich es ertragen konnte. Anne würde nach Hause zurückkehren, sagte ich mir, und Ian würde dann bereits wieder vergessen sein, während ich noch immer da wäre: ihr treuer, zuverlässiger Freund, der ihren Eltern jederzeit als Gast willkommen war. Meine Geduld musste mich am Ende zum Ziel führen.

Dann kam sie heim. Und sie empfing mich nicht mehr. Ihre Gesundheit hätte gelitten, ließ sie mir ausrichten. Zuerst glaubte ich es. Dann begriff ich, dass die Familie ein Geheimnis hatte. Doch gut im Hüten von Geheimnissen waren ihre Leute nicht. Statt zu schweigen, beschwerte sich Annes Vater bald beim Duke persönlich über das schändliche Benehmen des jungen Drummond seiner Tochter gegenüber und verlangte eine Strafe für ihn. Davon erfuhr Peter Mackay, die rechte Hand des Dukes. Er sagte es bei ein paar Dram Whisky seinem Bruder Duncan weiter, was Duncans Frau hörte – meine Cousine Maud. Maud, die mir nie etwas vorenthält, erzählte mir grinsend, welche Strafe für Ian Drummond beschlossen worden war, als wäre es ein Riesenspaß. Er sollte gezwungen werden, auf einem von Argylls Schiffen zu dienen, die nach Übersee fuhren.

Niemand wusste besser als ich, der Sohn eines Mannes, der seine Geschäfte mit Schiffsreisen macht, wie oft solche Reisen in den Tod führen. Nicht umsonst ziehen in den Hafenstädten und küstennahen Dörfern Banden von Seeleuten herum, die Männer mit Schlägen und Erpressung dazu zwingen, die Lücken in ihren Mannschaften zu füllen. Freiwillige sind rar und ein eigener, seltsamer Schlag von Mensch. Seemann werden zu müssen war also eine gerechte Strafe für Drummond.

Aber Maud hatte noch nicht zu Ende erzählt. Ihr Schwager Peter fürchtete den Zorn des Drummond-Clans, wenn sie den jungen Mann nach Übersee schickten. Ein tödlicher Unfall wäre besser, sagte er. Dann wäre auch Annes Vater gewiss zufrieden. Ich hörte alles an, nickte, lachte wie über einen Scherz und sagte niemandem etwas davon. Ich sagte auch nichts, als sich herumsprach, dass Ian Drummond bei einer Schlägerei im Hafen von Greenock zu Tode gekommen war. Als ich herausfand, dass meine Freundin deshalb in Leid versank, tat ich, als hätte ich Mitgefühl, weil sie ihren Liebsten verloren hatte. Obwohl ihre Eltern ihr verboten hatten, davon zu sprechen, gestand sie mir daraufhin, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Wieder heuchelte ich Mitgefühl, war dabei aber in Wahrheit so außer mir, dass ich Drummond gern eigenhändig ein zweites Mal umgebracht hätte.

Eine Weile darauf flüsterte Maud mir zu, dass Peter Mackay und seine Handlanger Drummonds Tod nur vorgetäuscht hätten, damit sein Clan keinen Ärger machte. Und nun beging ich meine übelste Tat: Ich sagte Anne auch davon nichts. Ich sah mit an, wie sie von ihrem Vater auf ein Schiff gebracht wurde, das nach Rotterdam fuhr, von wo aus sie nach Deutschland weiterreisen sollte. Ich beantwortete ihre traurigen, zornigen, verzweifelten Briefe, und ich sagte nichts. Bis heute weiß sie nicht, dass ihr Geliebter nicht in einer Hafenschenke in Greenock gestorben ist.

Doch vielleicht naht der Tag, an dem sie es erfahren wird. Denn gestern habe ich Ian Drummond mit eigenen Augen gesehen, als er in Greenock ein Schiff verließ.

*

Vier Wochen nach der Bestattung von Herzogin Sophie traf in Hannover ein anschwellender Strom von Nachrichten aus London ein, die von Queen Annes schlechtem Gesundheitszustand berichteten. Die englische Hofgesellschaft war seit langer Zeit daran gewöhnt, dass die Königin körperlich eingeschränkt war, viel zu Bett liegen musste und kaum noch allein gehen konnte. Doch dieses Mal schien ihre Schwäche lebensbedrohlich zu sein.

Anne hatte es wieder und wieder verschoben, den Damen von der Schulenburg das Märchen von ihren weitreichenden Erfahrungen mit der Stadt London aufzutischen. Jedes Mal, wenn in den Unterhaltungen der jungen Damen die Sprache auf England und den Umzug kam, fand sie es entweder unpassend, sich zu Wort zu melden, oder sie schaffte es vor Aufregung nicht, ihre Zunge in Bewegung zu setzen.

An diesem eigentlich alltäglichen Dienstag waren Miss Melusine und Miss Luise beim morgendlichen Ankleiden auffallend niedergeschlagen. Entgegen ihrer Gewohnheit beschloss Anne, nicht so zu tun, als merke sie nichts davon. Sie stand neben Miss Luise am offenen Fenster, weil das Licht dort am besten war, und nähte ihr den engen Ärmel ihres Kleids am Leib zu. Wenn ihre junge Dame das Kleid in einigen Stunden wechselte, würde sie die Naht behutsam wieder auftrennen.

»Die Hitze ist heute drückend. Im Garten ist es gewiss erträglicher. Soll ich vielleicht ein Picknick vorbereiten? Oder gibt es etwas anderes, womit sich Eure Stimmung heben ließe?«

Miss Luise winkte müde ab. »Reizend von dir. Aber unsere Trübsal hat nichts mit dem Wetter zu tun. Seine Liebden hat einen so unfreundlich formulierten Brief von einem englischen Minister erhalten, dass Notre-tante deshalb gestern Abend weinen musste, als er ihr davon erzählte. Es ging in dem Brief darum, ihm deutlich zu machen, dass das britische Parlament mitentscheidet, welche privaten Ausgaben aus seinem Etat finanziert werden und wie hoch sie ausfallen dürfen. Er schrieb ausdrücklich, dass einer Mätresse keine eigene Hofhaltung zustünde. Ich weiß gar nicht, mit welcher Behandlung Notre-tante in dieser Hinsicht gerechnet hatte, aber das spielt auch keine Rolle. Für sie ist der Brief nur ein weiteres Zeichen dafür, dass sie und wir in London nicht willkommen sind. Sie fürchtet, dass wir dort unglücklich werden.«

Annes Herz begann zu hämmern, als sich ihr erneut eine Gelegenheit bot, Henriettas Rat zu befolgen. Eine passendere würde es womöglich nicht mehr geben. Ihre Hände fingen an zu zittern. Ein Segen, dass die Naht fertig war. Tief atmete sie ein.

»Miss Luise, ich wollte darüber schon lange mit Euch und Miss Melusine sprechen. Es war nur … Die Umstände sind unerfreulich, und ich wollte Euch nicht zusätzlich beunruhigen. Aber auch ich glaube, dass Euch in der ersten Zeit in London viele Unannehmlichkeiten bevorstehen. Es wird anfangs schwierig sein, Freunde und Bedienstete zu finden, bei denen Ihr Euch sicher sein könnt, dass sie es gut mit Euch meinen. Das kann Euch leicht teuer zu stehen kommen. London ist groß und schwer zu durchschauen. Ihr kennt Euch in der Stadt nicht aus, werdet aber viele Dinge von dort beziehen müssen. Ich wünschte, ich könnte mitkommen und Euch dabei helfen, Euch einzuleben. Als Engländerin hätte ich es leichter, mit den Leuten umzugehen.«

Miss Melusine schniefte, als schössen ihr Tränen in die Augen. »Ich wünschte auch, du könntest mitkommen, Anne. Wir werden für jede freundliche Seele dort dankbar sein müssen. Ich will gar nicht mehr von hier fortgehen. Aber wir können ja Notre-tante nicht im Stich lassen. Und was sollten wir in Hannover auch ganz allein tun?«

Luise stieß die Luft aus. »Nun, mir würde schon einfallen, was ich täte. Aber es stimmt, auch ich fände es nicht richtig, Notre-tante gerade unter diesen Umständen allein gehen zu lassen. Wir müssen zusammenhalten. Ich wäre auch froh, wenn du dabei wärst, Anne. Wir müssen einen Plan schmieden, wie wir die Erlaubnis bekommen, dich mitzunehmen.«

»Notre-tante wird sicher auf unserer Seite stehen, wenn wir sie von Herzen bitten. Aber wie sollen wir Seine Liebden überzeugen?«, fragte Melusine mit brüchiger Stimme.

Ihre Schwester begann, im Raum auf und ab zu gehen und sich dabei die Stirn zu reiben. »Wie gut kennst du dich denn in London aus, Anne?«

Annes Herz übersprang einen Schlag und setzte dann noch schneller wieder ein als zuvor. Und auf einmal gingen ihr die Lügen leicht über die Lippen. »Ich will nicht sagen, so gut wie in meinem Nähkorb. Aber ich finde mich zurecht. Und da ich keine besonders auffällige Person bin, könnte ich leicht überall inkognito Erkundigungen einholen. So fänden wir nach und nach heraus, welche Lieferanten ehrlich und welche Anbieter und Waren gut sind. Und nach einiger Zeit hättet Ihr wieder ein vertrauenswürdiges Umfeld und bräuchtet mich nicht mehr. Wenn es so weit ist, und wenn es notwendig erscheint, meine Position einer anderen zu verleihen, könnte ich immer noch den Hof verlassen und zu meinen Eltern zurückkehren.«

Mit erhobenem Finger kam Luise auf sie zu und pikste sie sanft in die Schulter. »Das ist es! Du wirst unsere geheime Kundschafterin und bist als solche unentbehrlich. Ich werde das Seiner Liebden schon beizubringen wissen. Heute Abend essen wir mit ihm. Ich schlage vor, dass du dich bereithältst, um vorstellig zu werden, wenn wir dich rufen lassen, Kundschafterin Anne.«

Beinah wurde Anne schwarz vor Augen, weil sie schon wieder vergessen hatte zu atmen. »Gewiss, Miss Luise. Ich werde in der Nähe warten. Lasst Euch versichern, dass es mich sehr erleichtern würde, wenn Ihr Seine Durchlaucht überzeugen könntet. Und es wäre mir eine Ehre, ihm als neuem König von England in dieser kleinen Angelegenheit dienlich sein zu dürfen.«

*

Wie besprochen, stand Anne am Abend einige Schritte entfernt von den geschlossenen Flügeltüren des kurfürstlichen Speisesaals auf dem Flur und wartete. Sie war nicht allein, sondern in Gesellschaft einiger anderer eher unbedeutender Höflinge, die ebenfalls damit rechnen mussten, gerufen zu werden.

Immer spürbarer lag die Spannung der bevorstehenden großen Veränderungen über dem Hof. Für die meisten Hofleute galt es, schwerwiegende Entscheidungen über ihre Zukunft zu treffen, gerade wenn sie wenig oder keine Aussichten hatten, mit nach England zu ziehen. Es hatte sich herumgesprochen, dass der kleine Prinz Friedrich in der Obhut seines Onkels in der hannoverschen Residenz bleiben sollte. Die hiesige Hofhaltung wurde also nicht gänzlich aufgelöst, sondern nur verkleinert. Wenigstens für viele der altgedienten Bediensteten war diese Neuigkeit einer Erlösung gleichgekommen. Küche, Gärten, Räumlichkeiten und Ställe würden auch weiterhin mit hohem Anspruch in Ordnung gehalten werden müssen, sodass nur wenige ihre Stelle verlieren würden.

Anders sah es für die aus, die ähnliche Stellungen innehatten wie Anne. Viele der Herrschaften, denen sie dienten, würden Hannover verlassen und keine Verwendung mehr für sie haben. Etliche wünschten sich, dass der Kurfürst doch noch einen Grund fand, warum sie mit an den englischen Hof kommen sollten. Anne hoffte, dass sie nicht alle ebenso gerissene Ratgeber hatten, wie Henrietta Howard es war.

Trotz der draußen herrschenden sommerlichen Wärme waren ihre Hände und Füße während der Wartezeit auf dem Flur kalt geworden. Am liebsten wäre sie in den abendlich beleuchteten Garten hinausgeeilt und hätte sich ein warmes dunkles Plätzchen gesucht, um sich zu verstecken. Wie hatte sie sich bloß zu dieser Lüge verleiten lassen können? Was sollte sie tun, wenn jemand, der sich in London wirklich auskannte, ihr Wissen prüfte? Was würde sie antworten, wenn der Kurfürst ihr auf den Kopf zusagte, dass sie geschwindelt hatte?

Als sich die Tür öffnete und ein Lakai sie rief, hatte sie weiche Knie. Während sie am Eingang des Saals in einen Knicks sank, erinnerte sie sich daran, dass ihre letzten Schwindeleien und Heimlichkeiten sie in einen finsteren Abgrund geführt hatten. Ich konnte nicht mehr schlafen und bin ein wenig im Garten spazieren gegangen. Das hatte sie zu der erstaunten Milchmagd in Inveraray gesagt, als sie ihr am frühen Morgen nach ihrer ersten Liebesstunde mit Ian an der Seitentür des Herrenhauses begegnet war.

»Miss Baynes! Tretet näher, meine Liebe«, sagte Kurfürst Georg Ludwig. Mit gesenktem Haupt tat sie, wie befohlen, und knickste noch einmal, als sie vor ihrem zukünftigen König stand. Er nickte ihr zu, ohne dass seine Miene verriet, ob er ihr gewogen war.

»Fräulein Luise hielt mir eine flammende Rede, in der sie Eure treuen Dienste lobte und mir versicherte, dass Ihr auch in Zukunft unentbehrlich für meine hochgeschätzten Damen sein werdet. Sagt mir, was sind Eure Pläne für den Fall, dass wir keinen Platz für Euch in unserer neuen Hofhaltung finden, so bedauerlich das dann auch sein mag?«

Anne zwang sich dazu, ruhig zu atmen und zu sprechen, als würde es nur um Alltäglichkeiten gehen. »Ich würde zu meiner Tante nach Altehorst zurückgehen und dort auf die Anweisungen meines Vaters warten, Eure Hoheit.«

»Sir Baynes, Baronet of Madlock Country, ist Euer Vater, nicht wahr? Frau von der Schulenburg half meinem Gedächtnis freundlichst nach. Nun, Miss Baynes, in welcher Verbindung stand oder steht Euer Vater zum englischen Königshaus? Ist er ein Mitglied des Parlaments? Gehört er eher der Whig- oder der Tory-Partei an? Ich gebe mir Mühe, die Eigenheiten der englischen Regierung zu durchschauen, müsst Ihr wissen. Mir ist bewusst, dass ich in London auf Gegner treffen werde. Glaubt Ihr, dass Euer Vater einer davon sein wird?«

Unwillkürlich richtete sich Anne auf. Mit allen möglichen Wendungen des Gesprächs hatte sie gerechnet, aber diese Frage hatte sie nicht vorausgesehen. Ihr Verstand sagte ihr, dass es nur eine richtige Antwort auf die Frage gab, doch ihr Herz konnte in diesem Moment keine weitere Lüge verkraften. »Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass er gegen Eure Thronfolge ist. Doch ich muss gestehen, dass mein Verhältnis zu ihm nicht vertraut genug ist, um es beschwören zu können. Zumindest kann ich aber sagen, dass mein Vater nur kurze Zeit in unbedeutender Stellung am Hof von King James gedient hat und seinen Abschied noch vor dessen Absetzung nahm, über die er zufrieden war. Später äußerte er oft, dass es unsere anglikanische Kirche, die Freiheit aller Engländer und letztlich den Wohlstand der Nation bedrohen würde, wenn wieder ein Papist auf den Thron käme. Ich nehme an, dass sich das nicht geändert hat.«

Der Kurfürst brummte wohlwollend. »Dann gehen wir davon aus, dass es so ist. Jedenfalls wird Euer Herr Vater Euch wohl nicht gegen mich vereinnahmen, will ich hoffen. Wir können uns nicht erlauben, unsere Gegner auch noch selbst von hier mitzubringen. Wollt Ihr mir einen Treueschwur leisten, mit dem Ihr Euch fest gegen meine englischen Feinde stellt? Das ist keine Sache, die Ihr leichtfertig tun solltet, wenn Ihr es für möglich haltet, dass Euer Vater Euch in Kürze mit einem Jakobiten verheiraten wird. Ihr müsst Euch im Klaren darüber sein, dass ich den Bruch eines solchen Eids als kapitales Verbrechen bestrafen würde.«

Jakobiten nannten sich die Anhänger von James Stuart, der auch Jakob genannt wurde. Annes Eltern waren keine Jakobiten, so viel wusste sie sicher. Außerdem war ihnen die rebellische Art der Schotten fremd. Der letzte Mensch, der ihr gegenüber jakobitische Ansichten geäußert hatte, war Ian Drummond gewesen. Und den hatte sie auch deshalb nicht heiraten dürfen. Da sie ohnehin nicht auf eine Heirat aus war, konnte sie zumindest diese Frage ohne Gewissensbisse beantworten.

»Ich werde ganz gewiss keinen Jakobiten heiraten.«

»Ihr schwört mir also die Treue?«, hakte der Kurfürst nach.

»Wenn Ihr es wünscht, schwöre ich auf die Bibel.«

Er winkte einem der Lakaien. »Eine Bibel, bitte.«

Das Buch lag schon bereit, was Anne vermuten ließ, dass sie an diesem Tag nicht die Einzige war, die einen Schwur ablegte. Der Diener brachte die Heilige Schrift auf einem Samtkissen herbei, und alle Blicke ruhten erwartungsvoll auf Anne. Die Feierlichkeit der Geste ließ sie innehalten.

Sie räusperte sich. »Heißt das, ich werde mit nach London reisen und in Euren Diensten bleiben, wenn ich den Eid leiste?«

Georg Ludwig zuckte mit den Schultern. »Noch steht es in den Sternen, ob und wann der Tag unserer Abreise kommen wird. Wer weiß schon zu sagen, was bis dahin noch alles geschehen wird? Ich kann Euch nichts versprechen. Doch ich kann Euch versichern, dass Ihr nicht in der engen Wahl sein werdet, wenn Ihr mir diesen Eid nicht leistet.«

Anne spürte, wie sie errötete. Es lag nur ein so dünner Grat zwischen Gunst und Ungnade eines Fürsten. Sie durfte jetzt keine Fehler mehr machen. »Ich bitte um Verzeihung, Eure Hoheit. Den Eid leiste ich Euch aus vollem Herzen. Es ist nur … Die Ungewissheit nagt an mir. Aber ich verstehe selbstverständlich, dass das in diesen Tagen für niemanden anders ist. Sagt mir nur, welche Worte ich sprechen soll.«

Zufrieden lächelnd bedeutete er seinem Sekretär, diese Aufgabe zu übernehmen. Der sprach Anne die Worte eines Treueschwurs vor, den sie wiederholte. In ihrer Aufregung war sie so bedacht darauf, jedes Wort richtig aufzusagen, dass sie über die Aussage kaum nachdachte. Am Ende hatte sie dem zukünftigen King George von England lebenslange Treue geschworen, so viel war ihr klar. Und immerhin hatte er ihr dafür eine Goldmünze geschenkt, wenn auch nicht das Versprechen, für das sie all die Mühe und Schwindelei auf sich genommen hatte.

*

Knapp vier Wochen später, am sechsten August, erhielt Kurfürst Georg Ludwig die erste inoffizielle Nachricht vom Tod Queen Annes. Drei Tage darauf traf die offizielle Bestätigung ein. Und Anne erfuhr, dass sie zu den Auserwählten gehörte, die mit Georg Ludwigs Reisegesellschaft nach London ziehen würden.

Am Morgen nach der offiziellen Verkündung von Queen Annes Ableben wachte Anne noch vor der Dämmerung schweißgebadet auf. Sie hatte wieder von ihrem Sohn geträumt, doch dieses Mal war er älter gewesen als sonst, ein Knabe im Alter von Prinz Friedrich, der ohne seine Eltern in Hannover bleiben musste. In ihrem Traum hatte sie Johnny in einer schmutzigen Bauernkate in Madlock Country gefunden. Sie hatte ihn in die Arme schließen wollen, aber er hatte sie nicht erkannt, sondern war davongestürmt und in den Wald gelaufen. Als sie ihn nach langem Herumirren ein zweites Mal fand, stand er mitten in einem Rudel von Wölfen, die sie anstarrten. Zu ihrem Entsetzen knurrte jedoch auch ihr Sohn sie an, als wäre er eines der Raubtiere. Ihr Herz überschlug sich, und sie wachte auf. Mit rasendem Puls blickte sie in der Dunkelheit an die Decke.

Sie hatte nie darüber nachdenken wollen, doch nachdem Will es in seinem Brief geschrieben hatte, ging es ihr nicht mehr aus dem Sinn: Was, wenn Johnny nichts mit ihr zu tun haben wollte? Was, wenn er im Haus seiner Amme glücklicher war, als seine fremde Mutter ihn machen konnte? Sie wusste nicht, was er liebte oder hasste. Ob er seinem Vater schon ähnlich sah? Was, wenn er sie verachtete?

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