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La Pax

Inhalt

Das Dorf 89573 7

Großmutter 20

Das System 31

Der Assistent 43

Lesen 52

Der Plan 63

Kostüme 82

URBS31 101

Begegnungen 119

Absolute Unwahrscheinlichkeit 143

Hoffnung 155

Krankheit 168

Mini 177

Butterbrote 187

Kämpfe 198

Auf eigenen Beinen 211

Isas Wasserfall 222

Familie 246

LaPax 256

Das Dorf 89573

Mit voller Wucht traf die Knolle sie im Nacken. Diesmal war es eine faulige Kartoffel. Ray spürte, wie der stinkende Pflanzensaft an ihrem Hals herunterlief und in ihren Haaren klebte. Doch sie verzog keine Miene. Sie suchte weiter in der trockenen Erde und sammelte die Kartoffeln in einen großen Korb.

Sie hörte auch die Stimme des Werfers: »Hey, du bist doch eine von den Natürlichen! Diese Stärkeknollen hier stinken so wie ihr!« Der Sprecher lachte sich halb tot über seinen schlechten Scherz und warf noch eine weitere Kartoffel nach dem Mädchen. Diesmal traf er nicht und Ray sammelte die Kartoffel in ihren eigenen Korb.

»Soll er doch die dicksten Knollen nach mir werfen, dann muss ich sie nur noch einsammeln, wenn er mir alles zuwirft«, dachte sie grimmig. Das Mädchen würdigte den blonden Jungen mit dem Babygesicht, der etwa in ihrem Alter war, keines Blickes. Er kicherte noch eine Weile mit ein paar anderen Jugendlichen, doch dann verlor er bald das Interesse.

Die Arbeit war nicht leicht. Einer der etwas Älteren musste in der Reihe voraus gehen und mit einer Forke die Erde auflockern und die Knollen an die Oberfläche befördern. Die anderen krochen hinterher und sammelten die Kartoffeln in ihre Körbe. Wenn diese voll waren, mussten sie sie zu den Fahrbändern bringen, mit denen sie zu den Stärkeproduktionshallen gebracht wurden. Die Fahrbänder durchzogen das gesamte System wie ein Spinnennetz. Es gab langsamere und auch sehr schnelle Bänder, die je nach Bedarf für Waren oder für die Beförderung der Nummern von einem Ort zum nächsten dienen konnten.

Es war ein freundlicher Herbsttag und die Sonne schien wärmend auf die arbeitenden Jugendlichen herab. Der strahlend blaue Himmel zeigte sich in einem hübschen Kontrast zu den braun-grünen Feldern. Die Kartoffelfelder erstreckten sich in alle Himmelsrichtungen, lediglich unterbrochen von den endlosen Fahrbändern, die die umliegenden Felder mit ihrem Dorf verbanden. Jetzt, am Nachmittag, fuhren gefüllte Körbe zu den Fabriken in die Stadt. Leere Körbe kamen für die Sammler an. Am Abend würden die Jugendlichen auf denselben Bändern in das Dorf zurückfahren.

Das leise Summen der Fahrbänder, die knirschenden Laute vom Umgraben der Erde und hie und da ein kurzer Wortwechsel zwischen den Jugendlichen waren die einzigen Geräusche, die zu hören waren. Da war kein Vogelgezwitscher und es gab auch keine summenden Bienen. Nicht einmal Würmer krochen in der kargen Erde.
Jeder Sammler hatte am Abend ein gewisses Pensum an Kartoffeln vorzuweisen und so arbeiteten die Jugendlichen meistens konzentriert.

Ray wusste von ihrer Großmutter, dass es früher Maschinen für die Ernte gegeben hatte.

Diese Maschinen waren einfach über die Felder gefahren. Mit einer großen Gabel waren die Kartoffeln auf ein Band transportiert worden wie bei den Fahrbändern heute. Die Jugendlichen hatten dann nur oben auf dem Wagen den groben Dreck von den Knollen entfernen müssen.

Ray erinnerte sich, dass sie die Großmutter als kleines Mädchen einmal gefragt hatte, warum es diese Maschinen denn nun nicht mehr gebe.

»Ach!«, hatte die Großmutter geseufzt, »Das war dem System viel zu einfach. Nachdem sie das Bildungssystem abgeschafft und das Arbeitssystem eingeführt hatten, wollten sie die jungen Leute sinnvoll beschäftigen. Die Feldfahrzeuge waren außerdem viel zu teuer.«

»Aber warum hat man die Kinder nicht mehr in die Schule geschickt?«, hatte ihre kleine Enkelin damals gefragt.

Doch da war die Mutter dazwischen gegangen: »Sei froh Ray, dass wir alle genügend ausgewogene Nährstoffe zu uns nehmen können. Das war früher für viele nicht so. Das System sorgt dank des Arbeitssystems heute gut für uns. Ich weiß nicht, wo wir ohne die Arbeitskraft der Jugendlichen heute stehen würden.«

Das Mädchen liebte es aber, wenn ihre Großmutter von früher und von ihren eigenen Großeltern erzählte, die sogar selber noch in die Schule gegangen waren.

»Sie haben ganz viele Dinge über die Welt gelernt, über die Menschen und ihre Geschichte durch die Generationen«, schwärmte die alte Frau. »Leider behaupteten dann die Wissenschaftler des Systems, dass nur 5 % von diesem Wissen später genutzt würden. Sie kamen zu dem Schluss, dass das Bildungssystem ineffektiv sei. Da wurde das Arbeitssystem eingeführt.«

Doch an solche Zeiten gab es heute kaum noch lebendige Erinnerungen.

»Es gibt ja auch kaum noch natürliche Familien, die sich so etwas erzählen könnten«, dachte Ray bitter, als sie ihren vollen Korb nahm und zum Fahrband schleppte. Seit Ray denken konnte, war die Knollenernte schon immer die Arbeit der Jugendlichen zwischen 12 und 13 gewesen.

Manchmal wünschte sie sich, so normal zu sein wie die anderen Jugendlichen auf dem Feld, einfach nur eine weitere Nummer im System. Aber das war sie nicht. Ebenso wenig wie ihre beiden Geschwister, Seven, ihr älterer und Mini, ihr jüngerer Bruder.

Ihre Mutter hatte Ray und ihre Brüder im Krankenhaus geboren. Sie waren auf natürliche Weise gezeugt und ausgetragen worden. Rays Vater, der ebenfalls ein Natürlicher war, hatte eines Tages das Geläster und den Druck im Dorf nicht mehr ausgehalten und war aus seiner Heimat weggezogen. Eines Morgens war er einfach verschwunden, obwohl er seit seiner Kindheit im Dorf 89573 gelebt hatte. Auch er hatte schon als Jugendlicher auf den Knollenfeldern geschwitzt. Doch nach der Geburt seines dritten Kindes wurden die Anfeindungen immer schlimmer. Nicht selten rief ihnen jemand »Wie die Tiere! Pfui!« hinterher. Früher hatte Ray nie verstanden, was das bedeuten sollte, aber irgendwann hatte ihre Großmutter sie aufgeklärt. Es war eine andere Aufklärung als die des Systems. Im Kinderhaus hatte sie gelernt, dass die Menschen im Krankenhaus unter besonders hygienischen Voraussetzungen im Reagenzglas gezeugt wurden und nach etwa 9 Monaten aus dem Fruchtwasserbehälter entnommen wurden. Dadurch seien neben der Sicherheit für das Kind außerdem ideale Genkombinationen möglich, die das System stärkten. Großmutter hatte ihr dagegen die Fortpflanzungsmethode der Natürlichen erklärt, die Ray insgeheim selbst ein wenig ekelig fand. Das sagte sie ihrer Großmutter natürlich nicht. Sie wollte sie ja nicht beleidigen.

Seitdem ihr Vater verschwunden war, hatte die Familie nichts mehr von ihm gehört. Tatsächlich hatten die Beschimpfungen anschließend etwas abgenommen, aber dennoch war die Familie bekannt wie ein bunter Hund. Alle wussten, dass sie zu den Natürlichen gehörten. Obwohl die Bewohner des Dorfes alle paar Monate ausgetauscht wurden, sprach es sich unter den Neuen immer wie ein Lauffeuer herum, wer die Natürlichen waren. Ihre Nummern wussten immer alle als Erstes auswendig. Da aber ein uraltes Gesetz die Häuser der Natürlichen vor der Übernahme durch das System schützte, blieben sie als einzige über Jahre am selben Ort wohnen. Dadurch konnten sie zwar keine Karriere machen und mussten die Arbeit annehmen, die in der Umgebung anfiel, aber es war ihre einzige Chance als Familie zusammenzubleiben. Die meisten anderen Natürlichen hatten sich schon getrennt und ins System integriert. Ray fragte sich des Öfteren, was passieren würde, wenn die alte Hütte über ihnen zusammenbrechen würde. Renovierungen an Privatbesitz durften nämlich nicht selbstständig durchgeführt werden. Und dem System fiel es gar nicht erst ein, Privathäuser zu renovieren.

In ihren Gedanken versunken, merkte Ray gar nicht, dass der blonde Junge seinen nur halb gefüllten Korb neben ihren auf das Band gestellt hatte. Ganz unauffällig hatte er dabei die Kennnummern ausgetauscht, die auf den Körben angebracht sein mussten. Auf Rays prall gefülltem Korb prangte nun anstatt ihrer eigenen Nummer RA834500Y die Nummer des Jungen: ZZ98035V.

»RA834500Y zur Nacharbeit! RA834500Y zur Nacharbeit!«, tönte es am Abend aus den Lautsprechern der Überwachungsanlage. Das Tageslicht fing langsam an zu schwinden und die Strahler wurden über Rays Arbeitsplatz eingeschaltet, während sie sich grün und blau ärgerte, dass sie wieder einmal Nacharbeit leisten musste. Sie konnte es sich nicht erklären. Sie hatte doch ihre 15 vollen Körbe abgeliefert. »Jetzt sitzen die Assistenten wieder an ihren Bildschirmen und lachen über die schlechte Leistungsfähigkeit der Natürlichen!«, dachte sie wütend. Daran konnte sie nun aber auch nichts ändern. Vielleicht hatten sie sogar Recht damit.

Als Seven von seiner Sortierarbeit mit all den anderen 14- und 15-Jährigen auf dem Fahrband nach Hause fuhr, sah er seine Schwester noch immer auf dem Feld arbeiten. Sie sah nicht gut aus. Ihr Haar, das noch am Morgen ordentlich zusammengebunden war, hing ihr strähnig ins Gesicht. Sie wirkte müde und erschöpft. Hatte sie geweint? Seven durfte sich seine Wut nicht anmerken lassen. Auch dann nicht, als einige Mädchen auf dem Fahrband anfingen, sich über die dummen Natürlichen aufzuregen. Am liebsten hätte er sich jetzt eine deftige Prügelei mit den Lästertanten geliefert, aber das würde ohnehin nichts ändern. Er drehte den Kopf weg und betrachtete den Sonnenuntergang. Der Himmel, der den ganzen Tag blau geleuchtet hatte, war nun blutrot. Großmutters Haus, das er in einiger Entfernung am Dorfrand sehen konnte, war gerade in diesem Moment durch die letzten Sonnenstrahlen in rosafarbenes Licht getaucht. Die Risse im Putz und das marode Dach schienen auf einmal nicht mehr zu existieren. In den dahinter liegenden weiß getünchten Neubauten im Zentrum des Dorfes lebten die Jugendarbeiter und die verschiedenen Kindergruppen, streng getrennt nach ihrem Alter. Außerdem gab es noch das Altenhaus weiter hinten im Ort, das von hier nicht zu sehen war und ein paar Blöcke, in denen einige Assistenten und Überwacher wohnten und arbeiteten. Erwachsene gab es ansonsten in 89573 wenige. Sie arbeiteten überwiegend in den Produktionshallen am Stadtrand. Für die Feldarbeit waren die gelenkigen und kräftigen Jugendlichen vorgesehen.

Seven fiel auf, wie viel hübscher ihr kleines Häuschen mit dem spitzen Dach im Gegensatz zu all den großen Flachbauten im Dorf war. Die Sonne war jetzt ein leuchtend roter Ball am Horizont und schien fast zum Greifen nah. »Wie kann eine Welt, in der es so schöne Dinge gibt, nur so schrecklich sein?«, fragte er sich wahrscheinlich zum 100sten Mal. Trotzdem beruhigte ihn der Anblick der untergehenden Sonne etwas und er hoffte, seine Schwester würde sich ebenfalls davon getröstet fühlen.

Zu Hause angekommen, sah Seven seinen kleinen Bruder in der Türe stehen. Heute rannte dieser ihm jedoch nicht entgegen, aber der für sein Alter schon große und muskulöse 15jährige junge Mann wusste genau, dass sein kleiner Miniseven nichts lieber täte, als auf seinen starken Armen durch die Luft zu fliegen. Er war schließlich gerade erst zehn geworden. Leider hatten erst letzte Woche mehrere Sortierarbeiterkollegen eine solche Szene beobachtet und hatten beim Vorbeigehen alle gemeinsam auf die Geschwister gespuckt. Mini hatte fürchterlich geweint und versprochen, Seven nie wieder entgegenzurennen. Seit diesem Vorfall war das Mobbing auf der Sortierstation unerträglich, wie immer, wenn sich eine Wohnphase dem Ende zuneigte. Mittlerweile wussten nämlich wirklich alle, dass der Junge mit der Nummer XY770077G ein Natürlicher war.

»Warum muss ich auch so eine eingängige Nummer haben!«, ärgerte er sich still. Andererseits war die Nummer auch egal, denn das System trainierte schon die Kleinsten, sich komplexe Zahlenfolgen merken zu können. Er sehnte den nächsten Umzug der Kollegen herbei, obwohl er wusste, dass dann nur alles von vorne anfangen würde.

Seven drehte sich noch einmal zu den Fahrbändern um und sah, dass alle anderen schon in den Straßen der Jugendhäuser verschwunden waren. Er schaute wieder zurück zu Mini und ein verschmitztes Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht. Seven breitete seine Arme aus und fing an auf Mini zuzulaufen. Im selben Moment juchzte Mini glücklich auf, sprang aus dem Haus und im nächsten Augenblick wirbelten die beiden eng umschlungen herum, bis sie kichernd und außer Puste vor der Haustüre saßen. Mittlerweile war die Sonne untergegangen, doch ein paar rosafarbene Wölkchen zeugten noch von der Schönheit der vergangenen Minuten.

»Seven«, fing Mini an. »Ray ist noch nicht zu Hause. Mama auch noch nicht.«

»Ich weiß, ich habe Ray noch bei der Nacharbeit auf dem Feld gesehen.«

»Aber …, Mama?«, fragte Mini zögernd.

»Sie habe ich nicht gesehen, Mini. Du weißt ja, dass es jeden Tag passieren kann.« Mini lief eine einzelne Träne übers Gesicht, als sein Bruder weitersprach: »Mama hat keine Angst vor der Implantierung. Sie wird ganz tapfer sein, wenn es soweit ist. Du wirst schon sehen, irgendwie wird alles gut werden.«

»Ich will aber kein Implantat«, jammerte Mini.

»Nein, das will ich auch nicht. Aber Mama ist wirklich überfällig. Dass das System sie so lange übersehen hat, grenzt schon an absolute Unwahrscheinlichkeit.«

Mini nickte und zitterte plötzlich. »Mir ist kalt.«

»Ja, es wird bald Herbst. Lass uns reingehen.«

Drinnen wartete die Großmutter in der Küche. Sie hatte bereits die Wasserrationen für vier Personen abgemessen und hielt das Nährstoffpulver in der Hand.

»Warte!«, bremste Seven sie in ihren Bewegungen. »Ray hat den ganzen Tag mit nur einer Wasserration auf dem Feld gearbeitet. Und jetzt muss sie noch nacharbeiten. Wer weiß, was da schon wieder passiert ist. Sie wird schrecklichen Durst haben.«

»Ich habe ihr schon was aufgehoben«, antwortete die alte Frau mit zittriger Stimme. »Mini wollte es zwar vorhin gerne trinken, aber …« Sie zwinkerte dem Kleinen zu. »Ich habe ihm gesagt, dass die Sonne den ganzen Tag geschienen hat und dass Ray deshalb nach der Feldarbeit mehr Wasser braucht.«

Seven widersprach: »Aber Oma! Du brauchst doch auch deine Ration! Du bist doch im August schon fast dehydriert.«

»Ach, ich bin eine alte Frau und im August war es noch viel heißer als heute. Das geht schon. Morgen früh trinke ich wieder. Versprochen!«

»Na gut,« willigte Seven ein, »aber ich habe einfach Angst, dich an das System-Krankenhaus zu verlieren. Wir brauchen dich hier noch!«

»Glaubst du etwa, ich will noch einmal in ein System-Krankenhaus?«, schimpfte die Alte und während sie zum Schrank ging und doch einen kleinen Schluck aus ihrer eigenen Ration trank, sagte sie leise: »Wir dürfen die Hoffnung einfach nicht aufgeben.«

»Ray!«, rief Mini und hing sich seiner Schwester, die gerade zur Haustür hereinkam, an den Hals. Schlecht gelaunt löste diese sich aus der Umarmung und giftete ihre Großmutter an:

»Hoffnung!? Was soll das denn bitte sein?« Beim Eintreten hatte sie die letzten Gesprächsfetzen mitbekommen.

»Ray, schön, dass du gar nicht so lange nacharbeiten musstest«, ignorierte die Großmutter ihre Frage. »Hier ist dein Nährtrank und ich habe dir noch etwas von meinem Wasser aufgehoben.«

In langen, gierigen Zügen leerte Ray ihr Glas. »Puh!«, seufzte sie. »Ich hatte solchen Hunger und Durst!«

Dankbar nahm sie die zusätzliche Ration der Großmutter entgegen und trank nun, da es nur noch reines Wasser ohne Nährpulver war, langsamer. Bei jedem Schluck musste sie die Augen schließen, weil sie so besser die erlösende Wirkung des durststillenden Wassers spüren konnte.

»Warum musstest du nacharbeiten?«, fragte Seven kurze Zeit später. Ray setzte sich erschöpft auf das alte zerschlissene Familiensofa und rollte mit den Augen.

»Bekomme ich jetzt wieder eine Standpauke, oder was?«

»Ach Ray, du weißt doch, dass wir den Assistenten nicht zu sehr auffallen dürfen. Je mehr sie auf uns aufmerksam werden, desto mehr Ärger bekommen wir. Womöglich holen sie uns ab und implantieren uns noch vor dem Pflichttermin. Mini hat solche Angst davor.«

Bei diesen Worten vergrub der Kleine gleich wieder sein Gesicht in Großmutters Schoß. Ray dagegen öffnete scheinbar gleichgültig ihren zerzausten Zopf und begann den Kartoffeldreck und Staub auszubürsten. »So’n Typ hat mir eine faulige Kartoffel in den Nacken geworfen und auf die Natürlichen geschimpft.«

»Was?«, regte Seven sich auf. »Aber da müsste er doch Ärger mit der Überwachung bekommen, wenn er nicht arbeitet!«

»Das glaubst du doch wohl selber nicht«, lachte Ray bitter. »Die Überwacher wissen schon, wann sie wegschauen müssen.« Sie atmete einmal tief ein und aus und überwand sich sichtlich, weiterzuerzählen: »Ich habe an Papa gedacht und meinen Korb auf das Fahrband gestellt. Irgendwie muss jemand dann die Kennnummern manipuliert haben. Ich weiß genau, dass ich 15 volle Körbe hatte. Und ich Dummkopf hab mich noch gewundert, dass der blonde Typ so bescheuert ist, einen halben Korb abzuliefern … Ha! … Ich war die Dumme!«

Seven, der sich alles in Ruhe angehört hatte, konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen: »Du musst wirklich besser aufpassen und weniger grübeln, Ray!«

Das führte nur dazu, dass seine Schwester wütend aufsprang, die Treppen nach oben trampelte und man nur noch hörte, wie sich die Zimmertür mit einem heftigen Knall schloss. Seven setzte sich kopfschüttelnd an den Küchentisch. Er konnte nicht begreifen, wie seine Schwester das alles nur so locker nehmen konnte. Oder tat sie nur so? Erst letzten Monat hatte es ihretwegen eine Assistentenüberprüfung in ihrem Haus gegeben.

Liebevoll nahm die Großmutter Mini von ihrem Schoß und hinkte langsam aber zielstrebig nach oben. Seven war nach dem Ausbruch seiner Schwester ganz durcheinander. Er bemerkte seinen Bruder erst, als dessen kleine, kalte Finger sich um seine schlossen: »Kuschelst du dich mit mir aufs Sofa?«, fragte dieser bereits zum zweiten Mal mit flehentlichem Blick.

»Na klar, komm, Mini!«, antwortete er, nahm den Kleinen in seine Arme und setzte sich mit ihm auf seinen Lieblingsplatz. »Ich decke dich noch ein bisschen zu. Du bist ja wirklich eisig kalt.«

Seven fühlte sich auf eine bestimmte Art und Weise verantwortlich für seine Geschwister, vor allem für Mini. Er war doch erst zehn und musste im Kinderhaus schon so viel aushalten. Aber auch für seine Schwester Ray fühlte er sich verantwortlich. Obwohl sie nur 2 Jahre jünger war als er selbst, hatte er immer das Bedürfnis sie zu beschützen. Sie selbst mochte das gar nicht und das wusste Seven auch. Trotzdem konnte er es nicht lassen sie immer wieder zurechtzuweisen. Sie brauchte doch seine Hilfe. Ray hatte ihm so leidgetan, als er sie auf dem Feld gesehen hatte und jetzt hatte er sie nur kritisiert. Er war aber auch wütend! Wieso konnte sie nicht besser aufpassen? Und überhaupt, wo blieb Mama? Musste sie heute auch nacharbeiten? Auf einmal war Seven mindestens genauso zum Heulen wie seinem kleinen Bruder, doch er unterdrückte die Tränen, aus Sorge Mini noch mehr zu verunsichern.

Großmutter

»Weißt du, meine liebe Ray, Seven meint es doch nicht böse.« Die Großmutter setzte sich auf Rays Bett, die ihren Kopf in den Kissen vergraben hatte. »Er macht sich Sorgen um uns alle. Seit euer Vater fort ist, hat er als der Älteste immer mehr Verantwortung übernommen.«

Ray schluchzte. »Aber immer hackt er auf mir herum!«

Großmutter schüttelte den Kopf. »Er wollte dir seine Wasserration überlassen, obwohl er selbst den ganzen Tag in der Sortierfabrik gearbeitet hat«, wendete sie ein.

Ungläubig schaute Ray auf. »Ehrlich? Und ich dachte, er wäre bloß sauer auf mich.«

»Nein, er hat dich sehr lieb.«

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß es,« sagte die Oma leise und streichelte über Rays Kopf, »weil ich es fühlen kann. Wir dürfen nie aufhören, Gefühle füreinander zu haben. Sonst werden wir wie die Assistenten.«

Da senkte Ray wieder den Kopf und gestand: »Heute wollte ich am liebsten nur eine Nummer im System sein. Ich wollte nichts mehr fühlen, nur einfach arbeiten und fertig! Ich habe gedacht, gar keine Gefühle mehr zu haben wäre doch besser als neben den wenigen guten Gefühlen so oft schlechte Gefühle haben zu müssen.«

»Ja, das ist es, was sie mit dir machen. Sie lassen dich für sie schuften, bis du genauso gefühllos und kalt wirst, wie sie es sind. Nur so kann Nummer 1 seine Überwacher und Assistenten ausbilden und kontrollieren.« Die Großmutter nahm ihre Enkelin in den Arm. »Aber weißt du, trotz vieler schlechter Gefühle in diesem Leben haben wir einander und erleben doch auch viele schöne Momente zusammen, die die anderen Nummern nicht kennen. Das ist doch kostbar in dieser Welt, oder nicht?«

Ray nickte zögerlich. »Oma, woher weißt du eigentlich all diese Dinge über das System?«

»Ich weiß es nicht wirklich auf die Weise, wie sie Dinge wissen, aber mein ganzes Leben lang hat sich für mich der Eindruck erhärtet, dass es tatsächlich so ist. Ich beobachte die Veränderungen schon seit ich eine junge Frau war.« Und mehr zu sich selbst flüsterte sie weiter: »Damals hätte ich noch die neue Welt suchen können. Jetzt bin ich zu alt.«

Da richtete Ray sich schlagartig auf, sagte: »Du und alt? Du bist doch voll fit!«, und schlang ihre Arme um die Großmutter.

Diese lächelte und sagte mit einem Augenzwinkern: »Nun ja, es gibt ein altes Sprichwort, das meine eigene Oma mir immer gesagt hat, als sie älter wurde. Das heißt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.«

Irritiert sah Ray in das faltige Gesicht der alten Frau. »Was ist das eigentlich genau: Hoffnung? So etwas hast du vorhin schon gesagt, als ich nach Hause gekommen bin.«

»Wenn ich es richtig verstanden habe, heißt Hoffnung, dass man das Gefühl hat, die Zukunft wird irgendwie besser werden als die Gegenwart. Vielleicht täusche ich mich auch. Aber ich will einfach glauben, dass für euch eines Tages alles besser wird.«

»Und wie soll das gehen?« fragte Seven, der gerade zur Tür hereingekommen war. Er deutete hinunter ins Wohnzimmer. »Mini ist unten auf dem Sofa eingeschlafen.« Und zu Ray gewandt fuhr er fort: »Ray, ich, … es tut mir leid, dass ich dich vorhin so angegiftet habe. Ich habe dich auf dem Feld gesehen und habe mich so hilflos gefühlt. Ich konnte dir nicht helfen und da bin ich wütend auf mich selbst geworden und habe es an dir rausgelassen. Das tut mir leid.« Ray zögerte einen Moment und schaute ihre Oma an, die ihr aufmunternd zunickte.

»Hey, ich bin fast 13 und brauche keinen Aufpasser mehr, klar?«, sagte sie störrisch zu beiden. »Aber …«, sie blickte zu ihrem Bruder, der sie mit seinen großen braunen Augen unsicher ansah und zum ersten Mal fiel ihr auf, wie viel Ähnlichkeit er mit ihrem Vater hatte. »Entschuldigung angenommen.« Da stand sie auf und nahm Seven in den Arm. Er war wirklich ganz schön stark geworden, seit er auf der Sortierstation arbeitete.

»Seht ihr,« sagte die Oma, »deshalb habe ich Hoffnung für euch. Ihr kennt eine andere Art zu leben als die Assistenten, Überwacher und die zahllosen Nummern des Systems. Und ihr werdet sicher euer Leben lang nach diesem Leben suchen.«

»Ist Papa deshalb weggegangen, weil er ein besseres Leben suchen wollte?« fragte Ray.

»Ich weiß es nicht sicher, aber ich fürchte mein Sohn ist fortgegangen, weil er ein Leben mit weniger Gegenwind haben wollte. Diese Hoffnung kann das System bis zur Perfektion erfüllen, wenn man sich an ihre Spielregeln hält.«

Die Trauer über den Verlust ihres einzigen Sohnes war der alten Frau ins Gesicht geschrieben.

Die drei schwiegen eine Weile, dann sagte Ray: »So, jetzt raus aus meinem Zimmer. Ich muss schlafen, damit ich morgen mein Pensum schaffe und nicht wieder irgendeine Babyface-Nummer daherkommt und mich übers Ohr haut.«

»Gute Einstellung, Schwesterherz!«, meinte Seven zustimmend und fügte, zur Großmutter gewandt, hinzu: »Und ich trage Mini ins Bett.«

»Alles klar, gute Nacht ihr beiden!«, antwortete die Großmutter und machte sich auf den Weg in ihr Schlafzimmer.

Sie fühlte sich schwach. Ihre Knie machten ihr jeden Tag mehr Sorgen und Seven hatte Recht, dass sie zu wenig trank. Nur selten musste sie überhaupt noch Wasser lassen und dann brannte es und roch nach faulen Eiern. Sie wusste, dass dies nichts Gutes bedeuten konnte, aber sie musste durchhalten – für die Kinder. Sie hatte nun schon so lange für die Familie gekämpft und glaubte noch immer fest daran, dass es einen Ausweg aus dem System gab. Ein Wort drängte sich in ihre Gedanken.

»Clara.« Der Name bedeutete ihr viel. Es war dieser Name, der sie an einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft festhalten ließ. Eine merkwürdige Begegnung mit einem noch merkwürdigeren Mann in ihrer Jugend hatte dazu geführt, dass sie sich selbst seitdem gerne so nannte. Sie war gerade bei der Arbeit auf dem Feld gewesen, da war ihr ein zerlottert gekleideter Mann ohne Nummer aufgefallen, der über das Feld gehumpelt kam.

»Hallo Clara«, hatte er ihr zugerufen und fragend hatte sie sich umgeschaut, um zu sehen, mit wem er redete. Aber alle anderen jungen Arbeiter hatten sich immer absichtlich von ihr fern gehalten, da sie ja eine Natürliche war. Da war sonst niemand gewesen, den er gemeint haben konnte.

»Ja, dich meine ich. Ich will dir was sagen.« Der etwas unheimliche Typ mit den zerzausten Haaren und der schmutzigen Kleidung hatte sie zu sich gewunken. Zögernd war sie näher getreten. Der Mann hatte ihr merkwürdige, aber faszinierende Dinge von einer besonderen Stadt erzählt, in der alle Menschen lustige, bunte Kleidung trugen und fröhlich waren.

»Wo soll denn diese geheimnisvolle Stadt sein?«, hatte sie ihn damals zweifelnd gefragt.

»Sie ist nicht fern von den Menschen, aber sie ist von den Systemstädten aus nur schwer zu erreichen«, hatte der Mann rätselhaft geantwortet. »Ich glaube, ich war schon mal dort, aber ich erinnere mich nicht mehr, wo sie ist.« Dann hatte er noch mit einem besonderen Glanz in den Augen etwas von Liebe und Hoffnung erzählt, das sie sich als junges Mädchen nur schwer hatte merken können. Trotzdem hatte sie diese Worte in ihrem Herzen behalten.

»Liebe. Hoffnung«, murmelte sie leise vor sich hin, während sie versuchte sich an Einzelheiten aus dem Gespräch von damals zu erinnern.

Je älter sie wurde, desto wichtiger schienen Clara diese Begriffe zu werden. Allerdings hatte sie nie verstanden, warum der Mann sie so genannt hatte und irgendwann hatte sie nicht mehr an die Begebenheit gedacht. Erst einige Jahre später traf sie erneut auf eine rätselhafte Person. Es war eine Frau, die ausgesprochen geheimnisvoll in der Wäscherei auftrat. Sie war auf alle Nummern zugegangen und hatte nur das eine Wort »Hoffnung« in ihre Ohren geflüstert. Die meisten hatten sie angewidert zur Seite geschoben, doch Großmutter hatte sie mit großen Augen angeschaut. Sie hatte vor kurzem ein Baby bekommen, einen kleinen Jungen, und auf einmal hatte sie gespürt, was Hoffnung war: Dieser Junge sollte es einmal besser haben als sie selbst.

Doch die Frau hatte nur noch gesagt: »Lass sie nicht sterben.« Dann war sie von den Überwachern aufgegriffen und weggeschleppt worden.

Die sonderbaren Begegnungen mit den Fremden hatten in Clara einen Wunsch geweckt. Sie wollte unbedingt diese Stadt finden. Sie selbst würde jedoch nicht mehr auf die Suche gehen können, denn sie spürte, dass sie nicht mehr allzu lange Zeit zu leben hätte. Die Strapazen einer Reise würde sie mit ihrem Knie ohnehin nicht überstehen. Vielleicht konnten ihre Enkelkinder die Stadt für sie finden.

Clara seufzte und sah aus dem Fenster. Der Mond nahm gerade zu und erhellte die angebrochene Nacht. Ma würde jetzt sicher nicht mehr nach Hause kommen.

Als ihr Sohn sich vor etwa 17 Jahren in sie verliebt hatte, war sie überglücklich gewesen. Er hatte erleben dürfen, was Liebe bedeutet. Natürlich hatte jeder Mensch im System Empfindungen wie Hunger und Durst. Auch Sex wollten die Menschen noch, aber der wurde nur über den Bildschirm bestellt. Kaum jemand, der im System lebte, kannte die Liebe noch. Sie war laut Propaganda in der fortschrittlichen Welt des Systems nicht mehr nötig, um die Menschen glücklich zu machen. Genau genommen gab es fast niemanden mehr, der überhaupt das Wort Liebe noch kannte. Schon lange war es aus dem Grundwortschatz in den Kinderhäusern gestrichen worden. Für die Fortpflanzung sorgten die Kliniken in ihren Hochsicherheitstrakten, wo sie ideale Genkombinationen paarten und die entstandenen Kinder bis zum Alter von 3 Jahren aufzogen. Danach kamen die kleinen Nummern in die Kinderhäuser, wo besonders ausgebildete und systemtreue Assistenten für die Aufzucht sorgten. Die Arbeiter sollten wahrscheinlich nicht den typischen Kinderfragen ausgesetzt werden, wie: »Warum gibt es eigentlich die Nummern?« oder »Warum passt jede Woche jemand anders auf uns auf?«

Die alte Frau kannte ähnliche Fragen von ihren eigenen Enkelkindern. Sie konnte sich gut vorstellen, wie die Assistenten in den Kinderhäusern ihre immer gleichen Antworten abspulten, bis die Kinder selbst überzeugt waren, nur so sei ihr Leben normal, wie es ihnen vom System verkauft wurde. Anders konnte sie sich nicht erklären, dass sie im Dorf kaum mehr Menschen begegnete, die den Eindruck machten, als könnten sie überhaupt noch selber denken. Das System schien es immer besser zu schaffen, alle Menschen im Griff zu haben. Hauptsache die Menschen hatten eine Beschäftigung und genügend Nährstoffe, dann waren sie zufrieden.

Das einzige Problem des Systems war das Wasser. In ihrer Gegend gab es gerade noch genügend, um die Kartoffelfelder zu bewirtschaften, die den Grundstoff für all die Stärkeprodukte stellten, die in der Stadt produziert wurden. Da gab es eine Fabrik für irgendeine Tablettenherstellung, eine Fabrik für Kartonagen, eine Fabrik für Kunststoff-Verpackungen und vieles mehr. Das Wasser in der Gegend war zwar so stark verunreinigt, dass die Menschen es nicht mehr trinken konnten, für die Bewässerung der Felder wurde es jedoch noch genutzt und für die Zwecke der verschiedenen Fabriken wurde es notfalls chemisch gereinigt. Clara wusste von Ma außerdem, dass das Wasser, welches zum Auswaschen der Stärke aus den Kartoffeln gebraucht wurde, später mit großen Mengen chemischen Düngers angereichert und wieder auf die Felder zurückgeleitet wurde.

»Zum Glück tragen die Jugendlichen bei der Arbeit Handschuhe«, dachte die alte Frau und sah in Gedanken, wie Ray auf dem Feld schwitzte.

Im ganzen System herrschte Wasserknappheit. Es regnete nur vier- bis fünfmal im Jahr und das reichte kaum, um alle ausreichend zu versorgen. Auch deshalb wollte das System unbedingte Geburtenkontrolle. Da machten die Natürlichen ihnen einen gewissen Strich durch die Rechnung, aber ihre Zahl wurde immer unbedeutender. Trotzdem – oder gerade deshalb – wurden sie überall angefeindet und unterdrückt, bis sich die meisten von ihrer alten Heimat trennten und in das System einfügten.

Als Clara sich auf ihr Bett setzte, stöhnte sie vor Schmerz leise auf. Sie rieb sich das Bein. Vor Jahren hatte das Systemkrankenhaus eine ihrer großartigen Knieoperationen an ihr durchgeführt. Sie hatte dieses Krankenhaus gehasst. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie erfahren, wie es war, wirklich nur eine Nummer im System zu sein. Sie hatte Angst, doch niemand hatte sie wirklich als Person gesehen. Mit einem Arzt hatte sie nie gesprochen. Nur ein Assistent hatte ihr den Mikro-Chip mit allen wichtigen Informationen überreicht. Zusammen mit etwa 20 anderen war sie auf eine Liege geschnallt und betäubt worden. So weit sie wusste, wurden solche Routine-Operationen am Fließband durchgeführt. Aber darüber hatte sie damals nicht nachdenken wollen. Natürlich hatten sie sie perfekt medizinisch behandelt. Vor allem für seine Mediziner liebten die Menschen ja das System. Sie hatte bereits zwei Tage nach der OP wieder normal und schmerzfrei gehen können. Es war kaum zu fassen gewesen und alle hatten sich gefreut. Aber seit etwa einem Jahr spürte sie mehr und mehr, dass sie nicht mehr ihre eigenen Knie hatte, und die Schmerzen wurden von Woche zu Woche schlimmer. Sie hatte das System im Verdacht, die Operationen gerade so gut auszuführen, dass die Menschen damit nicht unnötig alt würden oder im Alter noch mehr vom System abhängig sein sollten. Im kleinen Altenhaus des Dorfes lebten schon jetzt nur noch zwei oder drei Leute, die wie sie selbst bereits deutlich über 80 waren. Alle anderen waren gerade mal 70 und hatten erst vor kurzem aufgehört zu arbeiten. Wenigstens mussten die nicht mehr alle zwei Monate umziehen, sondern blieben normalerweise ein bis zwei Jahre im selben Altenhaus. Manche konnten es sich sogar leisten, sich auf Reisen zu begeben, wenn sie sich im System verdient gemacht hatten. Sterben tat allerdings fast nie jemand im Dorf. Bevor es so weit war, wurden die Nummern weggebracht. Keiner wusste wohin, aber es interessierte auch niemanden.

»Gerade im Älterwerden sollen die Menschen abhängig vom System bleiben, um ihre Systemtreue zu festigen. Ob sie mich auch abholen werden, wenn sie mitkriegen, wie krank ich schon bin?«, dachte sie gerade, als der Nachrichtensender auf ihrem Zimmerbildschirm sie aus ihren Gedanken riss.

»…ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das es den Natürlichen erleichtern soll, sich im System zurechtzufinden.«

»Welche Teufelei haben sie jetzt wieder vor?«, fragte sie sich, plötzlich hellwach. Normalerweise liefen die Propaganda-Nachrichten immer, ohne dass überhaupt jemand so recht Notiz davon nahm. Die Großmutter hatte alle Bildschirme in den Zimmern bereits eingeschaltet, bevor sie mit Ray gesprochen hatte, denn jeder Bewohner musste seinen eigenen Bildschirm haben und war verpflichtet, den Sender eine Stunde täglich zu sehen. Die meisten Nummern besaßen tragbare Bildschirme und verbrachten ohnehin die meiste Zeit des Tages damit, daran zu spielen, Filme zu sehen und Musik zu hören. Dass sie damit laufend Propaganda-Informationen in verschiedener Form eingetrichtert bekamen, störte niemanden, denn es war keinem bewusst.

»Das System weiß ja nicht, dass wir nicht vor dem Bildschirm sitzen, sondern in der Küche miteinander spielen«, hatte Großmutter jahrelang die Familie beruhigt.

Aber diese aktuelle Nachricht schreckte sie aus ihren Gedanken hoch. Der Assistent auf dem Bildschirm teilte die erschütternde Neuigkeit genauso tonlos mit, als wäre bei der Vitaminherstellung ein Übermaß an Vitamin C festgestellt worden.

»Im Interview erklärte Nummer 1 heute Nachmittag, dass dieser Schritt notwendig geworden sei, um die Natürlichen besser im System zu integrieren. Das völlig veraltete Gesetz zur Bestandserhaltung von baufälligen Wohnanlagen der Natürlichen sei heute nicht mehr tragbar und gefährde nur unnötig deren Bewohner.«

»Ja, weil wir ja auch nichts renovieren dürfen!«, entfuhr der schockierten Großmutter ein aufgebrachter Schrei. Erschüttert saß sie am Bildschirm, als Seven bei ihr hereinplatzte. Er hatte schon seinen Schlafanzug an und denselben entsetzten Gesichtsausdruck wie seine Oma.

»Hast du …?«, fing er an.

»Ja, ich hab es auch eben gehört«, unterbrach sie ihn. »Der Gegenwind, vor dem euer Vater schon Angst hatte, wird stärker.«

Ray lag in ihrem Bett und schaltete den Bildschirm aus. Ihre Stunde war nun auch vorüber. Was würde aus ihrer Familie werden, wenn sie alle in ihre eigenen Gruppenhäuser ziehen mussten? Wenn sie Glück hatte, könnte sie mit Seven zusammenbleiben. Sie waren fast gleich alt. Allerdings würde das sicher nicht lange so gehen, da sie ja auch ständig würden umziehen müssen. Großmutter müsste natürlich in ein Altenhaus. Mini würden sie sicher ins Kinderhaus bringen, wo er jetzt schon jeden Vormittag hin musste. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, ihn gleich ganz ins System zu integrieren. Dann würde ihn das alles nicht so betreffen. Aber Großmutter wollte unbedingt für ihn sorgen, als er noch ein Baby war, so wie sie für Seven und Ray gesorgt hatte. Ohne Oma hätten sie nie alle zusammen wohnen dürfen. Wahrscheinlich hätten sie sich sogar nicht einmal kennengelernt. Das System legte Wert darauf, dass die Natürlichen nach Möglichkeit an unterschiedlichen Orten aufwuchsen, damit sie besser integriert werden konnten. Dagegen hatte Oma sich immer gesträubt. Aber nun hing Mini so sehr an der Familie. Was wäre, wenn er plötzlich alleine wäre? Er würde sie alle so sehr vermissen, dass sein kleines Herz brechen würde. Niemand würde ihn mehr Miniseven nennen. Er wäre nur noch der Junge mit der Nummer MI771771N. Nicht einmal Mama könnte er mehr sehen, da sie dann ja auch an ihrer Arbeitsstelle wohnen müsste. Apropos Mama? Mama war immer noch nicht von der Arbeit zurückgekommen. Das machte Ray mehr aus, als sie zugeben wollte.

Das System

Das Bett war weich und kuschelig. Die weißen Bezüge glänzten im Mondlicht, das durch das Fenster fiel. Auf der Station war alles ruhig und friedlich und trotzdem konnte Ma nicht schlafen. Zum bestimmt 50sten Mal seit dem kleinen Eingriff, berührte sie ihre rechte Schläfe, doch sie konnte dort gar nichts ertasten. Sie wusste, dass sie einen Fremdkörper eingepflanzt bekommen hatte, doch er schien gar nicht da zu sein. Ihr Körper fühlte sich an wie immer, außer einem leichten Rauschen in den Ohren, das sie auf die Operation schob. Und doch wurde sie die innere Unruhe nicht los. Nun war sie untrennbar mit dem System verbunden.

Nach der Arbeit waren die Assistenten am Tor gestanden und hatten die Nummern aufgerufen, die sich zur Implantierung melden sollten. Seit Wochen, nein seit Monaten, hatte Ma damit gerechnet ihre Nummer zu hören, doch sie war immer verschont geblieben. Jeden Tag hatten sich ihre Kinder aufs Neue gefreut, wenn sie nach Hause gekommen war und irgendwann hatten sie sich wieder daran gewöhnt, dass nichts weiter passierte. Alles war wie immer. Bis gestern.

»MA538970S! Das sind doch Sie, oder? Warum folgen Sie nicht Ihrem Aufruf?«, hatte der Assistent sie wütend angebrüllt und am Arm gepackt.

»Entschuldigung. Ich habe Sie nicht gehört«, log Ma. Sie hatte ihre Nummer zwar bereits beim ersten Mal genau gehört, aber sie wollte es nicht wahrhaben, dass ausgerechnet heute der Tag sein sollte, an dem sie das Implantat des Systems bekommen sollte. Sie war einfach weiter in Richtung Fließband gegangen, das sie nach Hause bringen konnte, obwohl sie wusste, dass sie damit nicht durchkommen würde.

»Dann werden die Mediziner gleich mal ihre Ohren auf Verluste kontrollieren. Das wird dann schnell behoben sein«, antwortete der Assistent.

Der aktuellen Assistenten-Mode entsprechend trug der Mann eine hellblaue Uniform, die sein bleiches Gesicht nur noch blasser wirken ließ. Im Kontrast dazu hatte er kräftige schwarze Augenbrauen, die wahrscheinlich durch eine leicht unkontrollierte Genzusammenstellung hervorgerufen worden waren. Sein Alter konnte Ma schwer schätzen, doch er sah aus, als müsste er normalerweise bereits zum Überwacher aufgestiegen sein. »Tr0ja31« stand auf seinem Assistenten-Aufnäher. Vielleicht wurde er wegen seiner kleinen genetischen Auffälligkeit noch nicht zu Höherem erwählt. Ihm schien das jedoch nichts auszumachen, denn nach seinem anfänglichen Ausbruch war er nun sehr freundlich und führte Ma zu der kleinen Gruppe aus Assistenten und Nummern, die sich gerade am Fahrband zum Krankenhaus sammelten. Die meisten der Nummern tippten auf ihren portablen Bildschirmen herum, die fast alle Nummern besaßen. Die Natürlichen konnten sich meist keine eigenen leisten und hatten nur die nötigen Bildschirme in ihren Häusern. Vermutlich spielten die Wartenden eines der neuesten RealLife-Programme, erlebten Abenteuer, zogen in den Krieg oder sahen Sexprogramme.

Ma schüttelte unbewusst ihren Kopf und dachte an ihre reale Familie. Wie gerne hätte sie jetzt so einen verbindungsfähigen Bildschirm, von dem ihre Schwiegermutter öfter erzählt hatte. Scheinbar konnten die Natürlichen früher auf bestimmten Frequenzen Kontakt mittels ihrer Bildschirme aufnehmen. Gerade jetzt fiel Ma auf, dass so etwas tatsächlich hin und wieder sinnvoll wäre. Doch das System hatte all diese alten Frequenzen abgestellt, da sie ohnehin niemand mehr brauchte. Im System ging es um das Glück des Einzelnen. Wer brauchte da schon Verbindung zu anderen?

Leise stand Ma aus ihrem Bett auf und schaute aus dem Fenster. »Wenn die Fahrbänder um diese Zeit fahren würden, wäre ich raus hier«, dachte sie und schaute auf die leeren Straßen. »Ob Mini eingeschlafen ist?« fragte sie sich.

Plötzlich zuckte sie zusammen, denn sie hörte eine Stimme in ihrem Kopf. »Können Sie nicht schlafen?«

Es war das Implantat. Das System konnte nun auf diese Weise mit ihr in Verbindung treten. Konnte es auch ihre Gedanken lesen? Sie hoffte nicht, denn das würde sicher zu unnötigen Problemen führen und die Familie gefährden.

»S

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